Quickshot /Ein zerrissener Tag

Heute ist Muttertag. Ich habe von meiner Familie nichts geschenkt bekommen. Es ist dies zum ersten Mal so, aber die Kinder werden älter, und es war heuer absehbar so. Also, ich erwartete auch nichts und bin nicht enttäuscht.

Um ehrlich zu sein, ich bin froh. Denn heute morgen war ich noch schlecht drauf, ich hätte mich nicht von Herzen freuen können. MIr fiel es auch schwer, zu lachen. Wie ich andernorts schrieb, der Grund lag in einem Streit mit meinem Mann, der in mir wieder einmal das Gefühl hochholte, als Mutter zu versagen, meine Kinder nicht genug auf die Welt vorzubereiten, ihnen nicht genug zu bieten.

Dieses Gefühl löst sich nun langsam wieder auf. Ich schau ihm dabei zu und erfreue mich derweil an den hundert Kleinigkeiten, die schön sind oder gut klappen.

Ich bin auch noch nachdenklich wegen gestern. Der Tag gestern war auch einer Mutter gewidmet, nämlich meiner. Gestern haben wir sie ins Heim gebracht.

Das provoziert jetzt sicher altbekannte Bilder, in etwa so: Mutter hin, zack!, Tür zu, schnell weg, nie mehr wiederkommen. Und heute lästern schon die Pflegerinnenbeim Kaffee , daß nicht mal zu Muttertag Besuch kommt, ja ja das schimpft sich Familie.

Aber.

Es sind ein paar Hundert Kilometer dorthin, eine Verwandte vor Ort kann und wird zu Fuß dort vorbeigehen. Sicher fahre ich jetzt auch öfter dort hin, aber nicht heute. Ich bin meiner Fürsorgepflicht anders nachgekommen, ich habe dafür gesorgt, daß sie jetzt dort ist. Denn sie war dabei, zu verwahrlosen. Ich hätte sie auch aufgenommen, aber das wäre unverantwortlich gewesen. Und beruhigend: es hat ihr spontan gefallen, die Pflege ist sehr ruhig und gelassen, sie hat sich spontan gut mit den Damen unterhalten. Ein kleiner Raum, wenig Neues, wenige Mitbewohner. Ein kleines, aber regelmäßiges Programm. Das ist nicht lieblos, das ist auf das Thema Demenz zugeschnitten. Mehr verwirrt nur mehr.

Ich war seit Jahren in keinem Altersheim mehr. Wir haben uns gestern schief gelacht darüber, wie sehr alle dem Klischee entsprachen, auch wir selbst, auch meine Mutter mit ihrer Anmerkung „Da sind ja nur alte Leute!“.

Aber gut, das Lachen und ruhige Beobachten gab mir Zeit, mich wieder zu entspannen. Ich war meiner Mutter eine Mutter und habe sie in gute Betreuung abgegeben.

Der Mann sagt, er habe alles gar nicht so gemeint. Nichts für ungut, mag sein. Etwas Zeit brauche ich aber noch, diese Zerrissenheit von heute wieder zu glätten.

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MCS x/30

In unserer Familie sind die Aufgaben hübsch verteilt, meine ist u.a. zu kochen, und immer bietet mir mein Mann an, alles aufzuräumen.

Heute nahm ich sein Angebot an. Etwas später ging ich an ihm vorbei, als er gerade den Tisch säuberte. Und dann rutschte ich in einen Impuls und in einen Moment, in dem mir klar wurde, ich muss besser auf mich aufpassen.

Ich war drauf und dran gewesen, mich dafür zu entschuldigen, daß ich soviel Geschirr angepatzt hatte. Ich konnte den Satz gerade noch zurückhalten. Wohlgemerkt, ich hatte Familienessen gekocht mit zwei Varianten und alles à point und just in time auf den Tisch gebracht.

Verrückt. Aber real. Ich rechne mal so: ich kann mich auf mindestens drei Schuldskalen einordnen, also den Impuls, sich zu entschuldigen und klein zu machen, in drei Dimensionen bewerten. Jeweils von 0-10, auf gut psychologisch. Ich nenne sie Mea culpa Skala oder MCS-X

Skala 1 Ich bin eine Frau. Frauen verhalten sich oft so, ob by nature oder by nurture, egal. Wissen wir alle, haben wir alle eine eigene Ansicht dazu. Meine persönliche Erinnerung dazu: als ich das erste Mal Bella Block sah, war ich fasziniert und begeistert, weil sie schaute und agierte wie ein Mann. Das fand ich cool, Frauen empfindet man ja immer noch lächelnd als „richtig“. Aber gut, die allgemeine Einstellung ändert sich doch.

Also, Faktor Frau: 5/10 auf der MCS-F

 

Skala 2 Ich bin Mutter. Himmelherrgott. Facebook verfolgt mich mit einer Komödiantin von Antenne Bayern, die selbstironisch ihre mütterlichen Unverzeihlichkeiten ausbreitet. Ich gebe zu, ich schaue es an und amüsiere mich darüber. Weil man (bzw. mutter) es so gut versteht. Im persönlichen Umfeld gibt es mehr Toleranz, aber in den Medien findet sich immer etwas, was man als Mutter so richtig verbocken kann, und die Heli-Profi-Opti-Tigermütter sind kein Klischee, ich kenne solche Damen. Viel Arbeit, die man sich Tag für Tag machen kann, und ebensoviele Gelegenheiten für ein schlechtes Gewissen.

Also, Faktor Mutter: 8/10 auf der MCS-M

 

Skala 3 Denn, ich bin ja auch noch Autistin. Und als solche erreiche ich das Maximum auf meiner Skala. Denn ob ich mich anstrenge oder nicht, an die Grenzen gehe oder nicht. Es reicht nicht. Es kommt immer ein Punkt, an dem ich etwas nicht schaffe, mich jemand nicht versteht, jemand von mir irritiert ist. Ich langweile Menschen, stosse sie vor den Kopf, verärgere und frustriere sie. Und immer unverhofft wirke ich auf einmal ellahaft, ich habe zu wenig Kontrolle darüber. Und ich bin es, der sich dann entschuldigen muss. Ich werde ja nicht verstanden, der Rest der Welt versteht sich. Die letzten Tage war es plötzlich wieder so weit, mein Mann frustriert, daß ich sozial so inaktiv sei (… das seh ich mit Familie und meinem Beruf natürlich etwas anders, aber das kann ich nicht gut genug erklären…). Ein Schock, wieder mal. Und auf diese Art Unverständnis könnte man nun gar nicht reagieren oder schroff reagieren, ist halt Mist für die Beziehung. Oder so, wie ich es mir vor langem schon angewöhnt habe. Klein machen, erklären, entschuldigen, anpassen, nachfragen, hektisch versuchen, wieder in die „normale“ Spur zu kommen.

Also, Faktor Autismus: 10/10 auf der MCS-A

 

Macht 23/30 Schuldpunkten.

Quickshot /Je ne suis pas Ella

Eine Woche voll Aufregung, und wahrscheinlich liest das hier niemand mehr. Zu viele Kommentare gibt es schon dazu, zu dieser Serie namens #EllaSchoen, die im ZdF gelaufen ist.

Ich gebe zu, ich habe sie nicht mal ganz gesehen. Auch nicht alle Beiträge dazu gesehen. Ich wollte mir die Zeit dafür nicht nehmen, mir waren andere Dinge wichtiger. Ich gebe auch zu, ich habe keine eindeutige Meinung dazu.

Ich hab Ausschnitte aus den Interviews mit Annette Frier gesehen, der Hauptdarstellerin. Eine scheinbar recht fröhliche und resolute Dame. Gerade im Interview mit Dunya Hayali kommt bei mir an, daß mit dem Film ein positiver Ansatz verbunden war, ein Versuch, optimistisch auf das Thema zuzugehen, etwas Aufmunterndes daraus zu basteln. So kommt es auch in den tweets der Beteiligten rüber. Soweit verstehe ich es, und freue mich über die Absicht.

Aber, ach, gut gemeint ist halt meistens dann doch daneben gegriffen…

Ich hab versucht, Teile anzusehen. Ich hab jedes Mal wieder ausgeschalten.

Nein, ich bin nicht Ella. Ella ist eine Frau, so roboterhaft und schroff, daß es mir gruselt. Ich versuche mein ganzes Leben lang, genau so nicht zu sein. Wäre ich so, wäre mein autistischer Kern früher entdeckt worden. Tatsächlich mußte ich dazu 40 werden. Das ist das erste, was an dem Film wehtut: daß das Bild von Autisten auf dieses festgefroren wird. Eine Frau, die schroff ist und weder anders sein möchte noch es kann. Die über ihre Zwänge und ihre Einstellungen nicht reflektiert und ihrer Umwelt keinen Millimeter entgegen kommt. Jemand, über den man leicht lachen kann, den man sofort mit Verachtung ablehnen kann.

Oder manchmal bin ich auch Ella? Kann auch sein. Kann sogar gut sein, daß ich manchmal auch schroff wirke. „Unnahbar“ ist mein zweiter Vorname von Leuten, die mich – und ich sie – gerade erst kennenlernen. Und das heißt, aufgemerkt: so bin ich IM STRESS. So bin ich, wenn ich keinen Zugang finde, wenn ich mich und die Situation irgendwie im Griff behalten muss. So bin ich nicht privat, in der Arbeit, wenn ich mich wohlfühle, wenn ich vertraut bin.

Das hätte ich mir gewünscht: daß in so einem Film auch meine guten Absichten, meine sozialen Wünsche vorkommen. Daß spürbar wird, was ein Autist braucht, um in Kontakt sein zu können. Daß diese schroffe Oberfläche, diese scheinbare Roboterhaftigkeit und scheinbare Empathielosigkeit als scheinbar erklärt wird. Nur so können doch sog. „normale“ Menschen überhaupt zu mir wollen?

Denn ich habe soziale Bedürfnisse. Ich kann allein sein, no problem. Und die Menschen in der dritten Welt können auch hungern, no problem. Ist Alltag. Aber ein schönes gesundes Menü wäre ihnen lieber. Mir auch. Mir wäre ein Stammtisch auch lieber, Frauen, die mit mir in Sport gehen, Kollegen, mit denen ich mittags spazierengehe. Flirts. Ich kann es nur nicht gut genug, um es herzustellen.

Und ich habe ein Bedürfnis nach so etwas wie „Wahrhaftigkeit“? Es macht traurig, so wenig Chancen für mich und andere Autisten, als die Personen, die wir sind, gesehen und gemocht zu werden. Denn unser Charakter ist still, wie eine unscheinbare Wiese, mit Kleinigkeiten, die man langsam entdecken muß. Was kaum passiert, denn auf dem Weg zur Wiese stehen diese eindrucksvollen Felsformationen namens Empathielos, Unhöflich oder Superschlau (oder Supergedächtnis, Inselbegabung, Routine, Zwang, Spleen…), und alle Welt starrt an den Felsen hoch und kann den Blick nicht davon lösen…

 

Schulerinnerungen

Jetzt habt ihr die letzten Tage schon viele autistische Schulerlebnisse geteilt.

Trotzdem meine 50ct dazu…

Wenn ich an die Schulzeit zurückdenke, denke ich an Leere zurück. Jedenfalls nicht an das Gefühl, einem Sozialverband angehört zu haben, der sich an schöne Zeiten und lustige Erlebnisse erinnert. Vielleicht hat meine Klasse eine deutliche Erinnerung an ein geteiltes Schulleben. Bei mir ist diese Erinnerung nur sehr schwach, „am Rande“ fällt mir als erste Assoziation ein. Und daneben einzelne Eindrücke.

Was es für mich nicht gab: handfesten Ärger, schlechte Noten, Mobbing (jedenfalls hab ich keines bemerkt). Ich war „typisch“ weiblich autistisch drauf: schüchtern, seltsam, aber sonst unauffällig und brav. Die Noten unauffällig.

Ein Zeitstrahl aus Einsamkeit, damals nannte ich es noch nicht so. Der Zustand des Alleinseins, die Trauer über die Einsamkeit waren verdeckt von meiner Verunsicherung, meiner felsenfesten Überzeugung, es so verdient zu haben. Durch meine Doofheit.

In diesem Zeitstrahl einzelne Bilder.

Ein Foto vom Wandertag, alle auf einem Spiegerät. Ich drei Meter abseits auf der Bank, Blick auf den Boden. Jemand zeigt mir das Foto und reibt mir meine Schmach noch unter die Nase: „du immer, schau dich mal an!“

Der erste Tag meiner Periode. Mangels Anleitung von Mutter oder Freundin hatte ich mir irgendwie eine Einlage aus Watte gebastelt. Die Sportlehrerin hält an dem Tag lachend ein aufmunterndes Statement, daß die Blutung etwas Normales sei. Jahre später begreife ich, jeder hat es damals gesehen. Pardon, jede.

In jedem Zeugnis die Anmerkung, ich sei zu ruhig. Einige mündliche Sechser wegen Nichtmeldens.

Ich, in Deutsch oder Religion, als ich mich doch melde, weil ich etwas aufgeschnappt habe, was mir wichtig scheint. Zu 75% Ablehnung wegen Unbotmäßigkeit oder Verschrobenheit, zu 25% „was du alles weißt“. Manchmal ein überraschtes „du bist doch ganz gescheit, zeig das doch einfach!“

Lehrer, die mir vertraulich anbieten, ich solle mich nicht verstecken, ich könne mich anvertrauen. Andere, die mir verbieten, in der Pause in der Ecke zu stehen. Viele, die mich vor der Klasse hämisch lächerlich machen, denn ich „sei mir wohl zu fein, mich zu beteiligen“, ich „hielte mich wohl für etwas Besseres“. Der ein oder andere Lehrer kennt meinen Namen nicht mal.

Viele Situationen, die mich noch heute schamvoll erstarren lassen. Wie eine Lehrerin hilflos war ob meiner ehrlichen Antwort, ich habe für die Hausaufgabe keine Lust gehabt. Ich, wie ich versuche, Witze zu machen. Die anderen Mädchen drehen sich einfach um. Ich, wie ich nicht weiß, wie ich eine Adresssänderung und die Geburt meiner Schwester melden soll. Und als es rauskommt, gescholten werde, ich hätte das sagen müssen.

Ich, wie ich Wahlfächer, Qualifikationen, sogar den „Medizinertest“, das Tor zum Medizinstudium, aus Angst und Überzeugung, zu versagen, vermeide. Ich, die ich dabei keinen Mentor, kein Vitamin B, keine hilfreichen Eltern oder Freunde habe.

Das Positive? Verschweige ich nicht, um Mitleid zu erhaschen… es fällt mir nicht ein.

 

Gedankensplitter /#notme

War die letzte Zeit unregelmäßig online, mit längeren Pausen als sonst. Teils hatte ich keine Zeit, teils wollte ich nichts im Netz.

Brauchte auch Pause von diesen ganzen Themen und Menschen, die scheinbar nur aus ihren Emotionen und Interessen heraus agieren. Das macht mich erst ungläubig, dann aggressiv, dann müde und dann lustlos, wenn Menschen und ihre Denksysteme völlig losgelöst kreisen und für Rationalität nicht mehr erreichbar sind.

Geschenkt, daß der Florida 17fache Mörder wohl Autist ist. Und viele nicht raffen, ein Mörder wird zum Mörder nicht dadurch, oder durch Depression, oder Islam oder whatever. Sondern durch weitere Umstände, in Form einer Erkrankung, oder von aussen, die ihn lehrten, das Leben ist nichts wert. Psychopathie, Kränkung, Angst vor Vernichtung. Jeder Mensch könnte so weit kommen.

Ich mag auch nicht mehr meinem Bekannten auf Facebook dabei folgen, wie er paranoid wird. Vielleicht hat er schon sein Reichsbürgerwehr-Gewehr gebunkert? Was er verlangt, verwehrt er anderen. Unser Rechtssystem ist ihm zu korrupt, aber Yücel darf ruhig verrotten ohne Prozess. Nur als Beispiel für eine Haltung, die mich machtlos daneben stehen läßt.

Mir ist auch #MeToo teilweise zu extrem. Ich finde schon, Übergriffe gehören offen gelegt und laut angezeigt. Und Nein ist Nein. Und Systeme, die auf Stillschweigen gebaut sind, müssen weg. Und es muss Einigkeit sein, dass es um Macht geht. Nicht um Sex. Wenn es um Sex ginge, wären krasse Übergriffe schlimmer. Aber auch ein Missbrauch, der nach gar nichts aussieht, weil “nichts passiert ist“, kann zerstörerisch wirken. Weil es um Macht, also Hilflosigkeit, und um Definition geht. Und jeder soll lernen, und dabei unterstützt werden, Nein zu sagen und Bedingungen abzulehnen. Trotzdem will ich weiter Kevin Spacey Filme sehen. Weil ich die Filme und seine Schauspielerei schätze. Und ich will Zugang zu alten Gemälden und Büchern. Natürlich gibt es dort viel verstörendes zu sehen und zu lesen, fast nichts in der Kunst ist politisch korrekt. Eben. Kunst ist nicht dazu da, unkritisch in den Himmel gelobt zu werden. Weil jeder wissen kann, dass andere Zeiten und andere Menschen andere Ansichten hatten. Das macht mich doch zur Person, mich damit auseinanderzusetzen, mich abzugrenzen, um so mein Ich zu finden. Und ich will beim Sport dem Herrn neben mir durchaus weiterhin auf den Bauch oder Po linsen und mich daran erfreuen. Und zwar so lange, wie ich ihn nicht in Verlegenheit bringe, oder er eine Grenze zieht.

Nur Beispiele dafür, wie ich ab und an Abstand brauche von der Kopflosigkeit und Hysterie, die letztendlich genau so eine Art Gruppendruck aufbaut, wie sie vorgeblich ablehnt.

Fremdeln

Ob auf Twitter oder auf Facebook, manchmal fange ich mittendrin an, mir irgendwelche Profilbilder anzuschauen. Ich lass es gleich wieder, denn es tut mir selten gut. Das hört sich erst mal nach Masochismus an, ist aber eher eine Art von Suche.

Ich schau dann oft die Bilder schicker Damen an. Ich selbst seh nicht wirklich gut aus, und zuerst dachte ich, es ginge darum. Mir klarzumachen, dass die Damen besser aussehen als ich. Selbstmitleid zu erzeugen. Nein, passt nicht. Das bin ich nicht. Dann dachte ich, nicht nur das Aussehen, die wirken so fröhlich und selbstbewusst, zieht mich das an?

War auch knapp daneben, wie ich jetzt begriffen habe. Denn ich las über mehrere neuere Studien, zusammengefasst ergaben sie folgendes: Autisten werden von Nichtautisten in kürzester Zeit als seltsam wahrgenommen und als Interaktionspartner in die zweite Reihe geschoben. Bei Autisten wiederum variiert die soziale Angst und mit ihr die soziale Kompetenz. Nimmt man ihnen einen Teil der Angst, verhalten sie sich auch weniger schräg. Einfühlen und erfolgreich kommunizieren wiederum hängen davon ab, ob man sich als zusammengehörig empfindet und sich im Kontakt aufeinander “einschwingen“ kann.

(Alles im Detail in den Tweets von @leoschilbach nachzulesen, danke dafür!)

In der Summe ergibt dies meine wohlbekannte Erfahrung in wohlbekannter Reihenfolge. Irgendwo neu hinkommen. Sofort Befremden auslösen und ignoriert werden bzw. gelernt haben. Sich zurückhalten, weil man dann wenigstens nicht noch mehr kaputtmacht. Das Ganze in einer sich stabilisierenden Dauerschleife. Der Eindruck, einfach falsch zu sein, wächst und festigt sich unmerklich zur Überzeugung. Manchmal schraubt sich die Spirale schnell hoch, in ein paar Minuten.  Unter dieser Anspannung geht Blickkontakt manchmal kaum noch, er sticht richtig, und damit kann man sich auch schwer mit jemandem synchronisieren, sich auf ihn einstellen oder sich “blind verstehen“. Auf jeden Fall aber wird es Jahr für Jahr schwerer, an das Gegenteil zu glauben. Am Arbeitsplatz, an meinem Heimatort, entsteht langsam, sehr langsam so etwas wie Verbundenheit, aber mit der Fremdheitserfahrung braucht es wirklich lange, sich einfach mal richtig zu fühlen. Oder nur nicht-falsch…

Ich begreife jetzt: was ich versuche, aus den Profilbildern herauszufiltern, ist das Geheimnis, wie mensch es schafft, auf den ersten Blick sympathisch und annehmbar zu wirken. Wo liegt es? In der Schönheit, Ebenmäßigkeit, dem Augenaufschlag, der Ironie, der Distanz??? Ich kann es nicht verstehen. Ich bin einfach anders, und ich werde als anders behandelt. Aber ich versuche immer wieder, doch noch eine Spur zu finden.

Und umgekehrt ist es auch so, dass die Fähigkeit, unbefangen oder wenigstens angstfrei auf Nichtautisten zuzugehen, stetig abnimmt. Bei meinen Kindern ist es inzwischen so:

Der Mann ist ein Verwandter, mit dem wir neulich, alle in trauter und friedlicher Runde, Stunden verbracht haben. Und gelacht haben und uns ausgetauscht haben. So etwas habe ich mit meinen Kindern leider, leider schon lange nicht mehr erlebt. So entspannt habe ich diese Situation noch nie mit ihnen erlebt. Alle anderen Verwandten werden gemieden, denn keiner von diesen kann sich damit zurückhalten, die Kinder auf irgendeine Ungewöhnlichkeit anzusprechen. Oder verwundert zu sein. Oder nach Zeichen von sogenannter Normalität zu forschen. Oder uns rüberzuschieben, wir sollten doch mal strenger sein. Das hat leider zur Folge, daß auch Freunde von uns weitgehend gemieden werden. (Es kommen sowieso sehr selten Freunde zu Besuch).

Keine Lösung in Sicht, außer die wenigen Ausnahmen zu genießen, und sich alle Vorwürfe zu sparen.

Gedankensplitter /Elli hatte Geburtstag

Runden Geburtstag. Und alle, alle waren eingeladen, zum vollen Programm. Alles das, was die Menschen hierzulande dazu notwendig finden: viel essen, trinken, Musik, lustige Einlagen, Diashows auf dem Beamer.

Ich hatte auf Twitter schon rumgenörgelt wegen dieser Veranstaltung. Weil ich schon vorher keine Lust hatte, nein, halt, stimmt gar nicht.

Ich freute mich schon auf das Fest, natürlich, warum auch nicht? So ein Misanthrop bin ich jetzt auch wieder nicht! Freute mich über die Einladung. Aber ich hatte aus Erfahrung auch Angst und Bedenken, wegen dem Lärm , dem gezwungenen Beisammensein, dem steifen Rumsitzen. Auch darüber hab ich mich auf Twitter ausgelassen: jeder, den ich fragte, war nicht erbaut von der Aussicht, aber alle sind sich einig, daß es sein muß.

Nur ist die Anstrengung für mich ungleich größer. Im Nachhinein habe ich die Feier ganz gut überstanden, ohne Kopfschmerzen oder ähnliches. Ich konnte mich weniger unterhalten als gewollt, weil die Geräuschkulisse zu laut und unstrukturiert war, aber ich hab mich im Verhalten wohl ganz gut angepasst. Dem üblichen Kindervergleich („Was machen deine so in der Freizeit, meine wasserskifahren ja in Hongkong!!!“) bin ich smart ausgewichen. Nur einmal die übliche Frage, ob ich wohl sehr müde sei, mit dem Unterton, ich solle doch lockerer sein: wo ich doch nicht müde war, nur eben weniger Mimik zur Schau stelle… geschenkt.

Und doch wird die Erinnerung mich ins nächste Jahr begleiten. Dann werde ich einen runden Geburtstag feiern. Gestern habe ich mich unwillkürlich an Ellis Stelle versetzt, und nichts passte daran. Elli ist zu 100% mein Gegenteil. Und sie ist extrem beliebt. Ich darf die letzten beiden Tatsachen nur nicht logisch verknüpfen… Ich bin weder sehr beliebt noch bekannt. Eine Feier, wo die halbe Stadt Elogen auf mich hält und witzige Anekdoten zum Besten gibt, kann ich vergessen.

Ich könnte den Spiess umdrehen, eine tief nachdenkliche Feier machen und alle mit meiner Autismus-Betroffenheit heimsuchen. Nein, will ich nicht.

Ich könnte ganz verzichten. Ich bin nahe dran.

Nein, ich möchte eine Feier, und ich möchte sie an mich anpassen. Vielleicht auch als Outing-Gelegenheit nutzen, aber auf eine leichte Art und Weise, die das Thema beiläufig und undramatisch anpackt und die mir erst noch einfallen muss. Was ich brauche? Ein Buffet, so daß niemand gezwungen ist, am Platz sitzen zu bleiben. Einen festen zeitlichen Rahmen, ein festes Ende. Weniger Gäste, aber darunter auch Gäste aus meiner Arbeitswelt- die Kollegen achten sich untereinander, und der Kontakt zu ihnen tut mir sehr gut. Meine Feier soll ein Abbild meines Lebens sein, da gehört die Arbeit dazu. Programm? Sicher, ein Film oder Musik soll sein, und ich halte irgendeine Art von Ansprache. Was darüberhinaus passiert, bleibt den anderen überlassen.

Ich war gestern von den Eindrücken angestrengt, und am Ende fast mutlos geworden, aber jetzt begreife ich das Ganze als Ansporn, für mich die richtige Form zu finden.

Quickshot /Ich hab dich vermisst

Zurück.

Ein Treffen mit alten Klassenkameraden. Es gab vorher schon Treffen, ich war erst jetzt eingeladen. Ich bin nach der Schule nie mehr an den Heimatort zurückgekehrt, und ich hatte nur sporadischen Kontakt zu wenigen, der sich bald aufhörte. Erst durch die sozialen Medien war ich wieder auffindbar.

Du warst nicht da. Niemand wußte, wo du abgeblieben bist. Seit der Schule nicht mehr. Nicht einmal Gerüchte gab es. Auf alten Klassenfotos warst du abgebildet, und manche lachten über dein Verhalten  so, wie sie dich damals wohl auch ausgelacht haben. Den meisten auf diesem Treffen warst du egal, und zwei oder drei wunderten sich mit mir und bedauerten deine Abwesenheit. Das Gespräch ging darüber, daß es doch angenehm gewesen sei, daß wir so unterschiedlich sein durften. Heute sei der Konformitätsdruck viel größer.

Ich hoffe nicht, daß das stimmt. Denn ich brauche für mch die Toleranz anderer Menschen für mein Anderssein. Ich selbst fühle mich auch viel wohler, wenn ich von unterschiedlichen Menschen umgeben bin. Ich habe herausgefunden, daß ich deshalb so gern in Großstädten bin: ich liebe die Vielfalt, und das man-selbst-sein-dürfen.

Bis ich zu diesem Treffen fuhr, habe ich auch kaum je über dich nachgedacht, du warst aus meinem Kosmos so  verschwunden wie alle anderen. Ich weiß nicht, ob du Autist bist. Ich denke aber doch, es spricht sehr viel dafür. Als ich losfuhr, fiel mir auf, wie sehr du meinem Sohn gleichst. So wie ich dich in Erinnerung habe, so still und unaufdringlich und doch sah man dir deinen inneren Reichtum an. Überall bist du im Hintergrund, du willst dabei sein – aber mehr Gemeinschaft gibt es nicht. Niemand interessiert sich für das, was du beizutragen hast. Und so konsequent, wie die anderen über dich hinweggesehen haben, so konsequent bist du dann deinen eigenen Weg gegangen, irgendwo, fernab. Ich wünschte, ich wäre nicht so mit meinen Problemen befasst gewesen, ich htte dich gerne besser gekannt. Denn sympathisiert habe ich mit dir, ich mochte dich.

Du hast einen Allerweltsnamen, leider. Ich würde dich sonst googlen, aber so habe ich keine Chance.

Schade.

Mögest du deinen Weg gefunden haben!

Quickshot /Dustin, nein Dust in the wind

Ok, das könnte jetzt kompliziert werden…

Neulich lief „Die Reifeprüfung“ im TV. Ich hatte den Film noch nie gesehen, das Thema sprach mich nicht an. Diesmal dachte ich, warum nicht, er wird so oft gelobt, ist doch vielleicht nett, den Soundtrack von Simon & Garfunkel im Original zu hören.

Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich schaltete nach 15 Minuten ab.

Ich hatte Dustin Hoffman früher als Rain Man gesehen, und die Art, wie der junge Ben in sein Zuhause weniger zurückkehrt, als -irrt, konnte ich nicht ertragen, weil sich in mir mein autistisches Gefühl vordrängte. Es erinnerte mich zu sehr an mich selbst, ich war vollkommen in diesem Gefühl. Das Gefühl, in einer Gesellschaft orientierungslos herumzuirren. Es funktioniert irgendwie, ich komme dahin, wo ich hin will und mache das, was nötig ist – Ben findet sich ja auch irgendwie zurecht – aber es ist alles so verwirrend.

Es schob sich ein anderer Film in meine Erinnerung, den ich neulich zufällig gesehen hatte: Lost in translation. Auch da identifizierte ich mich sofort mit dem Hauptdarsteller, Bill Murray. Auch er hat einen Ort, eine Aufgabe, er tut, was er zu tun hat und redet, mit wem er reden muss. Aber er findet keinen Bezug zu diesen Menschen, auch nicht zu seiner Frau, mit der er telefoniert. Die Kollegin, die Prostituierte, die Werbeleute – er steht daneben, beobachtet alles und findet keinen Sinn. Und wenn es einen Sinn haben sollte, ist er davon ausgeschlossen. So wie Ben zwischen den künstlichen Masken und seltsamen Spielchen der Haute volée um ihn herumläuft und nur weg will. Bill, immerhin, findet eine verwandte Seele, unverbindlich, auf Zeit.

Etwa so, wie ich vielleicht von Zeit zu Zeit froh bin, verwandte Seelen im Netz zu finden, wissend, das ist nicht wirklich ein Anker, und nicht mein Alltag.

Den Rest der Zeit (na gut, 95%) betrachte ich die Menschen (na gut, 95%) und ihre Rituale und rätsele: geht es ihnen gut mit ihren Masken? Den Anzügen, den Makeups, der Aufgedrehtheit, den Interaktionen, die nur bestimmten Zwecken dienen, den demonstrativen Gefühlen, die nicht von innen kommen, sondern etwas bezwecken sollen.

Geht es den Menschen gut so, in der völligen Anpassung?

Die Menschen würden antworten: aber ja doch, das ist doch gerade schön, etwas miteinander erleben. Genau das ist doch Gemeinschaft.

Und ich verstehe euch ja: ihr bietet mir eure Gemeinschaft an, und immer wieder verlasse ich euch. Scheinbar ohne Grund. Ich gelte als gutmütig und freundlich, und ihr könnt euch nicht erklären, woher mein Missmut und meine Ungeduld kommen.

Für euch scheinbar aus dem Nichts. Für mich daher, dass ich versuche, einen festen Platz zu finden, wo ich mich ansiedeln kann. In Wirklichkeit bin ich irgendwo und nirgendwo, wie Staub im Wind. Das seht ihr aber nicht und ich verstehe, warum ihr euer Interesse verliert an mir.

Man müßte einen Begriff finden für diese spezielle Melancholie und Verlorenheit. Mit Depression oder sozialer Phobie hat sie wenig zu tun.

Saat der Gewalt

Noch ein Attentat.

Wieder Menschen, die am Tisch sitzen, den Kopf schütteln und mich fragen, wie krank ein Mensch sein muß, der auf wildfremde Mitmenschen losgeht. Wieder die Diskussion, inwiefern der Islam schuld ist, inwiefern und wie man Fremde aufnehmen kann, und was alles schiefgelaufen ist.

Natürlich, in allen Gesellschaften, überall, wo Menschen miteinander leben, ist körperliche Aggression sanktioniert. Mord steht außerhalb jeder Norm, ob mit dem Präfix „Selbst“ kombiniert oder nicht.

Jemand, der den Schritt zur Tat macht, der sich entschließt, zu morden, muß in aller Augen also „krank“ sein. Er ist es auch. Krank heißt ja nun mal, außerhalb der sozialen Übereinkunft.

Wenn es nur so einfach wäre.

Wenn „krank“ nur nicht suggerieren würde, es gäbe entweder krank oder gesund, und es gäbe keinen Weg hin und zurück. Der Begriff „krank“ wird nicht nur zur differenzierenden Beschreibung genutzt, er soll dem gesunden Benutzer des Wortes auch versichern, daß er richtig ist und auf der guten Seite, und dort auch sicher verweilen kann. Keine Gefahr. Strafe und Ächtung drohen nur den anderen, den „Kranken“. Wie beruhigend. Und wie falsch.

Denn die Saat der Gewalt liegt in uns allen. In jedem, der über andere sich erhebt, der verächtlich mit anderen umgeht. Der Verletzungen verursacht und dies für richtig befindet. Der Ungerechtigkeiten akzeptiert, weil er einige Menschen für wertvoller und verdienter als andere hält. Aggression und die Fähigkeit, sich zu schaden, liegen in jedem von uns.

Ich selbst gelte als extrem ruhig und besonnen, als friedfertig. „Magic“ wird mir hinterhergeraunt. Aber ich habe auch schlechte Tage. Dann ertrage ich z.B. die Stimmen der Nachbarn nicht. Die lachen nur, die haben Besuch und freuen sich. Sie mißachten keine Regeln,  sie schaden niemanden. Würde ich am Zaun winken, würde ich vielleicht sogar eingeladen. Aber manchmal macht mich ihr Lachen aggressiv. Dann, wenn ich mich unsicher fühle, ausgeschlossen, von vornherein außen vor. Dann kommt es vor, daß ich Profilbilder auschaue, solche von normalen und hübschen Frauen. Weil ich einen Weg suche, mir zu bestätigen, daß ich auch dazugehöre, weil ich meinen Platz suchen und spüren will. Manchmal bin ich auch versucht, in die oben genannten Pauschalisierungen mit einzustimmen, weil ich nicht ausgegrenzt und für verrückt erklärt werden will. Die Gesellschaft rückt, nein, springt herzhaft nach rechts, und ich ertappe mich, bestimmte Gedanken als akzeptabel zu betrachten, damit ich dazugehöre.

Sicher ist das Gefühl der Ausgrenzung, der Chancenlosigkeit nur ein schwacher Widerschein der Dynamik, die manchen Amokläufer und Attentäter umtreiben mag. Sicher, um zur Tat zu schreiten, muß man sich auf eine Eskalation eingelassen haben, und Alkohol, Drogen, (religiöser) Wahn oder alles miteinander geben den letzten Impuls, sie öffnen erst das Tor zur Tat.

Alle die oben genannten Menschen an meinem (virtuellen) Tisch: sie sind erleichtert, gesund und ohne Schuld zu sein, richtig im Kopf, untadelig. Könnten sie sich nur zu ihrer inneren Widersprüchlichkeit bekennen, zu ihrer Verletzlichkeit.

Wieviel menschlicher könnte plötzlich alles sein.