Quickshot /Die Damen sind allein zuhause.

Und es ergab sich, dass zwei Damen auf Twitter übereinkamen, dass sie beide heute allein, ohne Mann und Kinder, ihre Zeit für und mit sich allein verbringen können.

Witzigerweise kenne ich genau diese beiden Frauen persönlich, und ich gönne ihnen die Pause von Herzen.

Ich selbst habe an dieser Stelle hoffentlich schon öfter verdeutlicht, dass ich meine Kinder sehr liebe und schätze, trotz und auch wegen all der Menschen, die sie nicht verstehen und deshalb auch ablehnen. So viele sind das allerdings gar nicht.

Genau heute ging auch eine Meldung durch das Internet, von einer Mutter, die im erweiterten Suizid den autistischen Sohn und den Ehemann tötete. Horror. Es erzähle mir niemand, das habe ursächlich mit dem Autismus zu tun. Das hat mit der Persönlichkeit der Frau zu  tun und hätte sonst einen anderen Grund für die Tat haben können.

Ich selbst bin  zur Zeit einfach nur kindermüde. Ich muss auf meine Löffel achten. In der Arbeit ist Krankheitszeit, Urlaub dauert noch länger, es sind noch einige Wochen, die ich bei erhöhtem Tempo durchhalten muss. Und zuhause habe ich keinen Raum, mich wirklich auszuklinken. Ich hab es versucht, mit verschiedenen Manövern. Aber wie soll ich es sagen, ich bin gefordert, einfach nur da zu sein. Ansprechbar.

Eine Art menschlicher Leuchtturm.

Es geht selten darum, mit den Kindern Probleme zu lösen oder Hausaufgaben zu klären. Die spezielle Anstrengung, die direkt mit ihrem Autismus zusammenhängt, beginnt damit, dass sie immer zuhause sind. Immer. Und sehr selten kommt ein Freund, das bedeutet dann für mich eher noch etwas mehr Arbeit. Die Kinder haben sich gegenseitig als Kontaktpersonen, oder eben: mich. Und es ist eben nicht so, dass Autisten in ihrer eigenen Welt gefangen und an Kontakt uninteressiert sind. Sie suchen oft Kontakt, sie wollen Verbundenheit spüren. Jetzt, in den Ferien, kommt Langeweile dazu. Ich spüre bei den Kindern Alleinsein, das Bedürfnis nach Sicherheit. Wir unterhalten uns, oder besser, kommunizieren miteinander, auf unsere Weise. Für andere mag diese hölzern oder roboterhaft wirken, mir liegt diese Art des Umgangs. Aber er ist gleichwohl anstrengend. 20, 30mal am Tag der gleiche kurze verbale Austausch. Die gleichen Themen, ähnliche Scherze. Mit Kindern, die nicht immer von selbst sehen, wann ich gesprächsbereit bin oder wann ich von einem Thema genug habe. Die nicht merken, wenn es mich nervt, dass sie in mein Display reinlinsen. So wie jetzt, in dieser Sekunde… Die mir helfen wollen, aber mehr und geduldigere Anleitung dazu brauchen als andere Kinder, das verlangt sehr viel Geduld. Und Selbstkontrolle, wenn ich ärgerlich werde ob ihrer Umständlichkeit, denn das haben sie nicht verdient und damit können sie auch schlecht umgehen. Aber dabei sind es eben doch meine Kinder mit ihrer sozialen Unbeholfenheit, die meine Unterstützung brauchen.

Und die Anstrengung wird durch meinen Autismus noch grösser, denn ich muss vermitteln in die normale Welt, Vorbild sein, zeigen, wie es gehen könnte, und bin doch selbst angestrengt vom Tag und bräuchte Rückzug.

Was soll ich sagen, ich zähle die Tage und hoffe.

 

 

 

 

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Quickshot /Plötzlicher Schub

„So what“, sagte mein Leben. „So what, du willst doch nicht ernsthaft jetzt zum Plätzchenbacken übergehen oder anderweitig besinnlich werden. Hier, eine neue Challenge!“

Sprach, schnippte mit dem Finger und sandte mir übers Wochenende drei Nüsse zu Knacken.

Die erste Aufgabe hatte ich am meisten gescheut, und sie wurde schön und einfach. Ich ging in die Sprechstunde und traf die Lehrerin, die zufällig alle meine Kinder unterrichtet. Und mit deren Autismus gar kein Problem hat. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes und lächelte nur über kommunikative Hürden, weil sie den guten Willen und das Wissen dahinter wahrnimmt. Die Klasse sei lieb, die Kinder eine Bereicherung, und Kinder dürften sich entwickeln. Puuh… Ich: happy.

Nummer zwei war auch besser als erwartet. Ich war zur Autismusfachtagung, hörte Vorträge, traf bisher unbekannte Twitterer. (Als Zusammenfassung bitte https://autistenbloggen.wordpress.com/2017/11/13/2-autismus-fachtagung-in-rosenheim-12-11-17/ lesen, danke dafür). Am anstrengendsten daran erwies sich die lange Fahrt bei Regen. Nicht das lange Sitzen, nicht die vielen Menschen, nicht die sonst gefürchteten Pausen. Ich hatte schwer verdauliche Inhalte, eine steife Atmosphäre gefürchtet und komplizierte Interaktionen. Dass der persönliche Kontakt zu den mit-tweeties enttäuschend wäre. Ich fand: eine positive und konstruktive Stimmung. Experten, die ich am liebsten mit nach Hause genommen hätte. Differenzierende, Ressourcen betonende, wohlwollende Ansätze. Und Menschen, mit denen ich mich gleich wohlfühlte. Sowie das kostbare Gefühl, einfach ok zu sein.

Dafür wird die dritte Aufgabe unlösbar, jedenfalls kann ich nichts mehr beitragen. In Gegenwart meines Mannes übersah ich etwas, eine Einfachheit in seinen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich ihm nicht nur erzähle, dass ich anders ticke und das erste Mal, dass mein Verhalten nicht einfach mit zu wenig Anstrengung  erklärt wäre. Nein, es ist das erste Mal, dass ihm voll bewusst ist, dass ich anders bin, und fremd. Was daraus wird? Niemand weiss es, nur die Zeit. Ich kann nicht mehr erklären. Ich kann nur zusehen, wie meine bisherigen Erklärungen jetzt zu wirken beginnen. Und warten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedankensplitter /Vergleiche

Ja ja ja

Man hört und es liest es so oft. Jedenfalls in meiner Altersklasse (40+ mit Kindern) vergeht kein Tag auf Facebook, an dem nicht in einem Meme daran erinnert wird, wie einzigartig jeder ist. Wie individuell unsere Geschichten sind. Wie lang man in anderer Leute Schuhe wandern muss, und wie sehr man sich in jemandem täuschen kann. Und jeder ist wertvoll, und keiner darf verloren gehen.

Alles wahr, alles.

Nur möge sich die Gesellschaft, also die Gesellschaft der mit mir und meinen Kindern irgendwie befassten Personen doch bitte mal einen Tag auch daran halten!

Aber ich bin selbst schon so gewöhnt an das permanente Verglichenwerden, daß ich nur noch sporadisch oder oft nur noch mit einem Augenrollen reagiere.

Mir selbst passiert das nicht so oft, aber die Kinder müssen dauernd damit klarkommen, daß jemand sie damit konfrontiert, daß sie anders sind. Und weil aus ihnen ja „noch etwas werden soll“, steckt meistens der gute Wille dahinter, sie damit auf die „richtige“ Spur zu bringen.

Das hat viele Variationen. Angefangen beim direkten „x und y sind aber im Sportverein /gehen schwimmen etc“ . Oder „ihr müsst doch auch einmal so und so, das ist ja nicht normal“. Oder „warum ist das bei euch so, was ist los mit euch?“. Oder „jetzt stellt euch nicht an!“.

Etwas sanfter „macht doch mal xy, das ist doch toll /schön /super /ganz normal /wie kann man das ablehnen /ist doch ganz leicht?“.

Mit leichtem Augenrollen oder mit traurigem Schulterzucken „Naja, muß ja nicht, ich meinte doch nur“.

Oder, hintenrum werde ich gefragt „Und, was machen deine Kinder so?“. „Sind sie eh… was, nicht???“.

Oder ich werde von Familie auf die Schulter geklopft: „sag mal, was kann man denn tun, damit deine Kinder xy?“ „Sollen wir dies probieren“ „Meinst du nicht, sie würden?“ „Wär doch schön, komm, wir versuchens, ist doch schade, sie versäumen doch ihre ganze Kindheit!“.

Etc etc. Jeden Tag aufs Neue.

Liebe jeder Einzelne aus dieser Gesellschaft: autistisch heißt, man ist sich dieser Lücken sehr bewußt. Man hätte es sogar gerne anders. Aber es gibt einen Grund, warum es nun mal nicht geht.

Und wenn ihr nicht in der Lage seid, das zu verstehen, wenigstens rational nachzuvollziehen, dann, bitte, haltet irgendwann den Mund, wenn keine Resonanz kommt. Keine Resonanz heißt, es ist nicht möglich, auch nicht mit gutem Willen.

Haltet den Mund und denkt an eure wundervollen weisen Memes und macht euch bewußt, ihr helft uns (und nicht nur uns) viel besser, wenn ihr uns zeigt, daß ihr uns als Mitmenschen mitsamt unserer Fremdartigkeit akzeptiert.

Bitte.

Euch ginge es ja auch nicht anders.

Alles ganz normal

Eine der kurzen, nur minutenlangen Sequenzen, die trotzdem für mich alles aussagen können.

Sonntag vormittag, alle im Haus verteilt. Ich höre Stimmen im Garten, eine Sekunde später kommt mein Mann mit einem älteren Bekannten herein, der etwas zurückbringt. Mein Sohn, der mich gerade ansprechen wollte, ringt sich noch ein „Hallo“ ab, ehe er elegant und als ob er es eh vorgehabt hätte, um die Kurve biegt und die Treppe hoch verschwindet. Der ältere Bekannte, der kurz stutzt und sich etwas darüber lustig macht. Immerhin, er ruft keine Bemerkung der Art „als ich so alt war wie du, konnten wir uns noch benehmen“ hinterher. Ich, die ich froh bin, daß er mich bei der Hausarbeit antrifft und so einen erwünschten Eindruck hinterlasse. Mein Mann, der ihn gleich etwas Technisches fragt, denn er ist ein „Machler“. Einer der handwerklich Versierten, die hierzulande jede Familie in der Hinterhand hat, um sich in allen Lebenslagen zu behelfen. Die Kinder in den Zimmern, so lange sie seine laute Stimme hören, bleiben sie dort auch, mit Sicherheit. Drei Minuten später ist alles erledigt, er verabschiedet sich.

Alles normal, so weit? Wir die Aliens, die ihm mit Müh und Not eine für ihn kompatible Fassade anbieten können? Denn obgleich er mit unserer Familie gut bekannt ist, habe ich weder ihn noch seine Frau jemals irgendwie andeuten hören, etwas sei nicht in Ordnung. Nein, alles ganz normal. So wie es sein soll.

Doof nur, daß ich weiß, daß auch andere sich über seine ruppige Art aufregen, über seine manchmal distanzlosen Kommentare. Daß seine Frau ein TV-Junkie ist, die ihr Leben scheinbar in der Öffentlichkeit verbringt, aber mit großer Erleichterung die Tür hinter sich und ihrer Küche zumacht, um zu sein, wer sie ist. Daß ich weiß, daß er sich darum sorgt, aber nichts daran ändern kann, er also mit seiner Sorge neben ihr her lebt. Und selbst aufblüht, wenn er einmal im Jahr mit Kumpels in Urlaub fährt.

Kommt das so an, als fände ich ihn unsympathisch? Das wäre schade, denn im Gegenteil, seit ich ihn mit leuchtenden Augen über seine Urlaube habe sprechen hören, ist er mir sehr sympathisch. Und dankbar für seine technische Hilfe bin ich sowieso.

Aber es ist einer der scheinbar unausweichlichen Momente, wo ich mir wünschen würde, die „normale“ Fassade hätte nicht so eine große Bedeutung. Mir würde das das Leben erleichtern, ich müsste nicht so oft einen Schlingerkurs hart an der Verleugnung vorbei fahren. Offenheit ist so viel leichter, energiesparender. Offenheit ist ja etwas anderes als Schroffheit. Und auch ihm und seiner Frau, wäre es für sie nicht auch leichter, sich selbst unangenehme oder „peinliche“ Dinge zuzugestehen?

Ich kann nachvollziehen, warum sie lieber die „Alles ganz normal“Tour wählen, gerade in ihrer Generation. Es ist trotzdem einer der kurzen, aber intensiven Momente, wo ich gern ein kleines autistisches Stückchen von mir verschenken würde…

Quickshot /A Drum Fotz’n

Vormittag. Jemand aus der älteren Generation war zu Gast. Gartenarbeit war zu tun. K2 wäre an der Reihe gewesen, mitzuhelfen, wollte aber nicht. Wir hatten versäumt, ihn gestern daran zu erinnern, und wir wußten, von jetzt auf gleich würden wir ihn nicht dazu bringen. Natürlich hatten wir an dieser Stelle schon oft einen Kampf angezettelt, aber jetzt sahen wir uns nur an und rollten mit den Augen.

Da fiel er, der beliebte Satz bei Jung und, vor allem, bei Alt: „A Drum Fotz’n kann er hab’n!“ Der Mensch aus der älteren Generation legte los:“Ihr müsst ja selbst wissen, wie ihr eure Kinder erzieht, aber bei mir hätte es das nicht gegeben! Ich hätte ihn gezwungen. Man braucht die Arbeit, also muss er. Sonst kriegt er von euch auch nicht, was er braucht! Basta!“

Ja, an dieser Stelle könnte man einiges einfügen, um den Ärger zu mildern: daß genau dieser Mensch sich selbst schönredet, daß die Arbeit jetzt nicht so ganz dringend und unausweichlich war, daß besagter Mensch das Wort Autist kennt, aber nicht weiß, was das bedeutet: Widerstand, im Garten und unter den Augen der Nachbarn zu arbeiten. Schwierigkeiten, sich innerhalb von Minuten auf eine neue völlig unübliche Beschäftigung einzulassen. Unbeholfenheit mit so einer Arbeit, bei aller sonstigen Intelligenz, und damit Angst, sich zu blamieren.

Aber die autistische Perspektive ist hier gar nicht das Thema, auch aus anderen Gründen hätten wir auf den Zwang verzichten können.

Was mich anwidert, ist die Weigerung oder das Unvermögen dieses und vieler Menschen, anderer Leute Gefühle und Meinungen zu respektieren. Ober sticht Unter, differenzierter wird es nicht.

Sind wir im Krieg hängengeblieben? Kampf jeder gegen jeden? Kinder muß man maßregeln, sonst werden sie Terroristen? Maßregeln im Sinne von: sie haben nichts zu sagen? Alles wird gleich behandelt: selbst inkonsequent sein mit sich, aber dann so tun, als ob das kleinste Entgegenkommen schlimme Katastrophen bewirkt. Menschen, die nur danach als gut oder schlecht beurteilt werden, ob sie gehorchen, arbeiten, nicht aus der Reihe tanzen – davon hatten wir doch schon genug…

Was mich besonders anwidert: dieser hartnäckige Hang, Hilfe, Schutz und Zuwendung nur gegen Wohlgefallen und Gehorsam anzubieten. Nicht aus Menschlichkeit. Ist das typisch deutsch oder gibt es das auch anderswo?

Mach, was ich sag, sei still, oder es gibt Saures!

Halts Maul, werd nicht frech, sonst kannst du sehen, wo du bleibst.

Wenn du meinst, du weißt es besser, brauch ich mit dir nicht mehr reden. Geh mir aus den Augen!

Wer bei uns bleiben will, soll sich gefälligst anpassen.

Der kann froh sein, daß er was zu essen kriegt, wenn er aufmuckt, kann er ja wieder zurück, wo er herkam.

Widerlich.

Gedankensplitter /Mutter mit Macken

Fast hätte ich jetzt geschrieben, uns wurde ein Kindlein auf twitter geboren…

Natürlich wurde es nicht uns geboren, und auf twitter sind wir nur davon unterrichtet worden. Übrigens ein anscheinend sehr schnuckeliges kleines Mädchen, und nochmals liebe Glückwünsche an Eltern und Geschwister!

Es stellten heute dann mehrere die Frage, wie das denn so ist, als Autistin und Mutter. Ich hab immer mal wieder ein Eltern-Kind-Thema hier im blog aufgegriffen, und ich dachte, ich sammel hier ein paar persönliche Gedanken dazu.

Liebe ich Autistin meine Kinder? Ernstgemeint, manche zweifeln daran. Das fängt an bei der Ärztin der Geburtshilfe, die mir später zufällig am Arbeitsplatz über den Weg lief. Wir schafften es, uns innerhalb von 2 Minuten in einen Dissens hineinzureden darüber, ob Mütter ihre Babies sofort abgöttisch lieben oder nicht. Sie vertrat genau diese Meinung. Ich vertrete die gegenteilige Meinung. Beziehungen müssen sich formen, auch zu kleinen Babies. Daß sie einen zu Liebe und Fürsorge animieren, schließt doch nicht aus, daß man sich aneinander gewöhnen und anpassen muß. Mir ist es gruselig, wie z.B. eine Bekannte von mir sich danach sehnt, wieder ein kleines Kind zu haben, denn „soo schee, a so a Kloans neba sich, a so ebbs siaß, mei, des mechat i so gern!“

Ich bin auch privat für meine Kühle kritisiert worden, aber ich bin überzeugt, daß meine Kinder genau wissen, daß ich ihnen gegenüber nicht kühl bin. Das liegt an dem Umstand, daß meine Kinder auch Autisten sind. Von Beginn an hat sie das beruhigt, was mich beruhigt, und das aufgeregt, was auch mich aufregt. Sachlich an ein Problem rangehen, für Ruhe sorgen, Rückzug lassen und einen Overload nicht noch durch zu viel Emotionalität und Zureden zu pushen – das hilft mir genauso wie ihnen. Im Streß bewegen wir uns in die gleiche Richtung. In der Babyzeit haben wohl irgendwelche Hormone die Effekte des Schlafchaos gemildert,  und Schreien war nicht so schlimm, solange ich wußte, es ist nichts „Ernstes“. Dann konnte ich gelassen (na gut, relativ) darangehen, wieder Stück für Stück Ruhe herzustellen. Ich weiß ehrlicherweise nicht, wie ich mit neurotypischen Kindern zurechtkäme. Für mich ist es unglaublich erleichternd, mich nicht verstellen zu müssen.

Stress fängt für mich meist erst an der Schnittstelle zur neurotypischen Welt an. Wenn ich den Kindern ein „Vorbild“ sein muß, ihnen vorleben, wie das am Besten geht in der sog. normalen Welt. Oder, und das ist weitaus häufiger, wenn diese „normale“ Welt mit meinen Kindern und mit unserem gewohnten Ablauf nichts anfangen kann, und Anpassung verlangt. Das kann einen ganz schön unter Stress setzen, das will gelernt sein, damit cool umzugehen. Wenn man selbst kritikempfindlich ist, selbst unerwartet immer wieder vom Scheitern banalster Dinge frustriert wird, und man trotzdem die Aufgabe hat und haben will, den Frust beiseite zu schieben und die Kinder spüren zu lassen, daß Menschen nun mal verschieden sínd und sie genauso liebenswert sind, wie sie sind. Mögen Oma Nachbarin Lehrerin auch beleidigt oder belustigt sein, zu verstehen geben, diese Kindern seien das Allerletzte, was soll aus denen denn werden? Dann zu den Kindern stehen, OHNE die betreffende Person hochkant rauszuschmeissen, ist sehr schwer. Hab ich nicht immer geschafft, obwohl ich mich eher als friedfertig betrachte…

Damit kommt ein weiteres Problem auf einen zu: die Erlebnisse und die Entwicklung der Kinder erinnern automatisch an selbst Erlebtes, an Unangenehmes, nicht gut Verarbeitetes aus dem eigenen Leben. Aber das ist nicht spezifisch für Autisten – das geht allen Eltern so.

Wenn ich meinen Autismus als schwierig für das Zusammenleben mit den Kindern erlebe, dann in zwei Aspekten:

  • Eltern sollen Kindern ja Dinge zeigen und sie mitmachen und lernen lassen. Es heißt, neurotypische Kinder drängten von selbst darauf, auch mal abzuwaschen oder whatever. Die Bereitschaft, die Kinder miteinzubeziehen, ist natürlich da, natürlich wäre es auch sinnvoll, ihnen praktische Dinge beizubringen. Die Umsetzung ist sehr, sehr schwer. Ich muß nicht nur die Kinder zur rechten Zeit motivieren, ohne daß sie angstvoll gleich aufgeben. Ich muß von meiner Routine ablassen und plötzlich jemand zweiten nicht nur anleiten, sondern auch mitentscheiden lassen und zulassen, daß meine Routine durcheinandergewürfelt wird.
  • Es ist schwer, damit umzugehen, selbst keinen Rückzugsort zu haben. Vielleicht kriegen andere Mütter das besser hin? Oder sind andere Kinder aufmerksamer auf Mutters Ruhebedürfnis? Meine Kinder möchten mich nicht bedrängen, aber ich muß schon laut sagen, wann es mir zuviel wird. Mein eigenes Reich ist mein Handy, oder auch der Blick in ein Buch. Aber schon einen Text wie diesen hier zu schreiben, fordert mich, weil ich immer ansprechbar bin, nie eine Tür hinter mir zuziehen kann, und, entgegen der Klischees, ich auch als Ansprechpartner gebraucht werde. Für die Kinder, die zwar oft im eigenen Reich sind und ihren (ja, Spezial-)Interessen nachgehen, aber mich immer wieder suchen, für ein Geplänkel, einen Rat, um mir etwas zu zeigen, mit mir zu kuscheln. Das will ich ihnen auf keinen Fall nehmen! Ich selbst zahle aber damit, daß ich kein irgendwie geartetes konzentriertes langfristiges Projekt hinbekomme.

Und für alles, was ich jetzt hier geschrieben habe, gilt: ich wollte nur ein paar Worte dazu schreiben, wie sich ein autistisches Mutter-Dasein anfühlen kann. Selbstredend, daß in anderen Familien Probleme genauso auftreten, lediglich in einer anderen Ecke.

 

Quickshot /Asynchron

Feiertage und viel Zeit mit den eigenen neurodiversen Kindern, und gratis der Vergleich zu anderen, sogenannten neurotypischen Kindern. Und ich finde so wenige Klischees bestätigt.

Sicher stelle ich viele autistentypische Eigenheiten fest, die ich mit Leichtigkeit den diagnostischen Kriterien oder anderen Erfahrungsberichten zuordnen kann. Auf der anderen Seite  treffen Klischees und Vermutungen, die aus neurotypischer Perspektive aus diesen Eigenheiten gefolgert werden, einfach nicht zu. Autistische Kinder haben wie alle Menschen ein Bedürfnis nach Kontakt, sie müssen irgendwo zugehören, einen Platz unter Menschen haben. Sie lieben, sie brauchen Liebe, Anerkennung, Spiegelung. Sie wollen sich behaupten. Zeigen dürfen, was sie können. Dinge teilen. Miteinander lachen. Sie wollen integriert sein als Person und ihre persönliche Integrität und Individualität trotzdem aufrechterhalten. Sie brauchen Platz, sich weiter zu entwickeln. Sie brauchen Grenzen und Schutz und dann wieder Freiheit, zu wachsen.

Sie wollen genauso erwachsen werden wie andere Kinder auch. Entwicklung vollzieht sich ja nicht nur in zunehmenden Fähigkeiten, sondern in Ablösewellen auf dem Weg zur Autonomie, oder anders: darin, die Fähigkeiten auszubauen, die zur Bewältigung der sog. Entwicklungsaufgaben gebraucht werden, die auf alle gleichermaßen warten.

Meine Kinder haben spät und asynchron sprechen gelernt, aber natürlich wollen sie sprechen und kommunizieren. Einkaufen und mit dem eigenen Geld planen können läuft atypisch, aber das Ziel, Herr über die eigenen Dinge und Mittel zu sein, steht außer Frage. Mein Jüngster konnte seine Kita-Freunde kaum unterscheiden, aber was für ein stolzes Lächeln er am ersten Schultag aufsetzte! Sie treffen ihre Entscheidungen viel rationaler und problemloser als andere Kinder, „Zicken“ gibt es kaum, aber sie machen auch Fehler, und wollen daraus für sich lernen. Sie können kühler und logischer als mancher Anwalt eine langwierige Argumentation aufbauen, und dann wieder raufen und recht behalten wollen. Als die Kinder klein waren, kam es mir vor, ich müsse sie wie Jugendliche behandeln, jetzt kuscheln sie manchmal wie kleine Kinder: zeitlich irgendwie verdreht, aber beides muss sein irgendwann.

Entwicklungsstörungen im diagnostischen Sinne beschreiben nur im Querschnitt eine Abweichung vom typischen Querschnitt. Und jetzt muß ich etwas hier granteln, und wahrscheinlich gibt es alles, was ich hier schreibe, schon lang irgendwo fixiert, aber trotzdem.

Fehlt nicht so etwas wie eine Entwicklungspsychologie, die die autistische Entwicklung von innen heraus beschreibt? Nicht als „Entwicklungsstörung“, wie in ICD und DSM. Das ist ja immer aus Sicht der Neurotypischen, immer in Abgrenzung dazu, und damit immer defizitär. Sondern eine Beschreibung aus einer inneren Logik heraus, aus dem Schnittpunkt zwischen allgemeinmenschlichen Bedürfnissen und spezifischen Bedingungen?

Quickshot /Fels in der Brandung

Jetzt muss ich doch ein kleines Etwas von Verärgerung loswerden.

In der Schule geht es jetzt richtig in den Herbst, das Schuljahr legt den 5.Gang ein. Schulaufgaben, Projekte, Elternabende. Letztere sind bei wenigen Eltern beliebt. Und ja, der erste Elternabend dieses Jahr war anstrengend, am falschen Tag und ewig lang. Ich versuche zu ergründen, was mich darüber hinaus störte. Nicht das Übliche, der erzwungene Kontakt oder so. Das war locker, sogar angenehm. Ich mag die Lehrer dort, mit dieser Schule kann man gut auskommen. Und der Sozialkater hinterher ist mir Autistin nichts Neues.

Eher störte die Tatsache, dass ich dort saß und mich langweilte. All die gut gemeinte Information ging an mir vorbei, ich dachte nur: warum soll ich das wissen? Warum können die Kinder das nicht selbst regeln? Für wen ist das hier alles? Und die ärgerliche Antwort: weil ein paar Eltern das geil finden. Weil sie um jeden pädagogischen Furz ringen wollen, weil sie verlangen, dass die Lehrer sich vorzeigbar darstellen und ihren Kotau machen. Daher gefühlte 20 parallel strukturierte Reden. Auch werden diejenigen Kinder, die ebensolche stromlinienförmige Beiträge bringen, bestaunt.

Mir fällt ein TV Beitrag ein, in dem eine Frau sagte: “Wozu hat man dann Kinder, wenn man nicht alles für sie tun will? Wenn man nicht versucht, ihnen perfekte Bedingungen zu bieten?“.

Nein Zefix. Deswegen hab ich jedenfalls keine Kinder. Ich kann gar nicht genau sagen, warum ich welche habe. Sie waren erwünscht und sie sind gekommen…

Vielleicht ist ja andererseits etwas Wahres dran, vielleicht sollte ich mehr “helikoptern“? Meine Kinder verlangen gar nicht danach, sie fühlen sich nicht benachteiligt. Natürlich wissen sie, daß andere Eltern mehr “soziale Power“ haben. Aber sie wissen auch: wenn sie Hilfe brauchen, können sie auf mich und den Mann zählen, dann tun wir, was wir können. Ich war mit meiner Meinung auch nicht allein. Die Eltern, die ich kenne, saßen neben uns und ihnen ging es ähnlich wie mir. 

Aber der Trend  geht insgesamt in diese Richtung, selbst an unserer Dorfschule. “Du sollst nach dem Optimum streben. Du sollst auch deine Kinder dazu anhalten. Du sollst Fehlern vorbeugen. Du sollst den Kindern beibringen, Vitamin B zu aktivieren und erst zu fragen, dann zu handeln. Und bedenke: es gibt immer jemanden, der etwas besser kann als Du! An dem orientiere dich!“ 

Nein danke, das ist mir alles zu konform… zu wenig selbstbewusst…zu risikolos?

Ich hätte nie gedacht, daß ich das mal schreiben würde…