Balance

Ich könnte schreien
Jedesmal wenn jemand sagt „Der Mensch ist ein soziales Wesen“. Das ist paradox, denn der Satz ist
definitiv wichtig und richtig. Aber. Meine persönlichen früheren und jetzigen sozialen Mißerfolge
lassen mich wünschen, der Satz würde doch nicht immer und für jeden gelten, und vielleicht muß ich
dann gar nicht sozial sein.
Ich könnte auch jedesmal schreien, wenn es heißt „Ein Autist lebt nun mal in seiner eigenen Welt“.
Das will ich nicht so haben und das ist auch nicht so. Aber. Meine Kollegen, meine Bekannten und
sogar meine Eltern würden das so über mich sagen.
Alles widersprüchlich. Ich und die anderen, das ist mal so, mal so.
Ich habe gestern auf dem Fachtag der SHG in Rosenheim den Vortrag über das Thema „Autistischer
burnout“ gehört, und viele haben dem aus der eigenen Erfahrung heraus zugestimmt. Burnout als
Zustand von Leere, Kraftlosigkeit, Depression, der einer Überforderung und Überbeanspruchung
folgt. Man segelt auf der Welle im Sturm, der Bug richtet sich auf, das Boot steigt, der Blick zum
Himmel. Man sieht nicht kommen, wann die Welle zusammenbricht. Und wenn das Wasser
weg ist, crasht plötzlich alles. Im Vortrag ging es sogar um Leben und Tod.
Heute habe ich frei gehabt, und Zeit „in meiner eigenen Welt“, stundenlang ganz für mich allein. Ich
habe tatsächlich dies und das auf meinem Plan abgehakt, der Tag lief wie er sollte. Und ich habe mir
meine eigenen Gedanken zum Thema Burnout gemacht. Denn ich fühlte mich plötzlich leer. Und
einsam. Und ohne Kraft.
Nein, ich bin nicht depressiv. Ich kann mir die müde Stimmung gut erklären, denn gestern war eine
große Kraftanstrengung für mich, auch wenn es nach außen nur nach Rumsitzen und Zuhören
aussah, und obwohl ich mich sehr, sehr auf ein Treffen mit den Menschen dort gefreut hatte.
Trotzdem gut, heute ausschnaufen zu können.
Was aber mein Ausgepowert-Sein verstärkt, ist der Wechsel. Sich in der Zeit neu einzustellen, ist
aufwendig, wenn es nur für zwei Tage ist. Eine andere Aufgabe. Der grosse Unterschied zwischen
dem komplett sozial ausgerichteten Tag gestern und dem Alleinsein heute. Es geht mir besser, wenn
jeder Tag gleichartig aufgebaut ist. Es geht mir besser, wenn ich meine Kleinscheiß-Routinen nutzen
kann, ohne sie erklären zu müssen. Wenn ich vertrauten Umgang habe. Wenn die Spanne zwischen
Performance und Socializing und Maskieren (die Welle türmt sich) und dem Pause machen müssen
(zack, Kraft weg) nicht zu groß ist. Wenn ich nicht einen Tag Superwoman und am anderen Tag das
einsame Mauerblümchen bin.
Für mich scheint es so, als ob (jenseits davon, wie ausgeprägt mein Leben in den einzelnen Bereichen
ist) Ausgewogenheit und Verläßlichkeit mein bester Schutz gegen einen Zusammenbruch wären.
Immer wieder Pausen, aber kleine, zum Austesten, ob ich noch Bodenhaftung habe, ob ich noch schlafen kann, lachen kann, ob ich noch in
der Balance bin.

Quickshot /Egoist

In der Timeline entwickelte sich eine kurze Diskussion um die Frage, ob sich Autisten egoistisch verhalten. Am gleichen Nachmittag verbreitete sich die Nachricht eines Todes: Samarie wird vermisst werden, viele fühlten mit ihr, auch ich. Ihre Erlebnisse in der Arbeit, im Krankenhaus… Und das Fuchskind zweifelte plötzlich daran, etwas Sinnvolles zuwege zu bringen.

Und ich, ich kann diese Fragen nicht voneinander trennen. Ich schreibe hier also ein kurzes Statement aus meiner, autistischen, Sicht, aber es könnte jeden betreffen, der, in welcher Form auch immer, Hilfe braucht.

Ich bin schon oft Schmarotzer genannt worden oder für Egoismus getadelt worden. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Ereignisse fallen mir ein. Mir wurde, von verschieden nahen Personen, unterstellt: ich mache es mir leicht, ich zwinge durch meine Passivität und meine Zurückhaltung die anderen dazu, für mich zu arbeiten und meine Aufgaben zu übernehmen. Ich nutze sie aus und manipuliere. Es wurde gesagt, ich liege anderen auf der Tasche, und ich dächte mir gar nichts dabei. Schiefe Blicke, weil ich die Einzige bin, die eine Einladung als solche aufgefasst hat und nicht überfreundlich abgelehnt hat. Die Schwiegermutter, die betont, wie gut ihr Sohn sich doch für die Familie einsetzt, und mir damit reindrückt, daß ich ja ziemlich ansprüchlich bin. Augenrollen, weil der Partner etwas Bestimmtes schon wieder übernehmen soll, was er selbst lästig findet. Oder, einen Schritt weiter: Streit, weil ich den autistischen Kindern Dinge abnehme, von denen ich weiss, daß sie für die Kinder eine besondere Belastung darstellen oder ihre Routine zerstören würden. Was ist dann wichtiger, die Rücksichtnahme auf ihr Wesen? Sie zu zwingen, sich den „Realitäten“ zu stellen, sich an die Anforderungen anzupassen? Erziehe ich die Kinder zu Egoisten?

Das sind ernste Vorwürfe. Solche Konflikte können eine Freundschaft oder Beziehung mit Leichtigkeit sprengen. Wenn einer immer muss, der andere nie tut… Das klingt einfach und eindeutig.

Aber

1. Man muss unbedingt, unbedingt! im Blick haben, daß Autismus schwer sichtbar ist. Also, ich meine, man sieht mir schon an, daß ich irgendwie anders bin, reichlich seltsam. Aber was genau mir Probleme bereitet, sieht man nicht. Und damit kann man nicht verstehen, warum ich bestimmte Hilfen gerne annehme, andere sogar im Moment brauche. Nicht umsonst gibt es Einrichtungen wie den GdB, Inklusion, Pflege, Betreuung. (Nichts davon wird btw von mir und meiner Familie beansprucht.) Aber was man gar nicht versteht, beurteilt man halt gerne aus dem, was man sieht. Was man sieht: eine normal intelligente, arbeitende Mutter, die könnte doch, wenn sie wollte?!

2.Wenn ich etwas nicht tue oder nicht kann oder beides, ist es keine Manipulation, siehe Anfang des Satzes. Ich tue das nicht, um irgendeine Bindung zu festigen oder weil ich Macht genießen will, das wäre eher pathologisch. Egoistisch im engeren Sinne hieße: ich mache das absichtlich so. Ich könnte anders, will aber nicht. Nun ja, ich könnte – meistens – anders. Aber dann kann ich andere, noch wichtigere, Dinge nicht mehr. Ich kann alles lernen, wohl wahr, aber meine Ressourcen reichen nicht für alles. Ich kann den Stress auf mich nehmen, in der Werkstatt oder in der Bank anzurufen und mich durchzufragen. Aber der Einkauf in vier Geschäften samt Smalltalk rundum hat schon gereicht, und den Rest des Tages gibt es Haushalt und Probleme, bei denen ich die Kinder unterstützen muss. Mein Mann hat Zeit, und er hat Vorwissen und er kennt die Leute dort. Ergo, er macht es. Es wäre wohl sinnvoll für mich, das mal zu übernehmen. Aber nicht jederzeit. Oder: die Kinder könnten es schaffen, diesen oder jenen Einkauf zu übernehmen. Ich finde aber nichts dabei, ihre Routinen zu berücksichtigen. Also, ich spreche ab, wann sie es übernehmen, und werfe ihnen keinen Egoismus vor, wenn sie nicht jetzt sofort, spontan, weil ich gerade so will, bereit sind, loszufahren. Mit anderen Menschen würde ich ja auch so umgehen, daß ich beiderseits Interessen und Skills mit berücksichtige…  Was bleibt: ich muss mich mit meinem Partner einigen, wie wir die Dinge aufteilen und wir sollten uns gegenseitig dafür wertschätzen, weil wir wissen, welche Kraft es den anderen kostet. Und danken.

Und 3., ja, das ewige Schuldgefühl, das sich daraus ergibt. In jeder Lebenslage ist man damit konfrontiert, dass einem andere Leute einfache Dinge abnehmen, für die man scheinbar zu faul oder zu blöd ist. Auch nahe Personen werfen es einem immer mal wieder vor.  Dieser Impuls, sich dann kleinzumachen, sich mies zu fühlen, sich für alles mehrfach zu bedanken und sich immer wieder zu entschuldigen, daß man es den anderen so schwer macht. Es steckt tief drin. Dieses Gefühl chronifiziert irgendwann, es begleitet einen immer. Es ruiniert auf Dauer das eigene Selbstwertgefühl. Was man tatsächlich selbst kann und leistet, verschwindet neben den Defiziten. Und auch das bezeugt, daß ich mir die Hilfe nicht einfach egoistisch erschlichen habe. Denn wäre das so, würde ich mich entspannt und selbstzufrieden zurücklehnen und mir ins Fäustchen lachen, wie gewieft ich doch bin. Aber am Ende mit Schuldzetteln beklebt durch den Alltag zu laufen, und selten gut zu schlafen, weil jeder Tag unrichtig ist – das fühlt sich ganz anders an.

Erdung

Wenn von Autisten gesprochen wird, ist gern die Rede von „unnahbar“. So zu sein, ist mir jedenfalls mehr als einmal vorgehalten worden. Oder Autisten beschreiben, sich wie von einem fremden Planeten zu fühlen, wie Aliens, und werden auch so wahrgenommen, als nerdig, seltsam, aussenstehend.

Die Metapher vom Alien hört sich ja ganz putzig an: guckstu hier, ein Wesen vom fremden Stern, ob es Katzen frißt oder nach Hause telefonieren will? Naja wird sich hier schon einfinden, sonst bekämpfen wir es, und wie in jedem Film und immer und überall gibt es irgendwann ein gutes Ende. Klappe, die Schlußszene bitte, alles easy.

Aber sich wie ein Alien zu fühlen, ist nur selten putzig und auch nicht so frei, wie es sein könnte. Oft ist es einfach nur brutal, denn da ist kein Raumschiff, nirgends.

Irgendwann träumte ich, in einem vollen Hotel zu sein. Alle Tische im Speisesaal belegt, für mich ein Platz reserviert an einem besetzten Tisch. Ich gucke hin, möchte aber nicht stören. Und bevor der da sitzende Mann mich lächelnd einladen kann, meinen Platz einzunehmen, gucke ich schon wieder weg und ziehe mich resigniert, aber bestimmt, zurück, um auszuchecken und an der U-Bahn einen coffee-to-go zu kaufen. Der Mann ist verwirrt, oder auch verärgert, oder auch traurig. Und ich bin auch traurig, aber ich hab keine Zeit dafür.

So fühlt sich das an: nicht mehr dran glauben, daß da ein Platz ist, und die Traurigkeit sammelt sich so lange irgendwo still an, bis plötzlich die Depression da ist oder Schlimmeres.

Als Autist nehme ich mehr Detail als Kontext wahr, ich kann es, muss aber mehr Details aufnehmen und integrieren als NichtAutisten. Auf jeder Ebene: in der sensorischen Verarbeitung des Aussen, was dann meine soziale Wahrnehmung formt, die eben auch gesplittet ist und oft keinen ruhigen Fluss ergibt. Angefangen bei Gesichtsblindheit, weiter gehend damit, dass ich schlecht einschätzen kann, wie mich der andere sieht und welchen Gesamteindruck ich mache, ob ich geschätzt werde,  und endend dabei, daß mir nicht immer klar wird, welchen Status eine Bekanntschaft gerade hat oder ob gerade eine Freundschaft existiert. Ich nehme vermutlich auch meinen Körper mehr in Einzelteilen wahr, das ist nicht so deutlich im Alltag, wirkt sich aber in der Motorik aus. Und ich bilde mir ein, dass diese wenig ganzheitlichen Feedbacks dazu führen, dass ich mich selbst wenig als „runde“ Person in einem „abgrundeten“ Umfeld erlebe, und ich bilde mir ein, das ergibt dieses schwebende Gefühl, immer neben den anderen, „in meiner eigenen Welt“, wie es so dämlich heißt…

Ich erlebe jeden Tag bei meinen Patienten, wie Depression entsteht, und bei mir ist es nicht anders: dann, wenn man aufgibt, genau dann. Wenn man sich zurücknimmt, seinen Platz und seine Ansprüche nicht mehr wichtig nimmt, sich isoliert oder sich nur noch mit dem beschäftigt oder nur noch das kultiviert, was gelobt und gebraucht wird. Dann geht das Selbst zwar nicht verloren, aber es wird auf Eis gelegt.

Bitte, TUT DAS NICHT. Erdet euch: tut jeden Tag etwas, um euch zu spüren, um ihr selbst zu sein. Sorgt für Freude, für Schönheit, und macht jeden Tag etwas Unangepasstes. Und so, wie ihr andere als „einfach da“ und „einfach ok“ anseht, so versucht, euch selbst zu sehen.

Ihr seid von der Erde und das ist euer Platz.

MCS x/30

In unserer Familie sind die Aufgaben hübsch verteilt, meine ist u.a. zu kochen, und immer bietet mir mein Mann an, alles aufzuräumen.

Heute nahm ich sein Angebot an. Etwas später ging ich an ihm vorbei, als er gerade den Tisch säuberte. Und dann rutschte ich in einen Impuls und in einen Moment, in dem mir klar wurde, ich muss besser auf mich aufpassen.

Ich war drauf und dran gewesen, mich dafür zu entschuldigen, daß ich soviel Geschirr angepatzt hatte. Ich konnte den Satz gerade noch zurückhalten. Wohlgemerkt, ich hatte Familienessen gekocht mit zwei Varianten und alles à point und just in time auf den Tisch gebracht.

Verrückt. Aber real. Ich rechne mal so: ich kann mich auf mindestens drei Schuldskalen einordnen, also den Impuls, sich zu entschuldigen und klein zu machen, in drei Dimensionen bewerten. Jeweils von 0-10, auf gut psychologisch. Ich nenne sie Mea culpa Skala oder MCS-X

Skala 1 Ich bin eine Frau. Frauen verhalten sich oft so, ob by nature oder by nurture, egal. Wissen wir alle, haben wir alle eine eigene Ansicht dazu. Meine persönliche Erinnerung dazu: als ich das erste Mal Bella Block sah, war ich fasziniert und begeistert, weil sie schaute und agierte wie ein Mann. Das fand ich cool, Frauen empfindet man ja immer noch lächelnd als „richtig“. Aber gut, die allgemeine Einstellung ändert sich doch.

Also, Faktor Frau: 5/10 auf der MCS-F

 

Skala 2 Ich bin Mutter. Himmelherrgott. Facebook verfolgt mich mit einer Komödiantin von Antenne Bayern, die selbstironisch ihre mütterlichen Unverzeihlichkeiten ausbreitet. Ich gebe zu, ich schaue es an und amüsiere mich darüber. Weil man (bzw. mutter) es so gut versteht. Im persönlichen Umfeld gibt es mehr Toleranz, aber in den Medien findet sich immer etwas, was man als Mutter so richtig verbocken kann, und die Heli-Profi-Opti-Tigermütter sind kein Klischee, ich kenne solche Damen. Viel Arbeit, die man sich Tag für Tag machen kann, und ebensoviele Gelegenheiten für ein schlechtes Gewissen.

Also, Faktor Mutter: 8/10 auf der MCS-M

 

Skala 3 Denn, ich bin ja auch noch Autistin. Und als solche erreiche ich das Maximum auf meiner Skala. Denn ob ich mich anstrenge oder nicht, an die Grenzen gehe oder nicht. Es reicht nicht. Es kommt immer ein Punkt, an dem ich etwas nicht schaffe, mich jemand nicht versteht, jemand von mir irritiert ist. Ich langweile Menschen, stosse sie vor den Kopf, verärgere und frustriere sie. Und immer unverhofft wirke ich auf einmal ellahaft, ich habe zu wenig Kontrolle darüber. Und ich bin es, der sich dann entschuldigen muss. Ich werde ja nicht verstanden, der Rest der Welt versteht sich. Die letzten Tage war es plötzlich wieder so weit, mein Mann frustriert, daß ich sozial so inaktiv sei (… das seh ich mit Familie und meinem Beruf natürlich etwas anders, aber das kann ich nicht gut genug erklären…). Ein Schock, wieder mal. Und auf diese Art Unverständnis könnte man nun gar nicht reagieren oder schroff reagieren, ist halt Mist für die Beziehung. Oder so, wie ich es mir vor langem schon angewöhnt habe. Klein machen, erklären, entschuldigen, anpassen, nachfragen, hektisch versuchen, wieder in die „normale“ Spur zu kommen.

Also, Faktor Autismus: 10/10 auf der MCS-A

 

Macht 23/30 Schuldpunkten.

Wieder einrichten

Twitterte ich neulich, daß ich leider, leider nicht zum hiesigen Faschingszug gehen kann, weil ich Geburtstagsvorbereitungen treffen muß. Stimmte auch. Auch mein Mann ging nur jemand anderem zuliebe hin, ohne wirklich Spaß daran zu haben.

Ich müsste mir also gar keinen Kopf darum machen, ich hab die Zeit zuhause gut ausgenutzt.

Aber zu sagen, alles in Ordnung, alles kein Problem, wäre zuviel gesagt. Denn traurig war ich zuhause trotzdem. Ich bin in letzter Zeit sehr in die Inaktivität gerutscht, auch zuhause. Ich war länger krank (also, für meine Verhältnisse), es gab viel Streit und Stress an mehreren Stellen, mit dem ich mich auseinandersetzen musste. Und immer kamen Dinge dazwischen. Das Resultat: ich hab viel von meiner Struktur außer Haus verloren, war nur noch zuhause, und dort immer ideenloser.

Andersrum bin ich aber auch nicht depressiv. Es mag nach außen hin so aussehen, ja. Aber Depressionen entwickeln sich, wenn ein Sinnlosigkeitsgefühl da ist, dem man immer mehr nachgibt.

Das kann ich nicht von mir sagen. Ich hab mich aus oben genannten Gründen mehr zu Hause aufgehalten, nicht weil es mir sinnlos oder irgendwas erschienen wäre, im Gegenteil. Ich sehne mich nach der Zeit vor ein paar Monaten zurück.

Es fällt mir nur sehr schwer, mich jetzt wieder darin einzurichten, den alten Kurs wieder einzuschlagen. Dabei geht es mir noch gut, ich habe eine Familie um mich, die mich unterstützt und mich motiviert. Aber mir fehlt der Freundeskreis, die beste Freundin, die Sporttruppe, der Stammtisch. Daran hat mein Autismus wieder mal großen Anteil.

Wenn ich mich z.B. in den Sportkurs aufmachen würde, oder auch wenn ich mit Bekannten essen gehen würde, müßte ich mich vorher darauf einstimmen. Ich müßte mir sozusagen eine passende Persona aus dem Schrank holen und aufsetzen. Das geht ganz unwillkürlich. Ganz ungefiltert kann ich dort nicht sein. Nicht, ohne kritisiert zu werden, schief angeschaut zu werden oder ohne daß jemand mir Hilfe aufdrängt. Das braucht Kraft und geht kaum spontan.

Und ich muß allein. Es gibt eben keine Bekannte, die nachfragt, keine Freundin, die mich auffordert, wieder zu kommen. Es gibt nicht einmal das Gefühl, jemand registriert meine Abwesenheit. Das ist grob übertrieben, schon klar. Natürlich registriert es jemand. Natürlich freuen sich Menschen, mich wieder zu sehen.

Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Das weiß ich erst, wenn ich mich wieder allein aufgerafft und wieder in meine alten Bahnen begeben haben werde.

 

 

Small world

So hieß vor ein paar Jahren ein Roman über einen Alzheimerkranken.

An den Titel denke ich jetzt öfter, wenn ich über meine älter werdenden Verwandten und Bekannten nachdenke. Sie werden älter, und sie lassen nach. Hören nicht mehr gut, sehen nicht mehr gut, werden vergesslich und kurzatmig. Und irgendwie parallel dazu ziehen sie sich in ihre eigene „kleine Welt“ zurück. Sie interessieren sich nurmehr für wenige Dinge, wiederholen sich, ihr Leben bekommt immer engere Grenzen. Aber ja, sie haben gelebt, so ist der Lauf der Dinge. Alte Bäume verpflanzt man nicht mehr, und das oberflächliche schnelle Leben der Jugend wird uninteressant.

Auch Autisten leben, mehr oder weniger gut sichtbar, in ihrer eigenen, abgegrenzten kleinen Welt. Einer Welt, die bleibt. Sie beharren auf Ritualen, verweigern sich neuen Erfahrungen, neuen Kontakten und fremdeln oft mit bekannten Kontakten, auch wenn sie diese mögen. Nie stell ich mich blöder an als in dem Moment, in dem mein Mann mit dem Telefon auf mich zukommt, und ich spontan mit einem Anrufer sprechen soll. Wenn er die Wäsche anders aufhängt, muß ich umdenken. Meine CDs höre ich monatelang. Und ich kann mich auswärts noch so wohlfühlen: zurück zuhause, bedeutet eine ganz besondere Erleichterung. Tür zu, den Nachbarn auskommen, Fenster zu.

Aber denke jetzt bitte keiner, daß ich das so halte, weil es mir gefällt. Oder gar, weil mich die Außenwelt (Menschen, Kontakte, Kultur, Sport) nicht interessiert.

Ich vermisse oft genug ein Sozialleben. Eine offene Tür, wo Freunde einfach mal kurz vorbeischauen: eine traumhafte Vorstellung. Nur: ich kann sie nicht umsetzen. Und wenn, ist mein Leben so anstrengend, daß ich Ruhe brauche. Also bin ich froh, wenn ich halbwegs ausreichend Ausgleichszeiten für mich alleine habe. Andererseits sind das Bedingungen, die depressionsfördernd sind: Isolation ist depressionsfördernd. Seine eigene Insuffizienz wahrzunehmen ist depressionsfördernd. Und gesteigert wird das Ganze, wenn man von außen in irgendeiner Form ausgegrenzt wird, sei es durch Ignorieren, Verhöhnen oder durch Schlimmeres.

In guten Momenten kann ich dieses ambivalente Dasein ganz gut annehmen. Kann aber auch sein, daß ich gefrustet bin, und kann auch sein, daß ich wütend bin, und dann auch wütend bin auf all die Hunderte „normalen“ Menschen um mich herum, die meist weniger können als ich, sich mit solchen Problemen wie ich nie herumschlagen müssen und zum Lohn dafür überall beliebt sind…

Nur eines bin ich nicht und war ich nie: ein sozial desinteressierter, unempathischer Verstandesmensch, dem die Mitmenschen einfach zu blöd sind.

Oder der, wie jetzt den sog. Amokläufern unterstellt wird, sich eigenbrötlerisch ein krudes Weltbild ausdenkt, mit dem er dann rächend auf die Welt losgeht, einfach nur, weil er es für richtig hält.

Nein, Autismus heißt, begrenzt sein, mehr, als man möchte. Ausgegrenzt werden heißt, nahezu aller Chancen beraubt sein, an dieser Begrenzung etwas zu ändern. Beides sind manchmal sehr emotionale Zustände.

Wäre es anders, Autisten wären vollkommen unsichtbar.

Und niemand würde aus diesem Grund mehr Amok laufen.

 

 

 

Was Kompensation bedeutet

butterblumenland beschreibt im verlinkten Beitrag die Fähigkeit ihres Sohnes, seinen Autismus in der Schule zu kompensieren, also ihn auszugleichen oder zu überspielen. Sie setzt sich damit auseinander, was das konkret bedeutet, und welche Folgen das hat, und ob sie diese Fähigkeit positiv oder negativ werten will.

Ich möchte ergänzen.

Die Pros und Contras gelten für Erwachsene Gut-Kompensierer auch. Zumal kaum ein Autist seine Gefühle für andere sichtbar zum Ausdruck bringen kann, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, in dem er sie fühlt. Es bleibt seine alleinige Aufgabe, sich rechtzeitig abzugrenzen, sich selbst zu schützen. Aber selbst wenn er sagt, es ist ihm genug von etwas (und das ist die beste Option, die er hat), wird es oft genug jemanden geben, der ihm ins Gesicht sieht und meint: „Das stimmt ja gar nicht, bist doch die Ruhe selbst!“

Die meisten, zumal „unsichtbaren“ erwachsenen Autisten haben wohl gelernt, sich so zu steuern, daß sie ohne dramatische overloads, meltdowns etc auskommen, also ohne Selbstverletzungen, Wutausbrüche o.ä.. Erschöpfungszustände sind gleichwohl häufig, stillerer Natur: Migräne, Erschöpfung, Energielosigkeit, Deprimiertheit, Schlaflosigkeit, Grübeln und Schwirren im Kopf, Rückzug. Das Brauchen von sensorischer und sozialer Ruhe, von Ausgleich im Lesen, Musikhören, an die Wand starren.

Soviel zum aktuellen Überflutungszustand, z.B. nach zuviel „socializing“.

Ich möchte noch anfügen, daß eine sehr gute Kompensation auch einen langfristigen, stillen Preis nach sich zieht. Die psychischen Kräfte und die Konzentration sind nämlich hauptsächlich auf den Alltag konzentriert, Tag für Tag. Schnelle Wechsel snd schwer, mit der fehlenden Flexibilität geht auch viel Schönes verloren, spontane Besuche z.B., ein ungeplanter Spaziergang, neue Sportarten ausprobieren. Und weil die Kräfte im täglichen Kampf verbraucht werden, können sie nicht für langfrstige Ziele eingesetzt werden. Obwohl man also die Fäühigkeiten hätte, z.B. umzuziehen, sich zu bewerben, ein größeres Projekt anzugehen, tut man es nicht. Es passt nicht mehr in den Kopf. Das kann alles betreffen, was außerhalb des direkten Alltags liegt: Urlaubspläne, Autokauf, finanzielle Vorplanung, Steuererklärung usw. usf.. Mancher mag hier in eine Art Abhängigkeit von äußerer Unterstützung geraten, nicht, weil er faul wäre oder etwas im Notfall nicht könnte, sondern weil schlicht die Kraft nicht mehr da ist.

Diese Art, in ein mögliches burnout (und bei schlechtem self-esteem auch Depression) zu rutschen, gibt es bei NTs natürlich sehr oft. Aber auch bei den scheinbar so mühelos funktionierenden Autisten, die sich dann leider oft noch zusätzlich Unverständnis gegenübersehen.

Weiter im Text, mit dem Beitrag von butterblumenland:

Kurz zur Begriffserklärung: Wenn ich im Zusammenhang mit Autismus von Kompensation schreibe, dann meine ich damit die Fähigkeit, die behinderungsbedingten Defizite im Alltag durch enorme Kraftanstrengung und Energie bis zu einem gewissen Grad zu verstecken oder zu überdecken, um dadurch teilhaben zu können. Bei Paul kann man diesen Mechanismus gut beobachten, er ist jemand, der […]

über Hohe Kompensationsfähigkeit – Fluch oder Segen? — butterblumenland

Quickshot /Narben

Eigentlich hab ich ja keine Zeit dafür.

Morgen treffen sich, warum auch immer, drei Geburtstage, die vor- oder nachgefeiert werden. Heute abend habe ich dafür einiges vorbereitet.

Und dazwischen eine halbe Stunde investiert, um ein persönliches Briefpapier zu gestalten. Morgen möchte ich die Zeit finden, den Brief dazu zu schreiben, und die Anschrift herauszufinden: die Anschrift einer hiesigen Nervenklinik.

Neulich erfuhren wir, daß ein uns bekannter Handwerker, er ist ein Stück jünger als ich, aus freien Stücken dorthin gegangen ist, und Monate dort bleiben wird. Was heißt: es muß ihn sehr schwer erwischt haben, es geht ihm wohl richtig dreckig. Als ich das hörte, hatte ich den spontanen Wunsch, ihm zu schreiben, er tat mir wirklich von Herzen leid. Ich hatte einen Grund, heute in seinen Betrieb zu fahren, und nutzte die Gelegenheit, mit seiner Chefin zu sprechen. Sie erzählte mir: von seiner Einsamkeit, seiner einsamen Kindheit, mal hier mal dort, geschlagen und fallengelassen. Seinem Immer-wieder-neu-anfangen. Ein lieber Kerl, zuvorkommend, korrekt. Er ist schwul, ich weiß das, sonst kaum einer, auch nicht in der Arbeit. Er hat Angst, sich zu outen. Und ist wieder allein jetzt, das hat ihm den Rest gegeben für den Moment.

Ich arbeite selbst in einer Klinik, ich weiß wohl, wie heikel ein Brief jetzt ist, und ich kenne ihn eigentlich nicht persönlich. Aber mein Bauch sagt: Tu es! Ich besprach mich mit der Chefin, sie weinte fast um ihn, und bestärkte mich in meinem Wunsch. Also, ich mach das mit dem Brief.

Was für eine Gesellschaft, die wir da haben! Jedenfalls so, wie sie ihm erscheint… Ein Kind erst so weit im Stich zu lassen und zu verletzen, daß als Erwachsener kaum die Kraft da ist, mit den Narben zu leben. Und dann sich schämen zu müssen für seine Narben. Und dadurch in einen Kreislauf geraten, der am Ende mit Glück auf der Geschlossenen endet…

FUCK.

2016 – Could we start again please?

Die gute Nachricht: ich hab es gelernt, einigermaßen zu Schlaf zu kommen, mich aus sogenannten meltdowns und overloads schneller wieder aufzurappeln. Auch wenn man mir (so wie es vermutlich vielen, und gern den weiblichen, Autisten geht) die Verunsicherung, das Herzklopfen, Zittern und den puren physischen Streß in keiner Weise ansieht. Ich rutsche nicht mehr direkt in die tiefste Krise oder den nächsten tagelangen Migräneanfall.

Die schlechte Nachricht: ich hatte und habe zum Jahreswechsel reichlich Gelegenheit, das zu beweisen.

Was passiert ist: wir hatten Besuch eingeladen, darunter zwei Kinder zu unseren dazu, alles nette Leute. Die Kinder waren eingedeckt mit Knallzeugs und hatten Freiheit, raus oder rein zu gehen, zu spielen oder bei den Erwachsenen zu sitzen. Das Essen war von mir gut vorbereitet, ich wußte, wann ich welchen Handgriff machen würde. Die Kinder, trotz Skepsis vorher, unterhielten sich gerne mit den Erwachsenen. Essen, Knallerei, Unterhaltung, alles gut. Trotzdem ein stetig sich steigerndes Desaster mit zeitweise peinlich berührtem Besuch, hinterher Schreierei und der Frage, wie lange mein Mann unseren chaotischen Haufen namens Familie noch aushält. Und was genau war jetzt? Alles und nichts. Die übliche Fremdheit zwischen AS und NT, gegenseitige Miß- und Nichtverständnisse, Scham über die „unerzogenen“ Blagen, gegenseitige Kränkung, gemixt mit pubertärem Trotz und der Erwartung, daß sich das in Anwesenheit des Besuchs nicht klären läßt.

Alles zusammen ergab also eine Explosion, die die Feuerwerke zuvor verblassen ließ.

Zufällig und passend dazu rebloggte ich heute (via Autistenbloggen) eine Reflexion über das, was „heftig“ autistisch meinen könnte, darin folgender Text:

„Eine erschreckend hohe Zahl an Autisten leidet unter diversen Angsterkrankungen, posttraumatischen Belastungsstörungen (durch Mobbing, verständnislos reagierender Familie, Missbrauch, falsche Therapien, etc.) und Depressionen. Beständig mit dem eigenen Verhalten auf Unverständnis und Ablehnung oder gar Gegenvorwürfen zu stoßen, das fördert Frustration und Resignation. (…)

Meiner subjektiven Beobachtung nach ergeben sich Schwierigkeiten in der Beziehung oder bei Freundschaften auch oftmals erst viel später, wenn der Partner bemerkt, dass sich das Gegenüber anders verhält als andere Menschen.

Vieles, was in der Innenwelt von Autisten geschieht, bleibt dem Beobachter verborgen, bis er den Autisten danach fragt oder er von sich aus davon erzählt. Dann kann sich durchaus herausstellen, dass dieser immense Schwierigkeiten hat, den Alltag zu bewältigen, obwohl er im direkten Gespräch unauffällig erscheint. Es kann aber auch ebenso sein, dass der/die Autist/in dank gut ausgearbeiteter Routinen, Notizlandschaften und therapeutischer Unterstützung mit diesen Bewältigungen gut klarkommt.“

Das ist kurz und treffend beschrieben. Einerseits nutzt man als Autist jede Ressource, sich anzupassen, andererseits nimmt man sich und der Umwelt damit frühzeitig die Gelegenheit, sich darauf einzustellen. Was ist besser? „Ich sein“ und dafür einsam und allein? „Umgänglich sein“, nicht allein und dafür so richtig einsam? Wie gern würde ich auch meinen Kindern diese Nebeneffekte ersparen, die eine fremdelnde Umwelt produziert. Die Umwelt, die selbst nie gezwungen war, zwischen den Welten ihren Weg zu finden. Ich schaffe es nicht. So wenig wie ich mein Leben von Depression und Ausgrenzung freihalten konnte, kann ich die Kinder davor schützen. Das ist BITTER.

Sie behaupten sich trotzdem, dem Schicksal sei Dank.

2015 hatte ich gut beendet, beruflich und privat mit guten Aussichten, optimistisch, voller schöner Ideen und freute mich auf die Reise. Und schon in den ersten Stunden 2016 war ich also wieder zurückgeworfen an den Anfang. Was bedeutet: zwischenmenschliches Trümmerfeld, aufräumen, klären, erklären, trösten, Hände reichen, Lösungen entwickeln, den eigenen Frust überwinden, sich nicht dem Pessimismus überlassen. Wissen, daß jeder Mensch im Herzen einsam ist. Und ich „nur“ noch einsamer bin und noch mehr Hürden mit mir trage, im Grunde fast allen anderen Menschen eine Fremde bleiben werde.

Could we start again please?

Depression: just my point of view

Können auch Psychologen depressiv sein? Na klar können sie. Etliche Ärzte und Psychologen saufen, rauchen, somatisieren, sind sozial schräg drauf, haben Eheprobleme und schreckliche Kinder, manche schnippeln, manche sind multipel und viele auch depressiv. Gibt auch welche die sich umbringen. Nachdem Depressionen in der neuesten wissenschaftlichen Lesart ein Endresultat verschiedener, sich ergänzender Ausgangsprozesse sind (Genetik + Vulnerabilität + Vorerfahrung + soziale Umstände + Selbstbild + Hilfsmöglichkeiten), dürfte das auch niemanden weiter verwundern. Aber die Menschen reagieren auf depressive Psychologen (wenn sie denn davon erfahren) so, wie sie auf depressive Normalpatienten reagieren: sie leugnen es ab („so ein starker Mensch, so kompetent, der hat bestimmt nie Probleme“) oder werten es ab („ha, diese Psychos, wollen mir erzählen wie das Leben geht und kriegen selbst nichts auf die Reihe“). Ich möchte hier ein paar Reflektionen persönlicher Art zum Thema Depression weitergeben: bestimmt nicht allgemeingültig, vielleicht interessiert es doch jemanden. In den neueren diagnostischen Systemen ist es ja ziemlich egal, woher eine Depression kommt oder welchen Hintergrund ein Symptom hat, es wird einfach abgezählt, ob genug Symptome vorliegen. In dem Sinne weiß ich nicht, ob ich schon mal „richtig“, also „klinisch krank“ depressiv war. Ich weiß, ich hatte Zeiten, da mich einige dieser Symptome plagten. Für mich persönlich sind da folgende Punkte wichtig:

  • In früheren Zeiten, als ich noch nichts über Psychokram und Asperger wußte und allein in der Depression umherirrte, war es viel schlimmer für mich, und:
  • Es gibt Überschneidungen zum Aspergerthema. Manche klassischen depressiven Beschwerden finden sich bei ASS öfter. Weil man oft durch Mißverständnisse mutlos wird, sozial sich isoliert und dabei einsam fühlt, auch keinen Ausweg kennt, Konzentrations- und Schlafprobleme von Haus aus schneller auftreten. Gerade wenn man noch nichts von seiner Diagnose weiß, ist man leicht dauerfrustriert, weil scheinbar alles schiefläuft, und ohne Erklärung sich irgendwann Hilflosigkeit breitmacht. Scheinbar ist man selbst schuld an seinen Problemen und sucht die Ursache bei sich, der Psychologe nennt das intrinsische Attribution. Eine komfortable Autobahn in die Depression ist damit eröffnet.
  • Es gibt auch Abgrenzungen. Damit meine ich Dinge die nur depressiv wirken. Als Jugendliche wurde ich angesprochen auf mein vermeintliches „Rumhängen“ und „Mitleidhaschen“, also als depressiv behandelt. Ich wurde auch auf meine unnahbare Mimik angesprochen und oft dafür getadelt. Jetzt weiß ich, es war nur soziale Unbeholfenheit. Traurig machte mich nur die Kritik, und depressiv wurde ich erst nach Jahren der Mißkommunikation. Gerne würde ich mit den Beteiligten von damals nochmal reden, es geht leider nicht mehr.

Ich hab schon einige Erfahrung mit diesen depressiven Momenten und Zeiten, manche bezeichnen sie als „black dog“. Ich vergleiche sie oft mit einem „schwarzen Loch“: es zieht Energie, zieht  einen manchmal erbarmungslos in sich hinein. Mein Mitgefühl mit allen, die Angst haben, darin zermalmt zu werden. Gebt nicht auf, niemals, ihr seid mehr wert! Anfangs stellte ich die Frage, ob Psychologen depressiv werden können, und antwortete darauf mit Ja. Sie sind vielleicht aber besser vor den Extremen geschützt. Für mich heißt das: Mein Wissen hilft mir ungemein, das betrifft Depression und ASS. Ich kann Dinge erklären, einordnen und so von meiner Person fernhalten. Ich kann den Dingen eine Ursache, eine Dauer geben. Ich weiß, weitermachen muß sein. Mir hilft auch oft nur Ruhe. Ruhe und warten. Mich auf kleine und kleinste Dinge konzentrieren, und sei es die nächste Tasse Tee. Wissen, nicht allein zu sein. Wissen, daß auch schlimme Zeiten sich wenden, auch plötzlich und unverhofft. Das wünsche ich euch allen, jedem der es braucht!