Quickshot /Plötzlicher Schub

„So what“, sagte mein Leben. „So what, du willst doch nicht ernsthaft jetzt zum Plätzchenbacken übergehen oder anderweitig besinnlich werden. Hier, eine neue Challenge!“

Sprach, schnippte mit dem Finger und sandte mir übers Wochenende drei Nüsse zu Knacken.

Die erste Aufgabe hatte ich am meisten gescheut, und sie wurde schön und einfach. Ich ging in die Sprechstunde und traf die Lehrerin, die zufällig alle meine Kinder unterrichtet. Und mit deren Autismus gar kein Problem hat. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes und lächelte nur über kommunikative Hürden, weil sie den guten Willen und das Wissen dahinter wahrnimmt. Die Klasse sei lieb, die Kinder eine Bereicherung, und Kinder dürften sich entwickeln. Puuh… Ich: happy.

Nummer zwei war auch besser als erwartet. Ich war zur Autismusfachtagung, hörte Vorträge, traf bisher unbekannte Twitterer. (Als Zusammenfassung bitte https://autistenbloggen.wordpress.com/2017/11/13/2-autismus-fachtagung-in-rosenheim-12-11-17/ lesen, danke dafür). Am anstrengendsten daran erwies sich die lange Fahrt bei Regen. Nicht das lange Sitzen, nicht die vielen Menschen, nicht die sonst gefürchteten Pausen. Ich hatte schwer verdauliche Inhalte, eine steife Atmosphäre gefürchtet und komplizierte Interaktionen. Dass der persönliche Kontakt zu den mit-tweeties enttäuschend wäre. Ich fand: eine positive und konstruktive Stimmung. Experten, die ich am liebsten mit nach Hause genommen hätte. Differenzierende, Ressourcen betonende, wohlwollende Ansätze. Und Menschen, mit denen ich mich gleich wohlfühlte. Sowie das kostbare Gefühl, einfach ok zu sein.

Dafür wird die dritte Aufgabe unlösbar, jedenfalls kann ich nichts mehr beitragen. In Gegenwart meines Mannes übersah ich etwas, eine Einfachheit in seinen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich ihm nicht nur erzähle, dass ich anders ticke und das erste Mal, dass mein Verhalten nicht einfach mit zu wenig Anstrengung  erklärt wäre. Nein, es ist das erste Mal, dass ihm voll bewusst ist, dass ich anders bin, und fremd. Was daraus wird? Niemand weiss es, nur die Zeit. Ich kann nicht mehr erklären. Ich kann nur zusehen, wie meine bisherigen Erklärungen jetzt zu wirken beginnen. Und warten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gedankensplitter /Elli hatte Geburtstag

Runden Geburtstag. Und alle, alle waren eingeladen, zum vollen Programm. Alles das, was die Menschen hierzulande dazu notwendig finden: viel essen, trinken, Musik, lustige Einlagen, Diashows auf dem Beamer.

Ich hatte auf Twitter schon rumgenörgelt wegen dieser Veranstaltung. Weil ich schon vorher keine Lust hatte, nein, halt, stimmt gar nicht.

Ich freute mich schon auf das Fest, natürlich, warum auch nicht? So ein Misanthrop bin ich jetzt auch wieder nicht! Freute mich über die Einladung. Aber ich hatte aus Erfahrung auch Angst und Bedenken, wegen dem Lärm , dem gezwungenen Beisammensein, dem steifen Rumsitzen. Auch darüber hab ich mich auf Twitter ausgelassen: jeder, den ich fragte, war nicht erbaut von der Aussicht, aber alle sind sich einig, daß es sein muß.

Nur ist die Anstrengung für mich ungleich größer. Im Nachhinein habe ich die Feier ganz gut überstanden, ohne Kopfschmerzen oder ähnliches. Ich konnte mich weniger unterhalten als gewollt, weil die Geräuschkulisse zu laut und unstrukturiert war, aber ich hab mich im Verhalten wohl ganz gut angepasst. Dem üblichen Kindervergleich („Was machen deine so in der Freizeit, meine wasserskifahren ja in Hongkong!!!“) bin ich smart ausgewichen. Nur einmal die übliche Frage, ob ich wohl sehr müde sei, mit dem Unterton, ich solle doch lockerer sein: wo ich doch nicht müde war, nur eben weniger Mimik zur Schau stelle… geschenkt.

Und doch wird die Erinnerung mich ins nächste Jahr begleiten. Dann werde ich einen runden Geburtstag feiern. Gestern habe ich mich unwillkürlich an Ellis Stelle versetzt, und nichts passte daran. Elli ist zu 100% mein Gegenteil. Und sie ist extrem beliebt. Ich darf die letzten beiden Tatsachen nur nicht logisch verknüpfen… Ich bin weder sehr beliebt noch bekannt. Eine Feier, wo die halbe Stadt Elogen auf mich hält und witzige Anekdoten zum Besten gibt, kann ich vergessen.

Ich könnte den Spiess umdrehen, eine tief nachdenkliche Feier machen und alle mit meiner Autismus-Betroffenheit heimsuchen. Nein, will ich nicht.

Ich könnte ganz verzichten. Ich bin nahe dran.

Nein, ich möchte eine Feier, und ich möchte sie an mich anpassen. Vielleicht auch als Outing-Gelegenheit nutzen, aber auf eine leichte Art und Weise, die das Thema beiläufig und undramatisch anpackt und die mir erst noch einfallen muss. Was ich brauche? Ein Buffet, so daß niemand gezwungen ist, am Platz sitzen zu bleiben. Einen festen zeitlichen Rahmen, ein festes Ende. Weniger Gäste, aber darunter auch Gäste aus meiner Arbeitswelt- die Kollegen achten sich untereinander, und der Kontakt zu ihnen tut mir sehr gut. Meine Feier soll ein Abbild meines Lebens sein, da gehört die Arbeit dazu. Programm? Sicher, ein Film oder Musik soll sein, und ich halte irgendeine Art von Ansprache. Was darüberhinaus passiert, bleibt den anderen überlassen.

Ich war gestern von den Eindrücken angestrengt, und am Ende fast mutlos geworden, aber jetzt begreife ich das Ganze als Ansporn, für mich die richtige Form zu finden.

Quickshot /Ich hab dich vermisst

Zurück.

Ein Treffen mit alten Klassenkameraden. Es gab vorher schon Treffen, ich war erst jetzt eingeladen. Ich bin nach der Schule nie mehr an den Heimatort zurückgekehrt, und ich hatte nur sporadischen Kontakt zu wenigen, der sich bald aufhörte. Erst durch die sozialen Medien war ich wieder auffindbar.

Du warst nicht da. Niemand wußte, wo du abgeblieben bist. Seit der Schule nicht mehr. Nicht einmal Gerüchte gab es. Auf alten Klassenfotos warst du abgebildet, und manche lachten über dein Verhalten  so, wie sie dich damals wohl auch ausgelacht haben. Den meisten auf diesem Treffen warst du egal, und zwei oder drei wunderten sich mit mir und bedauerten deine Abwesenheit. Das Gespräch ging darüber, daß es doch angenehm gewesen sei, daß wir so unterschiedlich sein durften. Heute sei der Konformitätsdruck viel größer.

Ich hoffe nicht, daß das stimmt. Denn ich brauche für mch die Toleranz anderer Menschen für mein Anderssein. Ich selbst fühle mich auch viel wohler, wenn ich von unterschiedlichen Menschen umgeben bin. Ich habe herausgefunden, daß ich deshalb so gern in Großstädten bin: ich liebe die Vielfalt, und das man-selbst-sein-dürfen.

Bis ich zu diesem Treffen fuhr, habe ich auch kaum je über dich nachgedacht, du warst aus meinem Kosmos so  verschwunden wie alle anderen. Ich weiß nicht, ob du Autist bist. Ich denke aber doch, es spricht sehr viel dafür. Als ich losfuhr, fiel mir auf, wie sehr du meinem Sohn gleichst. So wie ich dich in Erinnerung habe, so still und unaufdringlich und doch sah man dir deinen inneren Reichtum an. Überall bist du im Hintergrund, du willst dabei sein – aber mehr Gemeinschaft gibt es nicht. Niemand interessiert sich für das, was du beizutragen hast. Und so konsequent, wie die anderen über dich hinweggesehen haben, so konsequent bist du dann deinen eigenen Weg gegangen, irgendwo, fernab. Ich wünschte, ich wäre nicht so mit meinen Problemen befasst gewesen, ich htte dich gerne besser gekannt. Denn sympathisiert habe ich mit dir, ich mochte dich.

Du hast einen Allerweltsnamen, leider. Ich würde dich sonst googlen, aber so habe ich keine Chance.

Schade.

Mögest du deinen Weg gefunden haben!

Grenzgänger

Ich bin ein Grenzgänger.

Lange Zeit hatte ich wilde psychologische Theorien, warum das so ist: meine Verwandschaft aus dem Ausland,  eine zerrissene Familie etc. etc.. Das kulminierte in einem älteren Kollegen, der zu mir sagte „So so, die Mutter ist ganz allein hier, und die Tochter studiert Psychologie“, mir bedeutend, daß ich irgendeine Traurigkeit meiner Mutter verarbeite. Heute weiß ich, das ist Unsinn.

Mein Leben verläuft, als ob ich stetig an einem Fluss entlangmarschiere, der die Grenze zweier Staaten bildet. Mittlerweile ist der Fluß so flach und ruhig, daß ich in seiner Mitte gehen kann.

Das war nicht immer so.

Das bleibt nicht immer so. Manchmal steige ich in Löcher, in Strömungen, verbreitert sich der Fluss, und ich kann den Weg zum Ufer nicht mehr abschätzen.

Grenzgänger heißt, in Bewegung zu bleiben. Aufrecht bleiben, konzentriert. Ich muß umherschauen, nach beiden Richtungen.

Es gibt vielleicht ein Lager, ein Dorf, aber keines, in dem ich bleiben kann. Ich habe gelernt, im Halbschlaf und im Blindflug weiterzugehen, denn ich kann mich immer nur kurz an einen Ort zum Ruhen beamen. Ich mache mal eine Strecke auf der einen Seite, dann ein paar Schritte auf der anderen. Ich kann auf keine Seite verzichten.

Ich gehe immer weiter, und was ich zufällig finde, nutze ich so gut es geht; und was ich brauche, muß ich in irgendeiner Form finden. Ich muß es sehen lernen, denn es findet sich selten so, wie ich es mir vorstelle.

Das nimmt mir oft meine Toleranz für Menschen und Situationen, für die und in denen scheinbar alles mühelos passt, alles sich fügt, nur eine Alternative notwendig ist. Ich versuche, tolerant zu sein, denn die wenigsten Menschen sind wie ich. Aber mein Kopf denkt weiter, er sucht immer Muster, Chancen, er versucht, alle Ressourcen zu nutzen. Vom erwünschten Querdenker zum nervigen Querkopf sind es leider nur Nuancen…

Das fängt damit an, daß ich kaum je ein Lebensmittel wegwerfe, ich koche den Rest nochmal, und dann den Rest vom Rest. Das geht weiter damit, daß ich in politischen Diskussionen immer beim Gutmenschenpart hängenbleibe, manchmal nur, weil mich Einseitigkeit stört, auch wenn ich kein Naivling bin. Es endet (vielleicht) damit, daß ich nur kurz ärgerlich bin, wenn etwas schiefläuft oder auch mir weggenommen wird. Denn in einem Fluss schwimmen einem oft plötzlich Dinge davon, zu oft schon habe ich mich schnell anpassen und umorientieren müssen. Dann muss es anders weitergehen.

Ich kann ja schlecht stehenbleiben, so, mitten auf der Grenze.

Gedankensplitter /Eintauchen

Ja, manchmal kann entschließe ich mich auch, eine Anstrengung freiwillig auf mich zu nehmen, von der ich zuerst nicht weiß, wie ich sie überstehen soll.

So war ich kürzlich in einem Vortragsabend. Dem Kind zuliebe, das daran beteiligt war. Es war sehr heiß gewesen, keine Lüftung,  ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir und leichte Migräne. Aber es war ausgemacht, also ging ich hin.

Ich fand mich wieder in einem Bad aus Seelenfrieden, so es denn so etwas gibt.

Ich kam an, und ich fand viel Vertrautes vor, und nichts davon war ärgerlich oder ängstigte mich, nichts davon strengte mich an. Ich tauchte einfach ein.

Ich trat ein und ließ mich am Beckenrand nieder, neben vertrauten Gesichtern. Andere sah ich hier und da und grüßte. Der Veranstaltungsleiter erkannte mich wieder und lächelte mir sehr freundlich zu. Das Kind konnte ich loslassen. Ich war da, das reichte, alles andere machte es selbst. Das Wasser bewegte sich sachte, eine schon vorher dutzendfach erlebte Abfolge von Ansagen und Darbietungen, wie sachte Wellen.

Musik, und das banale Wort kann nicht wiedergeben, wie ich mich getragen fühlte. Als ob ich toter Mann spielte. Ich saß und hörte, erkannte wieder, erinnerte mich, wie schön Musik ist und wie schön es wäre, wieder selbst mehr zu musizieren. Und natürlich betrachtete ich die Unterwasserwelt, sah ruhige gleichmütige Wale, vielfarbige Barsche, einen Hai, der sich zu meiner Überraschung in einen Delphin verwandelt hatte, viele wuselige Kleinfische, und einige prachtvolle Oktopusse, die souverän ihre intensiven Farben und Bewegungen demonstrierten.

Ich stieg aus, schüttelte das Wasser ab und machte mich erfrischt auf den Heimweg.

Alles ganz normal

Eine der kurzen, nur minutenlangen Sequenzen, die trotzdem für mich alles aussagen können.

Sonntag vormittag, alle im Haus verteilt. Ich höre Stimmen im Garten, eine Sekunde später kommt mein Mann mit einem älteren Bekannten herein, der etwas zurückbringt. Mein Sohn, der mich gerade ansprechen wollte, ringt sich noch ein „Hallo“ ab, ehe er elegant und als ob er es eh vorgehabt hätte, um die Kurve biegt und die Treppe hoch verschwindet. Der ältere Bekannte, der kurz stutzt und sich etwas darüber lustig macht. Immerhin, er ruft keine Bemerkung der Art „als ich so alt war wie du, konnten wir uns noch benehmen“ hinterher. Ich, die ich froh bin, daß er mich bei der Hausarbeit antrifft und so einen erwünschten Eindruck hinterlasse. Mein Mann, der ihn gleich etwas Technisches fragt, denn er ist ein „Machler“. Einer der handwerklich Versierten, die hierzulande jede Familie in der Hinterhand hat, um sich in allen Lebenslagen zu behelfen. Die Kinder in den Zimmern, so lange sie seine laute Stimme hören, bleiben sie dort auch, mit Sicherheit. Drei Minuten später ist alles erledigt, er verabschiedet sich.

Alles normal, so weit? Wir die Aliens, die ihm mit Müh und Not eine für ihn kompatible Fassade anbieten können? Denn obgleich er mit unserer Familie gut bekannt ist, habe ich weder ihn noch seine Frau jemals irgendwie andeuten hören, etwas sei nicht in Ordnung. Nein, alles ganz normal. So wie es sein soll.

Doof nur, daß ich weiß, daß auch andere sich über seine ruppige Art aufregen, über seine manchmal distanzlosen Kommentare. Daß seine Frau ein TV-Junkie ist, die ihr Leben scheinbar in der Öffentlichkeit verbringt, aber mit großer Erleichterung die Tür hinter sich und ihrer Küche zumacht, um zu sein, wer sie ist. Daß ich weiß, daß er sich darum sorgt, aber nichts daran ändern kann, er also mit seiner Sorge neben ihr her lebt. Und selbst aufblüht, wenn er einmal im Jahr mit Kumpels in Urlaub fährt.

Kommt das so an, als fände ich ihn unsympathisch? Das wäre schade, denn im Gegenteil, seit ich ihn mit leuchtenden Augen über seine Urlaube habe sprechen hören, ist er mir sehr sympathisch. Und dankbar für seine technische Hilfe bin ich sowieso.

Aber es ist einer der scheinbar unausweichlichen Momente, wo ich mir wünschen würde, die „normale“ Fassade hätte nicht so eine große Bedeutung. Mir würde das das Leben erleichtern, ich müsste nicht so oft einen Schlingerkurs hart an der Verleugnung vorbei fahren. Offenheit ist so viel leichter, energiesparender. Offenheit ist ja etwas anderes als Schroffheit. Und auch ihm und seiner Frau, wäre es für sie nicht auch leichter, sich selbst unangenehme oder „peinliche“ Dinge zuzugestehen?

Ich kann nachvollziehen, warum sie lieber die „Alles ganz normal“Tour wählen, gerade in ihrer Generation. Es ist trotzdem einer der kurzen, aber intensiven Momente, wo ich gern ein kleines autistisches Stückchen von mir verschenken würde…

Die alte Leier

Die gute Nachricht: ich hab mir Zeit und Geld freigeschaufelt, mich in einem VHS-Kurs zu einem Hobby angemeldet und bin auch hingegangen. Ich hab auch fest vor, dabei zu bleiben.

Ich hab ich mir auch alles schön ausgemalt: endlich zugesagt, was ich schon lang mal ausprobieren wollte. Mit dabei hauptsächlich andere Damen meines Alters, die ich zumindest vom Sehen ein bisschen kenne und die nicht unsympathisch sind.

Die schlechte Nachricht: meine F*ing sch*blöde autistische Art bremst mich schon wieder aus.

Vielleicht nicht mal so offensichtlich. Obwohl. Doch. Etwas irritiert sind die anderen dort schon von mir, jedenfalls sprechen sie mich betont vorsichtig an. Die Glaswand baut sich schon auf…

Und wiewohl ich mich natürlich bemühe, mich anzupassen, reinzupassen, nicht anzuecken und die Kommunikation nicht auszubremsen durch mein Talent, zu verstören: es gelingt nur halb, und sieht auch nur so aus.

Innerlich muß ich mich durchkämpfen und mir Geduld einreden.

Wenn ich nicht erkennen kann, wer zu wem wie steht. Warum in diesem Kreis so viel andächtig kulturelle Aspekte bestaunt werden und so wenig spontan geredet wird oder warum ich als Einzige mal einen Scherz mache. Passiert mir sonst nie.

Wenn ich keinen Hinweis bekomme, was ich tun muss, um in die WA Gruppe zu kommen, und mir direktes Nachfragen noch zu früh scheint.

Wenn ich wieder mal mein Zuhören erzwingen muss, weil andere Leute es scheinbar geniessen, dasselbe Detail wieder und wieder hin und her zu wenden. Ich nicht einsehen mag, dass ein Gespräch nur den Zweck gar, sich gegenseitig zu bestätigen, und inhaltlich wertlos oder banal ist.

Wenn ich mich auf die Zunge beissen muss, nicht ellenlange Sätze von jemandem selbst vorschnell zu Ende zu sprechen oder eine Information einzuwerfen, die seit gefühlt 100Minuten überfällig ist – weil ich damit die Pointe töte.

Wenn ich mich schnell und zielgerichtet an meine Aufgabe mache, und ich es nicht schaffe, die gleiche abgeklärte Arbeitshaltung wie der Rest zu zeigen.

Wenn ich mich über eher skurrile Einfälle meinerseits freue (brainstorming ist doch spannend?), und im Hintergrund ratlose Blicke spüre.

Ich fuhrwerke wie ein übereifriges Kleinkind unter Erwachsenen…

Präventives Auskotzen…

… bevor die Draussen-Saison richtig losgeht… Vielleicht hilft es ja, wenn ich mich jetzt schon über alles ärgere, dann bin ich schon mal darauf eingestellt und kann nur noch positiv überrascht werden?

Eine Nachbarin arbeitet dieser Tage oft im Vorgarten. Wenn ich vor die Haustür gehe, kann ich sie fast nicht ignorieren. (Ich versuche es doch, muß ich zugeben…). Zufällig hatten wir einen Prospekt, den sie gerade brauchen konnte. Also dachte ich, sei nicht unsozial, bring den schnell rüber.

Um dann eine Viertelstunde am Gartenzaun festgetackert zu sein, und keinen höflichen Weg zu finden, wieder wegzukommen. In dieser Zeit habe ich mich von Minute zu Minute mehr aufgeregt, und als mein Mann mich später lobte für meine spontane Kontaktpflege, habe ich mich noch mehr aufgeregt.

Wie das sein kann, wegen so einer Lappalie? Ihr müsst wissen, die Nachbarin ist eine nette Frau mit sympathischen Ansichten, die Wert auf ein gutes Auskommen legt. Ich mag sie auch. Nur jetzt stand ich da und wälzte einen Gedanken: Warum gilt ihr Verhalten als normal, als „eigen“, aber nett, warum muß ich ihr Verhalten so akzeptieren, wie es ist – andersrum muß ich aber mein eigenes Verhalten ständig hinterfragen, und darauf achten, daß ich nicht zu seltsam wirke?

Die Frau redete nämlich ohne Punkt und Komma, immer in einem lehrerhaften, besserwisserischen Ton auf mich ein. Fing immer wieder von neuen Themen an, ließ mich keine Sekunde aus den Augen, und reagierte nicht auf meine eingestreuten „Gut, dann“s und mein halbes Wegdrehen, mit denen ich klarmachen wollte, daß in der Küche Arbeit auf mich wartet.

Ich empfand die hohe, etwas quietschige Stimmfrequenz und den dauernden Blickkontakt als sehr unangenehm. Aber wäre ich etwas abrupt gegangen, gälte ich wieder mal als unhöflich. (Gelte ich wahrscheinlich eh schon, denn sehr sinnvolle oder interessierte Gesprächsbeiträge sind mir nicht eingefallen.)

Aber so geht hierzulande „höflich“ und „umgänglich“:  in Kauf nehmen, als normal betrachten, aushalten, höchstens hintenrum schimpfen. Nachbarn, die so laut reden, daß ich drei Gärten weiter die Unterhaltung verstehe. Laute, nörgelige, penetrante Stimmen. Der Nachbar, der hundert Mal an einem Nachmittag hin und her läuft, röchelnd und räuspernd, und umständlich sein Fahrrad repariert. Nachbarn, die hinter der Hecke drei Meter von mir entfernt still und ausdauernd Rasenkanten trimmen und dabei alles von mir mitbekommen, was ich wie rede, um mich dann beim nächsten Treffen wie zufällig darauf anzusprechen. Nachbarn, die einem im Gespräch dauernd ihre Begeisterung für was auch immer antragen und kein Verständnis und keine Toleranz für den eigenen way of life entgegenbringen. Die mir ungefragt Erziehungsziele mit auf den Weg geben. Die sich scheinbar einig sind, was „man“ alles wie handhaben muß, anders „kann“ es ja „gar nicht sein“, denn „wie soll es denn anders gehen?“.

Ich liebe meinen Garten, und ich würde liebend gerne mehr persönlichen Umgang mit den Nachbarn pflegen, würde es mir nicht jetzt schon, zu Beginn des Frühlings, wieder gegen den Strich gehen, daß ich dafür meine eigenen Wertmaßstäbe und Vorlieben hintanstellen muß. Ich weiß, ich muß ein Gutteil meiner selbst verstecken oder damit klarkommen, abgelehnt zu werden.

Ist so, bleibt so. Etwas anderes erhoffen, schadet mir.

Gestern war Welt-Autismus-Tag (der heißt doch so?!),  auf Twitter wogte eine Debatte hin und her, wie wir Autisten uns zu diesem Tag verhalten sollen: uns ganz laut und präsent einklinken, oder aus Protest gegen diverse Organisationen „laut und hörbar“ schweigen. Ich weiß nicht, welchen Unterschied es wirklich macht? Daß der professionelle Umgang mit Autisten von Lehrern, Erziehern, Therapeuten etc. besser wird, ist natürlich extrem wichtig und da glaube ich an einen Einfluß der Aktivisten, unbedingt. Aber privat glaube ich, wird die oben beschriebene Schieflage bleiben. Da muß jeder als Einzelkämpfer seinen Weg finden.

Wieder einrichten

Twitterte ich neulich, daß ich leider, leider nicht zum hiesigen Faschingszug gehen kann, weil ich Geburtstagsvorbereitungen treffen muß. Stimmte auch. Auch mein Mann ging nur jemand anderem zuliebe hin, ohne wirklich Spaß daran zu haben.

Ich müsste mir also gar keinen Kopf darum machen, ich hab die Zeit zuhause gut ausgenutzt.

Aber zu sagen, alles in Ordnung, alles kein Problem, wäre zuviel gesagt. Denn traurig war ich zuhause trotzdem. Ich bin in letzter Zeit sehr in die Inaktivität gerutscht, auch zuhause. Ich war länger krank (also, für meine Verhältnisse), es gab viel Streit und Stress an mehreren Stellen, mit dem ich mich auseinandersetzen musste. Und immer kamen Dinge dazwischen. Das Resultat: ich hab viel von meiner Struktur außer Haus verloren, war nur noch zuhause, und dort immer ideenloser.

Andersrum bin ich aber auch nicht depressiv. Es mag nach außen hin so aussehen, ja. Aber Depressionen entwickeln sich, wenn ein Sinnlosigkeitsgefühl da ist, dem man immer mehr nachgibt.

Das kann ich nicht von mir sagen. Ich hab mich aus oben genannten Gründen mehr zu Hause aufgehalten, nicht weil es mir sinnlos oder irgendwas erschienen wäre, im Gegenteil. Ich sehne mich nach der Zeit vor ein paar Monaten zurück.

Es fällt mir nur sehr schwer, mich jetzt wieder darin einzurichten, den alten Kurs wieder einzuschlagen. Dabei geht es mir noch gut, ich habe eine Familie um mich, die mich unterstützt und mich motiviert. Aber mir fehlt der Freundeskreis, die beste Freundin, die Sporttruppe, der Stammtisch. Daran hat mein Autismus wieder mal großen Anteil.

Wenn ich mich z.B. in den Sportkurs aufmachen würde, oder auch wenn ich mit Bekannten essen gehen würde, müßte ich mich vorher darauf einstimmen. Ich müßte mir sozusagen eine passende Persona aus dem Schrank holen und aufsetzen. Das geht ganz unwillkürlich. Ganz ungefiltert kann ich dort nicht sein. Nicht, ohne kritisiert zu werden, schief angeschaut zu werden oder ohne daß jemand mir Hilfe aufdrängt. Das braucht Kraft und geht kaum spontan.

Und ich muß allein. Es gibt eben keine Bekannte, die nachfragt, keine Freundin, die mich auffordert, wieder zu kommen. Es gibt nicht einmal das Gefühl, jemand registriert meine Abwesenheit. Das ist grob übertrieben, schon klar. Natürlich registriert es jemand. Natürlich freuen sich Menschen, mich wieder zu sehen.

Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Das weiß ich erst, wenn ich mich wieder allein aufgerafft und wieder in meine alten Bahnen begeben haben werde.

 

 

If you want to sing out, sing out!

(Oder: Nachtrag zu einer twitter-Diskussion. Ich verzettel mich nur, wenn mehr Leute intensiv über ein Streitthema twittern, deshalb hab ich hier ein paar Gedanken zusammengefasst.)

Der Titel entstammt einem meiner früheren Lieblingslieder. Es stammt aus dem, sehr lebensweisen,  Film Harold & Maude, in dem sich ein exzentrischer junger Mann und eine 80jährige zusammenschließen bis zum bitteren? schönen? Ende.

Im Lied und im Film geht es darum, daß ein Mensch sich für das Positive im Leben aktiv entscheiden muß. Und es geht darum, daß ein jeder eine kostbare Individualität sein Eigen nennt und es seine Aufgabe ist, daraus sein Selbstbewußtsein zu ziehen – auch wenn er sich wie ein unscheinbares Gänseblümchen fühlt. Oder wenn er am Rand der Gesellschaft steht, wie dieser komische junge Mann, der seine gesellschaftlichen Chancen scheinbar mutwillig wegwirft, oder die ehemalige KZ-Insassin, die mit ihm eine Liebschaft eingeht.

Ich bin nun lange genug Psychologin, um zu wissen, daß sehr viele Menschen mit diesem Thema kämpfen. Manchmal sehen meine Patienten einfachste Lösungen nicht und kreisen in sehr engen Käfigen, weil sie so strikt eingetrichtert bekamen, auf gar keinen Fall vom Durchschnitt abzuweichen. Sie sind überrascht und unglaublich befreit, wenn sie merken, daß sie auch mal anders, nonkonform sein können, und die Welt deswegen nicht zusammenbricht: im Gegenteil, daß sie daran wachsen können. Es ist mein Ziel, sie zu einem ganz persönlichen Weg zu ermutigen und ihnen Angst zu nehmen. Ich gehe auch privat allem Gehässigen aus dem Weg – unser Ort ist klein genug, daß ein paar schräge Vögel dazugehören, und ich war u.a. schwer beeindruckt (und gerührt), als unsere Kindergärtnerinnen das Thema „Andersartigkeit akzeptieren“ mit den Minis als Theaterstück bearbeiteten…und meinem autistischen Sohn die Chance gaben, darin eine Rolle zu spielen.

Eigentlich könnten sich alle einig sein, irgendwie…

Wenn so eine Diskussion zwischen NT und Autist trotzdem schiefgeht, wie gerade auf twitter geschehen, dann liegt das, glaube ich, daran:

  1. Die Starrköpfigkeit von Autisten sieht nach Selbstmitleid aus, wenn sie gute Ratschläge anzweifeln oder zurückweisen. Nein, bitte: das ist kein Selbstmitleid im Sinne eines „nö, ich änder mich nicht, dann sollen die anderen sich doch mehr anstrengen“. Auch kein „ich armes Schwein“. Was so pessimistisch ankommt, spiegelt die tief, tief, tiefsitzende Erfahrung von Menschen, die seit Geburt chronisch erleben mussten, daß sie nicht dazugehören und nichts ihnen da raushilft. Und die in der Regel erst spät diagostiziert wurden. Als ich den Film sah, war ich etwa so alt wie Harold. Ich wußte nichts über Autismus, schon gar nicht über meinen, das lag noch über 20 Jahre in der Zukunft. Aber ich wußte, daß ich scheinbar immer verkehrt war, und daß meine Anstrengungen, akzeptiert zu werden, sich manchmal in Sekundenbruchteilen ins Gegenteil verkehrten. Natürlich war ich dankbar über eine Sichtweise, die jedem Menschen Akzeptanz zusicherte. Und ich war erleichtert, daß meine Freundinnen dem zustimmten. Jedenfalls theoretisch. Praktisch war meine soziale Umwelt für mich nicht zu kontrollieren, außer, ich spielte jemanden, der ich nicht bin. Das ist sie immer noch, trotz meiner geballten Psycho-Erfahrung. Mit so einer Ausgrenzungserfahrung im Kopf, ist man ganz wörtlich wie ein geprügelter Hund, der lange schnuppert und überlegt, bis er sich wieder streicheln läßt. „Sich einfach trauen“? „Geht allen so“? „Was soll daran so schlimm sein“? Ja, aber, wenn du meine Erfahrung in den Knochen hättest… Ich bete für meine Kinder, daß die frühe Diagnose ihnen und den nächsten Generationen hilft, nicht so einen Berg aus Mißtrauen und „ich schaff es einfach nicht“ in sich aufzubauen!
  2. Autisten gehen, noch dazu in einer rein virtuellen, super verknappten Diskussion, viel zu konkretistisch auf die Beiträge ein. Es ist ihnen ja eben schon im sog. normalen Leben schwer, eine inhaltliche Aussage in ihrem Beziehungskontext zu interpretieren. Ihr Gegenüber will aber erst mal hauptsächlich Aufforderung und Ermunterung verbreiten und ist nicht so im Detail des Wie gefangen. Autist vergißt, zu fühlen und zu äußern, daß man den guten Willen wohl schätzt – und NT ist frustriert, weil er scheinbar absichtlich nicht geschätzt wird. Doch, würde er schon, aber Autisten können eine nicht explizit ausgesprochene Sympathiebezeugung eben kaum erkennen.
  3. Es gibt Punkte, die sind nicht teilbar zwischen NT und Autist, man kann sich an einigen Punkten gegenseitig nicht einfühlen.
  4. Es gibt im Leben überall A….löcher, die sich wohlfühlen, wenn sie auf wen anders rumhacken können – und es braucht lange, zu lernen, diesen kein Futter zu geben. Allein schafft man es manchmal nicht. Mobbing ist kein autistenspezifisches Thema, aber das Risiko ist doch höher als bei NTs.

 

Falls ihr bis hierher gelesen habt: VIelen Dank!!!

Genießt den Song…