Quickshot /Dustin, nein Dust in the wind

Ok, das könnte jetzt kompliziert werden…

Neulich lief „Die Reifeprüfung“ im TV. Ich hatte den Film noch nie gesehen, das Thema sprach mich nicht an. Diesmal dachte ich, warum nicht, er wird so oft gelobt, ist doch vielleicht nett, den Soundtrack von Simon & Garfunkel im Original zu hören.

Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich schaltete nach 15 Minuten ab.

Ich hatte Dustin Hoffman früher als Rain Man gesehen, und die Art, wie der junge Ben in sein Zuhause weniger zurückkehrt, als -irrt, konnte ich nicht ertragen, weil sich in mir mein autistisches Gefühl vordrängte. Es erinnerte mich zu sehr an mich selbst, ich war vollkommen in diesem Gefühl. Das Gefühl, in einer Gesellschaft orientierungslos herumzuirren. Es funktioniert irgendwie, ich komme dahin, wo ich hin will und mache das, was nötig ist – Ben findet sich ja auch irgendwie zurecht – aber es ist alles so verwirrend.

Es schob sich ein anderer Film in meine Erinnerung, den ich neulich zufällig gesehen hatte: Lost in translation. Auch da identifizierte ich mich sofort mit dem Hauptdarsteller, Bill Murray. Auch er hat einen Ort, eine Aufgabe, er tut, was er zu tun hat und redet, mit wem er reden muss. Aber er findet keinen Bezug zu diesen Menschen, auch nicht zu seiner Frau, mit der er telefoniert. Die Kollegin, die Prostituierte, die Werbeleute – er steht daneben, beobachtet alles und findet keinen Sinn. Und wenn es einen Sinn haben sollte, ist er davon ausgeschlossen. So wie Ben zwischen den künstlichen Masken und seltsamen Spielchen der Haute volée um ihn herumläuft und nur weg will. Bill, immerhin, findet eine verwandte Seele, unverbindlich, auf Zeit.

Etwa so, wie ich vielleicht von Zeit zu Zeit froh bin, verwandte Seelen im Netz zu finden, wissend, das ist nicht wirklich ein Anker, und nicht mein Alltag.

Den Rest der Zeit (na gut, 95%) betrachte ich die Menschen (na gut, 95%) und ihre Rituale und rätsele: geht es ihnen gut mit ihren Masken? Den Anzügen, den Makeups, der Aufgedrehtheit, den Interaktionen, die nur bestimmten Zwecken dienen, den demonstrativen Gefühlen, die nicht von innen kommen, sondern etwas bezwecken sollen.

Geht es den Menschen gut so, in der völligen Anpassung?

Die Menschen würden antworten: aber ja doch, das ist doch gerade schön, etwas miteinander erleben. Genau das ist doch Gemeinschaft.

Und ich verstehe euch ja: ihr bietet mir eure Gemeinschaft an, und immer wieder verlasse ich euch. Scheinbar ohne Grund. Ich gelte als gutmütig und freundlich, und ihr könnt euch nicht erklären, woher mein Missmut und meine Ungeduld kommen.

Für euch scheinbar aus dem Nichts. Für mich daher, dass ich versuche, einen festen Platz zu finden, wo ich mich ansiedeln kann. In Wirklichkeit bin ich irgendwo und nirgendwo, wie Staub im Wind. Das seht ihr aber nicht und ich verstehe, warum ihr euer Interesse verliert an mir.

Man müßte einen Begriff finden für diese spezielle Melancholie und Verlorenheit. Mit Depression oder sozialer Phobie hat sie wenig zu tun.

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Buch&Welt

Der erste Autist, von dem ich außerhalb meiner Familie erfuhr (von dem abgesehen, der das Thema zufällig indirekt ins Rollen brachte, aber das ist eine ganz andere Geschichte) war Peter Schmidt. Ich stiess auf einen Bericht in der Geo, und las dort darüber, wie er in seinem Studium auf Expeditionen unterwegs war. Auf seine eigene, exakt geplante Art und Weise, aber doch. Und momentan lese ich gerade die  Autobiographie eines Autisten: auch einer, der viel gereist ist, viel Radtouren unternimmt, viel Sport treibt. Immer irgend einen Freund in der Gegend hat, mit dem er etwas unternehmen kann.

Ich bewundere das. Für mich war mein Autismus immer verbunden damit, irgendwo in sicheren Grenzen zu sein, in einem überschaubaren Raum. Auch damit, allein zu sein. Vielleicht aber spielt da die familiäre Prägung doch eine Rolle. Alles, was außer Haus passiert, mußte und muß ich mir allein erschließen.

Ich erinnere mich: während meines ersten Arbeitseinsatzes rüffelte mich ein Oberarzt, weil ich einen arabischen Patienten zu „neutral“ behandelte: „Da muß man doch darauf zugehen! Sich dafür interessieren!“

Naja, es war ja nicht so, daß mich die Welt dieses Patienten nicht interessiert hätte. Aber ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, daß ich ihn befragen kann. Damals.

Und was liegt nun nahe, wenn man einen unterbeschäftigten Kopf, aber wenig Möglichkeiten hat und noch weniger Mut und Kompetenz, in der grossen weiten Welt etwas zu lernen? Richtig, man beginnt eine intensive Beziehung zu Büchern.

So viele schöne Erinnerungen zu diesem Thema. Als Kind las ich jedes Buch im Regal meiner Eltern, die (Eduscho) Kunstbände, die Aufklärungsbücher. Bei Verwandten Romane im Reader`s Digest. Billige Teile, aber ein großes Entdeckerabenteuer für mich. Was für ein Glück, daß mich niemand aus pädagogischen Gründen davon abhielt, den Weißen Hai oder Quo Vadis zu lesen. Die Buchhandlung der alten Frau, mit der Riesendogge unter der Theke. Die Buchhandlung mit den Zeitungen und den tollen Stiften. Grosse Augen im Hugendubel, das erste Mal in der grossen Stadt. Noch größere Augen in der Staatsbibliothek. Die Zeit, als ich in der Bibliothek jobbte und mich durch die Medizinerbücher blätterte. Später dann freundschaftlich verbunden mit einer Buchhändlerin und Einblick in Bücher, an denen ich sonst vorbeigelaufen wäre. Und und und.

Das Klischee besagt „Bücher eröffnen neue Welten.“ Damit konnte ich nie etwas anfangen, das war mir immer ein komischer, aufgeblasener Satz. Ich wollte ja nie in eine neue Welt. Ich wollte in meiner sicheren Welt bleiben.

Dabei ist es genau so, wie das Klischee sagt. Und wenn ich nun sage, ich bin jetzt mittlerweile genauso glücklich,  wenn sich mir Menschen wie Bücher öffnen? Jetzt, da ich mit ungleich mehr Menschen in Kontakt komme. Und nicht mehr davor zurückscheue, zu fragen? Wenn ich sie lesen darf, und nicht nur den Einband, sondern auch ihre Historie und Fußnoten kennenlernen darf? Vielleicht denkt jetzt der ein oder andere Leser: typisch Autist, behandelt Menschen wie bedrucktes Papier. Aber das ist gar nicht gemeint. Was ich gern teilen möchte, ist meine Vorstellung: Menschen öffnen, wie man ein Buch aufklappt oder eine Tür öffnet. Schicht um Schicht kennenlernen. Wissen, daß da immer ein Eck bleibt, das nicht zu entziffern ist oder zwischen anderen Seiten versteckt bleibt.

Vielleicht behandele ich Menschen wie Bücher.Vielleicht trifft auch das Gegenteil zu? Vielleicht behandel ich Bücher wie Menschen? Fühle und leide mit ihnen?

Wer weiß das schon?

 

Bodenhaltung

Also, so schwer ist das ja nicht, sich einen Autisten zu halten! Es kommt jetzt in Mode, und mit ein paar Tipps schaffen Sie das auch.

Ich will Ihnen das an ein paar einfachen Dingen  demonstrieren.

Also, am wichtigsten ist die Bodenhaltung, oder auch: die Bodenhaftung. Mit einem Autisten verständigen Sie sich am besten in ganz einfachen, klaren Worten. Also Sie sagen ganz einfach genau das, was sie meinen. Sie müssen gar nix ausschmücken oder höflich umschreiben, einfach ganz direkt. Auch nicht öfter wiederholen. Sie müssen nicht mal den Tonfall variieren, gleichbleibend sachlich reicht vollkommen. Und ganz wörtlich bleiben, denn das ist die Sprache, die Ihr Autist versteht. Aber Vorsicht, wenn man im konkretistischen Denken und Sprechen ungeübt ist, kann das tricky sein. Zum Beispiel räsonieren Sie laut vor sich hin, ob man „am Samstag ins Kino gehe, man könne ja dann mit X noch auf ein Fluchtachterl“. Dann aber beschweren Sie sich bitte  nicht, wenn es Samstag abend Stress gibt, weil Sie sich weigern, vom Sofa aufzustehen. Sie wollten doch ins Kino?! Ja, nein, doch, orr?!! Jedenfalls, die Kinokarten sind vorbestellt, X wartet, und Sie sind mit Schuld. Hätten ja deutlich sagen können, daß Sie nur überlegen, ob! Ihr Autist meint ja auch alles so, wie er es sagt. Das erspart Ihnen viel Raterei, Unsicherheit und Therapiezeit.  Wenn er z.B. sagt, Sie haben die geilsten Augen ever, dann heißt das: genau. Also, ein bisschen Umstellung wird schon notwendig sein in Ihrer Kommunikation. Dafür lernen Sie, sehr präzise und logisch zu denken, und das kann ja nun nicht schaden! Es ist halt z.B. ein Unterschied, ob Sie sagen: „Y ist nicht mehr in der Firma“ oder, und das meinten Sie wohl, „Y ist nicht mehr in seinem Büro im Gebäude der Firma, und zwar, weil er schon Feierabend macht und bereits zuhause ist“. Im ersteren Fall kann es leicht sein, daß Ihr Autist die Meldung wörtlich weitergibt, und dann gibt es blöderweise diplomatische Konsequenzen, die Sie hätten vermeiden können.

Genauso verhält es sich mit Angaben zur Uhrzeit, und das bringt uns zum zweiten Punkt: die klassische Freilandhaltung ist gut für Hühner, aber zu beunruhigend für Autisten. Hühner und andere Mitmenschen können wohl mit variablen Grenzen umgehen, Autisten nicht, die sind immer gleich so verwirrt davon. Dabei gilt, aufgepasst: Ihr Autist hat gar nichts gegen Kontakte mit Mitmenschen, nichts dagegen, Neues kennenzulernen, rauszugehen. Im Gegenteil, er kann neue Dinge unheimlich schnell und gründlich lernen, viel gründlicher als Sie! Er kann sich an verschiedene Menschen anpassen. Und er ist auch nicht faul! Aber er muss genau wissen, was, wann, wo, wie lang, wer, warum. Er geht auf jede Party mit und auf jede gefährliche Expedition, wenn: er sich darauf verlassen kann, ob er neben Ihnen sitzen bleiben kann, mit wem er nicht reden muss, ob und was er tanzen muss, wann er wieder gehen darf! Also: wenn derlei Dinge fix abgemacht werden und auch eingehalten werden. Also bitte, wenn Sie miteinander eingeladen werden, dann verlangen Sie nicht, daß Ihr Autist sich mal eben an einen anderen Tisch setzt, um dort ein Weilchen zu reden, und verlangen Sie nicht, daß er mit der doofen Urschel schöntut und verfallen Sie nie, nie, niemals auf die Idee, 5min vor Gehen doch noch bleiben zu wollen! Lassen Sie ihn unspontan rumsitzen, und geniessen Sie Ihre Zeit, und gut ist.

So gesehen, als Nutztier ist so ein Autist äußerst nützlich. Machen Sie eine klare Aufgabenteilung, quatschen ihm in seinen Bereich nicht rein, und Sie werden staunen, wie alles flutscht! Ähäm, nicht reinquatschen heißt auch: lassen Sie ihn alles nacheinander machen. Multitasking ist möglich, aber ungeeignet. Unterbrechen Sie ihn nicht, das macht ihn verrückt und extrem gestresst. Und wenn Sie ihn unterbrechen, weil Ihnen noch etwas eingefallen ist zu tun oder zu bereden, machen Sie ihm klar, daß Sie das später (wann?) noch einbringen wollen, aber daß er nicht jetzt sofort reagieren muss. Also, er kann wie geplant die Maschine ausräumen, und dann, wenn er Zeit hat, mit Ihnen den Einkauf bereden. So einfach ist das nämlich, und gleichzeitig so effizient. So ein Nutztier braucht Pausen, Sie ja auch, und auch in den Pausen, bitte: lassen Sie Ihrem Autisten sein eigenes, wenn auch noch so kleines Reich. Er braucht das. Zeiten ohne alles und jeden. Vielleicht ist das die wichtigste Haltungsanforderung…

Sonst? Nur noch kleinere features, je nachdem: vielleicht spezielles Essen, vielleicht besondere Routinen (Routinen sind nicht gefährlich oder psychotisch, keine Sorge!), ein Starterkit mit Ohrstöpseln /Sonnenbrille /Sichtschutz und Vorhängen /parfümfreien Hygieneartikeln. Und los gehts!

Und nun wünschen wir Ihnen recht viel Freude mit Ihrem neuen Hausgenossen!

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Quickshot /aut of order

Zum Beispiel heute Abend.

Perfekter Abend. Warm, angenehm. Wein im Kühlschrank, Eis im Tiefkühler. Gute Stimmung. Freie Zeit. Ich kann mich ausbreiten und entscheiden: schau ich Fussball, geh ich auf die Terrasse? Und wenn, lese ich mein Buch weiter (ich lese noch Bücher, ich hab sonst kein Problem, mich zu konzentrieren)? Höre ich Musik? Fachliteratur? Demnächst zwei social events, wo ich vorplanen könnte. Ich hab zwei private Schreibprojekte laufen. Sogar eine schnell umsetzbare Idee für eine Serie von Zeichnungen. Niemand stört mich, niemand lenkt mich ab.

Und auf all diese Dinge hätte ich richtig Lust!

Tatsächlich mach ich nichts davon, sieht man vom TV ab und davon, daß ich jetzt hier tippe, um meinen Frust abzuladen. Denn in 1 Stunde muß ich nochmal aus dem Haus, um etwas abzuholen.

Das reicht, um mich zu blockieren bei all meinen schönen Ideen.

Das ist keine Angst, keine soziale Phobie, kein Mißmut, weil ich die Füße noch nicht hochlegen kann. Das ist etwas höchst Autismusspezifisches. Es reicht nämlich, daß da heute etwas anders ist. Etwas Kleines, kaum 10 Minuten wird es mich kosten. Aber: es ist anders. Mein Abend ist anders getaktet Bei dem, was ich zu tun habe, kenn ich den Ort, und kann ich alle einzelnen Aktionen, alles schon oft gemacht. Aber nicht genau so wie heute.

Wie mag ich das einem NT erklären? Es ist so, wie wenn man telefoniert und gleichzeitig muß man ein rohes Ei balancieren. Das geht nur sehr langsam, und die Aufmerksamkeit wird vom Gespräch immer wieder abgezogen. Da kann der Platz noch so chillig sein und das Gespräch noch so nett: so lange das rohe Ei nicht abgelegt ist, ist keine innere Ruhe.

Blöd genug.

Ausnahmezustand

Unser Gastschüler ist nun wieder nach Hause abgereist. Er war etwas älter als unser Kind, mit immerhin passablen Englischkenntnissen. Ich versuche, Bilanz zu ziehen, mich zu entscheiden, ob es „gut“ oder „schlecht“ abgelaufen ist, und lande bei einem erfreuten „es lief besser als erwartet“.

Vorweg: „ganz normale“ Familien bringt die Aufgabe, einen Gastschüler mehrere Tage zu beherbergen, auch durcheinander, oder auch mal an psychische oder finanzielle Grenzen. Bei meinen recht seltenen, aber halbwegs regelmäßigen Treffen mit anderen Müttern, die ich schon seit 15 Jahren kenne, hörte ich nie „Oh wie schön, ein fremdes Kind zu bespaßen, ich kann es kaum erwarten!“…

Mit autistischen Kindern ergeben sich einige sichtbare und unsichtbare Fallstricke. Selbst wenn, wie bei uns, innerhalb der Familie eine halbwegs funktionierende Routine existiert: der Schritt nach außen ist immer ein Risiko und Überwindung. Das geht dem einzelnen Autisten schon so, für eine Familie steigt die Zahl möglicher Schwierigkeiten exponentiell mit der Zahl der Beteiligten… Außen ist eine meist gänzlich unvorbereitete Außenwelt. Sie wird einen so, wie man sich selbst kennt, nicht verstehen (können). Man muß sich erst weit genug anpassen, um von ihr akzeptiert zu werden, man muß also in Vorleistung gehen. Irritationen sind unvermeidlich, und als Familie muß man sich einig sein, wie man dann mit Pannen umgeht: Übergehen? Still eingreifen? Vorwurfsvoll herumschreien? Wie weit schämt man sich für „seine“ Autisten? Wir hatten teils gute, teils schreckliche Erfahrungen mit Reisen, Familienfeiern, Kindervereinsfesten, -geburtstagen etc.. Es war unausgesprochen klar, den „Autismus“ erklären würde in diesen paar Tagen niemand, und die Kinder wollen sich auch nicht als „behindert“ outen. Sie wollen für voll genommen werden. Aber jeder in der Familie trägt in sich die Erinnerung an alle Gelegenheiten, bei denen man mit der Integration in die sogenannte normale Welt so seine Probleme hatte.

Es würde jedenfalls eine Woche im Ausnahmezustand werden, außen wie innen. Für einen Autisten ist das eine extrem unangenehme Vorstellung. Selbst wenn Ähnliches schon gemeistert wurde, selbst wenn ein Teil im Kopf sich freut, bleibt es eine furchtbare Vorstellung. Eine Woche lang eine noch komplexere Situation, eine noch unbekannte Person, auf die man sich nicht vorher einstellen kann, tägliche Unwägbarkeiten. Und statt mehr hat man weniger Raum für Rückzug oder beruhigende Routinen. Ein Gefühl von Ausgeliefertsein, von einer Aufgabe, die man nicht schaffen kann. Weder ich noch meine Kinder können eine Zeitdauer wirklich antizipieren, das kommt noch dazu: es fühlt sich unendlich lange an.

Dementsprechend nervös standen wir vor dieser Aufgabe. Einerseits. Die Nervosität war vor allem bei uns Eltern. Mein Mann wollte, daß die Kinder nicht zu schräg rüberkommen, ich wollte, daß kein Streit entsteht und niemand beschämt wird und beide wollten wir, daß der Gast sich wohlwollend aufgenommen fühlt.

Also, auf gut autistisch, machen wir einen Check:

Ist jeder in der Familie einverstanden und versteht den Sinn des Besuchs? Ja.

Ist Vorerfahrung da mit Besuchern, Übernachtungskindern, Essensgästen? Zum Glück überwiegend positive.

Wir haben das Glück und haben Platz, der Gast hat ein Zimmer und Bad für sich. Alle anderen müssen ausweichen, auf einen PC-Platz verzichten. Ist das o.k.? Maximal konkrete Absprache im Vorhinein, es dauerte 2 Tage, dann waren alle einig. Puuh.

Müssen Routinen (Bad, Essen, Sitzplatz, spielen etc.) geändert werden? Zum Glück nur wenige, und wir Eltern stellen uns als Erstes um.

Was machen wir die ganze Zeit? Trotz „Wanderphobie“ einigen wir uns auf einen Fahrplan. Ungeliebt, aber jetzt hat jeder eine Vorstellung. Es wird keine spontane Umstellung notwendig werden. Es ist ein Ende absehbar, superwichtig!!! Die Schule übernimmt an Schultagen mit Ausflügen, das erleichtert ungemein. Zum Fahrplan gehört auch der Essensplan. Essen ist nicht nur Belohnung, es ist vor allem ein verläßlicher Fixpunkt.

 

Der Plan hat einigermaßen funktioniert. Zum Glück waren alle Kinder sehr motiviert. Wer sagt, Autisten wollten keinen Kontakt?!? Unsere waren positiv voreingestellt, sie bemühten sich sehr um den Gast. Legten Wert darauf, anwesend zu sein. Bereiteten sogar vor, ihn zu bekochen. Packten ihr bestes Englisch aus, zeigten sich von ihrer höflichsten Seite. Suchten aktiv den Kontakt (!). Zum Glück war EM, zum Glück kannten sich die Gastschüler untereinander: so traf man sich abends zum Fussballsehen, und zwischendrin am Schulhof. Zum Glück ist das Kind ver-whatsappt und bereit, mitzulaufen, auch wenn es mal nicht wirklich in die Gruppe reinpasst. Zum Glück bin ich mit 2 Mamas ver-whatsappt und wir können uns zum Abschiedsessen verabreden. Der Austausch hilft mir und dem Kind, nicht mutlos zu werden. Denn die Woche verläuft gemäß unserem Plan, aber eine Kommunikation gibt es trotz aller Versuche kaum. Ich versuche tapfer mit, ich fürchte aber, ich falle am meisten aus der Rolle: ich bin nun mal keine typische „Mama“, bin weder superherzlich noch superkommunikativ und muß mich doch überwinden, locker spielen, um eine Art Vorbild zu sein… Der Gast bleibt einsilbig, schaut meist höflich-gequält, isst kaum, antwortet wenig. Der Kopf ist immer über dem Smartphone. Das Anschweigen war das eigentlich Schmerzhafte, das Kind bemühte sich hilflos und tat mir sehr leid. Ich erklärte ihm, daß es in den anderen Familien genauso war. Ich erklärte ihm auch, daß es nicht an ihm allein liegt, daß der Gast einfach zu wenig Interesse mitbrachte.

Ich schätze, unser Gast hat zuhause wenig gute Worte für uns übrig. Das liegt dann aber eher an seiner latenten Hochnäsigkeit. Wir haben unser Bestes versucht!

 

Quickshot /Wissen. Wollen.

Der Kollege wußte seit kurzem von meinem Asperger-Dasein (das Wort Diagnose stört mich immer mehr…). Er hatte sich belesen und erzählte mir, was er an Fallgeschichten von Hochbegabung und Inselbegabung erfahren hatte. Ich sah ihn an und konnte nur erwidern, daß  mir solches leider nicht widerfahren sei: ich sei weder hoch- noch irgendwie inselbegabt. Nur autistisch. Dann sahen wir uns an, und prusteten los bei dem Gedanken, wie ungerecht das sei: mit Autismus geschlagen, aber trotzdem kein Genie…

Tja nun, die Tendenz, sich in Wissensgebiete hineinzufressen, Dinge und Fähigkeiten selbständig zu erarbeiten und Spezialinteressen zu hegen und zu pflegen, habe ich nun auch, ebenso wie meine Kinder, ohne daß ich deswegen besonders talentiert oder genial wäre.

Daraus resultieren dann im Lauf der Zeit einige Erinnerungen, die mir heute blitzartig wieder einfielen und die ich im Nachhinein mit Liebe und Sympathie betrachten kann. Spezielle Erlebnisse, die bestimmt viele Autisten-Mamas und -Papas kopfschüttelnd, aber doch lächelnd mit mir teilen:

Drei Musikinstrumente, die ich selbst organisierte und autodidaktisch erlernte. Bücher, Sprachen, Zeichnen, Kunst, Kunstgeschichte, Garten, Kräuter… wenn mir etwas gefiel, wollte ich es auch intensiv betreiben. Viel davon ist schon wieder vergessen.

Wie die Kinder dutzendweise dasselbe Motiv malten, in allen Variationen. Kindergärtner und Lehrer, die sich und uns kopfschüttelnd fragten, woher das ganze Wissen kommt. Wie wir bibbernd in verschiedenen Museen standen und hofften, die Kinder würden den Museumsführer nicht bis auf die Unterhosen blamieren mit ihren Detailfragen. Polizisten und Feuerwehrleute, die bekannten, dieses Kind wisse mehr als sie. Eltern anderer Kindergartenkinder, die darüber staunten, wie präzise die Kinder nachfragen. Nicht unterrichtete Freunde und Nachbarn, die aufhorchten, weil die Kinder engagiert und anspruchsvoll diskutieren wollten, nicht nur irgendwie. Klassenkameraden, die zugebombt wurden mit Details zu Serien und plots. Freunde der Kinder, die sich fanden, weil ein zufälliges Stichwort eine Art Geheimwissen offenbarte, und gleichzeitig die Zugehörigkeit zum Clan der Alles-wissen-Woller…

Quickshot: Stimme und Stimmungen

Und da in meinem Reader zufällig heute 2 Beiträge erschienen, die sich mit Sensorik bei Asperger befassen (mit Blickontakt und Gerüchen) : was ich am meisten bemerke, und mir immer deutlicher wird, ist mein Empfinden für Stimmen.

Nicht nur sind mir bestimmte Musikstücke sehr wichtig – zum Runterkommen, als Routine, um mich einzustimmen, um mich darin „einzuigeln“. Wie wohl sehr viele Aspies kann ich meine Lieblingssongs Hunderte Male anhören, und ich kann darin auch immer tiefer „eintauchen“, und das ist wörtlich gemeint. Ich meine manchmal, ich könnte Musik in Schichten wahrnehmen, mich in Singstimmen ausbreiten, so wie man sich auf ein Sofa kuschelt.

Alltagsrelevanz erhält das Thema, wenn es um die Interpretation  der Stimmen von Menschen in meinem Umfeld geht. Wenn ich auf Lautstärke sehr viel sensibler (und auch schreckhafter) als Andere reagiere. Wenn eine harmlose, akzentgefärbte Sprachmelodie unerträglich wird. Wenn sich eine Emotion in einer Stimme – oft Wut und Aggression – sich mir so stark aufdrängt, mich regelrecht hochpusht, daß ich den Inhalt der Aussage erst verzögert wahrnehme und viel zu negativ interpretiere. Ich erschrecke so schnell und so durchdringend, daß ich verzweifelt versuche, den Schaden irgendwie wieder zu begrenzen, um mich irgendwie wieder zu erden und zu beruhigen. Leider: die, die einen aggressiven oder unzufriedenen Ton anschlagen, haben anderes im Kopf oder sind selbst so bewegt, daß ihnen Differenzierungen egal sind. Sie wollen erst mal Emotion loswerden. Ich aber, ich kann und will diese Emotion nicht ungefiltert aufnehmen. Deswegen meine automatischen Abwehrmaßnahmen: mein unbeteiligtes Äußeres, mein Ringen darum, sachlich weiterzukommen, einen logischen Weg  aus dem Schlamassel rauszufinden, mein verzweifelter Versuch, Drama mit Pragmatik zu kontern.

Wut ist übrigens ein viel zu starkes Wort: ich reagiere schon auf leise unzufriedene Töne. Ich höre feine Nuancen in einer Stimme, meist sehe ich auch feine Nuancen und Änderungen in einem Gesichtsausdruck. Ich reagiere schnell und instinktiv alarmiert darauf, erst recht, wenn ich mir die Änderung nicht sofort schlüssig erklären kann.

Ich wünschte, ich könnte mich von dieser Alarmreaktion schneller distanzieren und ich werde gezielt darauf hinarbeiten. Denn der Ist-Zustand nötigt mir und meinem Umfeld viel zu viel Kraft ab und vertieft ganz unnötig Konflikte, die sonst vielleicht, ohne meine Hypersensibilität, niemals entstanden wären.

Ich fordere oft Verständnis für meine Belange ein. Hier muß ich aber auch Verständnis für andere haben: mir würde es freilich gut tun, alles Heikle maximal nüchtern zu besprechen. Oft genug bin ich jedoch auch die Einzige, die dazu in der Lage ist. Weil ich muß. Den Rest der Welt muß ich, in seinen Grenzen, jedoch auch achten lernen.

Flüchtlinge /könnte ich mehr tun?

Gestern mit dem Kind Kleider gekauft, K1, ein eher schüchterner Teen. Also für mich, und vielleicht mehr als für NT-Mütter: mein eigenes Unbehagen wegstecken. Weniger weil es mich sensorisch überfordern würde, es ist eher ruhig bei uns, selbst an einem Vorweihnachtseinkauftag. Aber ich hab wenig Geduld für Herumsuchen, Stöbern, ich nehme lieber das Erstbeste. Meine Kinder sind genauso. Aber: dafür sorgen, daß Kind mit der Wahl nicht blöd auffällt, freundlich-unauffällig mit den Verkäufern etc.

Das ist manchmal schon Grund genug, ins Grübeln zu kommen, ob ich meine Sache „gut genug“ mache. Auch in handfeste Selbstzweifel.

In Sachen „Flüchtlinge“ schäme ich mich manchmal geradezu. Anders kann ich das Gefühl nicht benennen. Meine Haltung im Kopf ist sehr klar zu dem Thema. Ich lese Aufrufe zu Spendenaktionen, sehe Berichte von Helfenden. Und schäme mich selbst, weil ich nirgendwo davon Teil bin.

Mein Mann ist aktiv im Ort. Er ist im Helferkreis, das bedeutet für ihn zwei Abende in der Woche eine Aufgabe übernehmen, sich absprechen. Bei anderen Bekannten wird fast ein Halbtagsjob daraus: mit Fahrten, Umzugshilfe, Behördengängen.

Daneben ich, die die Flüchtenden nur vom Sehen auf der Strasse kennt. Innerlich voll Mitgefühl und Bangen, äußerlich nicht fähig, tatkräftig mitzuhelfen. Denn das würde mir alles abverlangen, was ich selbst nur mit Scheuklappentechnik oder gar nicht zuwege bringe: ständiger, wechselnder Kontakt mit Fremden, ständige Planänderung, Beziehungen eingehen, organisieren, Informationen einholen, Telefonate etc etc etc. Zusätzlich zu meinem Leben, das ich als Asperger mehr oder weniger am Limit führe. Ich war nahe dran, in den Helferkreis zu gehen, und bin in letzter Sekunde abgesprungen.

Seither schäme ich mich.

Andererseits, tue ich vielleicht doch mehr, als mir klar ist. Ich halte dem Mann den Rücken frei, jederzeit. Ich erkläre mich, ich diskutiere offen mit den Kindern. Ich versuche zu überzeugen, wo ich auf rechte Meinungen treffe oder Unwahrheiten verbreitet sehe.

Trotzdem bleibt, wenn nicht Scham (denn ich suche mir meine Ressourcen und Fähigkeiten nicht aus), dann Traurigkeit, daß ich schlicht nicht in der Lage bin, besser zu helfen.