Quickshot /Egoist

In der Timeline entwickelte sich eine kurze Diskussion um die Frage, ob sich Autisten egoistisch verhalten. Am gleichen Nachmittag verbreitete sich die Nachricht eines Todes: Samarie wird vermisst werden, viele fühlten mit ihr, auch ich. Ihre Erlebnisse in der Arbeit, im Krankenhaus… Und das Fuchskind zweifelte plötzlich daran, etwas Sinnvolles zuwege zu bringen.

Und ich, ich kann diese Fragen nicht voneinander trennen. Ich schreibe hier also ein kurzes Statement aus meiner, autistischen, Sicht, aber es könnte jeden betreffen, der, in welcher Form auch immer, Hilfe braucht.

Ich bin schon oft Schmarotzer genannt worden oder für Egoismus getadelt worden. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Ereignisse fallen mir ein. Mir wurde, von verschieden nahen Personen, unterstellt: ich mache es mir leicht, ich zwinge durch meine Passivität und meine Zurückhaltung die anderen dazu, für mich zu arbeiten und meine Aufgaben zu übernehmen. Ich nutze sie aus und manipuliere. Es wurde gesagt, ich liege anderen auf der Tasche, und ich dächte mir gar nichts dabei. Schiefe Blicke, weil ich die Einzige bin, die eine Einladung als solche aufgefasst hat und nicht überfreundlich abgelehnt hat. Die Schwiegermutter, die betont, wie gut ihr Sohn sich doch für die Familie einsetzt, und mir damit reindrückt, daß ich ja ziemlich ansprüchlich bin. Augenrollen, weil der Partner etwas Bestimmtes schon wieder übernehmen soll, was er selbst lästig findet. Oder, einen Schritt weiter: Streit, weil ich den autistischen Kindern Dinge abnehme, von denen ich weiss, daß sie für die Kinder eine besondere Belastung darstellen oder ihre Routine zerstören würden. Was ist dann wichtiger, die Rücksichtnahme auf ihr Wesen? Sie zu zwingen, sich den „Realitäten“ zu stellen, sich an die Anforderungen anzupassen? Erziehe ich die Kinder zu Egoisten?

Das sind ernste Vorwürfe. Solche Konflikte können eine Freundschaft oder Beziehung mit Leichtigkeit sprengen. Wenn einer immer muss, der andere nie tut… Das klingt einfach und eindeutig.

Aber

1. Man muss unbedingt, unbedingt! im Blick haben, daß Autismus schwer sichtbar ist. Also, ich meine, man sieht mir schon an, daß ich irgendwie anders bin, reichlich seltsam. Aber was genau mir Probleme bereitet, sieht man nicht. Und damit kann man nicht verstehen, warum ich bestimmte Hilfen gerne annehme, andere sogar im Moment brauche. Nicht umsonst gibt es Einrichtungen wie den GdB, Inklusion, Pflege, Betreuung. (Nichts davon wird btw von mir und meiner Familie beansprucht.) Aber was man gar nicht versteht, beurteilt man halt gerne aus dem, was man sieht. Was man sieht: eine normal intelligente, arbeitende Mutter, die könnte doch, wenn sie wollte?!

2.Wenn ich etwas nicht tue oder nicht kann oder beides, ist es keine Manipulation, siehe Anfang des Satzes. Ich tue das nicht, um irgendeine Bindung zu festigen oder weil ich Macht genießen will, das wäre eher pathologisch. Egoistisch im engeren Sinne hieße: ich mache das absichtlich so. Ich könnte anders, will aber nicht. Nun ja, ich könnte – meistens – anders. Aber dann kann ich andere, noch wichtigere, Dinge nicht mehr. Ich kann alles lernen, wohl wahr, aber meine Ressourcen reichen nicht für alles. Ich kann den Stress auf mich nehmen, in der Werkstatt oder in der Bank anzurufen und mich durchzufragen. Aber der Einkauf in vier Geschäften samt Smalltalk rundum hat schon gereicht, und den Rest des Tages gibt es Haushalt und Probleme, bei denen ich die Kinder unterstützen muss. Mein Mann hat Zeit, und er hat Vorwissen und er kennt die Leute dort. Ergo, er macht es. Es wäre wohl sinnvoll für mich, das mal zu übernehmen. Aber nicht jederzeit. Oder: die Kinder könnten es schaffen, diesen oder jenen Einkauf zu übernehmen. Ich finde aber nichts dabei, ihre Routinen zu berücksichtigen. Also, ich spreche ab, wann sie es übernehmen, und werfe ihnen keinen Egoismus vor, wenn sie nicht jetzt sofort, spontan, weil ich gerade so will, bereit sind, loszufahren. Mit anderen Menschen würde ich ja auch so umgehen, daß ich beiderseits Interessen und Skills mit berücksichtige…  Was bleibt: ich muss mich mit meinem Partner einigen, wie wir die Dinge aufteilen und wir sollten uns gegenseitig dafür wertschätzen, weil wir wissen, welche Kraft es den anderen kostet. Und danken.

Und 3., ja, das ewige Schuldgefühl, das sich daraus ergibt. In jeder Lebenslage ist man damit konfrontiert, dass einem andere Leute einfache Dinge abnehmen, für die man scheinbar zu faul oder zu blöd ist. Auch nahe Personen werfen es einem immer mal wieder vor.  Dieser Impuls, sich dann kleinzumachen, sich mies zu fühlen, sich für alles mehrfach zu bedanken und sich immer wieder zu entschuldigen, daß man es den anderen so schwer macht. Es steckt tief drin. Dieses Gefühl chronifiziert irgendwann, es begleitet einen immer. Es ruiniert auf Dauer das eigene Selbstwertgefühl. Was man tatsächlich selbst kann und leistet, verschwindet neben den Defiziten. Und auch das bezeugt, daß ich mir die Hilfe nicht einfach egoistisch erschlichen habe. Denn wäre das so, würde ich mich entspannt und selbstzufrieden zurücklehnen und mir ins Fäustchen lachen, wie gewieft ich doch bin. Aber am Ende mit Schuldzetteln beklebt durch den Alltag zu laufen, und selten gut zu schlafen, weil jeder Tag unrichtig ist – das fühlt sich ganz anders an.

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Erdung

Wenn von Autisten gesprochen wird, ist gern die Rede von „unnahbar“. So zu sein, ist mir jedenfalls mehr als einmal vorgehalten worden. Oder Autisten beschreiben, sich wie von einem fremden Planeten zu fühlen, wie Aliens, und werden auch so wahrgenommen, als nerdig, seltsam, aussenstehend.

Die Metapher vom Alien hört sich ja ganz putzig an: guckstu hier, ein Wesen vom fremden Stern, ob es Katzen frißt oder nach Hause telefonieren will? Naja wird sich hier schon einfinden, sonst bekämpfen wir es, und wie in jedem Film und immer und überall gibt es irgendwann ein gutes Ende. Klappe, die Schlußszene bitte, alles easy.

Aber sich wie ein Alien zu fühlen, ist nur selten putzig und auch nicht so frei, wie es sein könnte. Oft ist es einfach nur brutal, denn da ist kein Raumschiff, nirgends.

Irgendwann träumte ich, in einem vollen Hotel zu sein. Alle Tische im Speisesaal belegt, für mich ein Platz reserviert an einem besetzten Tisch. Ich gucke hin, möchte aber nicht stören. Und bevor der da sitzende Mann mich lächelnd einladen kann, meinen Platz einzunehmen, gucke ich schon wieder weg und ziehe mich resigniert, aber bestimmt, zurück, um auszuchecken und an der U-Bahn einen coffee-to-go zu kaufen. Der Mann ist verwirrt, oder auch verärgert, oder auch traurig. Und ich bin auch traurig, aber ich hab keine Zeit dafür.

So fühlt sich das an: nicht mehr dran glauben, daß da ein Platz ist, und die Traurigkeit sammelt sich so lange irgendwo still an, bis plötzlich die Depression da ist oder Schlimmeres.

Als Autist nehme ich mehr Detail als Kontext wahr, ich kann es, muss aber mehr Details aufnehmen und integrieren als NichtAutisten. Auf jeder Ebene: in der sensorischen Verarbeitung des Aussen, was dann meine soziale Wahrnehmung formt, die eben auch gesplittet ist und oft keinen ruhigen Fluss ergibt. Angefangen bei Gesichtsblindheit, weiter gehend damit, dass ich schlecht einschätzen kann, wie mich der andere sieht und welchen Gesamteindruck ich mache, ob ich geschätzt werde,  und endend dabei, daß mir nicht immer klar wird, welchen Status eine Bekanntschaft gerade hat oder ob gerade eine Freundschaft existiert. Ich nehme vermutlich auch meinen Körper mehr in Einzelteilen wahr, das ist nicht so deutlich im Alltag, wirkt sich aber in der Motorik aus. Und ich bilde mir ein, dass diese wenig ganzheitlichen Feedbacks dazu führen, dass ich mich selbst wenig als „runde“ Person in einem „abgrundeten“ Umfeld erlebe, und ich bilde mir ein, das ergibt dieses schwebende Gefühl, immer neben den anderen, „in meiner eigenen Welt“, wie es so dämlich heißt…

Ich erlebe jeden Tag bei meinen Patienten, wie Depression entsteht, und bei mir ist es nicht anders: dann, wenn man aufgibt, genau dann. Wenn man sich zurücknimmt, seinen Platz und seine Ansprüche nicht mehr wichtig nimmt, sich isoliert oder sich nur noch mit dem beschäftigt oder nur noch das kultiviert, was gelobt und gebraucht wird. Dann geht das Selbst zwar nicht verloren, aber es wird auf Eis gelegt.

Bitte, TUT DAS NICHT. Erdet euch: tut jeden Tag etwas, um euch zu spüren, um ihr selbst zu sein. Sorgt für Freude, für Schönheit, und macht jeden Tag etwas Unangepasstes. Und so, wie ihr andere als „einfach da“ und „einfach ok“ anseht, so versucht, euch selbst zu sehen.

Ihr seid von der Erde und das ist euer Platz.

Quickshot /Glücklich

Was jetzt das wohl genau ist, Glück…

Im Moment jedenfalls für mich ein Thema, das sich plötzlich in mein Blickfeld geschoben hat.

Ich weiss im Alltag nicht genau, was Glück sein soll, ausser so etwas wie gesteigertes oder 100%iges oder absolutes Wohlbefinden. Mehr als Zufriedenheit. Mehr als Dankbarkeit, oder Stolz oder Selbstbewußtsein.

Man sagt, Glück wäre vorübergehend. Oder wäre nur prospektiv oder nur retrospektiv verfügbar. Im Genußtraining heisst es, jetzt oder nie. In Schönredebüchern heisst es, akzeptiere das Jetzt, dann bist du glücklich. Oder beschließe einfach, glücklich zu sein. Nettes Cartoon, das, mit dem Strichmännchen, das sein Glück wie einen Topf Marmelade selbst gemacht hat.

Ist schon auch ein Teil der Wahrheit: Zufriedenheit und Glück kommen nur, wenn man sie läßt, sieht, zumindest nicht wieder selbst zerstört.

Ich kann mich schon an bestimmte Momente erinnern, die tief gingen, und wo ich selig war. Glück ist mir als Wort schon zu groß.

Aber ich bin auch jemand, der die Vielschichtigkeit liebt. Lieber kompliziert, und dafür gibt es immer den Raum für überraschungen, immer noch Potential zu einem anderen: besseren, schlimmeren, und nie kann man sagen: so, jetzt ist Ende. So betrachte ich auch Menschen, auch mich selbst: wir haben so viel in uns, was wir gerade gar nicht wissen, und trotzdem ist es da. Kein Wunder, daß über mich gelästert wird, ich wäre ein „Gutmensch“- naiv und zu optimistisch, aber eben eher optimistisch.

Jedenfalls, heute war ich am Markt, wartete am Bio-Stand, vor mir eine befreundete Lehrerin, mit der ich einen kurzen smalltalk hielt. Setzte mich wieder ins Auto und fand plötzlich, daß ich nicht materiell reich, aber doch privilegiert bin. Ich guck nicht auf den Euro. Ich habe mir ein sehr sicheres Leben aufgebaut, einen kultivierten Freundeskreis, es gibt Menschen, die mich achten. Ich bin „wer“. Auch wenn ich den Job verlieren sollte, ginge es irgendwie weiter. Da ist schon viel Dankbarkeit.

Da ist Stolz, auf das, was ich geleistet habe und auf meine Fähigkeit, immer wieder die Faust zu ballen und mich selbst in den Hintern zu treten.

Und trotzdem ist Glück noch mehr, und manchmal entsteht es auch plötzlich und unvermutet.

Neulich ging ich in einen türkischen Supermarkt. Ich kaufte nur eine Süßigkeit. Und fühlte mich plötzlich glücklich.

Warum?

Weil ich schon länger dahin wollte, und mich spontan entschloss? Neu und aufregend und sich gönnen, ja. Der Geruch, die Sachen. Ok. Ich hatte frei gehabt, und auch mal wirklich den Kopf frei gehabt, nichts gemacht, den Garten beobachtet, nichts gedacht. Das brauche ich, mal einen völlig leeren Kopf und die Gedanken sinken lassen, nur, um zu sehen, was dann in den Kopf kommt.

Aber auch, weil ich plötzlich aus dem deutschen Jetzt raus und im türkischen Jetzt drin war. Ich bin in einem Wohnblock aufgewachsen, viele Migranten. Der Geschmack eines Sesamkorns reicht, in mir die Erinnerung wachzurufen. An Wärme, Lachen, Herzlichkeit. Ich meine nicht Sorglosigkeit oder Harmonie. Ich meine eine Atmosphäre, in der dazugehört, dass Menschen selbstverständlich Fehler machen, in der nicht alles genau sein muss. Aus der Fremde heraus sind andere Fremde willkommen, es gibt nichts zu verteidigen. So kenne ich das. Wenn alle gleich wenig haben, muss man sich nicht mit Besitz beweisen. Nennt das sozialromantisch – so ist meine Erfahrung.

Das machte mich glücklich. Plötzlich diese Wärme wieder zu spüren, und Fremdheit, die nicht sofort wieder deutsch und klein beargwöhnt wurde. Sondern einfach war. Nicht besser und nicht schlechter.

Demenz für Anfänger

„Wie heißt die Katze?“

Es ist nicht so, daß ich diese Frage nicht schon beantwortet hätte. In den letzten 9 Tagen habe ich sie pro Tag etwa sieben Mal beantwortet. Das wären dann 63mal (nur meine Antworten). Ich beantworte auch mehrmals pro Tag die Frage, warum wir nicht in ihre Wohnung fahren können, wo ihre Kinder sind, wer auf die „Kleinen“ aufpasst (die über 40 sind, eines davon bin ich), wo wir sind, wie die Fernbedienung geht und wo das WC ist etc etc…

Demenz im Anfangsstadium. Bei meiner Mutter, die gerade in Ferien bei uns ist. Sonst, in ihrem eigenen Zuhause, kommt sie wohl zurecht mit etwas Nachkontrolle, bzw. kann sie nicht viel verkehrt machen. Demenz für Anfänger, für mich. Ich hab früher mit alten Menschen gearbeitet, aber es ist lange her, und viel hab ich nicht gelernt daraus. Jetzt muß ich ganz von vorne lernen, was das ist und wie das ist.

Es heißt immer, alte verwirrte Menschen würden wieder zu kleinen Kindern. Bei meiner Mutter denkt man das jetzt auch schnell. Allerdings war das früher nicht anders.

„Wie heißt die Katze?“

Der Vergleich mit einem Kleinkind wirkt erst mal plausibel, verstehen demente Personen doch nichts mehr, kennen sich nicht aus, finden sich nicht zurecht, und man muss sie beaufsichtigen wie kleine Kinder. Aber der Vergleich hinkt stark. Ich glaube, die Persönlichkeit bleibt, die Summe von Erfahrungen, der Charakter. Wie oft habe ich schon mit verzweifelten Frauen gesprochen, deren demente Männer so dominant wie eh und je sein wollen, ein unlösbares Dilemma.

So ist meine Mutter nicht. So war sie nie. Im Gegenteil, sie hat nie viel verstanden, und sie hat es auch nie versucht. Sie hat auch nie Interesse für mich und die Kinder gezeigt, wußte bis zuletzt meinen Beruf nicht, so daß es da auch jetzt noch keinen Gesprächsstoff gibt. Ich kenne sie so, wie sie auch jetzt neben mir sitzt: sie schaut mit großen Augen in die Welt, macht immer die gleichen Kommentare, und bei jedem Problemchen und jeder Anforderung stöhnt sie „will ich nicht“ oder „kann ich nicht“ oder „nein, lieber nicht“. Nur, daß ihr Gedächtnis jetzt wirklich weg ist. Besser gesagt, es ist so löcherig und verlangsamt, daß man es kaum glauben kann, wenn nach drei Tagen doch ein Fünkchen Wiedererkennen erglimmt.

„Wie heißt die Katze?“

Wie es sich wohl anfühlen mag, sich nur für kurze Momente orientieren zu können? Ich versuche, mir das demente Bewußtsein wie ein Stück Stoff vorzustellen. Kein gleichmäßig gewebter, wärmender Pullover mehr, mit fixen Nähten. Statt dessen halb aufgelöste Nähte, eine fadenscheinige Struktur, und eine zittrige Hand, die nach losen Enden greift, aber in 98 von 100 Versuchen rutscht der Faden wieder weg. Kein Wärmeschutz mehr, kein Schutz vor Blicken. Das muß ein permanenter Zustand von Unruhe und Besorgnis sein, eine Notwendigkeit, sich zu versichern. Was machen?

Na eben. Fragen. In Dauerschleife: immer, wenn etwas Unbekanntes auftaucht, wenn ein Moment Langeweile auftaucht, wenn etwas beunruhigt oder ängstigt. Fragen, und mit den Antworten eine Sekunde lang das Bewußtseinsloch stopfen.

„Wie heißt die Katze?“

Für mich heißt das: keine Pause. Denn die Aufmerksamkeit ist so kurz, daß meine Mutter nicht mehr lesen kann. Sie reicht maximal eine Bildunterschrift in einer Illustrierten lang. Und ihre lebenslange Gewohnheit, nach Arbeit und Putzen nur noch fernzusehen, führt dazu, daß sie auch jetzt keinerlei Interesse an etwas anderem hat. Ihr Alltag besteht jetzt aus: Schlafen, Essen. Wenn es gut geht und ich hartnäckig bin, ein paar Minuten an die frische Luft gehen. In besseren Momenten im Haushalt aushelfen, in halb so guten Momenten Zeitungen durchblättern, den Rest der Zeit fernsehen und dabei auf Nachrichten warten, denn die sind kurz genug, sie zu verstehen.

Und das ist jetzt mein Alltag. So lange sie wach ist. Denn sie hält den Alltag nicht alleine aus, nicht länger als ein paar Minuten. Dann kommt die Angst. Dann kommen die Fragen. Dann braucht sie Sicherheit.

Die Sicherheit, die bin ich. Auch wenn sie nicht benennen kann, wer ich bin.

„Wie heißt die Katze?“

Ich bin froh, daß meine Kinder die Situation problemlos mittragen und die eine oder andere Aufgabe übernehmen. Sie gehen erstaunlich neutral und hilfsbereit damit um und sind freundlich zu ihrer Großmutter, die für sie  immer eine Fremde geblieben ist. Sie gehen routiniert mit den Fragen um, sprechen mich nur diskret darauf an, und lehnen sehr höflich ab, wenn ihre Oma ihnen Essensreste anbietet.

„Wie heißt die Katze?“

Sie haben auch die ersten, fürchterlichen Tage ruhig mitgetragen. Erst wollte die Mutter nicht zu uns, aber es gibt gerade keine andere Betreuung, sie mußte. Es kam schreckliches Heimweh, zwei Tage, an denen sie wegwollte. Der Wahn, ihre kleinen Kinder wären allein auf der Strasse. Die Tür zugesperrt, und ich ließ mir von Kollegen Pillen zustecken. Die ich so niedrig dosiert vergebe, wie möglich. Dann WC-Unfälle aller Art. Dann so etwas wie Beruhigung und Routine. Der Pullover noch löchrig, aber er kratzt wohl auch nicht mehr. Ich hab gelernt, zu lügen, und damit meine ich, eine Frage so zu beantworten, daß die Frage dahinter etwas besänftigt ist. Ich übe kräftig, anzunehmen, was ist. Ich kann jetzt nachvollziehen, wie es ist, wenn man selbst in Panik ist und aus Panik heraus aggressiv und herablassend wird. Ich glaube und hoffe aber, ich habe den Prozess rechtzeitig an mir gestoppt. Ich versuche, die guten Momente zu erwischen und mich darauf zu besinnen. Denn nach der Zeit heißt es wieder Arbeit und Alltag, und dann herumjammern, wie ungerecht und kacke doch alles war: damit schade ich mir nur selbst.

„Wie heißt die Katze?“

Ich bräuchte die Frage gar nicht beantworten. Ich könnte mir einen Spaß machen und jedesmal noch abwegigere Namen nennen. Am Ende ist es aber eine Sache der Würde, den richtigen Namen zu nennen. Ihn ruhig zu nennen. Es ist eine Sache des Respekts, Gedanken wie „Nicht schon wieder!“ oder „Das gibt es doch nicht!“ oder ähnliche bucklige Verwandte im Kopf zu muten. Denn am Ende des Tages geht sie schlafen, mit meiner Hilfe. Am Bettrand sage ich Gute Nacht, versichere, daß ich in der Nähe bin und die Türe etwas offen lasse. Ich höre ein erleichtertes Danke, ich spüre seine Ehrlichkeit, und wenn ich einen Rest Würde und Respekt in diesen Tagen bewahren konnte – jetzt kommt er uns beiden zugute.

Das Glas Wein hinterher, das trinke ich erleichtert und beruhigt, im Beisein der namenlosen Katze…

 

Reizend

So eine Ehe zwischen Autist(in) und NT, noch dazu, wenn es autistische Kinder darin gibt, muß sich täglich mit dem Thema Gestaltung von Kontakten herumschlagen. Ich bin jedenfalls überzeugt, daß das nicht nur bei uns so ist.

In unserer Ehe bin naturgemäß immer wieder (aber glücklicherweise schon viel weniger als früher) ich diejenige, die zu mehr Kontakt aufgefordert wird. Mein Mann versteht bestimmte Belastungen nicht gut, aber er akzeptiert meine Entscheidungen.

Ich habe inzwischen ja selbst schon viel mehr verstanden, was mich belastet. Inhaltlich langweilen mich bestimmte Gespräche, ich habe Abneigungen gegen bestimmte Themen und Argumentationen und nicht gar so viel Durchhaltevermögen im Vortäuschen von Interesse. Augenkontakt und Stimmfrequenzen, die mich anstrengen und meine soziale Interpretation erschweren, ein Durcheinander von Geräuschen und optischen Reizen, das mich verwirrt und mir die Konzentration schwermacht. Die soziale Interpunktion fällt mir sehr schwer: wenn ich wenig Ressourcen habe, weil ich mit mehreren Personen zusammensitze oder einfach müde bin, spreche ich irgendwann gar nichts mehr, weil mir erstens nichts mehr einfällt, ich es zweitens nicht mehr schaffe, im richtigen Moment in die richtige Richtung zu sprechen. Neulich waren Bekannte da, sie konnten sich über eine Stunde nicht zum Aufbruch entschließen, weil ich als Gastgeberin verstummt war. Ich hätte ein Signal geben müssen, saß aber nur erschöpft da und hoffte, jemand würde sich endlich erbarmen, aufzustehen. Irgendwann passierte das auch.

Heute ist mir noch etwas anderes aufgefallen: ich sah aus dem Fenster und eine der Nachbarinnen arbeitete in Hot Pants und Top im Garten. Eine von zwei Frauen, die mir im Kontakt unangenehm sind, die ich vermeide. Mein Mann versteht das nicht, sie sind beide nett, ich versteh mich selbst nicht. Eifersucht ist es nicht. Aber heute beim Beobachten hatte ich sofort den Geruch von Sonnencreme und Schweiß in der Nase. Nicht nur das, ich verstand, daß meine komplette sinnliche Wahrnehmung sich verhält, als ob ich auf Tuchfühlung mit der Frau wäre. Dabei war sie 15 Meter entfernt und wandte mir den Rücken zu. Aber ich meinte, warme nasse Haut zu spüren, und hatte den Klang ihrer Stimme in meinem Ohr. Ihrer Stimme, die mich tatsächlich schmerzt, weil ich sie mit einem blenden hellen, scharf geschliffenen Stück Metall assoziiere.

Jetzt fiel mir ein, wie ich vor Jahren verwirrt war, weil ich in Umkleiden die Nähe unbekleideter Frauen unangenehm fand. Ich verstehe jetzt, daß das nichts mit Nachbarinnen oder Nacktsein zu tun hat, sondern schlicht mit meiner Reizwahrnehmung bzw. meinem Übermaß davon.

Spannend, das zu entdecken. Ich hatte das oft gelesen, aber merke erst jetzt bewußt, wie das bei mir läuft. Vorher hatte ich es wohl einfach durch Rückzug ausgeschalten.

Quickshot /Angst und Autismus

„Morgen“ sagt mein Mann. „Morgen fahr ich nicht mehr mit in der Gondel. Einmal reicht. Du weißt, ich krieg da echt Panik.“

„Ja“ sag ich. „Passt schon. Aber schade, du verpasst bestimmt was. Du bist doch bis jetzt trotzdem klargekommen?“

„Ja, aber wie. Wenn wir da abstürzen! Man kann dann nichts machen!“

„Das ist doch mehr als unwahrscheinlich! Dann kann ich mich auch nicht ins Auto setzen, um dorthin zu fahren. Da passiert viel leichter was!“

„Aber trotzdem. Die Höhe! Macht dir das nichts?“

 

Hm. Macht mir das was?

 

Was ich meinem Mann dann erklärte, ist etwa dieses: ich habe in der Gondel auch Beklemmungen, und manchmal kenne ich auch Höhenangst. Aber ich verarbeite scheinbar Angstanlässe anders, auf mehreren Ebenen.

In der Gondel ist mir schon auch mulmig. Diese Angst ist da, kommt aber nicht wirklich groß raus. Dazu bin ich nämlich dann doch zu rational eingestellt. Ich kann mich ganz gut in der Weise zur Ordnung rufen, daß ich mir klarmache, ob die Angst sachlich gerechtfertigt ist. Wenn nicht, kann ich sie ganz gut ignorieren.

So und so sieht man mir Angst (wie alle Gefühle) kaum an, und ich nehme an, dann wird sie von außen auch nicht so verstärkt.

Und vielleicht bin ich auch – im Vergleich vielleicht zu meinem Mann und anderen „Neurotypischen“ – irgendwie geübter darin, mit Angst umzugehen. Im normalen Alltag jedenfalls.

Sie begleitet mich ja sehr sehr oft. Ich bin von klein auf im Alltag mit unerklärlichen Situationen und für mich unlösbaren Aufgaben kofrontiert gewesen. Situationen, die jeder andere als harmlos ansieht (weswegen mir Hilfe verwehrt blieb). Letzte Woche fuhr ich z.B. ein paar Teenager in die nächstgrößere Stadt, der Weg mir unbekannt. Oder bestimmte soziale Interaktionen. Diese Dinge können wirklich mit einer reellen Wahrscheinlichkeit für mich negativ ausgehen: ich habe Grund, ängstlich zu sein. Trotzdem muß ich mich dem stellen, immer wieder, wenn ich halbwegs „normal“ leben will. So ist Angstbewältigung mir zum Alltag geworden, sie ist nichts Besonderes mehr. Ich bin es gewohnt, meine Ängste beiseite zu stellen und zu hoffen, daß schon nicht zu viel schiefgeht. Panik im großen Stil kenne ich nicht. Eher schon Erschöpfung, wenn es eine Zeit zu anstrengend war, und ich mich dann eine Weile mehr zurückziehen will und muss.

Die Gondelfahrt übrigens war super und hat sich sehr gelohnt, und auch die zugehörige komplizierte Buchung an drei Schaltern hab ich hinbekommen 😉

Gedankensplitter /Die Frau des Kollegen

Ja, lieber Kollege, nun hast du uns deine Frau vorgestellt, sie wird jetzt im Haus mitarbeiten. Eine sehr hübsche Frau, elegant und damenhaft. Sicher bist du stolz auf sie. Das zeigst du bei dem Anlass natürlich nicht, keiner von euch beiden zeigt seine Zuneigung offen. Kaum, daß ihr euch anseht. Dazu seid ihr zu professionell. Ich muß schon genau hinsehen, um deine Nervosität und dein Mit-ihr-mitzittern zu ahnen. Nicht, daß es mich viel anginge. Ich hab mit dir selten zu tun, meist nur mittelbar. Mit deiner Frau werde ich gar nicht zusammenarbeiten. Alles bestens. Ich bin nur seltsam traurig. Ich dachte, wir wären im selben Bild, dabei sehe ich euch nur im Spiegel. Ich bin nicht im Spiegelbild. Vampire müssen sich auch so fühlen.

Kein Liebeskummer.

Logisch, ich bin ja auch nicht in dich verliebt. Außerdem, Liebeskummer würde ich sehr genau kennen. Hatte ich schon mal, vor vielen Jahren, bei einem anderen Kollegen.

Nein, kein Liebeskummer, wie er seit Menschengedenken Lieder, Bücher und Herzen füllt, und die Macht hat, Kriege und Dramen aller Art zu entfachen. Keine Sorge, mein Lieber, das bleibt dir erspart.

Du wirst von meinem Empfinden gar nichts merken, es wird an dir vollkommen vorbeigehen. Denn dieses mein Gefühl ist zu leise und zu sachte, und zu unwichtig im täglich zu ordnenden Chaos, um sich damit zu befassen.

Wie es überhaupt und eigentlich bemerkenswert ist, wie oft mir Sätze wie diese durch den Kopf gehen: Keine Sorge, ich werde dich nicht weiter behelligen. Dich nicht belästigen. Ich werde ab jetzt aus deinem Blickfeld verschwunden sein. Nur keine Sorge.

Liebe Freundin, die du mich jetzt wieder angesprochen hast. Vor Jahren hab ich meine Besuche bei dir eingestellt. Du hast es nicht verstanden. Ich konnte es dir nicht erklären. Ich wollte dich nicht auf mich verpflichten. Du warst Teil meiner Routinen, meines sicheren Alltags – ich wußte plötzlich nicht mehr, ob das für dich ein Zwang ist. Du findest es schade, sagst du mir. Danke dafür. Vielleicht drehen wir das Rad ja wirklich wieder ein wenig zurück. Ich würde mich sehr freuen, ich habe dich auch schon vermisst.

Tja, und du? Mein Bekannter, der bis jetzt noch weder zum guten noch zum alten Bekannten geworden ist? Nach den ersten kleinen Schritten stehe ich plötzlich vor einer Wand. Die Wand ist aus Glas, und dahinter bist du, seid ihr. Manchmal scheinst du mich zu sehen, meistens nicht. Wie das kam? Du könntest es mir wohl erklären, du wirst es nicht. Denn: du willst nicht behelligt werden.

Und, wie gesagt: keine Sorge, du wirst es auch nicht.

„Krisis“ …

… laut Wikipedia aus dem Altgriechischen, in der Konnotation von „Bedeutung“, „Entscheidung“, „Wendepunkt“. So hab ich es in der Schule gelernt: am Beispiel der Krise im Theaterstück, die die entscheidende Wendung einleitet, mag sie ins Positive oder ins Negative führen.

Mein früherer Oberarzt, der mir damals im privaten Kontext auf meine angedeuteten Probleme antwortete: Krisen sind dazu da, durchgestanden zu werden. Damals begann ich erst, ihn zu verstehen. Ich war noch sehr darauf fixiert, daß eine Krise in jedem Fall etwas Belastendes und deshalb auch Schlimmes ist. Ich war enttäuscht über seine nüchterne Antwort und erwartete eher Aufmunterung und Bestätigung. War aber trotzdem beeindruckt und dankbar und spürte, er hat Recht, irgendwo.

Ganze Psychologierichtungen operieren auf der basalen Vorstellung, daß eine Krise, ein schwerer Konflikt oder eine Erkrankung zugleich eine Entwicklungsaufgabe beinhalten. Die Chance, jetzt etwas zu lernen, wenn auch im Schmerz, was einem gleichzeitig eine neue und stabilere Basis bietet. Eigentlich passiert das in den meisten Psychotherapien, ohne echte innere Not verändert sich kaum jemand. Und oft entsteht in einer Therapie ein „kritisches“ Gefühl, etwas wie: „Ohoh hoffentlich geht das noch gut“  – die Angst ist enorm hoch – und genau dann passieren wunderbare Wendungen.

Ja, und Gleiches hat mich die letzte Woche in Spannung gehalten. Weiß Gott oder der Teufel oder das Universum, wie ich noch schlafen und mich aufrecht halten konnte. Die Familie war am Zersplittern. An einem Tag dann waren wir alle überzeugt, es nicht mehr miteinander lösen zu können. Der Mann vollkommen am Ende seines Lateins mit unseren Aspergerkindern. Ich am Ende aller Vermittlungs- und Abgrenzungsversuche und selbst mutlos.

Morgens Endzeitstimmung und extremer Streit. Ich rief untertags an wegen einer zeitlichen Abstimmung und war erschrocken, ich erkannte die Stimme meines Mannes kaum wieder. Kam nach Hause, alles dunkel, jeder allein im Zimmer. Das war noch nie der Fall. Ich sprach mit jedem einzeln über die Situation. Versuchte, jedem Kind klarzumachen, was nun passieren konnte, riet dazu, selbst das Gespräch zu suchen, wenn sie Genaues wissen wollten. Und wunderbarerweise taten sie genau das: unabhängig voneinander, aber alle drei zugleich, versammelten sie sich beim Mann und sprachen. In Ruhe, entschlossen, eine Verständigung zu finden. Und schafften es, miteinander.

Ich glaube, das kann man nicht genug wertschätzen, vom Mann und vor allem von den Kindern: daß sie in der Krise ihre Verantwortung erkannt haben und über ihren Schatten gesprungen sind, es noch einmal zu versuchen, trotz der vielen Schrammen, die jeder sich schon geholt hat.

Für den Moment haben wir miteinander sehr viel gewonnen, und ich glaube, auch nachhaltig.

 

 

 

Über Mißbrauch

Letztens ging ich in die Arbeit und mein Blick blieb an einem Zeitungskasten hängen. Die mit VIER Buchstaben betitelte Zeitung schrie mich an, es habe einen Sex-Skandal beim Fußball gegeben.

Ich hab dann tatsächlich auf der Website versucht, herauszufinden, was los war. (Das 1.Mal auf der Website, ich schwöre…). 5 Artikel zum Thema, und außer daß jemand angeblich die Hosen 20sec unten hatte, und die anwesende Frau nicht wirklich etwas davon gemerkt hatte, war nichts herauszufinden. Aber beim Scrollen nach unten dann 2 Teaser mit sexualisiertem Frauenbild, einer handelte von einer gewissen „Yoga-Jordan“, im Bild auffällige Brüste im roten Trikot.

Es ist ja auch das aktuelle Interesse am Thema sexueller Mißbrauch, das nach Silvester plötzlich so wichtig wurde, schon wieder abgeflacht. Vorgeblich rief es ja Empörung hervor und Mitleid mit den betroffenen Frauen. Andersherum jedoch liefert es Rechts&Co noch immer einen (willkommenen) Anlass, die Aufnahme von Flüchtenden noch vehementer abzulehnen.

Kurz danach bin ich dann auf twitter auf einen interessanten Text aus der TAZ gestossen, von einer Frau, die mit einem Nordafrikaner in einer Beziehung lebt. Auch in der SZ auf der Seite Drei einen Hintergrundbericht zu den „Übergriffen“ bei den Regensburger Domspatzen gelesen. Da dieser online gerade nicht zugänglich ist, hier der Text zum Untersuchungsbericht. Er erinnert in der Beschreibung der Strukturen frappierend an die Berichte aus der Odenwaldschule. Und mich an sehr sehr viele Berichte, die ich von betroffenen Patient(inn)en gehört habe.

Und jetzt spukt es mir im Kopf herum, etwas zum Thema Mißbrauch zu schreiben, und ich lasse mich selbst überraschen, was da jetzt bei rauskommt…

Zunächst mal würde ich ja gerne trennen zwischen den Begriffen Übergriff, Mißbrauch und Traumatisierung.

Ein Übergriff ist eine strafrechtlich zu ahndende Handlung. Er wird durch die Tat an sich definiert und gehört angezeigt und verfolgt. Punkt. (Und das vermutlich noch viel öfter und schärfer als bislang möglich, siehe die Themen „nicht gewehrt bei Überraschungsangriff“, „zu leise nein gesagt“ oder „bandenmäßige Überfälle schon bekannt gewesen aber bisher nicht für wichtig befunden“)

Eine Traumatisierung ist dagegen eine spezifische psychische Reaktion. Sie hat mindestens ein subjektiv bedeutsames Trauma-Ereignis zur Voraussetzung, entwickelt sich aber nicht automatisch bei jedem, der ein solches erlebt. Deshalb ist es streng genommen nicht korrekt, bei allen Kriegsflüchtenden oder bei Menschen, die einen Übergriff erlebten, von „traumatisiert“ zu sprechen. Natürlich gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, es hängt aber auch von der Person und den Umständen ab, auch davon, wie eine Person nach einem Ereignis behandelt wird. Wird ihr geglaubt? Wird sie beschuldigt? Wird sie vor weiteren Schäden beschützt? Wie weit wird sie in einem Status der Hilflosigkeit belassen?

Ein Mißbrauch, sei er emotional oder sexuell oder Gewalthandlung, bemißt sich dagegen primär nicht nach der Größe des Ereignisses. Er wird definiert durch seine innere Dynamik. Ein Mißbrauch ist vermutlich bei einem „handfesten“ sexuellen Übergriff am leichtesten zu erkennen. Aber auch da verschwimmen die Grenzen manchmal, es läßt es sich streiten, ab wann ein Mißbrauch genau beginnt. Der junge Mann, der seine Freundin in der Kneipe demonstrativ abknutscht: mißbraucht er sie, um mit ihr anzugeben? Auch dann, wenn es sie gar nicht stört? Oder, ganz subtil: Fälle, in denen eine Frau sich schämt, Opfer gewesen zu sein. Schon ein Blick des Täters in ihrer Gegenwart genügt, sie „gefügig“ zu machen, brav zu sein. Auch wenn sie nie wieder angefaßt wird, wird sie weiter manipuliert und der Mißbrauch setzt sich fort.

Menschen, die irgendeine Art von Trauma verarbeiten, kämpfen oft hauptsächlich mit der Erinnerung und mit der Angst, die damit zusammenhängt.

Menschen, die (ob Trauma oder nicht) einen Mißbrauch verarbeiten oder überwinden wollen, kämpfen meist noch eine Ebene persönlicher. Für sie geht es um ihre Integrität, darum, sich wieder „menschlich“ zu fühlen und überhaupt wieder einen Zugang zu ihren Gefühlen und Meinungen zu haben. Denn Mißbrauch funktioniert so: Definitionen werden vertauscht. Täter schieben ihre Verantwortung an ihre Opfer ab, Nichts-Ahnende werden zu Drahtziehern erklärt, Gewalt- und andere Übergriffe werden dargestellt als „Versehen“ oder „nicht-so-schlimm“ oder „ist doch normal“ oder „ich weiß gar nicht was du hast“, Dinge werden vor dem kulturellen Hintergrund relativiert.

Und so passiert es dann, beispielsweise, daß …

… ich in der Zeitung lesen kann, daß Buben im Internat verprügelt wurden, und Herr Ratzinger sei lachend danebengesessen. Denn das „war halt damals so“ oder „das muß man doch, sonst greift die Erziehung nicht“. Mitgefühl hat da keinen Platz. Oder, vergleichsweise kleiner Vorfall Odenwaldschule: ein Schüler wird an einer Brücke gefesselt zurückgelassen. Weil die pädagogische Idee der freien Entfaltung und Selbstverantwortung mehr zählte als Leid und Pein des Schülers.

… ein Grundschulkind im kleinen Zimmer den Eltern den Rücken zukehren muß, solange diese Sex haben. Denn „man kann lernen, sich stillzuhalten“. Eine erwachsene Tochter vergewaltigt wird vom Vater, denn „Kinder haben hier gar nichts zu sagen, sei froh daß ich dir nicht wirklich was tu“.

Und und und.

 

Man kann sich als Nichtbetroffener schwer vorstellen, wieviel Mut dazugehört, sich als Mißbrauchs“opfer“ zu outen. Wieviel Kraft es braucht, sich aus der Schattenperson, deren Gefühle ignoriert und verleugnet wurden, zu lösen und zu sich selbst zu stehen. Noch mehr Mut und Stärke braucht es, mit den vielfach ungeschickten oder gedankenlos bis blöden Reaktionen Unbeteiligter darauf zurechtzukommen.

Das ist vielleicht mein Grund, das hier überhaupt zu schreiben. Denn in den ganzen Diskussionen, die ich nach Jahresbeginn verfolgt habe, habe ich kaum eine Stimme wahrgenommen, die auf Seiten der Opfer war: in dem Sinne, daß sie verständnisvoll oder hilfreich an ihrer Seite war. Gelesen habe ich: hysterisches Für-und-Wider, Menschen, die die Ereignisse instrumentalisieren und in ihrem eigenen Sinne interpretieren. Das allein macht mich wütend. Noch frustrierter bin ich über die ganz alltägliche Doppelmoral: Opfer medial zu inszenieren – wie im Zeitungsbeispiel oben. Ich nenne es so, auch wenn z.B. die abgebildete „Yoga-Jordan“ das freiwillig tut und ihr Geld damit verdient. Durch den Blick der Betrachter wird ein mißbräuchlicher Vorgang daraus, wird sie in den Köpfen der Leser verfügbarer, als sie in Wirklichkeit sein wollte. Und in einem erweiterten Sinne, also nicht mehr eng auf Mißbrauchs- oder Mißhandlungssituationen begrenzt, reagiere ich häufig unwirsch, wenn private wie öffentliche Diskussionen übereinander statt miteinander geführt werden, wenn Menschen über andere hinwegsehen und -hören, weil ihr eigenes Interesse und Wohlbefinden und Rechthabenwollen /Machthabenwollen wichtiger ist.

Vielleicht müßte ich mich auch gar nicht ärgern, vielleicht überschätze ich das Spiel, das da läuft, und alle anderen können es richtig einordnen. Ich trauere trotzdem um viel Leid, das damit unnötig entsteht, und muß mich in diesen Tagen richtiggehend gegen tiefen Pessimismus wappnen. Gegen die Angst, Menschlichkeit und Mitgefühl könnten in unserer Gesellschaft jetzt nicht nur subtil, sondern ganz manifest ausbluten.

 

 

 

Über Emotionen

Vor ein paar Wochen wachte ich durch das Geräusch eines Donners auf. Nein, das ist viel zu sachte formuliert. Kein „Geräusch“ wie Donnergrummeln oder –poltern. Sondern die Art von Donnerschlag, die unvermittelt einsetzt, sehr laut ist und kracht, als ob der komplette Himmel wie ein Bogen Papier zerrissen würde. Also nochmal.

Neulich riß mich krachender Donner aus dem Schlaf. Noch in der Millisekunde des Aufwachens träumte ich, mein Mann hätte mit der Hand auf den Tisch geschlagen.

Mein Mann ist nicht gewalttätig. Er ist impulsiver und oft lauter als ich; aber ich kann mich immer darauf verlassen, daß er sich nur momentan aufregt und daß ich nicht bedroht bin. Ich könnte gehen und warten, bis das „Gewitter“ vorbeigeht.

Mein Aufwachen und der Traum waren dennoch eine Art Triggermoment, so heißt das heutzutage. Etwas erinnerte mich an etwas anderes Erschreckendes. Nur für Momente, dann war ich „da“ und auch gleich wieder ruhig.

Ich habe über meine Gefühlswelt nachgedacht. Erst mal allgemein:

(1) Gefühle stellt man sich ja als passendes unterstützendes feature vor, das einem irgendwie im normalen Leben hilft. Als eine Art App, die eine gegebene Situation samt menschlicher Komponente bewertet und ein Farbsignal gibt, welche Emotion denn nun passt. Würde also mein Personalchef mich grantig ansehen und ins Büro zitieren, hätte ich wohl Angst vor negativen Konsequenzen, und zu Recht.

(2) Das geht aber auch andersherum. Manchmal ist z.B. der Anspannungs-Entspannungsrhythmus nach langen Streßphasen durcheinander. Kaum ist man im Urlaub, bekommt man z.B. auf der Autobahn Herzklopfen. Man deutet es als Panikattacke, weil man irgendwie automatisch einen plausiblen Grund sucht für das Herzrasen. Fühlt sich halt an wie Angst. Kenn ich als Psychologin aus vielen Fallgeschichten.

So.

Mit der Variante (1) komm ich mal mehr, mal weniger gut klar. Altbekannt: als Asperger-Autistin erkenn ich nicht nur Gesichter schwer, sondern (vor allem bei Ablenkung oder wenn es schnell geht) brauch ich länger, um Mimiken gut einzuschätzen. Ich spüre oft besser zwischen den Zeilen, als an der Mimik abzulesen. Weiß nicht, wie, aber das funktioniert sehr gut. Manchmal denke ich auch, daß ich eine andere Zeitwahrnehmung habe. Aber ich hab gute Ersatzstrategien. Problematisch ist es für mich nur, wenn mich ein Gefühl einer anderen Person völlig überrascht, weil sie sich z.B. verstellt. Oder das Gefühl für mich komplett unlogisch oder unangebracht ist. Dann hab ich gelernt, nicht zu debattieren und dadurch Situationen zu verschlimmern. Ich akzeptiere erst mal, wie es ist.

Ich verstehe seit einigen Tagen allmählich, daß die Variante (2) eigentlich mein Problem ist. Zum Beispiel durch das Erlebnis beim Gewitter. Ich verstehe, daß lautes Sprechen /Schreien, schnelle Bewegungen oder laute Geräusche, wie sie z.B. beim Schlagen auf einen Tisch entstehen, mich für sich genommen schon in einen Ausnahmezustand versetzen können. Ganz unabhängig vom Inhalt. Weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Wie ist das? Als ob man hinterrücks einen Kübel Mist drüber geschüttet bekäme. Erst mal muß man Luft schnappen, erst mal atmen, um reagieren zu können. Eine Art Panik oder zumindest tiefes Erschrecken, im Grunde genommen Orientierungslosigkeit. Was auch sein kann: Zittern, Herzklopfen, Übelkeit. Dann muß man sich orientieren, was denn los ist. Hier mach ich oft falsche Interpretationen. Ich ziehe alle Arten von Erklärung heran und kommuniziere sie und mach alles mit jedem Wort komplizierter. Denn meine heftige Reaktion ist hauptsächlich sensorisch bedingt, also durch meine (in NT-Maßstäben) sensibilisierte Reizverarbeitung und weniger durch den Anlass. Dann erst, wenn geklärt ist, daß es sich um einen Kübel Mist handelt, kann man eigentlich adäquat reagieren: auf den Mist und den „Täter“.

Daraus folgt für mich, daß ich viel, viel öfter als bisher Streitsituationen beenden muß. Ich muß mir viel öfter als jetzt das Recht herausnehmen, mich zurückzuziehen. Ich muß und soll mich schützen vor dieser Lautstärke und vor dem Plötzlichen. Ich muß und ich darf mich schützen davor, mich in Panik in völlig destruktive Streits hineinziehen zu lassen. Ich hab eine sensiblere Wahrnehmung, und ich möchte und werde darauf Rücksicht nehmen. Ich bin es mir schuldig, mich selbst zu disziplinieren. Es ist so viel einfacher, sich in Vorwürfe und Gegenvorwürfe zu verstricken. Denn dabei kann man so gut Märtyrer sein. Es ist schwerer, sich selbst zu erkennen und sich zurückzuhalten, um seiner Seele mehr Frieden zu gönnen. Meine Gesundheit und mein Selbstwert werden es mir danken!!!

Ehrlich, das war mir bis jetzt nicht bewußt!

 

Ich vermute, ich teile diese Gefühlslandschaft mit anderen Autisten?