Quickshot /Je ne suis pas Ella

Eine Woche voll Aufregung, und wahrscheinlich liest das hier niemand mehr. Zu viele Kommentare gibt es schon dazu, zu dieser Serie namens #EllaSchoen, die im ZdF gelaufen ist.

Ich gebe zu, ich habe sie nicht mal ganz gesehen. Auch nicht alle Beiträge dazu gesehen. Ich wollte mir die Zeit dafür nicht nehmen, mir waren andere Dinge wichtiger. Ich gebe auch zu, ich habe keine eindeutige Meinung dazu.

Ich hab Ausschnitte aus den Interviews mit Annette Frier gesehen, der Hauptdarstellerin. Eine scheinbar recht fröhliche und resolute Dame. Gerade im Interview mit Dunya Hayali kommt bei mir an, daß mit dem Film ein positiver Ansatz verbunden war, ein Versuch, optimistisch auf das Thema zuzugehen, etwas Aufmunterndes daraus zu basteln. So kommt es auch in den tweets der Beteiligten rüber. Soweit verstehe ich es, und freue mich über die Absicht.

Aber, ach, gut gemeint ist halt meistens dann doch daneben gegriffen…

Ich hab versucht, Teile anzusehen. Ich hab jedes Mal wieder ausgeschalten.

Nein, ich bin nicht Ella. Ella ist eine Frau, so roboterhaft und schroff, daß es mir gruselt. Ich versuche mein ganzes Leben lang, genau so nicht zu sein. Wäre ich so, wäre mein autistischer Kern früher entdeckt worden. Tatsächlich mußte ich dazu 40 werden. Das ist das erste, was an dem Film wehtut: daß das Bild von Autisten auf dieses festgefroren wird. Eine Frau, die schroff ist und weder anders sein möchte noch es kann. Die über ihre Zwänge und ihre Einstellungen nicht reflektiert und ihrer Umwelt keinen Millimeter entgegen kommt. Jemand, über den man leicht lachen kann, den man sofort mit Verachtung ablehnen kann.

Oder manchmal bin ich auch Ella? Kann auch sein. Kann sogar gut sein, daß ich manchmal auch schroff wirke. „Unnahbar“ ist mein zweiter Vorname von Leuten, die mich – und ich sie – gerade erst kennenlernen. Und das heißt, aufgemerkt: so bin ich IM STRESS. So bin ich, wenn ich keinen Zugang finde, wenn ich mich und die Situation irgendwie im Griff behalten muss. So bin ich nicht privat, in der Arbeit, wenn ich mich wohlfühle, wenn ich vertraut bin.

Das hätte ich mir gewünscht: daß in so einem Film auch meine guten Absichten, meine sozialen Wünsche vorkommen. Daß spürbar wird, was ein Autist braucht, um in Kontakt sein zu können. Daß diese schroffe Oberfläche, diese scheinbare Roboterhaftigkeit und scheinbare Empathielosigkeit als scheinbar erklärt wird. Nur so können doch sog. „normale“ Menschen überhaupt zu mir wollen?

Denn ich habe soziale Bedürfnisse. Ich kann allein sein, no problem. Und die Menschen in der dritten Welt können auch hungern, no problem. Ist Alltag. Aber ein schönes gesundes Menü wäre ihnen lieber. Mir auch. Mir wäre ein Stammtisch auch lieber, Frauen, die mit mir in Sport gehen, Kollegen, mit denen ich mittags spazierengehe. Flirts. Ich kann es nur nicht gut genug, um es herzustellen.

Und ich habe ein Bedürfnis nach so etwas wie „Wahrhaftigkeit“? Es macht traurig, so wenig Chancen für mich und andere Autisten, als die Personen, die wir sind, gesehen und gemocht zu werden. Denn unser Charakter ist still, wie eine unscheinbare Wiese, mit Kleinigkeiten, die man langsam entdecken muß. Was kaum passiert, denn auf dem Weg zur Wiese stehen diese eindrucksvollen Felsformationen namens Empathielos, Unhöflich oder Superschlau (oder Supergedächtnis, Inselbegabung, Routine, Zwang, Spleen…), und alle Welt starrt an den Felsen hoch und kann den Blick nicht davon lösen…

 

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Quickshot /Zeitmaschine, Kurztrip

Erwähnte ich schon, daß (unsere) autistischen Pubertiere – mangels Freunden, und weil verschiedene Vereinsaktivitäten scheiterten –  immer zuhause sind? Ich fürchte, ja. Neulich hieß es, ein Junge käme auf ein Stück Torte vorbei, das ist für uns schon sensationell. War dann aber doch nicht.

Jedenfalls, heute fuhren sie tatsächlich miteinander weg, auf einen Besuch. Ich sah sie weggehen, überlegte kurz, ob man sie dumm anmachen würde, eines der Kinder wirkt sehr verschroben. Dann waren sie um`s Eck, und ich sah ein: jetzt müssen sie selbst ein paar Stunden klarkommen.

Ich hatte Zeit, mit meinem Mann etwas Spazierenzugehen, einen Kaffee zu trinken. Ungelogen, seit die Kinder auf der Welt sind, gab es das nicht mehr: allein und nichts zu tun. Nichts. Einen Nachmittag lang!

Es kamen Kinder, es kamen Probleme, es kam viel viel Arbeit und manchmal heftigster Stress. Es kamen Diagnosen. Es kam meine Diagnose. Und weiter, weiter, es musste weitergehen. Ich outete mich am Arbeitsplatz. Und es ging weiter. Ständig änderte sich etwas, ständig musste ich mich mit ändern und anpassen.

Halt, Stopp, Kommando zurück: bitte nicht falsch verstehen. Ich beklage das alles nicht. Bei allen Ausreissern, die es gab, hätte ich doch in den letzten Jahren nichts wirklich tauschen wollen. Vieles lief optimal. Das Meiste hat Spass gemacht. Wie heisst es neudeutsch: positive Challenge!

Die Sache mit meiner Diagnose lief nebenher. Immer, aber immer nebenher, im Blog oder auf Twitter. Im Alltag ist kein Platz dafür. Ich vermutete aber, daß ich mich nach der Diagnose wohl immer mehr autistischer verhalten habe. Weil mir Kleinigkeiten auffallen, weil ich ständig an das Thema erinnert werde.

Heute konnte ich direkt vergleichen, eben auf jenem Spaziergang. Und ich bin kein Deut autistischer geworden! Ich war genauso wie früher auch. Was bedeutet, mein Mann hat mich so schräg und fremdartig kennengelernt, so verstockt im Gespräch – damals wie heute. Ich erinnerte mich an frühere Begegnungen, mit exakt den gleichen „Aussetzern“. Ich konnte nur heute, weil ich frei war im Kopf,  plötzlich einordnen, was passiert. Ich fühlte mich das erste Mal exakt wie in den Simulationsvideos, wo autistische Wahrnehmung demonstriert werden soll. Ich dachte immer, so arg ist es bei mir gar nicht. Doch, es ist so und war es schon immer. Ich hätte es nur früher nicht beschreiben können, und später hatte ich keine Zeit mehr dazu.

Bis, eben, heute.

 

Fremdeln

Ob auf Twitter oder auf Facebook, manchmal fange ich mittendrin an, mir irgendwelche Profilbilder anzuschauen. Ich lass es gleich wieder, denn es tut mir selten gut. Das hört sich erst mal nach Masochismus an, ist aber eher eine Art von Suche.

Ich schau dann oft die Bilder schicker Damen an. Ich selbst seh nicht wirklich gut aus, und zuerst dachte ich, es ginge darum. Mir klarzumachen, dass die Damen besser aussehen als ich. Selbstmitleid zu erzeugen. Nein, passt nicht. Das bin ich nicht. Dann dachte ich, nicht nur das Aussehen, die wirken so fröhlich und selbstbewusst, zieht mich das an?

War auch knapp daneben, wie ich jetzt begriffen habe. Denn ich las über mehrere neuere Studien, zusammengefasst ergaben sie folgendes: Autisten werden von Nichtautisten in kürzester Zeit als seltsam wahrgenommen und als Interaktionspartner in die zweite Reihe geschoben. Bei Autisten wiederum variiert die soziale Angst und mit ihr die soziale Kompetenz. Nimmt man ihnen einen Teil der Angst, verhalten sie sich auch weniger schräg. Einfühlen und erfolgreich kommunizieren wiederum hängen davon ab, ob man sich als zusammengehörig empfindet und sich im Kontakt aufeinander “einschwingen“ kann.

(Alles im Detail in den Tweets von @leoschilbach nachzulesen, danke dafür!)

In der Summe ergibt dies meine wohlbekannte Erfahrung in wohlbekannter Reihenfolge. Irgendwo neu hinkommen. Sofort Befremden auslösen und ignoriert werden bzw. gelernt haben. Sich zurückhalten, weil man dann wenigstens nicht noch mehr kaputtmacht. Das Ganze in einer sich stabilisierenden Dauerschleife. Der Eindruck, einfach falsch zu sein, wächst und festigt sich unmerklich zur Überzeugung. Manchmal schraubt sich die Spirale schnell hoch, in ein paar Minuten.  Unter dieser Anspannung geht Blickkontakt manchmal kaum noch, er sticht richtig, und damit kann man sich auch schwer mit jemandem synchronisieren, sich auf ihn einstellen oder sich “blind verstehen“. Auf jeden Fall aber wird es Jahr für Jahr schwerer, an das Gegenteil zu glauben. Am Arbeitsplatz, an meinem Heimatort, entsteht langsam, sehr langsam so etwas wie Verbundenheit, aber mit der Fremdheitserfahrung braucht es wirklich lange, sich einfach mal richtig zu fühlen. Oder nur nicht-falsch…

Ich begreife jetzt: was ich versuche, aus den Profilbildern herauszufiltern, ist das Geheimnis, wie mensch es schafft, auf den ersten Blick sympathisch und annehmbar zu wirken. Wo liegt es? In der Schönheit, Ebenmäßigkeit, dem Augenaufschlag, der Ironie, der Distanz??? Ich kann es nicht verstehen. Ich bin einfach anders, und ich werde als anders behandelt. Aber ich versuche immer wieder, doch noch eine Spur zu finden.

Und umgekehrt ist es auch so, dass die Fähigkeit, unbefangen oder wenigstens angstfrei auf Nichtautisten zuzugehen, stetig abnimmt. Bei meinen Kindern ist es inzwischen so:

Der Mann ist ein Verwandter, mit dem wir neulich, alle in trauter und friedlicher Runde, Stunden verbracht haben. Und gelacht haben und uns ausgetauscht haben. So etwas habe ich mit meinen Kindern leider, leider schon lange nicht mehr erlebt. So entspannt habe ich diese Situation noch nie mit ihnen erlebt. Alle anderen Verwandten werden gemieden, denn keiner von diesen kann sich damit zurückhalten, die Kinder auf irgendeine Ungewöhnlichkeit anzusprechen. Oder verwundert zu sein. Oder nach Zeichen von sogenannter Normalität zu forschen. Oder uns rüberzuschieben, wir sollten doch mal strenger sein. Das hat leider zur Folge, daß auch Freunde von uns weitgehend gemieden werden. (Es kommen sowieso sehr selten Freunde zu Besuch).

Keine Lösung in Sicht, außer die wenigen Ausnahmen zu genießen, und sich alle Vorwürfe zu sparen.

Quickshot /Plötzlicher Schub

„So what“, sagte mein Leben. „So what, du willst doch nicht ernsthaft jetzt zum Plätzchenbacken übergehen oder anderweitig besinnlich werden. Hier, eine neue Challenge!“

Sprach, schnippte mit dem Finger und sandte mir übers Wochenende drei Nüsse zu Knacken.

Die erste Aufgabe hatte ich am meisten gescheut, und sie wurde schön und einfach. Ich ging in die Sprechstunde und traf die Lehrerin, die zufällig alle meine Kinder unterrichtet. Und mit deren Autismus gar kein Problem hat. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes und lächelte nur über kommunikative Hürden, weil sie den guten Willen und das Wissen dahinter wahrnimmt. Die Klasse sei lieb, die Kinder eine Bereicherung, und Kinder dürften sich entwickeln. Puuh… Ich: happy.

Nummer zwei war auch besser als erwartet. Ich war zur Autismusfachtagung, hörte Vorträge, traf bisher unbekannte Twitterer. (Als Zusammenfassung bitte https://autistenbloggen.wordpress.com/2017/11/13/2-autismus-fachtagung-in-rosenheim-12-11-17/ lesen, danke dafür). Am anstrengendsten daran erwies sich die lange Fahrt bei Regen. Nicht das lange Sitzen, nicht die vielen Menschen, nicht die sonst gefürchteten Pausen. Ich hatte schwer verdauliche Inhalte, eine steife Atmosphäre gefürchtet und komplizierte Interaktionen. Dass der persönliche Kontakt zu den mit-tweeties enttäuschend wäre. Ich fand: eine positive und konstruktive Stimmung. Experten, die ich am liebsten mit nach Hause genommen hätte. Differenzierende, Ressourcen betonende, wohlwollende Ansätze. Und Menschen, mit denen ich mich gleich wohlfühlte. Sowie das kostbare Gefühl, einfach ok zu sein.

Dafür wird die dritte Aufgabe unlösbar, jedenfalls kann ich nichts mehr beitragen. In Gegenwart meines Mannes übersah ich etwas, eine Einfachheit in seinen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich ihm nicht nur erzähle, dass ich anders ticke und das erste Mal, dass mein Verhalten nicht einfach mit zu wenig Anstrengung  erklärt wäre. Nein, es ist das erste Mal, dass ihm voll bewusst ist, dass ich anders bin, und fremd. Was daraus wird? Niemand weiss es, nur die Zeit. Ich kann nicht mehr erklären. Ich kann nur zusehen, wie meine bisherigen Erklärungen jetzt zu wirken beginnen. Und warten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedankensplitter /Elli hatte Geburtstag

Runden Geburtstag. Und alle, alle waren eingeladen, zum vollen Programm. Alles das, was die Menschen hierzulande dazu notwendig finden: viel essen, trinken, Musik, lustige Einlagen, Diashows auf dem Beamer.

Ich hatte auf Twitter schon rumgenörgelt wegen dieser Veranstaltung. Weil ich schon vorher keine Lust hatte, nein, halt, stimmt gar nicht.

Ich freute mich schon auf das Fest, natürlich, warum auch nicht? So ein Misanthrop bin ich jetzt auch wieder nicht! Freute mich über die Einladung. Aber ich hatte aus Erfahrung auch Angst und Bedenken, wegen dem Lärm , dem gezwungenen Beisammensein, dem steifen Rumsitzen. Auch darüber hab ich mich auf Twitter ausgelassen: jeder, den ich fragte, war nicht erbaut von der Aussicht, aber alle sind sich einig, daß es sein muß.

Nur ist die Anstrengung für mich ungleich größer. Im Nachhinein habe ich die Feier ganz gut überstanden, ohne Kopfschmerzen oder ähnliches. Ich konnte mich weniger unterhalten als gewollt, weil die Geräuschkulisse zu laut und unstrukturiert war, aber ich hab mich im Verhalten wohl ganz gut angepasst. Dem üblichen Kindervergleich („Was machen deine so in der Freizeit, meine wasserskifahren ja in Hongkong!!!“) bin ich smart ausgewichen. Nur einmal die übliche Frage, ob ich wohl sehr müde sei, mit dem Unterton, ich solle doch lockerer sein: wo ich doch nicht müde war, nur eben weniger Mimik zur Schau stelle… geschenkt.

Und doch wird die Erinnerung mich ins nächste Jahr begleiten. Dann werde ich einen runden Geburtstag feiern. Gestern habe ich mich unwillkürlich an Ellis Stelle versetzt, und nichts passte daran. Elli ist zu 100% mein Gegenteil. Und sie ist extrem beliebt. Ich darf die letzten beiden Tatsachen nur nicht logisch verknüpfen… Ich bin weder sehr beliebt noch bekannt. Eine Feier, wo die halbe Stadt Elogen auf mich hält und witzige Anekdoten zum Besten gibt, kann ich vergessen.

Ich könnte den Spiess umdrehen, eine tief nachdenkliche Feier machen und alle mit meiner Autismus-Betroffenheit heimsuchen. Nein, will ich nicht.

Ich könnte ganz verzichten. Ich bin nahe dran.

Nein, ich möchte eine Feier, und ich möchte sie an mich anpassen. Vielleicht auch als Outing-Gelegenheit nutzen, aber auf eine leichte Art und Weise, die das Thema beiläufig und undramatisch anpackt und die mir erst noch einfallen muss. Was ich brauche? Ein Buffet, so daß niemand gezwungen ist, am Platz sitzen zu bleiben. Einen festen zeitlichen Rahmen, ein festes Ende. Weniger Gäste, aber darunter auch Gäste aus meiner Arbeitswelt- die Kollegen achten sich untereinander, und der Kontakt zu ihnen tut mir sehr gut. Meine Feier soll ein Abbild meines Lebens sein, da gehört die Arbeit dazu. Programm? Sicher, ein Film oder Musik soll sein, und ich halte irgendeine Art von Ansprache. Was darüberhinaus passiert, bleibt den anderen überlassen.

Ich war gestern von den Eindrücken angestrengt, und am Ende fast mutlos geworden, aber jetzt begreife ich das Ganze als Ansporn, für mich die richtige Form zu finden.

Gedankensplitter /Mutter mit Macken

Fast hätte ich jetzt geschrieben, uns wurde ein Kindlein auf twitter geboren…

Natürlich wurde es nicht uns geboren, und auf twitter sind wir nur davon unterrichtet worden. Übrigens ein anscheinend sehr schnuckeliges kleines Mädchen, und nochmals liebe Glückwünsche an Eltern und Geschwister!

Es stellten heute dann mehrere die Frage, wie das denn so ist, als Autistin und Mutter. Ich hab immer mal wieder ein Eltern-Kind-Thema hier im blog aufgegriffen, und ich dachte, ich sammel hier ein paar persönliche Gedanken dazu.

Liebe ich Autistin meine Kinder? Ernstgemeint, manche zweifeln daran. Das fängt an bei der Ärztin der Geburtshilfe, die mir später zufällig am Arbeitsplatz über den Weg lief. Wir schafften es, uns innerhalb von 2 Minuten in einen Dissens hineinzureden darüber, ob Mütter ihre Babies sofort abgöttisch lieben oder nicht. Sie vertrat genau diese Meinung. Ich vertrete die gegenteilige Meinung. Beziehungen müssen sich formen, auch zu kleinen Babies. Daß sie einen zu Liebe und Fürsorge animieren, schließt doch nicht aus, daß man sich aneinander gewöhnen und anpassen muß. Mir ist es gruselig, wie z.B. eine Bekannte von mir sich danach sehnt, wieder ein kleines Kind zu haben, denn „soo schee, a so a Kloans neba sich, a so ebbs siaß, mei, des mechat i so gern!“

Ich bin auch privat für meine Kühle kritisiert worden, aber ich bin überzeugt, daß meine Kinder genau wissen, daß ich ihnen gegenüber nicht kühl bin. Das liegt an dem Umstand, daß meine Kinder auch Autisten sind. Von Beginn an hat sie das beruhigt, was mich beruhigt, und das aufgeregt, was auch mich aufregt. Sachlich an ein Problem rangehen, für Ruhe sorgen, Rückzug lassen und einen Overload nicht noch durch zu viel Emotionalität und Zureden zu pushen – das hilft mir genauso wie ihnen. Im Streß bewegen wir uns in die gleiche Richtung. In der Babyzeit haben wohl irgendwelche Hormone die Effekte des Schlafchaos gemildert,  und Schreien war nicht so schlimm, solange ich wußte, es ist nichts „Ernstes“. Dann konnte ich gelassen (na gut, relativ) darangehen, wieder Stück für Stück Ruhe herzustellen. Ich weiß ehrlicherweise nicht, wie ich mit neurotypischen Kindern zurechtkäme. Für mich ist es unglaublich erleichternd, mich nicht verstellen zu müssen.

Stress fängt für mich meist erst an der Schnittstelle zur neurotypischen Welt an. Wenn ich den Kindern ein „Vorbild“ sein muß, ihnen vorleben, wie das am Besten geht in der sog. normalen Welt. Oder, und das ist weitaus häufiger, wenn diese „normale“ Welt mit meinen Kindern und mit unserem gewohnten Ablauf nichts anfangen kann, und Anpassung verlangt. Das kann einen ganz schön unter Stress setzen, das will gelernt sein, damit cool umzugehen. Wenn man selbst kritikempfindlich ist, selbst unerwartet immer wieder vom Scheitern banalster Dinge frustriert wird, und man trotzdem die Aufgabe hat und haben will, den Frust beiseite zu schieben und die Kinder spüren zu lassen, daß Menschen nun mal verschieden sínd und sie genauso liebenswert sind, wie sie sind. Mögen Oma Nachbarin Lehrerin auch beleidigt oder belustigt sein, zu verstehen geben, diese Kindern seien das Allerletzte, was soll aus denen denn werden? Dann zu den Kindern stehen, OHNE die betreffende Person hochkant rauszuschmeissen, ist sehr schwer. Hab ich nicht immer geschafft, obwohl ich mich eher als friedfertig betrachte…

Damit kommt ein weiteres Problem auf einen zu: die Erlebnisse und die Entwicklung der Kinder erinnern automatisch an selbst Erlebtes, an Unangenehmes, nicht gut Verarbeitetes aus dem eigenen Leben. Aber das ist nicht spezifisch für Autisten – das geht allen Eltern so.

Wenn ich meinen Autismus als schwierig für das Zusammenleben mit den Kindern erlebe, dann in zwei Aspekten:

  • Eltern sollen Kindern ja Dinge zeigen und sie mitmachen und lernen lassen. Es heißt, neurotypische Kinder drängten von selbst darauf, auch mal abzuwaschen oder whatever. Die Bereitschaft, die Kinder miteinzubeziehen, ist natürlich da, natürlich wäre es auch sinnvoll, ihnen praktische Dinge beizubringen. Die Umsetzung ist sehr, sehr schwer. Ich muß nicht nur die Kinder zur rechten Zeit motivieren, ohne daß sie angstvoll gleich aufgeben. Ich muß von meiner Routine ablassen und plötzlich jemand zweiten nicht nur anleiten, sondern auch mitentscheiden lassen und zulassen, daß meine Routine durcheinandergewürfelt wird.
  • Es ist schwer, damit umzugehen, selbst keinen Rückzugsort zu haben. Vielleicht kriegen andere Mütter das besser hin? Oder sind andere Kinder aufmerksamer auf Mutters Ruhebedürfnis? Meine Kinder möchten mich nicht bedrängen, aber ich muß schon laut sagen, wann es mir zuviel wird. Mein eigenes Reich ist mein Handy, oder auch der Blick in ein Buch. Aber schon einen Text wie diesen hier zu schreiben, fordert mich, weil ich immer ansprechbar bin, nie eine Tür hinter mir zuziehen kann, und, entgegen der Klischees, ich auch als Ansprechpartner gebraucht werde. Für die Kinder, die zwar oft im eigenen Reich sind und ihren (ja, Spezial-)Interessen nachgehen, aber mich immer wieder suchen, für ein Geplänkel, einen Rat, um mir etwas zu zeigen, mit mir zu kuscheln. Das will ich ihnen auf keinen Fall nehmen! Ich selbst zahle aber damit, daß ich kein irgendwie geartetes konzentriertes langfristiges Projekt hinbekomme.

Und für alles, was ich jetzt hier geschrieben habe, gilt: ich wollte nur ein paar Worte dazu schreiben, wie sich ein autistisches Mutter-Dasein anfühlen kann. Selbstredend, daß in anderen Familien Probleme genauso auftreten, lediglich in einer anderen Ecke.

 

Trennung, unter autistischen Vorzeichen

Als mein Vater seine Frau kennenlernte, war ich ein Teenie. Sie brachte eigene Kinder mit. Ich war durchaus gerne dort, es war immer lustig, immer etwas los. Ich konnte viel durch Beobachten verstehen lernen. Es war gut, oder: ich fand es gut. Bis sie mich eines Mittags zusammenstauchte. Ich sehe mich noch auf dem Stuhl am Küchenfenster sitzen, wo ich ihr meistens beim Kochen zuschaute. Höre draussen die anderen miteinander reden. Der Vorwurf an mich war: ich würde immer nur ein Gesicht ziehen, nie mitmachen, immer nur beleidigt herumsitzen. Wenn ich mich für etwas Besseres hielte, könnte ich genausogut zuhause bleiben.

Das saß. Ich wußte nicht, wie mir geschehen war. Ich war mir keiner Schuld bewußt. Heute könnte ich alles erklären. Damals biss ich die Zähne zusammen, versuchte, etwas normaler zu sein, und alle schoben wir es auf die Pubertät.

Ich versuchte auch, normaler zu sein, als ich bei der Hochzeit vom Hochzeitslader ausgerufen wurde als „die Schüchterne, die sich mal mehr mit Jungs trauen sollte“. Vor 100 Gästen. Ich sehe mich auch da: in meinem roten Outfit, Augen gesenkt, ein Loch im Boden suchend.

Aber ich werde ungerecht. Ich habe von ihr, von diesem Familienzuwachs, viel bekommen, nicht nur das erwähnte rote, selbstgeschneiderte Outfit. Ich bekam einen Zugang zu einer sogenannten normalen Familie und der hiesigen Gesellschaft. Ich konnte ihn nicht nutzen, aber eine Weile gehörte ich dazu.Ich guckte mir viele praktische Dinge ab, ich wurde immer mit beschenkt. Ich lernte, scheinbar unverfänglich zu kommunizieren, mitzuscherzen, mitzulachen.

Aber ich gehörte nie wirklich dazu: Meinen beruflichen und sozialen Weg gestaltete ich für mich. Es kamen auch keine Hilfsangebote. Statt dessen seltene Besuche, dabei immer gegenseitige Freundlichkeit und Gastfreundschaft. Alles wirkte immer normal und funktionierte scheinbar. Nur manchmal plötzlich ein Anruf, oder ein halbverschluckter Satz, wie schwer sie es mit meinem Vater habe. Immer noch habe er sich nicht geändert, immer müsse sie, werde das denn nie anders. Oder ich erfuhr hintenrum, wie sie über meine Kinder schimpfte: die seien komisch! Und nie würden sie sie anrufen!

Wundert mich jetzt nicht so wirklich…

Meinen Vater bezeichne ich jetzt einfach als Autisten. In der Nachkriegszeit, in kleinen Verhältnissen,  wäre natürlich niemand auf die Idee gekommen, irgendwelchen durchaus vorhandenen Seltsamkeiten nachzuforschen. Jeder mußte funktionieren, so gut er konnte. Und das tat er. Er nutzte alle Freiheiten, die es noch gab, sich in der Gesellschaft einzurichten. Ich werde ihm meinen Verdacht  nicht mehr erzählen, dazu sind wir nicht nah genug, und er hätte nichts davon. Ich glaube, es hätte auch in dieser Ehe nichts genutzt. Wenn jemand keine Möglichkeit und keinen Antrieb hat, etwas zu akzeptieren, was fern seiner Erfahrung liegt, dann nutzt ein Name für das „Andere“ auch nichts.

Lieblingsspruch dieser Frau: „Man schließt doch immer von sich auf andere!“.

Nein, tut man nicht. Es ist sogar ein Luxus, wenn man mit so einer einfachen Strategie durch’s Leben kommt. Zu einer ernsthaften Bindung gehört, wie ich finde, ein Bewußtsein dafür, daß jeder seine unbegreiflichen Seiten mitbringt. Bei ihnen ist es letztendlich nicht gelungen. Mein Trost, daß sie sich wohl geräuschlos und im Guten trennen. Wenn mein Vater sagt: es paßt so!, dann kann ich mir auch sicher sein: es paßt so!

Ich merke, ich wollte über die Trennung bloggen, oder über die Möglichkeit einer stabilen Integration neurotypisch-neurodivers in einer Familie. Ich ringe schließlich jeden Tag mit meinem Mann darum. Jeden Tag dolmetsche ich. Und jeden Tag gelingt es uns allen nur insofern, als bestimmte Eigenheiten einfach so hingenommen werden, wie sie sind. Ohne sie in Frage zu stellen oder in Vorwürfe zu verwandeln. Ohne Druck auszuüben.

Im Moment stellt sich für mich aber jetzt eher die Frage, ob ich zu der Frau meines Vaters noch Kontakt halten soll. Wenn ich die Zeilen hier nochmal durchlese: Ich glaube, nein. Ich werde sie nicht vermissen. Umgekehrt auch nicht.

If you want to sing out, sing out!

(Oder: Nachtrag zu einer twitter-Diskussion. Ich verzettel mich nur, wenn mehr Leute intensiv über ein Streitthema twittern, deshalb hab ich hier ein paar Gedanken zusammengefasst.)

Der Titel entstammt einem meiner früheren Lieblingslieder. Es stammt aus dem, sehr lebensweisen,  Film Harold & Maude, in dem sich ein exzentrischer junger Mann und eine 80jährige zusammenschließen bis zum bitteren? schönen? Ende.

Im Lied und im Film geht es darum, daß ein Mensch sich für das Positive im Leben aktiv entscheiden muß. Und es geht darum, daß ein jeder eine kostbare Individualität sein Eigen nennt und es seine Aufgabe ist, daraus sein Selbstbewußtsein zu ziehen – auch wenn er sich wie ein unscheinbares Gänseblümchen fühlt. Oder wenn er am Rand der Gesellschaft steht, wie dieser komische junge Mann, der seine gesellschaftlichen Chancen scheinbar mutwillig wegwirft, oder die ehemalige KZ-Insassin, die mit ihm eine Liebschaft eingeht.

Ich bin nun lange genug Psychologin, um zu wissen, daß sehr viele Menschen mit diesem Thema kämpfen. Manchmal sehen meine Patienten einfachste Lösungen nicht und kreisen in sehr engen Käfigen, weil sie so strikt eingetrichtert bekamen, auf gar keinen Fall vom Durchschnitt abzuweichen. Sie sind überrascht und unglaublich befreit, wenn sie merken, daß sie auch mal anders, nonkonform sein können, und die Welt deswegen nicht zusammenbricht: im Gegenteil, daß sie daran wachsen können. Es ist mein Ziel, sie zu einem ganz persönlichen Weg zu ermutigen und ihnen Angst zu nehmen. Ich gehe auch privat allem Gehässigen aus dem Weg – unser Ort ist klein genug, daß ein paar schräge Vögel dazugehören, und ich war u.a. schwer beeindruckt (und gerührt), als unsere Kindergärtnerinnen das Thema „Andersartigkeit akzeptieren“ mit den Minis als Theaterstück bearbeiteten…und meinem autistischen Sohn die Chance gaben, darin eine Rolle zu spielen.

Eigentlich könnten sich alle einig sein, irgendwie…

Wenn so eine Diskussion zwischen NT und Autist trotzdem schiefgeht, wie gerade auf twitter geschehen, dann liegt das, glaube ich, daran:

  1. Die Starrköpfigkeit von Autisten sieht nach Selbstmitleid aus, wenn sie gute Ratschläge anzweifeln oder zurückweisen. Nein, bitte: das ist kein Selbstmitleid im Sinne eines „nö, ich änder mich nicht, dann sollen die anderen sich doch mehr anstrengen“. Auch kein „ich armes Schwein“. Was so pessimistisch ankommt, spiegelt die tief, tief, tiefsitzende Erfahrung von Menschen, die seit Geburt chronisch erleben mussten, daß sie nicht dazugehören und nichts ihnen da raushilft. Und die in der Regel erst spät diagostiziert wurden. Als ich den Film sah, war ich etwa so alt wie Harold. Ich wußte nichts über Autismus, schon gar nicht über meinen, das lag noch über 20 Jahre in der Zukunft. Aber ich wußte, daß ich scheinbar immer verkehrt war, und daß meine Anstrengungen, akzeptiert zu werden, sich manchmal in Sekundenbruchteilen ins Gegenteil verkehrten. Natürlich war ich dankbar über eine Sichtweise, die jedem Menschen Akzeptanz zusicherte. Und ich war erleichtert, daß meine Freundinnen dem zustimmten. Jedenfalls theoretisch. Praktisch war meine soziale Umwelt für mich nicht zu kontrollieren, außer, ich spielte jemanden, der ich nicht bin. Das ist sie immer noch, trotz meiner geballten Psycho-Erfahrung. Mit so einer Ausgrenzungserfahrung im Kopf, ist man ganz wörtlich wie ein geprügelter Hund, der lange schnuppert und überlegt, bis er sich wieder streicheln läßt. „Sich einfach trauen“? „Geht allen so“? „Was soll daran so schlimm sein“? Ja, aber, wenn du meine Erfahrung in den Knochen hättest… Ich bete für meine Kinder, daß die frühe Diagnose ihnen und den nächsten Generationen hilft, nicht so einen Berg aus Mißtrauen und „ich schaff es einfach nicht“ in sich aufzubauen!
  2. Autisten gehen, noch dazu in einer rein virtuellen, super verknappten Diskussion, viel zu konkretistisch auf die Beiträge ein. Es ist ihnen ja eben schon im sog. normalen Leben schwer, eine inhaltliche Aussage in ihrem Beziehungskontext zu interpretieren. Ihr Gegenüber will aber erst mal hauptsächlich Aufforderung und Ermunterung verbreiten und ist nicht so im Detail des Wie gefangen. Autist vergißt, zu fühlen und zu äußern, daß man den guten Willen wohl schätzt – und NT ist frustriert, weil er scheinbar absichtlich nicht geschätzt wird. Doch, würde er schon, aber Autisten können eine nicht explizit ausgesprochene Sympathiebezeugung eben kaum erkennen.
  3. Es gibt Punkte, die sind nicht teilbar zwischen NT und Autist, man kann sich an einigen Punkten gegenseitig nicht einfühlen.
  4. Es gibt im Leben überall A….löcher, die sich wohlfühlen, wenn sie auf wen anders rumhacken können – und es braucht lange, zu lernen, diesen kein Futter zu geben. Allein schafft man es manchmal nicht. Mobbing ist kein autistenspezifisches Thema, aber das Risiko ist doch höher als bei NTs.

 

Falls ihr bis hierher gelesen habt: VIelen Dank!!!

Genießt den Song…

Gedankensplitter /Schwere erleben. Leichtigkeit weitergeben.

Briefkasten auf. Spendenpost raus. Briefkasten zu.

Weihnachten naht, Zeit der Geschenke. Zeit der Familientreffen. In manchen Familien, so man hört, gibt es jetzt große Treffen. Eltern, alle Geschwister , Kinder und Kindeskinder und Kindeskindeskinder an einem Ort. Womöglich mit Übernachtung.

Wir haben jetzt schon unsere Vorweihnachtsbesuche hinter uns gebracht. Nur ein paar kurze Besuche bei den nächsten Verwandten. Sonst ist man auch nur ab und an telefonisch in Kontakt.

Braucht man mehr?

Ich nicht.

Für uns waren die Familiengeschichten eine Zeitlang ein heikler Balanceakt. Das hat mit mancherlei zu tun, Scheidungen, Antipathien, auch mit dem hilflosen Umgang mit dem Thema Autismus. Aber allmählich klären sich Dinge. Man zwingt sich nicht mehr in ein bestimmtes Muster hinein. Das zählt für mich unbedingt zum Erwachsenwerden dazu: aussuchen, mit wem man es zu tun haben will. Unsere Kinder sind groß genug, daß wir auch ihnen das zugestehen können. Gleichzeitig werden andere Probleme dringlicher. Es geht um Krankheit, Demenz, Tod, um das Leben an sich. Paradoxerweise trägt auch Letzteres dazu bei, daß in diesem Jahr alles entspannter abläuft.

Also, kurz gesagt: unser Familienkreis wird vom Leben samt seinen Herausforderungen nicht verschont. Manches Gewicht wiegt schon spürbar schwer. Trotzdem und deswegen war ich bei den letzten Besuchen sehr dankbar, und aufmerksam für diese ganzen unscheinbaren Kleinigkeiten. Die Kleinigkeiten, die in anderen Familien gar nicht registriert worden wären oder als Nebensächlichkeiten betrachtet würden.

Ich atme leichter, wenn ich nicht alle Kinder in einen Besuch oder an einen Tisch zwingen muß. Die Verwandten haben sich an dieses „komisch“ schon gewöhnt. Ich bin dankbar, daß ich nicht abhängig bin, von keinem. Ich freu mich, wenn Humor da ist, wenn auch über schwierige und tragische Dinge gelacht werden kann. Wenn K2 für seine Jacke, die er sich einbildete, Komplimente erhält und ich ihm den Stolz ansehe. Und wenn noch so viele „ordentliche“ Familien davon abgeraten hätten, denn: was sollen sich denn die Leute denken! Na was? Ich denk mir auch meinen Teil über andere. Mein Vater fragt nichts über meinen Beruf oder Status oder sonst etwas, aber wir tauschen uns über mein neues Smartphone aus, und das reicht mir. Mit der Stiefmutter war es nicht immer leicht, jetzt fachsimpeln wir so an der Oberfläche über den Garten, was will ich mehr.

Und was will ich mehr weitergeben als diese stille Kunst, die ich beobachten durfte, schwere Dinge leichtzunehmen.

 

 

 

 

Buch&Welt

Der erste Autist, von dem ich außerhalb meiner Familie erfuhr (von dem abgesehen, der das Thema zufällig indirekt ins Rollen brachte, aber das ist eine ganz andere Geschichte) war Peter Schmidt. Ich stiess auf einen Bericht in der Geo, und las dort darüber, wie er in seinem Studium auf Expeditionen unterwegs war. Auf seine eigene, exakt geplante Art und Weise, aber doch. Und momentan lese ich gerade die  Autobiographie eines Autisten: auch einer, der viel gereist ist, viel Radtouren unternimmt, viel Sport treibt. Immer irgend einen Freund in der Gegend hat, mit dem er etwas unternehmen kann.

Ich bewundere das. Für mich war mein Autismus immer verbunden damit, irgendwo in sicheren Grenzen zu sein, in einem überschaubaren Raum. Auch damit, allein zu sein. Vielleicht aber spielt da die familiäre Prägung doch eine Rolle. Alles, was außer Haus passiert, mußte und muß ich mir allein erschließen.

Ich erinnere mich: während meines ersten Arbeitseinsatzes rüffelte mich ein Oberarzt, weil ich einen arabischen Patienten zu „neutral“ behandelte: „Da muß man doch darauf zugehen! Sich dafür interessieren!“

Naja, es war ja nicht so, daß mich die Welt dieses Patienten nicht interessiert hätte. Aber ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, daß ich ihn befragen kann. Damals.

Und was liegt nun nahe, wenn man einen unterbeschäftigten Kopf, aber wenig Möglichkeiten hat und noch weniger Mut und Kompetenz, in der grossen weiten Welt etwas zu lernen? Richtig, man beginnt eine intensive Beziehung zu Büchern.

So viele schöne Erinnerungen zu diesem Thema. Als Kind las ich jedes Buch im Regal meiner Eltern, die (Eduscho) Kunstbände, die Aufklärungsbücher. Bei Verwandten Romane im Reader`s Digest. Billige Teile, aber ein großes Entdeckerabenteuer für mich. Was für ein Glück, daß mich niemand aus pädagogischen Gründen davon abhielt, den Weißen Hai oder Quo Vadis zu lesen. Die Buchhandlung der alten Frau, mit der Riesendogge unter der Theke. Die Buchhandlung mit den Zeitungen und den tollen Stiften. Grosse Augen im Hugendubel, das erste Mal in der grossen Stadt. Noch größere Augen in der Staatsbibliothek. Die Zeit, als ich in der Bibliothek jobbte und mich durch die Medizinerbücher blätterte. Später dann freundschaftlich verbunden mit einer Buchhändlerin und Einblick in Bücher, an denen ich sonst vorbeigelaufen wäre. Und und und.

Das Klischee besagt „Bücher eröffnen neue Welten.“ Damit konnte ich nie etwas anfangen, das war mir immer ein komischer, aufgeblasener Satz. Ich wollte ja nie in eine neue Welt. Ich wollte in meiner sicheren Welt bleiben.

Dabei ist es genau so, wie das Klischee sagt. Und wenn ich nun sage, ich bin jetzt mittlerweile genauso glücklich,  wenn sich mir Menschen wie Bücher öffnen? Jetzt, da ich mit ungleich mehr Menschen in Kontakt komme. Und nicht mehr davor zurückscheue, zu fragen? Wenn ich sie lesen darf, und nicht nur den Einband, sondern auch ihre Historie und Fußnoten kennenlernen darf? Vielleicht denkt jetzt der ein oder andere Leser: typisch Autist, behandelt Menschen wie bedrucktes Papier. Aber das ist gar nicht gemeint. Was ich gern teilen möchte, ist meine Vorstellung: Menschen öffnen, wie man ein Buch aufklappt oder eine Tür öffnet. Schicht um Schicht kennenlernen. Wissen, daß da immer ein Eck bleibt, das nicht zu entziffern ist oder zwischen anderen Seiten versteckt bleibt.

Vielleicht behandele ich Menschen wie Bücher.Vielleicht trifft auch das Gegenteil zu? Vielleicht behandel ich Bücher wie Menschen? Fühle und leide mit ihnen?

Wer weiß das schon?