Wiedererkennen /über G.Bakker „Jasper und sein Knecht“

(Achtung Spoiler)

Ich dachte ursprünglich nur: oh, ein neues Buch von meinem Lieblingsautor. Anscheinend überwiegend biographisch. Ich überflog den Klappentext nur und nahm es mit.

So kauf ich meistens Bücher: ich hab eins ausgelesen, jetzt muß schnell ein neues her, und wenn die Buchhändlerin, die mich gut genug kennt, nicht interveniert, nehm ich das mit, das mir spontan gefällt. Lieblingsautor heißt übrigens : ich hab alle Romane und einen Erzählband von Gerbrand Bakker gelesen, sie haben mir gefallen, alle hab ich, fast ohne sie wegzulegen, weggelesen. Aufmerksam geworden war ich zufällig auf ihn, durch einen Literaturkalender. Und alle Bücher las ich unheimlich gerne, sie berührten mich, waren (für mich) leichtgängig zu lesen, aber auch tiefgehend und sie beinhalteten wichtige und interessante Fragen und Typen.

So, ja, das war also ursprünglich mein Gedanke. Und jetzt, nach dem Lesen,  wird daraus eine Reflektion aus autistischer Sicht. Mir passierte, was mir schon einmal unverhofft passiert war. Nachdem ich jahrelang mit großer innerer Beteiligung Eminem gehört hatte (und das weiterhin tue), outete sich Eminem als Aspergerautist, sowohl wörtlich (in „Wicked ways“), als auch im Text zu „Legacy“, den ich vollkommen nachfühlen kann. Ich stieß zufällig auf die entsprechende Songzeile, und seither ist er in meiner Achtung sehr gestiegen.

Gleiches trug sich hier zu. Bakker hat z.B. auf facebook eine lockere Serie, in der er Hotelgänge fotografiert. Könnte von mir sein, ich fand das eine sympathisch spleenige Idee, mehr hab ich mir dazu bis jetzt nicht gedacht.

„Jasper und sein Knecht“ ist eine Reflektion in Form eines Tagebuches über ein Jahr, mit Rückblenden. Schon auf den ersten Seiten kam mir die Gedankenwelt und das Lebensgefühl, auch der Alltag Bakkers eigentümlich vertraut und durchaus angenehm vor. Der erste Hinweis hieß „zu autistisch kann ich mitreden“, nach einem Drittel des Buches dann die konkrete Aussage, mit dem Therapeuten über Asperger gesprochen zu haben.

Bingo. Wie bin ich da hingeraten?!? Was sagt das über mich? Ist das ein guter Fakt, weil ich das lese und intuitiv auswähle, was für mich auch wirklich eine Aussage hat? Oder ist das eher schlecht, sollte ich lernen, mich mit ganz anderen Sichtweisen anzufreunden? Aber es ist, wie es ist, ich hab mir das nicht ausgesucht.

Das Buch selbst ist schön und schrecklich zugleich.

Schön ist der Erzählfluss: lakonisch, aber authentisch, immer konkret, es gibt keine Diskrepanzen oder unerklärliche Lücken in diesem Denkfluss. Immer verständlich, Bakker nimmt den Leser komplett mit in seine Welt. Er denkt mit, versucht, keine Fragen offen zu lassen. Und es ist eine angenehme, im Kern sehr strukturierte und sicher abgegrenzte  Welt: der Hof, die Tiere, der Garten. Der Autor beschäftigt sich immer wieder im Detail mit Tieren und Pflanzen, mit Vogelnamen, Marmelade und Stecklingen, und das kenne ich sehr gut von mir. Daneben eine komplett andere Welt: Arbeitsausflüge als Autor, intensiver Kontakt zu Nachbarn, Lesern, Verlegern, Sport und unterschiedliche Berufserfahrungen. Aus denen Bakker immer wieder in seinen Nahbereich zurückkehrt, in dem er sich alleine erholt. Denn er mag Menschen, er kommt mit ihnen sehr gut zurecht (wenn er auch als „sperrig“ gilt), aber entspannen kann er sich mit ihnen nicht, und er sucht mit seinem Therapeuten noch einen Weg zwischen Einsamkeit und bei sich selbst bleiben können.

In diesen Schilderungen ist er schrecklich ehrlich: so ehrlich, daß mir immer wieder Angst wird um den Autor. Angst, er könnte Probleme mit denen bekommen, die namentlich genannt und kritisiert werden. Angst, denn er beschreibt den Ort so genau, daß es vermutlich leicht wäre, ihn zu stalken. Auch wenn er betont, nicht alles 1:1 zu berichten, Daten und Fakten zu tauschen.

Schrecklich ehrlich auch: die Gefühle, die Depressionsbeschreibung trafen mich mit voller Wucht. Anfangs denkt man auch noch, der Autor hat immer Menschen um sich, oft Freunde, ist sozial gut aufgehoben. In meinem Fall: ich wurde neidisch, bin ich doch in meinem Autismus immer mit Einsamkeit geschlagen gewesen. Und war ich es nicht, sehnte ich mich nach ihr. Aber bald wird klar: der Autor hat auch in seiner menschenreichen Familie immer ein inneres Refugium gehabt, in Wahrheit musste er sich sehr in sich zurückziehen, um nicht verwirrt zu sein. Grosse Einsamkeit wird spürbar.

Bedrückend, aber auch bestätigend für mich zu lesen: wiederkehrende soziale Herausforderungen. Angst zu haben, mit 1 Person allein Zeit gestalten zu müssen. Ich wundere mich bis heute, wie ich das mit den Familienmitgliedern schaffe, selbstverständlich ist das immer noch nicht. Oder: Angeschaut werden im direkten Gespräch. Mitreden MÜSSEN.

Tierliebe ist einfacher, und das Jahr ist auch ein Jahr mit Jasper, dem Hund. Anfangs vergleicht Bakker sich (scherzhaft?) mit ihm, im Verlauf schildert er das Auskommen mit Jasper so, wie ein Mensch vielleicht sich an ihn selbst anpassen müsste: ein Zusammenwachsen mit jemandem mit Vorgeschichte, spleenig, eigenwillig, aber aufrichtig und verläßlich. Und liebend.

Jasper stirbt, und so sehr Bakker vorher betont, daß er an seiner Herzlichkeit zweifelt: einige Ereignisse, und erst recht das Sterben des Hundes, so nüchtern und klar sie beschrieben sind, sie zerreissen einem (o.k., mir) das Herz. Weil ich meine, im Text Herzblut zu spüren…

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Der Jonas-Komplex /eine persönliche Betrachtung

Den neuen Glavinic kauften wir mehr beiläufig. Einige frühere Bücher hatte ich sehr gern gelesen. Auch die, in denen Jonas bisher auftauchte.

„Die Arbeit der Nacht“ hatte für mich zur Folge, daß ich den Mond plötzlich ganz anders wahrnahm. Auf einer Lesung hätte ich den Autor gern darauf angesprochen. Ein Kerl von 1,8+m, komplett in einen schwarzen Ledermantel eingehüllt, hinter dem Smartphone versunken. Mit SMS an Daniel oder den Weinhändler beschäftigt. Oder so. Ich hab mich dann nicht getraut. Statt dessen bastelte ich diese Skizze daraus.

Zum aktuellen Buch, dem „Jonas-Komplex“, hatte ich schon eine Rezension gelesen. Darin wurden die Sex-Szenen ausführlich betont. Selbstverliebtheit und narzißtische Selbstbespiegelung. Ja, ist ja  gut, denke ich. Es ginge um verschachtelte Ebenen und philosophische Erkenntnis des Ich. Um das Finden der erlösenden Liebe. Puuh. Klingt unverständlich. Und ein 13jähriges Schachgenie spiele eine wichtige Rolle. GNAAA denke ich: Coming of age, wie langweilig! Altkluges Wunderkind: oh mei. Kronleuchter.

Ich hab es dann doch gelesen, und es war seit langer Zeit wieder ein Buch, bei dem es mich oft in den Fingern juckte: weil ich Notizen machen oder Zitate twittern wollte.

Die ersten Seiten sagten mir nicht viel, ich brauchte einige Ebenenwechsel, um mich richtig einzufinden. Die erwähnten Sex-Szenen, den ganze Bohei um Sex und Koks konnte ich nicht wirklich wichtig nehmen. Sie schienen mir wie ein einziges Sedativum. Sie verblassten auch schnell, weil ich es mir in der Gedankenwelt des Autors heimisch machte, die dazwischen, fast beiläufig, eingestreut wird. In der des jungen und der des gegenwärtigen Autors.

Ich konnte mühelos mitdenken in diesen Gedankenwelten. Im Roman taucht ein Autor auf, der sich in sich selbst als Jungen und als fiktive Figur spiegelt. Und schon sein Jetzt-Zustand ist in sich gespalten, inklusive mehrerer Filmrisse. Ihn treibt eine Sehnsucht nach dem Alleinsein, den allgegenwärtigen Menschenhaufen um ihn herum kann er nichts abgewinnen: ihnen begegnet er mit Langeweile, Vorsicht oder Überdruss ob ihrer Dumpfheit. Er muß sich selbst verantworten, und das ist schon dem Kind eine Selbstverständlichkeit: sich selbst organisieren und dem Chaos mit einem Achselzucken entgegen treten. Oder es bändigen, indem man alle seine Sinne nutzt. So werden Zahlen zu Farben und Namen zu Gegenständen, und Menschen fächern sich auf in verschiedene Schichten. Und die Stille im Haus verrät menschengleiche Schwingungen. Wenn man selbst etwas davon abbekommen hat, weiß man, wie schön das sein kann.

Aber neben dem Wunsch des Protagonisten, alleine zu sein, sind da auch Solitäre: Menschen, zu und bei denen er Aufrichtigkeit, Stärke und Liebe spürt, und die er niemals loslässt, nicht mal im Tod. Und immer, durchgehend tastet er sich durch die Welt, anstatt fest und in eine Richtung zu stapfen. Am Ende, ja, im Fieber kämpft er sich mit Marie Richtung Antarktis und will das unbedingt. Eine dünne Schicht Liebe findet er und reklamiert er als Heilmittel, und die zwar buchstäblich sturmerprobt, aber dennoch „kaum zu glauben“ ist. Das Kind hat schon mehr geändert: es ist ein Spiegel, und es braucht Schutz und Sinn. Die Welt und das Universum: letztlich unverständlich. Das Leben, ein Fliegenschiß und doch alles.

Wie gut ich das kenne. Die Welt als Schrödingers Experiment zu betrachten. Die Dinge da draussen, ausserhalb meines Bewusstseins, sie müssen ja unveränderlich sein und ewig, im Gegensatz zu mir. Sie könnten aber auch die Katze sein, und sich ändern, wenn man sie wahrnimmt.

Und wenn man die Welt mit seinem Bewußtsein nicht fixieren kann, wie soll man sich selbst dann kennen? Man kann sich sichern, sich dem Bewußtsein entziehen. Oder alles testen. Wie Jonas, wenn er sich „aussetzen“ lässt. Das fand ich vor 20 Jahren schon bei Paul Auster spannend: sich auszumalen, was passiert, wenn man plötzlich mit dem Nichts dasteht, einfach eine Strasse fährt, bis das Geld und Benzin alle sind, nur, um es zu machen.

Das klingt für mich Routinen-Fanatiker komisch, aber es ist mir sehr vertraut: der Punkt, an dem ich beschließe (oder in mir beschlossen wird), alles auf eine Karte zu setzen, etwas Vertrautes stehenzulassen. Jetzt. Ohne Nachdenken, und ohne Zurück.

Nie habe ich solche Schritte bereut, und nie mehr Sinn und Freiheit gespürt.

Traum (Kurzgeschichte)

Nein, sie war nicht aus unruhigen Träumen erwacht.

Es war nur ein Traum gewesen, kurz und überraschend klar. So klar, daß sie sich wunderte, weshalb er sich vorher nie gezeigt hatte. Er mußte schon dagewesen sein, irgendwo. So vertraut, mehr ein Wiedererkennen als ein Traum. Nur eine Szene. Sie war weg. Auf dem Mond, ohne Vorgeschichte, keine Erklärung, keine Pointe. Sie war auf dem Mond, und dort war sie unter der Oberfläche, in einer tiefen Spalte, zwischen glatten und steilen Felswänden. Zu glatt, um sich darin festzuhalten.

Sie wachte auf. Sie war schon dabei, die Augen zu öffnen, aber der Eindruck in ihrer Seele verwirrte sie. Neben sich spürte sie die Wärme des Mannes und hörte seinen Atem. Sie versuchte nochmal, zu entspannen, in seinem Rhythmus mitatmend.

Als Kind hatte sie eine ältere Verwandte gehabt, die auf einem Hof gelebt hatte. Die Verwandte hatte immer von ihrem Brunnen im Kellerboden gesprochen, er war von einer dünnen Holzplatte abgedeckt. Bei jedem Abschied hatte sie vorausgesagt, sie werde nun bald in den Brunnen hinunterspringen, und es niemals mehr werde von ihr eine Spur auftauchen. Dann ging sie, den Kopf wiegend, ihres Weges, und die Zurückbleibenden stritten sich, ob sie das wohl tun würde oder nicht.

Was war nur aus der Verwandten geworden, sie hatte es nicht erfahren. Aber so dunkel, wie das Kind sich damals den Brunnen vorgestellt hatte, so abgrundtief, grundlos, schwarz, verlassen, ohne Halt: so dunkel war es in ihrem Traum gewesen. Der Traum hatte sie in einem Kraftfeld fixiert, alles war undurchdringlich, finster, keine Möglichkeit, etwas zu tun. Sie war allein, auf dem Mond, und sie spürte keine Gegenwart mehr. Ein riesiges Sehnen nach menschlicher Hilfe, im Augenblick seines Erscheinens zerstört von der eigenen Ausweglosigkeit, kein Schrei.

Im Aufwachen spürte sie noch die Einsamkeit dieses Moments.

Kälte.

Jetzt erwachte sie vollends, die Unruhe trieb sie hoch. „Schatz, bist du schon wach? Mach doch heute bitte extra viel Kaffee, magst du?“ Sie beugte sich für einen Kuss zum müde lächelnden Mann, dann stand sie auf und begann den Tag. Ein Traum nur, eine Laune des Zufalls, irgendwelche Synapsen, die zufällig eine Verbindung eingegangen waren. Sie durchforstete den gestrigen Tag, während sie mit dem Mann beim Kaffee saß und ihm mit halbem Ohr zuhörte, aber sie fand keinen Grund für ihren Traum. Es war ja auch egal, nur diese Kälte sollte schneller weggehen. Die Kälte stach im Herzen, wie ihr als Kind Schmerz in die Stirn geschossen war, wenn sie ihr Eis zu schnell gegessen hatte. Sie nahm sich ein paar Extra-Minuten Zeit. Sie umarmte ihren Mann lange, und er sah sie verwundert an. Sie schlüpfte bedächtig in ihre Schuhe, und während sie vor ihrem inneren Auge ihren Arbeitstag durchging, schwand die Erinnerung, und dann die Erinnerung an die Erinnerung.

Es war noch sehr früh, ein frischer klarer Morgen, also machte sie sich heute zu Fuß auf den Weg. Zum Abschied drückte sie den Mann und versuchte, seine Wärme zu speichern. Beim Abschiedskuß spürte sie, wie sich seine seine Lippen auf sie zu bewegten. Sie schauten sich nochmals kurz an, dann drehte sie sich weg und ging los.

Während der ersten Schritte legten sich ihre Gedanken nach und nach still nieder und sortierten sich in der richtigen Reihenfolge: was alles wie zu tun wäre. Am kleinen Steg blieb sie stehen, um die Farbe des Bachs zu betrachten. Heute war er weißlich und hellorange, die Sonne ging ja gerade erst auf. Leichte Irritation. Warum? Es war doch völlig ruhig, kein Auto, keine Fliege, kein Wind. Kopfschüttelnd ging sie weiter, bis sie schräg über sich den vollen Mond bemerkte. Da war irgendwas. Oder? Mit weiten Augen starrte sie hinauf: sie konnte ihn sehen! Er war schon immer dagewesen. Wie oft hatte sie zu ihm geschaut und den Anblick genossen. Aber jetzt wußte sie: sie hatte ihn noch nie gesehen. Seinen Körper, modelliert vom Schatten. Er hing über ihr, von der Gravitation fixiert, oder von Fliehkräften, so genau konnte sie das nicht erklären. Das erste Mal im Leben empfand sie das Gewicht der Abermillionen Tonnen Stein und Fels am Himmel über ihr.

„Hallo!“ „Haalloo“. Lachen, Grimassieren. „Auch so früh?“ Frau H. achtete stets darauf, ihren in eine tadellos gebügelte Streifenbluse gehüllten Rücken abzustützen. „Haach, ich müßt gar nicht so früh, die haben mir noch gar nichts hingelegt, aber ich kann eh nicht schlafen, morgen wieder Ortho, aber ich will dich nicht so früh schon nerven, schaust ja noch richtig verschlafen…“. „Ach, Frau H., besser gleich `ne Spritze, ne? Warum denn umsonst leiden? Aber schön, daß die Oberen mal langsamer tun!“ Mit einem gelächelten Seufzer zur Kaffeemaschine und langsam zu ihrem Tisch geschlurft. Während sie ihre Unterlagen ordnete, versuchte sie, ihre Normalität wiederzufinden.

Sie setzte sich jetzt nieder, vor ihren PC. Stellte die Kaffeetasse rechts ab, in Greifweite und trotzdem weit genug von der Tastatur entfernt, und drückte den Einschaltknopf. Während sie den boot-Prozeß abwartete, ungeduldig und in Bewegung, schaltete sie gleichzeitig ihr Handy ein. Während sie in der einen Maske ihr Kennwort eintippte, schielte sie, wann sie ihren PIN eingeben könnte. Rief dann die erste Datei auf und saß für einen Moment still. Sie war mit ihrer Aufmerksamkeit, mit ihrem Blick vollkommen am PC, und völlig ungestört im Büro. Frau H. saß draußen an ihren Skripten. Sie konnte sie nicht sehen, nur ihr leises Aufseufzen von Zeit zu Zeit mehr ahnen als hören. Trotzdem meinte sie, Frau H.`s vom Schmerz gebremste Bewegungen zu sehen, wie ein Hologramm in der Luft hinter sich. Schmerzhafte Wärme. Und gleichzeitig wieder Kälte im Herzen, die sie daran erinnerte, daß ein Teil von ihr bewegungslos auf dem fernen Mond schlief. Mit großer Anstrengung gelang es ihr, die Erinnerung wieder wegzuschieben.

Nacheinander kamen die übrigen Kollegen an, das lenkte sie von der Erinnerung ab. Nur diese konstante Verwirrung hielt an. Alles war verschoben. Die Kollegen verteilten sich, tauschten die üblichen Floskeln aus, wie immer. Nur, daß sie ihre Bewegungen jetzt spüren konnte. Nicht auf der Haut, nicht als Wind. Sie spürte einfach die Bewegung im Raum, nahm wahr, wie mit jedem Schritt unsichtbare Fäden ihre Spannung änderten. Ein Spinnennetz in Schwingung. Nahm Geruch auf, Körperwärme, produziert, damit diese Körper leben konnten.

Wenn ihre Kollegen so in ihrem Bewußtsein sein konnten – war sie dann im Bewußtsein ihrer Kollegen? War sie überhaupt sichtbar? Mit ihr wurde geredet, das hatte sie bis jetzt selbstverständlich hingenommen. Ein unruhiges, schönes Gefühl, unsichtbare Wellen zu schlagen, und andere Menschen fingen ihre Wellen auf, wie Haie ihre Beute orten. Was bedeutete das nur?

Ihr fiel der Schriftsteller ein, mit dem sie sich auf facebook ausgetauscht hatte. Spaßig und aufregend war das gewesen. Einmal war in seiner Heimat ein Erdbeben gewesen, und sie hatte es in den Nachrichten gehört und gleich nachgefragt, ob es ihm gut ginge. Er hatte geantwortet. Live. Sie fand es lustig und verblüffend. Sie versuchte auch manchmal, sich vorzustellen, was in seinem berühmten Schriftstellergehirn alles passierte.

Aber, wenn auch er ihre Präsenz spüren konnte, was hatte sie dann in seinem Kopf schon alles angerichtet? Das konnte sie ja jetzt – konnte sie sogar seine Karriere zerstören? Weil sie ihn verärgerte, verwirrte, was zum Teufel sollte sie mit diesem Wirrwarr anfangen?

Jetzt, ja, jetzt – wenn sie so existierte, real, so wie der Mond plötzlich existierte – dann könnte sie auch wieder aufhören? Alles wieder verlieren?

Die Kälte schwappte direkt vom Mond, direkt aus dem Traum in sie hinein und drohte, sie mit sich zu ziehen. Sie mußte aufspringen, alles für eingebildet erklären, um nicht irre zu werden. Alles gut. Hey, alles wie immer. Jedenfalls war die sogenannte Realität wie immer.

Eine ganze Weile arbeitete sie noch alleine vor sich hin, versenkte sich in einige Probleme und freute sich, gut voranzukommen. Alle 20, 30 Minuten war wieder ein Block geschafft, dann lehnte sie sich kurz zurück, griff in eine Schale Gummibärchen und schaute aufs Handy. Bestimmt hatte der Mann sich in die Badewanne gesetzt. In ihrem Kopf liess sie einen Film laufen, der zeigte ihren Mann, alles, alles, was er gerade tat, alles, was sie sonst mitansehen konnte. Wie konnte sie darüber nachdenken, wie konnte das zeitgleich passieren? Warum löschten die Ereignisse sich nicht gegenseitig? Warum implodierte sie nicht. So viele Lebensfäden, die sie sich vorstellen konnte, die genau jetzt passierten, während sie mechanisch ihre Zahlen tippte. Der Mann badete. Frau H. tippte. Der Chef surfte. Obwohl, es gab ja Freiheit… der Mann rauchte vielleicht jetzt heimlich, oder telefonierte mit einer Geliebten. Alles dies war in ihrem Kopf, was davon würde real sein…

Sie machte sich auf den Heimweg, ausgelaugt und still. Über ihr der Mond, immer noch voll, immer noch streckte er ihr seinen dicken weißen Bauch entgegen. Er wirkte warm und freundlich, jetzt. Er mochte ein Freund sein. Sie würde ihn als Freund betrachten.

Sie erwachte aus einem Traum, so ruhig und klar. Spiegelnder klarer See, absolut ruhig und friedlich.

 

Kleiner herbstlicher Seufzer

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Also, das ist ein Blick in einen herbstlichen Apfelbaum. Genauer gesagt ist das mein herbstlicher Apfelbaum, heute fotografiert.

Und könnte mich jetzt bitte jemand davon abhalten, bei jedem Gang in den Garten davor stehenzubleiben?

Könnte mir vielleicht jemand nahebringen, daß eine Frau, die wie hypnotisiert in einen Apfelbaum starrt, dämlich aussieht?

Eine Verwandte erinnerte mich neulich unsanft an mein Alter. Ich bin bald 50, aber daß ein Baum, den ich eigenhändig mal gepflanzt habe, Früchte hervorbringt und mich und allerlei Getier ernährt – das finde ich immer noch, im wahrsten Sinne des Wortes, wunder-bar!

Und während ich …

… noch mehr als satt bin, weil ich mittags im Gasthaus eingeladen war

… es mir zum Problem mache, ob ich noch etwas zu abend essen soll

… es mir zum Problem mache, ob ich gleich oder später oder gar kein Glas Wein mehr trinken will

… während ich staune über meinen Apfelbaum, der nach 10 Jahren zum ersten Mal reich trägt, und mich an dem Wunder nicht sattsehen kann

… marschieren anderswo Menschen um ihr Leben

… versuchen anderswo Menschen, ihre Lieben auf Strassen und in Lagern zu beschützen

… sind Menschen froh um jedes Stück Identität, das sie mit auf die Reise nehmen können

… sind Menschen froh um Wasser und Brot

… scheitern zuständige Menschen daran, so miteinander zu kommunizieren, daß es wieder Hoffnung und Regeln für alle gibt

… weigern sich zuständige Menschen, Kriege zu beenden, weil Macht und Gewinnen ihnen wichtiger als Menschlichkeit ist

altersmilde

Jetzt ist er vorbei, der Besuch, den ich fürchtete. Ich stelle fest, es war mehr eine Gewohnheit, ihn zu fürchten, als tatsächliche Furcht.

Besuch von der Generation 70+, denen braucht man mit „Asperger“-Definitionen nicht zu kommen. Die sind noch in Zeiten aufgewachsen, in denen „Behinderte“ „fürsorglich“ um die Ecke gebracht wurden:

Anfangs, also vor 20 Jahren, waren die Beiden entsetzt von mir. Und ich versuchte eine Verständigung, fand aber keinen Weg, gab irgendwann frustriert auf und erduldete Besuche. Ich erinnere mich an gemeinsame Essen, bei denen ich wörtlich den Mund nicht aufbrachte, mein Kopf leer war.

Als die Kinder klein waren, und schwierig, gab es Ratschläge, wie kurz und schmerzlos (und fies und hinterhältig) dem beizukommen wäre. Da brachte ich den Mund auf, es endete in Streit. Danach nur noch gezwungenes Miteinander, immer seltener.

Ich war sauer und verweigerte eine Zeit den Kontakt.

Was mir selber aber zu doof ist.

Also, neue Ankündigung, sie wollten kommen. Vor diesem Besuch beschloß ich, mein guter Wille reicht, ich muß niemandem ein „ordentliches“ „deutsches“ Leben vorspielen.

Und siehe da, es wurde. Das Flüchtlingsthema beendeten wir jeweils kurz angeschnitten: sie jammerten, daß es mit Deutschland bergab ginge, ich betonte meine guten Erfahrungen in diversen Kliniken mit Einwanderern, und gut wars. Mein „Schattenspringer“-Kind #3, sonst ein Rabauke, hatte sich wohl vorgenommen, Höflichkeit zu üben. Der Kuchen war gelungen, das Wetter gut. Und die Beiden? Werden mit jedem Jahr großzügiger, altersmilder, interessierter an dem, wie es ihren Mitmenschen wirklich geht. Im Alter, scheint es, merken sie, daß man nicht wirklich belohnt wird, wenn man es allen recht macht und alles „richtig“ macht.

Ich wünschte mir, sie hätten dies früher gemerkt. Wir alle hätten es leichter und schöner gehabt. Aber besser spät als nie.

Gedankensplitter /Hund und Katz

Unsere Katze ist auch nur ein Mensch.

Ich stehe ein paar Sekunden zu lange in der Küche herum, weil ich noch kurz nachdenke, da rührt sie sich schon. Sie sieht mich alarmiert an, nach dem Motto: „Hey, bist du wach? Was ist los?“ und fängt an, mit mir zu reden, pardon, mich anzumaunzen. Wenn ich in ihrer Gegenwart etwas zu langsam in Richtung Wohnzimmer gehe, ist sie neben mir und schaut sich alle 3 Schritte um, ob ich jetzt auch mit ihr aufs Sofa geh, zum Kuscheln. Gleiches im Garten. Irgendwie ist an ihr ein Hund verlorengegangen. Ich weiß nicht, wo das Vorurteil herkommt, Katzen wären eigenbrötlerisch, rücksichtslos und egoistisch und der Mensch nur ihr Dosenöffner. Von meinem Haustier kommt es nicht. Das begleitet mich oft auf Schritt und Tritt, hat ein Auge auf mich. Es zeigt mir oft, daß jetzt Streicheln angesagt ist und gibt mir Nähe zurück. So, wie ich die Katze zum Futter rufe, hat sie mich auch schon gerufen, wenn sie mit einer Maus nach Hause kam.

Meine Katze begleitet mich jetzt schon über 15 Jahre. Einmal hab ich viel Geld in eine OP gesteckt, weil sie auf dem Feld in irgendeine Maschine geraten war. Ich weiß ehrlicherweise nicht, ob ich das Geld nochmal ausgeben würde. Irgendwann stirbt sie halt mal. Wir machen keinen Hype um sie, aber sie gehört zu unserem Leben und hat ihren Platz. Die Kinder lieben sie und nehmen Rücksicht auf sie.

Ich bin mit Haustieren aufgewachsen, mein Mann dagegen nicht, meine Schwiegereltern können so gar nicht mit irgendwelchem Getier und fürchten sich vor Tollwut und was weiß ich. Sie ekeln sich vor Katzenspeichel und Hundehaaren, ganz irrational, als ob man sich gleich anstecken könnte, wenn die Katze einem den Finger abschleckt.

Wie fremd mir das ist! Wenn ich mir ein schnelles (Vor)Urteil über Menschen bilden will, achte ich drauf, wie sie über Hunde und Katzen sprechen. Denn die meisten Menschen rechnen sich entweder der Katzen- oder der Hundefraktion zu. Wenn ich dann z.B. diese junge Dame, mit der ich öfter zu tun habe, sprechen höre, wie anti sie gegen Katzen ist, weil sie mit diesen blöden Viechern gar nix anfangen kann: dann, gebe ich zu, bin ich nicht mehr bereit, mich mehr als notwendig mit ihr abzugeben. Eine andere Bekannte bezeichnet sich auch als Hundemensch, hat aber beides bei sich zuhause und sorgt für alle gleich, damit kann ich besser.

Mir sind auch Menschen fremd, die betonen müssen, es seien schließlich nur Tiere, und diese nach dem Motto „Friß oder stirb“ behandeln. Ich habe so gar keinen Sinn für Menschen, die Bedürfnisse anderer ignorieren oder negieren, seien es Tiere oder Menschen.

Ich möchte nicht ohne Haustier sein. MIr geht es nicht um die Ansprache, oder ums Streicheln, oder nicht nur. Ich bilde mir auch nicht ein, daß meine Katze mich „ganz genau“ versteht. Es ist einfach schön, ein lebendes Wesen um sich zu haben, für jemanden oder ein Tier zu sorgen, sein Leben zu teilen.

Die Kinder wollen einen Hund haben. Ich hab damit keine Erfahrung, kann es mir aber vorstellen, wenn die Katze nicht mehr ist. Denn irgendwann wird sie mich verlassen, meine alte Katzendame.

Gedankensplitter /Retro

Am Strand jeden Tag am gleichen Platz eine junge Familie, ein Pärchen 2 Kinder und der Opa, augenscheinlich ihr Vater.

Ich nenne den jungen Mann den Hipster, da er sich so bemüht, in dieses Bild zu passen. Unruhig steht er, breitbeinig und mit verschränkten Armen und blickt auf das Meer hinaus. Sie sitzt hinter ihm auf der Decke und stillt das kleinere Kind, das aber auch schon läuft und zu groß aussieht, um noch gestillt zu werden.Es wirkt so, als ob die schmale junge Frau kaum ihr Kind auf dem Schoß halten könnte und so, als ob sie ausgesaugt würde. Trotzdem legt sie es bei jedem Piep an, weil sie es so gelesen hat oder weil sie davon überzeugt ist, wer weiß. Die Babyausstattung, die Art, mit den Kindern zu reden, die Verpflegung: alles sehr modern, gewählt, bewußt. Nichts ist einfach so, vieles ist Statement. Wir sind 2015, wird zwischen den Zeilen gesagt, wir machen den alten Quatsch nicht mehr mit, wir machen, was heute vernünftig ist. Gesund essen, mit den Kindern vernünftig sprechen, immer auf Augenhöhe. Die Frau macht es vor.

Der Hipster möchte das auch. Und trotzdem steht er immer wieder da, breitbeinig, trippelt unsichtbar hin und her, schaut aufs Meer. Sobald die Frau oder seine Kinder etwas brauchen, tut er es, so, wie es ein soll. Aber ihm ist seine Ungeduld anzusehen. Er birst vor Kraft, die nirgends hin kann. Vielleicht auch sexuell, vielleicht hat er sogar Nebenbeziehungen, man ist ja modern. Aber er kann hier nicht wirklich etwas tragen. Oder gestalten. Er spielt nur mit. Was immer er als Mann und Vater noch zu geben hätte, es wird ignoriert. Er reibt sich auf innerlich, aber seine ganze Breitbeinigkeit kann seine Verletztheit nicht zudecken.

Die Frau, sie hat augenscheinlich mehr, als es je bräuchte. Optimale Bedingungen für sie und ihre Familie. Nie würde sie etwas nicht Gewaltfreies kommunizieren. Nie ihre Kinder mit Zucker oder Zusatzstoffen vergiften. Nie ein Kind schreien lassen. Seitenblicke der Älteren quittiert sie souverän und selbstbewußt. Wie schafft sie es trotzdem, ihren vollkommen gleichberechtigten Mann wie einen Trottel stehen zu lassen? Wo hat sie dieses halbsekündliche Augenrollen gelernt? Wo diesen halbsekündlichen eindrücklichen Blick, mit dem sie demonstriert, daß ihre Kinder nun mal untadelig sind? Und an wem das nur liegen kann? Und wo ist sie eigentlich wirklich? Von ihr selbst ist nichts zu sehen.

Die Kinder, sie sind hier doch das Ein und Alles und werden mit allem Respekt behandelt, und trotzdem sind sie Spielball, und in 20 Jahren werden sie auf die Suche nach dem gehen, was sie damals irgendwie vermisst haben und nicht benennen können.

Das könnten meine Großeltern sein, vor 40 Jahren tief in Bayern. Vater arbeitet, tut und macht, nach außen steht er als tragende Säule da, nach innen hat er wenig zu melden. Mutter schiebt die Kinder und den Haushalt vor als Ausweis ihres Könnens, verschwindet aber selbst als Person. Kinder werden als Grund für spätere Krisen erkennen, daß sie nie wirklich umarmt wurden.

Ich identifiziere mich mit dem Opa. Er ist vielleicht Mitte, Ende 50, er ist seinerzeit mit den ersten emanzipierten Frauen konfrontiert gewesen und hat sich die Freiheit genommen, sich scheiden zu lassen. Er spricht gelassen mal mit ihr, mal mit ihm. Er wundert sich bestimmt, und ich mich mit ihm: wie konnten seine großen Kinder wie seine eigenen Eltern werden? Bei all den Möglichkeiten, die sie haben?

Gedankensplitter /Zugfahren #2

Ein schwäbisches Rentnerpaar steigt zu und setzt sich auf die andere Seite. An die 70, beide beige Hose, Polo-Shirts und Trekkingsandalen. Eine dreiviertel Stunde lang bleiben wir nebeneinander. Meine Kopfhörer sind kaputt, und wegen Bauarbeiten und Verspätung möchte ich keine Durchsage verpassen, also höre ich notgedrungen ihr Gespräch.

Es geht mir wie beim Lesen: sehe ich Buchstaben, lese ich den Sinn – höre ich Menschen reden, verstehe ich sie auch. Es kostet mich richtig Anstrengung, „vorbei“zuhören.

Es geht 10 Minuten lang im empörten Stakkato um junge Leute, die scheinbar im Weg gestanden hatten, und die jetzt heftigst, ebenso wie die heutige Jugend, als rücksichtslos beschimpft werden. Dann geht es um die Fahrt, um Zeiten, Gleise und Stationen. Die Frau schaut oft auf den Fahrplan in ihrer Hand, schaut mit angestrengtem suchenden Blick aus dem Fenster, oft auch zu mir, die ich aber absolut ruhig und nichtssagend dasitze und ihre Bewegungen nur aus dem Augenwinkel registriere. Sie ist deutlich fitter als er, dem nach einer halben Stunde das Kinn auf die Brust sinkt. Eines Tages wird er zum Pflegefall werden, dann wird sie aufleben, sich wieder was Farbiges anziehen und seine Betreuung komplett allein organisieren.

Die beiden wahrzunehmen, macht mir richtig Pein. Pein im Sinne von quälender Zustand und sich windend entkommen wollen.

Nur warum?

Früher, im Altenheim, da war Frau K., die immer bibbernd und klagend mit ihrem Rollator vor dem Aufzug wartete, in Panik, sie könnte den Einstieg nicht schaffen. Hab ich vollkommen verstanden, was blieb der alten Frau, als ihre Sorge zu kommunizieren, damit jemand sie unterstützt? Kein Problem. Vor ein paar Jahren, am Bodensee, wir mit meinen auffälligen autistischen Jungs an einer Haltestelle: die Rentner drumherum erschienen mir einerseits wie die Vampirhorde in „Tanz der Vampire“: bleich und mit starren glasigen Augen hielten sie sich krampfhaft irgendwo fest und fixierten uns mit ihrem Blick. Andererseits, sie konnten uns nicht einschätzen und versuchten, die Abfahrt nicht zu verpassen. Das war schon unangenehm, aber nicht so peinigend wie das hier.

Meine Pein erklärt sich nur zum Teil aus dem, was die Beiden sich zu sagen haben. Denn ihren Ärger über Rücksichtslosigkeit kann ich ihnen nachsehen; und als alter Mensch, der nicht mehr so fix reagiert, auf Papierinfo angewiesen ist, nicht mehr gut hört und sieht, muß man wohl besser aufpassen, um seine Anschlüsse nicht zu verpassen. Ich bin jetzt überzeugt, daß es überwiegend ihr Dialekt ist. Also, diese schwäbische Sprachmelodie. Kölsch hört sich in meinen Ohren freundlich bis gemütlich-bräsig an, bayerisch vertraut-locker, norddeutsch äußerst beruhigend. Schwäbisch hat für mich dank seiner Intonation immer etwas Klagendes, Jammerndes, Anklagendes, Forderndes. Das Rentnerpaar könnte also auch nette Anekdoten verbreiten, ich würde trotzdem zusammenzucken und mich dauernd dagegen wappnen, angeklagt zu werden. Ich hätte trotzdem den Eindruck, jemand verbreitet beleidigte Selbstgerechtigkeit, und würde einen Grund dafür suchen wollen.

Mein Mann muß unter dieser Überempfindlichkeit von mir und meinen Kindern leiden: jede kleine Änderung in seiner Stimme oder seiner Mimik scheucht mich auf und läßt mich anfangen, nach Gründen zu scannen, und wenn keiner erkennbar ist, fang ich in mir zu suchen an. Er muß oft die Nachfrage beantworten, ob irgendetwas nicht stimmt… Wer immer behauptet hat, Autisten seien im Sozialen unempfindlich oder unsensibel, hat solche Phänomene nicht kennengelernt. Ich bin eher zu empfindlich.

Diese beiden haben Angst um ihre Anschlüsse, und sie reden dagegen an und halten sich an ihrem Papierplan fest.

Zuvor war ein junger blinder Mann mitgefahren. Beim Hinsetzen setzte er sich fast auf eine junge Frau und entschuldigte sich sofort. Ich dachte erst, sie gehören zusammen und wunderte mich, wie er im fast leeren Zug so zielgerichtet auf ihren Platz gestossen war. Dann bekam ich mit, daß er sich aus purem Zufall auf ihren Platz setzen wollte. Der junge Mann verhielt sich sehr zuvorkommend und adäquat, erklärte, begann einen kleinen Plausch mit ihr, auf den sie auch einging. Sie setzte sich zwei Sitze weiter und sprach weiter mit ihm, erzählte ihm, wo sie herkam und was sie in der Stadt gemacht hatte. Es wurde lauter, der Zug fuhr an, ich löste Rätsel, und die junge Dame stand irgendwann auf, ging aus dem Waggon und sah mich im Vorbeigehen ganz kurz an. Ich dachte mir nichts dabei. Der junge Mann blieb unverändert sitzen, gestikulierte und grimassierte andauernd. Ich weiß nichts über Blinde, vielleicht ist das so, wenn man von Geburt an blind ist und die bewegungsarme Mimik und Gestik anderer Menschen nicht wahrnehmen kann. Er redete auch vor sich hin, ich verstand ihn bei der Lautstärke nicht.

Beim Ausstieg dann war er vor der Zugtür, wandte sich ein paar Mal um und fragte irritiert nach „Yvonne?“. Erklärte den Menschen neben sich, sie sei doch noch dagewesen, wo sei sie jetzt? „Yvonne“ sah ich einige Schritte hinter ihm den Kopf einziehen … Sie hatte ihm wohl nicht mal gesagt, daß sie sich jetzt woanders hinsetzt …

Angst gemeinsam bewältigen oder allein im Regen stehen gelassen werden. Sich aufeinander verlassen können oder gezwungen sein, mit der eigenen Not und noch der Einsamkeit zurechtzukommen. Was für ein Unterschied.

Der Lauf (Fiktion)

Michael läuft. In seinem schnellen Schritt joggt er das Isarufer hinauf. Meter für Meter, fokussiert, unbeirrt. So wie er sonst arbeitet, so läuft er, und so sieht er aus: ein cooler Typ, attraktiv und intelligent. Sein Oberkörper ruhig, der Blick halb nach unten, nur die Beine gleichen alles aus, was auf dem schmalen Sandweg Hindernis sein könnte. Nach den ersten paar Metern hatte er sich wie von selbst weiterbewegt. Sein Blick bleibt nicht an den braungebrannten Schönlingen mit ihren Bierflaschen und auch nicht an den älteren Herren mit ihren gestreiften Shirts und ihren Hunden hängen. Die Beine laufen, sein ganzes Ich schiebt sich den Weg entlang, und sein Körper füllt sich mit einer angenehmen Spannung, mit Wärme und Sauerstoff. Sein Blick wandert nach innen.

Michael ignoriert die Touristen, die am Wegrand nach must-sees Ausschau halten, er nimmt sie nicht wahr, noch ihr Zurückweichen, wenn er an ihnen vorbezieht. Er atmet tief durch, denn innen zieht jetzt ein Strom salziger frischer Luft das Innere seiner Nase hinauf. Eine Erinnerung an eine Geschäftsreise, die er vollkommen alleine verbracht hatte, und genossen hatte er sie nur für das Alleinsein am Strand. Tagelang hatte er auf einer Messe funktioniert, kontaktet, geworben, überzeugt; aber die paar fünf Minuten, die er sich zu unmöglichsten Zeiten allein an den Strand begeben hatte, hatten alles wieder ausgelöscht. Nur ein paar Minuten, Zehen in kaltem Sand, Sand in der Unterhose und unter den Fingernägeln, und kindliches Glück.

Michael sah nie auf die Weggabelungen. Höchstens auf die Uhr. Jetzt merkt er seine schweren Beine, Zeit zum Umkehren. Er bleibt an der nächsten Bank stehen, streckt sich kurz, trinkt etwas und beginnt seinen Weg nach Hause. Langsamer, aber unbeirrbar, die kleinen Atemnöte ignoriert er. Heugeruch von ausgedörrtem Gras in der Nase. Er sucht nach einer Erinnerung: nach dem Wendepunkt, dem Punkt in seinem Leben, ab dem er plötzlich laufen konnte. Er war seit jeher immer der Michael gewesen. Er war nie der Michi gewesen. Eigentlich war er der einzige Mensch, den er kannte, der nie einen Spitznamen gehabt hatte. Er war Michael, und er war halt da. Irgendwann, als Teenie, irgendwann war er bei einer Clique mitgerannt. Er hatte nicht weiter gefragt, ob das den Anderen Recht war, er war nur der Ahnung in seinem Bauch gefolgt. Und er hatte Recht gehabt, er konnte es. Hätte er es vorher gewusst, wieviel Zeit hätte er mit Energie füllen können statt einer unbegreiflichen Leere überliefert zu sein…

Michael kostet jeden seiner Schritte aus, er genießt die freie Zeit, die sich mit jedem Schritt erweitert. Jetzt gerade darf er nur in dem zunehmenden Schweregefühl existieren, nur im Herzklopfen und im Schweiß, der Brust und Shirt zusammenklebt, nur im gleichmäßigen Rauschen der Luft. Nur in den Gedanken, die sich zwischen Schritt und Atmung stetig weiter bewegen wie ein Zug in einer freien Landschaft.

Michael weiß, seine freie Stunde läuft ab. Künstler haben versucht, das Verrinnen von Zeit mit Kerzen und Sanduhren darzustellen. Michael spürt die Enge und Panik in diesen Bildern, und in sich spürt er Tapferkeit und weiß, er kann gar nicht anders. Er ergibt sich, ja, es ist soweit, er läuft wieder auf das Ende zu. Danach wird sein Inneres sich auf die nächste freie Zeit ausrichten, und immer wird er hoffen, daß sie bleiben möge, aber das wird sie nie. Würde im Alter ein Ruhepunkt sein, würde er in eine Ruhegerade eintreten? Er möchte eines Tages sanftmütig und weise auf sein Ende warten. Aber nein, das Alter würde seinen Lebenskampf weiterführen: Sorge um das tägliche Aufräumen, Drama beim Zähneputzen, Angst beim Bäcker zu versagen. Nein, der Mensch ist nicht auf Zufriedenheit vorbereitet.

Michael ist es keinesfalls. Er, ein Sisyphus, er kann nur beten: der Tod soll sein Bewußtsein auslöschen, ohne daß er es merkt, der Tod soll nicht nur ein perfides unentrinnbares ewiges Koma sein. Oft hatte er sich vorgestellt, gefangen in ausweglosen Wegen zu sein, getröstet nur vom Tod.

Michael spürt den Fluß neben sich, ohne ihn zu sehen, er riecht ihn sogar. Er wünscht sich, der Fluß würde rauschen. Er wünscht sich Wellenrauschen und Windböen, die ihm das Gefühl geben, auf Wolken zu laufen. Aber der Fluß, alles um ihn, ist ruhig, stiller als still, blaß und träge grün unter einem hellen Himmel.

Michael läuft, stoisch und verbissen Schritte zählend. Anfangs mußte er immer heftig schnaufen, fast in Krämpfen, nach wenigen Metern schon wurde er dann ruhiger, kam in einen Rhythmus in dem er sich unverwundbar fühlte, in einen Flow, den er in der Arbeit vergeblich suchte. Dort war Verkrampfung, er verzettelte er sich in Dutzenden Projekten. Wenn er seine eigene Website aufrief, kam er sich wie der größte Hochstapler auf Gottes Erde vor. Alles hatte mal gestimmt: die Fotos, der Text, alles. Jetzt stimmte nichts mehr. Morgens bereits Panik, daß man seine Tränen durch die Windschutzscheibe sehen könnte. Vormittags mühsam gezügelte Gereiztheit. Abends nur noch der Wunsch, den Blick stur auf der Küchenzeile lassen und kochen zu dürfen und der Wunsch, seine Familie möge sich mit irgendwelchen Floskeln zufriedengeben, denn er hatte keine Kraft mehr, etwas anderes zu sagen. Einmal, neulich, hatte er sich seinem Sohn außerhalb des täglichen „was macht die Schule“ genähert. Er hatte einen Haarriss in seiner Hülle zugelassen. Einfach drauflosgeredet, einfach erzählt, was ihn geärgert und hilflos gemacht hatte. Das war seltsam gewesen. Er war wie ein Kätzchen gewesen, das zum ersten Mal in den Garten darf. Er hatte sich an seinen Sohn geschmiegt, und der hatte ihm Sicherheit zurückgegeben, draußen, in einem ihm unbekannten Leben.

Michael schüttelte den Kopf und tat so, als blickte er über den Fluß. Er ließ die Wärme seiner Tränen auf den Lippen vergehen. Sein Kind hatte ihm warm und klug geanwortet, voller Mitgefühl.

Michael fand nur diesen einen wärmenden Moment in seinem Inneren. Er hatte nie mehr den Mut gefunden, den Sprung zu wiederholen. Es schien ihm sinnlos. Sogar beim Sex blieb er in sich versteckt: wenn seine Frau seinen Blick suchte, bekam sie nur den Widerschein seiner Iris zu sehen. Keine Seele dahinter. Er war nur erpicht darauf, sie zu befriedigen. Danach bräuchte sie keine Nähe mehr, kein Reden, er hatte seinen Teil erfüllt und konnte mit seinen Sorgen wieder für sich bleiben. Käfersorgen, schien es ihm. Seine Frau hatte Tigersorgen, sie waren dringend und mußten alle erfüllt werden; unzufriedene Tiger soll man ja vermeiden, wenn man kann. Ihre Sorgen teilte scheinbar jeder. Seine kamen ihm wie Käferdreck vor. Dreckige Krümel, die einen in der Küche ekelten. Die konnte man unbesehen mit einem Papier wegwischen. Alle seine Sorgen: nichts als unverständlicher Scheiß. Er achtete sehr darauf, vor ihr zu kommen, nur ein paar Sekunden. Dann war es nicht so anstrengend. Sie kostete seine Nacharbeit aus, er konzentrierte sich auf ihre Lippen, beobachtete ihr Anspannen, Lippenknabbern, Hochziehen und senkte sein Ohr, um ihren zufriedenen Seufzer in sich aufzunehmen. Schaukelte sie sacht zu Ende, knuffte sie noch ein bisschen, ließ sich von ihr tätscheln. Wartete, bis ihre Hüften unruhig wippten, um ihn wegzuschubsen. Rollte auf seine Seite, fühlte ihre Hand auf seinem abgearbeiteten Geschlecht ankommen, ließ ihre Wärme auf seine Haut. Schloß ansonsten die Augen und befasste sich wieder mit seinen Käfersorgen.

Michael verlangsamt seinen Schritt, seine Unterschenkel sind jetzt wie Blei; Schmerz sticht ihn unterhalb der Knie und in die Fußsohlen. Zeit, auf die letzte Kehre zurück einzuschwenken. Er ist jetzt erschöpft, vom Weg nimmt er ein wechselndes vorüberhuschendes Grün wahr. Anscheinend existierte er ja in einem Paralleluniversum. Wenn er es beweisen könnte, wäre er wenigstens eine physikalische Sensation. So war er: nichts? Dunkle Materie? Irgendeine Masse, die unsichtbar im Hintergrund die Existenz seiner Familie zusammenhielt.

Michael weiß im Moment nicht mal, ob er von der Wissenschaft entdeckt werden will oder von sonst jemandem. Er setzt sich auf eine weitere Bank, zieht den Autoschlüssel aus der Tasche und streift die Schuhe ab. Zehen im kühlen Gras, die Lunge füllt sich tief mit frischer Luft, Schweiß trocknet langsam, Muskeln hören auf zu zittern, und unter der Bank huscht eine vorwitzige Amsel hervor: das wird der letzte Moment sein, der ihm gehört.

Bis zum nächsten Lauf.