Saat der Gewalt

Noch ein Attentat.

Wieder Menschen, die am Tisch sitzen, den Kopf schütteln und mich fragen, wie krank ein Mensch sein muß, der auf wildfremde Mitmenschen losgeht. Wieder die Diskussion, inwiefern der Islam schuld ist, inwiefern und wie man Fremde aufnehmen kann, und was alles schiefgelaufen ist.

Natürlich, in allen Gesellschaften, überall, wo Menschen miteinander leben, ist körperliche Aggression sanktioniert. Mord steht außerhalb jeder Norm, ob mit dem Präfix „Selbst“ kombiniert oder nicht.

Jemand, der den Schritt zur Tat macht, der sich entschließt, zu morden, muß in aller Augen also „krank“ sein. Er ist es auch. Krank heißt ja nun mal, außerhalb der sozialen Übereinkunft.

Wenn es nur so einfach wäre.

Wenn „krank“ nur nicht suggerieren würde, es gäbe entweder krank oder gesund, und es gäbe keinen Weg hin und zurück. Der Begriff „krank“ wird nicht nur zur differenzierenden Beschreibung genutzt, er soll dem gesunden Benutzer des Wortes auch versichern, daß er richtig ist und auf der guten Seite, und dort auch sicher verweilen kann. Keine Gefahr. Strafe und Ächtung drohen nur den anderen, den „Kranken“. Wie beruhigend. Und wie falsch.

Denn die Saat der Gewalt liegt in uns allen. In jedem, der über andere sich erhebt, der verächtlich mit anderen umgeht. Der Verletzungen verursacht und dies für richtig befindet. Der Ungerechtigkeiten akzeptiert, weil er einige Menschen für wertvoller und verdienter als andere hält. Aggression und die Fähigkeit, sich zu schaden, liegen in jedem von uns.

Ich selbst gelte als extrem ruhig und besonnen, als friedfertig. „Magic“ wird mir hinterhergeraunt. Aber ich habe auch schlechte Tage. Dann ertrage ich z.B. die Stimmen der Nachbarn nicht. Die lachen nur, die haben Besuch und freuen sich. Sie mißachten keine Regeln,  sie schaden niemanden. Würde ich am Zaun winken, würde ich vielleicht sogar eingeladen. Aber manchmal macht mich ihr Lachen aggressiv. Dann, wenn ich mich unsicher fühle, ausgeschlossen, von vornherein außen vor. Dann kommt es vor, daß ich Profilbilder auschaue, solche von normalen und hübschen Frauen. Weil ich einen Weg suche, mir zu bestätigen, daß ich auch dazugehöre, weil ich meinen Platz suchen und spüren will. Manchmal bin ich auch versucht, in die oben genannten Pauschalisierungen mit einzustimmen, weil ich nicht ausgegrenzt und für verrückt erklärt werden will. Die Gesellschaft rückt, nein, springt herzhaft nach rechts, und ich ertappe mich, bestimmte Gedanken als akzeptabel zu betrachten, damit ich dazugehöre.

Sicher ist das Gefühl der Ausgrenzung, der Chancenlosigkeit nur ein schwacher Widerschein der Dynamik, die manchen Amokläufer und Attentäter umtreiben mag. Sicher, um zur Tat zu schreiten, muß man sich auf eine Eskalation eingelassen haben, und Alkohol, Drogen, (religiöser) Wahn oder alles miteinander geben den letzten Impuls, sie öffnen erst das Tor zur Tat.

Alle die oben genannten Menschen an meinem (virtuellen) Tisch: sie sind erleichtert, gesund und ohne Schuld zu sein, richtig im Kopf, untadelig. Könnten sie sich nur zu ihrer inneren Widersprüchlichkeit bekennen, zu ihrer Verletzlichkeit.

Wieviel menschlicher könnte plötzlich alles sein.

 

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Gedankensplitter /Eintauchen

Ja, manchmal kann entschließe ich mich auch, eine Anstrengung freiwillig auf mich zu nehmen, von der ich zuerst nicht weiß, wie ich sie überstehen soll.

So war ich kürzlich in einem Vortragsabend. Dem Kind zuliebe, das daran beteiligt war. Es war sehr heiß gewesen, keine Lüftung,  ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir und leichte Migräne. Aber es war ausgemacht, also ging ich hin.

Ich fand mich wieder in einem Bad aus Seelenfrieden, so es denn so etwas gibt.

Ich kam an, und ich fand viel Vertrautes vor, und nichts davon war ärgerlich oder ängstigte mich, nichts davon strengte mich an. Ich tauchte einfach ein.

Ich trat ein und ließ mich am Beckenrand nieder, neben vertrauten Gesichtern. Andere sah ich hier und da und grüßte. Der Veranstaltungsleiter erkannte mich wieder und lächelte mir sehr freundlich zu. Das Kind konnte ich loslassen. Ich war da, das reichte, alles andere machte es selbst. Das Wasser bewegte sich sachte, eine schon vorher dutzendfach erlebte Abfolge von Ansagen und Darbietungen, wie sachte Wellen.

Musik, und das banale Wort kann nicht wiedergeben, wie ich mich getragen fühlte. Als ob ich toter Mann spielte. Ich saß und hörte, erkannte wieder, erinnerte mich, wie schön Musik ist und wie schön es wäre, wieder selbst mehr zu musizieren. Und natürlich betrachtete ich die Unterwasserwelt, sah ruhige gleichmütige Wale, vielfarbige Barsche, einen Hai, der sich zu meiner Überraschung in einen Delphin verwandelt hatte, viele wuselige Kleinfische, und einige prachtvolle Oktopusse, die souverän ihre intensiven Farben und Bewegungen demonstrierten.

Ich stieg aus, schüttelte das Wasser ab und machte mich erfrischt auf den Heimweg.

Alles ganz normal

Eine der kurzen, nur minutenlangen Sequenzen, die trotzdem für mich alles aussagen können.

Sonntag vormittag, alle im Haus verteilt. Ich höre Stimmen im Garten, eine Sekunde später kommt mein Mann mit einem älteren Bekannten herein, der etwas zurückbringt. Mein Sohn, der mich gerade ansprechen wollte, ringt sich noch ein „Hallo“ ab, ehe er elegant und als ob er es eh vorgehabt hätte, um die Kurve biegt und die Treppe hoch verschwindet. Der ältere Bekannte, der kurz stutzt und sich etwas darüber lustig macht. Immerhin, er ruft keine Bemerkung der Art „als ich so alt war wie du, konnten wir uns noch benehmen“ hinterher. Ich, die ich froh bin, daß er mich bei der Hausarbeit antrifft und so einen erwünschten Eindruck hinterlasse. Mein Mann, der ihn gleich etwas Technisches fragt, denn er ist ein „Machler“. Einer der handwerklich Versierten, die hierzulande jede Familie in der Hinterhand hat, um sich in allen Lebenslagen zu behelfen. Die Kinder in den Zimmern, so lange sie seine laute Stimme hören, bleiben sie dort auch, mit Sicherheit. Drei Minuten später ist alles erledigt, er verabschiedet sich.

Alles normal, so weit? Wir die Aliens, die ihm mit Müh und Not eine für ihn kompatible Fassade anbieten können? Denn obgleich er mit unserer Familie gut bekannt ist, habe ich weder ihn noch seine Frau jemals irgendwie andeuten hören, etwas sei nicht in Ordnung. Nein, alles ganz normal. So wie es sein soll.

Doof nur, daß ich weiß, daß auch andere sich über seine ruppige Art aufregen, über seine manchmal distanzlosen Kommentare. Daß seine Frau ein TV-Junkie ist, die ihr Leben scheinbar in der Öffentlichkeit verbringt, aber mit großer Erleichterung die Tür hinter sich und ihrer Küche zumacht, um zu sein, wer sie ist. Daß ich weiß, daß er sich darum sorgt, aber nichts daran ändern kann, er also mit seiner Sorge neben ihr her lebt. Und selbst aufblüht, wenn er einmal im Jahr mit Kumpels in Urlaub fährt.

Kommt das so an, als fände ich ihn unsympathisch? Das wäre schade, denn im Gegenteil, seit ich ihn mit leuchtenden Augen über seine Urlaube habe sprechen hören, ist er mir sehr sympathisch. Und dankbar für seine technische Hilfe bin ich sowieso.

Aber es ist einer der scheinbar unausweichlichen Momente, wo ich mir wünschen würde, die „normale“ Fassade hätte nicht so eine große Bedeutung. Mir würde das das Leben erleichtern, ich müsste nicht so oft einen Schlingerkurs hart an der Verleugnung vorbei fahren. Offenheit ist so viel leichter, energiesparender. Offenheit ist ja etwas anderes als Schroffheit. Und auch ihm und seiner Frau, wäre es für sie nicht auch leichter, sich selbst unangenehme oder „peinliche“ Dinge zuzugestehen?

Ich kann nachvollziehen, warum sie lieber die „Alles ganz normal“Tour wählen, gerade in ihrer Generation. Es ist trotzdem einer der kurzen, aber intensiven Momente, wo ich gern ein kleines autistisches Stückchen von mir verschenken würde…

Präventives Auskotzen…

… bevor die Draussen-Saison richtig losgeht… Vielleicht hilft es ja, wenn ich mich jetzt schon über alles ärgere, dann bin ich schon mal darauf eingestellt und kann nur noch positiv überrascht werden?

Eine Nachbarin arbeitet dieser Tage oft im Vorgarten. Wenn ich vor die Haustür gehe, kann ich sie fast nicht ignorieren. (Ich versuche es doch, muß ich zugeben…). Zufällig hatten wir einen Prospekt, den sie gerade brauchen konnte. Also dachte ich, sei nicht unsozial, bring den schnell rüber.

Um dann eine Viertelstunde am Gartenzaun festgetackert zu sein, und keinen höflichen Weg zu finden, wieder wegzukommen. In dieser Zeit habe ich mich von Minute zu Minute mehr aufgeregt, und als mein Mann mich später lobte für meine spontane Kontaktpflege, habe ich mich noch mehr aufgeregt.

Wie das sein kann, wegen so einer Lappalie? Ihr müsst wissen, die Nachbarin ist eine nette Frau mit sympathischen Ansichten, die Wert auf ein gutes Auskommen legt. Ich mag sie auch. Nur jetzt stand ich da und wälzte einen Gedanken: Warum gilt ihr Verhalten als normal, als „eigen“, aber nett, warum muß ich ihr Verhalten so akzeptieren, wie es ist – andersrum muß ich aber mein eigenes Verhalten ständig hinterfragen, und darauf achten, daß ich nicht zu seltsam wirke?

Die Frau redete nämlich ohne Punkt und Komma, immer in einem lehrerhaften, besserwisserischen Ton auf mich ein. Fing immer wieder von neuen Themen an, ließ mich keine Sekunde aus den Augen, und reagierte nicht auf meine eingestreuten „Gut, dann“s und mein halbes Wegdrehen, mit denen ich klarmachen wollte, daß in der Küche Arbeit auf mich wartet.

Ich empfand die hohe, etwas quietschige Stimmfrequenz und den dauernden Blickkontakt als sehr unangenehm. Aber wäre ich etwas abrupt gegangen, gälte ich wieder mal als unhöflich. (Gelte ich wahrscheinlich eh schon, denn sehr sinnvolle oder interessierte Gesprächsbeiträge sind mir nicht eingefallen.)

Aber so geht hierzulande „höflich“ und „umgänglich“:  in Kauf nehmen, als normal betrachten, aushalten, höchstens hintenrum schimpfen. Nachbarn, die so laut reden, daß ich drei Gärten weiter die Unterhaltung verstehe. Laute, nörgelige, penetrante Stimmen. Der Nachbar, der hundert Mal an einem Nachmittag hin und her läuft, röchelnd und räuspernd, und umständlich sein Fahrrad repariert. Nachbarn, die hinter der Hecke drei Meter von mir entfernt still und ausdauernd Rasenkanten trimmen und dabei alles von mir mitbekommen, was ich wie rede, um mich dann beim nächsten Treffen wie zufällig darauf anzusprechen. Nachbarn, die einem im Gespräch dauernd ihre Begeisterung für was auch immer antragen und kein Verständnis und keine Toleranz für den eigenen way of life entgegenbringen. Die mir ungefragt Erziehungsziele mit auf den Weg geben. Die sich scheinbar einig sind, was „man“ alles wie handhaben muß, anders „kann“ es ja „gar nicht sein“, denn „wie soll es denn anders gehen?“.

Ich liebe meinen Garten, und ich würde liebend gerne mehr persönlichen Umgang mit den Nachbarn pflegen, würde es mir nicht jetzt schon, zu Beginn des Frühlings, wieder gegen den Strich gehen, daß ich dafür meine eigenen Wertmaßstäbe und Vorlieben hintanstellen muß. Ich weiß, ich muß ein Gutteil meiner selbst verstecken oder damit klarkommen, abgelehnt zu werden.

Ist so, bleibt so. Etwas anderes erhoffen, schadet mir.

Gestern war Welt-Autismus-Tag (der heißt doch so?!),  auf Twitter wogte eine Debatte hin und her, wie wir Autisten uns zu diesem Tag verhalten sollen: uns ganz laut und präsent einklinken, oder aus Protest gegen diverse Organisationen „laut und hörbar“ schweigen. Ich weiß nicht, welchen Unterschied es wirklich macht? Daß der professionelle Umgang mit Autisten von Lehrern, Erziehern, Therapeuten etc. besser wird, ist natürlich extrem wichtig und da glaube ich an einen Einfluß der Aktivisten, unbedingt. Aber privat glaube ich, wird die oben beschriebene Schieflage bleiben. Da muß jeder als Einzelkämpfer seinen Weg finden.

Wieder einrichten

Twitterte ich neulich, daß ich leider, leider nicht zum hiesigen Faschingszug gehen kann, weil ich Geburtstagsvorbereitungen treffen muß. Stimmte auch. Auch mein Mann ging nur jemand anderem zuliebe hin, ohne wirklich Spaß daran zu haben.

Ich müsste mir also gar keinen Kopf darum machen, ich hab die Zeit zuhause gut ausgenutzt.

Aber zu sagen, alles in Ordnung, alles kein Problem, wäre zuviel gesagt. Denn traurig war ich zuhause trotzdem. Ich bin in letzter Zeit sehr in die Inaktivität gerutscht, auch zuhause. Ich war länger krank (also, für meine Verhältnisse), es gab viel Streit und Stress an mehreren Stellen, mit dem ich mich auseinandersetzen musste. Und immer kamen Dinge dazwischen. Das Resultat: ich hab viel von meiner Struktur außer Haus verloren, war nur noch zuhause, und dort immer ideenloser.

Andersrum bin ich aber auch nicht depressiv. Es mag nach außen hin so aussehen, ja. Aber Depressionen entwickeln sich, wenn ein Sinnlosigkeitsgefühl da ist, dem man immer mehr nachgibt.

Das kann ich nicht von mir sagen. Ich hab mich aus oben genannten Gründen mehr zu Hause aufgehalten, nicht weil es mir sinnlos oder irgendwas erschienen wäre, im Gegenteil. Ich sehne mich nach der Zeit vor ein paar Monaten zurück.

Es fällt mir nur sehr schwer, mich jetzt wieder darin einzurichten, den alten Kurs wieder einzuschlagen. Dabei geht es mir noch gut, ich habe eine Familie um mich, die mich unterstützt und mich motiviert. Aber mir fehlt der Freundeskreis, die beste Freundin, die Sporttruppe, der Stammtisch. Daran hat mein Autismus wieder mal großen Anteil.

Wenn ich mich z.B. in den Sportkurs aufmachen würde, oder auch wenn ich mit Bekannten essen gehen würde, müßte ich mich vorher darauf einstimmen. Ich müßte mir sozusagen eine passende Persona aus dem Schrank holen und aufsetzen. Das geht ganz unwillkürlich. Ganz ungefiltert kann ich dort nicht sein. Nicht, ohne kritisiert zu werden, schief angeschaut zu werden oder ohne daß jemand mir Hilfe aufdrängt. Das braucht Kraft und geht kaum spontan.

Und ich muß allein. Es gibt eben keine Bekannte, die nachfragt, keine Freundin, die mich auffordert, wieder zu kommen. Es gibt nicht einmal das Gefühl, jemand registriert meine Abwesenheit. Das ist grob übertrieben, schon klar. Natürlich registriert es jemand. Natürlich freuen sich Menschen, mich wieder zu sehen.

Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Das weiß ich erst, wenn ich mich wieder allein aufgerafft und wieder in meine alten Bahnen begeben haben werde.

 

 

Quickshot /Nichts gewußt

Es geht rund in den sozialen Medien: täglich kommen dutzendfach Appelle bei mir an, Erinnerungen, Warnungen. Alle beziehen sich auf politische Gefahren. In meiner TL hundertfach Voraussagen, die Situation werde sich in Deutschland, anderswo in Europa, und jetzt auch !!! in den USA, zwangsläufig in Richtung Faschismus bewegen. Parallelen werden gezogen, Dokumente verbreitet, Zeitzeugen herangezogen.

Über  all dem liegt der Appell: „Jetzt hinschauen! Nie wieder soll eine Generation sagen können, sie habe nichts gewußt!„.

Ich habe mir im Schnelldurchlauf überlegt, ob ich irgendwo in meinem Leben schon einmal mit dieser Behauptung konfrontiert war. Ob Verwandte, Bekannte,  auch Patienten mich je bekümmert angesehen haben und mir erklärt haben, sie hätten im 3.Reich leider nichts wirklich mitbekommen.

Das erste, was mir einfällt, sind meine Kinder zu Besuch bei sehr alten Verwandten. Sie haben eben rausgefunden, daß ihr Großvater im Weltkrieg gekämpft hat und interniert war, und sie fragen ihn aufgeregt und ohne Scheu aus. Er antwortet auch ohne Scheu.

Kurze Sequenzen, als das Gespräch mit älteren Verwandten auf die Nazis kommt, weil (damals) die Republikaner durchstarteten oder es (heute) um Flüchtlinge geht.

Dann fallen mir viele einzelne Begegnungen mit den Personen ein, die mir in meinem Arbeitsleben ihre Erinnerungen erzählt haben. Sporadisch und kurz früher, im Altersheim, häufiger und ausführlich in den letzten Jahren, wenn alte Patienten mit mir als Psychotherapeutin ihre Lebensgeschichte Revue passieren ließen.

Was ich nie gehört habe, war eben dieser Satz: „Ich/wir habe(n) von nichts gewußt.“

Was fast immer der Fall war: die Menschen erzählten mehr oder weniger freimütig und offen über ihr eigenes Leben. Sie kamen auch immer auf die Sache „mit den Juden“ zu sprechen. Nur wurden ihre Berichte immer einsilbiger und diffuser, je mehr es um die Vernichtungspolitik ging. Sicher, weil das meist Dinge waren, die sie selbst nur gehört hatten und nicht selbst erlebt. Auch sehr wahrscheinlich: weil diese ganze Gesellschaft noch nicht gelernt hat, über den Rassen- und Vernichtungswahn zu sprechen. Die dazugehörigen Taten direkt zu benennen, und die eigene Beteiligung noch dazu. Sie hat es nicht gelernt, Entnazifizierung und Demokratisierung zum Trotz. Nein: die meisten Menschen wissen hier gar nicht, wie das geht, daß es überhaupt geht, über Dinge zu sprechen, die wehtun, die Horror auslösen, und die einen verletzlich und angreifbar machen. Man versuche, mit einem beliebigen älteren Mann über etwas zu sprechen, was er falsch macht: Hölle! Vorwurf! Gegenschlag! Man versuche, Schmerz und Trauer in ein „normales“ Gespräch zu holen: Flutsch, weg, schnell zum nächstbesten Allgemeinplatz gesprungen.

Was ich daher in Gesprächen über Deutschlands Vergangenheit immer erlebte: einen ganz bestimmten, bedrückten und beschämten Gesichtsausdruck. Ein Gesicht fällt buchstäblich in sich zusammen, in die Ausdruckslosigkeit, die Mundwinkel zittern zaghaft. Die Stimme, die sagt „als sie die Wohnung des Juden geleert haben“, ist vernuschelt, leise, und bedeutet: „Darüber sprechen wir jetzt aber nicht wirklich weiter!“. Die Augen gucken nicht direkt zu Boden, sie gucken gleichzeitig zur Seite. Stille. Schweres Atmen. Entkommen wollen, in ein anderes Thema.

Und eben diesen Gesichtsausdruck und diese Art, zu verstimmen, finde ich oft, wenn Menschen Ungerechtes oder Peinigendes angetan wird. Sei es, jemand erzählt, wie er Zeuge  von einem aktuellen Mobbing wurde, sei es etwas Schlimmeres, sei es „nur“, daß man erzählt bekommt, wie ein Kind geschlagen oder runtergeputzt wurde. Oft dieses Wegsehen wollen, nicht darüber sprechen können. Weg kommen die Menschen dann oft mit der Bemerkung: die Beteiligten werden schon selber wissen, sie müssen sich selbst kümmern. Oder jemand anders muss sich kümmern. Irgendwer, nur nicht der, der gerade erzählt. Privat ist privat.

So erlebe ich es oft.

Aber: nicht immer! Bei weitem nicht. Das gibt mir Hoffnung. Und damit habe ich zwar hier ausführlich erklärt, daß meiner Erfahrung nach das Bekenntnis „Wir haben nichts gewußt!“ eher selten ist. Der Folgerung „Seht hin! Augen auf, Ohren auf, Mund auf, so oft ihr könnt!“ schließe ich mich dagegen voll und ganz an.

Quickshot /Kleines Lob , nur leicht vergiftet

Herzlichen Glückwunsch, Herr Trump! Sie haben Ihr Ziel erreicht! Toll haben Sie das gemacht, fantastisch! GREAT!

Nie sah die Welt einen amerikanischen Präsidenten, der es ernster meinte und seine Aufgabe entschlossener anging als sie.

Nie sah die Welt einen furchtloseren amerikanischen Präsidenten.

Sie haben es wahrlich allen gezeigt! Sie haben gezeigt, daß ein handlungsfähiger Mann jederzeit tun kann, was getan werden muß. Und Sie haben gezeigt, daß dieser Mann nicht auf Bestätigung warten muß. Was richtig ist, ist richtig. Nicht wahr?!?

Jeder auf dieser und auf den künftigen Welten weiß jetzt: Ja! Donald Trump meint es ernst! Er ist kein Schwächling und kein Weichei, er ist der Größte. Der Beste. Der Anbetungswürdigste.

ER KANN ES!!!

Sie brauchen niemandem mehr etwas beweisen, niemals mehr…

Jetzt können Sie zufrieden abtreten. Den restlichen Kleinkram können die erledigen, die dafür geschaffen wurden. Früher oder später wird ein Idiot sowieso ihr wunderbares Werk beschädigen, so ist die Welt. Aber jetzt gerade strahlt es so schön.

Lehnen Sie Sich zufrieden zurück und betrachten Sie es.

Ihnen wird der Nachruhm auf ewig bleiben. Und die Möglichkeit, sich zu Dagobert Trump, dem reichsten Ent…äh Mann der Welt weiterzuentwickeln. Wir sind schon sehr gespannt darauf, ob Sie das wohl auch hinbekommen? Einmal on top der Forbes-Liste? Das wird kein Zuckerschlecken, das wird ein harter, harter Job – aber hey, wer soll das schaffen, wenn nicht SIE?

 

Quickshot /Fels in der Brandung

Jetzt muss ich doch ein kleines Etwas von Verärgerung loswerden.

In der Schule geht es jetzt richtig in den Herbst, das Schuljahr legt den 5.Gang ein. Schulaufgaben, Projekte, Elternabende. Letztere sind bei wenigen Eltern beliebt. Und ja, der erste Elternabend dieses Jahr war anstrengend, am falschen Tag und ewig lang. Ich versuche zu ergründen, was mich darüber hinaus störte. Nicht das Übliche, der erzwungene Kontakt oder so. Das war locker, sogar angenehm. Ich mag die Lehrer dort, mit dieser Schule kann man gut auskommen. Und der Sozialkater hinterher ist mir Autistin nichts Neues.

Eher störte die Tatsache, dass ich dort saß und mich langweilte. All die gut gemeinte Information ging an mir vorbei, ich dachte nur: warum soll ich das wissen? Warum können die Kinder das nicht selbst regeln? Für wen ist das hier alles? Und die ärgerliche Antwort: weil ein paar Eltern das geil finden. Weil sie um jeden pädagogischen Furz ringen wollen, weil sie verlangen, dass die Lehrer sich vorzeigbar darstellen und ihren Kotau machen. Daher gefühlte 20 parallel strukturierte Reden. Auch werden diejenigen Kinder, die ebensolche stromlinienförmige Beiträge bringen, bestaunt.

Mir fällt ein TV Beitrag ein, in dem eine Frau sagte: “Wozu hat man dann Kinder, wenn man nicht alles für sie tun will? Wenn man nicht versucht, ihnen perfekte Bedingungen zu bieten?“.

Nein Zefix. Deswegen hab ich jedenfalls keine Kinder. Ich kann gar nicht genau sagen, warum ich welche habe. Sie waren erwünscht und sie sind gekommen…

Vielleicht ist ja andererseits etwas Wahres dran, vielleicht sollte ich mehr “helikoptern“? Meine Kinder verlangen gar nicht danach, sie fühlen sich nicht benachteiligt. Natürlich wissen sie, daß andere Eltern mehr “soziale Power“ haben. Aber sie wissen auch: wenn sie Hilfe brauchen, können sie auf mich und den Mann zählen, dann tun wir, was wir können. Ich war mit meiner Meinung auch nicht allein. Die Eltern, die ich kenne, saßen neben uns und ihnen ging es ähnlich wie mir. 

Aber der Trend  geht insgesamt in diese Richtung, selbst an unserer Dorfschule. “Du sollst nach dem Optimum streben. Du sollst auch deine Kinder dazu anhalten. Du sollst Fehlern vorbeugen. Du sollst den Kindern beibringen, Vitamin B zu aktivieren und erst zu fragen, dann zu handeln. Und bedenke: es gibt immer jemanden, der etwas besser kann als Du! An dem orientiere dich!“ 

Nein danke, das ist mir alles zu konform… zu wenig selbstbewusst…zu risikolos?

Ich hätte nie gedacht, daß ich das mal schreiben würde…

Buch&Welt

Der erste Autist, von dem ich außerhalb meiner Familie erfuhr (von dem abgesehen, der das Thema zufällig indirekt ins Rollen brachte, aber das ist eine ganz andere Geschichte) war Peter Schmidt. Ich stiess auf einen Bericht in der Geo, und las dort darüber, wie er in seinem Studium auf Expeditionen unterwegs war. Auf seine eigene, exakt geplante Art und Weise, aber doch. Und momentan lese ich gerade die  Autobiographie eines Autisten: auch einer, der viel gereist ist, viel Radtouren unternimmt, viel Sport treibt. Immer irgend einen Freund in der Gegend hat, mit dem er etwas unternehmen kann.

Ich bewundere das. Für mich war mein Autismus immer verbunden damit, irgendwo in sicheren Grenzen zu sein, in einem überschaubaren Raum. Auch damit, allein zu sein. Vielleicht aber spielt da die familiäre Prägung doch eine Rolle. Alles, was außer Haus passiert, mußte und muß ich mir allein erschließen.

Ich erinnere mich: während meines ersten Arbeitseinsatzes rüffelte mich ein Oberarzt, weil ich einen arabischen Patienten zu „neutral“ behandelte: „Da muß man doch darauf zugehen! Sich dafür interessieren!“

Naja, es war ja nicht so, daß mich die Welt dieses Patienten nicht interessiert hätte. Aber ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, daß ich ihn befragen kann. Damals.

Und was liegt nun nahe, wenn man einen unterbeschäftigten Kopf, aber wenig Möglichkeiten hat und noch weniger Mut und Kompetenz, in der grossen weiten Welt etwas zu lernen? Richtig, man beginnt eine intensive Beziehung zu Büchern.

So viele schöne Erinnerungen zu diesem Thema. Als Kind las ich jedes Buch im Regal meiner Eltern, die (Eduscho) Kunstbände, die Aufklärungsbücher. Bei Verwandten Romane im Reader`s Digest. Billige Teile, aber ein großes Entdeckerabenteuer für mich. Was für ein Glück, daß mich niemand aus pädagogischen Gründen davon abhielt, den Weißen Hai oder Quo Vadis zu lesen. Die Buchhandlung der alten Frau, mit der Riesendogge unter der Theke. Die Buchhandlung mit den Zeitungen und den tollen Stiften. Grosse Augen im Hugendubel, das erste Mal in der grossen Stadt. Noch größere Augen in der Staatsbibliothek. Die Zeit, als ich in der Bibliothek jobbte und mich durch die Medizinerbücher blätterte. Später dann freundschaftlich verbunden mit einer Buchhändlerin und Einblick in Bücher, an denen ich sonst vorbeigelaufen wäre. Und und und.

Das Klischee besagt „Bücher eröffnen neue Welten.“ Damit konnte ich nie etwas anfangen, das war mir immer ein komischer, aufgeblasener Satz. Ich wollte ja nie in eine neue Welt. Ich wollte in meiner sicheren Welt bleiben.

Dabei ist es genau so, wie das Klischee sagt. Und wenn ich nun sage, ich bin jetzt mittlerweile genauso glücklich,  wenn sich mir Menschen wie Bücher öffnen? Jetzt, da ich mit ungleich mehr Menschen in Kontakt komme. Und nicht mehr davor zurückscheue, zu fragen? Wenn ich sie lesen darf, und nicht nur den Einband, sondern auch ihre Historie und Fußnoten kennenlernen darf? Vielleicht denkt jetzt der ein oder andere Leser: typisch Autist, behandelt Menschen wie bedrucktes Papier. Aber das ist gar nicht gemeint. Was ich gern teilen möchte, ist meine Vorstellung: Menschen öffnen, wie man ein Buch aufklappt oder eine Tür öffnet. Schicht um Schicht kennenlernen. Wissen, daß da immer ein Eck bleibt, das nicht zu entziffern ist oder zwischen anderen Seiten versteckt bleibt.

Vielleicht behandele ich Menschen wie Bücher.Vielleicht trifft auch das Gegenteil zu? Vielleicht behandel ich Bücher wie Menschen? Fühle und leide mit ihnen?

Wer weiß das schon?

 

Gedankensplitter /Alte Freunde

Facebookpostings. Manchmal auch auf Twitter. Jeden Tag mindestens eines mit dem Inhalt: „Gute Freunde sind…“. Es wird das Hohelied der Freundschaft gesungen, sich gegenseitig annehmen, Freud und Leid teilen, sich jeder(!)zeit anrufen können, sich jederzeit um den anderen kümmern. Oder: wenn du mein wahrer Freund bist, wirst du dieses teilen!

Das sind die Posts, die ich sofort ignoriere, sobald ich sie erkannt habe.

Nicht nur, weil ich dank  meines Berufes weiß, wie vielschichtig das ist und wie wenig es „wahre“ Freundschaft gibt, genauso wenig wie „naturgegebene“ Mutterliebe.

Ich habe solche Freundschaften nicht. Ich hatte solche auch noch nie. Als Mädchen mal eine sogenannte beste Freundin. Die Freundschaft bestand daraus, daß ich sie immer besuchte und mich anpasste. So lange, bis es bei mir nicht mehr ging. 2 Jahre später war sie mir sehr fremd geworden und ich erlebte zum 1.Mal Verwunderung darüber, wie ich etwas so lang habe aushalten können.

Was nicht heißt, daß ich nicht immer wieder mich mit Menschen enger verbunden habe. Im Nachhinein fällt es mir schwer, das als „Freundschaft“ zu benennen. War ich für diese Menschen eine Freundin? Und wo genau ist der Unterschied? Haben wir nur ein Interesse geteilt, einen Lebensabschnitt, oder war ich als Person von Bedeutung? Naja, so gefragt, fällt mir der Irrsinn der Frage auf: wenn nicht ich, welche Person hätte damals dann von Bedeutung sein sollen?

Dazwischen liegt eine intensive Kinderphase. Jetzt sind aus den Kindern Teenies geworden, wir haben wieder viel mehr Spielraum. Aber die alten Freundschaften lassen sich nicht so einfach reaktivieren. Auch bei den anderen hat sich das Leben weiterbewegt. Und irgendwie müsste ein Funke überspringen, damit ich auch wieder regelmäßige Kontake aufnehmen könnte, also mich öfter melden, regelmäßige Treffen etablieren, gemeinsame Interessen wieder aufnehmen. Allein, mir fehlt noch entschieden die Kraft dazu.

Ob das bei anderen meines Alters wesentlich anders ist? Ich glaube, da wird viel idealisiert, und am Ende bleiben ein oder zwei Menschen, die einen als Person und seelisch intim kennen.

Ich habe nicht die sprichwörtlichen, oben zitierten Freunde, wo ich jederzeit anrufen, Unterschlupf finden oder mir Geld leihen könnte. Andererseits, ich habe viele Menschen, an denen ich mich orientieren kann, die mich mögen und im Hintergrund doch da sind. Ich weiß, wo ich es versuchen würde. Ich genieße es, in einem Raum zu sein (der darf auch virtuell sein…), wo mir bestimmte Personen Sicherheit vermitteln, auch wenn sie das gar nicht wissen. Es ist schön, Pläne zu haben, Vorstellungen, wen man mag, wen man ab und zu gern treffen würde. Und es ist schon auch schön, Menschen früherer Zeiten wenigstens sporadisch zu kontaktieren und gegenseitige Wertschätzung zu spüren, sich gegenseitig zu beobachten, wie man durch das Leben geprägt wird.

Alte Freunde.