Quickshot /Die Damen sind allein zuhause.

Und es ergab sich, dass zwei Damen auf Twitter übereinkamen, dass sie beide heute allein, ohne Mann und Kinder, ihre Zeit für und mit sich allein verbringen können.

Witzigerweise kenne ich genau diese beiden Frauen persönlich, und ich gönne ihnen die Pause von Herzen.

Ich selbst habe an dieser Stelle hoffentlich schon öfter verdeutlicht, dass ich meine Kinder sehr liebe und schätze, trotz und auch wegen all der Menschen, die sie nicht verstehen und deshalb auch ablehnen. So viele sind das allerdings gar nicht.

Genau heute ging auch eine Meldung durch das Internet, von einer Mutter, die im erweiterten Suizid den autistischen Sohn und den Ehemann tötete. Horror. Es erzähle mir niemand, das habe ursächlich mit dem Autismus zu tun. Das hat mit der Persönlichkeit der Frau zu  tun und hätte sonst einen anderen Grund für die Tat haben können.

Ich selbst bin  zur Zeit einfach nur kindermüde. Ich muss auf meine Löffel achten. In der Arbeit ist Krankheitszeit, Urlaub dauert noch länger, es sind noch einige Wochen, die ich bei erhöhtem Tempo durchhalten muss. Und zuhause habe ich keinen Raum, mich wirklich auszuklinken. Ich hab es versucht, mit verschiedenen Manövern. Aber wie soll ich es sagen, ich bin gefordert, einfach nur da zu sein. Ansprechbar.

Eine Art menschlicher Leuchtturm.

Es geht selten darum, mit den Kindern Probleme zu lösen oder Hausaufgaben zu klären. Die spezielle Anstrengung, die direkt mit ihrem Autismus zusammenhängt, beginnt damit, dass sie immer zuhause sind. Immer. Und sehr selten kommt ein Freund, das bedeutet dann für mich eher noch etwas mehr Arbeit. Die Kinder haben sich gegenseitig als Kontaktpersonen, oder eben: mich. Und es ist eben nicht so, dass Autisten in ihrer eigenen Welt gefangen und an Kontakt uninteressiert sind. Sie suchen oft Kontakt, sie wollen Verbundenheit spüren. Jetzt, in den Ferien, kommt Langeweile dazu. Ich spüre bei den Kindern Alleinsein, das Bedürfnis nach Sicherheit. Wir unterhalten uns, oder besser, kommunizieren miteinander, auf unsere Weise. Für andere mag diese hölzern oder roboterhaft wirken, mir liegt diese Art des Umgangs. Aber er ist gleichwohl anstrengend. 20, 30mal am Tag der gleiche kurze verbale Austausch. Die gleichen Themen, ähnliche Scherze. Mit Kindern, die nicht immer von selbst sehen, wann ich gesprächsbereit bin oder wann ich von einem Thema genug habe. Die nicht merken, wenn es mich nervt, dass sie in mein Display reinlinsen. So wie jetzt, in dieser Sekunde… Die mir helfen wollen, aber mehr und geduldigere Anleitung dazu brauchen als andere Kinder, das verlangt sehr viel Geduld. Und Selbstkontrolle, wenn ich ärgerlich werde ob ihrer Umständlichkeit, denn das haben sie nicht verdient und damit können sie auch schlecht umgehen. Aber dabei sind es eben doch meine Kinder mit ihrer sozialen Unbeholfenheit, die meine Unterstützung brauchen.

Und die Anstrengung wird durch meinen Autismus noch grösser, denn ich muss vermitteln in die normale Welt, Vorbild sein, zeigen, wie es gehen könnte, und bin doch selbst angestrengt vom Tag und bräuchte Rückzug.

Was soll ich sagen, ich zähle die Tage und hoffe.

 

 

 

 

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Quickshot /Plötzlicher Schub

„So what“, sagte mein Leben. „So what, du willst doch nicht ernsthaft jetzt zum Plätzchenbacken übergehen oder anderweitig besinnlich werden. Hier, eine neue Challenge!“

Sprach, schnippte mit dem Finger und sandte mir übers Wochenende drei Nüsse zu Knacken.

Die erste Aufgabe hatte ich am meisten gescheut, und sie wurde schön und einfach. Ich ging in die Sprechstunde und traf die Lehrerin, die zufällig alle meine Kinder unterrichtet. Und mit deren Autismus gar kein Problem hat. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes und lächelte nur über kommunikative Hürden, weil sie den guten Willen und das Wissen dahinter wahrnimmt. Die Klasse sei lieb, die Kinder eine Bereicherung, und Kinder dürften sich entwickeln. Puuh… Ich: happy.

Nummer zwei war auch besser als erwartet. Ich war zur Autismusfachtagung, hörte Vorträge, traf bisher unbekannte Twitterer. (Als Zusammenfassung bitte https://autistenbloggen.wordpress.com/2017/11/13/2-autismus-fachtagung-in-rosenheim-12-11-17/ lesen, danke dafür). Am anstrengendsten daran erwies sich die lange Fahrt bei Regen. Nicht das lange Sitzen, nicht die vielen Menschen, nicht die sonst gefürchteten Pausen. Ich hatte schwer verdauliche Inhalte, eine steife Atmosphäre gefürchtet und komplizierte Interaktionen. Dass der persönliche Kontakt zu den mit-tweeties enttäuschend wäre. Ich fand: eine positive und konstruktive Stimmung. Experten, die ich am liebsten mit nach Hause genommen hätte. Differenzierende, Ressourcen betonende, wohlwollende Ansätze. Und Menschen, mit denen ich mich gleich wohlfühlte. Sowie das kostbare Gefühl, einfach ok zu sein.

Dafür wird die dritte Aufgabe unlösbar, jedenfalls kann ich nichts mehr beitragen. In Gegenwart meines Mannes übersah ich etwas, eine Einfachheit in seinen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich ihm nicht nur erzähle, dass ich anders ticke und das erste Mal, dass mein Verhalten nicht einfach mit zu wenig Anstrengung  erklärt wäre. Nein, es ist das erste Mal, dass ihm voll bewusst ist, dass ich anders bin, und fremd. Was daraus wird? Niemand weiss es, nur die Zeit. Ich kann nicht mehr erklären. Ich kann nur zusehen, wie meine bisherigen Erklärungen jetzt zu wirken beginnen. Und warten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedankensplitter /Vergleiche

Ja ja ja

Man hört und es liest es so oft. Jedenfalls in meiner Altersklasse (40+ mit Kindern) vergeht kein Tag auf Facebook, an dem nicht in einem Meme daran erinnert wird, wie einzigartig jeder ist. Wie individuell unsere Geschichten sind. Wie lang man in anderer Leute Schuhe wandern muss, und wie sehr man sich in jemandem täuschen kann. Und jeder ist wertvoll, und keiner darf verloren gehen.

Alles wahr, alles.

Nur möge sich die Gesellschaft, also die Gesellschaft der mit mir und meinen Kindern irgendwie befassten Personen doch bitte mal einen Tag auch daran halten!

Aber ich bin selbst schon so gewöhnt an das permanente Verglichenwerden, daß ich nur noch sporadisch oder oft nur noch mit einem Augenrollen reagiere.

Mir selbst passiert das nicht so oft, aber die Kinder müssen dauernd damit klarkommen, daß jemand sie damit konfrontiert, daß sie anders sind. Und weil aus ihnen ja „noch etwas werden soll“, steckt meistens der gute Wille dahinter, sie damit auf die „richtige“ Spur zu bringen.

Das hat viele Variationen. Angefangen beim direkten „x und y sind aber im Sportverein /gehen schwimmen etc“ . Oder „ihr müsst doch auch einmal so und so, das ist ja nicht normal“. Oder „warum ist das bei euch so, was ist los mit euch?“. Oder „jetzt stellt euch nicht an!“.

Etwas sanfter „macht doch mal xy, das ist doch toll /schön /super /ganz normal /wie kann man das ablehnen /ist doch ganz leicht?“.

Mit leichtem Augenrollen oder mit traurigem Schulterzucken „Naja, muß ja nicht, ich meinte doch nur“.

Oder, hintenrum werde ich gefragt „Und, was machen deine Kinder so?“. „Sind sie eh… was, nicht???“.

Oder ich werde von Familie auf die Schulter geklopft: „sag mal, was kann man denn tun, damit deine Kinder xy?“ „Sollen wir dies probieren“ „Meinst du nicht, sie würden?“ „Wär doch schön, komm, wir versuchens, ist doch schade, sie versäumen doch ihre ganze Kindheit!“.

Etc etc. Jeden Tag aufs Neue.

Liebe jeder Einzelne aus dieser Gesellschaft: autistisch heißt, man ist sich dieser Lücken sehr bewußt. Man hätte es sogar gerne anders. Aber es gibt einen Grund, warum es nun mal nicht geht.

Und wenn ihr nicht in der Lage seid, das zu verstehen, wenigstens rational nachzuvollziehen, dann, bitte, haltet irgendwann den Mund, wenn keine Resonanz kommt. Keine Resonanz heißt, es ist nicht möglich, auch nicht mit gutem Willen.

Haltet den Mund und denkt an eure wundervollen weisen Memes und macht euch bewußt, ihr helft uns (und nicht nur uns) viel besser, wenn ihr uns zeigt, daß ihr uns als Mitmenschen mitsamt unserer Fremdartigkeit akzeptiert.

Bitte.

Euch ginge es ja auch nicht anders.

Grenzgänger

Ich bin ein Grenzgänger.

Lange Zeit hatte ich wilde psychologische Theorien, warum das so ist: meine Verwandschaft aus dem Ausland,  eine zerrissene Familie etc. etc.. Das kulminierte in einem älteren Kollegen, der zu mir sagte „So so, die Mutter ist ganz allein hier, und die Tochter studiert Psychologie“, mir bedeutend, daß ich irgendeine Traurigkeit meiner Mutter verarbeite. Heute weiß ich, das ist Unsinn.

Mein Leben verläuft, als ob ich stetig an einem Fluss entlangmarschiere, der die Grenze zweier Staaten bildet. Mittlerweile ist der Fluß so flach und ruhig, daß ich in seiner Mitte gehen kann.

Das war nicht immer so.

Das bleibt nicht immer so. Manchmal steige ich in Löcher, in Strömungen, verbreitert sich der Fluss, und ich kann den Weg zum Ufer nicht mehr abschätzen.

Grenzgänger heißt, in Bewegung zu bleiben. Aufrecht bleiben, konzentriert. Ich muß umherschauen, nach beiden Richtungen.

Es gibt vielleicht ein Lager, ein Dorf, aber keines, in dem ich bleiben kann. Ich habe gelernt, im Halbschlaf und im Blindflug weiterzugehen, denn ich kann mich immer nur kurz an einen Ort zum Ruhen beamen. Ich mache mal eine Strecke auf der einen Seite, dann ein paar Schritte auf der anderen. Ich kann auf keine Seite verzichten.

Ich gehe immer weiter, und was ich zufällig finde, nutze ich so gut es geht; und was ich brauche, muß ich in irgendeiner Form finden. Ich muß es sehen lernen, denn es findet sich selten so, wie ich es mir vorstelle.

Das nimmt mir oft meine Toleranz für Menschen und Situationen, für die und in denen scheinbar alles mühelos passt, alles sich fügt, nur eine Alternative notwendig ist. Ich versuche, tolerant zu sein, denn die wenigsten Menschen sind wie ich. Aber mein Kopf denkt weiter, er sucht immer Muster, Chancen, er versucht, alle Ressourcen zu nutzen. Vom erwünschten Querdenker zum nervigen Querkopf sind es leider nur Nuancen…

Das fängt damit an, daß ich kaum je ein Lebensmittel wegwerfe, ich koche den Rest nochmal, und dann den Rest vom Rest. Das geht weiter damit, daß ich in politischen Diskussionen immer beim Gutmenschenpart hängenbleibe, manchmal nur, weil mich Einseitigkeit stört, auch wenn ich kein Naivling bin. Es endet (vielleicht) damit, daß ich nur kurz ärgerlich bin, wenn etwas schiefläuft oder auch mir weggenommen wird. Denn in einem Fluss schwimmen einem oft plötzlich Dinge davon, zu oft schon habe ich mich schnell anpassen und umorientieren müssen. Dann muss es anders weitergehen.

Ich kann ja schlecht stehenbleiben, so, mitten auf der Grenze.

Gedankensplitter /Eintauchen

Ja, manchmal kann entschließe ich mich auch, eine Anstrengung freiwillig auf mich zu nehmen, von der ich zuerst nicht weiß, wie ich sie überstehen soll.

So war ich kürzlich in einem Vortragsabend. Dem Kind zuliebe, das daran beteiligt war. Es war sehr heiß gewesen, keine Lüftung,  ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir und leichte Migräne. Aber es war ausgemacht, also ging ich hin.

Ich fand mich wieder in einem Bad aus Seelenfrieden, so es denn so etwas gibt.

Ich kam an, und ich fand viel Vertrautes vor, und nichts davon war ärgerlich oder ängstigte mich, nichts davon strengte mich an. Ich tauchte einfach ein.

Ich trat ein und ließ mich am Beckenrand nieder, neben vertrauten Gesichtern. Andere sah ich hier und da und grüßte. Der Veranstaltungsleiter erkannte mich wieder und lächelte mir sehr freundlich zu. Das Kind konnte ich loslassen. Ich war da, das reichte, alles andere machte es selbst. Das Wasser bewegte sich sachte, eine schon vorher dutzendfach erlebte Abfolge von Ansagen und Darbietungen, wie sachte Wellen.

Musik, und das banale Wort kann nicht wiedergeben, wie ich mich getragen fühlte. Als ob ich toter Mann spielte. Ich saß und hörte, erkannte wieder, erinnerte mich, wie schön Musik ist und wie schön es wäre, wieder selbst mehr zu musizieren. Und natürlich betrachtete ich die Unterwasserwelt, sah ruhige gleichmütige Wale, vielfarbige Barsche, einen Hai, der sich zu meiner Überraschung in einen Delphin verwandelt hatte, viele wuselige Kleinfische, und einige prachtvolle Oktopusse, die souverän ihre intensiven Farben und Bewegungen demonstrierten.

Ich stieg aus, schüttelte das Wasser ab und machte mich erfrischt auf den Heimweg.

Die alte Leier

Die gute Nachricht: ich hab mir Zeit und Geld freigeschaufelt, mich in einem VHS-Kurs zu einem Hobby angemeldet und bin auch hingegangen. Ich hab auch fest vor, dabei zu bleiben.

Ich hab ich mir auch alles schön ausgemalt: endlich zugesagt, was ich schon lang mal ausprobieren wollte. Mit dabei hauptsächlich andere Damen meines Alters, die ich zumindest vom Sehen ein bisschen kenne und die nicht unsympathisch sind.

Die schlechte Nachricht: meine F*ing sch*blöde autistische Art bremst mich schon wieder aus.

Vielleicht nicht mal so offensichtlich. Obwohl. Doch. Etwas irritiert sind die anderen dort schon von mir, jedenfalls sprechen sie mich betont vorsichtig an. Die Glaswand baut sich schon auf…

Und wiewohl ich mich natürlich bemühe, mich anzupassen, reinzupassen, nicht anzuecken und die Kommunikation nicht auszubremsen durch mein Talent, zu verstören: es gelingt nur halb, und sieht auch nur so aus.

Innerlich muß ich mich durchkämpfen und mir Geduld einreden.

Wenn ich nicht erkennen kann, wer zu wem wie steht. Warum in diesem Kreis so viel andächtig kulturelle Aspekte bestaunt werden und so wenig spontan geredet wird oder warum ich als Einzige mal einen Scherz mache. Passiert mir sonst nie.

Wenn ich keinen Hinweis bekomme, was ich tun muss, um in die WA Gruppe zu kommen, und mir direktes Nachfragen noch zu früh scheint.

Wenn ich wieder mal mein Zuhören erzwingen muss, weil andere Leute es scheinbar geniessen, dasselbe Detail wieder und wieder hin und her zu wenden. Ich nicht einsehen mag, dass ein Gespräch nur den Zweck gar, sich gegenseitig zu bestätigen, und inhaltlich wertlos oder banal ist.

Wenn ich mich auf die Zunge beissen muss, nicht ellenlange Sätze von jemandem selbst vorschnell zu Ende zu sprechen oder eine Information einzuwerfen, die seit gefühlt 100Minuten überfällig ist – weil ich damit die Pointe töte.

Wenn ich mich schnell und zielgerichtet an meine Aufgabe mache, und ich es nicht schaffe, die gleiche abgeklärte Arbeitshaltung wie der Rest zu zeigen.

Wenn ich mich über eher skurrile Einfälle meinerseits freue (brainstorming ist doch spannend?), und im Hintergrund ratlose Blicke spüre.

Ich fuhrwerke wie ein übereifriges Kleinkind unter Erwachsenen…

Gegen die ?Sucht?

Twitter, so wie andere regelmäßig aufgesuchte Internetseiten, ist ein angenehmer Zeitvertreib, und manchmal auch mehr als „nur“ Zeitvertreib. Ich nutze das Internet gern und häufig.

Als süchtig würde ich mich aber nicht bezeichnen. Sucht impliziert Kontrollverlust und Vernachlässigung oder Schädigung wichtiger Lebensbereiche, wie Arbeitsleistung, Gesundheit oder Sozialleben. Das trifft auf mich nicht zu: Es gibt Zeiten und Orte, die sind absolut und immer offline, und wo schon wenig Sozialleben war, kann es auch nicht beeinträchtigt werden.

Trotzdem habe ich mich jetzt entschlossen, die Verfügbarkeit von Internet noch weiter zu regeln. Denn es gibt so viele Zeiten, die ich nutzen könnte, nur für mich, für meine eigenen Interessen. Weil es aber schneller geht, zum Smartphone zu greifen, habe ich immer wieder nur so getan, als ob ich etwas Kreatives anfange, in Wirklichkeit war ich alle paar Minuten abgelenkt und unterbrochen. Auch von der Familie, denn wenn ich mitten im Haus sitze, bin ich auch sofort für sie verfügbar, und wann immer eines der Kinder z.B. ein Glas Wasser holt, ist meine Aufmerksamkeit dort.

Ob es aber um Schreiben, Lesen, Zeichnen, Sport geht: dafür braucht es zusammenhängende Zeit und Konzentration. Deshalb hab ich mich jetzt aufgerafft, habe mir abseits der Restfamilie einen alten Tisch und Stuhl aufgebaut, mein Zeugs dort versammelt. Das Smartphone hat dort Hausverbot.

Ich möchte mich daran gewöhnen, bewußt dort hinzugehen, wenn ich Zeit habe. Und ich möchte mir dort wieder die Freiheit im Kopf zurückzuholen, die ich lange, lange vor der Familie mal hatte…

Gedankensplitter/ Erleichterung

Die letzte Woche war sozial richtig intensiv. Soviele Menschen wie an diesen vier Abenden treffe ich im Privaten sonst in einem halben Jahr. Vielleicht. Und das Spannende ist: jedes Treffen war mit anderen Menschen, jeweils ein anderer Kontext, eine andere Zeit, die mich und sie verbindet.

Im ersten Treffen war mir zwischendrin plötzlich traurig zumute. Jemand mir Wichtiges erschien unangenehm, klagend. Jemand anders, den ich immer mochte, redete an mir vorbei, wie immer, seit er weiß, dass ich Autistin bin. Ich fing an, mich unwohl zu fühlen, und ärgerte mich gleichzeitig, weil ich diese Kontakte beibehalten will. Eine nette Runde, und ich wollte nicht schon wieder an den Rand geraten.

Etwas kippte. Erstaunt registrierte ich einen völlig neuen Gedanken: mir wurde klar, dass diese Runde auch wegen mir noch besteht. Ich konnte meinen Beitrag plötzlich erkennen. Es ist auch mein Beitrag, wenn diese Menschen zueinander gefunden haben. Für diese Menschen war ich immer Ruhepol, Ratgeberin. Ich habe viel investiert, um zu helfen, anzuleiten, auszugleichen. Wäre ich nicht beteiligt gewesen am guten zwischenmenschlichen Klima, damals…wir würden nicht bis heute gern an diese Zeit zurückdenken, und die Runde wäre gar nicht eröffnet worden.

Und einmal auf diese Spur gebracht, konnte ich auch bei den weiteren Treffen darauf achten: auf meine Rolle, darauf, dass ohne meinen Beitrag einiges nicht so stabil wäre, und wenn nicht alle respektvoll miteinander umgehen, fühlt sich am Ende wohl keiner wohl. Ich stellte erstaunt fest, wie viel Menschen noch von mir wissen, in deren Leben ich doch scheinbar gar nicht vorkomme.

So viel zum Thema Klischee versus Realität.

Der Erwartung entsprechend, die man Autisten entgegenbringt, fallen mir solche Treffen schwer. Ich werde schnell müde, es strengt sehr an. Nach einer Stunde, in der ich mich noch zusammenreissen und einbringen kann, sacke ich allmählich zusammen und trage fast nichts mehr zur Unterhaltung bei. Oder ich spule die  immer gleichen paar Sätze ab. Oder lache einfach immer mit. Oder werfe zufällig Sätze ein, die zur Hälfte im ratlosen Blick der anderen verpuffen. Sicher langweilig mitzuerleben.

Aber eigentlich macht das nicht so viel aus. Denn  was dem autistischen Klischee fehlt, ist das, was Autist langfristig beitragen kann, und das ist nicht so vordergründig: Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit, Konstanz, ruhiger Umgang mit Problemen, Sachlichkeit, Unbestechlichkeit, Fairness, respektvoller Umgang, Toleranz, Abneigung gegen Vorurteile.

Ich hab das jetzt bewusst so betont und breit getreten. Nicht, um anzugeben oder mich herauszuheben. Sondern um zu betonen, dass auch solche unscheinbaren und manchmal bescheidenen Eigenschaften ihren Wert haben und das Miteinander unmerklich angenehmer machen.