Quickshot /Nicht ansprechen, bitte!

Die Frage kam auf, warum ein Autist freiwillig lieber alleine wohnen möchte, obwohl er in einer harmonischen Beziehung ist.

Ich kann das mittlerweile gut nachfühlen. Ganz früher, als Kind, und als Alleinstehende, war da nie ein Problem. Meine Eltern waren irgendwo, ich lebte einfach mein eigenes Ding. Und früher, vor meiner Autismusdiagnose, war da immer nur ein konstantes, ungutes Gefühl, das sich schon bei der Aussicht, längere nicht vorgeplante, also mit spontanen Inhalten zu füllende, Zeit mit jemandem verbringen zu müssen, in Panik verwandelte. Anlass, zu grübeln und fieberhaft zu sammeln, wie das gehen könnte, was man alles reden kann etc etc.. Panik, in einem ungünstigen Moment (heute weiss ich, in einem „unmaskierten“ Moment) blöd rüberzukommen, einen schlechten Eindruck zu machen und wieder mal jemanden zu enttäuschen.

In diesem früheren Beitrag hab ich versucht, mit Humor die Tücken zwischen NT und ND zu skizzieren. In einem späteren Beitrag hab ich dann nochmal ausgeführt, wie beengt ich meine momentane Lage empfinde. Autistisches Rückzugsbedürfnis, Mütterfalle und Berufstätigkeit koalieren miteinander und gegen mich. Sicher könnte man da noch ganz viele bunte Beispiele anführen, um diese Probleme plastisch zu machen.

Aber je älter ich werde, desto mehr habe ich das Bedürfnis, einfache Lösungen zu finden, statt komplizierte psychologische Theorien zu wälzen. Ich habe ein, zwei Tage beobachtet. Zur Zeit bin ich im Urlaub, es ist viel zu tun, viel zu erledigen, jeder Tag neu zu planen, und ich bin gestresster als in der Arbeit. Nichts Neues für Autisten. Ich bin aber auch viel dünnhäutiger als sonst, so daß mein (NT-)Mann schon irritiert ist. Ich fühle mich kritisiert, er möchte das gar nicht. Deswegen, und weil meine Kinder ähnlich empfindlich reagieren, denke ich mir folgende Gründe:

  • der Tagesablauf spielt für uns beide eine völlig andere Rolle. Ich folge fixen Plänen, weil es mir so leichter und sicherer fällt. (Ich bin nicht zwanghaft!). Mein Mann handelt nach Stimmung. Ich muss mir klarmachen, daß er seine Wahlfreiheit genießt, er muss sich klarmachen, dass ich spontane Angebote meide, weil mich die Umstellung Kraft kostet und nicht, weil ich die Angebote an sich doof finde.
  • manche Probleme löse ich unkonventionell, weil ich nach logischen Lösungen suche, und nicht danach, was man so macht. Und wenn diese Lösungen funktionieren, mag ich sie mir auch nicht ausreden lassen.
  • viel, das Meiste eigentlich läuft schief einfach aufgrund der unterschiedlichen Funktion, die Sprache für uns hat. Ich brauche Sprache kaum, um Kontakt aufrechtzuerhalten. Gesagt ist gesagt, reicht, basta. Mein Mann fragt oft nach, wiederholt, übertreibt oft, ohne das wirklich so krass zu meinen. Ich (und die Kinder) bin von seiner Sprache irritiert, fühle mich unterbrochen, gegängelt, kritisiert, statt das Interesse zu registrieren. Er fühlt sich von mir (uns) abgelehnt oder ignoriert, weil er nicht weiß, daß wir uns gegenseitig spüren und schätzen, auch ohne ein Wort zu wechseln.

Ich glaube, damit ist das meiste schon gesagt. Ich bin aufgrund meiner sehr späten Diagnose in mein jetziges Leben reingewachsen. Wären mir diese Dinge früher so bewußt gewesen, ich weiß nicht, ob es genauso gekommen wäre, oder ob ich jetzt allein wäre. Ich denke nicht, aber die Entscheidung wäre eine ganz andere gewesen, definitiv.

Gedankensplitter /Grün beruhigt

„Hörst du das? Das ist ein Amselkind, das ruft.“

„Die Spatzen schimpfen schon wieder.“

„Guck, da, vor dem Fenster, da ist der Salbei, hol mal bitte 5 Blätter!“

Ganz normal, nicht? Garten in der Kleinstadt halt. Hat man hier so mit ein paar Euro mehr.

Für mich ist es immer noch nicht normal. Deshalb hier, ganz offiziell, und hoffentlich hört er es auch: „Mein innigst geliebter Garten, ich liebe liebe liebe dich und brauche dich und schätze dich!“

So gar viele Euro hatten wir gar nicht, deswegen ist es ein kleinerer Garten, rundum von Nachbarn belagert. Wirklich allein oder unbeobachtet bin ich hier nie. Er reicht für Blumen, ein paar Kräuter, Salat und Tomaten. Er reicht für einen Stammplatz, an dem ich sitzen kann mit meinem Kaffee und einen nahen Blick auf die Bienen im Thymian habe. Er reicht auch für Überraschungen jedes Frühjahr, wenn die Pflanzen mir ihre über den Winter gefällten Entscheidungen mitteilen, wer neu hergezogen ist und wer umgezogen ist, und ich daraufhin meine Pläne ändere. Was ich gerne tue.

Mein Garten ist mein Luxus, ich bekomme von ihm seltene Düfte, Bioobst und Biogemüse. Er ist mein Entschleuniger, nirgendwo sonst genieße ich es, „achtsam“ rumzustehen und nur zu schauen. Erst in der Ruhe kann man sehen, was sich wirklich an unzähligen spannenden Kleinigkeiten zeigt. Es gibt jeden Tag Neues zu entdecken, wenn der Blick nur konzentriert genug ist. Oder die Nase, oder die Ohren. Für mich ist der Garten auch eine Art Kumpel, ich führe eine Art Dialog mit ihm. Wie zwei Handwerker an einer Baustelle, die debattieren, welches Werkzeug jetzt angebracht ist. Im Zweifelsfall setzt er sich durch…

Und er ist, und das fällt mir zur Zeit auf, ein Spiegel für Entwicklungen, die in flachen langsamen Wellen durch mein Leben ziehen. Als Kind und Jugendlicher war so ein Garten für mich fremd, das gehörte den bürgerlichen Eltern meiner „Freundinnen“. Nicht für mich. Symbol derer, die via ihrem Stückchen Grün und ihrer Bürgerlichkeit auch dazugehören. Sorry, wenn ich hier prekär wirke, aber es fällt mir jetzt im Nachhinein auf, wie ich tatsächlich in mehreren Ebenen „abgehängt“ war. Später hatte ich ein kleines gemietetes Stückchen und tat, mit einem geschenkten guten Standardwerk („Der Biogarten“), meine ersten Versuche. Glücklicherweise klappte alles recht schnell. Die Phase der Gestaltung mit Strukturpflanzen war kurz, der Flirt mit Kiesflächen blieb Imagination, und der Trend hin zu Bio und diversitätsfreundlich nimmt zu. Ich habe wirklich keine große Geduld und keinen grünen Daumen, aber was hilft, ist, daß ich das meiste an Gestaltung selbst entscheide und daß ich in Ruhe abwarten kann, was überhaupt funktioniert. Ich pflanze einfach nichts, was kompliziert zu pflegen ist, und nichts Exotisches. Dafür werde ich mit Reichtum belohnt, ja, ich nenne es so, ich empfinde es so. Der Erdrauch, der von alleine kommt, die Veilchen, die es sich im Rasen gemütlich machen, die Dutzenden Insekten darauf, für mich ist das kein ideeller, sondern reeller Reichtum. Natürlich habe ich jetzt auch jederzeit ein Gesprächsthema,  mit dem ich meine bürgerliche Zugehörigkeit demonstrieren kann und mich selbst mit meinen Erfolgen dekorieren.

Und nicht zuletzt, siehe oben – mein Garten und mein Leben mit ihm ist Teil dessen, was ich meinen Kindern weitergeben darf. Manchmal rollen sie die Augen, manchmal lächeln sie etwas über mich, manchmal kann ich sie beeindrucken. Aber immer wissen sie, ich möchte meinen Schatz mit ihnen teilen und ich möchte gerne, daß sie etwas „fürs Leben“ lernen.

Genau so kitschig und hochtrabend, wie es klingt.

Genau so meine ich es.

Das Glück und seine Schmiede

Und es begab sich zu der Zeit, daß sich soziale Events häuften und ich in kurzer Zeit mehr als ein halbes Dutzend Male irgendwo mit mehreren Menschen beim Essen saß, ganz unterschiedliche Runden saßen beieinander. Keine davon war unangenehm! Das letzte Treffen war sogar ausgesprochen schön. Ich komme nochmal darauf zu sprechen.

Einmal war ich allein mit den Kindern beim Essen. Wir sprachen über aktuelle und künftige Pläne, der Schulabschluß eines Kindes nähert sich rasant. Ich beantwortete Fragen, erzählte meine Erfahrungen, gab Ratschläge, akzeptierte Vorschläge, es wurde ernst, aber freundlich gesprochen, gewitzelt, ausgetauscht. Auf der Rückfahrt wurde mir wortwörtlich warm ums Herz, ich war stolz auf diese Kinder (jungen Erwachsenen), ich liebe und schätze sie. Wir saßen vertraut in diesem Auto und teilten Zufriedenheit… Ich dachte, wenn mein Leben irgendeinen Sinn ergeben sollte, dann, weil es gerade so ist, wie es ist. Ich habe offensichtlich mitgeholfen, daß meine Kinder wissen, wer sie sind und was sie können. Anders als ich bei meinen Eltern, vertrauen sie mir auch heikle Dinge an, bitten um etwas, das sie brauchen, und sie sagen mir klar, aber höflich, wenn sie Kritik an mir haben. Vertraulichkeit, Sicherheit, Geborgenheit, ich traue mich, diese drei Begriffe zu gebrauchen. Ich weiss, meine Kinder fühlen und zeigen Liebe, ich bin sehr, sehr dankbar und freue mich für sie.

Das ist mir sehr wichtig. Denn an mir selber merke ich, wie fragil es wird, wenn so ein Vertrauen in sich und die anderen nicht selbstverständlich ist.

Also, bei diesem letzten Treffen saß ich neben einem alten, guten Bekannten. Ich spüre, er hat Achtung vor mir, und er schätzt mich. Er schätzt mich, seit er mich kennt, und er sagt das auch. Bei diesem Treffen war ich froh, ihn zu sehen, fast ein bisschen schwärmerisch. Wir lachten viel, wir lachten uns an, fußelten sogar… Wäre ich keine doofe Autistin, traute ich mich zu schreiben: wir flirteten. Deshalb fand ich es erleichternd, unbefangen und schön, dieses Treffen, einfach nur schön, und wie kann ich Worte finden für dieses warme, freie Gefühl, einfach da sein zu dürfen und jemandem ein wertvolles Gegenüber zu sein?

Übrigens, falls ich den Flirtgedanken weiterspinnen sollte – er endet stets an dem Punkt, wo eine Beziehung beginnen könnte, aber nicht kann, denn ich beende den Beginn mit dem Satz „Mit mir kann keiner glücklich werden“. Ich meine das auch so.

In der folgenden Nacht ging ich im Geiste alle Personen durch, die ich so kenne. Bei wem fühle ich mich denn glücklich, oder wenigstens wohl, oder zumindest nicht von vornherein falsch? Ich kam auf: einige Kollegen, von jetzt und früher. Alte Freunde bzw. Bekannte, siehe oben. Meine autistische Familie, die anderswo wohnt. Meine Kinder, wenn ich mich selbst nicht damit überfordere, NT sein zu wollen (smalltalk halten oder so). Vereinzelt andere Verwandte. Wer nicht dazu zählt: alle hiesigen Nachbarn. Die Schwiegereltern, die hier wohnen. Die Frauen hier, die Frauen von Bekannten und gleichaltrigen Mütter – also diejenigen, die mein täglicher Umgang sein sollten. Hier ist Kleinstadt, es wird erwartet, Freundinnen zu haben, diese Freundinnen. Aber von diesen Frauen gibt es scheinbar genau eine, die mich anerkennt, mit dem Rest bin ich verbunden, wenn in Whatsapp etwas geschrieben wird. Ich habe keine Ahnung, was wie wer sich sonst verbindet und vernetzt. Ich sollte vielleicht bei Gelegenheit öfter mit dem Mann mitgehen, in Männerrunden fühle ich mich viel wohler.

Das ergibt die paradoxe Situation, daß ich mich im sog. Alltag meist ausgeschlossen und falsch fühle. Die Menschen, die mir guttun, treffe ich viel seltener, so daß ich natürlich auf den dummen Gedanken komme, daß sie mich nur mögen, weil sie mich nicht so oft sehen und ertragen müssen. Ich weiss selbst, es ist ein dummer Gedanke, und ich kann Abstand nehmen.

Naja, die Zeit vergeht, und irgendwann habe ich wieder mehr Freiheit, meine Freizeit zu gestalten und mir die Schmiede zu meinem Glück selbst auszusuchen.

 

Vorsatz: Fairness

Ausnahmsweise, ein Vorsatz, für 2019 und darüberhinaus. Normalerweise wachsen meine Vorsätze langsam, bis sie reif sind, dieser fällt zufällig mit dem Jahreswechsel zusammen.

Fairness, von mir, für mich. x

Von meiner ausufernden Selbstkritik und dauernden Entschuldigerei, der „dunklen Seite“ auf die „helle Seite“ überwechseln. Weil es jetzt mal reicht.

Es gab Zeiten, da war ich erstaunt, wenn ich es mit irgendeinem Menschen den ganzen Tag lang ausgehalten habe. Es gab Zeiten, da versagte ich in den Praktika als Psychologin, wenn ich spontan einen Patienten etwas fragen sollte. Aber das ist jetzt mein Alltag. x

Beruflich rede ich mit Menschen. Dauernd, und verantwortlich, und ich muss spontan reagieren können, auf die verschiedensten Menschen, Patienten, Kollegen, Krankenkassen etc.. Offensichtlich kann ich das mittlerweile ganz gut. Das Bibelwort „Wer hat, dem wird gegeben“ trifft nicht nur die Begünstigten, die auch noch bevorteilt werden. Es trifft auch Menschen wie mich, die ihre Arbeit pflichtgemäß x und ohne weiteres Aufheben abliefern. Auch ihnen (mir) wird gegeben, nämlich noch mehr Arbeit.

Privat bin ich nie allein. Bevor wir unser Haus bauten, kam ich mit einer Arzthelferin darüber ins Gespräch. Ich merkte mir, was sie sagte: „Ja, bei euch wird es also wie überall, jeder hat sein Zimmer, nur die Mutter nicht!“. Ich kümmerte mich nicht weiter darum, aber erfasste wohl die Bedeutung trotzdem, denn ich merkte mir den Satz. Die Kinder waren da noch sehr klein, und selbstverständlich war ich immer mit ihnen befasst. Aber jetzt merke ich, was dieser Satz bedeutet. Mein Versuch, mir im Haus einen Rückzugsort zu schaffen, hielt keine zwei Wochen lang. Denn, s.o., kein Zimmer nur für mich. Ich bin immer ansprechbar. Ich bin immer unter Beobachtung, was ich mache, kann jederzeit jemand kommentieren. Meine autistischen Kinder sind 98% ihrer Zeit zuhause. Mein NT-Mann versteht sich nicht gut mit ihnen. Gespräche laufen meist über mich. Alle Streitgespräche zwischen Mann und Kindern landen hinterher bei mir, ich darf mir dann beide Seiten klagend anhören. x Ich hör mir ihre Spezialthemen an, ihre sich wiederholenden Fragen, die Sorgen des Mannes, und x toleriere, daß Kind1, wenn es im Zimmer ist, oft hin und her läuft, natürlich auch immer hinter meinem Rücken auftaucht. Ich halte aus, daß Kind2 alle fünfzehn Minuten in der Tür steht, reinguckt, zwei Sätze sagt und dann wieder geht.

Natürlich prägt mich das. Automatisch passe ich mich an; ich stückele meine Zeit, und ich muß mich für „größere“ Projekte, wie diesen Text, dazu zwingen, nicht im Vorhinein schon aufzugeben. Btw, die „x“ sind Störungen beim Schreiben.

Und jetzt ist es also höchste Zeit für mich, das auch als Arbeit anzuerkennen. Als eine Art von Höchstleistung. Für meine Sinne, die keine Stille bekommen. Für meine Konzentration, die immer wieder unterbochen wird. Tatsächlich, jetzt auch wieder x. Für meinen Selbstwert, der sich mit mir kleiner macht, wenn ich meine Bedürfnisse zurückschraube. Für meine psychische Ausgeglichenheit, wenn ich automatisch alle Schwingungen auffange und ausbalanciere.

Zeit also, mir das selbst richtig bewußt zu machen: mein Leben sieht ruhig und auch relativ ereignislos aus, aber was ich tatsächlich aushalte und dann auch noch immer wieder zu einer guten Lösung hinbiege, ist jede Menge. x

Was ich mache, braucht viel Kraft, x aber ich mache es gut. Hut ab vor mir selbst!

Ach Mutter …

 – die Angst nehmen – ein Kuss vor dem Einschlafen – Kuchen sonntags – das Leibgericht bekommen – Parfum – Umarmungen – ihr Gang, Bewegung, Silhouette, wenn sie das Licht löscht – Lachen – mitfühlende Tränen – stille, haltgebende Anwesenheit – ihre Worte, die einen Rahmen für das eigene Leben bilden –

In dem Buch*, das ich jetzt lese, sind alle diese Merkmale auf einer halben Seite Text aneinandergereiht. Es sind Beispiele dafür, wie und wodurch Menschen sich an ihre Mutter erinnern, was sie mit ihr verbinden. Ich verstehe sie als Beispiele für  Fürsorglichkeit oder Mütterlichkeit. Der Autor zählt sie auf, als er seine, geistig schon etwas verwirrte, Mutter besucht. Er kümmert sich um sie, um ihre Versorgung. Er beschließt, seine Familiengeschichte aufzuzeichnen, woraus sich dann der Roman entfaltet. Er betrauert den Verlust, der sich ankündigt, und genießt die Zweisamkeit und Vertrautheit, die jetzt zwischen ihnen existiert.

Als ich wiederum diese halbe Seite las, wurde ich mit einem Schlag ernüchtert, dann traurig, und ich pendele noch zwischen diesen Gefühlen hin und her.

Meine Mutter ist pflegebedürftig, sie ist dement, ich habe hier  beschrieben, wie es war, als ich sie eine Zeit bei mir beherbergt habe. Seither haben wir sie einige Male besucht, und immer ging es ihr gleich gut in ihrem neuen Heim. Erkannt hat sie uns wohl nicht ganz, aber wir konnten uns zusammensetzen und etwas Zeit verbringen. Mein Mann versteht nicht, warum ich sie nicht öfter besuche als alle paar Wochen, meine Schwiegermutter macht Vorwürfe. Meine Mutter habe mich großgezogen und sich gekümmert und hätte den Dank verdient, das gehöre sich schließlich so. Sicher, meine Unwilligkeit hat damit zu tun, daß jedes Mal ein Tag vom Wochenende drauf geht. Wohl auch damit, daß ich mit ihrer Demenz anders umgehe. Ich weiss ja, es geht ihr gut, und ich möchte sie nicht aus ihrem Rhythmus bringen.

Aber es sitzt tiefer. Als ich die Liste oben las, erkannte ich gar nichts wieder. Nichts. Ich kann mich gut an meine Kinderzeit erinnern: ich war in der Wohnung, in meinem Zimmer, gemeinsam vor dem Fernseher, es gab zu essen, meine Wäsche war gerichtet. Irgendwann wurde irgendetwas Oberflächliches gesprochen. Ich erinnere mich aber an nichts Persönliches zwischen uns. Meine Gefühle blieben bei mir. Kein Kuss, keine Aufmunterung, kein Bemühen, mir Sicherheit zu geben, kein Trost. Obwohl sie es sicher anders wollte. Sie war erschöpft, selbst unsicher in ihrem Leben, in einem fremden Land. Ich war ihr Kind, das ihr immer fremd geblieben ist, so fremd, wie ich mich heute noch fast überall fühle.

Gestern erst war ich auf einer Veranstaltung, zu der mein Mann und ich seit über zwanzig Jahren gehen, mit denselben Teilnehmern. Mir wurde erschrocken bewußt, wie wahnwitzig lange das schon ist, und wie unangemessen mein Empfinden, ich wäre in der Runde nur geduldet. Dabei muß ich in dieser Runde nur einen Millimeter aufmachen, dann spüre ich Vertrautheit und Interesse, ich kann in den Dialog gehen.

Mit meiner Mutter gab es keinen Dialog. Sie verstand mich nicht, und sie machte auch nie einen Versuch, näher an mich heranzukommen. Nicht mit Worten, nicht durch Fragen, nicht durch Interesse an meiner Welt, schon gar nicht durch Zärtlichkeit, sei es in der Berührung, sei es durch ein Anlächeln. Das Resultat daraus heute ist: Fremdheit. Eine Frau, die nett ist, die ich gut und schon lebenslang kenne, der ich aber nicht das Adjektiv „mütterlich“ zuordnen kann.

Manchmal blicke ich auf meine Kinder, die mal mehr, mal weniger mitteilsam sind. Ich habe nie eine Frage von ihnen verweigert. Ich frage vielleicht weniger oft bei ihnen nach, als gut wäre. Aber ich bin da, wir lachen viel, wir sprechen über alle möglichen Themen. Heute vormittag haben wir mehr miteinander geredet, als ich mit meiner Mutter in einem Jahr.

Ich habe Angst, dass es trotzdem nicht reicht. Ich möchte nicht, dass meine Kinder sich emotional allein fühlen.

Was bleibt, ist meiner Mutter gegenüber Pflichtbewußtsein und die Freude, ihr ab und zu etwas Gutes tun zu können. Weil irgendein Schicksal uns zusammengebunden hat, und für den Moment muss das als Motivation genügen.

*Christian Berkel, Der Apfelbaum

 

 

Quickshot /Bin ich einsam?

Auf den ersten Blick nicht, eigentlich…

Aber mein innerer Besserwisser steht schon stramm und weigert sich, nur ja oder nein zu sagen und spannt schon mal dreidrölfzig Dimensionen von Einsamkeit auf.

Luft holen. Es soll hier nur um das Real Life gehen, Menschen, mit denen ich persönlich zu tun habe.

Also, wenn ich einsam bin, dann ist das gut verdeckt. Ich bin ständig mit Menschen zusammen. Ich bin nicht isoliert, ich habe Menschen zum Reden, zum Chatten, wenigstens ab und zu. Meine Kinder zeigen mir ihre Zuneigung, wir reden viel, und sie unterstützen mich gerne. Kein Vergleich zu meiner Familie, damals. Ich mag sie, aber je weiter ich von damals entfernt bin, desto schmerzhafter wird mir klar, da war wenig Verbindung. Meine Mutter, Stiefmutter, Großmutter: sie standen neben mir seltsamem Mädchen, konnten mit mir nichts anfangen und ließen mich halt einfach so stehen. Sie wussten nichts, gar nichts von mir. So ist es bei meinen Kindern nicht. Da bin ich mir schon sicher.

Es mangelt mir auch nicht an sogenannter Anerkennung. Ich bekomme viel Anerkennung, ich weiss, was ich gut mache und wieviel ich leiste. Ich bin gut vernetzt am Arbeitsplatz, es menschelt dort auf eine angenehme Art und Weise. Und wenn ich von privaten Verabredungen unter Kollegen nichts erfahre, ist es nicht schlimm. Ich brauche Pausen, und ich weiss ja, sie mögen mich. Würde ich mich offensiver kümmern, wäre ich besser eingebunden, aber in meinem Leben hat das keinen Platz mehr.

Im Gegenteil, ich bräuchte mehr Zeiten, in denen ich allein bin, oder wenigstens Zeiten, in denen ich verlässlich allein bin. Denn ich weiss zur Zeit nie, wann ich meine Beschäftigungen unterbrechen muss für die Familie. Inktober läßt grüßen, im Schnitt 2 Minuten pro Bild… Sage mir keiner, ich muss mir die Zeit „einfach nehmen“. Meine Kinder haben keine Freunde. Sie haben mich, und die Katzen. Wenn ich da bin, bin ich ansprechbar.

Einsamkeit fokussiert sich für mich auf folgende Punkte:

  • der Gedanke, was wäre, wenn die tägliche Ablenkung fort wäre. Urlaub, Kinder aus dem Haus, Mann unterwegs. Dann ist da allerdings nichts mehr, dann muss ich mir etwas Neues aufbauen.
  • ab und zu fange ich an, zu vergleichen. Wenn in meinen 2½ Whats App Gruppen lange Pause ist, und ich daran denke, na klar, die brauchen das jetzt nicht, die sehen sich oft genug. Wenn ich ein schlechtes Gewissen bekomme – ich müßte viel öfter initiativ sein. Wenn ich merke, daß bestimmte Kontakte nur funktionieren, weil ich mich anpasse und maskiere. Das fühlt sich einsam an. Dann tröstet mich, daß es auch Gegenbeispiele gibt.
  • und schlußendlich ist es meine Überzeugung, daß am Ende jeder einsam ist. Am Ende heißt nicht nur ganz am Ende des Lebens. Ende ist für mich an jedem Übergang, an jeder wichtigen Entscheidung, die ich treffe. Dort bin ich, wie jeder, allein, mit mir und mit den Konsequenzen meiner Entscheidung. Ich möchte Entscheidungen treffen, sie öffnen mir neue Türen und geben mir Kraft. Aber manchmal bin ich dort auch verdammt einsam.

 

Quickshot /Was ich wirklich brauche

Ein kurzer Text, es geht nur um das vergangene Wochenende. 1,5 Tage davon, um genau zu sein.

In dieser Zeit war zwar Anstrengung dabei, da ich gestern Hunderte Kilometer gefahren bin, Terminunklarheit, neuer Ort etc etc. Aber die Anstrengung daran bedeutet im Nachhinein fast nichts. Denn ich bekam so viel von dem, was ich im Alltag so leicht vergesse und doch brauche. Mehr als die #3gutenDingedesTages…

Ich besuchte einen Ort, für mich, der mit meiner Jugend verknüpft ist. Eingedenk des Klaasentreffens, auf dem ich letztens war, mit einem positiven Gefühl, ein kleines Stück Identität neu einzuordnen.

Ich machte einen langen Spaziergang mit meinen autistischen Söhnen, eine absolute Seltenheit, die nur des Ziels wegen funktionierte, denn wir besichtigten etwas. Und weil wir nur zu dritt waren, wurde er wunderschön in dem Sinne, daß wir uns – da auch niemand in der Nähe war – 2 Stunden lang richtig austauschen konnten. Nein, keine Psychogespräche. Aber die Jungs konnten ihre Themen, ihre Gedanken, mal ausbreiten, ohne von Ungeduld und Augenrollen gestoppt zu werden. Wir konnten unseren eigenen, ruhigen, sachlichen Ton pflegen. Man kann sich auch ruhig widersprechen oder ein Thema begrenzen. Das tat richtig gut, bestimmt auch den beiden.

Wir kochten abends spontan „schwedisch“, und auch das liebe ich: das Gefühl, wenn die Kinder sich gerne dazusetzen, weil sie sich freuen und es ihnen schmeckt. Da bin ich ganz Mama…

Mein Sohn haßt Fußball, aber wir kennen uns, und wir machten gestern Späße darüber, statt uns gegenseitig überzeugen zu wollen, auf die andere Seite zu wechseln.

Ich habe wieder gemerkt, wie seit ein paar Wochen, daß ich Spaß habe, lange zu lesen und mir einen ganzen Nachmittag dafür Zeit zu nehmen. Ich könnte mich zu Besuchen zwingen, aber Kontakt habe ich weiß Gott genug ohne mein Zutun, genug nach meinen Kräften gemessen. Kann das jemand verstehen, wie schön es ist, die Ruhe zum Lesen wieder zu entdecken? Das war seit der Geburt der Kinder nicht mehr da.

Und heute Mittag saß ich im Garten, und es war ruhig, und ich hörte nur und schaute nur. Plötzlich eine Bachstelze, da eine Drossel, beide lange nicht gesehen. Und ein Gefühl von Entspanntheit, nein, von Ruhe und Tiefe. Ich genoß das pure Sitzen und Wahrnehmen, das Versinken in Details, die aus den Gartenecken kamen.

Und das ist, was ich wirklich brauche: Zeit. Zeit, zu mir zu kommen, mein Selbst wieder zu spüren. An meinem Selbst auch Freude zu haben, statt wie im Alltagstrott dem Nachzuhetzen, was alle Welt von mir verlangt. Und mich dann mit neuer Kraft und mit Überlegung auf den Sturm der Woche vorzubereiten.

 

Quickshot /Glücklich

Was jetzt das wohl genau ist, Glück…

Im Moment jedenfalls für mich ein Thema, das sich plötzlich in mein Blickfeld geschoben hat.

Ich weiss im Alltag nicht genau, was Glück sein soll, ausser so etwas wie gesteigertes oder 100%iges oder absolutes Wohlbefinden. Mehr als Zufriedenheit. Mehr als Dankbarkeit, oder Stolz oder Selbstbewußtsein.

Man sagt, Glück wäre vorübergehend. Oder wäre nur prospektiv oder nur retrospektiv verfügbar. Im Genußtraining heisst es, jetzt oder nie. In Schönredebüchern heisst es, akzeptiere das Jetzt, dann bist du glücklich. Oder beschließe einfach, glücklich zu sein. Nettes Cartoon, das, mit dem Strichmännchen, das sein Glück wie einen Topf Marmelade selbst gemacht hat.

Ist schon auch ein Teil der Wahrheit: Zufriedenheit und Glück kommen nur, wenn man sie läßt, sieht, zumindest nicht wieder selbst zerstört.

Ich kann mich schon an bestimmte Momente erinnern, die tief gingen, und wo ich selig war. Glück ist mir als Wort schon zu groß.

Aber ich bin auch jemand, der die Vielschichtigkeit liebt. Lieber kompliziert, und dafür gibt es immer den Raum für überraschungen, immer noch Potential zu einem anderen: besseren, schlimmeren, und nie kann man sagen: so, jetzt ist Ende. So betrachte ich auch Menschen, auch mich selbst: wir haben so viel in uns, was wir gerade gar nicht wissen, und trotzdem ist es da. Kein Wunder, daß über mich gelästert wird, ich wäre ein „Gutmensch“- naiv und zu optimistisch, aber eben eher optimistisch.

Jedenfalls, heute war ich am Markt, wartete am Bio-Stand, vor mir eine befreundete Lehrerin, mit der ich einen kurzen smalltalk hielt. Setzte mich wieder ins Auto und fand plötzlich, daß ich nicht materiell reich, aber doch privilegiert bin. Ich guck nicht auf den Euro. Ich habe mir ein sehr sicheres Leben aufgebaut, einen kultivierten Freundeskreis, es gibt Menschen, die mich achten. Ich bin „wer“. Auch wenn ich den Job verlieren sollte, ginge es irgendwie weiter. Da ist schon viel Dankbarkeit.

Da ist Stolz, auf das, was ich geleistet habe und auf meine Fähigkeit, immer wieder die Faust zu ballen und mich selbst in den Hintern zu treten.

Und trotzdem ist Glück noch mehr, und manchmal entsteht es auch plötzlich und unvermutet.

Neulich ging ich in einen türkischen Supermarkt. Ich kaufte nur eine Süßigkeit. Und fühlte mich plötzlich glücklich.

Warum?

Weil ich schon länger dahin wollte, und mich spontan entschloss? Neu und aufregend und sich gönnen, ja. Der Geruch, die Sachen. Ok. Ich hatte frei gehabt, und auch mal wirklich den Kopf frei gehabt, nichts gemacht, den Garten beobachtet, nichts gedacht. Das brauche ich, mal einen völlig leeren Kopf und die Gedanken sinken lassen, nur, um zu sehen, was dann in den Kopf kommt.

Aber auch, weil ich plötzlich aus dem deutschen Jetzt raus und im türkischen Jetzt drin war. Ich bin in einem Wohnblock aufgewachsen, viele Migranten. Der Geschmack eines Sesamkorns reicht, in mir die Erinnerung wachzurufen. An Wärme, Lachen, Herzlichkeit. Ich meine nicht Sorglosigkeit oder Harmonie. Ich meine eine Atmosphäre, in der dazugehört, dass Menschen selbstverständlich Fehler machen, in der nicht alles genau sein muss. Aus der Fremde heraus sind andere Fremde willkommen, es gibt nichts zu verteidigen. So kenne ich das. Wenn alle gleich wenig haben, muss man sich nicht mit Besitz beweisen. Nennt das sozialromantisch – so ist meine Erfahrung.

Das machte mich glücklich. Plötzlich diese Wärme wieder zu spüren, und Fremdheit, die nicht sofort wieder deutsch und klein beargwöhnt wurde. Sondern einfach war. Nicht besser und nicht schlechter.

Quickshot /Ein zerrissener Tag

Heute ist Muttertag. Ich habe von meiner Familie nichts geschenkt bekommen. Es ist dies zum ersten Mal so, aber die Kinder werden älter, und es war heuer absehbar so. Also, ich erwartete auch nichts und bin nicht enttäuscht.

Um ehrlich zu sein, ich bin froh. Denn heute morgen war ich noch schlecht drauf, ich hätte mich nicht von Herzen freuen können. MIr fiel es auch schwer, zu lachen. Wie ich andernorts schrieb, der Grund lag in einem Streit mit meinem Mann, der in mir wieder einmal das Gefühl hochholte, als Mutter zu versagen, meine Kinder nicht genug auf die Welt vorzubereiten, ihnen nicht genug zu bieten.

Dieses Gefühl löst sich nun langsam wieder auf. Ich schau ihm dabei zu und erfreue mich derweil an den hundert Kleinigkeiten, die schön sind oder gut klappen.

Ich bin auch noch nachdenklich wegen gestern. Der Tag gestern war auch einer Mutter gewidmet, nämlich meiner. Gestern haben wir sie ins Heim gebracht.

Das provoziert jetzt sicher altbekannte Bilder, in etwa so: Mutter hin, zack!, Tür zu, schnell weg, nie mehr wiederkommen. Und heute lästern schon die Pflegerinnenbeim Kaffee , daß nicht mal zu Muttertag Besuch kommt, ja ja das schimpft sich Familie.

Aber.

Es sind ein paar Hundert Kilometer dorthin, eine Verwandte vor Ort kann und wird zu Fuß dort vorbeigehen. Sicher fahre ich jetzt auch öfter dort hin, aber nicht heute. Ich bin meiner Fürsorgepflicht anders nachgekommen, ich habe dafür gesorgt, daß sie jetzt dort ist. Denn sie war dabei, zu verwahrlosen. Ich hätte sie auch aufgenommen, aber das wäre unverantwortlich gewesen. Und beruhigend: es hat ihr spontan gefallen, die Pflege ist sehr ruhig und gelassen, sie hat sich spontan gut mit den Damen unterhalten. Ein kleiner Raum, wenig Neues, wenige Mitbewohner. Ein kleines, aber regelmäßiges Programm. Das ist nicht lieblos, das ist auf das Thema Demenz zugeschnitten. Mehr verwirrt nur mehr.

Ich war seit Jahren in keinem Altersheim mehr. Wir haben uns gestern schief gelacht darüber, wie sehr alle dem Klischee entsprachen, auch wir selbst, auch meine Mutter mit ihrer Anmerkung „Da sind ja nur alte Leute!“.

Aber gut, das Lachen und ruhige Beobachten gab mir Zeit, mich wieder zu entspannen. Ich war meiner Mutter eine Mutter und habe sie in gute Betreuung abgegeben.

Der Mann sagt, er habe alles gar nicht so gemeint. Nichts für ungut, mag sein. Etwas Zeit brauche ich aber noch, diese Zerrissenheit von heute wieder zu glätten.

Detail: Spezialinteresse? Emotionale Bindung?

Nachfolgend nur eine kurze, aber typische Szene in einer nicht-autistisch-autistischen Familie. Um zu zeigen, dass die Kriterien für eine Diagnose, buchstäblich genommen, in die Irre führen können. Man muss manchmal ins Detail gehen, um ein autistisches Verhalten verstehen zu können.

Die Vorgeschichte ist, daß wir seit ein paar Monaten neue Katzen haben. Sicher würden die meisten tierliebenden Teenager an den Tieren mit Liebe hängen. Noch dazu, wenn, wie bei uns, das erste geliebte Tier verstorben ist. Ich zögere aber nicht, die Art und Weise, wie bei uns die Tierliebe ausgelebt wird, mit einem Spezialinteresse zu vergleichen. Nota bene, das Gefühl von Liebe ist das Gleiche wie bei jedem. Das Bestreben, daß es dem Katzerl gut geht, daß es sich wohlfühlt, gut versorgt ist. Rücksicht nehmen, sich anpassen. Mit ihm mitfühlen, mitleiden, ihm Angst, Schmerz und Hunger ersparen wollen. Mit Rührung und Lächeln das Katzerl beobachten oder von ihm sprechen. Sichtbarer, geteilter Rührung. Liebe.

Aber der Umgang insgesamt ist anders, als in „normalen“ Familien zu erwarten. Starrer, ritualisierter. Rigider. Aber auch ausufernder. Die Kinder sind nicht einen Tag mehr, einen weniger damit beschäftigt, etwa weil sie manchmal keine Lust dazu hätten oder andere Pläne (erst recht keine sozialen Verpflichtungen). Sie wiederholen jeden Tag x-mal das gleiche ritualisierte Verhalten, wenn sie nach den Katzen sehen, darüber sprechen, sich mit ihnen beschäftigen. Und jedes Detail ist ihnen wichtig. Sie haben also sowohl eine emotionale Bindung als auch ein ausuferndes Interesse daran.

Für mich heißt das, ein Spezialinteresse kann im Prinzip aus allem entstehen.

Emotionale Bindung zeigt sich auch in der versprochenen Szene.

Kind kommt zu einer Zeit in die Küche, in der die Katze sonst immer da ist, jetzt gerade nicht. Seit einer Stunde ist sie abgängig. Kind macht sich Sorgen. Nicht (oder nicht nur), weil das Ritual unterbrochen ist – Sorgen, weil dem Tier etwas fehlen könnte, Trauer, weil es nicht da ist, Angst vor dem Verlust. Das nenne ich emotional gebunden. Das gleiche Kind, das sonst ewig allein im Zimmer sein kann, ist allein, weil der Realkontakt zu stressig ist zu anderen Teenagerbuben. Verständlicherweise hat es kein Interesse an dem Streß, er bringt mehr Frust als Spaß. Das gleiche Kind freut sich aber, wenigstens online verbunden zu sein, es freut sich, wenn es Anerkennung erfährt durch eine Bemerkung. Und es liebt seine Katze. Und sein Geschwister. All dies trotz der Tatsache, daß soziale Kontaktschwierigkeiten und soziales Desinteresse, auch das Geringschätzen von oberflächlichen Begegnungen, eindeutig da sind.

Katze verschwunden. Kind aggressiv und stoffelig, weil gerade überfordert. NT-Mann aufgeregt, versucht abzuwiegeln. Kind noch stoffeliger. Verzieht sich lieber. Ich gehe im Kopf derweil Handlungsoptionen durch und überlege, wann man suchen gehen muß. Auch, um dem Kind damit Sicherheit zu geben. Meine eher autistische Art, es zu beruhigen. Denn, mir tut jetzt das Kind leid. Ich seh aus dem Augenwinkel eine Bewegung draussen (Detailwahrnehmung…), Mann folgt meinem Blick, sieht die Katze. Ruft laut. Ich verstumme, weil das Gucken und Rufen und Gedrängt-werden für den Moment zu viel sind (und ich nenne das mutistisch, wenn auch im kleinsten Rahmen). Ich muß kurz weghören, denn meine Stärke ist klares rationales Denken und Handeln. Dann rufe ich die Katze, die sofort reinkommt. Auf meinen Mann würde sie nämlich nicht hören, ich glaube, das kann man fast als diagnostische Kriterium werten 😉.

Alles Geschilderte ist banal, für sich genommen, Kleinigkeiten. Aber typische, sehr typische Kleinigkeiten.