Quickshot /Plötzlicher Schub

„So what“, sagte mein Leben. „So what, du willst doch nicht ernsthaft jetzt zum Plätzchenbacken übergehen oder anderweitig besinnlich werden. Hier, eine neue Challenge!“

Sprach, schnippte mit dem Finger und sandte mir übers Wochenende drei Nüsse zu Knacken.

Die erste Aufgabe hatte ich am meisten gescheut, und sie wurde schön und einfach. Ich ging in die Sprechstunde und traf die Lehrerin, die zufällig alle meine Kinder unterrichtet. Und mit deren Autismus gar kein Problem hat. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes und lächelte nur über kommunikative Hürden, weil sie den guten Willen und das Wissen dahinter wahrnimmt. Die Klasse sei lieb, die Kinder eine Bereicherung, und Kinder dürften sich entwickeln. Puuh… Ich: happy.

Nummer zwei war auch besser als erwartet. Ich war zur Autismusfachtagung, hörte Vorträge, traf bisher unbekannte Twitterer. (Als Zusammenfassung bitte https://autistenbloggen.wordpress.com/2017/11/13/2-autismus-fachtagung-in-rosenheim-12-11-17/ lesen, danke dafür). Am anstrengendsten daran erwies sich die lange Fahrt bei Regen. Nicht das lange Sitzen, nicht die vielen Menschen, nicht die sonst gefürchteten Pausen. Ich hatte schwer verdauliche Inhalte, eine steife Atmosphäre gefürchtet und komplizierte Interaktionen. Dass der persönliche Kontakt zu den mit-tweeties enttäuschend wäre. Ich fand: eine positive und konstruktive Stimmung. Experten, die ich am liebsten mit nach Hause genommen hätte. Differenzierende, Ressourcen betonende, wohlwollende Ansätze. Und Menschen, mit denen ich mich gleich wohlfühlte. Sowie das kostbare Gefühl, einfach ok zu sein.

Dafür wird die dritte Aufgabe unlösbar, jedenfalls kann ich nichts mehr beitragen. In Gegenwart meines Mannes übersah ich etwas, eine Einfachheit in seinen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich ihm nicht nur erzähle, dass ich anders ticke und das erste Mal, dass mein Verhalten nicht einfach mit zu wenig Anstrengung  erklärt wäre. Nein, es ist das erste Mal, dass ihm voll bewusst ist, dass ich anders bin, und fremd. Was daraus wird? Niemand weiss es, nur die Zeit. Ich kann nicht mehr erklären. Ich kann nur zusehen, wie meine bisherigen Erklärungen jetzt zu wirken beginnen. Und warten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gedankensplitter /Mutter mit Macken

Fast hätte ich jetzt geschrieben, uns wurde ein Kindlein auf twitter geboren…

Natürlich wurde es nicht uns geboren, und auf twitter sind wir nur davon unterrichtet worden. Übrigens ein anscheinend sehr schnuckeliges kleines Mädchen, und nochmals liebe Glückwünsche an Eltern und Geschwister!

Es stellten heute dann mehrere die Frage, wie das denn so ist, als Autistin und Mutter. Ich hab immer mal wieder ein Eltern-Kind-Thema hier im blog aufgegriffen, und ich dachte, ich sammel hier ein paar persönliche Gedanken dazu.

Liebe ich Autistin meine Kinder? Ernstgemeint, manche zweifeln daran. Das fängt an bei der Ärztin der Geburtshilfe, die mir später zufällig am Arbeitsplatz über den Weg lief. Wir schafften es, uns innerhalb von 2 Minuten in einen Dissens hineinzureden darüber, ob Mütter ihre Babies sofort abgöttisch lieben oder nicht. Sie vertrat genau diese Meinung. Ich vertrete die gegenteilige Meinung. Beziehungen müssen sich formen, auch zu kleinen Babies. Daß sie einen zu Liebe und Fürsorge animieren, schließt doch nicht aus, daß man sich aneinander gewöhnen und anpassen muß. Mir ist es gruselig, wie z.B. eine Bekannte von mir sich danach sehnt, wieder ein kleines Kind zu haben, denn „soo schee, a so a Kloans neba sich, a so ebbs siaß, mei, des mechat i so gern!“

Ich bin auch privat für meine Kühle kritisiert worden, aber ich bin überzeugt, daß meine Kinder genau wissen, daß ich ihnen gegenüber nicht kühl bin. Das liegt an dem Umstand, daß meine Kinder auch Autisten sind. Von Beginn an hat sie das beruhigt, was mich beruhigt, und das aufgeregt, was auch mich aufregt. Sachlich an ein Problem rangehen, für Ruhe sorgen, Rückzug lassen und einen Overload nicht noch durch zu viel Emotionalität und Zureden zu pushen – das hilft mir genauso wie ihnen. Im Streß bewegen wir uns in die gleiche Richtung. In der Babyzeit haben wohl irgendwelche Hormone die Effekte des Schlafchaos gemildert,  und Schreien war nicht so schlimm, solange ich wußte, es ist nichts „Ernstes“. Dann konnte ich gelassen (na gut, relativ) darangehen, wieder Stück für Stück Ruhe herzustellen. Ich weiß ehrlicherweise nicht, wie ich mit neurotypischen Kindern zurechtkäme. Für mich ist es unglaublich erleichternd, mich nicht verstellen zu müssen.

Stress fängt für mich meist erst an der Schnittstelle zur neurotypischen Welt an. Wenn ich den Kindern ein „Vorbild“ sein muß, ihnen vorleben, wie das am Besten geht in der sog. normalen Welt. Oder, und das ist weitaus häufiger, wenn diese „normale“ Welt mit meinen Kindern und mit unserem gewohnten Ablauf nichts anfangen kann, und Anpassung verlangt. Das kann einen ganz schön unter Stress setzen, das will gelernt sein, damit cool umzugehen. Wenn man selbst kritikempfindlich ist, selbst unerwartet immer wieder vom Scheitern banalster Dinge frustriert wird, und man trotzdem die Aufgabe hat und haben will, den Frust beiseite zu schieben und die Kinder spüren zu lassen, daß Menschen nun mal verschieden sínd und sie genauso liebenswert sind, wie sie sind. Mögen Oma Nachbarin Lehrerin auch beleidigt oder belustigt sein, zu verstehen geben, diese Kindern seien das Allerletzte, was soll aus denen denn werden? Dann zu den Kindern stehen, OHNE die betreffende Person hochkant rauszuschmeissen, ist sehr schwer. Hab ich nicht immer geschafft, obwohl ich mich eher als friedfertig betrachte…

Damit kommt ein weiteres Problem auf einen zu: die Erlebnisse und die Entwicklung der Kinder erinnern automatisch an selbst Erlebtes, an Unangenehmes, nicht gut Verarbeitetes aus dem eigenen Leben. Aber das ist nicht spezifisch für Autisten – das geht allen Eltern so.

Wenn ich meinen Autismus als schwierig für das Zusammenleben mit den Kindern erlebe, dann in zwei Aspekten:

  • Eltern sollen Kindern ja Dinge zeigen und sie mitmachen und lernen lassen. Es heißt, neurotypische Kinder drängten von selbst darauf, auch mal abzuwaschen oder whatever. Die Bereitschaft, die Kinder miteinzubeziehen, ist natürlich da, natürlich wäre es auch sinnvoll, ihnen praktische Dinge beizubringen. Die Umsetzung ist sehr, sehr schwer. Ich muß nicht nur die Kinder zur rechten Zeit motivieren, ohne daß sie angstvoll gleich aufgeben. Ich muß von meiner Routine ablassen und plötzlich jemand zweiten nicht nur anleiten, sondern auch mitentscheiden lassen und zulassen, daß meine Routine durcheinandergewürfelt wird.
  • Es ist schwer, damit umzugehen, selbst keinen Rückzugsort zu haben. Vielleicht kriegen andere Mütter das besser hin? Oder sind andere Kinder aufmerksamer auf Mutters Ruhebedürfnis? Meine Kinder möchten mich nicht bedrängen, aber ich muß schon laut sagen, wann es mir zuviel wird. Mein eigenes Reich ist mein Handy, oder auch der Blick in ein Buch. Aber schon einen Text wie diesen hier zu schreiben, fordert mich, weil ich immer ansprechbar bin, nie eine Tür hinter mir zuziehen kann, und, entgegen der Klischees, ich auch als Ansprechpartner gebraucht werde. Für die Kinder, die zwar oft im eigenen Reich sind und ihren (ja, Spezial-)Interessen nachgehen, aber mich immer wieder suchen, für ein Geplänkel, einen Rat, um mir etwas zu zeigen, mit mir zu kuscheln. Das will ich ihnen auf keinen Fall nehmen! Ich selbst zahle aber damit, daß ich kein irgendwie geartetes konzentriertes langfristiges Projekt hinbekomme.

Und für alles, was ich jetzt hier geschrieben habe, gilt: ich wollte nur ein paar Worte dazu schreiben, wie sich ein autistisches Mutter-Dasein anfühlen kann. Selbstredend, daß in anderen Familien Probleme genauso auftreten, lediglich in einer anderen Ecke.

 

Quickshot /Fels in der Brandung

Jetzt muss ich doch ein kleines Etwas von Verärgerung loswerden.

In der Schule geht es jetzt richtig in den Herbst, das Schuljahr legt den 5.Gang ein. Schulaufgaben, Projekte, Elternabende. Letztere sind bei wenigen Eltern beliebt. Und ja, der erste Elternabend dieses Jahr war anstrengend, am falschen Tag und ewig lang. Ich versuche zu ergründen, was mich darüber hinaus störte. Nicht das Übliche, der erzwungene Kontakt oder so. Das war locker, sogar angenehm. Ich mag die Lehrer dort, mit dieser Schule kann man gut auskommen. Und der Sozialkater hinterher ist mir Autistin nichts Neues.

Eher störte die Tatsache, dass ich dort saß und mich langweilte. All die gut gemeinte Information ging an mir vorbei, ich dachte nur: warum soll ich das wissen? Warum können die Kinder das nicht selbst regeln? Für wen ist das hier alles? Und die ärgerliche Antwort: weil ein paar Eltern das geil finden. Weil sie um jeden pädagogischen Furz ringen wollen, weil sie verlangen, dass die Lehrer sich vorzeigbar darstellen und ihren Kotau machen. Daher gefühlte 20 parallel strukturierte Reden. Auch werden diejenigen Kinder, die ebensolche stromlinienförmige Beiträge bringen, bestaunt.

Mir fällt ein TV Beitrag ein, in dem eine Frau sagte: “Wozu hat man dann Kinder, wenn man nicht alles für sie tun will? Wenn man nicht versucht, ihnen perfekte Bedingungen zu bieten?“.

Nein Zefix. Deswegen hab ich jedenfalls keine Kinder. Ich kann gar nicht genau sagen, warum ich welche habe. Sie waren erwünscht und sie sind gekommen…

Vielleicht ist ja andererseits etwas Wahres dran, vielleicht sollte ich mehr “helikoptern“? Meine Kinder verlangen gar nicht danach, sie fühlen sich nicht benachteiligt. Natürlich wissen sie, daß andere Eltern mehr “soziale Power“ haben. Aber sie wissen auch: wenn sie Hilfe brauchen, können sie auf mich und den Mann zählen, dann tun wir, was wir können. Ich war mit meiner Meinung auch nicht allein. Die Eltern, die ich kenne, saßen neben uns und ihnen ging es ähnlich wie mir. 

Aber der Trend  geht insgesamt in diese Richtung, selbst an unserer Dorfschule. “Du sollst nach dem Optimum streben. Du sollst auch deine Kinder dazu anhalten. Du sollst Fehlern vorbeugen. Du sollst den Kindern beibringen, Vitamin B zu aktivieren und erst zu fragen, dann zu handeln. Und bedenke: es gibt immer jemanden, der etwas besser kann als Du! An dem orientiere dich!“ 

Nein danke, das ist mir alles zu konform… zu wenig selbstbewusst…zu risikolos?

Ich hätte nie gedacht, daß ich das mal schreiben würde…