Quickshot /Was ich wirklich brauche

Ein kurzer Text, es geht nur um das vergangene Wochenende. 1,5 Tage davon, um genau zu sein.

In dieser Zeit war zwar Anstrengung dabei, da ich gestern Hunderte Kilometer gefahren bin, Terminunklarheit, neuer Ort etc etc. Aber die Anstrengung daran bedeutet im Nachhinein fast nichts. Denn ich bekam so viel von dem, was ich im Alltag so leicht vergesse und doch brauche. Mehr als die #3gutenDingedesTages…

Ich besuchte einen Ort, für mich, der mit meiner Jugend verknüpft ist. Eingedenk des Klaasentreffens, auf dem ich letztens war, mit einem positiven Gefühl, ein kleines Stück Identität neu einzuordnen.

Ich machte einen langen Spaziergang mit meinen autistischen Söhnen, eine absolute Seltenheit, die nur des Ziels wegen funktionierte, denn wir besichtigten etwas. Und weil wir nur zu dritt waren, wurde er wunderschön in dem Sinne, daß wir uns – da auch niemand in der Nähe war – 2 Stunden lang richtig austauschen konnten. Nein, keine Psychogespräche. Aber die Jungs konnten ihre Themen, ihre Gedanken, mal ausbreiten, ohne von Ungeduld und Augenrollen gestoppt zu werden. Wir konnten unseren eigenen, ruhigen, sachlichen Ton pflegen. Man kann sich auch ruhig widersprechen oder ein Thema begrenzen. Das tat richtig gut, bestimmt auch den beiden.

Wir kochten abends spontan „schwedisch“, und auch das liebe ich: das Gefühl, wenn die Kinder sich gerne dazusetzen, weil sie sich freuen und es ihnen schmeckt. Da bin ich ganz Mama…

Mein Sohn haßt Fußball, aber wir kennen uns, und wir machten gestern Späße darüber, statt uns gegenseitig überzeugen zu wollen, auf die andere Seite zu wechseln.

Ich habe wieder gemerkt, wie seit ein paar Wochen, daß ich Spaß habe, lange zu lesen und mir einen ganzen Nachmittag dafür Zeit zu nehmen. Ich könnte mich zu Besuchen zwingen, aber Kontakt habe ich weiß Gott genug ohne mein Zutun, genug nach meinen Kräften gemessen. Kann das jemand verstehen, wie schön es ist, die Ruhe zum Lesen wieder zu entdecken? Das war seit der Geburt der Kinder nicht mehr da.

Und heute Mittag saß ich im Garten, und es war ruhig, und ich hörte nur und schaute nur. Plötzlich eine Bachstelze, da eine Drossel, beide lange nicht gesehen. Und ein Gefühl von Entspanntheit, nein, von Ruhe und Tiefe. Ich genoß das pure Sitzen und Wahrnehmen, das Versinken in Details, die aus den Gartenecken kamen.

Und das ist, was ich wirklich brauche: Zeit. Zeit, zu mir zu kommen, mein Selbst wieder zu spüren. An meinem Selbst auch Freude zu haben, statt wie im Alltagstrott dem Nachzuhetzen, was alle Welt von mir verlangt. Und mich dann mit neuer Kraft und mit Überlegung auf den Sturm der Woche vorzubereiten.

 

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Detail: Spezialinteresse? Emotionale Bindung?

Nachfolgend nur eine kurze, aber typische Szene in einer nicht-autistisch-autistischen Familie. Um zu zeigen, dass die Kriterien für eine Diagnose, buchstäblich genommen, in die Irre führen können. Man muss manchmal ins Detail gehen, um ein autistisches Verhalten verstehen zu können.

Die Vorgeschichte ist, daß wir seit ein paar Monaten neue Katzen haben. Sicher würden die meisten tierliebenden Teenager an den Tieren mit Liebe hängen. Noch dazu, wenn, wie bei uns, das erste geliebte Tier verstorben ist. Ich zögere aber nicht, die Art und Weise, wie bei uns die Tierliebe ausgelebt wird, mit einem Spezialinteresse zu vergleichen. Nota bene, das Gefühl von Liebe ist das Gleiche wie bei jedem. Das Bestreben, daß es dem Katzerl gut geht, daß es sich wohlfühlt, gut versorgt ist. Rücksicht nehmen, sich anpassen. Mit ihm mitfühlen, mitleiden, ihm Angst, Schmerz und Hunger ersparen wollen. Mit Rührung und Lächeln das Katzerl beobachten oder von ihm sprechen. Sichtbarer, geteilter Rührung. Liebe.

Aber der Umgang insgesamt ist anders, als in „normalen“ Familien zu erwarten. Starrer, ritualisierter. Rigider. Aber auch ausufernder. Die Kinder sind nicht einen Tag mehr, einen weniger damit beschäftigt, etwa weil sie manchmal keine Lust dazu hätten oder andere Pläne (erst recht keine sozialen Verpflichtungen). Sie wiederholen jeden Tag x-mal das gleiche ritualisierte Verhalten, wenn sie nach den Katzen sehen, darüber sprechen, sich mit ihnen beschäftigen. Und jedes Detail ist ihnen wichtig. Sie haben also sowohl eine emotionale Bindung als auch ein ausuferndes Interesse daran.

Für mich heißt das, ein Spezialinteresse kann im Prinzip aus allem entstehen.

Emotionale Bindung zeigt sich auch in der versprochenen Szene.

Kind kommt zu einer Zeit in die Küche, in der die Katze sonst immer da ist, jetzt gerade nicht. Seit einer Stunde ist sie abgängig. Kind macht sich Sorgen. Nicht (oder nicht nur), weil das Ritual unterbrochen ist – Sorgen, weil dem Tier etwas fehlen könnte, Trauer, weil es nicht da ist, Angst vor dem Verlust. Das nenne ich emotional gebunden. Das gleiche Kind, das sonst ewig allein im Zimmer sein kann, ist allein, weil der Realkontakt zu stressig ist zu anderen Teenagerbuben. Verständlicherweise hat es kein Interesse an dem Streß, er bringt mehr Frust als Spaß. Das gleiche Kind freut sich aber, wenigstens online verbunden zu sein, es freut sich, wenn es Anerkennung erfährt durch eine Bemerkung. Und es liebt seine Katze. Und sein Geschwister. All dies trotz der Tatsache, daß soziale Kontaktschwierigkeiten und soziales Desinteresse, auch das Geringschätzen von oberflächlichen Begegnungen, eindeutig da sind.

Katze verschwunden. Kind aggressiv und stoffelig, weil gerade überfordert. NT-Mann aufgeregt, versucht abzuwiegeln. Kind noch stoffeliger. Verzieht sich lieber. Ich gehe im Kopf derweil Handlungsoptionen durch und überlege, wann man suchen gehen muß. Auch, um dem Kind damit Sicherheit zu geben. Meine eher autistische Art, es zu beruhigen. Denn, mir tut jetzt das Kind leid. Ich seh aus dem Augenwinkel eine Bewegung draussen (Detailwahrnehmung…), Mann folgt meinem Blick, sieht die Katze. Ruft laut. Ich verstumme, weil das Gucken und Rufen und Gedrängt-werden für den Moment zu viel sind (und ich nenne das mutistisch, wenn auch im kleinsten Rahmen). Ich muß kurz weghören, denn meine Stärke ist klares rationales Denken und Handeln. Dann rufe ich die Katze, die sofort reinkommt. Auf meinen Mann würde sie nämlich nicht hören, ich glaube, das kann man fast als diagnostische Kriterium werten 😉.

Alles Geschilderte ist banal, für sich genommen, Kleinigkeiten. Aber typische, sehr typische Kleinigkeiten.

Gedankensplitter /Vergleiche

Ja ja ja

Man hört und es liest es so oft. Jedenfalls in meiner Altersklasse (40+ mit Kindern) vergeht kein Tag auf Facebook, an dem nicht in einem Meme daran erinnert wird, wie einzigartig jeder ist. Wie individuell unsere Geschichten sind. Wie lang man in anderer Leute Schuhe wandern muss, und wie sehr man sich in jemandem täuschen kann. Und jeder ist wertvoll, und keiner darf verloren gehen.

Alles wahr, alles.

Nur möge sich die Gesellschaft, also die Gesellschaft der mit mir und meinen Kindern irgendwie befassten Personen doch bitte mal einen Tag auch daran halten!

Aber ich bin selbst schon so gewöhnt an das permanente Verglichenwerden, daß ich nur noch sporadisch oder oft nur noch mit einem Augenrollen reagiere.

Mir selbst passiert das nicht so oft, aber die Kinder müssen dauernd damit klarkommen, daß jemand sie damit konfrontiert, daß sie anders sind. Und weil aus ihnen ja „noch etwas werden soll“, steckt meistens der gute Wille dahinter, sie damit auf die „richtige“ Spur zu bringen.

Das hat viele Variationen. Angefangen beim direkten „x und y sind aber im Sportverein /gehen schwimmen etc“ . Oder „ihr müsst doch auch einmal so und so, das ist ja nicht normal“. Oder „warum ist das bei euch so, was ist los mit euch?“. Oder „jetzt stellt euch nicht an!“.

Etwas sanfter „macht doch mal xy, das ist doch toll /schön /super /ganz normal /wie kann man das ablehnen /ist doch ganz leicht?“.

Mit leichtem Augenrollen oder mit traurigem Schulterzucken „Naja, muß ja nicht, ich meinte doch nur“.

Oder, hintenrum werde ich gefragt „Und, was machen deine Kinder so?“. „Sind sie eh… was, nicht???“.

Oder ich werde von Familie auf die Schulter geklopft: „sag mal, was kann man denn tun, damit deine Kinder xy?“ „Sollen wir dies probieren“ „Meinst du nicht, sie würden?“ „Wär doch schön, komm, wir versuchens, ist doch schade, sie versäumen doch ihre ganze Kindheit!“.

Etc etc. Jeden Tag aufs Neue.

Liebe jeder Einzelne aus dieser Gesellschaft: autistisch heißt, man ist sich dieser Lücken sehr bewußt. Man hätte es sogar gerne anders. Aber es gibt einen Grund, warum es nun mal nicht geht.

Und wenn ihr nicht in der Lage seid, das zu verstehen, wenigstens rational nachzuvollziehen, dann, bitte, haltet irgendwann den Mund, wenn keine Resonanz kommt. Keine Resonanz heißt, es ist nicht möglich, auch nicht mit gutem Willen.

Haltet den Mund und denkt an eure wundervollen weisen Memes und macht euch bewußt, ihr helft uns (und nicht nur uns) viel besser, wenn ihr uns zeigt, daß ihr uns als Mitmenschen mitsamt unserer Fremdartigkeit akzeptiert.

Bitte.

Euch ginge es ja auch nicht anders.

Gegen die ?Sucht?

Twitter, so wie andere regelmäßig aufgesuchte Internetseiten, ist ein angenehmer Zeitvertreib, und manchmal auch mehr als „nur“ Zeitvertreib. Ich nutze das Internet gern und häufig.

Als süchtig würde ich mich aber nicht bezeichnen. Sucht impliziert Kontrollverlust und Vernachlässigung oder Schädigung wichtiger Lebensbereiche, wie Arbeitsleistung, Gesundheit oder Sozialleben. Das trifft auf mich nicht zu: Es gibt Zeiten und Orte, die sind absolut und immer offline, und wo schon wenig Sozialleben war, kann es auch nicht beeinträchtigt werden.

Trotzdem habe ich mich jetzt entschlossen, die Verfügbarkeit von Internet noch weiter zu regeln. Denn es gibt so viele Zeiten, die ich nutzen könnte, nur für mich, für meine eigenen Interessen. Weil es aber schneller geht, zum Smartphone zu greifen, habe ich immer wieder nur so getan, als ob ich etwas Kreatives anfange, in Wirklichkeit war ich alle paar Minuten abgelenkt und unterbrochen. Auch von der Familie, denn wenn ich mitten im Haus sitze, bin ich auch sofort für sie verfügbar, und wann immer eines der Kinder z.B. ein Glas Wasser holt, ist meine Aufmerksamkeit dort.

Ob es aber um Schreiben, Lesen, Zeichnen, Sport geht: dafür braucht es zusammenhängende Zeit und Konzentration. Deshalb hab ich mich jetzt aufgerafft, habe mir abseits der Restfamilie einen alten Tisch und Stuhl aufgebaut, mein Zeugs dort versammelt. Das Smartphone hat dort Hausverbot.

Ich möchte mich daran gewöhnen, bewußt dort hinzugehen, wenn ich Zeit habe. Und ich möchte mir dort wieder die Freiheit im Kopf zurückzuholen, die ich lange, lange vor der Familie mal hatte…

Quickshot /Asynchron

Feiertage und viel Zeit mit den eigenen neurodiversen Kindern, und gratis der Vergleich zu anderen, sogenannten neurotypischen Kindern. Und ich finde so wenige Klischees bestätigt.

Sicher stelle ich viele autistentypische Eigenheiten fest, die ich mit Leichtigkeit den diagnostischen Kriterien oder anderen Erfahrungsberichten zuordnen kann. Auf der anderen Seite  treffen Klischees und Vermutungen, die aus neurotypischer Perspektive aus diesen Eigenheiten gefolgert werden, einfach nicht zu. Autistische Kinder haben wie alle Menschen ein Bedürfnis nach Kontakt, sie müssen irgendwo zugehören, einen Platz unter Menschen haben. Sie lieben, sie brauchen Liebe, Anerkennung, Spiegelung. Sie wollen sich behaupten. Zeigen dürfen, was sie können. Dinge teilen. Miteinander lachen. Sie wollen integriert sein als Person und ihre persönliche Integrität und Individualität trotzdem aufrechterhalten. Sie brauchen Platz, sich weiter zu entwickeln. Sie brauchen Grenzen und Schutz und dann wieder Freiheit, zu wachsen.

Sie wollen genauso erwachsen werden wie andere Kinder auch. Entwicklung vollzieht sich ja nicht nur in zunehmenden Fähigkeiten, sondern in Ablösewellen auf dem Weg zur Autonomie, oder anders: darin, die Fähigkeiten auszubauen, die zur Bewältigung der sog. Entwicklungsaufgaben gebraucht werden, die auf alle gleichermaßen warten.

Meine Kinder haben spät und asynchron sprechen gelernt, aber natürlich wollen sie sprechen und kommunizieren. Einkaufen und mit dem eigenen Geld planen können läuft atypisch, aber das Ziel, Herr über die eigenen Dinge und Mittel zu sein, steht außer Frage. Mein Jüngster konnte seine Kita-Freunde kaum unterscheiden, aber was für ein stolzes Lächeln er am ersten Schultag aufsetzte! Sie treffen ihre Entscheidungen viel rationaler und problemloser als andere Kinder, „Zicken“ gibt es kaum, aber sie machen auch Fehler, und wollen daraus für sich lernen. Sie können kühler und logischer als mancher Anwalt eine langwierige Argumentation aufbauen, und dann wieder raufen und recht behalten wollen. Als die Kinder klein waren, kam es mir vor, ich müsse sie wie Jugendliche behandeln, jetzt kuscheln sie manchmal wie kleine Kinder: zeitlich irgendwie verdreht, aber beides muss sein irgendwann.

Entwicklungsstörungen im diagnostischen Sinne beschreiben nur im Querschnitt eine Abweichung vom typischen Querschnitt. Und jetzt muß ich etwas hier granteln, und wahrscheinlich gibt es alles, was ich hier schreibe, schon lang irgendwo fixiert, aber trotzdem.

Fehlt nicht so etwas wie eine Entwicklungspsychologie, die die autistische Entwicklung von innen heraus beschreibt? Nicht als „Entwicklungsstörung“, wie in ICD und DSM. Das ist ja immer aus Sicht der Neurotypischen, immer in Abgrenzung dazu, und damit immer defizitär. Sondern eine Beschreibung aus einer inneren Logik heraus, aus dem Schnittpunkt zwischen allgemeinmenschlichen Bedürfnissen und spezifischen Bedingungen?

Gedankensplitter /Nahrungskette

Ich stehe am Herd, Hektik pur, da fliegt schon die Haustür auf, nacheinander stürmt der Nachwuchs in die Küche und guckt als erstes neugierig in die Töpfe … Das Kind kommt später als die Geschwister nach Hause. Er begrüßt mich, setzt sich in das jetzt stille Esszimmer und macht sich in Ruhe und genießerisch über den Teller her, den ich ihm aufgehoben habe … Die Katze weiß besser als ich, wann ich mir ein Wurstbrot machen werde. Jedenfalls sitzt sie schon neben mir und gurrt mich nachdrücklich an … Das Kind kommt spätabends nochmal ins Wohnzimmer, eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank in der Hand … Das Mädchen, das mit dem Pubertier in den Kurs geht, ist regelmäßiger Gast zum Abendessen, und alle Kinder achten darauf, daß ihr Teller mit guten Sachen gefüllt ist …

Nur ein paar alltägliche Szenen. Winzige Szenen. Austauschbare Szenen. Nichts Besonderes, in allen Familien hat doch das Thema Essen eine besondere Wichtigkeit. Glaube ich. Familieneigene Rezepte, eigene Regeln. So kenn ich das auch von früher. Und ich bekam noch als Studentin care-Pakete geschickt mit Spaghetti und Schokolade. Nun gut, meine Großeltern haben die Nachkriegshungerwinter nie vergessen. Aber trotzdem.

Und doch haben diese ganzen kleinen unscheinbaren Momente für mich grossen Wert. Sie sind eine Art Heimatbasis. Ein feines Netz, unsichtbar unter den (dramatischen) Achterbahnereignissen. Wissen, daß alle versorgt sind (mich eingeschlossen). Daß Genuß da ist, Lebensfreude, und Vertrauen. Die obigen Szenen. Jemand, der sich ein Weilchen still zu mir setzt. Kinder, die sich gemeinsam zur Katze kuscheln. Kind2 teilt sich die Zeitung und den Tee mit mir. Kind3 ist selten zu sehen, teilt mir aber stolz seine Gaminghighlights mit. Videos gucken.

Wie gesagt, ein sehr feines, kaum sichtbares Netz. Aber Dutzende Haltepunkte.

Bodenhaltung

Also, so schwer ist das ja nicht, sich einen Autisten zu halten! Es kommt jetzt in Mode, und mit ein paar Tipps schaffen Sie das auch.

Ich will Ihnen das an ein paar einfachen Dingen  demonstrieren.

Also, am wichtigsten ist die Bodenhaltung, oder auch: die Bodenhaftung. Mit einem Autisten verständigen Sie sich am besten in ganz einfachen, klaren Worten. Also Sie sagen ganz einfach genau das, was sie meinen. Sie müssen gar nix ausschmücken oder höflich umschreiben, einfach ganz direkt. Auch nicht öfter wiederholen. Sie müssen nicht mal den Tonfall variieren, gleichbleibend sachlich reicht vollkommen. Und ganz wörtlich bleiben, denn das ist die Sprache, die Ihr Autist versteht. Aber Vorsicht, wenn man im konkretistischen Denken und Sprechen ungeübt ist, kann das tricky sein. Zum Beispiel räsonieren Sie laut vor sich hin, ob man „am Samstag ins Kino gehe, man könne ja dann mit X noch auf ein Fluchtachterl“. Dann aber beschweren Sie sich bitte  nicht, wenn es Samstag abend Stress gibt, weil Sie sich weigern, vom Sofa aufzustehen. Sie wollten doch ins Kino?! Ja, nein, doch, orr?!! Jedenfalls, die Kinokarten sind vorbestellt, X wartet, und Sie sind mit Schuld. Hätten ja deutlich sagen können, daß Sie nur überlegen, ob! Ihr Autist meint ja auch alles so, wie er es sagt. Das erspart Ihnen viel Raterei, Unsicherheit und Therapiezeit.  Wenn er z.B. sagt, Sie haben die geilsten Augen ever, dann heißt das: genau. Also, ein bisschen Umstellung wird schon notwendig sein in Ihrer Kommunikation. Dafür lernen Sie, sehr präzise und logisch zu denken, und das kann ja nun nicht schaden! Es ist halt z.B. ein Unterschied, ob Sie sagen: „Y ist nicht mehr in der Firma“ oder, und das meinten Sie wohl, „Y ist nicht mehr in seinem Büro im Gebäude der Firma, und zwar, weil er schon Feierabend macht und bereits zuhause ist“. Im ersteren Fall kann es leicht sein, daß Ihr Autist die Meldung wörtlich weitergibt, und dann gibt es blöderweise diplomatische Konsequenzen, die Sie hätten vermeiden können.

Genauso verhält es sich mit Angaben zur Uhrzeit, und das bringt uns zum zweiten Punkt: die klassische Freilandhaltung ist gut für Hühner, aber zu beunruhigend für Autisten. Hühner und andere Mitmenschen können wohl mit variablen Grenzen umgehen, Autisten nicht, die sind immer gleich so verwirrt davon. Dabei gilt, aufgepasst: Ihr Autist hat gar nichts gegen Kontakte mit Mitmenschen, nichts dagegen, Neues kennenzulernen, rauszugehen. Im Gegenteil, er kann neue Dinge unheimlich schnell und gründlich lernen, viel gründlicher als Sie! Er kann sich an verschiedene Menschen anpassen. Und er ist auch nicht faul! Aber er muss genau wissen, was, wann, wo, wie lang, wer, warum. Er geht auf jede Party mit und auf jede gefährliche Expedition, wenn: er sich darauf verlassen kann, ob er neben Ihnen sitzen bleiben kann, mit wem er nicht reden muss, ob und was er tanzen muss, wann er wieder gehen darf! Also: wenn derlei Dinge fix abgemacht werden und auch eingehalten werden. Also bitte, wenn Sie miteinander eingeladen werden, dann verlangen Sie nicht, daß Ihr Autist sich mal eben an einen anderen Tisch setzt, um dort ein Weilchen zu reden, und verlangen Sie nicht, daß er mit der doofen Urschel schöntut und verfallen Sie nie, nie, niemals auf die Idee, 5min vor Gehen doch noch bleiben zu wollen! Lassen Sie ihn unspontan rumsitzen, und geniessen Sie Ihre Zeit, und gut ist.

So gesehen, als Nutztier ist so ein Autist äußerst nützlich. Machen Sie eine klare Aufgabenteilung, quatschen ihm in seinen Bereich nicht rein, und Sie werden staunen, wie alles flutscht! Ähäm, nicht reinquatschen heißt auch: lassen Sie ihn alles nacheinander machen. Multitasking ist möglich, aber ungeeignet. Unterbrechen Sie ihn nicht, das macht ihn verrückt und extrem gestresst. Und wenn Sie ihn unterbrechen, weil Ihnen noch etwas eingefallen ist zu tun oder zu bereden, machen Sie ihm klar, daß Sie das später (wann?) noch einbringen wollen, aber daß er nicht jetzt sofort reagieren muss. Also, er kann wie geplant die Maschine ausräumen, und dann, wenn er Zeit hat, mit Ihnen den Einkauf bereden. So einfach ist das nämlich, und gleichzeitig so effizient. So ein Nutztier braucht Pausen, Sie ja auch, und auch in den Pausen, bitte: lassen Sie Ihrem Autisten sein eigenes, wenn auch noch so kleines Reich. Er braucht das. Zeiten ohne alles und jeden. Vielleicht ist das die wichtigste Haltungsanforderung…

Sonst? Nur noch kleinere features, je nachdem: vielleicht spezielles Essen, vielleicht besondere Routinen (Routinen sind nicht gefährlich oder psychotisch, keine Sorge!), ein Starterkit mit Ohrstöpseln /Sonnenbrille /Sichtschutz und Vorhängen /parfümfreien Hygieneartikeln. Und los gehts!

Und nun wünschen wir Ihnen recht viel Freude mit Ihrem neuen Hausgenossen!

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Quickshot /aut of order

Zum Beispiel heute Abend.

Perfekter Abend. Warm, angenehm. Wein im Kühlschrank, Eis im Tiefkühler. Gute Stimmung. Freie Zeit. Ich kann mich ausbreiten und entscheiden: schau ich Fussball, geh ich auf die Terrasse? Und wenn, lese ich mein Buch weiter (ich lese noch Bücher, ich hab sonst kein Problem, mich zu konzentrieren)? Höre ich Musik? Fachliteratur? Demnächst zwei social events, wo ich vorplanen könnte. Ich hab zwei private Schreibprojekte laufen. Sogar eine schnell umsetzbare Idee für eine Serie von Zeichnungen. Niemand stört mich, niemand lenkt mich ab.

Und auf all diese Dinge hätte ich richtig Lust!

Tatsächlich mach ich nichts davon, sieht man vom TV ab und davon, daß ich jetzt hier tippe, um meinen Frust abzuladen. Denn in 1 Stunde muß ich nochmal aus dem Haus, um etwas abzuholen.

Das reicht, um mich zu blockieren bei all meinen schönen Ideen.

Das ist keine Angst, keine soziale Phobie, kein Mißmut, weil ich die Füße noch nicht hochlegen kann. Das ist etwas höchst Autismusspezifisches. Es reicht nämlich, daß da heute etwas anders ist. Etwas Kleines, kaum 10 Minuten wird es mich kosten. Aber: es ist anders. Mein Abend ist anders getaktet Bei dem, was ich zu tun habe, kenn ich den Ort, und kann ich alle einzelnen Aktionen, alles schon oft gemacht. Aber nicht genau so wie heute.

Wie mag ich das einem NT erklären? Es ist so, wie wenn man telefoniert und gleichzeitig muß man ein rohes Ei balancieren. Das geht nur sehr langsam, und die Aufmerksamkeit wird vom Gespräch immer wieder abgezogen. Da kann der Platz noch so chillig sein und das Gespräch noch so nett: so lange das rohe Ei nicht abgelegt ist, ist keine innere Ruhe.

Blöd genug.