Quickshot /Die Damen sind allein zuhause.

Und es ergab sich, dass zwei Damen auf Twitter übereinkamen, dass sie beide heute allein, ohne Mann und Kinder, ihre Zeit für und mit sich allein verbringen können.

Witzigerweise kenne ich genau diese beiden Frauen persönlich, und ich gönne ihnen die Pause von Herzen.

Ich selbst habe an dieser Stelle hoffentlich schon öfter verdeutlicht, dass ich meine Kinder sehr liebe und schätze, trotz und auch wegen all der Menschen, die sie nicht verstehen und deshalb auch ablehnen. So viele sind das allerdings gar nicht.

Genau heute ging auch eine Meldung durch das Internet, von einer Mutter, die im erweiterten Suizid den autistischen Sohn und den Ehemann tötete. Horror. Es erzähle mir niemand, das habe ursächlich mit dem Autismus zu tun. Das hat mit der Persönlichkeit der Frau zu  tun und hätte sonst einen anderen Grund für die Tat haben können.

Ich selbst bin  zur Zeit einfach nur kindermüde. Ich muss auf meine Löffel achten. In der Arbeit ist Krankheitszeit, Urlaub dauert noch länger, es sind noch einige Wochen, die ich bei erhöhtem Tempo durchhalten muss. Und zuhause habe ich keinen Raum, mich wirklich auszuklinken. Ich hab es versucht, mit verschiedenen Manövern. Aber wie soll ich es sagen, ich bin gefordert, einfach nur da zu sein. Ansprechbar.

Eine Art menschlicher Leuchtturm.

Es geht selten darum, mit den Kindern Probleme zu lösen oder Hausaufgaben zu klären. Die spezielle Anstrengung, die direkt mit ihrem Autismus zusammenhängt, beginnt damit, dass sie immer zuhause sind. Immer. Und sehr selten kommt ein Freund, das bedeutet dann für mich eher noch etwas mehr Arbeit. Die Kinder haben sich gegenseitig als Kontaktpersonen, oder eben: mich. Und es ist eben nicht so, dass Autisten in ihrer eigenen Welt gefangen und an Kontakt uninteressiert sind. Sie suchen oft Kontakt, sie wollen Verbundenheit spüren. Jetzt, in den Ferien, kommt Langeweile dazu. Ich spüre bei den Kindern Alleinsein, das Bedürfnis nach Sicherheit. Wir unterhalten uns, oder besser, kommunizieren miteinander, auf unsere Weise. Für andere mag diese hölzern oder roboterhaft wirken, mir liegt diese Art des Umgangs. Aber er ist gleichwohl anstrengend. 20, 30mal am Tag der gleiche kurze verbale Austausch. Die gleichen Themen, ähnliche Scherze. Mit Kindern, die nicht immer von selbst sehen, wann ich gesprächsbereit bin oder wann ich von einem Thema genug habe. Die nicht merken, wenn es mich nervt, dass sie in mein Display reinlinsen. So wie jetzt, in dieser Sekunde… Die mir helfen wollen, aber mehr und geduldigere Anleitung dazu brauchen als andere Kinder, das verlangt sehr viel Geduld. Und Selbstkontrolle, wenn ich ärgerlich werde ob ihrer Umständlichkeit, denn das haben sie nicht verdient und damit können sie auch schlecht umgehen. Aber dabei sind es eben doch meine Kinder mit ihrer sozialen Unbeholfenheit, die meine Unterstützung brauchen.

Und die Anstrengung wird durch meinen Autismus noch grösser, denn ich muss vermitteln in die normale Welt, Vorbild sein, zeigen, wie es gehen könnte, und bin doch selbst angestrengt vom Tag und bräuchte Rückzug.

Was soll ich sagen, ich zähle die Tage und hoffe.

 

 

 

 

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Quickshot /Plötzlicher Schub

„So what“, sagte mein Leben. „So what, du willst doch nicht ernsthaft jetzt zum Plätzchenbacken übergehen oder anderweitig besinnlich werden. Hier, eine neue Challenge!“

Sprach, schnippte mit dem Finger und sandte mir übers Wochenende drei Nüsse zu Knacken.

Die erste Aufgabe hatte ich am meisten gescheut, und sie wurde schön und einfach. Ich ging in die Sprechstunde und traf die Lehrerin, die zufällig alle meine Kinder unterrichtet. Und mit deren Autismus gar kein Problem hat. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes und lächelte nur über kommunikative Hürden, weil sie den guten Willen und das Wissen dahinter wahrnimmt. Die Klasse sei lieb, die Kinder eine Bereicherung, und Kinder dürften sich entwickeln. Puuh… Ich: happy.

Nummer zwei war auch besser als erwartet. Ich war zur Autismusfachtagung, hörte Vorträge, traf bisher unbekannte Twitterer. (Als Zusammenfassung bitte https://autistenbloggen.wordpress.com/2017/11/13/2-autismus-fachtagung-in-rosenheim-12-11-17/ lesen, danke dafür). Am anstrengendsten daran erwies sich die lange Fahrt bei Regen. Nicht das lange Sitzen, nicht die vielen Menschen, nicht die sonst gefürchteten Pausen. Ich hatte schwer verdauliche Inhalte, eine steife Atmosphäre gefürchtet und komplizierte Interaktionen. Dass der persönliche Kontakt zu den mit-tweeties enttäuschend wäre. Ich fand: eine positive und konstruktive Stimmung. Experten, die ich am liebsten mit nach Hause genommen hätte. Differenzierende, Ressourcen betonende, wohlwollende Ansätze. Und Menschen, mit denen ich mich gleich wohlfühlte. Sowie das kostbare Gefühl, einfach ok zu sein.

Dafür wird die dritte Aufgabe unlösbar, jedenfalls kann ich nichts mehr beitragen. In Gegenwart meines Mannes übersah ich etwas, eine Einfachheit in seinen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich ihm nicht nur erzähle, dass ich anders ticke und das erste Mal, dass mein Verhalten nicht einfach mit zu wenig Anstrengung  erklärt wäre. Nein, es ist das erste Mal, dass ihm voll bewusst ist, dass ich anders bin, und fremd. Was daraus wird? Niemand weiss es, nur die Zeit. Ich kann nicht mehr erklären. Ich kann nur zusehen, wie meine bisherigen Erklärungen jetzt zu wirken beginnen. Und warten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quickshot /Ich hab dich vermisst

Zurück.

Ein Treffen mit alten Klassenkameraden. Es gab vorher schon Treffen, ich war erst jetzt eingeladen. Ich bin nach der Schule nie mehr an den Heimatort zurückgekehrt, und ich hatte nur sporadischen Kontakt zu wenigen, der sich bald aufhörte. Erst durch die sozialen Medien war ich wieder auffindbar.

Du warst nicht da. Niemand wußte, wo du abgeblieben bist. Seit der Schule nicht mehr. Nicht einmal Gerüchte gab es. Auf alten Klassenfotos warst du abgebildet, und manche lachten über dein Verhalten  so, wie sie dich damals wohl auch ausgelacht haben. Den meisten auf diesem Treffen warst du egal, und zwei oder drei wunderten sich mit mir und bedauerten deine Abwesenheit. Das Gespräch ging darüber, daß es doch angenehm gewesen sei, daß wir so unterschiedlich sein durften. Heute sei der Konformitätsdruck viel größer.

Ich hoffe nicht, daß das stimmt. Denn ich brauche für mch die Toleranz anderer Menschen für mein Anderssein. Ich selbst fühle mich auch viel wohler, wenn ich von unterschiedlichen Menschen umgeben bin. Ich habe herausgefunden, daß ich deshalb so gern in Großstädten bin: ich liebe die Vielfalt, und das man-selbst-sein-dürfen.

Bis ich zu diesem Treffen fuhr, habe ich auch kaum je über dich nachgedacht, du warst aus meinem Kosmos so  verschwunden wie alle anderen. Ich weiß nicht, ob du Autist bist. Ich denke aber doch, es spricht sehr viel dafür. Als ich losfuhr, fiel mir auf, wie sehr du meinem Sohn gleichst. So wie ich dich in Erinnerung habe, so still und unaufdringlich und doch sah man dir deinen inneren Reichtum an. Überall bist du im Hintergrund, du willst dabei sein – aber mehr Gemeinschaft gibt es nicht. Niemand interessiert sich für das, was du beizutragen hast. Und so konsequent, wie die anderen über dich hinweggesehen haben, so konsequent bist du dann deinen eigenen Weg gegangen, irgendwo, fernab. Ich wünschte, ich wäre nicht so mit meinen Problemen befasst gewesen, ich htte dich gerne besser gekannt. Denn sympathisiert habe ich mit dir, ich mochte dich.

Du hast einen Allerweltsnamen, leider. Ich würde dich sonst googlen, aber so habe ich keine Chance.

Schade.

Mögest du deinen Weg gefunden haben!

Quickshot /Dustin, nein Dust in the wind

Ok, das könnte jetzt kompliziert werden…

Neulich lief „Die Reifeprüfung“ im TV. Ich hatte den Film noch nie gesehen, das Thema sprach mich nicht an. Diesmal dachte ich, warum nicht, er wird so oft gelobt, ist doch vielleicht nett, den Soundtrack von Simon & Garfunkel im Original zu hören.

Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich schaltete nach 15 Minuten ab.

Ich hatte Dustin Hoffman früher als Rain Man gesehen, und die Art, wie der junge Ben in sein Zuhause weniger zurückkehrt, als -irrt, konnte ich nicht ertragen, weil sich in mir mein autistisches Gefühl vordrängte. Es erinnerte mich zu sehr an mich selbst, ich war vollkommen in diesem Gefühl. Das Gefühl, in einer Gesellschaft orientierungslos herumzuirren. Es funktioniert irgendwie, ich komme dahin, wo ich hin will und mache das, was nötig ist – Ben findet sich ja auch irgendwie zurecht – aber es ist alles so verwirrend.

Es schob sich ein anderer Film in meine Erinnerung, den ich neulich zufällig gesehen hatte: Lost in translation. Auch da identifizierte ich mich sofort mit dem Hauptdarsteller, Bill Murray. Auch er hat einen Ort, eine Aufgabe, er tut, was er zu tun hat und redet, mit wem er reden muss. Aber er findet keinen Bezug zu diesen Menschen, auch nicht zu seiner Frau, mit der er telefoniert. Die Kollegin, die Prostituierte, die Werbeleute – er steht daneben, beobachtet alles und findet keinen Sinn. Und wenn es einen Sinn haben sollte, ist er davon ausgeschlossen. So wie Ben zwischen den künstlichen Masken und seltsamen Spielchen der Haute volée um ihn herumläuft und nur weg will. Bill, immerhin, findet eine verwandte Seele, unverbindlich, auf Zeit.

Etwa so, wie ich vielleicht von Zeit zu Zeit froh bin, verwandte Seelen im Netz zu finden, wissend, das ist nicht wirklich ein Anker, und nicht mein Alltag.

Den Rest der Zeit (na gut, 95%) betrachte ich die Menschen (na gut, 95%) und ihre Rituale und rätsele: geht es ihnen gut mit ihren Masken? Den Anzügen, den Makeups, der Aufgedrehtheit, den Interaktionen, die nur bestimmten Zwecken dienen, den demonstrativen Gefühlen, die nicht von innen kommen, sondern etwas bezwecken sollen.

Geht es den Menschen gut so, in der völligen Anpassung?

Die Menschen würden antworten: aber ja doch, das ist doch gerade schön, etwas miteinander erleben. Genau das ist doch Gemeinschaft.

Und ich verstehe euch ja: ihr bietet mir eure Gemeinschaft an, und immer wieder verlasse ich euch. Scheinbar ohne Grund. Ich gelte als gutmütig und freundlich, und ihr könnt euch nicht erklären, woher mein Missmut und meine Ungeduld kommen.

Für euch scheinbar aus dem Nichts. Für mich daher, dass ich versuche, einen festen Platz zu finden, wo ich mich ansiedeln kann. In Wirklichkeit bin ich irgendwo und nirgendwo, wie Staub im Wind. Das seht ihr aber nicht und ich verstehe, warum ihr euer Interesse verliert an mir.

Man müßte einen Begriff finden für diese spezielle Melancholie und Verlorenheit. Mit Depression oder sozialer Phobie hat sie wenig zu tun.

Reizend

So eine Ehe zwischen Autist(in) und NT, noch dazu, wenn es autistische Kinder darin gibt, muß sich täglich mit dem Thema Gestaltung von Kontakten herumschlagen. Ich bin jedenfalls überzeugt, daß das nicht nur bei uns so ist.

In unserer Ehe bin naturgemäß immer wieder (aber glücklicherweise schon viel weniger als früher) ich diejenige, die zu mehr Kontakt aufgefordert wird. Mein Mann versteht bestimmte Belastungen nicht gut, aber er akzeptiert meine Entscheidungen.

Ich habe inzwischen ja selbst schon viel mehr verstanden, was mich belastet. Inhaltlich langweilen mich bestimmte Gespräche, ich habe Abneigungen gegen bestimmte Themen und Argumentationen und nicht gar so viel Durchhaltevermögen im Vortäuschen von Interesse. Augenkontakt und Stimmfrequenzen, die mich anstrengen und meine soziale Interpretation erschweren, ein Durcheinander von Geräuschen und optischen Reizen, das mich verwirrt und mir die Konzentration schwermacht. Die soziale Interpunktion fällt mir sehr schwer: wenn ich wenig Ressourcen habe, weil ich mit mehreren Personen zusammensitze oder einfach müde bin, spreche ich irgendwann gar nichts mehr, weil mir erstens nichts mehr einfällt, ich es zweitens nicht mehr schaffe, im richtigen Moment in die richtige Richtung zu sprechen. Neulich waren Bekannte da, sie konnten sich über eine Stunde nicht zum Aufbruch entschließen, weil ich als Gastgeberin verstummt war. Ich hätte ein Signal geben müssen, saß aber nur erschöpft da und hoffte, jemand würde sich endlich erbarmen, aufzustehen. Irgendwann passierte das auch.

Heute ist mir noch etwas anderes aufgefallen: ich sah aus dem Fenster und eine der Nachbarinnen arbeitete in Hot Pants und Top im Garten. Eine von zwei Frauen, die mir im Kontakt unangenehm sind, die ich vermeide. Mein Mann versteht das nicht, sie sind beide nett, ich versteh mich selbst nicht. Eifersucht ist es nicht. Aber heute beim Beobachten hatte ich sofort den Geruch von Sonnencreme und Schweiß in der Nase. Nicht nur das, ich verstand, daß meine komplette sinnliche Wahrnehmung sich verhält, als ob ich auf Tuchfühlung mit der Frau wäre. Dabei war sie 15 Meter entfernt und wandte mir den Rücken zu. Aber ich meinte, warme nasse Haut zu spüren, und hatte den Klang ihrer Stimme in meinem Ohr. Ihrer Stimme, die mich tatsächlich schmerzt, weil ich sie mit einem blenden hellen, scharf geschliffenen Stück Metall assoziiere.

Jetzt fiel mir ein, wie ich vor Jahren verwirrt war, weil ich in Umkleiden die Nähe unbekleideter Frauen unangenehm fand. Ich verstehe jetzt, daß das nichts mit Nachbarinnen oder Nacktsein zu tun hat, sondern schlicht mit meiner Reizwahrnehmung bzw. meinem Übermaß davon.

Spannend, das zu entdecken. Ich hatte das oft gelesen, aber merke erst jetzt bewußt, wie das bei mir läuft. Vorher hatte ich es wohl einfach durch Rückzug ausgeschalten.

Quickshot /Deutsch ist?

Essen in dem Gasthaus, das uns schon viele empfohlen haben. 

Deutsch ist wohl, wenn man reinkommt und erstmal etwas zurückschreckt vor der zwar modernisierten, aber immer noch erkennbar bauernstübelnden holzlastigen Einrichtung. Wenn die Blicke prüfend hochgehen und sozusagen per Voreinstellung eher auf Naserümpfen denn auf neutrales Begrüssen eingestellt sind, Begrüßungslächeln hin oder her. 

In der Familie am Tisch gegenüber haben sich eine stiernackige Mutter und ihre stiernackige Tochter samt Ehemann und Kindern im Vorschulalter versammelt. Keiner sieht zufrieden aus, aber man ist im Gasthaus, also gibt es Fleisch mit Fleisch (auf der Karte genau ein vegetarisches und kein veganes Gericht). Und man hat bezahlt, also wird aufgegessen. Wenn der Magen drückt, gibt es halt einen Schnaps hinterher. Die Kleinste lässt ein paar Löffel Eis stehen, das kommt nicht gut an. Der Vater bemüht sich, er möchte die Kleine steuern, vom Nebentisch fernhalten. Man erkennt, er will ruhig bleiben, fair, das Kind nicht beschämen. Der Rest der Familie wirkt lieblos. Nicht ruhig oder unbeteiligt. Sondern lieblos, und wiederum sieht man untereinander eher warnende und strafende, als liebevolle oder auch nur aufmunternde Blicke.

Später werden sie den Nachbarn erzählen, es wäre schön gewesen im Gasthaus, ordentlich, gute und preiswerte Küche. Wirklich ein nettes Lokal.

Ich frage mich aber, ob nur ich immer diesen Eindruck habe: deutsch sein heisst, nicht vor dem (eigenen) Teller zu sitzen, mit Blick rundum. Sondern im Teller, in der eigenen Angst, umkreist von Konventionen und von “was alle machen, war noch nie falsch“, mit Blick nur bis zum sprichwörtlichen Tellerrand…

Quickshot /A Drum Fotz’n

Vormittag. Jemand aus der älteren Generation war zu Gast. Gartenarbeit war zu tun. K2 wäre an der Reihe gewesen, mitzuhelfen, wollte aber nicht. Wir hatten versäumt, ihn gestern daran zu erinnern, und wir wußten, von jetzt auf gleich würden wir ihn nicht dazu bringen. Natürlich hatten wir an dieser Stelle schon oft einen Kampf angezettelt, aber jetzt sahen wir uns nur an und rollten mit den Augen.

Da fiel er, der beliebte Satz bei Jung und, vor allem, bei Alt: „A Drum Fotz’n kann er hab’n!“ Der Mensch aus der älteren Generation legte los:“Ihr müsst ja selbst wissen, wie ihr eure Kinder erzieht, aber bei mir hätte es das nicht gegeben! Ich hätte ihn gezwungen. Man braucht die Arbeit, also muss er. Sonst kriegt er von euch auch nicht, was er braucht! Basta!“

Ja, an dieser Stelle könnte man einiges einfügen, um den Ärger zu mildern: daß genau dieser Mensch sich selbst schönredet, daß die Arbeit jetzt nicht so ganz dringend und unausweichlich war, daß besagter Mensch das Wort Autist kennt, aber nicht weiß, was das bedeutet: Widerstand, im Garten und unter den Augen der Nachbarn zu arbeiten. Schwierigkeiten, sich innerhalb von Minuten auf eine neue völlig unübliche Beschäftigung einzulassen. Unbeholfenheit mit so einer Arbeit, bei aller sonstigen Intelligenz, und damit Angst, sich zu blamieren.

Aber die autistische Perspektive ist hier gar nicht das Thema, auch aus anderen Gründen hätten wir auf den Zwang verzichten können.

Was mich anwidert, ist die Weigerung oder das Unvermögen dieses und vieler Menschen, anderer Leute Gefühle und Meinungen zu respektieren. Ober sticht Unter, differenzierter wird es nicht.

Sind wir im Krieg hängengeblieben? Kampf jeder gegen jeden? Kinder muß man maßregeln, sonst werden sie Terroristen? Maßregeln im Sinne von: sie haben nichts zu sagen? Alles wird gleich behandelt: selbst inkonsequent sein mit sich, aber dann so tun, als ob das kleinste Entgegenkommen schlimme Katastrophen bewirkt. Menschen, die nur danach als gut oder schlecht beurteilt werden, ob sie gehorchen, arbeiten, nicht aus der Reihe tanzen – davon hatten wir doch schon genug…

Was mich besonders anwidert: dieser hartnäckige Hang, Hilfe, Schutz und Zuwendung nur gegen Wohlgefallen und Gehorsam anzubieten. Nicht aus Menschlichkeit. Ist das typisch deutsch oder gibt es das auch anderswo?

Mach, was ich sag, sei still, oder es gibt Saures!

Halts Maul, werd nicht frech, sonst kannst du sehen, wo du bleibst.

Wenn du meinst, du weißt es besser, brauch ich mit dir nicht mehr reden. Geh mir aus den Augen!

Wer bei uns bleiben will, soll sich gefälligst anpassen.

Der kann froh sein, daß er was zu essen kriegt, wenn er aufmuckt, kann er ja wieder zurück, wo er herkam.

Widerlich.

Quickshot /Nichts gewußt

Es geht rund in den sozialen Medien: täglich kommen dutzendfach Appelle bei mir an, Erinnerungen, Warnungen. Alle beziehen sich auf politische Gefahren. In meiner TL hundertfach Voraussagen, die Situation werde sich in Deutschland, anderswo in Europa, und jetzt auch !!! in den USA, zwangsläufig in Richtung Faschismus bewegen. Parallelen werden gezogen, Dokumente verbreitet, Zeitzeugen herangezogen.

Über  all dem liegt der Appell: „Jetzt hinschauen! Nie wieder soll eine Generation sagen können, sie habe nichts gewußt!„.

Ich habe mir im Schnelldurchlauf überlegt, ob ich irgendwo in meinem Leben schon einmal mit dieser Behauptung konfrontiert war. Ob Verwandte, Bekannte,  auch Patienten mich je bekümmert angesehen haben und mir erklärt haben, sie hätten im 3.Reich leider nichts wirklich mitbekommen.

Das erste, was mir einfällt, sind meine Kinder zu Besuch bei sehr alten Verwandten. Sie haben eben rausgefunden, daß ihr Großvater im Weltkrieg gekämpft hat und interniert war, und sie fragen ihn aufgeregt und ohne Scheu aus. Er antwortet auch ohne Scheu.

Kurze Sequenzen, als das Gespräch mit älteren Verwandten auf die Nazis kommt, weil (damals) die Republikaner durchstarteten oder es (heute) um Flüchtlinge geht.

Dann fallen mir viele einzelne Begegnungen mit den Personen ein, die mir in meinem Arbeitsleben ihre Erinnerungen erzählt haben. Sporadisch und kurz früher, im Altersheim, häufiger und ausführlich in den letzten Jahren, wenn alte Patienten mit mir als Psychotherapeutin ihre Lebensgeschichte Revue passieren ließen.

Was ich nie gehört habe, war eben dieser Satz: „Ich/wir habe(n) von nichts gewußt.“

Was fast immer der Fall war: die Menschen erzählten mehr oder weniger freimütig und offen über ihr eigenes Leben. Sie kamen auch immer auf die Sache „mit den Juden“ zu sprechen. Nur wurden ihre Berichte immer einsilbiger und diffuser, je mehr es um die Vernichtungspolitik ging. Sicher, weil das meist Dinge waren, die sie selbst nur gehört hatten und nicht selbst erlebt. Auch sehr wahrscheinlich: weil diese ganze Gesellschaft noch nicht gelernt hat, über den Rassen- und Vernichtungswahn zu sprechen. Die dazugehörigen Taten direkt zu benennen, und die eigene Beteiligung noch dazu. Sie hat es nicht gelernt, Entnazifizierung und Demokratisierung zum Trotz. Nein: die meisten Menschen wissen hier gar nicht, wie das geht, daß es überhaupt geht, über Dinge zu sprechen, die wehtun, die Horror auslösen, und die einen verletzlich und angreifbar machen. Man versuche, mit einem beliebigen älteren Mann über etwas zu sprechen, was er falsch macht: Hölle! Vorwurf! Gegenschlag! Man versuche, Schmerz und Trauer in ein „normales“ Gespräch zu holen: Flutsch, weg, schnell zum nächstbesten Allgemeinplatz gesprungen.

Was ich daher in Gesprächen über Deutschlands Vergangenheit immer erlebte: einen ganz bestimmten, bedrückten und beschämten Gesichtsausdruck. Ein Gesicht fällt buchstäblich in sich zusammen, in die Ausdruckslosigkeit, die Mundwinkel zittern zaghaft. Die Stimme, die sagt „als sie die Wohnung des Juden geleert haben“, ist vernuschelt, leise, und bedeutet: „Darüber sprechen wir jetzt aber nicht wirklich weiter!“. Die Augen gucken nicht direkt zu Boden, sie gucken gleichzeitig zur Seite. Stille. Schweres Atmen. Entkommen wollen, in ein anderes Thema.

Und eben diesen Gesichtsausdruck und diese Art, zu verstimmen, finde ich oft, wenn Menschen Ungerechtes oder Peinigendes angetan wird. Sei es, jemand erzählt, wie er Zeuge  von einem aktuellen Mobbing wurde, sei es etwas Schlimmeres, sei es „nur“, daß man erzählt bekommt, wie ein Kind geschlagen oder runtergeputzt wurde. Oft dieses Wegsehen wollen, nicht darüber sprechen können. Weg kommen die Menschen dann oft mit der Bemerkung: die Beteiligten werden schon selber wissen, sie müssen sich selbst kümmern. Oder jemand anders muss sich kümmern. Irgendwer, nur nicht der, der gerade erzählt. Privat ist privat.

So erlebe ich es oft.

Aber: nicht immer! Bei weitem nicht. Das gibt mir Hoffnung. Und damit habe ich zwar hier ausführlich erklärt, daß meiner Erfahrung nach das Bekenntnis „Wir haben nichts gewußt!“ eher selten ist. Der Folgerung „Seht hin! Augen auf, Ohren auf, Mund auf, so oft ihr könnt!“ schließe ich mich dagegen voll und ganz an.

Quickshot /Kleines Lob , nur leicht vergiftet

Herzlichen Glückwunsch, Herr Trump! Sie haben Ihr Ziel erreicht! Toll haben Sie das gemacht, fantastisch! GREAT!

Nie sah die Welt einen amerikanischen Präsidenten, der es ernster meinte und seine Aufgabe entschlossener anging als sie.

Nie sah die Welt einen furchtloseren amerikanischen Präsidenten.

Sie haben es wahrlich allen gezeigt! Sie haben gezeigt, daß ein handlungsfähiger Mann jederzeit tun kann, was getan werden muß. Und Sie haben gezeigt, daß dieser Mann nicht auf Bestätigung warten muß. Was richtig ist, ist richtig. Nicht wahr?!?

Jeder auf dieser und auf den künftigen Welten weiß jetzt: Ja! Donald Trump meint es ernst! Er ist kein Schwächling und kein Weichei, er ist der Größte. Der Beste. Der Anbetungswürdigste.

ER KANN ES!!!

Sie brauchen niemandem mehr etwas beweisen, niemals mehr…

Jetzt können Sie zufrieden abtreten. Den restlichen Kleinkram können die erledigen, die dafür geschaffen wurden. Früher oder später wird ein Idiot sowieso ihr wunderbares Werk beschädigen, so ist die Welt. Aber jetzt gerade strahlt es so schön.

Lehnen Sie Sich zufrieden zurück und betrachten Sie es.

Ihnen wird der Nachruhm auf ewig bleiben. Und die Möglichkeit, sich zu Dagobert Trump, dem reichsten Ent…äh Mann der Welt weiterzuentwickeln. Wir sind schon sehr gespannt darauf, ob Sie das wohl auch hinbekommen? Einmal on top der Forbes-Liste? Das wird kein Zuckerschlecken, das wird ein harter, harter Job – aber hey, wer soll das schaffen, wenn nicht SIE?

 

Quickshot /Asynchron

Feiertage und viel Zeit mit den eigenen neurodiversen Kindern, und gratis der Vergleich zu anderen, sogenannten neurotypischen Kindern. Und ich finde so wenige Klischees bestätigt.

Sicher stelle ich viele autistentypische Eigenheiten fest, die ich mit Leichtigkeit den diagnostischen Kriterien oder anderen Erfahrungsberichten zuordnen kann. Auf der anderen Seite  treffen Klischees und Vermutungen, die aus neurotypischer Perspektive aus diesen Eigenheiten gefolgert werden, einfach nicht zu. Autistische Kinder haben wie alle Menschen ein Bedürfnis nach Kontakt, sie müssen irgendwo zugehören, einen Platz unter Menschen haben. Sie lieben, sie brauchen Liebe, Anerkennung, Spiegelung. Sie wollen sich behaupten. Zeigen dürfen, was sie können. Dinge teilen. Miteinander lachen. Sie wollen integriert sein als Person und ihre persönliche Integrität und Individualität trotzdem aufrechterhalten. Sie brauchen Platz, sich weiter zu entwickeln. Sie brauchen Grenzen und Schutz und dann wieder Freiheit, zu wachsen.

Sie wollen genauso erwachsen werden wie andere Kinder auch. Entwicklung vollzieht sich ja nicht nur in zunehmenden Fähigkeiten, sondern in Ablösewellen auf dem Weg zur Autonomie, oder anders: darin, die Fähigkeiten auszubauen, die zur Bewältigung der sog. Entwicklungsaufgaben gebraucht werden, die auf alle gleichermaßen warten.

Meine Kinder haben spät und asynchron sprechen gelernt, aber natürlich wollen sie sprechen und kommunizieren. Einkaufen und mit dem eigenen Geld planen können läuft atypisch, aber das Ziel, Herr über die eigenen Dinge und Mittel zu sein, steht außer Frage. Mein Jüngster konnte seine Kita-Freunde kaum unterscheiden, aber was für ein stolzes Lächeln er am ersten Schultag aufsetzte! Sie treffen ihre Entscheidungen viel rationaler und problemloser als andere Kinder, „Zicken“ gibt es kaum, aber sie machen auch Fehler, und wollen daraus für sich lernen. Sie können kühler und logischer als mancher Anwalt eine langwierige Argumentation aufbauen, und dann wieder raufen und recht behalten wollen. Als die Kinder klein waren, kam es mir vor, ich müsse sie wie Jugendliche behandeln, jetzt kuscheln sie manchmal wie kleine Kinder: zeitlich irgendwie verdreht, aber beides muss sein irgendwann.

Entwicklungsstörungen im diagnostischen Sinne beschreiben nur im Querschnitt eine Abweichung vom typischen Querschnitt. Und jetzt muß ich etwas hier granteln, und wahrscheinlich gibt es alles, was ich hier schreibe, schon lang irgendwo fixiert, aber trotzdem.

Fehlt nicht so etwas wie eine Entwicklungspsychologie, die die autistische Entwicklung von innen heraus beschreibt? Nicht als „Entwicklungsstörung“, wie in ICD und DSM. Das ist ja immer aus Sicht der Neurotypischen, immer in Abgrenzung dazu, und damit immer defizitär. Sondern eine Beschreibung aus einer inneren Logik heraus, aus dem Schnittpunkt zwischen allgemeinmenschlichen Bedürfnissen und spezifischen Bedingungen?