Fremdeln

Ob auf Twitter oder auf Facebook, manchmal fange ich mittendrin an, mir irgendwelche Profilbilder anzuschauen. Ich lass es gleich wieder, denn es tut mir selten gut. Das hört sich erst mal nach Masochismus an, ist aber eher eine Art von Suche.

Ich schau dann oft die Bilder schicker Damen an. Ich selbst seh nicht wirklich gut aus, und zuerst dachte ich, es ginge darum. Mir klarzumachen, dass die Damen besser aussehen als ich. Selbstmitleid zu erzeugen. Nein, passt nicht. Das bin ich nicht. Dann dachte ich, nicht nur das Aussehen, die wirken so fröhlich und selbstbewusst, zieht mich das an?

War auch knapp daneben, wie ich jetzt begriffen habe. Denn ich las über mehrere neuere Studien, zusammengefasst ergaben sie folgendes: Autisten werden von Nichtautisten in kürzester Zeit als seltsam wahrgenommen und als Interaktionspartner in die zweite Reihe geschoben. Bei Autisten wiederum variiert die soziale Angst und mit ihr die soziale Kompetenz. Nimmt man ihnen einen Teil der Angst, verhalten sie sich auch weniger schräg. Einfühlen und erfolgreich kommunizieren wiederum hängen davon ab, ob man sich als zusammengehörig empfindet und sich im Kontakt aufeinander “einschwingen“ kann.

(Alles im Detail in den Tweets von @leoschilbach nachzulesen, danke dafür!)

In der Summe ergibt dies meine wohlbekannte Erfahrung in wohlbekannter Reihenfolge. Irgendwo neu hinkommen. Sofort Befremden auslösen und ignoriert werden bzw. gelernt haben. Sich zurückhalten, weil man dann wenigstens nicht noch mehr kaputtmacht. Das Ganze in einer sich stabilisierenden Dauerschleife. Der Eindruck, einfach falsch zu sein, wächst und festigt sich unmerklich zur Überzeugung. Manchmal schraubt sich die Spirale schnell hoch, in ein paar Minuten.  Unter dieser Anspannung geht Blickkontakt manchmal kaum noch, er sticht richtig, und damit kann man sich auch schwer mit jemandem synchronisieren, sich auf ihn einstellen oder sich “blind verstehen“. Auf jeden Fall aber wird es Jahr für Jahr schwerer, an das Gegenteil zu glauben. Am Arbeitsplatz, an meinem Heimatort, entsteht langsam, sehr langsam so etwas wie Verbundenheit, aber mit der Fremdheitserfahrung braucht es wirklich lange, sich einfach mal richtig zu fühlen. Oder nur nicht-falsch…

Ich begreife jetzt: was ich versuche, aus den Profilbildern herauszufiltern, ist das Geheimnis, wie mensch es schafft, auf den ersten Blick sympathisch und annehmbar zu wirken. Wo liegt es? In der Schönheit, Ebenmäßigkeit, dem Augenaufschlag, der Ironie, der Distanz??? Ich kann es nicht verstehen. Ich bin einfach anders, und ich werde als anders behandelt. Aber ich versuche immer wieder, doch noch eine Spur zu finden.

Und umgekehrt ist es auch so, dass die Fähigkeit, unbefangen oder wenigstens angstfrei auf Nichtautisten zuzugehen, stetig abnimmt. Bei meinen Kindern ist es inzwischen so:

Der Mann ist ein Verwandter, mit dem wir neulich, alle in trauter und friedlicher Runde, Stunden verbracht haben. Und gelacht haben und uns ausgetauscht haben. So etwas habe ich mit meinen Kindern leider, leider schon lange nicht mehr erlebt. So entspannt habe ich diese Situation noch nie mit ihnen erlebt. Alle anderen Verwandten werden gemieden, denn keiner von diesen kann sich damit zurückhalten, die Kinder auf irgendeine Ungewöhnlichkeit anzusprechen. Oder verwundert zu sein. Oder nach Zeichen von sogenannter Normalität zu forschen. Oder uns rüberzuschieben, wir sollten doch mal strenger sein. Das hat leider zur Folge, daß auch Freunde von uns weitgehend gemieden werden. (Es kommen sowieso sehr selten Freunde zu Besuch).

Keine Lösung in Sicht, außer die wenigen Ausnahmen zu genießen, und sich alle Vorwürfe zu sparen.

Advertisements

Quickshot /Plötzlicher Schub

„So what“, sagte mein Leben. „So what, du willst doch nicht ernsthaft jetzt zum Plätzchenbacken übergehen oder anderweitig besinnlich werden. Hier, eine neue Challenge!“

Sprach, schnippte mit dem Finger und sandte mir übers Wochenende drei Nüsse zu Knacken.

Die erste Aufgabe hatte ich am meisten gescheut, und sie wurde schön und einfach. Ich ging in die Sprechstunde und traf die Lehrerin, die zufällig alle meine Kinder unterrichtet. Und mit deren Autismus gar kein Problem hat. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes und lächelte nur über kommunikative Hürden, weil sie den guten Willen und das Wissen dahinter wahrnimmt. Die Klasse sei lieb, die Kinder eine Bereicherung, und Kinder dürften sich entwickeln. Puuh… Ich: happy.

Nummer zwei war auch besser als erwartet. Ich war zur Autismusfachtagung, hörte Vorträge, traf bisher unbekannte Twitterer. (Als Zusammenfassung bitte https://autistenbloggen.wordpress.com/2017/11/13/2-autismus-fachtagung-in-rosenheim-12-11-17/ lesen, danke dafür). Am anstrengendsten daran erwies sich die lange Fahrt bei Regen. Nicht das lange Sitzen, nicht die vielen Menschen, nicht die sonst gefürchteten Pausen. Ich hatte schwer verdauliche Inhalte, eine steife Atmosphäre gefürchtet und komplizierte Interaktionen. Dass der persönliche Kontakt zu den mit-tweeties enttäuschend wäre. Ich fand: eine positive und konstruktive Stimmung. Experten, die ich am liebsten mit nach Hause genommen hätte. Differenzierende, Ressourcen betonende, wohlwollende Ansätze. Und Menschen, mit denen ich mich gleich wohlfühlte. Sowie das kostbare Gefühl, einfach ok zu sein.

Dafür wird die dritte Aufgabe unlösbar, jedenfalls kann ich nichts mehr beitragen. In Gegenwart meines Mannes übersah ich etwas, eine Einfachheit in seinen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich ihm nicht nur erzähle, dass ich anders ticke und das erste Mal, dass mein Verhalten nicht einfach mit zu wenig Anstrengung  erklärt wäre. Nein, es ist das erste Mal, dass ihm voll bewusst ist, dass ich anders bin, und fremd. Was daraus wird? Niemand weiss es, nur die Zeit. Ich kann nicht mehr erklären. Ich kann nur zusehen, wie meine bisherigen Erklärungen jetzt zu wirken beginnen. Und warten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedankensplitter /Elli hatte Geburtstag

Runden Geburtstag. Und alle, alle waren eingeladen, zum vollen Programm. Alles das, was die Menschen hierzulande dazu notwendig finden: viel essen, trinken, Musik, lustige Einlagen, Diashows auf dem Beamer.

Ich hatte auf Twitter schon rumgenörgelt wegen dieser Veranstaltung. Weil ich schon vorher keine Lust hatte, nein, halt, stimmt gar nicht.

Ich freute mich schon auf das Fest, natürlich, warum auch nicht? So ein Misanthrop bin ich jetzt auch wieder nicht! Freute mich über die Einladung. Aber ich hatte aus Erfahrung auch Angst und Bedenken, wegen dem Lärm , dem gezwungenen Beisammensein, dem steifen Rumsitzen. Auch darüber hab ich mich auf Twitter ausgelassen: jeder, den ich fragte, war nicht erbaut von der Aussicht, aber alle sind sich einig, daß es sein muß.

Nur ist die Anstrengung für mich ungleich größer. Im Nachhinein habe ich die Feier ganz gut überstanden, ohne Kopfschmerzen oder ähnliches. Ich konnte mich weniger unterhalten als gewollt, weil die Geräuschkulisse zu laut und unstrukturiert war, aber ich hab mich im Verhalten wohl ganz gut angepasst. Dem üblichen Kindervergleich („Was machen deine so in der Freizeit, meine wasserskifahren ja in Hongkong!!!“) bin ich smart ausgewichen. Nur einmal die übliche Frage, ob ich wohl sehr müde sei, mit dem Unterton, ich solle doch lockerer sein: wo ich doch nicht müde war, nur eben weniger Mimik zur Schau stelle… geschenkt.

Und doch wird die Erinnerung mich ins nächste Jahr begleiten. Dann werde ich einen runden Geburtstag feiern. Gestern habe ich mich unwillkürlich an Ellis Stelle versetzt, und nichts passte daran. Elli ist zu 100% mein Gegenteil. Und sie ist extrem beliebt. Ich darf die letzten beiden Tatsachen nur nicht logisch verknüpfen… Ich bin weder sehr beliebt noch bekannt. Eine Feier, wo die halbe Stadt Elogen auf mich hält und witzige Anekdoten zum Besten gibt, kann ich vergessen.

Ich könnte den Spiess umdrehen, eine tief nachdenkliche Feier machen und alle mit meiner Autismus-Betroffenheit heimsuchen. Nein, will ich nicht.

Ich könnte ganz verzichten. Ich bin nahe dran.

Nein, ich möchte eine Feier, und ich möchte sie an mich anpassen. Vielleicht auch als Outing-Gelegenheit nutzen, aber auf eine leichte Art und Weise, die das Thema beiläufig und undramatisch anpackt und die mir erst noch einfallen muss. Was ich brauche? Ein Buffet, so daß niemand gezwungen ist, am Platz sitzen zu bleiben. Einen festen zeitlichen Rahmen, ein festes Ende. Weniger Gäste, aber darunter auch Gäste aus meiner Arbeitswelt- die Kollegen achten sich untereinander, und der Kontakt zu ihnen tut mir sehr gut. Meine Feier soll ein Abbild meines Lebens sein, da gehört die Arbeit dazu. Programm? Sicher, ein Film oder Musik soll sein, und ich halte irgendeine Art von Ansprache. Was darüberhinaus passiert, bleibt den anderen überlassen.

Ich war gestern von den Eindrücken angestrengt, und am Ende fast mutlos geworden, aber jetzt begreife ich das Ganze als Ansporn, für mich die richtige Form zu finden.

Quickshot /Ich hab dich vermisst

Zurück.

Ein Treffen mit alten Klassenkameraden. Es gab vorher schon Treffen, ich war erst jetzt eingeladen. Ich bin nach der Schule nie mehr an den Heimatort zurückgekehrt, und ich hatte nur sporadischen Kontakt zu wenigen, der sich bald aufhörte. Erst durch die sozialen Medien war ich wieder auffindbar.

Du warst nicht da. Niemand wußte, wo du abgeblieben bist. Seit der Schule nicht mehr. Nicht einmal Gerüchte gab es. Auf alten Klassenfotos warst du abgebildet, und manche lachten über dein Verhalten  so, wie sie dich damals wohl auch ausgelacht haben. Den meisten auf diesem Treffen warst du egal, und zwei oder drei wunderten sich mit mir und bedauerten deine Abwesenheit. Das Gespräch ging darüber, daß es doch angenehm gewesen sei, daß wir so unterschiedlich sein durften. Heute sei der Konformitätsdruck viel größer.

Ich hoffe nicht, daß das stimmt. Denn ich brauche für mch die Toleranz anderer Menschen für mein Anderssein. Ich selbst fühle mich auch viel wohler, wenn ich von unterschiedlichen Menschen umgeben bin. Ich habe herausgefunden, daß ich deshalb so gern in Großstädten bin: ich liebe die Vielfalt, und das man-selbst-sein-dürfen.

Bis ich zu diesem Treffen fuhr, habe ich auch kaum je über dich nachgedacht, du warst aus meinem Kosmos so  verschwunden wie alle anderen. Ich weiß nicht, ob du Autist bist. Ich denke aber doch, es spricht sehr viel dafür. Als ich losfuhr, fiel mir auf, wie sehr du meinem Sohn gleichst. So wie ich dich in Erinnerung habe, so still und unaufdringlich und doch sah man dir deinen inneren Reichtum an. Überall bist du im Hintergrund, du willst dabei sein – aber mehr Gemeinschaft gibt es nicht. Niemand interessiert sich für das, was du beizutragen hast. Und so konsequent, wie die anderen über dich hinweggesehen haben, so konsequent bist du dann deinen eigenen Weg gegangen, irgendwo, fernab. Ich wünschte, ich wäre nicht so mit meinen Problemen befasst gewesen, ich htte dich gerne besser gekannt. Denn sympathisiert habe ich mit dir, ich mochte dich.

Du hast einen Allerweltsnamen, leider. Ich würde dich sonst googlen, aber so habe ich keine Chance.

Schade.

Mögest du deinen Weg gefunden haben!

Quickshot /Dustin, nein Dust in the wind

Ok, das könnte jetzt kompliziert werden…

Neulich lief „Die Reifeprüfung“ im TV. Ich hatte den Film noch nie gesehen, das Thema sprach mich nicht an. Diesmal dachte ich, warum nicht, er wird so oft gelobt, ist doch vielleicht nett, den Soundtrack von Simon & Garfunkel im Original zu hören.

Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich schaltete nach 15 Minuten ab.

Ich hatte Dustin Hoffman früher als Rain Man gesehen, und die Art, wie der junge Ben in sein Zuhause weniger zurückkehrt, als -irrt, konnte ich nicht ertragen, weil sich in mir mein autistisches Gefühl vordrängte. Es erinnerte mich zu sehr an mich selbst, ich war vollkommen in diesem Gefühl. Das Gefühl, in einer Gesellschaft orientierungslos herumzuirren. Es funktioniert irgendwie, ich komme dahin, wo ich hin will und mache das, was nötig ist – Ben findet sich ja auch irgendwie zurecht – aber es ist alles so verwirrend.

Es schob sich ein anderer Film in meine Erinnerung, den ich neulich zufällig gesehen hatte: Lost in translation. Auch da identifizierte ich mich sofort mit dem Hauptdarsteller, Bill Murray. Auch er hat einen Ort, eine Aufgabe, er tut, was er zu tun hat und redet, mit wem er reden muss. Aber er findet keinen Bezug zu diesen Menschen, auch nicht zu seiner Frau, mit der er telefoniert. Die Kollegin, die Prostituierte, die Werbeleute – er steht daneben, beobachtet alles und findet keinen Sinn. Und wenn es einen Sinn haben sollte, ist er davon ausgeschlossen. So wie Ben zwischen den künstlichen Masken und seltsamen Spielchen der Haute volée um ihn herumläuft und nur weg will. Bill, immerhin, findet eine verwandte Seele, unverbindlich, auf Zeit.

Etwa so, wie ich vielleicht von Zeit zu Zeit froh bin, verwandte Seelen im Netz zu finden, wissend, das ist nicht wirklich ein Anker, und nicht mein Alltag.

Den Rest der Zeit (na gut, 95%) betrachte ich die Menschen (na gut, 95%) und ihre Rituale und rätsele: geht es ihnen gut mit ihren Masken? Den Anzügen, den Makeups, der Aufgedrehtheit, den Interaktionen, die nur bestimmten Zwecken dienen, den demonstrativen Gefühlen, die nicht von innen kommen, sondern etwas bezwecken sollen.

Geht es den Menschen gut so, in der völligen Anpassung?

Die Menschen würden antworten: aber ja doch, das ist doch gerade schön, etwas miteinander erleben. Genau das ist doch Gemeinschaft.

Und ich verstehe euch ja: ihr bietet mir eure Gemeinschaft an, und immer wieder verlasse ich euch. Scheinbar ohne Grund. Ich gelte als gutmütig und freundlich, und ihr könnt euch nicht erklären, woher mein Missmut und meine Ungeduld kommen.

Für euch scheinbar aus dem Nichts. Für mich daher, dass ich versuche, einen festen Platz zu finden, wo ich mich ansiedeln kann. In Wirklichkeit bin ich irgendwo und nirgendwo, wie Staub im Wind. Das seht ihr aber nicht und ich verstehe, warum ihr euer Interesse verliert an mir.

Man müßte einen Begriff finden für diese spezielle Melancholie und Verlorenheit. Mit Depression oder sozialer Phobie hat sie wenig zu tun.

Gedankensplitter /Vergleiche

Ja ja ja

Man hört und es liest es so oft. Jedenfalls in meiner Altersklasse (40+ mit Kindern) vergeht kein Tag auf Facebook, an dem nicht in einem Meme daran erinnert wird, wie einzigartig jeder ist. Wie individuell unsere Geschichten sind. Wie lang man in anderer Leute Schuhe wandern muss, und wie sehr man sich in jemandem täuschen kann. Und jeder ist wertvoll, und keiner darf verloren gehen.

Alles wahr, alles.

Nur möge sich die Gesellschaft, also die Gesellschaft der mit mir und meinen Kindern irgendwie befassten Personen doch bitte mal einen Tag auch daran halten!

Aber ich bin selbst schon so gewöhnt an das permanente Verglichenwerden, daß ich nur noch sporadisch oder oft nur noch mit einem Augenrollen reagiere.

Mir selbst passiert das nicht so oft, aber die Kinder müssen dauernd damit klarkommen, daß jemand sie damit konfrontiert, daß sie anders sind. Und weil aus ihnen ja „noch etwas werden soll“, steckt meistens der gute Wille dahinter, sie damit auf die „richtige“ Spur zu bringen.

Das hat viele Variationen. Angefangen beim direkten „x und y sind aber im Sportverein /gehen schwimmen etc“ . Oder „ihr müsst doch auch einmal so und so, das ist ja nicht normal“. Oder „warum ist das bei euch so, was ist los mit euch?“. Oder „jetzt stellt euch nicht an!“.

Etwas sanfter „macht doch mal xy, das ist doch toll /schön /super /ganz normal /wie kann man das ablehnen /ist doch ganz leicht?“.

Mit leichtem Augenrollen oder mit traurigem Schulterzucken „Naja, muß ja nicht, ich meinte doch nur“.

Oder, hintenrum werde ich gefragt „Und, was machen deine Kinder so?“. „Sind sie eh… was, nicht???“.

Oder ich werde von Familie auf die Schulter geklopft: „sag mal, was kann man denn tun, damit deine Kinder xy?“ „Sollen wir dies probieren“ „Meinst du nicht, sie würden?“ „Wär doch schön, komm, wir versuchens, ist doch schade, sie versäumen doch ihre ganze Kindheit!“.

Etc etc. Jeden Tag aufs Neue.

Liebe jeder Einzelne aus dieser Gesellschaft: autistisch heißt, man ist sich dieser Lücken sehr bewußt. Man hätte es sogar gerne anders. Aber es gibt einen Grund, warum es nun mal nicht geht.

Und wenn ihr nicht in der Lage seid, das zu verstehen, wenigstens rational nachzuvollziehen, dann, bitte, haltet irgendwann den Mund, wenn keine Resonanz kommt. Keine Resonanz heißt, es ist nicht möglich, auch nicht mit gutem Willen.

Haltet den Mund und denkt an eure wundervollen weisen Memes und macht euch bewußt, ihr helft uns (und nicht nur uns) viel besser, wenn ihr uns zeigt, daß ihr uns als Mitmenschen mitsamt unserer Fremdartigkeit akzeptiert.

Bitte.

Euch ginge es ja auch nicht anders.

Reizend

So eine Ehe zwischen Autist(in) und NT, noch dazu, wenn es autistische Kinder darin gibt, muß sich täglich mit dem Thema Gestaltung von Kontakten herumschlagen. Ich bin jedenfalls überzeugt, daß das nicht nur bei uns so ist.

In unserer Ehe bin naturgemäß immer wieder (aber glücklicherweise schon viel weniger als früher) ich diejenige, die zu mehr Kontakt aufgefordert wird. Mein Mann versteht bestimmte Belastungen nicht gut, aber er akzeptiert meine Entscheidungen.

Ich habe inzwischen ja selbst schon viel mehr verstanden, was mich belastet. Inhaltlich langweilen mich bestimmte Gespräche, ich habe Abneigungen gegen bestimmte Themen und Argumentationen und nicht gar so viel Durchhaltevermögen im Vortäuschen von Interesse. Augenkontakt und Stimmfrequenzen, die mich anstrengen und meine soziale Interpretation erschweren, ein Durcheinander von Geräuschen und optischen Reizen, das mich verwirrt und mir die Konzentration schwermacht. Die soziale Interpunktion fällt mir sehr schwer: wenn ich wenig Ressourcen habe, weil ich mit mehreren Personen zusammensitze oder einfach müde bin, spreche ich irgendwann gar nichts mehr, weil mir erstens nichts mehr einfällt, ich es zweitens nicht mehr schaffe, im richtigen Moment in die richtige Richtung zu sprechen. Neulich waren Bekannte da, sie konnten sich über eine Stunde nicht zum Aufbruch entschließen, weil ich als Gastgeberin verstummt war. Ich hätte ein Signal geben müssen, saß aber nur erschöpft da und hoffte, jemand würde sich endlich erbarmen, aufzustehen. Irgendwann passierte das auch.

Heute ist mir noch etwas anderes aufgefallen: ich sah aus dem Fenster und eine der Nachbarinnen arbeitete in Hot Pants und Top im Garten. Eine von zwei Frauen, die mir im Kontakt unangenehm sind, die ich vermeide. Mein Mann versteht das nicht, sie sind beide nett, ich versteh mich selbst nicht. Eifersucht ist es nicht. Aber heute beim Beobachten hatte ich sofort den Geruch von Sonnencreme und Schweiß in der Nase. Nicht nur das, ich verstand, daß meine komplette sinnliche Wahrnehmung sich verhält, als ob ich auf Tuchfühlung mit der Frau wäre. Dabei war sie 15 Meter entfernt und wandte mir den Rücken zu. Aber ich meinte, warme nasse Haut zu spüren, und hatte den Klang ihrer Stimme in meinem Ohr. Ihrer Stimme, die mich tatsächlich schmerzt, weil ich sie mit einem blenden hellen, scharf geschliffenen Stück Metall assoziiere.

Jetzt fiel mir ein, wie ich vor Jahren verwirrt war, weil ich in Umkleiden die Nähe unbekleideter Frauen unangenehm fand. Ich verstehe jetzt, daß das nichts mit Nachbarinnen oder Nacktsein zu tun hat, sondern schlicht mit meiner Reizwahrnehmung bzw. meinem Übermaß davon.

Spannend, das zu entdecken. Ich hatte das oft gelesen, aber merke erst jetzt bewußt, wie das bei mir läuft. Vorher hatte ich es wohl einfach durch Rückzug ausgeschalten.

Grenzgänger

Ich bin ein Grenzgänger.

Lange Zeit hatte ich wilde psychologische Theorien, warum das so ist: meine Verwandschaft aus dem Ausland,  eine zerrissene Familie etc. etc.. Das kulminierte in einem älteren Kollegen, der zu mir sagte „So so, die Mutter ist ganz allein hier, und die Tochter studiert Psychologie“, mir bedeutend, daß ich irgendeine Traurigkeit meiner Mutter verarbeite. Heute weiß ich, das ist Unsinn.

Mein Leben verläuft, als ob ich stetig an einem Fluss entlangmarschiere, der die Grenze zweier Staaten bildet. Mittlerweile ist der Fluß so flach und ruhig, daß ich in seiner Mitte gehen kann.

Das war nicht immer so.

Das bleibt nicht immer so. Manchmal steige ich in Löcher, in Strömungen, verbreitert sich der Fluss, und ich kann den Weg zum Ufer nicht mehr abschätzen.

Grenzgänger heißt, in Bewegung zu bleiben. Aufrecht bleiben, konzentriert. Ich muß umherschauen, nach beiden Richtungen.

Es gibt vielleicht ein Lager, ein Dorf, aber keines, in dem ich bleiben kann. Ich habe gelernt, im Halbschlaf und im Blindflug weiterzugehen, denn ich kann mich immer nur kurz an einen Ort zum Ruhen beamen. Ich mache mal eine Strecke auf der einen Seite, dann ein paar Schritte auf der anderen. Ich kann auf keine Seite verzichten.

Ich gehe immer weiter, und was ich zufällig finde, nutze ich so gut es geht; und was ich brauche, muß ich in irgendeiner Form finden. Ich muß es sehen lernen, denn es findet sich selten so, wie ich es mir vorstelle.

Das nimmt mir oft meine Toleranz für Menschen und Situationen, für die und in denen scheinbar alles mühelos passt, alles sich fügt, nur eine Alternative notwendig ist. Ich versuche, tolerant zu sein, denn die wenigsten Menschen sind wie ich. Aber mein Kopf denkt weiter, er sucht immer Muster, Chancen, er versucht, alle Ressourcen zu nutzen. Vom erwünschten Querdenker zum nervigen Querkopf sind es leider nur Nuancen…

Das fängt damit an, daß ich kaum je ein Lebensmittel wegwerfe, ich koche den Rest nochmal, und dann den Rest vom Rest. Das geht weiter damit, daß ich in politischen Diskussionen immer beim Gutmenschenpart hängenbleibe, manchmal nur, weil mich Einseitigkeit stört, auch wenn ich kein Naivling bin. Es endet (vielleicht) damit, daß ich nur kurz ärgerlich bin, wenn etwas schiefläuft oder auch mir weggenommen wird. Denn in einem Fluss schwimmen einem oft plötzlich Dinge davon, zu oft schon habe ich mich schnell anpassen und umorientieren müssen. Dann muss es anders weitergehen.

Ich kann ja schlecht stehenbleiben, so, mitten auf der Grenze.

Gedankensplitter /Eintauchen

Ja, manchmal kann entschließe ich mich auch, eine Anstrengung freiwillig auf mich zu nehmen, von der ich zuerst nicht weiß, wie ich sie überstehen soll.

So war ich kürzlich in einem Vortragsabend. Dem Kind zuliebe, das daran beteiligt war. Es war sehr heiß gewesen, keine Lüftung,  ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir und leichte Migräne. Aber es war ausgemacht, also ging ich hin.

Ich fand mich wieder in einem Bad aus Seelenfrieden, so es denn so etwas gibt.

Ich kam an, und ich fand viel Vertrautes vor, und nichts davon war ärgerlich oder ängstigte mich, nichts davon strengte mich an. Ich tauchte einfach ein.

Ich trat ein und ließ mich am Beckenrand nieder, neben vertrauten Gesichtern. Andere sah ich hier und da und grüßte. Der Veranstaltungsleiter erkannte mich wieder und lächelte mir sehr freundlich zu. Das Kind konnte ich loslassen. Ich war da, das reichte, alles andere machte es selbst. Das Wasser bewegte sich sachte, eine schon vorher dutzendfach erlebte Abfolge von Ansagen und Darbietungen, wie sachte Wellen.

Musik, und das banale Wort kann nicht wiedergeben, wie ich mich getragen fühlte. Als ob ich toter Mann spielte. Ich saß und hörte, erkannte wieder, erinnerte mich, wie schön Musik ist und wie schön es wäre, wieder selbst mehr zu musizieren. Und natürlich betrachtete ich die Unterwasserwelt, sah ruhige gleichmütige Wale, vielfarbige Barsche, einen Hai, der sich zu meiner Überraschung in einen Delphin verwandelt hatte, viele wuselige Kleinfische, und einige prachtvolle Oktopusse, die souverän ihre intensiven Farben und Bewegungen demonstrierten.

Ich stieg aus, schüttelte das Wasser ab und machte mich erfrischt auf den Heimweg.

Alles ganz normal

Eine der kurzen, nur minutenlangen Sequenzen, die trotzdem für mich alles aussagen können.

Sonntag vormittag, alle im Haus verteilt. Ich höre Stimmen im Garten, eine Sekunde später kommt mein Mann mit einem älteren Bekannten herein, der etwas zurückbringt. Mein Sohn, der mich gerade ansprechen wollte, ringt sich noch ein „Hallo“ ab, ehe er elegant und als ob er es eh vorgehabt hätte, um die Kurve biegt und die Treppe hoch verschwindet. Der ältere Bekannte, der kurz stutzt und sich etwas darüber lustig macht. Immerhin, er ruft keine Bemerkung der Art „als ich so alt war wie du, konnten wir uns noch benehmen“ hinterher. Ich, die ich froh bin, daß er mich bei der Hausarbeit antrifft und so einen erwünschten Eindruck hinterlasse. Mein Mann, der ihn gleich etwas Technisches fragt, denn er ist ein „Machler“. Einer der handwerklich Versierten, die hierzulande jede Familie in der Hinterhand hat, um sich in allen Lebenslagen zu behelfen. Die Kinder in den Zimmern, so lange sie seine laute Stimme hören, bleiben sie dort auch, mit Sicherheit. Drei Minuten später ist alles erledigt, er verabschiedet sich.

Alles normal, so weit? Wir die Aliens, die ihm mit Müh und Not eine für ihn kompatible Fassade anbieten können? Denn obgleich er mit unserer Familie gut bekannt ist, habe ich weder ihn noch seine Frau jemals irgendwie andeuten hören, etwas sei nicht in Ordnung. Nein, alles ganz normal. So wie es sein soll.

Doof nur, daß ich weiß, daß auch andere sich über seine ruppige Art aufregen, über seine manchmal distanzlosen Kommentare. Daß seine Frau ein TV-Junkie ist, die ihr Leben scheinbar in der Öffentlichkeit verbringt, aber mit großer Erleichterung die Tür hinter sich und ihrer Küche zumacht, um zu sein, wer sie ist. Daß ich weiß, daß er sich darum sorgt, aber nichts daran ändern kann, er also mit seiner Sorge neben ihr her lebt. Und selbst aufblüht, wenn er einmal im Jahr mit Kumpels in Urlaub fährt.

Kommt das so an, als fände ich ihn unsympathisch? Das wäre schade, denn im Gegenteil, seit ich ihn mit leuchtenden Augen über seine Urlaube habe sprechen hören, ist er mir sehr sympathisch. Und dankbar für seine technische Hilfe bin ich sowieso.

Aber es ist einer der scheinbar unausweichlichen Momente, wo ich mir wünschen würde, die „normale“ Fassade hätte nicht so eine große Bedeutung. Mir würde das das Leben erleichtern, ich müsste nicht so oft einen Schlingerkurs hart an der Verleugnung vorbei fahren. Offenheit ist so viel leichter, energiesparender. Offenheit ist ja etwas anderes als Schroffheit. Und auch ihm und seiner Frau, wäre es für sie nicht auch leichter, sich selbst unangenehme oder „peinliche“ Dinge zuzugestehen?

Ich kann nachvollziehen, warum sie lieber die „Alles ganz normal“Tour wählen, gerade in ihrer Generation. Es ist trotzdem einer der kurzen, aber intensiven Momente, wo ich gern ein kleines autistisches Stückchen von mir verschenken würde…