Gedankensplitter /#notme

War die letzte Zeit unregelmäßig online, mit längeren Pausen als sonst. Teils hatte ich keine Zeit, teils wollte ich nichts im Netz.

Brauchte auch Pause von diesen ganzen Themen und Menschen, die scheinbar nur aus ihren Emotionen und Interessen heraus agieren. Das macht mich erst ungläubig, dann aggressiv, dann müde und dann lustlos, wenn Menschen und ihre Denksysteme völlig losgelöst kreisen und für Rationalität nicht mehr erreichbar sind.

Geschenkt, daß der Florida 17fache Mörder wohl Autist ist. Und viele nicht raffen, ein Mörder wird zum Mörder nicht dadurch, oder durch Depression, oder Islam oder whatever. Sondern durch weitere Umstände, in Form einer Erkrankung, oder von aussen, die ihn lehrten, das Leben ist nichts wert. Psychopathie, Kränkung, Angst vor Vernichtung. Jeder Mensch könnte so weit kommen.

Ich mag auch nicht mehr meinem Bekannten auf Facebook dabei folgen, wie er paranoid wird. Vielleicht hat er schon sein Reichsbürgerwehr-Gewehr gebunkert? Was er verlangt, verwehrt er anderen. Unser Rechtssystem ist ihm zu korrupt, aber Yücel darf ruhig verrotten ohne Prozess. Nur als Beispiel für eine Haltung, die mich machtlos daneben stehen läßt.

Mir ist auch #MeToo teilweise zu extrem. Ich finde schon, Übergriffe gehören offen gelegt und laut angezeigt. Und Nein ist Nein. Und Systeme, die auf Stillschweigen gebaut sind, müssen weg. Und es muss Einigkeit sein, dass es um Macht geht. Nicht um Sex. Wenn es um Sex ginge, wären krasse Übergriffe schlimmer. Aber auch ein Missbrauch, der nach gar nichts aussieht, weil “nichts passiert ist“, kann zerstörerisch wirken. Weil es um Macht, also Hilflosigkeit, und um Definition geht. Und jeder soll lernen, und dabei unterstützt werden, Nein zu sagen und Bedingungen abzulehnen. Trotzdem will ich weiter Kevin Spacey Filme sehen. Weil ich die Filme und seine Schauspielerei schätze. Und ich will Zugang zu alten Gemälden und Büchern. Weil jeder wissen kann, dass andere Zeiten und andere Menschen andere Ansichten hatten. Das macht mich zur Person, mich damit auseinanderzusetzen, um mein Ich zu finden. Und ich will beim Sport dem Herrn neben mir durchaus weiterhin auf den Bauch oder Po linsen und mich daran erfreuen. Und zwar so lange, wie ich ihn nicht in Verlegenheit bringe, oder er eine Grenze zieht.

Nur Beispiele dafür, wie ich ab und an Abstand brauche von der Kopflosigkeit und Hysterie, die letztendlich genau so eine Art Gruppendruck aufbaut, wie sie vorgeblich ablehnt.

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Saat der Gewalt

Noch ein Attentat.

Wieder Menschen, die am Tisch sitzen, den Kopf schütteln und mich fragen, wie krank ein Mensch sein muß, der auf wildfremde Mitmenschen losgeht. Wieder die Diskussion, inwiefern der Islam schuld ist, inwiefern und wie man Fremde aufnehmen kann, und was alles schiefgelaufen ist.

Natürlich, in allen Gesellschaften, überall, wo Menschen miteinander leben, ist körperliche Aggression sanktioniert. Mord steht außerhalb jeder Norm, ob mit dem Präfix „Selbst“ kombiniert oder nicht.

Jemand, der den Schritt zur Tat macht, der sich entschließt, zu morden, muß in aller Augen also „krank“ sein. Er ist es auch. Krank heißt ja nun mal, außerhalb der sozialen Übereinkunft.

Wenn es nur so einfach wäre.

Wenn „krank“ nur nicht suggerieren würde, es gäbe entweder krank oder gesund, und es gäbe keinen Weg hin und zurück. Der Begriff „krank“ wird nicht nur zur differenzierenden Beschreibung genutzt, er soll dem gesunden Benutzer des Wortes auch versichern, daß er richtig ist und auf der guten Seite, und dort auch sicher verweilen kann. Keine Gefahr. Strafe und Ächtung drohen nur den anderen, den „Kranken“. Wie beruhigend. Und wie falsch.

Denn die Saat der Gewalt liegt in uns allen. In jedem, der über andere sich erhebt, der verächtlich mit anderen umgeht. Der Verletzungen verursacht und dies für richtig befindet. Der Ungerechtigkeiten akzeptiert, weil er einige Menschen für wertvoller und verdienter als andere hält. Aggression und die Fähigkeit, sich zu schaden, liegen in jedem von uns.

Ich selbst gelte als extrem ruhig und besonnen, als friedfertig. „Magic“ wird mir hinterhergeraunt. Aber ich habe auch schlechte Tage. Dann ertrage ich z.B. die Stimmen der Nachbarn nicht. Die lachen nur, die haben Besuch und freuen sich. Sie mißachten keine Regeln,  sie schaden niemanden. Würde ich am Zaun winken, würde ich vielleicht sogar eingeladen. Aber manchmal macht mich ihr Lachen aggressiv. Dann, wenn ich mich unsicher fühle, ausgeschlossen, von vornherein außen vor. Dann kommt es vor, daß ich Profilbilder auschaue, solche von normalen und hübschen Frauen. Weil ich einen Weg suche, mir zu bestätigen, daß ich auch dazugehöre, weil ich meinen Platz suchen und spüren will. Manchmal bin ich auch versucht, in die oben genannten Pauschalisierungen mit einzustimmen, weil ich nicht ausgegrenzt und für verrückt erklärt werden will. Die Gesellschaft rückt, nein, springt herzhaft nach rechts, und ich ertappe mich, bestimmte Gedanken als akzeptabel zu betrachten, damit ich dazugehöre.

Sicher ist das Gefühl der Ausgrenzung, der Chancenlosigkeit nur ein schwacher Widerschein der Dynamik, die manchen Amokläufer und Attentäter umtreiben mag. Sicher, um zur Tat zu schreiten, muß man sich auf eine Eskalation eingelassen haben, und Alkohol, Drogen, (religiöser) Wahn oder alles miteinander geben den letzten Impuls, sie öffnen erst das Tor zur Tat.

Alle die oben genannten Menschen an meinem (virtuellen) Tisch: sie sind erleichtert, gesund und ohne Schuld zu sein, richtig im Kopf, untadelig. Könnten sie sich nur zu ihrer inneren Widersprüchlichkeit bekennen, zu ihrer Verletzlichkeit.

Wieviel menschlicher könnte plötzlich alles sein.

 

Quickshot /A Drum Fotz’n

Vormittag. Jemand aus der älteren Generation war zu Gast. Gartenarbeit war zu tun. K2 wäre an der Reihe gewesen, mitzuhelfen, wollte aber nicht. Wir hatten versäumt, ihn gestern daran zu erinnern, und wir wußten, von jetzt auf gleich würden wir ihn nicht dazu bringen. Natürlich hatten wir an dieser Stelle schon oft einen Kampf angezettelt, aber jetzt sahen wir uns nur an und rollten mit den Augen.

Da fiel er, der beliebte Satz bei Jung und, vor allem, bei Alt: „A Drum Fotz’n kann er hab’n!“ Der Mensch aus der älteren Generation legte los:“Ihr müsst ja selbst wissen, wie ihr eure Kinder erzieht, aber bei mir hätte es das nicht gegeben! Ich hätte ihn gezwungen. Man braucht die Arbeit, also muss er. Sonst kriegt er von euch auch nicht, was er braucht! Basta!“

Ja, an dieser Stelle könnte man einiges einfügen, um den Ärger zu mildern: daß genau dieser Mensch sich selbst schönredet, daß die Arbeit jetzt nicht so ganz dringend und unausweichlich war, daß besagter Mensch das Wort Autist kennt, aber nicht weiß, was das bedeutet: Widerstand, im Garten und unter den Augen der Nachbarn zu arbeiten. Schwierigkeiten, sich innerhalb von Minuten auf eine neue völlig unübliche Beschäftigung einzulassen. Unbeholfenheit mit so einer Arbeit, bei aller sonstigen Intelligenz, und damit Angst, sich zu blamieren.

Aber die autistische Perspektive ist hier gar nicht das Thema, auch aus anderen Gründen hätten wir auf den Zwang verzichten können.

Was mich anwidert, ist die Weigerung oder das Unvermögen dieses und vieler Menschen, anderer Leute Gefühle und Meinungen zu respektieren. Ober sticht Unter, differenzierter wird es nicht.

Sind wir im Krieg hängengeblieben? Kampf jeder gegen jeden? Kinder muß man maßregeln, sonst werden sie Terroristen? Maßregeln im Sinne von: sie haben nichts zu sagen? Alles wird gleich behandelt: selbst inkonsequent sein mit sich, aber dann so tun, als ob das kleinste Entgegenkommen schlimme Katastrophen bewirkt. Menschen, die nur danach als gut oder schlecht beurteilt werden, ob sie gehorchen, arbeiten, nicht aus der Reihe tanzen – davon hatten wir doch schon genug…

Was mich besonders anwidert: dieser hartnäckige Hang, Hilfe, Schutz und Zuwendung nur gegen Wohlgefallen und Gehorsam anzubieten. Nicht aus Menschlichkeit. Ist das typisch deutsch oder gibt es das auch anderswo?

Mach, was ich sag, sei still, oder es gibt Saures!

Halts Maul, werd nicht frech, sonst kannst du sehen, wo du bleibst.

Wenn du meinst, du weißt es besser, brauch ich mit dir nicht mehr reden. Geh mir aus den Augen!

Wer bei uns bleiben will, soll sich gefälligst anpassen.

Der kann froh sein, daß er was zu essen kriegt, wenn er aufmuckt, kann er ja wieder zurück, wo er herkam.

Widerlich.

Quickshot /Nichts gewußt

Es geht rund in den sozialen Medien: täglich kommen dutzendfach Appelle bei mir an, Erinnerungen, Warnungen. Alle beziehen sich auf politische Gefahren. In meiner TL hundertfach Voraussagen, die Situation werde sich in Deutschland, anderswo in Europa, und jetzt auch !!! in den USA, zwangsläufig in Richtung Faschismus bewegen. Parallelen werden gezogen, Dokumente verbreitet, Zeitzeugen herangezogen.

Über  all dem liegt der Appell: „Jetzt hinschauen! Nie wieder soll eine Generation sagen können, sie habe nichts gewußt!„.

Ich habe mir im Schnelldurchlauf überlegt, ob ich irgendwo in meinem Leben schon einmal mit dieser Behauptung konfrontiert war. Ob Verwandte, Bekannte,  auch Patienten mich je bekümmert angesehen haben und mir erklärt haben, sie hätten im 3.Reich leider nichts wirklich mitbekommen.

Das erste, was mir einfällt, sind meine Kinder zu Besuch bei sehr alten Verwandten. Sie haben eben rausgefunden, daß ihr Großvater im Weltkrieg gekämpft hat und interniert war, und sie fragen ihn aufgeregt und ohne Scheu aus. Er antwortet auch ohne Scheu.

Kurze Sequenzen, als das Gespräch mit älteren Verwandten auf die Nazis kommt, weil (damals) die Republikaner durchstarteten oder es (heute) um Flüchtlinge geht.

Dann fallen mir viele einzelne Begegnungen mit den Personen ein, die mir in meinem Arbeitsleben ihre Erinnerungen erzählt haben. Sporadisch und kurz früher, im Altersheim, häufiger und ausführlich in den letzten Jahren, wenn alte Patienten mit mir als Psychotherapeutin ihre Lebensgeschichte Revue passieren ließen.

Was ich nie gehört habe, war eben dieser Satz: „Ich/wir habe(n) von nichts gewußt.“

Was fast immer der Fall war: die Menschen erzählten mehr oder weniger freimütig und offen über ihr eigenes Leben. Sie kamen auch immer auf die Sache „mit den Juden“ zu sprechen. Nur wurden ihre Berichte immer einsilbiger und diffuser, je mehr es um die Vernichtungspolitik ging. Sicher, weil das meist Dinge waren, die sie selbst nur gehört hatten und nicht selbst erlebt. Auch sehr wahrscheinlich: weil diese ganze Gesellschaft noch nicht gelernt hat, über den Rassen- und Vernichtungswahn zu sprechen. Die dazugehörigen Taten direkt zu benennen, und die eigene Beteiligung noch dazu. Sie hat es nicht gelernt, Entnazifizierung und Demokratisierung zum Trotz. Nein: die meisten Menschen wissen hier gar nicht, wie das geht, daß es überhaupt geht, über Dinge zu sprechen, die wehtun, die Horror auslösen, und die einen verletzlich und angreifbar machen. Man versuche, mit einem beliebigen älteren Mann über etwas zu sprechen, was er falsch macht: Hölle! Vorwurf! Gegenschlag! Man versuche, Schmerz und Trauer in ein „normales“ Gespräch zu holen: Flutsch, weg, schnell zum nächstbesten Allgemeinplatz gesprungen.

Was ich daher in Gesprächen über Deutschlands Vergangenheit immer erlebte: einen ganz bestimmten, bedrückten und beschämten Gesichtsausdruck. Ein Gesicht fällt buchstäblich in sich zusammen, in die Ausdruckslosigkeit, die Mundwinkel zittern zaghaft. Die Stimme, die sagt „als sie die Wohnung des Juden geleert haben“, ist vernuschelt, leise, und bedeutet: „Darüber sprechen wir jetzt aber nicht wirklich weiter!“. Die Augen gucken nicht direkt zu Boden, sie gucken gleichzeitig zur Seite. Stille. Schweres Atmen. Entkommen wollen, in ein anderes Thema.

Und eben diesen Gesichtsausdruck und diese Art, zu verstimmen, finde ich oft, wenn Menschen Ungerechtes oder Peinigendes angetan wird. Sei es, jemand erzählt, wie er Zeuge  von einem aktuellen Mobbing wurde, sei es etwas Schlimmeres, sei es „nur“, daß man erzählt bekommt, wie ein Kind geschlagen oder runtergeputzt wurde. Oft dieses Wegsehen wollen, nicht darüber sprechen können. Weg kommen die Menschen dann oft mit der Bemerkung: die Beteiligten werden schon selber wissen, sie müssen sich selbst kümmern. Oder jemand anders muss sich kümmern. Irgendwer, nur nicht der, der gerade erzählt. Privat ist privat.

So erlebe ich es oft.

Aber: nicht immer! Bei weitem nicht. Das gibt mir Hoffnung. Und damit habe ich zwar hier ausführlich erklärt, daß meiner Erfahrung nach das Bekenntnis „Wir haben nichts gewußt!“ eher selten ist. Der Folgerung „Seht hin! Augen auf, Ohren auf, Mund auf, so oft ihr könnt!“ schließe ich mich dagegen voll und ganz an.

Quickshot /Kleines Lob , nur leicht vergiftet

Herzlichen Glückwunsch, Herr Trump! Sie haben Ihr Ziel erreicht! Toll haben Sie das gemacht, fantastisch! GREAT!

Nie sah die Welt einen amerikanischen Präsidenten, der es ernster meinte und seine Aufgabe entschlossener anging als sie.

Nie sah die Welt einen furchtloseren amerikanischen Präsidenten.

Sie haben es wahrlich allen gezeigt! Sie haben gezeigt, daß ein handlungsfähiger Mann jederzeit tun kann, was getan werden muß. Und Sie haben gezeigt, daß dieser Mann nicht auf Bestätigung warten muß. Was richtig ist, ist richtig. Nicht wahr?!?

Jeder auf dieser und auf den künftigen Welten weiß jetzt: Ja! Donald Trump meint es ernst! Er ist kein Schwächling und kein Weichei, er ist der Größte. Der Beste. Der Anbetungswürdigste.

ER KANN ES!!!

Sie brauchen niemandem mehr etwas beweisen, niemals mehr…

Jetzt können Sie zufrieden abtreten. Den restlichen Kleinkram können die erledigen, die dafür geschaffen wurden. Früher oder später wird ein Idiot sowieso ihr wunderbares Werk beschädigen, so ist die Welt. Aber jetzt gerade strahlt es so schön.

Lehnen Sie Sich zufrieden zurück und betrachten Sie es.

Ihnen wird der Nachruhm auf ewig bleiben. Und die Möglichkeit, sich zu Dagobert Trump, dem reichsten Ent…äh Mann der Welt weiterzuentwickeln. Wir sind schon sehr gespannt darauf, ob Sie das wohl auch hinbekommen? Einmal on top der Forbes-Liste? Das wird kein Zuckerschlecken, das wird ein harter, harter Job – aber hey, wer soll das schaffen, wenn nicht SIE?