Quickshot /Hunter

Neulich hätte ich mir eine schöne Jobidee gefunden.

Ich war im Zoo, alleine. Es war nicht so viel los, kurz nach der Öffnung morgens. Nach ungefähr einer halben Stunde beschloss ich, Zooführer zu werden, und dafür bezahlt zu werden, den anderen Besuchern zu erklären und zu zeigen, wo im Gehege der Papagei sitzt, die Schlange, der Leguan etc.. Während die meisten Menschen nämlich laut plappernd sich gegenseitig fragten „Ja wo ist er denn“, beobachtete ich das Tier schon lange ganz still.

Meine Eltern sind nie in den Zoo, nie spazieren oder wandern gegangen. Es kam die Ehe, dann kamen die Kinder, wir waren oft miteinander unterwegs. Tatsächlich war ich selbst aber ganz selten mal alleine spazieren, und jetzt war ich das erste Mal ganz alleine und mit viel Zeit im Zoo.

Wie gesagt, es war noch relativ ruhig dort. Ich hatte Zeit, mich auch selbst zu beobachten und war völlig perplex.

Ich wußte schon, daß ich mein Auge auf viel mehr „Nebensächlichkeiten“ richte, als zum Beispiel mein Mann. Ich wandere auf ein Ziel hin, ich freu mich auf das Ziel, aber ich sammel auch Eindrücke von Blumen und Tieren. Auch auf Fotos, wenn man mir nicht (wie normalerweise) mit Ungeduld begegnet. Aber mir war nicht klar, wie sehr meine Wahrnehmung auf Details eingestellt ist.

Das Insekt im Augenwinkel, der Geruch, der alle paar Meter wechselt, die eine Pflanze, die ich liebe und die sich plötzlich hervorduckt. Die Strukturen von Blüten, die Abweichung im Farbton, die mir verrät, wo ich im Gehege suchen muß. Der Bewegungsablauf im Detail, der dafür sorgt, daß ich von stetigen Chamäeleons, leisen Tigerpranken, sogar vom Muskelspiel einer Python hypnotisiert bin. Mit den Menschen hab ich nichts zu tun, und trotzdem schwappen mir Eindrücke ins Gesicht wie eine kalte Dusche. Stimmungen, Blicke, alles landet hoch intensiv bei mir.

Es ist ein Unterschied, davon zu lesen, daß das bei Autisten so ist. Oder das zu erleben.

Ich bin nicht mehr die Jüngste, also sind mein Gehör und mein Sehvermögen eh schon vermindert, im Vergleich zu früher. Trotzdem war ich gestern von den Eindrücken voll in Beschlag genommen. Ich fragte mich, wie ich auch nur eine Schulpause im Hof, bei Gekreische und Durcheinander, überlebt habe. Wahrscheinlich durch automatisches Abschalten und in die Ecke schauen. Ich weiss es nicht.

Ich hab versucht, mich bei diesem Zoobesuch von den ganzen Infotafeln fernzuhalten und mich  auf die Tiere zu konzentrieren, und weil ich nicht agelenkt war, konnte ich ganz in den Eindrücken versinken. In der Fledermaushöhle still stehen und die Flugbahnen verfolgen. Oder dem Luchs ins Auge sehen, minutenlang haben wir uns fixiert. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Jäger, wie jemand, der seine Sinne geschult hat, um Fährten zu lesen und Zeichen zu deuten.

Ja, das ist jetzt übertrieben. Aber ich hatte eine Ahnung bekommen, wie das sein könnte, allein, auf Jagd, mit allen Sinnen auf Empfang, und es war ein sehr, sehr schönes Empfinden.

Advertisements

Quickshot /Was ich wirklich brauche

Ein kurzer Text, es geht nur um das vergangene Wochenende. 1,5 Tage davon, um genau zu sein.

In dieser Zeit war zwar Anstrengung dabei, da ich gestern Hunderte Kilometer gefahren bin, Terminunklarheit, neuer Ort etc etc. Aber die Anstrengung daran bedeutet im Nachhinein fast nichts. Denn ich bekam so viel von dem, was ich im Alltag so leicht vergesse und doch brauche. Mehr als die #3gutenDingedesTages…

Ich besuchte einen Ort, für mich, der mit meiner Jugend verknüpft ist. Eingedenk des Klaasentreffens, auf dem ich letztens war, mit einem positiven Gefühl, ein kleines Stück Identität neu einzuordnen.

Ich machte einen langen Spaziergang mit meinen autistischen Söhnen, eine absolute Seltenheit, die nur des Ziels wegen funktionierte, denn wir besichtigten etwas. Und weil wir nur zu dritt waren, wurde er wunderschön in dem Sinne, daß wir uns – da auch niemand in der Nähe war – 2 Stunden lang richtig austauschen konnten. Nein, keine Psychogespräche. Aber die Jungs konnten ihre Themen, ihre Gedanken, mal ausbreiten, ohne von Ungeduld und Augenrollen gestoppt zu werden. Wir konnten unseren eigenen, ruhigen, sachlichen Ton pflegen. Man kann sich auch ruhig widersprechen oder ein Thema begrenzen. Das tat richtig gut, bestimmt auch den beiden.

Wir kochten abends spontan „schwedisch“, und auch das liebe ich: das Gefühl, wenn die Kinder sich gerne dazusetzen, weil sie sich freuen und es ihnen schmeckt. Da bin ich ganz Mama…

Mein Sohn haßt Fußball, aber wir kennen uns, und wir machten gestern Späße darüber, statt uns gegenseitig überzeugen zu wollen, auf die andere Seite zu wechseln.

Ich habe wieder gemerkt, wie seit ein paar Wochen, daß ich Spaß habe, lange zu lesen und mir einen ganzen Nachmittag dafür Zeit zu nehmen. Ich könnte mich zu Besuchen zwingen, aber Kontakt habe ich weiß Gott genug ohne mein Zutun, genug nach meinen Kräften gemessen. Kann das jemand verstehen, wie schön es ist, die Ruhe zum Lesen wieder zu entdecken? Das war seit der Geburt der Kinder nicht mehr da.

Und heute Mittag saß ich im Garten, und es war ruhig, und ich hörte nur und schaute nur. Plötzlich eine Bachstelze, da eine Drossel, beide lange nicht gesehen. Und ein Gefühl von Entspanntheit, nein, von Ruhe und Tiefe. Ich genoß das pure Sitzen und Wahrnehmen, das Versinken in Details, die aus den Gartenecken kamen.

Und das ist, was ich wirklich brauche: Zeit. Zeit, zu mir zu kommen, mein Selbst wieder zu spüren. An meinem Selbst auch Freude zu haben, statt wie im Alltagstrott dem Nachzuhetzen, was alle Welt von mir verlangt. Und mich dann mit neuer Kraft und mit Überlegung auf den Sturm der Woche vorzubereiten.

 

MCS x/30

In unserer Familie sind die Aufgaben hübsch verteilt, meine ist u.a. zu kochen, und immer bietet mir mein Mann an, alles aufzuräumen.

Heute nahm ich sein Angebot an. Etwas später ging ich an ihm vorbei, als er gerade den Tisch säuberte. Und dann rutschte ich in einen Impuls und in einen Moment, in dem mir klar wurde, ich muss besser auf mich aufpassen.

Ich war drauf und dran gewesen, mich dafür zu entschuldigen, daß ich soviel Geschirr angepatzt hatte. Ich konnte den Satz gerade noch zurückhalten. Wohlgemerkt, ich hatte Familienessen gekocht mit zwei Varianten und alles à point und just in time auf den Tisch gebracht.

Verrückt. Aber real. Ich rechne mal so: ich kann mich auf mindestens drei Schuldskalen einordnen, also den Impuls, sich zu entschuldigen und klein zu machen, in drei Dimensionen bewerten. Jeweils von 0-10, auf gut psychologisch. Ich nenne sie Mea culpa Skala oder MCS-X

Skala 1 Ich bin eine Frau. Frauen verhalten sich oft so, ob by nature oder by nurture, egal. Wissen wir alle, haben wir alle eine eigene Ansicht dazu. Meine persönliche Erinnerung dazu: als ich das erste Mal Bella Block sah, war ich fasziniert und begeistert, weil sie schaute und agierte wie ein Mann. Das fand ich cool, Frauen empfindet man ja immer noch lächelnd als „richtig“. Aber gut, die allgemeine Einstellung ändert sich doch.

Also, Faktor Frau: 5/10 auf der MCS-F

 

Skala 2 Ich bin Mutter. Himmelherrgott. Facebook verfolgt mich mit einer Komödiantin von Antenne Bayern, die selbstironisch ihre mütterlichen Unverzeihlichkeiten ausbreitet. Ich gebe zu, ich schaue es an und amüsiere mich darüber. Weil man (bzw. mutter) es so gut versteht. Im persönlichen Umfeld gibt es mehr Toleranz, aber in den Medien findet sich immer etwas, was man als Mutter so richtig verbocken kann, und die Heli-Profi-Opti-Tigermütter sind kein Klischee, ich kenne solche Damen. Viel Arbeit, die man sich Tag für Tag machen kann, und ebensoviele Gelegenheiten für ein schlechtes Gewissen.

Also, Faktor Mutter: 8/10 auf der MCS-M

 

Skala 3 Denn, ich bin ja auch noch Autistin. Und als solche erreiche ich das Maximum auf meiner Skala. Denn ob ich mich anstrenge oder nicht, an die Grenzen gehe oder nicht. Es reicht nicht. Es kommt immer ein Punkt, an dem ich etwas nicht schaffe, mich jemand nicht versteht, jemand von mir irritiert ist. Ich langweile Menschen, stosse sie vor den Kopf, verärgere und frustriere sie. Und immer unverhofft wirke ich auf einmal ellahaft, ich habe zu wenig Kontrolle darüber. Und ich bin es, der sich dann entschuldigen muss. Ich werde ja nicht verstanden, der Rest der Welt versteht sich. Die letzten Tage war es plötzlich wieder so weit, mein Mann frustriert, daß ich sozial so inaktiv sei (… das seh ich mit Familie und meinem Beruf natürlich etwas anders, aber das kann ich nicht gut genug erklären…). Ein Schock, wieder mal. Und auf diese Art Unverständnis könnte man nun gar nicht reagieren oder schroff reagieren, ist halt Mist für die Beziehung. Oder so, wie ich es mir vor langem schon angewöhnt habe. Klein machen, erklären, entschuldigen, anpassen, nachfragen, hektisch versuchen, wieder in die „normale“ Spur zu kommen.

Also, Faktor Autismus: 10/10 auf der MCS-A

 

Macht 23/30 Schuldpunkten.

Schulerinnerungen

Jetzt habt ihr die letzten Tage schon viele autistische Schulerlebnisse geteilt.

Trotzdem meine 50ct dazu…

Wenn ich an die Schulzeit zurückdenke, denke ich an Leere zurück. Jedenfalls nicht an das Gefühl, einem Sozialverband angehört zu haben, der sich an schöne Zeiten und lustige Erlebnisse erinnert. Vielleicht hat meine Klasse eine deutliche Erinnerung an ein geteiltes Schulleben. Bei mir ist diese Erinnerung nur sehr schwach, „am Rande“ fällt mir als erste Assoziation ein. Und daneben einzelne Eindrücke.

Was es für mich nicht gab: handfesten Ärger, schlechte Noten, Mobbing (jedenfalls hab ich keines bemerkt). Ich war „typisch“ weiblich autistisch drauf: schüchtern, seltsam, aber sonst unauffällig und brav. Die Noten unauffällig.

Ein Zeitstrahl aus Einsamkeit, damals nannte ich es noch nicht so. Der Zustand des Alleinseins, die Trauer über die Einsamkeit waren verdeckt von meiner Verunsicherung, meiner felsenfesten Überzeugung, es so verdient zu haben. Durch meine Doofheit.

In diesem Zeitstrahl einzelne Bilder.

Ein Foto vom Wandertag, alle auf einem Spiegerät. Ich drei Meter abseits auf der Bank, Blick auf den Boden. Jemand zeigt mir das Foto und reibt mir meine Schmach noch unter die Nase: „du immer, schau dich mal an!“

Der erste Tag meiner Periode. Mangels Anleitung von Mutter oder Freundin hatte ich mir irgendwie eine Einlage aus Watte gebastelt. Die Sportlehrerin hält an dem Tag lachend ein aufmunterndes Statement, daß die Blutung etwas Normales sei. Jahre später begreife ich, jeder hat es damals gesehen. Pardon, jede.

In jedem Zeugnis die Anmerkung, ich sei zu ruhig. Einige mündliche Sechser wegen Nichtmeldens.

Ich, in Deutsch oder Religion, als ich mich doch melde, weil ich etwas aufgeschnappt habe, was mir wichtig scheint. Zu 75% Ablehnung wegen Unbotmäßigkeit oder Verschrobenheit, zu 25% „was du alles weißt“. Manchmal ein überraschtes „du bist doch ganz gescheit, zeig das doch einfach!“

Lehrer, die mir vertraulich anbieten, ich solle mich nicht verstecken, ich könne mich anvertrauen. Andere, die mir verbieten, in der Pause in der Ecke zu stehen. Viele, die mich vor der Klasse hämisch lächerlich machen, denn ich „sei mir wohl zu fein, mich zu beteiligen“, ich „hielte mich wohl für etwas Besseres“. Der ein oder andere Lehrer kennt meinen Namen nicht mal.

Viele Situationen, die mich noch heute schamvoll erstarren lassen. Wie eine Lehrerin hilflos war ob meiner ehrlichen Antwort, ich habe für die Hausaufgabe keine Lust gehabt. Ich, wie ich versuche, Witze zu machen. Die anderen Mädchen drehen sich einfach um. Ich, wie ich nicht weiß, wie ich eine Adresssänderung und die Geburt meiner Schwester melden soll. Und als es rauskommt, gescholten werde, ich hätte das sagen müssen.

Ich, wie ich Wahlfächer, Qualifikationen, sogar den „Medizinertest“, das Tor zum Medizinstudium, aus Angst und Überzeugung, zu versagen, vermeide. Ich, die ich dabei keinen Mentor, kein Vitamin B, keine hilfreichen Eltern oder Freunde habe.

Das Positive? Verschweige ich nicht, um Mitleid zu erhaschen… es fällt mir nicht ein.

 

Detail: Spezialinteresse? Emotionale Bindung?

Nachfolgend nur eine kurze, aber typische Szene in einer nicht-autistisch-autistischen Familie. Um zu zeigen, dass die Kriterien für eine Diagnose, buchstäblich genommen, in die Irre führen können. Man muss manchmal ins Detail gehen, um ein autistisches Verhalten verstehen zu können.

Die Vorgeschichte ist, daß wir seit ein paar Monaten neue Katzen haben. Sicher würden die meisten tierliebenden Teenager an den Tieren mit Liebe hängen. Noch dazu, wenn, wie bei uns, das erste geliebte Tier verstorben ist. Ich zögere aber nicht, die Art und Weise, wie bei uns die Tierliebe ausgelebt wird, mit einem Spezialinteresse zu vergleichen. Nota bene, das Gefühl von Liebe ist das Gleiche wie bei jedem. Das Bestreben, daß es dem Katzerl gut geht, daß es sich wohlfühlt, gut versorgt ist. Rücksicht nehmen, sich anpassen. Mit ihm mitfühlen, mitleiden, ihm Angst, Schmerz und Hunger ersparen wollen. Mit Rührung und Lächeln das Katzerl beobachten oder von ihm sprechen. Sichtbarer, geteilter Rührung. Liebe.

Aber der Umgang insgesamt ist anders, als in „normalen“ Familien zu erwarten. Starrer, ritualisierter. Rigider. Aber auch ausufernder. Die Kinder sind nicht einen Tag mehr, einen weniger damit beschäftigt, etwa weil sie manchmal keine Lust dazu hätten oder andere Pläne (erst recht keine sozialen Verpflichtungen). Sie wiederholen jeden Tag x-mal das gleiche ritualisierte Verhalten, wenn sie nach den Katzen sehen, darüber sprechen, sich mit ihnen beschäftigen. Und jedes Detail ist ihnen wichtig. Sie haben also sowohl eine emotionale Bindung als auch ein ausuferndes Interesse daran.

Für mich heißt das, ein Spezialinteresse kann im Prinzip aus allem entstehen.

Emotionale Bindung zeigt sich auch in der versprochenen Szene.

Kind kommt zu einer Zeit in die Küche, in der die Katze sonst immer da ist, jetzt gerade nicht. Seit einer Stunde ist sie abgängig. Kind macht sich Sorgen. Nicht (oder nicht nur), weil das Ritual unterbrochen ist – Sorgen, weil dem Tier etwas fehlen könnte, Trauer, weil es nicht da ist, Angst vor dem Verlust. Das nenne ich emotional gebunden. Das gleiche Kind, das sonst ewig allein im Zimmer sein kann, ist allein, weil der Realkontakt zu stressig ist zu anderen Teenagerbuben. Verständlicherweise hat es kein Interesse an dem Streß, er bringt mehr Frust als Spaß. Das gleiche Kind freut sich aber, wenigstens online verbunden zu sein, es freut sich, wenn es Anerkennung erfährt durch eine Bemerkung. Und es liebt seine Katze. Und sein Geschwister. All dies trotz der Tatsache, daß soziale Kontaktschwierigkeiten und soziales Desinteresse, auch das Geringschätzen von oberflächlichen Begegnungen, eindeutig da sind.

Katze verschwunden. Kind aggressiv und stoffelig, weil gerade überfordert. NT-Mann aufgeregt, versucht abzuwiegeln. Kind noch stoffeliger. Verzieht sich lieber. Ich gehe im Kopf derweil Handlungsoptionen durch und überlege, wann man suchen gehen muß. Auch, um dem Kind damit Sicherheit zu geben. Meine eher autistische Art, es zu beruhigen. Denn, mir tut jetzt das Kind leid. Ich seh aus dem Augenwinkel eine Bewegung draussen (Detailwahrnehmung…), Mann folgt meinem Blick, sieht die Katze. Ruft laut. Ich verstumme, weil das Gucken und Rufen und Gedrängt-werden für den Moment zu viel sind (und ich nenne das mutistisch, wenn auch im kleinsten Rahmen). Ich muß kurz weghören, denn meine Stärke ist klares rationales Denken und Handeln. Dann rufe ich die Katze, die sofort reinkommt. Auf meinen Mann würde sie nämlich nicht hören, ich glaube, das kann man fast als diagnostische Kriterium werten 😉.

Alles Geschilderte ist banal, für sich genommen, Kleinigkeiten. Aber typische, sehr typische Kleinigkeiten.

Quickshot /Zeitmaschine, Kurztrip

Erwähnte ich schon, daß (unsere) autistischen Pubertiere – mangels Freunden, und weil verschiedene Vereinsaktivitäten scheiterten –  immer zuhause sind? Ich fürchte, ja. Neulich hieß es, ein Junge käme auf ein Stück Torte vorbei, das ist für uns schon sensationell. War dann aber doch nicht.

Jedenfalls, heute fuhren sie tatsächlich miteinander weg, auf einen Besuch. Ich sah sie weggehen, überlegte kurz, ob man sie dumm anmachen würde, eines der Kinder wirkt sehr verschroben. Dann waren sie um`s Eck, und ich sah ein: jetzt müssen sie selbst ein paar Stunden klarkommen.

Ich hatte Zeit, mit meinem Mann etwas Spazierenzugehen, einen Kaffee zu trinken. Ungelogen, seit die Kinder auf der Welt sind, gab es das nicht mehr: allein und nichts zu tun. Nichts. Einen Nachmittag lang!

Es kamen Kinder, es kamen Probleme, es kam viel viel Arbeit und manchmal heftigster Stress. Es kamen Diagnosen. Es kam meine Diagnose. Und weiter, weiter, es musste weitergehen. Ich outete mich am Arbeitsplatz. Und es ging weiter. Ständig änderte sich etwas, ständig musste ich mich mit ändern und anpassen.

Halt, Stopp, Kommando zurück: bitte nicht falsch verstehen. Ich beklage das alles nicht. Bei allen Ausreissern, die es gab, hätte ich doch in den letzten Jahren nichts wirklich tauschen wollen. Vieles lief optimal. Das Meiste hat Spass gemacht. Wie heisst es neudeutsch: positive Challenge!

Die Sache mit meiner Diagnose lief nebenher. Immer, aber immer nebenher, im Blog oder auf Twitter. Im Alltag ist kein Platz dafür. Ich vermutete aber, daß ich mich nach der Diagnose wohl immer mehr autistischer verhalten habe. Weil mir Kleinigkeiten auffallen, weil ich ständig an das Thema erinnert werde.

Heute konnte ich direkt vergleichen, eben auf jenem Spaziergang. Und ich bin kein Deut autistischer geworden! Ich war genauso wie früher auch. Was bedeutet, mein Mann hat mich so schräg und fremdartig kennengelernt, so verstockt im Gespräch – damals wie heute. Ich erinnerte mich an frühere Begegnungen, mit exakt den gleichen „Aussetzern“. Ich konnte nur heute, weil ich frei war im Kopf,  plötzlich einordnen, was passiert. Ich fühlte mich das erste Mal exakt wie in den Simulationsvideos, wo autistische Wahrnehmung demonstriert werden soll. Ich dachte immer, so arg ist es bei mir gar nicht. Doch, es ist so und war es schon immer. Ich hätte es nur früher nicht beschreiben können, und später hatte ich keine Zeit mehr dazu.

Bis, eben, heute.

 

Gedankensplitter /Home sweet home

Zur Zeit hänge ich mehr als sonst zwischen den Stühlen, wie es so schön heisst. Oder heisst es zwischen den Stühlen sitzen? Hängen passt besser zu meiner Situation, denn an mir wird schön von allen Seiten gezogen, so dass ich mich anstrengen muss, nicht den Boden zu verlieren.

Da zieht mein Mann an mir, in seiner Sorge, wir könnten in unserer Familie etwas verpassen, nicht gut erziehen, uns zu wenig austauschen, den Kindern zu wenig beistehen. Ich soll dies fragen, jenes besprechen, für etwas anderes sorgen, Dinge sicherstellen. Den Kindern erklären, was sie sich abgewöhnen sollen, für später. Ich denke: es ist jetzt, nicht später… Streit schlichten. Und es gibt oft Streit. Es sind Pubertiere, ich denke: die sollen sich erst mal selber einkriegen, ohne Streit geht es nicht. Alles Dinge, die er, leider, nur selten selber mit den Kindern klären kann. Denn Hunderte Missverständnisse haben die Stimmung zwischen ihnen versaut. Ich gebe dem Zug schon oft nach, aber es gibt Momente, wo ich das nicht mehr kann oder nicht will, dann bleiben Dinge auch ungeklärt. Und ich will auch nicht nur aus schlechtem Gewissen, oder „weil es sich gehört“, eingreifen, wenn ich den Sinn nicht einsehe.

Da ziehen die Kinder an mir, die auf ihre, sehr autistische, Weise mit mir Verbindung halten. Eines der Kinder tut das zur Zeit extrem. Alle paar Minuten kommt er, geht, kommt wieder. Während andere Jugendliche sich allmählich verkrümeln, sind meine Kinder noch in einer Art Zwischenstadium. Sie haben keine Freunde, aber sie wissen und spüren, daß sie sich auf eine Welt außerhalb von zuhause, nach der Schule, vorbereiten müssen. Und selbst ihnen ist ein stupides vor-dem-Kasten-sitzen zu öde. Sie wollen Austausch, mit mir teilen, was sie bewegt, mit mir lachen, und von mir Feedback und Sicherheit. Als ob sie versuchten, das Positive und Schöne, Anerkennung und Lachen, Arten, zu sprechen, Diskussionen, Witze, aus unseren Gesprächen einzutuppern, um es irgendwann auf die Reise mitzunehmen. So kommt es mir vor. Ich nenne das auch An-mir-ziehen, denn das bedeutet für mich: immer ansprechbar sein. Ein Gang durchs Haus ist ein Hindernislauf, jedesmal eine Unterbrechung. Ich kann kaum Luft holen, damit meine ich: ich weiss nie, wie lange ich allein bin. Wie lang kann ich lesen, surfen? Von Malen oder so etwas ist schon keine Rede mehr. Wenn man nie weiss, wann man wieder unterbrochen wird, ist es sehr schwer, irgendetwas neu aufzubauen. Aber meine Kinder sind zugleich isoliert und geistig extrem aktiv – sie brauchen ein Gegenüber. Ich bin gerne das Gegenüber, ich muss es sein, mein Mann wird eher gemieden. Anstrengend, denn ich muss meine eigene Zurückgezogenheit und mein Bedürfnis nach Alleinsein ganz schön mißachten dafür. Ich muss jeden Tag gleiche Fragen beantworten, gleiche kleine Rituale mitmachen, die mich zum Teil richtig anstrengen und auslaugen. Aber das ist nun mal ihre Art, Kontakt zu halten. So entsteht so etwas wie Verbundenheit. Eine andere Art gibt es nicht.

Und da bin ich dann, irgendwo, in der Mitte von allem.

Ich möchte natürlich meine Kinder nicht zu Sonderlingen erziehen. Ich möchte sie genug fordern. Ich möchte zuerst aber auch, dass sie sie selbst bleiben können und dass  sie geliebt werden.

Und ich hänge zwischen verschiedenen Familienbildern. Was ist denn nun eine Familie? Mein Mann hat eine ganz andere Familie als ich erlebt. Fest verbunden, deutsch, ordentlich. Ich war dagegen immer allein, irgendwie musste ich es halt auf die Reihe kriegen. Mein Vater Autist, die Stiefmutter uninteressiert. Und wir? Sind weder das eine noch das andere wirklich. Und doch: so sehr unterscheiden wir uns gar nicht von den Familien meiner Bekannten. Da gibt es natürlich mehr Freunde, Vereine, Vitamin B. Aber was früher Familienleben genannt wurde: Fernsehen, Spazieren am Sonntag, Kaffee am Nachmittag, Braten zu Mittag, gemeinsam abspülen und am Tisch sitzen, wenn Oma kommt… gibt es das noch? Ich glaube, das sind alte Zöpfe, das gibt es nur noch, wenn Kinder kleiner sind. Das hat sich in Familien mit Jugendlichen ziemlich aufgehört.

So gesehen,  gibt es bei uns, auf unsere sehr spezielle Art, sogar viel familiäre Verbundenheit, und ich glaube und beschließe mal: ich finde es schön so.

Quickshot /Die Damen sind allein zuhause.

Und es ergab sich, dass zwei Damen auf Twitter übereinkamen, dass sie beide heute allein, ohne Mann und Kinder, ihre Zeit für und mit sich allein verbringen können.

Witzigerweise kenne ich genau diese beiden Frauen persönlich, und ich gönne ihnen die Pause von Herzen.

Ich selbst habe an dieser Stelle hoffentlich schon öfter verdeutlicht, dass ich meine Kinder sehr liebe und schätze, trotz und auch wegen all der Menschen, die sie nicht verstehen und deshalb auch ablehnen. So viele sind das allerdings gar nicht.

Genau heute ging auch eine Meldung durch das Internet, von einer Mutter, die im erweiterten Suizid den autistischen Sohn und den Ehemann tötete. Horror. Es erzähle mir niemand, das habe ursächlich mit dem Autismus zu tun. Das hat mit der Persönlichkeit der Frau zu  tun und hätte sonst einen anderen Grund für die Tat haben können.

Ich selbst bin  zur Zeit einfach nur kindermüde. Ich muss auf meine Löffel achten. In der Arbeit ist Krankheitszeit, Urlaub dauert noch länger, es sind noch einige Wochen, die ich bei erhöhtem Tempo durchhalten muss. Und zuhause habe ich keinen Raum, mich wirklich auszuklinken. Ich hab es versucht, mit verschiedenen Manövern. Aber wie soll ich es sagen, ich bin gefordert, einfach nur da zu sein. Ansprechbar.

Eine Art menschlicher Leuchtturm.

Es geht selten darum, mit den Kindern Probleme zu lösen oder Hausaufgaben zu klären. Die spezielle Anstrengung, die direkt mit ihrem Autismus zusammenhängt, beginnt damit, dass sie immer zuhause sind. Immer. Und sehr selten kommt ein Freund, das bedeutet dann für mich eher noch etwas mehr Arbeit. Die Kinder haben sich gegenseitig als Kontaktpersonen, oder eben: mich. Und es ist eben nicht so, dass Autisten in ihrer eigenen Welt gefangen und an Kontakt uninteressiert sind. Sie suchen oft Kontakt, sie wollen Verbundenheit spüren. Jetzt, in den Ferien, kommt Langeweile dazu. Ich spüre bei den Kindern Alleinsein, das Bedürfnis nach Sicherheit. Wir unterhalten uns, oder besser, kommunizieren miteinander, auf unsere Weise. Für andere mag diese hölzern oder roboterhaft wirken, mir liegt diese Art des Umgangs. Aber er ist gleichwohl anstrengend. 20, 30mal am Tag der gleiche kurze verbale Austausch. Die gleichen Themen, ähnliche Scherze. Mit Kindern, die nicht immer von selbst sehen, wann ich gesprächsbereit bin oder wann ich von einem Thema genug habe. Die nicht merken, wenn es mich nervt, dass sie in mein Display reinlinsen. So wie jetzt, in dieser Sekunde… Die mir helfen wollen, aber mehr und geduldigere Anleitung dazu brauchen als andere Kinder, das verlangt sehr viel Geduld. Und Selbstkontrolle, wenn ich ärgerlich werde ob ihrer Umständlichkeit, denn das haben sie nicht verdient und damit können sie auch schlecht umgehen. Aber dabei sind es eben doch meine Kinder mit ihrer sozialen Unbeholfenheit, die meine Unterstützung brauchen.

Und die Anstrengung wird durch meinen Autismus noch grösser, denn ich muss vermitteln in die normale Welt, Vorbild sein, zeigen, wie es gehen könnte, und bin doch selbst angestrengt vom Tag und bräuchte Rückzug.

Was soll ich sagen, ich zähle die Tage und hoffe.

 

 

 

 

Fremdeln

Ob auf Twitter oder auf Facebook, manchmal fange ich mittendrin an, mir irgendwelche Profilbilder anzuschauen. Ich lass es gleich wieder, denn es tut mir selten gut. Das hört sich erst mal nach Masochismus an, ist aber eher eine Art von Suche.

Ich schau dann oft die Bilder schicker Damen an. Ich selbst seh nicht wirklich gut aus, und zuerst dachte ich, es ginge darum. Mir klarzumachen, dass die Damen besser aussehen als ich. Selbstmitleid zu erzeugen. Nein, passt nicht. Das bin ich nicht. Dann dachte ich, nicht nur das Aussehen, die wirken so fröhlich und selbstbewusst, zieht mich das an?

War auch knapp daneben, wie ich jetzt begriffen habe. Denn ich las über mehrere neuere Studien, zusammengefasst ergaben sie folgendes: Autisten werden von Nichtautisten in kürzester Zeit als seltsam wahrgenommen und als Interaktionspartner in die zweite Reihe geschoben. Bei Autisten wiederum variiert die soziale Angst und mit ihr die soziale Kompetenz. Nimmt man ihnen einen Teil der Angst, verhalten sie sich auch weniger schräg. Einfühlen und erfolgreich kommunizieren wiederum hängen davon ab, ob man sich als zusammengehörig empfindet und sich im Kontakt aufeinander “einschwingen“ kann.

(Alles im Detail in den Tweets von @leoschilbach nachzulesen, danke dafür!)

In der Summe ergibt dies meine wohlbekannte Erfahrung in wohlbekannter Reihenfolge. Irgendwo neu hinkommen. Sofort Befremden auslösen und ignoriert werden bzw. gelernt haben. Sich zurückhalten, weil man dann wenigstens nicht noch mehr kaputtmacht. Das Ganze in einer sich stabilisierenden Dauerschleife. Der Eindruck, einfach falsch zu sein, wächst und festigt sich unmerklich zur Überzeugung. Manchmal schraubt sich die Spirale schnell hoch, in ein paar Minuten.  Unter dieser Anspannung geht Blickkontakt manchmal kaum noch, er sticht richtig, und damit kann man sich auch schwer mit jemandem synchronisieren, sich auf ihn einstellen oder sich “blind verstehen“. Auf jeden Fall aber wird es Jahr für Jahr schwerer, an das Gegenteil zu glauben. Am Arbeitsplatz, an meinem Heimatort, entsteht langsam, sehr langsam so etwas wie Verbundenheit, aber mit der Fremdheitserfahrung braucht es wirklich lange, sich einfach mal richtig zu fühlen. Oder nur nicht-falsch…

Ich begreife jetzt: was ich versuche, aus den Profilbildern herauszufiltern, ist das Geheimnis, wie mensch es schafft, auf den ersten Blick sympathisch und annehmbar zu wirken. Wo liegt es? In der Schönheit, Ebenmäßigkeit, dem Augenaufschlag, der Ironie, der Distanz??? Ich kann es nicht verstehen. Ich bin einfach anders, und ich werde als anders behandelt. Aber ich versuche immer wieder, doch noch eine Spur zu finden.

Und umgekehrt ist es auch so, dass die Fähigkeit, unbefangen oder wenigstens angstfrei auf Nichtautisten zuzugehen, stetig abnimmt. Bei meinen Kindern ist es inzwischen so:

Der Mann ist ein Verwandter, mit dem wir neulich, alle in trauter und friedlicher Runde, Stunden verbracht haben. Und gelacht haben und uns ausgetauscht haben. So etwas habe ich mit meinen Kindern leider, leider schon lange nicht mehr erlebt. So entspannt habe ich diese Situation noch nie mit ihnen erlebt. Alle anderen Verwandten werden gemieden, denn keiner von diesen kann sich damit zurückhalten, die Kinder auf irgendeine Ungewöhnlichkeit anzusprechen. Oder verwundert zu sein. Oder nach Zeichen von sogenannter Normalität zu forschen. Oder uns rüberzuschieben, wir sollten doch mal strenger sein. Das hat leider zur Folge, daß auch Freunde von uns weitgehend gemieden werden. (Es kommen sowieso sehr selten Freunde zu Besuch).

Keine Lösung in Sicht, außer die wenigen Ausnahmen zu genießen, und sich alle Vorwürfe zu sparen.

Quickshot /Plötzlicher Schub

„So what“, sagte mein Leben. „So what, du willst doch nicht ernsthaft jetzt zum Plätzchenbacken übergehen oder anderweitig besinnlich werden. Hier, eine neue Challenge!“

Sprach, schnippte mit dem Finger und sandte mir übers Wochenende drei Nüsse zu Knacken.

Die erste Aufgabe hatte ich am meisten gescheut, und sie wurde schön und einfach. Ich ging in die Sprechstunde und traf die Lehrerin, die zufällig alle meine Kinder unterrichtet. Und mit deren Autismus gar kein Problem hat. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes und lächelte nur über kommunikative Hürden, weil sie den guten Willen und das Wissen dahinter wahrnimmt. Die Klasse sei lieb, die Kinder eine Bereicherung, und Kinder dürften sich entwickeln. Puuh… Ich: happy.

Nummer zwei war auch besser als erwartet. Ich war zur Autismusfachtagung, hörte Vorträge, traf bisher unbekannte Twitterer. (Als Zusammenfassung bitte https://autistenbloggen.wordpress.com/2017/11/13/2-autismus-fachtagung-in-rosenheim-12-11-17/ lesen, danke dafür). Am anstrengendsten daran erwies sich die lange Fahrt bei Regen. Nicht das lange Sitzen, nicht die vielen Menschen, nicht die sonst gefürchteten Pausen. Ich hatte schwer verdauliche Inhalte, eine steife Atmosphäre gefürchtet und komplizierte Interaktionen. Dass der persönliche Kontakt zu den mit-tweeties enttäuschend wäre. Ich fand: eine positive und konstruktive Stimmung. Experten, die ich am liebsten mit nach Hause genommen hätte. Differenzierende, Ressourcen betonende, wohlwollende Ansätze. Und Menschen, mit denen ich mich gleich wohlfühlte. Sowie das kostbare Gefühl, einfach ok zu sein.

Dafür wird die dritte Aufgabe unlösbar, jedenfalls kann ich nichts mehr beitragen. In Gegenwart meines Mannes übersah ich etwas, eine Einfachheit in seinen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich ihm nicht nur erzähle, dass ich anders ticke und das erste Mal, dass mein Verhalten nicht einfach mit zu wenig Anstrengung  erklärt wäre. Nein, es ist das erste Mal, dass ihm voll bewusst ist, dass ich anders bin, und fremd. Was daraus wird? Niemand weiss es, nur die Zeit. Ich kann nicht mehr erklären. Ich kann nur zusehen, wie meine bisherigen Erklärungen jetzt zu wirken beginnen. Und warten.