Reizend

So eine Ehe zwischen Autist(in) und NT, noch dazu, wenn es autistische Kinder darin gibt, muß sich täglich mit dem Thema Gestaltung von Kontakten herumschlagen. Ich bin jedenfalls überzeugt, daß das nicht nur bei uns so ist.

In unserer Ehe bin naturgemäß immer wieder (aber glücklicherweise schon viel weniger als früher) ich diejenige, die zu mehr Kontakt aufgefordert wird. Mein Mann versteht bestimmte Belastungen nicht gut, aber er akzeptiert meine Entscheidungen.

Ich habe inzwischen ja selbst schon viel mehr verstanden, was mich belastet. Inhaltlich langweilen mich bestimmte Gespräche, ich habe Abneigungen gegen bestimmte Themen und Argumentationen und nicht gar so viel Durchhaltevermögen im Vortäuschen von Interesse. Augenkontakt und Stimmfrequenzen, die mich anstrengen und meine soziale Interpretation erschweren, ein Durcheinander von Geräuschen und optischen Reizen, das mich verwirrt und mir die Konzentration schwermacht. Die soziale Interpunktion fällt mir sehr schwer: wenn ich wenig Ressourcen habe, weil ich mit mehreren Personen zusammensitze oder einfach müde bin, spreche ich irgendwann gar nichts mehr, weil mir erstens nichts mehr einfällt, ich es zweitens nicht mehr schaffe, im richtigen Moment in die richtige Richtung zu sprechen. Neulich waren Bekannte da, sie konnten sich über eine Stunde nicht zum Aufbruch entschließen, weil ich als Gastgeberin verstummt war. Ich hätte ein Signal geben müssen, saß aber nur erschöpft da und hoffte, jemand würde sich endlich erbarmen, aufzustehen. Irgendwann passierte das auch.

Heute ist mir noch etwas anderes aufgefallen: ich sah aus dem Fenster und eine der Nachbarinnen arbeitete in Hot Pants und Top im Garten. Eine von zwei Frauen, die mir im Kontakt unangenehm sind, die ich vermeide. Mein Mann versteht das nicht, sie sind beide nett, ich versteh mich selbst nicht. Eifersucht ist es nicht. Aber heute beim Beobachten hatte ich sofort den Geruch von Sonnencreme und Schweiß in der Nase. Nicht nur das, ich verstand, daß meine komplette sinnliche Wahrnehmung sich verhält, als ob ich auf Tuchfühlung mit der Frau wäre. Dabei war sie 15 Meter entfernt und wandte mir den Rücken zu. Aber ich meinte, warme nasse Haut zu spüren, und hatte den Klang ihrer Stimme in meinem Ohr. Ihrer Stimme, die mich tatsächlich schmerzt, weil ich sie mit einem blenden hellen, scharf geschliffenen Stück Metall assoziiere.

Jetzt fiel mir ein, wie ich vor Jahren verwirrt war, weil ich in Umkleiden die Nähe unbekleideter Frauen unangenehm fand. Ich verstehe jetzt, daß das nichts mit Nachbarinnen oder Nacktsein zu tun hat, sondern schlicht mit meiner Reizwahrnehmung bzw. meinem Übermaß davon.

Spannend, das zu entdecken. Ich hatte das oft gelesen, aber merke erst jetzt bewußt, wie das bei mir läuft. Vorher hatte ich es wohl einfach durch Rückzug ausgeschalten.

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Quickshot /Angst und Autismus

„Morgen“ sagt mein Mann. „Morgen fahr ich nicht mehr mit in der Gondel. Einmal reicht. Du weißt, ich krieg da echt Panik.“

„Ja“ sag ich. „Passt schon. Aber schade, du verpasst bestimmt was. Du bist doch bis jetzt trotzdem klargekommen?“

„Ja, aber wie. Wenn wir da abstürzen! Man kann dann nichts machen!“

„Das ist doch mehr als unwahrscheinlich! Dann kann ich mich auch nicht ins Auto setzen, um dorthin zu fahren. Da passiert viel leichter was!“

„Aber trotzdem. Die Höhe! Macht dir das nichts?“

 

Hm. Macht mir das was?

 

Was ich meinem Mann dann erklärte, ist etwa dieses: ich habe in der Gondel auch Beklemmungen, und manchmal kenne ich auch Höhenangst. Aber ich verarbeite scheinbar Angstanlässe anders, auf mehreren Ebenen.

In der Gondel ist mir schon auch mulmig. Diese Angst ist da, kommt aber nicht wirklich groß raus. Dazu bin ich nämlich dann doch zu rational eingestellt. Ich kann mich ganz gut in der Weise zur Ordnung rufen, daß ich mir klarmache, ob die Angst sachlich gerechtfertigt ist. Wenn nicht, kann ich sie ganz gut ignorieren.

So und so sieht man mir Angst (wie alle Gefühle) kaum an, und ich nehme an, dann wird sie von außen auch nicht so verstärkt.

Und vielleicht bin ich auch – im Vergleich vielleicht zu meinem Mann und anderen „Neurotypischen“ – irgendwie geübter darin, mit Angst umzugehen. Im normalen Alltag jedenfalls.

Sie begleitet mich ja sehr sehr oft. Ich bin von klein auf im Alltag mit unerklärlichen Situationen und für mich unlösbaren Aufgaben kofrontiert gewesen. Situationen, die jeder andere als harmlos ansieht (weswegen mir Hilfe verwehrt blieb). Letzte Woche fuhr ich z.B. ein paar Teenager in die nächstgrößere Stadt, der Weg mir unbekannt. Oder bestimmte soziale Interaktionen. Diese Dinge können wirklich mit einer reellen Wahrscheinlichkeit für mich negativ ausgehen: ich habe Grund, ängstlich zu sein. Trotzdem muß ich mich dem stellen, immer wieder, wenn ich halbwegs „normal“ leben will. So ist Angstbewältigung mir zum Alltag geworden, sie ist nichts Besonderes mehr. Ich bin es gewohnt, meine Ängste beiseite zu stellen und zu hoffen, daß schon nicht zu viel schiefgeht. Panik im großen Stil kenne ich nicht. Eher schon Erschöpfung, wenn es eine Zeit zu anstrengend war, und ich mich dann eine Weile mehr zurückziehen will und muss.

Die Gondelfahrt übrigens war super und hat sich sehr gelohnt, und auch die zugehörige komplizierte Buchung an drei Schaltern hab ich hinbekommen 😉

Gedankensplitter /Die Frau des Kollegen

Ja, lieber Kollege, nun hast du uns deine Frau vorgestellt, sie wird jetzt im Haus mitarbeiten. Eine sehr hübsche Frau, elegant und damenhaft. Sicher bist du stolz auf sie. Das zeigst du bei dem Anlass natürlich nicht, keiner von euch beiden zeigt seine Zuneigung offen. Kaum, daß ihr euch anseht. Dazu seid ihr zu professionell. Ich muß schon genau hinsehen, um deine Nervosität und dein Mit-ihr-mitzittern zu ahnen. Nicht, daß es mich viel anginge. Ich hab mit dir selten zu tun, meist nur mittelbar. Mit deiner Frau werde ich gar nicht zusammenarbeiten. Alles bestens. Ich bin nur seltsam traurig. Ich dachte, wir wären im selben Bild, dabei sehe ich euch nur im Spiegel. Ich bin nicht im Spiegelbild. Vampire müssen sich auch so fühlen.

Kein Liebeskummer.

Logisch, ich bin ja auch nicht in dich verliebt. Außerdem, Liebeskummer würde ich sehr genau kennen. Hatte ich schon mal, vor vielen Jahren, bei einem anderen Kollegen.

Nein, kein Liebeskummer, wie er seit Menschengedenken Lieder, Bücher und Herzen füllt, und die Macht hat, Kriege und Dramen aller Art zu entfachen. Keine Sorge, mein Lieber, das bleibt dir erspart.

Du wirst von meinem Empfinden gar nichts merken, es wird an dir vollkommen vorbeigehen. Denn dieses mein Gefühl ist zu leise und zu sachte, und zu unwichtig im täglich zu ordnenden Chaos, um sich damit zu befassen.

Wie es überhaupt und eigentlich bemerkenswert ist, wie oft mir Sätze wie diese durch den Kopf gehen: Keine Sorge, ich werde dich nicht weiter behelligen. Dich nicht belästigen. Ich werde ab jetzt aus deinem Blickfeld verschwunden sein. Nur keine Sorge.

Liebe Freundin, die du mich jetzt wieder angesprochen hast. Vor Jahren hab ich meine Besuche bei dir eingestellt. Du hast es nicht verstanden. Ich konnte es dir nicht erklären. Ich wollte dich nicht auf mich verpflichten. Du warst Teil meiner Routinen, meines sicheren Alltags – ich wußte plötzlich nicht mehr, ob das für dich ein Zwang ist. Du findest es schade, sagst du mir. Danke dafür. Vielleicht drehen wir das Rad ja wirklich wieder ein wenig zurück. Ich würde mich sehr freuen, ich habe dich auch schon vermisst.

Tja, und du? Mein Bekannter, der bis jetzt noch weder zum guten noch zum alten Bekannten geworden ist? Nach den ersten kleinen Schritten stehe ich plötzlich vor einer Wand. Die Wand ist aus Glas, und dahinter bist du, seid ihr. Manchmal scheinst du mich zu sehen, meistens nicht. Wie das kam? Du könntest es mir wohl erklären, du wirst es nicht. Denn: du willst nicht behelligt werden.

Und, wie gesagt: keine Sorge, du wirst es auch nicht.

„Krisis“ …

… laut Wikipedia aus dem Altgriechischen, in der Konnotation von „Bedeutung“, „Entscheidung“, „Wendepunkt“. So hab ich es in der Schule gelernt: am Beispiel der Krise im Theaterstück, die die entscheidende Wendung einleitet, mag sie ins Positive oder ins Negative führen.

Mein früherer Oberarzt, der mir damals im privaten Kontext auf meine angedeuteten Probleme antwortete: Krisen sind dazu da, durchgestanden zu werden. Damals begann ich erst, ihn zu verstehen. Ich war noch sehr darauf fixiert, daß eine Krise in jedem Fall etwas Belastendes und deshalb auch Schlimmes ist. Ich war enttäuscht über seine nüchterne Antwort und erwartete eher Aufmunterung und Bestätigung. War aber trotzdem beeindruckt und dankbar und spürte, er hat Recht, irgendwo.

Ganze Psychologierichtungen operieren auf der basalen Vorstellung, daß eine Krise, ein schwerer Konflikt oder eine Erkrankung zugleich eine Entwicklungsaufgabe beinhalten. Die Chance, jetzt etwas zu lernen, wenn auch im Schmerz, was einem gleichzeitig eine neue und stabilere Basis bietet. Eigentlich passiert das in den meisten Psychotherapien, ohne echte innere Not verändert sich kaum jemand. Und oft entsteht in einer Therapie ein „kritisches“ Gefühl, etwas wie: „Ohoh hoffentlich geht das noch gut“  – die Angst ist enorm hoch – und genau dann passieren wunderbare Wendungen.

Ja, und Gleiches hat mich die letzte Woche in Spannung gehalten. Weiß Gott oder der Teufel oder das Universum, wie ich noch schlafen und mich aufrecht halten konnte. Die Familie war am Zersplittern. An einem Tag dann waren wir alle überzeugt, es nicht mehr miteinander lösen zu können. Der Mann vollkommen am Ende seines Lateins mit unseren Aspergerkindern. Ich am Ende aller Vermittlungs- und Abgrenzungsversuche und selbst mutlos.

Morgens Endzeitstimmung und extremer Streit. Ich rief untertags an wegen einer zeitlichen Abstimmung und war erschrocken, ich erkannte die Stimme meines Mannes kaum wieder. Kam nach Hause, alles dunkel, jeder allein im Zimmer. Das war noch nie der Fall. Ich sprach mit jedem einzeln über die Situation. Versuchte, jedem Kind klarzumachen, was nun passieren konnte, riet dazu, selbst das Gespräch zu suchen, wenn sie Genaues wissen wollten. Und wunderbarerweise taten sie genau das: unabhängig voneinander, aber alle drei zugleich, versammelten sie sich beim Mann und sprachen. In Ruhe, entschlossen, eine Verständigung zu finden. Und schafften es, miteinander.

Ich glaube, das kann man nicht genug wertschätzen, vom Mann und vor allem von den Kindern: daß sie in der Krise ihre Verantwortung erkannt haben und über ihren Schatten gesprungen sind, es noch einmal zu versuchen, trotz der vielen Schrammen, die jeder sich schon geholt hat.

Für den Moment haben wir miteinander sehr viel gewonnen, und ich glaube, auch nachhaltig.

 

 

 

Über Mißbrauch

Letztens ging ich in die Arbeit und mein Blick blieb an einem Zeitungskasten hängen. Die mit VIER Buchstaben betitelte Zeitung schrie mich an, es habe einen Sex-Skandal beim Fußball gegeben.

Ich hab dann tatsächlich auf der Website versucht, herauszufinden, was los war. (Das 1.Mal auf der Website, ich schwöre…). 5 Artikel zum Thema, und außer daß jemand angeblich die Hosen 20sec unten hatte, und die anwesende Frau nicht wirklich etwas davon gemerkt hatte, war nichts herauszufinden. Aber beim Scrollen nach unten dann 2 Teaser mit sexualisiertem Frauenbild, einer handelte von einer gewissen „Yoga-Jordan“, im Bild auffällige Brüste im roten Trikot.

Es ist ja auch das aktuelle Interesse am Thema sexueller Mißbrauch, das nach Silvester plötzlich so wichtig wurde, schon wieder abgeflacht. Vorgeblich rief es ja Empörung hervor und Mitleid mit den betroffenen Frauen. Andersherum jedoch liefert es Rechts&Co noch immer einen (willkommenen) Anlass, die Aufnahme von Flüchtenden noch vehementer abzulehnen.

Kurz danach bin ich dann auf twitter auf einen interessanten Text aus der TAZ gestossen, von einer Frau, die mit einem Nordafrikaner in einer Beziehung lebt. Auch in der SZ auf der Seite Drei einen Hintergrundbericht zu den „Übergriffen“ bei den Regensburger Domspatzen gelesen. Da dieser online gerade nicht zugänglich ist, hier der Text zum Untersuchungsbericht. Er erinnert in der Beschreibung der Strukturen frappierend an die Berichte aus der Odenwaldschule. Und mich an sehr sehr viele Berichte, die ich von betroffenen Patient(inn)en gehört habe.

Und jetzt spukt es mir im Kopf herum, etwas zum Thema Mißbrauch zu schreiben, und ich lasse mich selbst überraschen, was da jetzt bei rauskommt…

Zunächst mal würde ich ja gerne trennen zwischen den Begriffen Übergriff, Mißbrauch und Traumatisierung.

Ein Übergriff ist eine strafrechtlich zu ahndende Handlung. Er wird durch die Tat an sich definiert und gehört angezeigt und verfolgt. Punkt. (Und das vermutlich noch viel öfter und schärfer als bislang möglich, siehe die Themen „nicht gewehrt bei Überraschungsangriff“, „zu leise nein gesagt“ oder „bandenmäßige Überfälle schon bekannt gewesen aber bisher nicht für wichtig befunden“)

Eine Traumatisierung ist dagegen eine spezifische psychische Reaktion. Sie hat mindestens ein subjektiv bedeutsames Trauma-Ereignis zur Voraussetzung, entwickelt sich aber nicht automatisch bei jedem, der ein solches erlebt. Deshalb ist es streng genommen nicht korrekt, bei allen Kriegsflüchtenden oder bei Menschen, die einen Übergriff erlebten, von „traumatisiert“ zu sprechen. Natürlich gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, es hängt aber auch von der Person und den Umständen ab, auch davon, wie eine Person nach einem Ereignis behandelt wird. Wird ihr geglaubt? Wird sie beschuldigt? Wird sie vor weiteren Schäden beschützt? Wie weit wird sie in einem Status der Hilflosigkeit belassen?

Ein Mißbrauch, sei er emotional oder sexuell oder Gewalthandlung, bemißt sich dagegen primär nicht nach der Größe des Ereignisses. Er wird definiert durch seine innere Dynamik. Ein Mißbrauch ist vermutlich bei einem „handfesten“ sexuellen Übergriff am leichtesten zu erkennen. Aber auch da verschwimmen die Grenzen manchmal, es läßt es sich streiten, ab wann ein Mißbrauch genau beginnt. Der junge Mann, der seine Freundin in der Kneipe demonstrativ abknutscht: mißbraucht er sie, um mit ihr anzugeben? Auch dann, wenn es sie gar nicht stört? Oder, ganz subtil: Fälle, in denen eine Frau sich schämt, Opfer gewesen zu sein. Schon ein Blick des Täters in ihrer Gegenwart genügt, sie „gefügig“ zu machen, brav zu sein. Auch wenn sie nie wieder angefaßt wird, wird sie weiter manipuliert und der Mißbrauch setzt sich fort.

Menschen, die irgendeine Art von Trauma verarbeiten, kämpfen oft hauptsächlich mit der Erinnerung und mit der Angst, die damit zusammenhängt.

Menschen, die (ob Trauma oder nicht) einen Mißbrauch verarbeiten oder überwinden wollen, kämpfen meist noch eine Ebene persönlicher. Für sie geht es um ihre Integrität, darum, sich wieder „menschlich“ zu fühlen und überhaupt wieder einen Zugang zu ihren Gefühlen und Meinungen zu haben. Denn Mißbrauch funktioniert so: Definitionen werden vertauscht. Täter schieben ihre Verantwortung an ihre Opfer ab, Nichts-Ahnende werden zu Drahtziehern erklärt, Gewalt- und andere Übergriffe werden dargestellt als „Versehen“ oder „nicht-so-schlimm“ oder „ist doch normal“ oder „ich weiß gar nicht was du hast“, Dinge werden vor dem kulturellen Hintergrund relativiert.

Und so passiert es dann, beispielsweise, daß …

… ich in der Zeitung lesen kann, daß Buben im Internat verprügelt wurden, und Herr Ratzinger sei lachend danebengesessen. Denn das „war halt damals so“ oder „das muß man doch, sonst greift die Erziehung nicht“. Mitgefühl hat da keinen Platz. Oder, vergleichsweise kleiner Vorfall Odenwaldschule: ein Schüler wird an einer Brücke gefesselt zurückgelassen. Weil die pädagogische Idee der freien Entfaltung und Selbstverantwortung mehr zählte als Leid und Pein des Schülers.

… ein Grundschulkind im kleinen Zimmer den Eltern den Rücken zukehren muß, solange diese Sex haben. Denn „man kann lernen, sich stillzuhalten“. Eine erwachsene Tochter vergewaltigt wird vom Vater, denn „Kinder haben hier gar nichts zu sagen, sei froh daß ich dir nicht wirklich was tu“.

Und und und.

 

Man kann sich als Nichtbetroffener schwer vorstellen, wieviel Mut dazugehört, sich als Mißbrauchs“opfer“ zu outen. Wieviel Kraft es braucht, sich aus der Schattenperson, deren Gefühle ignoriert und verleugnet wurden, zu lösen und zu sich selbst zu stehen. Noch mehr Mut und Stärke braucht es, mit den vielfach ungeschickten oder gedankenlos bis blöden Reaktionen Unbeteiligter darauf zurechtzukommen.

Das ist vielleicht mein Grund, das hier überhaupt zu schreiben. Denn in den ganzen Diskussionen, die ich nach Jahresbeginn verfolgt habe, habe ich kaum eine Stimme wahrgenommen, die auf Seiten der Opfer war: in dem Sinne, daß sie verständnisvoll oder hilfreich an ihrer Seite war. Gelesen habe ich: hysterisches Für-und-Wider, Menschen, die die Ereignisse instrumentalisieren und in ihrem eigenen Sinne interpretieren. Das allein macht mich wütend. Noch frustrierter bin ich über die ganz alltägliche Doppelmoral: Opfer medial zu inszenieren – wie im Zeitungsbeispiel oben. Ich nenne es so, auch wenn z.B. die abgebildete „Yoga-Jordan“ das freiwillig tut und ihr Geld damit verdient. Durch den Blick der Betrachter wird ein mißbräuchlicher Vorgang daraus, wird sie in den Köpfen der Leser verfügbarer, als sie in Wirklichkeit sein wollte. Und in einem erweiterten Sinne, also nicht mehr eng auf Mißbrauchs- oder Mißhandlungssituationen begrenzt, reagiere ich häufig unwirsch, wenn private wie öffentliche Diskussionen übereinander statt miteinander geführt werden, wenn Menschen über andere hinwegsehen und -hören, weil ihr eigenes Interesse und Wohlbefinden und Rechthabenwollen /Machthabenwollen wichtiger ist.

Vielleicht müßte ich mich auch gar nicht ärgern, vielleicht überschätze ich das Spiel, das da läuft, und alle anderen können es richtig einordnen. Ich trauere trotzdem um viel Leid, das damit unnötig entsteht, und muß mich in diesen Tagen richtiggehend gegen tiefen Pessimismus wappnen. Gegen die Angst, Menschlichkeit und Mitgefühl könnten in unserer Gesellschaft jetzt nicht nur subtil, sondern ganz manifest ausbluten.

 

 

 

Über Emotionen

Vor ein paar Wochen wachte ich durch das Geräusch eines Donners auf. Nein, das ist viel zu sachte formuliert. Kein „Geräusch“ wie Donnergrummeln oder –poltern. Sondern die Art von Donnerschlag, die unvermittelt einsetzt, sehr laut ist und kracht, als ob der komplette Himmel wie ein Bogen Papier zerrissen würde. Also nochmal.

Neulich riß mich krachender Donner aus dem Schlaf. Noch in der Millisekunde des Aufwachens träumte ich, mein Mann hätte mit der Hand auf den Tisch geschlagen.

Mein Mann ist nicht gewalttätig. Er ist impulsiver und oft lauter als ich; aber ich kann mich immer darauf verlassen, daß er sich nur momentan aufregt und daß ich nicht bedroht bin. Ich könnte gehen und warten, bis das „Gewitter“ vorbeigeht.

Mein Aufwachen und der Traum waren dennoch eine Art Triggermoment, so heißt das heutzutage. Etwas erinnerte mich an etwas anderes Erschreckendes. Nur für Momente, dann war ich „da“ und auch gleich wieder ruhig.

Ich habe über meine Gefühlswelt nachgedacht. Erst mal allgemein:

(1) Gefühle stellt man sich ja als passendes unterstützendes feature vor, das einem irgendwie im normalen Leben hilft. Als eine Art App, die eine gegebene Situation samt menschlicher Komponente bewertet und ein Farbsignal gibt, welche Emotion denn nun passt. Würde also mein Personalchef mich grantig ansehen und ins Büro zitieren, hätte ich wohl Angst vor negativen Konsequenzen, und zu Recht.

(2) Das geht aber auch andersherum. Manchmal ist z.B. der Anspannungs-Entspannungsrhythmus nach langen Streßphasen durcheinander. Kaum ist man im Urlaub, bekommt man z.B. auf der Autobahn Herzklopfen. Man deutet es als Panikattacke, weil man irgendwie automatisch einen plausiblen Grund sucht für das Herzrasen. Fühlt sich halt an wie Angst. Kenn ich als Psychologin aus vielen Fallgeschichten.

So.

Mit der Variante (1) komm ich mal mehr, mal weniger gut klar. Altbekannt: als Asperger-Autistin erkenn ich nicht nur Gesichter schwer, sondern (vor allem bei Ablenkung oder wenn es schnell geht) brauch ich länger, um Mimiken gut einzuschätzen. Ich spüre oft besser zwischen den Zeilen, als an der Mimik abzulesen. Weiß nicht, wie, aber das funktioniert sehr gut. Manchmal denke ich auch, daß ich eine andere Zeitwahrnehmung habe. Aber ich hab gute Ersatzstrategien. Problematisch ist es für mich nur, wenn mich ein Gefühl einer anderen Person völlig überrascht, weil sie sich z.B. verstellt. Oder das Gefühl für mich komplett unlogisch oder unangebracht ist. Dann hab ich gelernt, nicht zu debattieren und dadurch Situationen zu verschlimmern. Ich akzeptiere erst mal, wie es ist.

Ich verstehe seit einigen Tagen allmählich, daß die Variante (2) eigentlich mein Problem ist. Zum Beispiel durch das Erlebnis beim Gewitter. Ich verstehe, daß lautes Sprechen /Schreien, schnelle Bewegungen oder laute Geräusche, wie sie z.B. beim Schlagen auf einen Tisch entstehen, mich für sich genommen schon in einen Ausnahmezustand versetzen können. Ganz unabhängig vom Inhalt. Weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Wie ist das? Als ob man hinterrücks einen Kübel Mist drüber geschüttet bekäme. Erst mal muß man Luft schnappen, erst mal atmen, um reagieren zu können. Eine Art Panik oder zumindest tiefes Erschrecken, im Grunde genommen Orientierungslosigkeit. Was auch sein kann: Zittern, Herzklopfen, Übelkeit. Dann muß man sich orientieren, was denn los ist. Hier mach ich oft falsche Interpretationen. Ich ziehe alle Arten von Erklärung heran und kommuniziere sie und mach alles mit jedem Wort komplizierter. Denn meine heftige Reaktion ist hauptsächlich sensorisch bedingt, also durch meine (in NT-Maßstäben) sensibilisierte Reizverarbeitung und weniger durch den Anlass. Dann erst, wenn geklärt ist, daß es sich um einen Kübel Mist handelt, kann man eigentlich adäquat reagieren: auf den Mist und den „Täter“.

Daraus folgt für mich, daß ich viel, viel öfter als bisher Streitsituationen beenden muß. Ich muß mir viel öfter als jetzt das Recht herausnehmen, mich zurückzuziehen. Ich muß und soll mich schützen vor dieser Lautstärke und vor dem Plötzlichen. Ich muß und ich darf mich schützen davor, mich in Panik in völlig destruktive Streits hineinziehen zu lassen. Ich hab eine sensiblere Wahrnehmung, und ich möchte und werde darauf Rücksicht nehmen. Ich bin es mir schuldig, mich selbst zu disziplinieren. Es ist so viel einfacher, sich in Vorwürfe und Gegenvorwürfe zu verstricken. Denn dabei kann man so gut Märtyrer sein. Es ist schwerer, sich selbst zu erkennen und sich zurückzuhalten, um seiner Seele mehr Frieden zu gönnen. Meine Gesundheit und mein Selbstwert werden es mir danken!!!

Ehrlich, das war mir bis jetzt nicht bewußt!

 

Ich vermute, ich teile diese Gefühlslandschaft mit anderen Autisten?

Depression: just my point of view

Können auch Psychologen depressiv sein? Na klar können sie. Etliche Ärzte und Psychologen saufen, rauchen, somatisieren, sind sozial schräg drauf, haben Eheprobleme und schreckliche Kinder, manche schnippeln, manche sind multipel und viele auch depressiv. Gibt auch welche die sich umbringen. Nachdem Depressionen in der neuesten wissenschaftlichen Lesart ein Endresultat verschiedener, sich ergänzender Ausgangsprozesse sind (Genetik + Vulnerabilität + Vorerfahrung + soziale Umstände + Selbstbild + Hilfsmöglichkeiten), dürfte das auch niemanden weiter verwundern. Aber die Menschen reagieren auf depressive Psychologen (wenn sie denn davon erfahren) so, wie sie auf depressive Normalpatienten reagieren: sie leugnen es ab („so ein starker Mensch, so kompetent, der hat bestimmt nie Probleme“) oder werten es ab („ha, diese Psychos, wollen mir erzählen wie das Leben geht und kriegen selbst nichts auf die Reihe“). Ich möchte hier ein paar Reflektionen persönlicher Art zum Thema Depression weitergeben: bestimmt nicht allgemeingültig, vielleicht interessiert es doch jemanden. In den neueren diagnostischen Systemen ist es ja ziemlich egal, woher eine Depression kommt oder welchen Hintergrund ein Symptom hat, es wird einfach abgezählt, ob genug Symptome vorliegen. In dem Sinne weiß ich nicht, ob ich schon mal „richtig“, also „klinisch krank“ depressiv war. Ich weiß, ich hatte Zeiten, da mich einige dieser Symptome plagten. Für mich persönlich sind da folgende Punkte wichtig:

  • In früheren Zeiten, als ich noch nichts über Psychokram und Asperger wußte und allein in der Depression umherirrte, war es viel schlimmer für mich, und:
  • Es gibt Überschneidungen zum Aspergerthema. Manche klassischen depressiven Beschwerden finden sich bei ASS öfter. Weil man oft durch Mißverständnisse mutlos wird, sozial sich isoliert und dabei einsam fühlt, auch keinen Ausweg kennt, Konzentrations- und Schlafprobleme von Haus aus schneller auftreten. Gerade wenn man noch nichts von seiner Diagnose weiß, ist man leicht dauerfrustriert, weil scheinbar alles schiefläuft, und ohne Erklärung sich irgendwann Hilflosigkeit breitmacht. Scheinbar ist man selbst schuld an seinen Problemen und sucht die Ursache bei sich, der Psychologe nennt das intrinsische Attribution. Eine komfortable Autobahn in die Depression ist damit eröffnet.
  • Es gibt auch Abgrenzungen. Damit meine ich Dinge die nur depressiv wirken. Als Jugendliche wurde ich angesprochen auf mein vermeintliches „Rumhängen“ und „Mitleidhaschen“, also als depressiv behandelt. Ich wurde auch auf meine unnahbare Mimik angesprochen und oft dafür getadelt. Jetzt weiß ich, es war nur soziale Unbeholfenheit. Traurig machte mich nur die Kritik, und depressiv wurde ich erst nach Jahren der Mißkommunikation. Gerne würde ich mit den Beteiligten von damals nochmal reden, es geht leider nicht mehr.

Ich hab schon einige Erfahrung mit diesen depressiven Momenten und Zeiten, manche bezeichnen sie als „black dog“. Ich vergleiche sie oft mit einem „schwarzen Loch“: es zieht Energie, zieht  einen manchmal erbarmungslos in sich hinein. Mein Mitgefühl mit allen, die Angst haben, darin zermalmt zu werden. Gebt nicht auf, niemals, ihr seid mehr wert! Anfangs stellte ich die Frage, ob Psychologen depressiv werden können, und antwortete darauf mit Ja. Sie sind vielleicht aber besser vor den Extremen geschützt. Für mich heißt das: Mein Wissen hilft mir ungemein, das betrifft Depression und ASS. Ich kann Dinge erklären, einordnen und so von meiner Person fernhalten. Ich kann den Dingen eine Ursache, eine Dauer geben. Ich weiß, weitermachen muß sein. Mir hilft auch oft nur Ruhe. Ruhe und warten. Mich auf kleine und kleinste Dinge konzentrieren, und sei es die nächste Tasse Tee. Wissen, nicht allein zu sein. Wissen, daß auch schlimme Zeiten sich wenden, auch plötzlich und unverhofft. Das wünsche ich euch allen, jedem der es braucht!