Ach Mutter …

 – die Angst nehmen – ein Kuss vor dem Einschlafen – Kuchen sonntags – das Leibgericht bekommen – Parfum – Umarmungen – ihr Gang, Bewegung, Silhouette, wenn sie das Licht löscht – Lachen – mitfühlende Tränen – stille, haltgebende Anwesenheit – ihre Worte, die einen Rahmen für das eigene Leben bilden –

In dem Buch*, das ich jetzt lese, sind alle diese Merkmale auf einer halben Seite Text aneinandergereiht. Es sind Beispiele dafür, wie und wodurch Menschen sich an ihre Mutter erinnern, was sie mit ihr verbinden. Ich verstehe sie als Beispiele für  Fürsorglichkeit oder Mütterlichkeit. Der Autor zählt sie auf, als er seine, geistig schon etwas verwirrte, Mutter besucht. Er kümmert sich um sie, um ihre Versorgung. Er beschließt, seine Familiengeschichte aufzuzeichnen, woraus sich dann der Roman entfaltet. Er betrauert den Verlust, der sich ankündigt, und genießt die Zweisamkeit und Vertrautheit, die jetzt zwischen ihnen existiert.

Als ich wiederum diese halbe Seite las, wurde ich mit einem Schlag ernüchtert, dann traurig, und ich pendele noch zwischen diesen Gefühlen hin und her.

Meine Mutter ist pflegebedürftig, sie ist dement, ich habe hier  beschrieben, wie es war, als ich sie eine Zeit bei mir beherbergt habe. Seither haben wir sie einige Male besucht, und immer ging es ihr gleich gut in ihrem neuen Heim. Erkannt hat sie uns wohl nicht ganz, aber wir konnten uns zusammensetzen und etwas Zeit verbringen. Mein Mann versteht nicht, warum ich sie nicht öfter besuche als alle paar Wochen, meine Schwiegermutter macht Vorwürfe. Meine Mutter habe mich großgezogen und sich gekümmert und hätte den Dank verdient, das gehöre sich schließlich so. Sicher, meine Unwilligkeit hat damit zu tun, daß jedes Mal ein Tag vom Wochenende drauf geht. Wohl auch damit, daß ich mit ihrer Demenz anders umgehe. Ich weiss ja, es geht ihr gut, und ich möchte sie nicht aus ihrem Rhythmus bringen.

Aber es sitzt tiefer. Als ich die Liste oben las, erkannte ich gar nichts wieder. Nichts. Ich kann mich gut an meine Kinderzeit erinnern: ich war in der Wohnung, in meinem Zimmer, gemeinsam vor dem Fernseher, es gab zu essen, meine Wäsche war gerichtet. Irgendwann wurde irgendetwas Oberflächliches gesprochen. Ich erinnere mich aber an nichts Persönliches zwischen uns. Meine Gefühle blieben bei mir. Kein Kuss, keine Aufmunterung, kein Bemühen, mir Sicherheit zu geben, kein Trost. Obwohl sie es sicher anders wollte. Sie war erschöpft, selbst unsicher in ihrem Leben, in einem fremden Land. Ich war ihr Kind, das ihr immer fremd geblieben ist, so fremd, wie ich mich heute noch fast überall fühle.

Gestern erst war ich auf einer Veranstaltung, zu der mein Mann und ich seit über zwanzig Jahren gehen, mit denselben Teilnehmern. Mir wurde erschrocken bewußt, wie wahnwitzig lange das schon ist, und wie unangemessen mein Empfinden, ich wäre in der Runde nur geduldet. Dabei muß ich in dieser Runde nur einen Millimeter aufmachen, dann spüre ich Vertrautheit und Interesse, ich kann in den Dialog gehen.

Mit meiner Mutter gab es keinen Dialog. Sie verstand mich nicht, und sie machte auch nie einen Versuch, näher an mich heranzukommen. Nicht mit Worten, nicht durch Fragen, nicht durch Interesse an meiner Welt, schon gar nicht durch Zärtlichkeit, sei es in der Berührung, sei es durch ein Anlächeln. Das Resultat daraus heute ist: Fremdheit. Eine Frau, die nett ist, die ich gut und schon lebenslang kenne, der ich aber nicht das Adjektiv „mütterlich“ zuordnen kann.

Manchmal blicke ich auf meine Kinder, die mal mehr, mal weniger mitteilsam sind. Ich habe nie eine Frage von ihnen verweigert. Ich frage vielleicht weniger oft bei ihnen nach, als gut wäre. Aber ich bin da, wir lachen viel, wir sprechen über alle möglichen Themen. Heute vormittag haben wir mehr miteinander geredet, als ich mit meiner Mutter in einem Jahr.

Ich habe Angst, dass es trotzdem nicht reicht. Ich möchte nicht, dass meine Kinder sich emotional allein fühlen.

Was bleibt, ist meiner Mutter gegenüber Pflichtbewußtsein und die Freude, ihr ab und zu etwas Gutes tun zu können. Weil irgendein Schicksal uns zusammengebunden hat, und für den Moment muss das als Motivation genügen.

*Christian Berkel, Der Apfelbaum

 

 

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Quickshot /Bin ich einsam?

Auf den ersten Blick nicht, eigentlich…

Aber mein innerer Besserwisser steht schon stramm und weigert sich, nur ja oder nein zu sagen und spannt schon mal dreidrölfzig Dimensionen von Einsamkeit auf.

Luft holen. Es soll hier nur um das Real Life gehen, Menschen, mit denen ich persönlich zu tun habe.

Also, wenn ich einsam bin, dann ist das gut verdeckt. Ich bin ständig mit Menschen zusammen. Ich bin nicht isoliert, ich habe Menschen zum Reden, zum Chatten, wenigstens ab und zu. Meine Kinder zeigen mir ihre Zuneigung, wir reden viel, und sie unterstützen mich gerne. Kein Vergleich zu meiner Familie, damals. Ich mag sie, aber je weiter ich von damals entfernt bin, desto schmerzhafter wird mir klar, da war wenig Verbindung. Meine Mutter, Stiefmutter, Großmutter: sie standen neben mir seltsamem Mädchen, konnten mit mir nichts anfangen und ließen mich halt einfach so stehen. Sie wussten nichts, gar nichts von mir. So ist es bei meinen Kindern nicht. Da bin ich mir schon sicher.

Es mangelt mir auch nicht an sogenannter Anerkennung. Ich bekomme viel Anerkennung, ich weiss, was ich gut mache und wieviel ich leiste. Ich bin gut vernetzt am Arbeitsplatz, es menschelt dort auf eine angenehme Art und Weise. Und wenn ich von privaten Verabredungen unter Kollegen nichts erfahre, ist es nicht schlimm. Ich brauche Pausen, und ich weiss ja, sie mögen mich. Würde ich mich offensiver kümmern, wäre ich besser eingebunden, aber in meinem Leben hat das keinen Platz mehr.

Im Gegenteil, ich bräuchte mehr Zeiten, in denen ich allein bin, oder wenigstens Zeiten, in denen ich verlässlich allein bin. Denn ich weiss zur Zeit nie, wann ich meine Beschäftigungen unterbrechen muss für die Familie. Inktober läßt grüßen, im Schnitt 2 Minuten pro Bild… Sage mir keiner, ich muss mir die Zeit „einfach nehmen“. Meine Kinder haben keine Freunde. Sie haben mich, und die Katzen. Wenn ich da bin, bin ich ansprechbar.

Einsamkeit fokussiert sich für mich auf folgende Punkte:

  • der Gedanke, was wäre, wenn die tägliche Ablenkung fort wäre. Urlaub, Kinder aus dem Haus, Mann unterwegs. Dann ist da allerdings nichts mehr, dann muss ich mir etwas Neues aufbauen.
  • ab und zu fange ich an, zu vergleichen. Wenn in meinen 2½ Whats App Gruppen lange Pause ist, und ich daran denke, na klar, die brauchen das jetzt nicht, die sehen sich oft genug. Wenn ich ein schlechtes Gewissen bekomme – ich müßte viel öfter initiativ sein. Wenn ich merke, daß bestimmte Kontakte nur funktionieren, weil ich mich anpasse und maskiere. Das fühlt sich einsam an. Dann tröstet mich, daß es auch Gegenbeispiele gibt.
  • und schlußendlich ist es meine Überzeugung, daß am Ende jeder einsam ist. Am Ende heißt nicht nur ganz am Ende des Lebens. Ende ist für mich an jedem Übergang, an jeder wichtigen Entscheidung, die ich treffe. Dort bin ich, wie jeder, allein, mit mir und mit den Konsequenzen meiner Entscheidung. Ich möchte Entscheidungen treffen, sie öffnen mir neue Türen und geben mir Kraft. Aber manchmal bin ich dort auch verdammt einsam.

 

Erdung

Wenn von Autisten gesprochen wird, ist gern die Rede von „unnahbar“. So zu sein, ist mir jedenfalls mehr als einmal vorgehalten worden. Oder Autisten beschreiben, sich wie von einem fremden Planeten zu fühlen, wie Aliens, und werden auch so wahrgenommen, als nerdig, seltsam, aussenstehend.

Die Metapher vom Alien hört sich ja ganz putzig an: guckstu hier, ein Wesen vom fremden Stern, ob es Katzen frißt oder nach Hause telefonieren will? Naja wird sich hier schon einfinden, sonst bekämpfen wir es, und wie in jedem Film und immer und überall gibt es irgendwann ein gutes Ende. Klappe, die Schlußszene bitte, alles easy.

Aber sich wie ein Alien zu fühlen, ist nur selten putzig und auch nicht so frei, wie es sein könnte. Oft ist es einfach nur brutal, denn da ist kein Raumschiff, nirgends.

Irgendwann träumte ich, in einem vollen Hotel zu sein. Alle Tische im Speisesaal belegt, für mich ein Platz reserviert an einem besetzten Tisch. Ich gucke hin, möchte aber nicht stören. Und bevor der da sitzende Mann mich lächelnd einladen kann, meinen Platz einzunehmen, gucke ich schon wieder weg und ziehe mich resigniert, aber bestimmt, zurück, um auszuchecken und an der U-Bahn einen coffee-to-go zu kaufen. Der Mann ist verwirrt, oder auch verärgert, oder auch traurig. Und ich bin auch traurig, aber ich hab keine Zeit dafür.

So fühlt sich das an: nicht mehr dran glauben, daß da ein Platz ist, und die Traurigkeit sammelt sich so lange irgendwo still an, bis plötzlich die Depression da ist oder Schlimmeres.

Als Autist nehme ich mehr Detail als Kontext wahr, ich kann es, muss aber mehr Details aufnehmen und integrieren als NichtAutisten. Auf jeder Ebene: in der sensorischen Verarbeitung des Aussen, was dann meine soziale Wahrnehmung formt, die eben auch gesplittet ist und oft keinen ruhigen Fluss ergibt. Angefangen bei Gesichtsblindheit, weiter gehend damit, dass ich schlecht einschätzen kann, wie mich der andere sieht und welchen Gesamteindruck ich mache, ob ich geschätzt werde,  und endend dabei, daß mir nicht immer klar wird, welchen Status eine Bekanntschaft gerade hat oder ob gerade eine Freundschaft existiert. Ich nehme vermutlich auch meinen Körper mehr in Einzelteilen wahr, das ist nicht so deutlich im Alltag, wirkt sich aber in der Motorik aus. Und ich bilde mir ein, dass diese wenig ganzheitlichen Feedbacks dazu führen, dass ich mich selbst wenig als „runde“ Person in einem „abgrundeten“ Umfeld erlebe, und ich bilde mir ein, das ergibt dieses schwebende Gefühl, immer neben den anderen, „in meiner eigenen Welt“, wie es so dämlich heißt…

Ich erlebe jeden Tag bei meinen Patienten, wie Depression entsteht, und bei mir ist es nicht anders: dann, wenn man aufgibt, genau dann. Wenn man sich zurücknimmt, seinen Platz und seine Ansprüche nicht mehr wichtig nimmt, sich isoliert oder sich nur noch mit dem beschäftigt oder nur noch das kultiviert, was gelobt und gebraucht wird. Dann geht das Selbst zwar nicht verloren, aber es wird auf Eis gelegt.

Bitte, TUT DAS NICHT. Erdet euch: tut jeden Tag etwas, um euch zu spüren, um ihr selbst zu sein. Sorgt für Freude, für Schönheit, und macht jeden Tag etwas Unangepasstes. Und so, wie ihr andere als „einfach da“ und „einfach ok“ anseht, so versucht, euch selbst zu sehen.

Ihr seid von der Erde und das ist euer Platz.

Quickshot /Hunter

Neulich hätte ich mir eine schöne Jobidee gefunden.

Ich war im Zoo, alleine. Es war nicht so viel los, kurz nach der Öffnung morgens. Nach ungefähr einer halben Stunde beschloss ich, Zooführer zu werden, und dafür bezahlt zu werden, den anderen Besuchern zu erklären und zu zeigen, wo im Gehege der Papagei sitzt, die Schlange, der Leguan etc.. Während die meisten Menschen nämlich laut plappernd sich gegenseitig fragten „Ja wo ist er denn“, beobachtete ich das Tier schon lange ganz still.

Meine Eltern sind nie in den Zoo, nie spazieren oder wandern gegangen. Es kam die Ehe, dann kamen die Kinder, wir waren oft miteinander unterwegs. Tatsächlich war ich selbst aber ganz selten mal alleine spazieren, und jetzt war ich das erste Mal ganz alleine und mit viel Zeit im Zoo.

Wie gesagt, es war noch relativ ruhig dort. Ich hatte Zeit, mich auch selbst zu beobachten und war völlig perplex.

Ich wußte schon, daß ich mein Auge auf viel mehr „Nebensächlichkeiten“ richte, als zum Beispiel mein Mann. Ich wandere auf ein Ziel hin, ich freu mich auf das Ziel, aber ich sammel auch Eindrücke von Blumen und Tieren. Auch auf Fotos, wenn man mir nicht (wie normalerweise) mit Ungeduld begegnet. Aber mir war nicht klar, wie sehr meine Wahrnehmung auf Details eingestellt ist.

Das Insekt im Augenwinkel, der Geruch, der alle paar Meter wechselt, die eine Pflanze, die ich liebe und die sich plötzlich hervorduckt. Die Strukturen von Blüten, die Abweichung im Farbton, die mir verrät, wo ich im Gehege suchen muß. Der Bewegungsablauf im Detail, der dafür sorgt, daß ich von stetigen Chamäeleons, leisen Tigerpranken, sogar vom Muskelspiel einer Python hypnotisiert bin. Mit den Menschen hab ich nichts zu tun, und trotzdem schwappen mir Eindrücke ins Gesicht wie eine kalte Dusche. Stimmungen, Blicke, alles landet hoch intensiv bei mir.

Es ist ein Unterschied, davon zu lesen, daß das bei Autisten so ist. Oder das zu erleben.

Ich bin nicht mehr die Jüngste, also sind mein Gehör und mein Sehvermögen eh schon vermindert, im Vergleich zu früher. Trotzdem war ich gestern von den Eindrücken voll in Beschlag genommen. Ich fragte mich, wie ich auch nur eine Schulpause im Hof, bei Gekreische und Durcheinander, überlebt habe. Wahrscheinlich durch automatisches Abschalten und in die Ecke schauen. Ich weiss es nicht.

Ich hab versucht, mich bei diesem Zoobesuch von den ganzen Infotafeln fernzuhalten und mich  auf die Tiere zu konzentrieren, und weil ich nicht agelenkt war, konnte ich ganz in den Eindrücken versinken. In der Fledermaushöhle still stehen und die Flugbahnen verfolgen. Oder dem Luchs ins Auge sehen, minutenlang haben wir uns fixiert. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Jäger, wie jemand, der seine Sinne geschult hat, um Fährten zu lesen und Zeichen zu deuten.

Ja, das ist jetzt übertrieben. Aber ich hatte eine Ahnung bekommen, wie das sein könnte, allein, auf Jagd, mit allen Sinnen auf Empfang, und es war ein sehr, sehr schönes Empfinden.

Quickshot /Was ich wirklich brauche

Ein kurzer Text, es geht nur um das vergangene Wochenende. 1,5 Tage davon, um genau zu sein.

In dieser Zeit war zwar Anstrengung dabei, da ich gestern Hunderte Kilometer gefahren bin, Terminunklarheit, neuer Ort etc etc. Aber die Anstrengung daran bedeutet im Nachhinein fast nichts. Denn ich bekam so viel von dem, was ich im Alltag so leicht vergesse und doch brauche. Mehr als die #3gutenDingedesTages…

Ich besuchte einen Ort, für mich, der mit meiner Jugend verknüpft ist. Eingedenk des Klaasentreffens, auf dem ich letztens war, mit einem positiven Gefühl, ein kleines Stück Identität neu einzuordnen.

Ich machte einen langen Spaziergang mit meinen autistischen Söhnen, eine absolute Seltenheit, die nur des Ziels wegen funktionierte, denn wir besichtigten etwas. Und weil wir nur zu dritt waren, wurde er wunderschön in dem Sinne, daß wir uns – da auch niemand in der Nähe war – 2 Stunden lang richtig austauschen konnten. Nein, keine Psychogespräche. Aber die Jungs konnten ihre Themen, ihre Gedanken, mal ausbreiten, ohne von Ungeduld und Augenrollen gestoppt zu werden. Wir konnten unseren eigenen, ruhigen, sachlichen Ton pflegen. Man kann sich auch ruhig widersprechen oder ein Thema begrenzen. Das tat richtig gut, bestimmt auch den beiden.

Wir kochten abends spontan „schwedisch“, und auch das liebe ich: das Gefühl, wenn die Kinder sich gerne dazusetzen, weil sie sich freuen und es ihnen schmeckt. Da bin ich ganz Mama…

Mein Sohn haßt Fußball, aber wir kennen uns, und wir machten gestern Späße darüber, statt uns gegenseitig überzeugen zu wollen, auf die andere Seite zu wechseln.

Ich habe wieder gemerkt, wie seit ein paar Wochen, daß ich Spaß habe, lange zu lesen und mir einen ganzen Nachmittag dafür Zeit zu nehmen. Ich könnte mich zu Besuchen zwingen, aber Kontakt habe ich weiß Gott genug ohne mein Zutun, genug nach meinen Kräften gemessen. Kann das jemand verstehen, wie schön es ist, die Ruhe zum Lesen wieder zu entdecken? Das war seit der Geburt der Kinder nicht mehr da.

Und heute Mittag saß ich im Garten, und es war ruhig, und ich hörte nur und schaute nur. Plötzlich eine Bachstelze, da eine Drossel, beide lange nicht gesehen. Und ein Gefühl von Entspanntheit, nein, von Ruhe und Tiefe. Ich genoß das pure Sitzen und Wahrnehmen, das Versinken in Details, die aus den Gartenecken kamen.

Und das ist, was ich wirklich brauche: Zeit. Zeit, zu mir zu kommen, mein Selbst wieder zu spüren. An meinem Selbst auch Freude zu haben, statt wie im Alltagstrott dem Nachzuhetzen, was alle Welt von mir verlangt. Und mich dann mit neuer Kraft und mit Überlegung auf den Sturm der Woche vorzubereiten.

 

Quickshot /Glücklich

Was jetzt das wohl genau ist, Glück…

Im Moment jedenfalls für mich ein Thema, das sich plötzlich in mein Blickfeld geschoben hat.

Ich weiss im Alltag nicht genau, was Glück sein soll, ausser so etwas wie gesteigertes oder 100%iges oder absolutes Wohlbefinden. Mehr als Zufriedenheit. Mehr als Dankbarkeit, oder Stolz oder Selbstbewußtsein.

Man sagt, Glück wäre vorübergehend. Oder wäre nur prospektiv oder nur retrospektiv verfügbar. Im Genußtraining heisst es, jetzt oder nie. In Schönredebüchern heisst es, akzeptiere das Jetzt, dann bist du glücklich. Oder beschließe einfach, glücklich zu sein. Nettes Cartoon, das, mit dem Strichmännchen, das sein Glück wie einen Topf Marmelade selbst gemacht hat.

Ist schon auch ein Teil der Wahrheit: Zufriedenheit und Glück kommen nur, wenn man sie läßt, sieht, zumindest nicht wieder selbst zerstört.

Ich kann mich schon an bestimmte Momente erinnern, die tief gingen, und wo ich selig war. Glück ist mir als Wort schon zu groß.

Aber ich bin auch jemand, der die Vielschichtigkeit liebt. Lieber kompliziert, und dafür gibt es immer den Raum für überraschungen, immer noch Potential zu einem anderen: besseren, schlimmeren, und nie kann man sagen: so, jetzt ist Ende. So betrachte ich auch Menschen, auch mich selbst: wir haben so viel in uns, was wir gerade gar nicht wissen, und trotzdem ist es da. Kein Wunder, daß über mich gelästert wird, ich wäre ein „Gutmensch“- naiv und zu optimistisch, aber eben eher optimistisch.

Jedenfalls, heute war ich am Markt, wartete am Bio-Stand, vor mir eine befreundete Lehrerin, mit der ich einen kurzen smalltalk hielt. Setzte mich wieder ins Auto und fand plötzlich, daß ich nicht materiell reich, aber doch privilegiert bin. Ich guck nicht auf den Euro. Ich habe mir ein sehr sicheres Leben aufgebaut, einen kultivierten Freundeskreis, es gibt Menschen, die mich achten. Ich bin „wer“. Auch wenn ich den Job verlieren sollte, ginge es irgendwie weiter. Da ist schon viel Dankbarkeit.

Da ist Stolz, auf das, was ich geleistet habe und auf meine Fähigkeit, immer wieder die Faust zu ballen und mich selbst in den Hintern zu treten.

Und trotzdem ist Glück noch mehr, und manchmal entsteht es auch plötzlich und unvermutet.

Neulich ging ich in einen türkischen Supermarkt. Ich kaufte nur eine Süßigkeit. Und fühlte mich plötzlich glücklich.

Warum?

Weil ich schon länger dahin wollte, und mich spontan entschloss? Neu und aufregend und sich gönnen, ja. Der Geruch, die Sachen. Ok. Ich hatte frei gehabt, und auch mal wirklich den Kopf frei gehabt, nichts gemacht, den Garten beobachtet, nichts gedacht. Das brauche ich, mal einen völlig leeren Kopf und die Gedanken sinken lassen, nur, um zu sehen, was dann in den Kopf kommt.

Aber auch, weil ich plötzlich aus dem deutschen Jetzt raus und im türkischen Jetzt drin war. Ich bin in einem Wohnblock aufgewachsen, viele Migranten. Der Geschmack eines Sesamkorns reicht, in mir die Erinnerung wachzurufen. An Wärme, Lachen, Herzlichkeit. Ich meine nicht Sorglosigkeit oder Harmonie. Ich meine eine Atmosphäre, in der dazugehört, dass Menschen selbstverständlich Fehler machen, in der nicht alles genau sein muss. Aus der Fremde heraus sind andere Fremde willkommen, es gibt nichts zu verteidigen. So kenne ich das. Wenn alle gleich wenig haben, muss man sich nicht mit Besitz beweisen. Nennt das sozialromantisch – so ist meine Erfahrung.

Das machte mich glücklich. Plötzlich diese Wärme wieder zu spüren, und Fremdheit, die nicht sofort wieder deutsch und klein beargwöhnt wurde. Sondern einfach war. Nicht besser und nicht schlechter.

Quickshot /Ein zerrissener Tag

Heute ist Muttertag. Ich habe von meiner Familie nichts geschenkt bekommen. Es ist dies zum ersten Mal so, aber die Kinder werden älter, und es war heuer absehbar so. Also, ich erwartete auch nichts und bin nicht enttäuscht.

Um ehrlich zu sein, ich bin froh. Denn heute morgen war ich noch schlecht drauf, ich hätte mich nicht von Herzen freuen können. MIr fiel es auch schwer, zu lachen. Wie ich andernorts schrieb, der Grund lag in einem Streit mit meinem Mann, der in mir wieder einmal das Gefühl hochholte, als Mutter zu versagen, meine Kinder nicht genug auf die Welt vorzubereiten, ihnen nicht genug zu bieten.

Dieses Gefühl löst sich nun langsam wieder auf. Ich schau ihm dabei zu und erfreue mich derweil an den hundert Kleinigkeiten, die schön sind oder gut klappen.

Ich bin auch noch nachdenklich wegen gestern. Der Tag gestern war auch einer Mutter gewidmet, nämlich meiner. Gestern haben wir sie ins Heim gebracht.

Das provoziert jetzt sicher altbekannte Bilder, in etwa so: Mutter hin, zack!, Tür zu, schnell weg, nie mehr wiederkommen. Und heute lästern schon die Pflegerinnenbeim Kaffee , daß nicht mal zu Muttertag Besuch kommt, ja ja das schimpft sich Familie.

Aber.

Es sind ein paar Hundert Kilometer dorthin, eine Verwandte vor Ort kann und wird zu Fuß dort vorbeigehen. Sicher fahre ich jetzt auch öfter dort hin, aber nicht heute. Ich bin meiner Fürsorgepflicht anders nachgekommen, ich habe dafür gesorgt, daß sie jetzt dort ist. Denn sie war dabei, zu verwahrlosen. Ich hätte sie auch aufgenommen, aber das wäre unverantwortlich gewesen. Und beruhigend: es hat ihr spontan gefallen, die Pflege ist sehr ruhig und gelassen, sie hat sich spontan gut mit den Damen unterhalten. Ein kleiner Raum, wenig Neues, wenige Mitbewohner. Ein kleines, aber regelmäßiges Programm. Das ist nicht lieblos, das ist auf das Thema Demenz zugeschnitten. Mehr verwirrt nur mehr.

Ich war seit Jahren in keinem Altersheim mehr. Wir haben uns gestern schief gelacht darüber, wie sehr alle dem Klischee entsprachen, auch wir selbst, auch meine Mutter mit ihrer Anmerkung „Da sind ja nur alte Leute!“.

Aber gut, das Lachen und ruhige Beobachten gab mir Zeit, mich wieder zu entspannen. Ich war meiner Mutter eine Mutter und habe sie in gute Betreuung abgegeben.

Der Mann sagt, er habe alles gar nicht so gemeint. Nichts für ungut, mag sein. Etwas Zeit brauche ich aber noch, diese Zerrissenheit von heute wieder zu glätten.

Demenz für Anfänger

„Wie heißt die Katze?“

Es ist nicht so, daß ich diese Frage nicht schon beantwortet hätte. In den letzten 9 Tagen habe ich sie pro Tag etwa sieben Mal beantwortet. Das wären dann 63mal (nur meine Antworten). Ich beantworte auch mehrmals pro Tag die Frage, warum wir nicht in ihre Wohnung fahren können, wo ihre Kinder sind, wer auf die „Kleinen“ aufpasst (die über 40 sind, eines davon bin ich), wo wir sind, wie die Fernbedienung geht und wo das WC ist etc etc…

Demenz im Anfangsstadium. Bei meiner Mutter, die gerade in Ferien bei uns ist. Sonst, in ihrem eigenen Zuhause, kommt sie wohl zurecht mit etwas Nachkontrolle, bzw. kann sie nicht viel verkehrt machen. Demenz für Anfänger, für mich. Ich hab früher mit alten Menschen gearbeitet, aber es ist lange her, und viel hab ich nicht gelernt daraus. Jetzt muß ich ganz von vorne lernen, was das ist und wie das ist.

Es heißt immer, alte verwirrte Menschen würden wieder zu kleinen Kindern. Bei meiner Mutter denkt man das jetzt auch schnell. Allerdings war das früher nicht anders.

„Wie heißt die Katze?“

Der Vergleich mit einem Kleinkind wirkt erst mal plausibel, verstehen demente Personen doch nichts mehr, kennen sich nicht aus, finden sich nicht zurecht, und man muss sie beaufsichtigen wie kleine Kinder. Aber der Vergleich hinkt stark. Ich glaube, die Persönlichkeit bleibt, die Summe von Erfahrungen, der Charakter. Wie oft habe ich schon mit verzweifelten Frauen gesprochen, deren demente Männer so dominant wie eh und je sein wollen, ein unlösbares Dilemma.

So ist meine Mutter nicht. So war sie nie. Im Gegenteil, sie hat nie viel verstanden, und sie hat es auch nie versucht. Sie hat auch nie Interesse für mich und die Kinder gezeigt, wußte bis zuletzt meinen Beruf nicht, so daß es da auch jetzt noch keinen Gesprächsstoff gibt. Ich kenne sie so, wie sie auch jetzt neben mir sitzt: sie schaut mit großen Augen in die Welt, macht immer die gleichen Kommentare, und bei jedem Problemchen und jeder Anforderung stöhnt sie „will ich nicht“ oder „kann ich nicht“ oder „nein, lieber nicht“. Nur, daß ihr Gedächtnis jetzt wirklich weg ist. Besser gesagt, es ist so löcherig und verlangsamt, daß man es kaum glauben kann, wenn nach drei Tagen doch ein Fünkchen Wiedererkennen erglimmt.

„Wie heißt die Katze?“

Wie es sich wohl anfühlen mag, sich nur für kurze Momente orientieren zu können? Ich versuche, mir das demente Bewußtsein wie ein Stück Stoff vorzustellen. Kein gleichmäßig gewebter, wärmender Pullover mehr, mit fixen Nähten. Statt dessen halb aufgelöste Nähte, eine fadenscheinige Struktur, und eine zittrige Hand, die nach losen Enden greift, aber in 98 von 100 Versuchen rutscht der Faden wieder weg. Kein Wärmeschutz mehr, kein Schutz vor Blicken. Das muß ein permanenter Zustand von Unruhe und Besorgnis sein, eine Notwendigkeit, sich zu versichern. Was machen?

Na eben. Fragen. In Dauerschleife: immer, wenn etwas Unbekanntes auftaucht, wenn ein Moment Langeweile auftaucht, wenn etwas beunruhigt oder ängstigt. Fragen, und mit den Antworten eine Sekunde lang das Bewußtseinsloch stopfen.

„Wie heißt die Katze?“

Für mich heißt das: keine Pause. Denn die Aufmerksamkeit ist so kurz, daß meine Mutter nicht mehr lesen kann. Sie reicht maximal eine Bildunterschrift in einer Illustrierten lang. Und ihre lebenslange Gewohnheit, nach Arbeit und Putzen nur noch fernzusehen, führt dazu, daß sie auch jetzt keinerlei Interesse an etwas anderem hat. Ihr Alltag besteht jetzt aus: Schlafen, Essen. Wenn es gut geht und ich hartnäckig bin, ein paar Minuten an die frische Luft gehen. In besseren Momenten im Haushalt aushelfen, in halb so guten Momenten Zeitungen durchblättern, den Rest der Zeit fernsehen und dabei auf Nachrichten warten, denn die sind kurz genug, sie zu verstehen.

Und das ist jetzt mein Alltag. So lange sie wach ist. Denn sie hält den Alltag nicht alleine aus, nicht länger als ein paar Minuten. Dann kommt die Angst. Dann kommen die Fragen. Dann braucht sie Sicherheit.

Die Sicherheit, die bin ich. Auch wenn sie nicht benennen kann, wer ich bin.

„Wie heißt die Katze?“

Ich bin froh, daß meine Kinder die Situation problemlos mittragen und die eine oder andere Aufgabe übernehmen. Sie gehen erstaunlich neutral und hilfsbereit damit um und sind freundlich zu ihrer Großmutter, die für sie  immer eine Fremde geblieben ist. Sie gehen routiniert mit den Fragen um, sprechen mich nur diskret darauf an, und lehnen sehr höflich ab, wenn ihre Oma ihnen Essensreste anbietet.

„Wie heißt die Katze?“

Sie haben auch die ersten, fürchterlichen Tage ruhig mitgetragen. Erst wollte die Mutter nicht zu uns, aber es gibt gerade keine andere Betreuung, sie mußte. Es kam schreckliches Heimweh, zwei Tage, an denen sie wegwollte. Der Wahn, ihre kleinen Kinder wären allein auf der Strasse. Die Tür zugesperrt, und ich ließ mir von Kollegen Pillen zustecken. Die ich so niedrig dosiert vergebe, wie möglich. Dann WC-Unfälle aller Art. Dann so etwas wie Beruhigung und Routine. Der Pullover noch löchrig, aber er kratzt wohl auch nicht mehr. Ich hab gelernt, zu lügen, und damit meine ich, eine Frage so zu beantworten, daß die Frage dahinter etwas besänftigt ist. Ich übe kräftig, anzunehmen, was ist. Ich kann jetzt nachvollziehen, wie es ist, wenn man selbst in Panik ist und aus Panik heraus aggressiv und herablassend wird. Ich glaube und hoffe aber, ich habe den Prozess rechtzeitig an mir gestoppt. Ich versuche, die guten Momente zu erwischen und mich darauf zu besinnen. Denn nach der Zeit heißt es wieder Arbeit und Alltag, und dann herumjammern, wie ungerecht und kacke doch alles war: damit schade ich mir nur selbst.

„Wie heißt die Katze?“

Ich bräuchte die Frage gar nicht beantworten. Ich könnte mir einen Spaß machen und jedesmal noch abwegigere Namen nennen. Am Ende ist es aber eine Sache der Würde, den richtigen Namen zu nennen. Ihn ruhig zu nennen. Es ist eine Sache des Respekts, Gedanken wie „Nicht schon wieder!“ oder „Das gibt es doch nicht!“ oder ähnliche bucklige Verwandte im Kopf zu muten. Denn am Ende des Tages geht sie schlafen, mit meiner Hilfe. Am Bettrand sage ich Gute Nacht, versichere, daß ich in der Nähe bin und die Türe etwas offen lasse. Ich höre ein erleichtertes Danke, ich spüre seine Ehrlichkeit, und wenn ich einen Rest Würde und Respekt in diesen Tagen bewahren konnte – jetzt kommt er uns beiden zugute.

Das Glas Wein hinterher, das trinke ich erleichtert und beruhigt, im Beisein der namenlosen Katze…

 

Schulerinnerungen

Jetzt habt ihr die letzten Tage schon viele autistische Schulerlebnisse geteilt.

Trotzdem meine 50ct dazu…

Wenn ich an die Schulzeit zurückdenke, denke ich an Leere zurück. Jedenfalls nicht an das Gefühl, einem Sozialverband angehört zu haben, der sich an schöne Zeiten und lustige Erlebnisse erinnert. Vielleicht hat meine Klasse eine deutliche Erinnerung an ein geteiltes Schulleben. Bei mir ist diese Erinnerung nur sehr schwach, „am Rande“ fällt mir als erste Assoziation ein. Und daneben einzelne Eindrücke.

Was es für mich nicht gab: handfesten Ärger, schlechte Noten, Mobbing (jedenfalls hab ich keines bemerkt). Ich war „typisch“ weiblich autistisch drauf: schüchtern, seltsam, aber sonst unauffällig und brav. Die Noten unauffällig.

Ein Zeitstrahl aus Einsamkeit, damals nannte ich es noch nicht so. Der Zustand des Alleinseins, die Trauer über die Einsamkeit waren verdeckt von meiner Verunsicherung, meiner felsenfesten Überzeugung, es so verdient zu haben. Durch meine Doofheit.

In diesem Zeitstrahl einzelne Bilder.

Ein Foto vom Wandertag, alle auf einem Spiegerät. Ich drei Meter abseits auf der Bank, Blick auf den Boden. Jemand zeigt mir das Foto und reibt mir meine Schmach noch unter die Nase: „du immer, schau dich mal an!“

Der erste Tag meiner Periode. Mangels Anleitung von Mutter oder Freundin hatte ich mir irgendwie eine Einlage aus Watte gebastelt. Die Sportlehrerin hält an dem Tag lachend ein aufmunterndes Statement, daß die Blutung etwas Normales sei. Jahre später begreife ich, jeder hat es damals gesehen. Pardon, jede.

In jedem Zeugnis die Anmerkung, ich sei zu ruhig. Einige mündliche Sechser wegen Nichtmeldens.

Ich, in Deutsch oder Religion, als ich mich doch melde, weil ich etwas aufgeschnappt habe, was mir wichtig scheint. Zu 75% Ablehnung wegen Unbotmäßigkeit oder Verschrobenheit, zu 25% „was du alles weißt“. Manchmal ein überraschtes „du bist doch ganz gescheit, zeig das doch einfach!“

Lehrer, die mir vertraulich anbieten, ich solle mich nicht verstecken, ich könne mich anvertrauen. Andere, die mir verbieten, in der Pause in der Ecke zu stehen. Viele, die mich vor der Klasse hämisch lächerlich machen, denn ich „sei mir wohl zu fein, mich zu beteiligen“, ich „hielte mich wohl für etwas Besseres“. Der ein oder andere Lehrer kennt meinen Namen nicht mal.

Viele Situationen, die mich noch heute schamvoll erstarren lassen. Wie eine Lehrerin hilflos war ob meiner ehrlichen Antwort, ich habe für die Hausaufgabe keine Lust gehabt. Ich, wie ich versuche, Witze zu machen. Die anderen Mädchen drehen sich einfach um. Ich, wie ich nicht weiß, wie ich eine Adresssänderung und die Geburt meiner Schwester melden soll. Und als es rauskommt, gescholten werde, ich hätte das sagen müssen.

Ich, wie ich Wahlfächer, Qualifikationen, sogar den „Medizinertest“, das Tor zum Medizinstudium, aus Angst und Überzeugung, zu versagen, vermeide. Ich, die ich dabei keinen Mentor, kein Vitamin B, keine hilfreichen Eltern oder Freunde habe.

Das Positive? Verschweige ich nicht, um Mitleid zu erhaschen… es fällt mir nicht ein.

 

Detail: Spezialinteresse? Emotionale Bindung?

Nachfolgend nur eine kurze, aber typische Szene in einer nicht-autistisch-autistischen Familie. Um zu zeigen, dass die Kriterien für eine Diagnose, buchstäblich genommen, in die Irre führen können. Man muss manchmal ins Detail gehen, um ein autistisches Verhalten verstehen zu können.

Die Vorgeschichte ist, daß wir seit ein paar Monaten neue Katzen haben. Sicher würden die meisten tierliebenden Teenager an den Tieren mit Liebe hängen. Noch dazu, wenn, wie bei uns, das erste geliebte Tier verstorben ist. Ich zögere aber nicht, die Art und Weise, wie bei uns die Tierliebe ausgelebt wird, mit einem Spezialinteresse zu vergleichen. Nota bene, das Gefühl von Liebe ist das Gleiche wie bei jedem. Das Bestreben, daß es dem Katzerl gut geht, daß es sich wohlfühlt, gut versorgt ist. Rücksicht nehmen, sich anpassen. Mit ihm mitfühlen, mitleiden, ihm Angst, Schmerz und Hunger ersparen wollen. Mit Rührung und Lächeln das Katzerl beobachten oder von ihm sprechen. Sichtbarer, geteilter Rührung. Liebe.

Aber der Umgang insgesamt ist anders, als in „normalen“ Familien zu erwarten. Starrer, ritualisierter. Rigider. Aber auch ausufernder. Die Kinder sind nicht einen Tag mehr, einen weniger damit beschäftigt, etwa weil sie manchmal keine Lust dazu hätten oder andere Pläne (erst recht keine sozialen Verpflichtungen). Sie wiederholen jeden Tag x-mal das gleiche ritualisierte Verhalten, wenn sie nach den Katzen sehen, darüber sprechen, sich mit ihnen beschäftigen. Und jedes Detail ist ihnen wichtig. Sie haben also sowohl eine emotionale Bindung als auch ein ausuferndes Interesse daran.

Für mich heißt das, ein Spezialinteresse kann im Prinzip aus allem entstehen.

Emotionale Bindung zeigt sich auch in der versprochenen Szene.

Kind kommt zu einer Zeit in die Küche, in der die Katze sonst immer da ist, jetzt gerade nicht. Seit einer Stunde ist sie abgängig. Kind macht sich Sorgen. Nicht (oder nicht nur), weil das Ritual unterbrochen ist – Sorgen, weil dem Tier etwas fehlen könnte, Trauer, weil es nicht da ist, Angst vor dem Verlust. Das nenne ich emotional gebunden. Das gleiche Kind, das sonst ewig allein im Zimmer sein kann, ist allein, weil der Realkontakt zu stressig ist zu anderen Teenagerbuben. Verständlicherweise hat es kein Interesse an dem Streß, er bringt mehr Frust als Spaß. Das gleiche Kind freut sich aber, wenigstens online verbunden zu sein, es freut sich, wenn es Anerkennung erfährt durch eine Bemerkung. Und es liebt seine Katze. Und sein Geschwister. All dies trotz der Tatsache, daß soziale Kontaktschwierigkeiten und soziales Desinteresse, auch das Geringschätzen von oberflächlichen Begegnungen, eindeutig da sind.

Katze verschwunden. Kind aggressiv und stoffelig, weil gerade überfordert. NT-Mann aufgeregt, versucht abzuwiegeln. Kind noch stoffeliger. Verzieht sich lieber. Ich gehe im Kopf derweil Handlungsoptionen durch und überlege, wann man suchen gehen muß. Auch, um dem Kind damit Sicherheit zu geben. Meine eher autistische Art, es zu beruhigen. Denn, mir tut jetzt das Kind leid. Ich seh aus dem Augenwinkel eine Bewegung draussen (Detailwahrnehmung…), Mann folgt meinem Blick, sieht die Katze. Ruft laut. Ich verstumme, weil das Gucken und Rufen und Gedrängt-werden für den Moment zu viel sind (und ich nenne das mutistisch, wenn auch im kleinsten Rahmen). Ich muß kurz weghören, denn meine Stärke ist klares rationales Denken und Handeln. Dann rufe ich die Katze, die sofort reinkommt. Auf meinen Mann würde sie nämlich nicht hören, ich glaube, das kann man fast als diagnostische Kriterium werten 😉.

Alles Geschilderte ist banal, für sich genommen, Kleinigkeiten. Aber typische, sehr typische Kleinigkeiten.