Loslassen! LOSe lassen!! Los, Lassen!!!

Bitte den Sicherungsbügel vorsichtig lösen, bitte die Achterbahn erst verlassen, wenn sie zum Stand gekommen ist!

Puuh

Ferienbeginn, Schule beendet für eines der Kinder, Kinder unterwegs, bei Abschlußfeiern, sogar mit Freunden unterwegs, miteinander Essen gegangen, Besuch aus meiner Familie und etwas größer aufgekocht, dazwischen Streit, Missverständnisse, nicht miteinander reden können, dann umso länger miteinander reden, immer wieder nicht mehr wollen. Speziell gestern saß ich irgendwann da, Kraft weg, und wollte einfach nicht mehr aufstehen.

Nein, nicht mißverstehen, bitte. Ich weiß und wußte sehr wohl, das ist vorübergehend. Wie soll ich sagen, ich habe mir den Zustand zwischendrin „gegönnt“. Um mir klar zu werden, was mir jetzt eigentlich wichtig ist. So viele Kräfte zerren an mir, eine jede stelle ich mir vor wie ein Seil, das an mir festgebunden ist, und mein Auftrag, „loszulassen“, verlangt von mir, die Knoten nacheinander zu lösen. Das sagt sich so leicht, das höre ich in meiner Arbeit dauernd. Aber umgesetzt ist es schwer.

Jetzt ist die Achterbahn erst mal zum Ende gekommen, und ich hab auf der Fahrt nicht nur den Schrecken wahrgenommen, sondern auch noch einen Blick für die Überraschungen und den Spaß gehabt. Und ich hab mir den Blick für das Ziel bewahrt. So konnte ich die Scheißirrsinnsabfahrten zwischendrin mit offenen Augen an mir einfach vorbeigleiten lassen. Ohne mich daran absichern zu wollen, ob jemand anderes mich ok findet, oder ob wieder Frieden herrscht. Das war mein Loslassen. Danke an mich.

Und danke an meine Familie, dank euch sind wir alle einen ganzen Nachmittag zusammengesessen. Wir haben gelacht, Dinge mit Humor genommen, nervigere Dinge gelassen genommen, Tiergeschichten ausgetauscht, Erinnerungen ausgetauscht. Und am Ende war alles gut.

Und jetzt freue ich mich auf einen ruhigen Abend, nur noch machen, was ich will, und noch ein paar Arbeitstage , bevor es auch für mich in den Urlaub geht.

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Quickshot /Nicht ansprechen, bitte!

Die Frage kam auf, warum ein Autist freiwillig lieber alleine wohnen möchte, obwohl er in einer harmonischen Beziehung ist.

Ich kann das mittlerweile gut nachfühlen. Ganz früher, als Kind, und als Alleinstehende, war da nie ein Problem. Meine Eltern waren irgendwo, ich lebte einfach mein eigenes Ding. Und früher, vor meiner Autismusdiagnose, war da immer nur ein konstantes, ungutes Gefühl, das sich schon bei der Aussicht, längere nicht vorgeplante, also mit spontanen Inhalten zu füllende, Zeit mit jemandem verbringen zu müssen, in Panik verwandelte. Anlass, zu grübeln und fieberhaft zu sammeln, wie das gehen könnte, was man alles reden kann etc etc.. Panik, in einem ungünstigen Moment (heute weiss ich, in einem „unmaskierten“ Moment) blöd rüberzukommen, einen schlechten Eindruck zu machen und wieder mal jemanden zu enttäuschen.

In diesem früheren Beitrag hab ich versucht, mit Humor die Tücken zwischen NT und ND zu skizzieren. In einem späteren Beitrag hab ich dann nochmal ausgeführt, wie beengt ich meine momentane Lage empfinde. Autistisches Rückzugsbedürfnis, Mütterfalle und Berufstätigkeit koalieren miteinander und gegen mich. Sicher könnte man da noch ganz viele bunte Beispiele anführen, um diese Probleme plastisch zu machen.

Aber je älter ich werde, desto mehr habe ich das Bedürfnis, einfache Lösungen zu finden, statt komplizierte psychologische Theorien zu wälzen. Ich habe ein, zwei Tage beobachtet. Zur Zeit bin ich im Urlaub, es ist viel zu tun, viel zu erledigen, jeder Tag neu zu planen, und ich bin gestresster als in der Arbeit. Nichts Neues für Autisten. Ich bin aber auch viel dünnhäutiger als sonst, so daß mein (NT-)Mann schon irritiert ist. Ich fühle mich kritisiert, er möchte das gar nicht. Deswegen, und weil meine Kinder ähnlich empfindlich reagieren, denke ich mir folgende Gründe:

  • der Tagesablauf spielt für uns beide eine völlig andere Rolle. Ich folge fixen Plänen, weil es mir so leichter und sicherer fällt. (Ich bin nicht zwanghaft!). Mein Mann handelt nach Stimmung. Ich muss mir klarmachen, daß er seine Wahlfreiheit genießt, er muss sich klarmachen, dass ich spontane Angebote meide, weil mich die Umstellung Kraft kostet und nicht, weil ich die Angebote an sich doof finde.
  • manche Probleme löse ich unkonventionell, weil ich nach logischen Lösungen suche, und nicht danach, was man so macht. Und wenn diese Lösungen funktionieren, mag ich sie mir auch nicht ausreden lassen.
  • viel, das Meiste eigentlich läuft schief einfach aufgrund der unterschiedlichen Funktion, die Sprache für uns hat. Ich brauche Sprache kaum, um Kontakt aufrechtzuerhalten. Gesagt ist gesagt, reicht, basta. Mein Mann fragt oft nach, wiederholt, übertreibt oft, ohne das wirklich so krass zu meinen. Ich (und die Kinder) bin von seiner Sprache irritiert, fühle mich unterbrochen, gegängelt, kritisiert, statt das Interesse zu registrieren. Er fühlt sich von mir (uns) abgelehnt oder ignoriert, weil er nicht weiß, daß wir uns gegenseitig spüren und schätzen, auch ohne ein Wort zu wechseln.

Ich glaube, damit ist das meiste schon gesagt. Ich bin aufgrund meiner sehr späten Diagnose in mein jetziges Leben reingewachsen. Wären mir diese Dinge früher so bewußt gewesen, ich weiß nicht, ob es genauso gekommen wäre, oder ob ich jetzt allein wäre. Ich denke nicht, aber die Entscheidung wäre eine ganz andere gewesen, definitiv.

Gedankensplitter /Grün beruhigt

„Hörst du das? Das ist ein Amselkind, das ruft.“

„Die Spatzen schimpfen schon wieder.“

„Guck, da, vor dem Fenster, da ist der Salbei, hol mal bitte 5 Blätter!“

Ganz normal, nicht? Garten in der Kleinstadt halt. Hat man hier so mit ein paar Euro mehr.

Für mich ist es immer noch nicht normal. Deshalb hier, ganz offiziell, und hoffentlich hört er es auch: „Mein innigst geliebter Garten, ich liebe liebe liebe dich und brauche dich und schätze dich!“

So gar viele Euro hatten wir gar nicht, deswegen ist es ein kleinerer Garten, rundum von Nachbarn belagert. Wirklich allein oder unbeobachtet bin ich hier nie. Er reicht für Blumen, ein paar Kräuter, Salat und Tomaten. Er reicht für einen Stammplatz, an dem ich sitzen kann mit meinem Kaffee und einen nahen Blick auf die Bienen im Thymian habe. Er reicht auch für Überraschungen jedes Frühjahr, wenn die Pflanzen mir ihre über den Winter gefällten Entscheidungen mitteilen, wer neu hergezogen ist und wer umgezogen ist, und ich daraufhin meine Pläne ändere. Was ich gerne tue.

Mein Garten ist mein Luxus, ich bekomme von ihm seltene Düfte, Bioobst und Biogemüse. Er ist mein Entschleuniger, nirgendwo sonst genieße ich es, „achtsam“ rumzustehen und nur zu schauen. Erst in der Ruhe kann man sehen, was sich wirklich an unzähligen spannenden Kleinigkeiten zeigt. Es gibt jeden Tag Neues zu entdecken, wenn der Blick nur konzentriert genug ist. Oder die Nase, oder die Ohren. Für mich ist der Garten auch eine Art Kumpel, ich führe eine Art Dialog mit ihm. Wie zwei Handwerker an einer Baustelle, die debattieren, welches Werkzeug jetzt angebracht ist. Im Zweifelsfall setzt er sich durch…

Und er ist, und das fällt mir zur Zeit auf, ein Spiegel für Entwicklungen, die in flachen langsamen Wellen durch mein Leben ziehen. Als Kind und Jugendlicher war so ein Garten für mich fremd, das gehörte den bürgerlichen Eltern meiner „Freundinnen“. Nicht für mich. Symbol derer, die via ihrem Stückchen Grün und ihrer Bürgerlichkeit auch dazugehören. Sorry, wenn ich hier prekär wirke, aber es fällt mir jetzt im Nachhinein auf, wie ich tatsächlich in mehreren Ebenen „abgehängt“ war. Später hatte ich ein kleines gemietetes Stückchen und tat, mit einem geschenkten guten Standardwerk („Der Biogarten“), meine ersten Versuche. Glücklicherweise klappte alles recht schnell. Die Phase der Gestaltung mit Strukturpflanzen war kurz, der Flirt mit Kiesflächen blieb Imagination, und der Trend hin zu Bio und diversitätsfreundlich nimmt zu. Ich habe wirklich keine große Geduld und keinen grünen Daumen, aber was hilft, ist, daß ich das meiste an Gestaltung selbst entscheide und daß ich in Ruhe abwarten kann, was überhaupt funktioniert. Ich pflanze einfach nichts, was kompliziert zu pflegen ist, und nichts Exotisches. Dafür werde ich mit Reichtum belohnt, ja, ich nenne es so, ich empfinde es so. Der Erdrauch, der von alleine kommt, die Veilchen, die es sich im Rasen gemütlich machen, die Dutzenden Insekten darauf, für mich ist das kein ideeller, sondern reeller Reichtum. Natürlich habe ich jetzt auch jederzeit ein Gesprächsthema,  mit dem ich meine bürgerliche Zugehörigkeit demonstrieren kann und mich selbst mit meinen Erfolgen dekorieren.

Und nicht zuletzt, siehe oben – mein Garten und mein Leben mit ihm ist Teil dessen, was ich meinen Kindern weitergeben darf. Manchmal rollen sie die Augen, manchmal lächeln sie etwas über mich, manchmal kann ich sie beeindrucken. Aber immer wissen sie, ich möchte meinen Schatz mit ihnen teilen und ich möchte gerne, daß sie etwas „fürs Leben“ lernen.

Genau so kitschig und hochtrabend, wie es klingt.

Genau so meine ich es.

Quickshot /Kleiderwechsel

Seid ihr noch dabei, bei meiner soap opera namens Sportkurs? Den ich auf Twitter immer wieder mal erwähne? Was ihn auszeichnet, ist – er ist sportlich meine erste Wahl – aber er ist so aufgebaut, dass immer zwei Menschen sich eine Übungsstation teilen. Ich habe immer wieder erwähnt, dass ich mal wieder allein war, die Einzige, die alleine dort hingeht. Ich hab schlichtweg keine Freundin, die mich begleiten würde.

Und ich verrate euch noch was. Ich bin dort nie im Sportdress, so, wie es sich gehören würde. Ich bin dort die meiste Zeit im Tarnkleid. Jedes Militär würde mich darum beneiden. Könnte ich es meistbietend versteigern, wäre ich reich. Das sind die erträglichen Stunden. Der Rest der Zeit sind Stunden wie heute, an denen ich ein tiefschwarzes stinkendes Kleid trage. Stinkend, weil alle Menschen einen Bogen um mich machen. Ich kann im Augenwinkel sehen, wie sie nur so knapp an mir vorbeisehen, dass sie mit jemandem anderen einen wissenden Blick über mich teilen können. Tiefschwarz, weil das meiner Seele entspricht.

Das war zu meiner Schulzeit schon so. Aber jetzt bin ich erwachsen, ich bin in so vielen Situationen wirklich sozial kompetent. Aber dieses Stinkerbüßergewand, es wächst mir immer wieder von neuem.

Ich kann nur einen Scheinwerfer leuchten lassen, weil ich die Situation trotzdem auf mich nehme. Das hilft mir, wenigstens die kleinen Farbabweichungen zu erkennen, jemand, der mich wiedererkennt etc.. Und der Scheinwerfer kann auch darunter leuchten, dahin, wo mein Mut zu dem Ganzen sichtbar werden soll.

Ihr kriegt mich nicht los!!!

Quickshot /Deutsches Unbehagen (Achtung Spoiler)

Ich hatte gerade die ersten Worte mit ihr gewechselt, auf dem Spielplatz. Eine Mutter, die ich flüchtig vom Kindergarten kannte, und mit der ich hier zufällig zusammengekommen war. Ihr Sohn ist mit meinen Kids (Teens…) bis heute befreundet, und ich finde sie bis heute nett. Obwohl sie damals den Satz sagte „Und da hat er nicht gescheit mitgemacht, und natürlich habe ich ihn da verdroschen.“

Und da sind und waren noch so viele einzelne Szenen von Eltern und Kindern und Menschen, die nach dem Motto handeln „Bist du nicht für mich oder wie ich, dann bist du gegen mich“. Oder „Was ich nicht kenne, darf auch nicht sein, das muß weg“. Der viel zitierte Satz „Was sollen denn da die Leute sagen“ ist auch nur ein Euphemismus für „Die Gemeinschaft ist alles, nur der Konformismus rettet und schützt uns. Empathie? Auffallen? Gar aus der Reihe fallen? Um Himmels Willen!“. Ich hätte gerne, dass das nichts spezifisch deutsches ist, und diese Feindseligkeit gegen Andere, und damit die Feindseligkeit auch gegen seine eigenen, sozial unerwünschten, Anteile, gibt es ja auch überall. Aber hier wohl besonders? Vorgestern, in einem Artikel über Greta Thunberg, stand ihre Beschreibung, aus Deutschland kämen merklich gehässigere Botschaften als von anderswo.

Ich war im Kino, und danach fuhr ich nach Hause in dem bedrückenden Gefühl, in diesem Land nicht leben zu wollen. Also, Betonung auf: in diesem Land. Wenn es sich kalt, brutal und ablehnend verhält, wie es das jetzt oft der Fall ist.

Ich hatte „Der Fall Collini“ angesehen. Zuvor hatte ich diese Kritik gelesen: Kritik_SZ, die ziemlich überheblich daherkommt. „Nazis, gähn, schon wieder, M’Barek, hör doch auf, du kannst es nicht! Alles überkonstruiert.“ Glücklicherweise habe ich den Film trotzdem angesehen, ich war tief beeindruckt. Ich konnte mich sehr in die Hauptfigur, den jungen Anwalt, einfühlen, der als Berufsanfänger zum Pflichtverteidiger des Italieners Collini wird. Collini hat unzweifelhaft einen ehrbaren, wohlhabenden älteren Deutschen ermordet, kaltblütig. Und Collini ergibt sich ohne Wenn und Aber dem Urteil des Gerichts, so sehr, daß er nichts zu seiner Verteidigung beitragen will. Der Anwalt trägt den deutschen Namen Leinen, seine Mutter ist Türkin. Dass er mit dem Mordopfer und dessen Enkelin persönliche tiefgehende Verbindungen hat, ist für mich nur eine Chiffre dafür, was dieser Halbtürke an deutschen Beziehungen braucht, an Knowhow, Verbindungen, Protektion, um voranzukommen. Auch in seinem Status als Berufsanfänger braucht er das Wohlwollen der Honoratioren bei Gericht, die ihn interessiert beobachten, ihn belächeln und ihn in ihre inoffiziellen Deals einbinden wollen, als Preis dafür, ihn nicht zu mobben. Ich bin halb prekär und halb migrantisch aufgewachsen, studiert und jetzt in leitender Position, und was soll ich sagen, ich kenne das alles zur Genüge. Der Film war für mich eine Zeitreise. Gerade weil er langsam und intensiv in Szene gesetzt ist, gerade weil M’Barek sehr ruhig und überlegt agiert, konnte ich mich in ihn hineinversetzen, und ich war mittendrin, in seinem Ehrgeiz, seiner Unsicherheit, seiner Kompetenz, seiner Ungeschicklichkeit und am Ende in seiner Angst und seinem Mut, zu seiner Überzeugung zu stehen gegen das Establishment, das im Zweifel nur seine eigenen Interessen schützt. Am Ende dann eingestreute Szenen aus der Nazizeit. Der Befehlshaber befiehlt eine willkürliche Racheaktion, die Truppe brüllt ein beherztes „Ja!“ und fühlt sich wohl im Kollektiv. Unmenschlich, im Folgenden extrem unempathisch, grausam und für den kleinen Collini traumatisierend. Aber Kollektiv, das heißt Sicherheit, sich gegenseitig die wahre Haltung bestätigend, zusammen siegen, angenehme Selbstgerechtigkeit, und was will Deutschmann mehr?

Ich hab schon oft Naziszenen verfilmt gesehen oder gelesen, dennoch war ich wie vor den Kopf geschlagen. Das alles steckt in unserer Gesellschaft. Es ist hier offen gelebt worden. Spuren davon sind überall, wie Samenkörner einer aggressiven giftigen Pflanze. In der Erziehung, in den Erinnerungen, in den Ängsten. Ich ging aus dem Kino und wollte nicht in einem Land leben, in dem die Menschen Nazireste mit sich tragen und ausbrüten.

Das Glück und seine Schmiede

Und es begab sich zu der Zeit, daß sich soziale Events häuften und ich in kurzer Zeit mehr als ein halbes Dutzend Male irgendwo mit mehreren Menschen beim Essen saß, ganz unterschiedliche Runden saßen beieinander. Keine davon war unangenehm! Das letzte Treffen war sogar ausgesprochen schön. Ich komme nochmal darauf zu sprechen.

Einmal war ich allein mit den Kindern beim Essen. Wir sprachen über aktuelle und künftige Pläne, der Schulabschluß eines Kindes nähert sich rasant. Ich beantwortete Fragen, erzählte meine Erfahrungen, gab Ratschläge, akzeptierte Vorschläge, es wurde ernst, aber freundlich gesprochen, gewitzelt, ausgetauscht. Auf der Rückfahrt wurde mir wortwörtlich warm ums Herz, ich war stolz auf diese Kinder (jungen Erwachsenen), ich liebe und schätze sie. Wir saßen vertraut in diesem Auto und teilten Zufriedenheit… Ich dachte, wenn mein Leben irgendeinen Sinn ergeben sollte, dann, weil es gerade so ist, wie es ist. Ich habe offensichtlich mitgeholfen, daß meine Kinder wissen, wer sie sind und was sie können. Anders als ich bei meinen Eltern, vertrauen sie mir auch heikle Dinge an, bitten um etwas, das sie brauchen, und sie sagen mir klar, aber höflich, wenn sie Kritik an mir haben. Vertraulichkeit, Sicherheit, Geborgenheit, ich traue mich, diese drei Begriffe zu gebrauchen. Ich weiss, meine Kinder fühlen und zeigen Liebe, ich bin sehr, sehr dankbar und freue mich für sie.

Das ist mir sehr wichtig. Denn an mir selber merke ich, wie fragil es wird, wenn so ein Vertrauen in sich und die anderen nicht selbstverständlich ist.

Also, bei diesem letzten Treffen saß ich neben einem alten, guten Bekannten. Ich spüre, er hat Achtung vor mir, und er schätzt mich. Er schätzt mich, seit er mich kennt, und er sagt das auch. Bei diesem Treffen war ich froh, ihn zu sehen, fast ein bisschen schwärmerisch. Wir lachten viel, wir lachten uns an, fußelten sogar… Wäre ich keine doofe Autistin, traute ich mich zu schreiben: wir flirteten. Deshalb fand ich es erleichternd, unbefangen und schön, dieses Treffen, einfach nur schön, und wie kann ich Worte finden für dieses warme, freie Gefühl, einfach da sein zu dürfen und jemandem ein wertvolles Gegenüber zu sein?

Übrigens, falls ich den Flirtgedanken weiterspinnen sollte – er endet stets an dem Punkt, wo eine Beziehung beginnen könnte, aber nicht kann, denn ich beende den Beginn mit dem Satz „Mit mir kann keiner glücklich werden“. Ich meine das auch so.

In der folgenden Nacht ging ich im Geiste alle Personen durch, die ich so kenne. Bei wem fühle ich mich denn glücklich, oder wenigstens wohl, oder zumindest nicht von vornherein falsch? Ich kam auf: einige Kollegen, von jetzt und früher. Alte Freunde bzw. Bekannte, siehe oben. Meine autistische Familie, die anderswo wohnt. Meine Kinder, wenn ich mich selbst nicht damit überfordere, NT sein zu wollen (smalltalk halten oder so). Vereinzelt andere Verwandte. Wer nicht dazu zählt: alle hiesigen Nachbarn. Die Schwiegereltern, die hier wohnen. Die Frauen hier, die Frauen von Bekannten und gleichaltrigen Mütter – also diejenigen, die mein täglicher Umgang sein sollten. Hier ist Kleinstadt, es wird erwartet, Freundinnen zu haben, diese Freundinnen. Aber von diesen Frauen gibt es scheinbar genau eine, die mich anerkennt, mit dem Rest bin ich verbunden, wenn in Whatsapp etwas geschrieben wird. Ich habe keine Ahnung, was wie wer sich sonst verbindet und vernetzt. Ich sollte vielleicht bei Gelegenheit öfter mit dem Mann mitgehen, in Männerrunden fühle ich mich viel wohler.

Das ergibt die paradoxe Situation, daß ich mich im sog. Alltag meist ausgeschlossen und falsch fühle. Die Menschen, die mir guttun, treffe ich viel seltener, so daß ich natürlich auf den dummen Gedanken komme, daß sie mich nur mögen, weil sie mich nicht so oft sehen und ertragen müssen. Ich weiss selbst, es ist ein dummer Gedanke, und ich kann Abstand nehmen.

Naja, die Zeit vergeht, und irgendwann habe ich wieder mehr Freiheit, meine Freizeit zu gestalten und mir die Schmiede zu meinem Glück selbst auszusuchen.

 

Quickshot /Wildnis. Aber wo? Nach dem Volksbegehren

Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ für den Artenschutz, ist abgeschlossen, auch wir haben unterzeichnet. Ich freue mich sehr über das gute Ergebnis.

Es zwingt die bayerische Regierung dazu, irgendetwas zu unternhemen, irgendeinen Impuls in die gewünschte Richtung zu setzen.

Aber ich bin hier so so pessimistisch.

Weil ich hier wortwörtlich nur von Menschen umgeben bin (ein paar Freunde in den Dörfern rundum ausgenommen), die vielleicht unterzeichnet haben, aber denen der Naturschutz ansonsten egal ist. Oder das Konzept von Natur überhaupt?

Gestern nutzte ich das sonnige Wetter, um mich auf die Terrasse zu setzen. Ich wollte nur ein bisschen still dort sein, mich umsehen und hören, was sich so tut. Dass das Vogelgezwitscher nur zu hören war, wenn Schleifmaschinen und anderes Gerät in der Umgebung kurz aussetzten, ok, geschenkt. Was mir mehr zu denken gibt, ist die Philosophie aller Gärten hier. Gegenüber: Steinmauer, Steinterrassen, Rasen. Alle Nachbarn: Rasen plus gemulchter Strauchbereich. Alle russischen Nachbarn: Rasen, abgezählte Schmuckblumen, militärisch bewachte Gemüsebeete. Ein Kiesgarten mit Nadelbauminterieur. Ich verstehe das nicht. Da ist Freude nur über „schöne Gärten“, also nur über das, was so wächst, wie es im Katalog präsentiert wurde. Die Nachbarn freuen sich über Obst, das kein Vogel oder kein Käfer ergattern konnte, über Bienen, die süß brummeln, über Rosen und andere Blumen, die immer sofort ausgeschnitten werden, damit ja kein brauner Fleck da ist und die Pflanze dazu getrieben wird, gleich nachzublühen. Ich hab noch in keinem Gespräch mit ihnen gehört, dass es jemand schön findet, neue Pflanzen zu entdecken, herauszufinden, wie sich der Garten zum Tel selbst organisiert oder neue Insekten kennenzulernen. Oder es bereichernd findet, alles einfach neugierig wahrzunehmen. Das ist doch auch Umgang mit der Natur, oder nicht?

Bin nur ich so komisch, daß ich Tiere und Pflanzen als Lebewesen empfinde?

Naja, genug vor mich hingeschimpft. Die berühmten Blumenwiesen sind in meiner Nachbarschaft jedenfalls nicht zu erwarten, die Leute wollen schöne Gärten mit viel Kontrolle und wenig Überraschung. Also mein Fazit ist und bleibt, der Staat muß sich kümmern. Wenn nicht Regeln vorgegeben sind, sind die Menschen überfordert damit, durch ihr Verhalten etwas zu ändern.

„Du schaust immer so ernst!“

Originalzitat meine Schwiegermutter.

Löst bei mir aus: Wut und Augenrollen, und zwar sofort. Ja, denke ich, ja, Schwiegermutter. Ist doch nichts Neues. Ich schau immer so. Ich hab es noch geschafft, das scheinbar humorig aufzunehmen und am Tisch darüber abstimmen zu lassen, ob das eh so stimmt. Ich denke mir aber auch, liebe Schwiegermutter, bis zu unserer goldenen Hochzeit weißt du es dann, viellicht, obwohl, dann bist du ja nicht mehr, also BEEIL DICH mit dem Kapieren!!!

Löst bei mir auch aus: ich versteh sie ja. Anscheinend verunsichert sie mein Gesichtsausdruck wirklich, so daß sie sich jedesmal bei uns entschuldigt, da zu sein, und sich unerwünscht fühlt.

Und dahinter steckt aber so viel, was mir zu denken gibt. Ich bin jetzt locker in meiner zweiten Lebenshälfte angelangt. Ich hab, gestreckt mit Arbeit Kinderkriegen Arbeit Diagnose Arbeit, bis in die heutige Zeit gebraucht, Selbstbewußtsein zu bekommen und mich in meiner Haut wohl zu fühlen. Ich merke es daran, daß ich ganz allmählich lockerer werde. Ich singe manchmal spontan vor mich hin, fange an, rumzutänzeln, wenn ich auf etwas warten muss. In der Arbeit habe ich meinen festen Stand, in der Stadt habe ich langjährige, freundliche Kontakte. Das hilft mir, locker zu werden. Ich rede mehr und freier. Ich wirke nicht auf andere locker, siehe oben. Aber ich fühle mich selbst so, und das gibt mir Energie und auch den Spass daran, mich auszuprobieren. Oder Spass daran, mich zu bewegen, was mir bis vor zehn Jahren völlig absurd erschien.

Kurz gesagt, ich hab mich immer selbst für die todernste, steife, verknöcherte Person gehalten, als die ich angeschaut worden bin. Und komme jetzt dahinter, dass das nur meine angepasste, eher ängstliche Seite ist. In mir ist viel mehr Energie und Freude. Irgendwann ziemlich früh muss ein unseliger Kreislauf entstanden sein. Ich hab scheinbar auf niemanden reagiert, zumindest nicht für die anderen sichtbar, und die anderen haben dann auch nicht mehr auf mich reagiert. Was von mir sichtbar war, wurde achselzuckend zur Kenntnis genommen. Gelobt wurde es nicht, eingeladen wurde ich selten. Also blieb ich in meiner Sicherheitszone. „Wie bestellt und nicht abgeholt“, so lautet das Sprichwort bei uns, wenn jemand sinnfrei einfach irgendwo rundumsteht.

Ich hab so viel Zeit vertan, so viele Möglichkeiten dadurch verloren.

Aber mei, „was is, des is, was sei muaß, muaß sei!“

Vorsatz: Fairness

Ausnahmsweise, ein Vorsatz, für 2019 und darüberhinaus. Normalerweise wachsen meine Vorsätze langsam, bis sie reif sind, dieser fällt zufällig mit dem Jahreswechsel zusammen.

Fairness, von mir, für mich. x

Von meiner ausufernden Selbstkritik und dauernden Entschuldigerei, der „dunklen Seite“ auf die „helle Seite“ überwechseln. Weil es jetzt mal reicht.

Es gab Zeiten, da war ich erstaunt, wenn ich es mit irgendeinem Menschen den ganzen Tag lang ausgehalten habe. Es gab Zeiten, da versagte ich in den Praktika als Psychologin, wenn ich spontan einen Patienten etwas fragen sollte. Aber das ist jetzt mein Alltag. x

Beruflich rede ich mit Menschen. Dauernd, und verantwortlich, und ich muss spontan reagieren können, auf die verschiedensten Menschen, Patienten, Kollegen, Krankenkassen etc.. Offensichtlich kann ich das mittlerweile ganz gut. Das Bibelwort „Wer hat, dem wird gegeben“ trifft nicht nur die Begünstigten, die auch noch bevorteilt werden. Es trifft auch Menschen wie mich, die ihre Arbeit pflichtgemäß x und ohne weiteres Aufheben abliefern. Auch ihnen (mir) wird gegeben, nämlich noch mehr Arbeit.

Privat bin ich nie allein. Bevor wir unser Haus bauten, kam ich mit einer Arzthelferin darüber ins Gespräch. Ich merkte mir, was sie sagte: „Ja, bei euch wird es also wie überall, jeder hat sein Zimmer, nur die Mutter nicht!“. Ich kümmerte mich nicht weiter darum, aber erfasste wohl die Bedeutung trotzdem, denn ich merkte mir den Satz. Die Kinder waren da noch sehr klein, und selbstverständlich war ich immer mit ihnen befasst. Aber jetzt merke ich, was dieser Satz bedeutet. Mein Versuch, mir im Haus einen Rückzugsort zu schaffen, hielt keine zwei Wochen lang. Denn, s.o., kein Zimmer nur für mich. Ich bin immer ansprechbar. Ich bin immer unter Beobachtung, was ich mache, kann jederzeit jemand kommentieren. Meine autistischen Kinder sind 98% ihrer Zeit zuhause. Mein NT-Mann versteht sich nicht gut mit ihnen. Gespräche laufen meist über mich. Alle Streitgespräche zwischen Mann und Kindern landen hinterher bei mir, ich darf mir dann beide Seiten klagend anhören. x Ich hör mir ihre Spezialthemen an, ihre sich wiederholenden Fragen, die Sorgen des Mannes, und x toleriere, daß Kind1, wenn es im Zimmer ist, oft hin und her läuft, natürlich auch immer hinter meinem Rücken auftaucht. Ich halte aus, daß Kind2 alle fünfzehn Minuten in der Tür steht, reinguckt, zwei Sätze sagt und dann wieder geht.

Natürlich prägt mich das. Automatisch passe ich mich an; ich stückele meine Zeit, und ich muß mich für „größere“ Projekte, wie diesen Text, dazu zwingen, nicht im Vorhinein schon aufzugeben. Btw, die „x“ sind Störungen beim Schreiben.

Und jetzt ist es also höchste Zeit für mich, das auch als Arbeit anzuerkennen. Als eine Art von Höchstleistung. Für meine Sinne, die keine Stille bekommen. Für meine Konzentration, die immer wieder unterbochen wird. Tatsächlich, jetzt auch wieder x. Für meinen Selbstwert, der sich mit mir kleiner macht, wenn ich meine Bedürfnisse zurückschraube. Für meine psychische Ausgeglichenheit, wenn ich automatisch alle Schwingungen auffange und ausbalanciere.

Zeit also, mir das selbst richtig bewußt zu machen: mein Leben sieht ruhig und auch relativ ereignislos aus, aber was ich tatsächlich aushalte und dann auch noch immer wieder zu einer guten Lösung hinbiege, ist jede Menge. x

Was ich mache, braucht viel Kraft, x aber ich mache es gut. Hut ab vor mir selbst!

Ach Mutter …

 – die Angst nehmen – ein Kuss vor dem Einschlafen – Kuchen sonntags – das Leibgericht bekommen – Parfum – Umarmungen – ihr Gang, Bewegung, Silhouette, wenn sie das Licht löscht – Lachen – mitfühlende Tränen – stille, haltgebende Anwesenheit – ihre Worte, die einen Rahmen für das eigene Leben bilden –

In dem Buch*, das ich jetzt lese, sind alle diese Merkmale auf einer halben Seite Text aneinandergereiht. Es sind Beispiele dafür, wie und wodurch Menschen sich an ihre Mutter erinnern, was sie mit ihr verbinden. Ich verstehe sie als Beispiele für  Fürsorglichkeit oder Mütterlichkeit. Der Autor zählt sie auf, als er seine, geistig schon etwas verwirrte, Mutter besucht. Er kümmert sich um sie, um ihre Versorgung. Er beschließt, seine Familiengeschichte aufzuzeichnen, woraus sich dann der Roman entfaltet. Er betrauert den Verlust, der sich ankündigt, und genießt die Zweisamkeit und Vertrautheit, die jetzt zwischen ihnen existiert.

Als ich wiederum diese halbe Seite las, wurde ich mit einem Schlag ernüchtert, dann traurig, und ich pendele noch zwischen diesen Gefühlen hin und her.

Meine Mutter ist pflegebedürftig, sie ist dement, ich habe hier  beschrieben, wie es war, als ich sie eine Zeit bei mir beherbergt habe. Seither haben wir sie einige Male besucht, und immer ging es ihr gleich gut in ihrem neuen Heim. Erkannt hat sie uns wohl nicht ganz, aber wir konnten uns zusammensetzen und etwas Zeit verbringen. Mein Mann versteht nicht, warum ich sie nicht öfter besuche als alle paar Wochen, meine Schwiegermutter macht Vorwürfe. Meine Mutter habe mich großgezogen und sich gekümmert und hätte den Dank verdient, das gehöre sich schließlich so. Sicher, meine Unwilligkeit hat damit zu tun, daß jedes Mal ein Tag vom Wochenende drauf geht. Wohl auch damit, daß ich mit ihrer Demenz anders umgehe. Ich weiss ja, es geht ihr gut, und ich möchte sie nicht aus ihrem Rhythmus bringen.

Aber es sitzt tiefer. Als ich die Liste oben las, erkannte ich gar nichts wieder. Nichts. Ich kann mich gut an meine Kinderzeit erinnern: ich war in der Wohnung, in meinem Zimmer, gemeinsam vor dem Fernseher, es gab zu essen, meine Wäsche war gerichtet. Irgendwann wurde irgendetwas Oberflächliches gesprochen. Ich erinnere mich aber an nichts Persönliches zwischen uns. Meine Gefühle blieben bei mir. Kein Kuss, keine Aufmunterung, kein Bemühen, mir Sicherheit zu geben, kein Trost. Obwohl sie es sicher anders wollte. Sie war erschöpft, selbst unsicher in ihrem Leben, in einem fremden Land. Ich war ihr Kind, das ihr immer fremd geblieben ist, so fremd, wie ich mich heute noch fast überall fühle.

Gestern erst war ich auf einer Veranstaltung, zu der mein Mann und ich seit über zwanzig Jahren gehen, mit denselben Teilnehmern. Mir wurde erschrocken bewußt, wie wahnwitzig lange das schon ist, und wie unangemessen mein Empfinden, ich wäre in der Runde nur geduldet. Dabei muß ich in dieser Runde nur einen Millimeter aufmachen, dann spüre ich Vertrautheit und Interesse, ich kann in den Dialog gehen.

Mit meiner Mutter gab es keinen Dialog. Sie verstand mich nicht, und sie machte auch nie einen Versuch, näher an mich heranzukommen. Nicht mit Worten, nicht durch Fragen, nicht durch Interesse an meiner Welt, schon gar nicht durch Zärtlichkeit, sei es in der Berührung, sei es durch ein Anlächeln. Das Resultat daraus heute ist: Fremdheit. Eine Frau, die nett ist, die ich gut und schon lebenslang kenne, der ich aber nicht das Adjektiv „mütterlich“ zuordnen kann.

Manchmal blicke ich auf meine Kinder, die mal mehr, mal weniger mitteilsam sind. Ich habe nie eine Frage von ihnen verweigert. Ich frage vielleicht weniger oft bei ihnen nach, als gut wäre. Aber ich bin da, wir lachen viel, wir sprechen über alle möglichen Themen. Heute vormittag haben wir mehr miteinander geredet, als ich mit meiner Mutter in einem Jahr.

Ich habe Angst, dass es trotzdem nicht reicht. Ich möchte nicht, dass meine Kinder sich emotional allein fühlen.

Was bleibt, ist meiner Mutter gegenüber Pflichtbewußtsein und die Freude, ihr ab und zu etwas Gutes tun zu können. Weil irgendein Schicksal uns zusammengebunden hat, und für den Moment muss das als Motivation genügen.

*Christian Berkel, Der Apfelbaum