Hallo Trainer!

Smile grinsegrins

Eigentlich müsste ich ja sagen “Servus Manää!“

Da geht’s aber leider schon an. Trotz Aufwachsen in Bayern unter Bayern mit bayerischer Verwandtschaft könnte ich deinen Namen, Manää, (hochdeutsch Manni wie Manfred) schlicht nicht aussprechen. Spätestens dann wäre ich bis auf die Knochen blamiert.

Ich habe es versucht. So gut ich kann. Bein ersten Mal bin ich rein, hab mich offen umgesehen in deinem Kurs. Ich wusste nicht, dass dort eine engere Gemeinschaft ist als in den anderen Kursen. Als du mich im Training angesprochen hast, hab ich dich wohl völlig brüskiert und abgestossen. Zu wenig geredet, zu wenig geschaut, zu ernst, zu unbewegt. Zwei Minuten, und ich war in deiner Schublade.

Ich hab versucht, wieder rauszukommen. Smalltalk mit den anderen. Geht zwei Minuten, dann bin ich wieder langweilig. Suche deine Augen. Du schaust immer an mir vorbei. Sage laut Tschüß. Keine Antwort, bei den anderen schon. Ich hab jemanden mitgebracht. Die Person wurde freundlich begrüßt. Nix, nix zu machen.

Ich stelle mir vor, wie du die Augen rollst, wenn ich schon wieder durch die Tür komme.

Und trotzdem komme ich gerne. Mit Angst, aber gerne. Verwandle den Frust in Ehrgeiz. Auspowern gegen die Resignation. Ich mag dich auch. Ich seh dir gern zu, deinem Body, der gleichzeitig sportlich ist und sich doch elegant bewegt.

Und trotzdem, weisst du, wie weh das tut? Weiss das irgendjemand?

Nein.

Ich kann es nicht zeigen. Ihr könnt es nicht sehen.

Egal.

Alles wie immer.

Wir sehen uns.

Gedankensplitter /Freiheit

Ich sitze … im Netz? In der Falle?

Jedenfalls, ich sitze hier. Es ist einer der engeren Momente in meinem Leben. K1 ist ausgezogen, einiges noch unklar und zu organisieren. Die nächsten Tage habe ich noch Urlaub, theoretisch. Praktisch muss ich ein paar Stunden aushelfen, wegen Krankheitsfällen. Ich sollte auch meine Mutter besuchen. Ich wollte wandern gehen. Im Garten wartet viel Arbeit. Es ist alles durcheinander, ich weiss noch nicht, was ich wann machen muss, ob ich fertig werde. Alles zerrt an mir, nichts läuft richtig. Vorne arbeitet der Mann im Garten, die Nachbarin mit dem immer besserwisserischen gleichschalterischen Ton belagert ihn. Vorhin sprachen wir mit der netten Nachbarin, die aber nicht aufhört zu reden, nicht aufhört, nicht aufhört… Gegenüber das Rentnerehepaar, das sich gegenseitig im Garten nachläuft und an die Sauberkeit von Rasenkanten erinnert.

Ganz nett, ja, würde eine schöne 20:15-ARD-Sommerkomödie ergeben.

Ich sitze also hier, und versuche mir alle paar Minuten zu sagen, dass doch Urlaub ist und ich mich schön entspannen soll und die Zeit nutzen soll, aber in Wahrheit sitze ich im Spinnennetz und schüttele immer mal wieder die Ansprüche der anderen ab.

K1 ist nicht da, das macht was aus, K1 war neben mir der ausgleichende Part. Jetzt bin  nur noch ich da, zwischen den anderen zu vermitteln. Aber die Konflikte sind zu groß…

Es geht nicht nur um autistische versus neurotypische Kommunikation. Auch zwischen Autisten kracht es. In meiner Familie. Oder, da ist der kürzlich diagnostizierte Kollege auf Facebook, der seltsamste Dinge postet. Der ehemalige Chef, der mir das Wort Asperger erst nahebrachte, und der sich abwandte, weil ich ihn geschnitten hätte??? Etc etc… über innerautistischen Stress und seine Gründe auf Twitter hier https://wp.me/p6YQGx-34w ein ausführlicher Text.

Diese Art  kommunikativer Missverständnisse und Eigenheiten sind für mich nur eine zusätzliche Erschwernis im Alltag.

Ich sitze deswegen gefühlt im Netz, weil ich – und das betrifft mich als Autistin verstärkt, könnte aber jederfrau und jedermann passieren – mich irgendwann in die typische konfliktvermeidende Mütterrolle begeben habe. Und eigentlich schon seit Kindheit in die Rolle begeben habe, zu akzeptieren, daß die Welt an mir und meinem Wesen, wie ich bin, vorbeigeht. Ich habe mir angewöhnt, still zu sein, erst mich zu prüfen, zu improvisieren, unauffällig mitzuschwimmen. Der Rest meiner Familie macht das nicht. Er ist, wie er ist, und sucht sich Platz dafür, auch wenn es nicht ohne Reibereien und Schrammen abgeht. Und eigentlich, eigentlich finde ich das gut, und möchte ich so werden. Auf die eigene Identität und den eigenen Grenzen bestehen, denn meine Grenzen werden im Moment von aussen zu fest gezogen. Ich kann den Belagerungszustand nicht gebrauchen.

Und da ist er wieder, der oft zitierte Satz „Kennst du einen Autisten, kennst du einen“. Ich darf nicht mehr den Fehler machen, meine Strategie als Jugendliche, zurechtzukommen, unreflektiert meinen Kindern zuzuschreiben. Sie sind andere Menschen. Wir kommunizieren ähnlich, aber ihre Temperamente und Wertigkeiten sind andere. Ich war pflegeleicht, sie sind es nun mal nicht. Das als gegeben zu akzeptieren, und nicht als mein Versagen zu werten, könnte uns allen mehr Freiheit geben.

Loslassen! LOSe lassen!! Los, Lassen!!!

Bitte den Sicherungsbügel vorsichtig lösen, bitte die Achterbahn erst verlassen, wenn sie zum Stand gekommen ist!

Puuh

Ferienbeginn, Schule beendet für eines der Kinder, Kinder unterwegs, bei Abschlußfeiern, sogar mit Freunden unterwegs, miteinander Essen gegangen, Besuch aus meiner Familie und etwas größer aufgekocht, dazwischen Streit, Missverständnisse, nicht miteinander reden können, dann umso länger miteinander reden, immer wieder nicht mehr wollen. Speziell gestern saß ich irgendwann da, Kraft weg, und wollte einfach nicht mehr aufstehen.

Nein, nicht mißverstehen, bitte. Ich weiß und wußte sehr wohl, das ist vorübergehend. Wie soll ich sagen, ich habe mir den Zustand zwischendrin „gegönnt“. Um mir klar zu werden, was mir jetzt eigentlich wichtig ist. So viele Kräfte zerren an mir, eine jede stelle ich mir vor wie ein Seil, das an mir festgebunden ist, und mein Auftrag, „loszulassen“, verlangt von mir, die Knoten nacheinander zu lösen. Das sagt sich so leicht, das höre ich in meiner Arbeit dauernd. Aber umgesetzt ist es schwer.

Jetzt ist die Achterbahn erst mal zum Ende gekommen, und ich hab auf der Fahrt nicht nur den Schrecken wahrgenommen, sondern auch noch einen Blick für die Überraschungen und den Spaß gehabt. Und ich hab mir den Blick für das Ziel bewahrt. So konnte ich die Scheißirrsinnsabfahrten zwischendrin mit offenen Augen an mir einfach vorbeigleiten lassen. Ohne mich daran absichern zu wollen, ob jemand anderes mich ok findet, oder ob wieder Frieden herrscht. Das war mein Loslassen. Danke an mich.

Und danke an meine Familie, dank euch sind wir alle einen ganzen Nachmittag zusammengesessen. Wir haben gelacht, Dinge mit Humor genommen, nervigere Dinge gelassen genommen, Tiergeschichten ausgetauscht, Erinnerungen ausgetauscht. Und am Ende war alles gut.

Und jetzt freue ich mich auf einen ruhigen Abend, nur noch machen, was ich will, und noch ein paar Arbeitstage , bevor es auch für mich in den Urlaub geht.

Quickshot /Kleiderwechsel

Seid ihr noch dabei, bei meiner soap opera namens Sportkurs? Den ich auf Twitter immer wieder mal erwähne? Was ihn auszeichnet, ist – er ist sportlich meine erste Wahl – aber er ist so aufgebaut, dass immer zwei Menschen sich eine Übungsstation teilen. Ich habe immer wieder erwähnt, dass ich mal wieder allein war, die Einzige, die alleine dort hingeht. Ich hab schlichtweg keine Freundin, die mich begleiten würde.

Und ich verrate euch noch was. Ich bin dort nie im Sportdress, so, wie es sich gehören würde. Ich bin dort die meiste Zeit im Tarnkleid. Jedes Militär würde mich darum beneiden. Könnte ich es meistbietend versteigern, wäre ich reich. Das sind die erträglichen Stunden. Der Rest der Zeit sind Stunden wie heute, an denen ich ein tiefschwarzes stinkendes Kleid trage. Stinkend, weil alle Menschen einen Bogen um mich machen. Ich kann im Augenwinkel sehen, wie sie nur so knapp an mir vorbeisehen, dass sie mit jemandem anderen einen wissenden Blick über mich teilen können. Tiefschwarz, weil das meiner Seele entspricht.

Das war zu meiner Schulzeit schon so. Aber jetzt bin ich erwachsen, ich bin in so vielen Situationen wirklich sozial kompetent. Aber dieses Stinkerbüßergewand, es wächst mir immer wieder von neuem.

Ich kann nur einen Scheinwerfer leuchten lassen, weil ich die Situation trotzdem auf mich nehme. Das hilft mir, wenigstens die kleinen Farbabweichungen zu erkennen, jemand, der mich wiedererkennt etc.. Und der Scheinwerfer kann auch darunter leuchten, dahin, wo mein Mut zu dem Ganzen sichtbar werden soll.

Ihr kriegt mich nicht los!!!

Das Glück und seine Schmiede

Und es begab sich zu der Zeit, daß sich soziale Events häuften und ich in kurzer Zeit mehr als ein halbes Dutzend Male irgendwo mit mehreren Menschen beim Essen saß, ganz unterschiedliche Runden saßen beieinander. Keine davon war unangenehm! Das letzte Treffen war sogar ausgesprochen schön. Ich komme nochmal darauf zu sprechen.

Einmal war ich allein mit den Kindern beim Essen. Wir sprachen über aktuelle und künftige Pläne, der Schulabschluß eines Kindes nähert sich rasant. Ich beantwortete Fragen, erzählte meine Erfahrungen, gab Ratschläge, akzeptierte Vorschläge, es wurde ernst, aber freundlich gesprochen, gewitzelt, ausgetauscht. Auf der Rückfahrt wurde mir wortwörtlich warm ums Herz, ich war stolz auf diese Kinder (jungen Erwachsenen), ich liebe und schätze sie. Wir saßen vertraut in diesem Auto und teilten Zufriedenheit… Ich dachte, wenn mein Leben irgendeinen Sinn ergeben sollte, dann, weil es gerade so ist, wie es ist. Ich habe offensichtlich mitgeholfen, daß meine Kinder wissen, wer sie sind und was sie können. Anders als ich bei meinen Eltern, vertrauen sie mir auch heikle Dinge an, bitten um etwas, das sie brauchen, und sie sagen mir klar, aber höflich, wenn sie Kritik an mir haben. Vertraulichkeit, Sicherheit, Geborgenheit, ich traue mich, diese drei Begriffe zu gebrauchen. Ich weiss, meine Kinder fühlen und zeigen Liebe, ich bin sehr, sehr dankbar und freue mich für sie.

Das ist mir sehr wichtig. Denn an mir selber merke ich, wie fragil es wird, wenn so ein Vertrauen in sich und die anderen nicht selbstverständlich ist.

Also, bei diesem letzten Treffen saß ich neben einem alten, guten Bekannten. Ich spüre, er hat Achtung vor mir, und er schätzt mich. Er schätzt mich, seit er mich kennt, und er sagt das auch. Bei diesem Treffen war ich froh, ihn zu sehen, fast ein bisschen schwärmerisch. Wir lachten viel, wir lachten uns an, fußelten sogar… Wäre ich keine doofe Autistin, traute ich mich zu schreiben: wir flirteten. Deshalb fand ich es erleichternd, unbefangen und schön, dieses Treffen, einfach nur schön, und wie kann ich Worte finden für dieses warme, freie Gefühl, einfach da sein zu dürfen und jemandem ein wertvolles Gegenüber zu sein?

Übrigens, falls ich den Flirtgedanken weiterspinnen sollte – er endet stets an dem Punkt, wo eine Beziehung beginnen könnte, aber nicht kann, denn ich beende den Beginn mit dem Satz „Mit mir kann keiner glücklich werden“. Ich meine das auch so.

In der folgenden Nacht ging ich im Geiste alle Personen durch, die ich so kenne. Bei wem fühle ich mich denn glücklich, oder wenigstens wohl, oder zumindest nicht von vornherein falsch? Ich kam auf: einige Kollegen, von jetzt und früher. Alte Freunde bzw. Bekannte, siehe oben. Meine autistische Familie, die anderswo wohnt. Meine Kinder, wenn ich mich selbst nicht damit überfordere, NT sein zu wollen (smalltalk halten oder so). Vereinzelt andere Verwandte. Wer nicht dazu zählt: alle hiesigen Nachbarn. Die Schwiegereltern, die hier wohnen. Die Frauen hier, die Frauen von Bekannten und gleichaltrigen Mütter – also diejenigen, die mein täglicher Umgang sein sollten. Hier ist Kleinstadt, es wird erwartet, Freundinnen zu haben, diese Freundinnen. Aber von diesen Frauen gibt es scheinbar genau eine, die mich anerkennt, mit dem Rest bin ich verbunden, wenn in Whatsapp etwas geschrieben wird. Ich habe keine Ahnung, was wie wer sich sonst verbindet und vernetzt. Ich sollte vielleicht bei Gelegenheit öfter mit dem Mann mitgehen, in Männerrunden fühle ich mich viel wohler.

Das ergibt die paradoxe Situation, daß ich mich im sog. Alltag meist ausgeschlossen und falsch fühle. Die Menschen, die mir guttun, treffe ich viel seltener, so daß ich natürlich auf den dummen Gedanken komme, daß sie mich nur mögen, weil sie mich nicht so oft sehen und ertragen müssen. Ich weiss selbst, es ist ein dummer Gedanke, und ich kann Abstand nehmen.

Naja, die Zeit vergeht, und irgendwann habe ich wieder mehr Freiheit, meine Freizeit zu gestalten und mir die Schmiede zu meinem Glück selbst auszusuchen.

 

Ach Mutter …

 – die Angst nehmen – ein Kuss vor dem Einschlafen – Kuchen sonntags – das Leibgericht bekommen – Parfum – Umarmungen – ihr Gang, Bewegung, Silhouette, wenn sie das Licht löscht – Lachen – mitfühlende Tränen – stille, haltgebende Anwesenheit – ihre Worte, die einen Rahmen für das eigene Leben bilden –

In dem Buch*, das ich jetzt lese, sind alle diese Merkmale auf einer halben Seite Text aneinandergereiht. Es sind Beispiele dafür, wie und wodurch Menschen sich an ihre Mutter erinnern, was sie mit ihr verbinden. Ich verstehe sie als Beispiele für  Fürsorglichkeit oder Mütterlichkeit. Der Autor zählt sie auf, als er seine, geistig schon etwas verwirrte, Mutter besucht. Er kümmert sich um sie, um ihre Versorgung. Er beschließt, seine Familiengeschichte aufzuzeichnen, woraus sich dann der Roman entfaltet. Er betrauert den Verlust, der sich ankündigt, und genießt die Zweisamkeit und Vertrautheit, die jetzt zwischen ihnen existiert.

Als ich wiederum diese halbe Seite las, wurde ich mit einem Schlag ernüchtert, dann traurig, und ich pendele noch zwischen diesen Gefühlen hin und her.

Meine Mutter ist pflegebedürftig, sie ist dement, ich habe hier  beschrieben, wie es war, als ich sie eine Zeit bei mir beherbergt habe. Seither haben wir sie einige Male besucht, und immer ging es ihr gleich gut in ihrem neuen Heim. Erkannt hat sie uns wohl nicht ganz, aber wir konnten uns zusammensetzen und etwas Zeit verbringen. Mein Mann versteht nicht, warum ich sie nicht öfter besuche als alle paar Wochen, meine Schwiegermutter macht Vorwürfe. Meine Mutter habe mich großgezogen und sich gekümmert und hätte den Dank verdient, das gehöre sich schließlich so. Sicher, meine Unwilligkeit hat damit zu tun, daß jedes Mal ein Tag vom Wochenende drauf geht. Wohl auch damit, daß ich mit ihrer Demenz anders umgehe. Ich weiss ja, es geht ihr gut, und ich möchte sie nicht aus ihrem Rhythmus bringen.

Aber es sitzt tiefer. Als ich die Liste oben las, erkannte ich gar nichts wieder. Nichts. Ich kann mich gut an meine Kinderzeit erinnern: ich war in der Wohnung, in meinem Zimmer, gemeinsam vor dem Fernseher, es gab zu essen, meine Wäsche war gerichtet. Irgendwann wurde irgendetwas Oberflächliches gesprochen. Ich erinnere mich aber an nichts Persönliches zwischen uns. Meine Gefühle blieben bei mir. Kein Kuss, keine Aufmunterung, kein Bemühen, mir Sicherheit zu geben, kein Trost. Obwohl sie es sicher anders wollte. Sie war erschöpft, selbst unsicher in ihrem Leben, in einem fremden Land. Ich war ihr Kind, das ihr immer fremd geblieben ist, so fremd, wie ich mich heute noch fast überall fühle.

Gestern erst war ich auf einer Veranstaltung, zu der mein Mann und ich seit über zwanzig Jahren gehen, mit denselben Teilnehmern. Mir wurde erschrocken bewußt, wie wahnwitzig lange das schon ist, und wie unangemessen mein Empfinden, ich wäre in der Runde nur geduldet. Dabei muß ich in dieser Runde nur einen Millimeter aufmachen, dann spüre ich Vertrautheit und Interesse, ich kann in den Dialog gehen.

Mit meiner Mutter gab es keinen Dialog. Sie verstand mich nicht, und sie machte auch nie einen Versuch, näher an mich heranzukommen. Nicht mit Worten, nicht durch Fragen, nicht durch Interesse an meiner Welt, schon gar nicht durch Zärtlichkeit, sei es in der Berührung, sei es durch ein Anlächeln. Das Resultat daraus heute ist: Fremdheit. Eine Frau, die nett ist, die ich gut und schon lebenslang kenne, der ich aber nicht das Adjektiv „mütterlich“ zuordnen kann.

Manchmal blicke ich auf meine Kinder, die mal mehr, mal weniger mitteilsam sind. Ich habe nie eine Frage von ihnen verweigert. Ich frage vielleicht weniger oft bei ihnen nach, als gut wäre. Aber ich bin da, wir lachen viel, wir sprechen über alle möglichen Themen. Heute vormittag haben wir mehr miteinander geredet, als ich mit meiner Mutter in einem Jahr.

Ich habe Angst, dass es trotzdem nicht reicht. Ich möchte nicht, dass meine Kinder sich emotional allein fühlen.

Was bleibt, ist meiner Mutter gegenüber Pflichtbewußtsein und die Freude, ihr ab und zu etwas Gutes tun zu können. Weil irgendein Schicksal uns zusammengebunden hat, und für den Moment muss das als Motivation genügen.

*Christian Berkel, Der Apfelbaum

 

 

Quickshot /Bin ich einsam?

Auf den ersten Blick nicht, eigentlich…

Aber mein innerer Besserwisser steht schon stramm und weigert sich, nur ja oder nein zu sagen und spannt schon mal dreidrölfzig Dimensionen von Einsamkeit auf.

Luft holen. Es soll hier nur um das Real Life gehen, Menschen, mit denen ich persönlich zu tun habe.

Also, wenn ich einsam bin, dann ist das gut verdeckt. Ich bin ständig mit Menschen zusammen. Ich bin nicht isoliert, ich habe Menschen zum Reden, zum Chatten, wenigstens ab und zu. Meine Kinder zeigen mir ihre Zuneigung, wir reden viel, und sie unterstützen mich gerne. Kein Vergleich zu meiner Familie, damals. Ich mag sie, aber je weiter ich von damals entfernt bin, desto schmerzhafter wird mir klar, da war wenig Verbindung. Meine Mutter, Stiefmutter, Großmutter: sie standen neben mir seltsamem Mädchen, konnten mit mir nichts anfangen und ließen mich halt einfach so stehen. Sie wussten nichts, gar nichts von mir. So ist es bei meinen Kindern nicht. Da bin ich mir schon sicher.

Es mangelt mir auch nicht an sogenannter Anerkennung. Ich bekomme viel Anerkennung, ich weiss, was ich gut mache und wieviel ich leiste. Ich bin gut vernetzt am Arbeitsplatz, es menschelt dort auf eine angenehme Art und Weise. Und wenn ich von privaten Verabredungen unter Kollegen nichts erfahre, ist es nicht schlimm. Ich brauche Pausen, und ich weiss ja, sie mögen mich. Würde ich mich offensiver kümmern, wäre ich besser eingebunden, aber in meinem Leben hat das keinen Platz mehr.

Im Gegenteil, ich bräuchte mehr Zeiten, in denen ich allein bin, oder wenigstens Zeiten, in denen ich verlässlich allein bin. Denn ich weiss zur Zeit nie, wann ich meine Beschäftigungen unterbrechen muss für die Familie. Inktober läßt grüßen, im Schnitt 2 Minuten pro Bild… Sage mir keiner, ich muss mir die Zeit „einfach nehmen“. Meine Kinder haben keine Freunde. Sie haben mich, und die Katzen. Wenn ich da bin, bin ich ansprechbar.

Einsamkeit fokussiert sich für mich auf folgende Punkte:

  • der Gedanke, was wäre, wenn die tägliche Ablenkung fort wäre. Urlaub, Kinder aus dem Haus, Mann unterwegs. Dann ist da allerdings nichts mehr, dann muss ich mir etwas Neues aufbauen.
  • ab und zu fange ich an, zu vergleichen. Wenn in meinen 2½ Whats App Gruppen lange Pause ist, und ich daran denke, na klar, die brauchen das jetzt nicht, die sehen sich oft genug. Wenn ich ein schlechtes Gewissen bekomme – ich müßte viel öfter initiativ sein. Wenn ich merke, daß bestimmte Kontakte nur funktionieren, weil ich mich anpasse und maskiere. Das fühlt sich einsam an. Dann tröstet mich, daß es auch Gegenbeispiele gibt.
  • und schlußendlich ist es meine Überzeugung, daß am Ende jeder einsam ist. Am Ende heißt nicht nur ganz am Ende des Lebens. Ende ist für mich an jedem Übergang, an jeder wichtigen Entscheidung, die ich treffe. Dort bin ich, wie jeder, allein, mit mir und mit den Konsequenzen meiner Entscheidung. Ich möchte Entscheidungen treffen, sie öffnen mir neue Türen und geben mir Kraft. Aber manchmal bin ich dort auch verdammt einsam.

 

Erdung

Wenn von Autisten gesprochen wird, ist gern die Rede von „unnahbar“. So zu sein, ist mir jedenfalls mehr als einmal vorgehalten worden. Oder Autisten beschreiben, sich wie von einem fremden Planeten zu fühlen, wie Aliens, und werden auch so wahrgenommen, als nerdig, seltsam, aussenstehend.

Die Metapher vom Alien hört sich ja ganz putzig an: guckstu hier, ein Wesen vom fremden Stern, ob es Katzen frißt oder nach Hause telefonieren will? Naja wird sich hier schon einfinden, sonst bekämpfen wir es, und wie in jedem Film und immer und überall gibt es irgendwann ein gutes Ende. Klappe, die Schlußszene bitte, alles easy.

Aber sich wie ein Alien zu fühlen, ist nur selten putzig und auch nicht so frei, wie es sein könnte. Oft ist es einfach nur brutal, denn da ist kein Raumschiff, nirgends.

Irgendwann träumte ich, in einem vollen Hotel zu sein. Alle Tische im Speisesaal belegt, für mich ein Platz reserviert an einem besetzten Tisch. Ich gucke hin, möchte aber nicht stören. Und bevor der da sitzende Mann mich lächelnd einladen kann, meinen Platz einzunehmen, gucke ich schon wieder weg und ziehe mich resigniert, aber bestimmt, zurück, um auszuchecken und an der U-Bahn einen coffee-to-go zu kaufen. Der Mann ist verwirrt, oder auch verärgert, oder auch traurig. Und ich bin auch traurig, aber ich hab keine Zeit dafür.

So fühlt sich das an: nicht mehr dran glauben, daß da ein Platz ist, und die Traurigkeit sammelt sich so lange irgendwo still an, bis plötzlich die Depression da ist oder Schlimmeres.

Als Autist nehme ich mehr Detail als Kontext wahr, ich kann es, muss aber mehr Details aufnehmen und integrieren als NichtAutisten. Auf jeder Ebene: in der sensorischen Verarbeitung des Aussen, was dann meine soziale Wahrnehmung formt, die eben auch gesplittet ist und oft keinen ruhigen Fluss ergibt. Angefangen bei Gesichtsblindheit, weiter gehend damit, dass ich schlecht einschätzen kann, wie mich der andere sieht und welchen Gesamteindruck ich mache, ob ich geschätzt werde,  und endend dabei, daß mir nicht immer klar wird, welchen Status eine Bekanntschaft gerade hat oder ob gerade eine Freundschaft existiert. Ich nehme vermutlich auch meinen Körper mehr in Einzelteilen wahr, das ist nicht so deutlich im Alltag, wirkt sich aber in der Motorik aus. Und ich bilde mir ein, dass diese wenig ganzheitlichen Feedbacks dazu führen, dass ich mich selbst wenig als „runde“ Person in einem „abgrundeten“ Umfeld erlebe, und ich bilde mir ein, das ergibt dieses schwebende Gefühl, immer neben den anderen, „in meiner eigenen Welt“, wie es so dämlich heißt…

Ich erlebe jeden Tag bei meinen Patienten, wie Depression entsteht, und bei mir ist es nicht anders: dann, wenn man aufgibt, genau dann. Wenn man sich zurücknimmt, seinen Platz und seine Ansprüche nicht mehr wichtig nimmt, sich isoliert oder sich nur noch mit dem beschäftigt oder nur noch das kultiviert, was gelobt und gebraucht wird. Dann geht das Selbst zwar nicht verloren, aber es wird auf Eis gelegt.

Bitte, TUT DAS NICHT. Erdet euch: tut jeden Tag etwas, um euch zu spüren, um ihr selbst zu sein. Sorgt für Freude, für Schönheit, und macht jeden Tag etwas Unangepasstes. Und so, wie ihr andere als „einfach da“ und „einfach ok“ anseht, so versucht, euch selbst zu sehen.

Ihr seid von der Erde und das ist euer Platz.

Quickshot /Hunter

Neulich hätte ich mir eine schöne Jobidee gefunden.

Ich war im Zoo, alleine. Es war nicht so viel los, kurz nach der Öffnung morgens. Nach ungefähr einer halben Stunde beschloss ich, Zooführer zu werden, und dafür bezahlt zu werden, den anderen Besuchern zu erklären und zu zeigen, wo im Gehege der Papagei sitzt, die Schlange, der Leguan etc.. Während die meisten Menschen nämlich laut plappernd sich gegenseitig fragten „Ja wo ist er denn“, beobachtete ich das Tier schon lange ganz still.

Meine Eltern sind nie in den Zoo, nie spazieren oder wandern gegangen. Es kam die Ehe, dann kamen die Kinder, wir waren oft miteinander unterwegs. Tatsächlich war ich selbst aber ganz selten mal alleine spazieren, und jetzt war ich das erste Mal ganz alleine und mit viel Zeit im Zoo.

Wie gesagt, es war noch relativ ruhig dort. Ich hatte Zeit, mich auch selbst zu beobachten und war völlig perplex.

Ich wußte schon, daß ich mein Auge auf viel mehr „Nebensächlichkeiten“ richte, als zum Beispiel mein Mann. Ich wandere auf ein Ziel hin, ich freu mich auf das Ziel, aber ich sammel auch Eindrücke von Blumen und Tieren. Auch auf Fotos, wenn man mir nicht (wie normalerweise) mit Ungeduld begegnet. Aber mir war nicht klar, wie sehr meine Wahrnehmung auf Details eingestellt ist.

Das Insekt im Augenwinkel, der Geruch, der alle paar Meter wechselt, die eine Pflanze, die ich liebe und die sich plötzlich hervorduckt. Die Strukturen von Blüten, die Abweichung im Farbton, die mir verrät, wo ich im Gehege suchen muß. Der Bewegungsablauf im Detail, der dafür sorgt, daß ich von stetigen Chamäeleons, leisen Tigerpranken, sogar vom Muskelspiel einer Python hypnotisiert bin. Mit den Menschen hab ich nichts zu tun, und trotzdem schwappen mir Eindrücke ins Gesicht wie eine kalte Dusche. Stimmungen, Blicke, alles landet hoch intensiv bei mir.

Es ist ein Unterschied, davon zu lesen, daß das bei Autisten so ist. Oder das zu erleben.

Ich bin nicht mehr die Jüngste, also sind mein Gehör und mein Sehvermögen eh schon vermindert, im Vergleich zu früher. Trotzdem war ich gestern von den Eindrücken voll in Beschlag genommen. Ich fragte mich, wie ich auch nur eine Schulpause im Hof, bei Gekreische und Durcheinander, überlebt habe. Wahrscheinlich durch automatisches Abschalten und in die Ecke schauen. Ich weiss es nicht.

Ich hab versucht, mich bei diesem Zoobesuch von den ganzen Infotafeln fernzuhalten und mich  auf die Tiere zu konzentrieren, und weil ich nicht agelenkt war, konnte ich ganz in den Eindrücken versinken. In der Fledermaushöhle still stehen und die Flugbahnen verfolgen. Oder dem Luchs ins Auge sehen, minutenlang haben wir uns fixiert. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Jäger, wie jemand, der seine Sinne geschult hat, um Fährten zu lesen und Zeichen zu deuten.

Ja, das ist jetzt übertrieben. Aber ich hatte eine Ahnung bekommen, wie das sein könnte, allein, auf Jagd, mit allen Sinnen auf Empfang, und es war ein sehr, sehr schönes Empfinden.

Quickshot /Was ich wirklich brauche

Ein kurzer Text, es geht nur um das vergangene Wochenende. 1,5 Tage davon, um genau zu sein.

In dieser Zeit war zwar Anstrengung dabei, da ich gestern Hunderte Kilometer gefahren bin, Terminunklarheit, neuer Ort etc etc. Aber die Anstrengung daran bedeutet im Nachhinein fast nichts. Denn ich bekam so viel von dem, was ich im Alltag so leicht vergesse und doch brauche. Mehr als die #3gutenDingedesTages…

Ich besuchte einen Ort, für mich, der mit meiner Jugend verknüpft ist. Eingedenk des Klaasentreffens, auf dem ich letztens war, mit einem positiven Gefühl, ein kleines Stück Identität neu einzuordnen.

Ich machte einen langen Spaziergang mit meinen autistischen Söhnen, eine absolute Seltenheit, die nur des Ziels wegen funktionierte, denn wir besichtigten etwas. Und weil wir nur zu dritt waren, wurde er wunderschön in dem Sinne, daß wir uns – da auch niemand in der Nähe war – 2 Stunden lang richtig austauschen konnten. Nein, keine Psychogespräche. Aber die Jungs konnten ihre Themen, ihre Gedanken, mal ausbreiten, ohne von Ungeduld und Augenrollen gestoppt zu werden. Wir konnten unseren eigenen, ruhigen, sachlichen Ton pflegen. Man kann sich auch ruhig widersprechen oder ein Thema begrenzen. Das tat richtig gut, bestimmt auch den beiden.

Wir kochten abends spontan „schwedisch“, und auch das liebe ich: das Gefühl, wenn die Kinder sich gerne dazusetzen, weil sie sich freuen und es ihnen schmeckt. Da bin ich ganz Mama…

Mein Sohn haßt Fußball, aber wir kennen uns, und wir machten gestern Späße darüber, statt uns gegenseitig überzeugen zu wollen, auf die andere Seite zu wechseln.

Ich habe wieder gemerkt, wie seit ein paar Wochen, daß ich Spaß habe, lange zu lesen und mir einen ganzen Nachmittag dafür Zeit zu nehmen. Ich könnte mich zu Besuchen zwingen, aber Kontakt habe ich weiß Gott genug ohne mein Zutun, genug nach meinen Kräften gemessen. Kann das jemand verstehen, wie schön es ist, die Ruhe zum Lesen wieder zu entdecken? Das war seit der Geburt der Kinder nicht mehr da.

Und heute Mittag saß ich im Garten, und es war ruhig, und ich hörte nur und schaute nur. Plötzlich eine Bachstelze, da eine Drossel, beide lange nicht gesehen. Und ein Gefühl von Entspanntheit, nein, von Ruhe und Tiefe. Ich genoß das pure Sitzen und Wahrnehmen, das Versinken in Details, die aus den Gartenecken kamen.

Und das ist, was ich wirklich brauche: Zeit. Zeit, zu mir zu kommen, mein Selbst wieder zu spüren. An meinem Selbst auch Freude zu haben, statt wie im Alltagstrott dem Nachzuhetzen, was alle Welt von mir verlangt. Und mich dann mit neuer Kraft und mit Überlegung auf den Sturm der Woche vorzubereiten.