Struggling (Fiktion)

Jemand mußte eine Tür zugeschlagen haben.

Er wartete nicht, bis die Matratze aufgehört hatte, zu zittern, er setzte sich sofort auf. Sein Herz klopfte energisch. Er konzentrierte sich darauf, aufzuwachen, und oft geübt, war er innerhalb der nächsten Sekunden wach. Er ignorierte den Herzschlag. Er wollte gar nicht wissen, was seine Atmung machte, er schien zu leben, also atmete er wohl auch. Die Luft war angenehm kühl, leichter Regen zu hören, wie er es liebte.

Er hörte eine grummelige Stimme, in Bewegung, Richtung Küche. Er versuchte, sie nicht zu hören. Sie würde losbrüllen, noch ehe die Tür ein zweites Mal zufiel. Noch ehe die zweite Stimme ihr Schluchzen unterdrücken und mit ins große Badezimmer nehmen würde. Das war alles weg von ihm, sechs Meter und mehr, hinter soliden Holztüren. Alles dieses war nicht für ihn gedacht.

Leider, nur, dieses Haus war zu alt für Geheimnisse.

Er hatte zu tun, Gott sei Dank.

Wo ist er?

Wo IST er?

Er wird halt noch schlafen. Er war doch noch lang beschäftigt gestern, hast ihn nicht gehört?

Und? Sieht man heute irgendwas? Ist irgendwas dabei rausgekommen? Nix, zu nix zu gebrauchen. Ich hab auch gearbeitet, den ganzen Scheißzaun entlang, und, schlaf ICH noch? Ich kenn’s nicht anders, von Kind an, sowas kriegt er da nie im Leben mehr geregelt. Schlafen.

Jetzt geh, bei uns waren die jungen Leut‘ doch auch so. Er hat doch keine Sorgen auf der Arbeit.

Ach was jung. Faul. STINKFAUL.

Aufstehen, Toilette, Anziehen. Nein, Toilette bedeutete, über den Flur gehen müssen. Er drehte den Wasserhahn etwas auf und pinkelte in das Waschbecken. Schnell, schnell war wichtig. Nein, nicht schnell. Zügig. So, wie man über eine befahrene Strasse geht, so, wie er es irgendwann im ersten Verkehrsunterricht gelernt hatte. Überlegt, aber zügig und bestimmt. Angezogen, fischte er einen Post-it aus der Hosentasche. Er las laut noch einmal alle Punkte darauf vor. Hinter allen, bis auf einen, hatte er schon einen Haken gesetzt. Die Ergebnisse standen hier im Zimmer, nebeneinander aufgereiht. Gut so.

Ein paar Minuten wollte er sich noch Zeit lassen. Eine Mineralwasserflasche, deren Fehlen nicht auffiel, mit Kaffee von gestern gefüllt. Zwei Müsliriegel. Ein schnelles, aber zufriedenes Frühstück, auf der Bettkante sitzend.

Muss er sich wieder verstecken? Wenn er sich einmal im Leben gescheit benehmen würde, bräuchte er das nicht. Er muß sich gar nicht verstecken, ich tu ihm ja nichts!

Ich deck den Tisch dann mal ab, das übrige Brot hält sich ja. Er muß doch selbst wissen, ob es ihn hungert.

Was Hunger? Er ist undankbar. Verteidig ihn nicht dauernd, dir geht’s nur darum, mich zu beschuldigen. Wer, wenn nicht wir, muß ihn denn auf den richtigen Weg bringen?

Ja, JA! Entschuldige. Er ist aber nicht da.

Sag du ihm das. Sag deinem feinen Herrn Sohn, er soll sich ab jetzt anständig benehmen, sonst werde ich noch richtig sauer. Dann setzt es was! Los!

Noch eine Tür, die knallte. Er drehte die leere Flasche zu, und langsam verpackte er alle Sachen ineinander. Er kannte sich: er hatte einen Plan, er befolgte den Plan, und fast war er schon weg. Jedes Dokument, jeder Brief, jeder Kleiderstapel, den er methodisch klug einpackte, beruhigte ihn etwas mehr.  Am Ende hatte er nurmehr eine grosse Tasche. Er war zufrieden. Er setzte sich nochmal, um seinen Atem zu beruhigen.

Er könnte nochmal das Zimmer betrachten. Wie hiess es immer in den Büchern: alle Details in sich aufnehmen. Ob das notwendig war? Er entschied sich für Nein. Er wollte nichts mitnehmen, was sowieso schon in ihm lebte. Er war zufrieden, in ihm lächelte es. Bilder im Kopf, Zukunftsbilder, die zeigten, wie er bei Tom ankommen würde. Und die Zukunft war fast schon Gegenwart. Noch eine Sache, nur noch seine Imkerausrüstung holen. Er hatte lange über das Risiko nachgedacht, aber da hinten, im hintersten Garten, bekam niemand etwas mit. Toms Auto stand schon dort, hinter der Hecke. Hatte er ihnen überhaupt von seinem Führerschein erzählt? Während er noch Schuhe und Jacke anzog, verzog er genüßlich lächelnd den Mund und konzentrierte sich auf die Gewißheit, daß es ihm in einer Stunde vollkommen egal wäre, bis ans Ende seines Lebens, ob er ihnen das erzählt hatte oder nicht.

Die Imkerausrüstung einpacken. Eine Leichtigkeit. Und trotzdem.

Er fühlte sich wie auf einer Eisbahn. Rutschig, glitschig, als ob er sich festschnallen müßte. Als ob er nur vorsichtig gleiten könnte. Grübelnd blieb er sitzen. Es mußte etwas… ja richtig, so fühlte es sich an: sie waren im Ski-Urlaub gewesen. Seine Schwester war abgängig gewesen, irgendwo auf der schwarzen Abfahrt. Und er war geschickt worden, sie zu holen, er, mit seinem Haß aufs Skifahren… Aufstehen, jetzt. Er stand auf. Er spürte Angst hochsteigen, spürte seine Organe nacheinander gefrieren, und jeden Moment könnten sie zerspringen.

Keine Zeit für Angst, schnell, weiter.

Na, müssen wir wieder rumheulen? Du bist auch nur so ein Stück Scheisse an der Schuhsohle, alle hängt ihr an mir und schmarotzt, warum ich das noch mitmach, weiss ich schon lang nicht mehr. Tu lieber was, räum hier auf, wenn er Frühstück will, soll er sich selbst darum kümmern.

Im Schleichgang zum Schuppen. Versuch, die Imkersachen in das Auto hinter dem Zaun zu schaffen. Im Hintergrund, im Haus, hörte er immer wieder das Hochjaulen der Stimmen, ohne noch verstehen zu können, was gesprochen wurde. Wollte er es noch verstehen? Warum? Er war draussen, endgültig. Verwirrt wartete er auf das Gefühl von Freiheit. Unwillkürlich begann sein Kopf, weiterzudenken, was sein würde, wären sie hier. Wäre er hier. Aber gut, er hat gelernt, er muss es denken lassen. Es gehört dazu. So. Er wurde kribbelig. Jetzt endlich weg hier. Noch einmal den warmen Holzgeruch einatmen, süßlich, würzig, so zimtig, wie es die rötliche Farbe verhieß. Er bückte sich für eine Sekunde hinunter, näher mit der Nase an das Kästchen. Drehte den Kopf nach oben, Hand auf dem Holz, um sich wieder aufzurichten. Da war das Gesicht schon da, vor ihm, rot, schwitzend. Laut. Wenn ein Gesicht laut sein kann: dieses war es. Für einen Moment blieb ihm die Luft weg, der bierige Atem aus dem Gesicht drang zu schnell in seine Nase. Er versuchte, einen Fixpunkt zu finden, er hatte nur eine Sekunde, er wusste es, bevor er Panik bekam. Eine Sekunde. Er pustete gegen den Schweiss auf dem Gesicht, nahm rote fleckige Farbe wahr, Poren in speckiger Haut, Mitesser, dicke, dicke Nasenflügel. Härchen, auf der Nase, auf den nassen Wangen. Und endlich, endlich, blieb sein Blick zwischen den Augenbrauen hängen, auf einem halb abgekratzten Muttermal, auf feinsten Blutkrusten. Dort konnte er sich ausruhen.

Wach auf! Wach endlich auf! Was denkst du, wie lang sollen wir noch auf dich warten? Für was hältst du dich!

Bitte… bitte… hör auf, bitte hör auf. Hör einfach auf. Bitte.

Ich geh jetzt da rein, das geht so nicht, HÖRST DU!

 

Sein Blick konnte ruhen, sein Körper versteifte sich. Er blieb in der Drehung, jede Bewegung war unmöglich geworden. Er würde sich nie mehr bewegen. Und jetzt wieder wusste er es. Er war ein Nichts. Ein Nichts, gerettet nur von einem blutigen Muttermal in einer vom Bier ruinierten Fratze. Er blieb so. Starrte auf das Muttermal. Auf Blut und Haare. Starrte, weil das die einzige Aktion war, die möglich war. In seinem Körper war alles flüssig. Kein Boden. Nur diese Stimme, die ihm entgegenpeitschte, er hörte nur das Pfeifen darin. Das tat weh. Die Bewegungen taten weh. Das Gesicht, Arme, ständig schlugen sie ihm entgegen, aber er konnte nicht ausweichen, in seiner Starre.

Er war ein Nichts, was konnte ein Nichts machen? Er blieb stehen, verdreht, auf das Muttermal starrend, nichts denkend. Zeit verging. Nicht denken. Blutkruste. Starrte.

Erst verebbte die Angst. Dann hatte er wieder einen Körper. Sein Atem materialisierte sich. Dann verschwand das Muttermal, wie Rauch sich verflüchtigt, und mit ihm die Fratze. Er sah wieder den Schuppen, Regale und Werkzeug. Erschöpft krachte er auf den Boden, der aus dem Nichts zurückgekommen war. Sein Rücken schmerzte und wollte ihn dazu treiben, zu schreien. Wäre denn der Schmerz wichtig gewesen. Er war es nicht. Er versuchte eine Weile, aus dem Schmerz herauszulesen, wie lange er starr da gestanden war. Dann liess er es bleiben. Vorbei.

Wieder stützte er sich auf, diesmal war es ihm erlaubt. Er drehte sich, zweimal, dreimal, berührte alles, stapfte auf. Er war da. Sein Gefühl nicht. Egal. Die Erschöpfung war anstrengend genug. Aber er musste es zu Ende bringen. Jetzt. Nur noch ein paar Kilometer fahren. Tom würde warten.

Was ist los? Wo ist er?

Was weiss denn ich. Weg. Nichts mehr da. Schau nach dem Auto!

Nein, steht nicht da. Ist nichts mehr im Zimmer?

Nein. Scheisskerl. Was für eine undankbare Missgeburt von Sohn.

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Wiedererkennen /über G.Bakker „Jasper und sein Knecht“

(Achtung Spoiler)

Ich dachte ursprünglich nur: oh, ein neues Buch von meinem Lieblingsautor. Anscheinend überwiegend biographisch. Ich überflog den Klappentext nur und nahm es mit.

So kauf ich meistens Bücher: ich hab eins ausgelesen, jetzt muß schnell ein neues her, und wenn die Buchhändlerin, die mich gut genug kennt, nicht interveniert, nehm ich das mit, das mir spontan gefällt. Lieblingsautor heißt übrigens : ich hab alle Romane und einen Erzählband von Gerbrand Bakker gelesen, sie haben mir gefallen, alle hab ich, fast ohne sie wegzulegen, weggelesen. Aufmerksam geworden war ich zufällig auf ihn, durch einen Literaturkalender. Und alle Bücher las ich unheimlich gerne, sie berührten mich, waren (für mich) leichtgängig zu lesen, aber auch tiefgehend und sie beinhalteten wichtige und interessante Fragen und Typen.

So, ja, das war also ursprünglich mein Gedanke. Und jetzt, nach dem Lesen,  wird daraus eine Reflektion aus autistischer Sicht. Mir passierte, was mir schon einmal unverhofft passiert war. Nachdem ich jahrelang mit großer innerer Beteiligung Eminem gehört hatte (und das weiterhin tue), outete sich Eminem als Aspergerautist, sowohl wörtlich (in „Wicked ways“), als auch im Text zu „Legacy“, den ich vollkommen nachfühlen kann. Ich stieß zufällig auf die entsprechende Songzeile, und seither ist er in meiner Achtung sehr gestiegen.

Gleiches trug sich hier zu. Bakker hat z.B. auf facebook eine lockere Serie, in der er Hotelgänge fotografiert. Könnte von mir sein, ich fand das eine sympathisch spleenige Idee, mehr hab ich mir dazu bis jetzt nicht gedacht.

„Jasper und sein Knecht“ ist eine Reflektion in Form eines Tagebuches über ein Jahr, mit Rückblenden. Schon auf den ersten Seiten kam mir die Gedankenwelt und das Lebensgefühl, auch der Alltag Bakkers eigentümlich vertraut und durchaus angenehm vor. Der erste Hinweis hieß „zu autistisch kann ich mitreden“, nach einem Drittel des Buches dann die konkrete Aussage, mit dem Therapeuten über Asperger gesprochen zu haben.

Bingo. Wie bin ich da hingeraten?!? Was sagt das über mich? Ist das ein guter Fakt, weil ich das lese und intuitiv auswähle, was für mich auch wirklich eine Aussage hat? Oder ist das eher schlecht, sollte ich lernen, mich mit ganz anderen Sichtweisen anzufreunden? Aber es ist, wie es ist, ich hab mir das nicht ausgesucht.

Das Buch selbst ist schön und schrecklich zugleich.

Schön ist der Erzählfluss: lakonisch, aber authentisch, immer konkret, es gibt keine Diskrepanzen oder unerklärliche Lücken in diesem Denkfluss. Immer verständlich, Bakker nimmt den Leser komplett mit in seine Welt. Er denkt mit, versucht, keine Fragen offen zu lassen. Und es ist eine angenehme, im Kern sehr strukturierte und sicher abgegrenzte  Welt: der Hof, die Tiere, der Garten. Der Autor beschäftigt sich immer wieder im Detail mit Tieren und Pflanzen, mit Vogelnamen, Marmelade und Stecklingen, und das kenne ich sehr gut von mir. Daneben eine komplett andere Welt: Arbeitsausflüge als Autor, intensiver Kontakt zu Nachbarn, Lesern, Verlegern, Sport und unterschiedliche Berufserfahrungen. Aus denen Bakker immer wieder in seinen Nahbereich zurückkehrt, in dem er sich alleine erholt. Denn er mag Menschen, er kommt mit ihnen sehr gut zurecht (wenn er auch als „sperrig“ gilt), aber entspannen kann er sich mit ihnen nicht, und er sucht mit seinem Therapeuten noch einen Weg zwischen Einsamkeit und bei sich selbst bleiben können.

In diesen Schilderungen ist er schrecklich ehrlich: so ehrlich, daß mir immer wieder Angst wird um den Autor. Angst, er könnte Probleme mit denen bekommen, die namentlich genannt und kritisiert werden. Angst, denn er beschreibt den Ort so genau, daß es vermutlich leicht wäre, ihn zu stalken. Auch wenn er betont, nicht alles 1:1 zu berichten, Daten und Fakten zu tauschen.

Schrecklich ehrlich auch: die Gefühle, die Depressionsbeschreibung trafen mich mit voller Wucht. Anfangs denkt man auch noch, der Autor hat immer Menschen um sich, oft Freunde, ist sozial gut aufgehoben. In meinem Fall: ich wurde neidisch, bin ich doch in meinem Autismus immer mit Einsamkeit geschlagen gewesen. Und war ich es nicht, sehnte ich mich nach ihr. Aber bald wird klar: der Autor hat auch in seiner menschenreichen Familie immer ein inneres Refugium gehabt, in Wahrheit musste er sich sehr in sich zurückziehen, um nicht verwirrt zu sein. Grosse Einsamkeit wird spürbar.

Bedrückend, aber auch bestätigend für mich zu lesen: wiederkehrende soziale Herausforderungen. Angst zu haben, mit 1 Person allein Zeit gestalten zu müssen. Ich wundere mich bis heute, wie ich das mit den Familienmitgliedern schaffe, selbstverständlich ist das immer noch nicht. Oder: Angeschaut werden im direkten Gespräch. Mitreden MÜSSEN.

Tierliebe ist einfacher, und das Jahr ist auch ein Jahr mit Jasper, dem Hund. Anfangs vergleicht Bakker sich (scherzhaft?) mit ihm, im Verlauf schildert er das Auskommen mit Jasper so, wie ein Mensch vielleicht sich an ihn selbst anpassen müsste: ein Zusammenwachsen mit jemandem mit Vorgeschichte, spleenig, eigenwillig, aber aufrichtig und verläßlich. Und liebend.

Jasper stirbt, und so sehr Bakker vorher betont, daß er an seiner Herzlichkeit zweifelt: einige Ereignisse, und erst recht das Sterben des Hundes, so nüchtern und klar sie beschrieben sind, sie zerreissen einem (o.k., mir) das Herz. Weil ich meine, im Text Herzblut zu spüren…

Der Jonas-Komplex /eine persönliche Betrachtung

Den neuen Glavinic kauften wir mehr beiläufig. Einige frühere Bücher hatte ich sehr gern gelesen. Auch die, in denen Jonas bisher auftauchte.

„Die Arbeit der Nacht“ hatte für mich zur Folge, daß ich den Mond plötzlich ganz anders wahrnahm. Auf einer Lesung hätte ich den Autor gern darauf angesprochen. Ein Kerl von 1,8+m, komplett in einen schwarzen Ledermantel eingehüllt, hinter dem Smartphone versunken. Mit SMS an Daniel oder den Weinhändler beschäftigt. Oder so. Ich hab mich dann nicht getraut. Statt dessen bastelte ich diese Skizze daraus.

Zum aktuellen Buch, dem „Jonas-Komplex“, hatte ich schon eine Rezension gelesen. Darin wurden die Sex-Szenen ausführlich betont. Selbstverliebtheit und narzißtische Selbstbespiegelung. Ja, ist ja  gut, denke ich. Es ginge um verschachtelte Ebenen und philosophische Erkenntnis des Ich. Um das Finden der erlösenden Liebe. Puuh. Klingt unverständlich. Und ein 13jähriges Schachgenie spiele eine wichtige Rolle. GNAAA denke ich: Coming of age, wie langweilig! Altkluges Wunderkind: oh mei. Kronleuchter.

Ich hab es dann doch gelesen, und es war seit langer Zeit wieder ein Buch, bei dem es mich oft in den Fingern juckte: weil ich Notizen machen oder Zitate twittern wollte.

Die ersten Seiten sagten mir nicht viel, ich brauchte einige Ebenenwechsel, um mich richtig einzufinden. Die erwähnten Sex-Szenen, den ganze Bohei um Sex und Koks konnte ich nicht wirklich wichtig nehmen. Sie schienen mir wie ein einziges Sedativum. Sie verblassten auch schnell, weil ich es mir in der Gedankenwelt des Autors heimisch machte, die dazwischen, fast beiläufig, eingestreut wird. In der des jungen und der des gegenwärtigen Autors.

Ich konnte mühelos mitdenken in diesen Gedankenwelten. Im Roman taucht ein Autor auf, der sich in sich selbst als Jungen und als fiktive Figur spiegelt. Und schon sein Jetzt-Zustand ist in sich gespalten, inklusive mehrerer Filmrisse. Ihn treibt eine Sehnsucht nach dem Alleinsein, den allgegenwärtigen Menschenhaufen um ihn herum kann er nichts abgewinnen: ihnen begegnet er mit Langeweile, Vorsicht oder Überdruss ob ihrer Dumpfheit. Er muß sich selbst verantworten, und das ist schon dem Kind eine Selbstverständlichkeit: sich selbst organisieren und dem Chaos mit einem Achselzucken entgegen treten. Oder es bändigen, indem man alle seine Sinne nutzt. So werden Zahlen zu Farben und Namen zu Gegenständen, und Menschen fächern sich auf in verschiedene Schichten. Und die Stille im Haus verrät menschengleiche Schwingungen. Wenn man selbst etwas davon abbekommen hat, weiß man, wie schön das sein kann.

Aber neben dem Wunsch des Protagonisten, alleine zu sein, sind da auch Solitäre: Menschen, zu und bei denen er Aufrichtigkeit, Stärke und Liebe spürt, und die er niemals loslässt, nicht mal im Tod. Und immer, durchgehend tastet er sich durch die Welt, anstatt fest und in eine Richtung zu stapfen. Am Ende, ja, im Fieber kämpft er sich mit Marie Richtung Antarktis und will das unbedingt. Eine dünne Schicht Liebe findet er und reklamiert er als Heilmittel, und die zwar buchstäblich sturmerprobt, aber dennoch „kaum zu glauben“ ist. Das Kind hat schon mehr geändert: es ist ein Spiegel, und es braucht Schutz und Sinn. Die Welt und das Universum: letztlich unverständlich. Das Leben, ein Fliegenschiß und doch alles.

Wie gut ich das kenne. Die Welt als Schrödingers Experiment zu betrachten. Die Dinge da draussen, ausserhalb meines Bewusstseins, sie müssen ja unveränderlich sein und ewig, im Gegensatz zu mir. Sie könnten aber auch die Katze sein, und sich ändern, wenn man sie wahrnimmt.

Und wenn man die Welt mit seinem Bewußtsein nicht fixieren kann, wie soll man sich selbst dann kennen? Man kann sich sichern, sich dem Bewußtsein entziehen. Oder alles testen. Wie Jonas, wenn er sich „aussetzen“ lässt. Das fand ich vor 20 Jahren schon bei Paul Auster spannend: sich auszumalen, was passiert, wenn man plötzlich mit dem Nichts dasteht, einfach eine Strasse fährt, bis das Geld und Benzin alle sind, nur, um es zu machen.

Das klingt für mich Routinen-Fanatiker komisch, aber es ist mir sehr vertraut: der Punkt, an dem ich beschließe (oder in mir beschlossen wird), alles auf eine Karte zu setzen, etwas Vertrautes stehenzulassen. Jetzt. Ohne Nachdenken, und ohne Zurück.

Nie habe ich solche Schritte bereut, und nie mehr Sinn und Freiheit gespürt.

Traum (Kurzgeschichte)

Nein, sie war nicht aus unruhigen Träumen erwacht.

Es war nur ein Traum gewesen, kurz und überraschend klar. So klar, daß sie sich wunderte, weshalb er sich vorher nie gezeigt hatte. Er mußte schon dagewesen sein, irgendwo. So vertraut, mehr ein Wiedererkennen als ein Traum. Nur eine Szene. Sie war weg. Auf dem Mond, ohne Vorgeschichte, keine Erklärung, keine Pointe. Sie war auf dem Mond, und dort war sie unter der Oberfläche, in einer tiefen Spalte, zwischen glatten und steilen Felswänden. Zu glatt, um sich darin festzuhalten.

Sie wachte auf. Sie war schon dabei, die Augen zu öffnen, aber der Eindruck in ihrer Seele verwirrte sie. Neben sich spürte sie die Wärme des Mannes und hörte seinen Atem. Sie versuchte nochmal, zu entspannen, in seinem Rhythmus mitatmend.

Als Kind hatte sie eine ältere Verwandte gehabt, die auf einem Hof gelebt hatte. Die Verwandte hatte immer von ihrem Brunnen im Kellerboden gesprochen, er war von einer dünnen Holzplatte abgedeckt. Bei jedem Abschied hatte sie vorausgesagt, sie werde nun bald in den Brunnen hinunterspringen, und es niemals mehr werde von ihr eine Spur auftauchen. Dann ging sie, den Kopf wiegend, ihres Weges, und die Zurückbleibenden stritten sich, ob sie das wohl tun würde oder nicht.

Was war nur aus der Verwandten geworden, sie hatte es nicht erfahren. Aber so dunkel, wie das Kind sich damals den Brunnen vorgestellt hatte, so abgrundtief, grundlos, schwarz, verlassen, ohne Halt: so dunkel war es in ihrem Traum gewesen. Der Traum hatte sie in einem Kraftfeld fixiert, alles war undurchdringlich, finster, keine Möglichkeit, etwas zu tun. Sie war allein, auf dem Mond, und sie spürte keine Gegenwart mehr. Ein riesiges Sehnen nach menschlicher Hilfe, im Augenblick seines Erscheinens zerstört von der eigenen Ausweglosigkeit, kein Schrei.

Im Aufwachen spürte sie noch die Einsamkeit dieses Moments.

Kälte.

Jetzt erwachte sie vollends, die Unruhe trieb sie hoch. „Schatz, bist du schon wach? Mach doch heute bitte extra viel Kaffee, magst du?“ Sie beugte sich für einen Kuss zum müde lächelnden Mann, dann stand sie auf und begann den Tag. Ein Traum nur, eine Laune des Zufalls, irgendwelche Synapsen, die zufällig eine Verbindung eingegangen waren. Sie durchforstete den gestrigen Tag, während sie mit dem Mann beim Kaffee saß und ihm mit halbem Ohr zuhörte, aber sie fand keinen Grund für ihren Traum. Es war ja auch egal, nur diese Kälte sollte schneller weggehen. Die Kälte stach im Herzen, wie ihr als Kind Schmerz in die Stirn geschossen war, wenn sie ihr Eis zu schnell gegessen hatte. Sie nahm sich ein paar Extra-Minuten Zeit. Sie umarmte ihren Mann lange, und er sah sie verwundert an. Sie schlüpfte bedächtig in ihre Schuhe, und während sie vor ihrem inneren Auge ihren Arbeitstag durchging, schwand die Erinnerung, und dann die Erinnerung an die Erinnerung.

Es war noch sehr früh, ein frischer klarer Morgen, also machte sie sich heute zu Fuß auf den Weg. Zum Abschied drückte sie den Mann und versuchte, seine Wärme zu speichern. Beim Abschiedskuß spürte sie, wie sich seine seine Lippen auf sie zu bewegten. Sie schauten sich nochmals kurz an, dann drehte sie sich weg und ging los.

Während der ersten Schritte legten sich ihre Gedanken nach und nach still nieder und sortierten sich in der richtigen Reihenfolge: was alles wie zu tun wäre. Am kleinen Steg blieb sie stehen, um die Farbe des Bachs zu betrachten. Heute war er weißlich und hellorange, die Sonne ging ja gerade erst auf. Leichte Irritation. Warum? Es war doch völlig ruhig, kein Auto, keine Fliege, kein Wind. Kopfschüttelnd ging sie weiter, bis sie schräg über sich den vollen Mond bemerkte. Da war irgendwas. Oder? Mit weiten Augen starrte sie hinauf: sie konnte ihn sehen! Er war schon immer dagewesen. Wie oft hatte sie zu ihm geschaut und den Anblick genossen. Aber jetzt wußte sie: sie hatte ihn noch nie gesehen. Seinen Körper, modelliert vom Schatten. Er hing über ihr, von der Gravitation fixiert, oder von Fliehkräften, so genau konnte sie das nicht erklären. Das erste Mal im Leben empfand sie das Gewicht der Abermillionen Tonnen Stein und Fels am Himmel über ihr.

„Hallo!“ „Haalloo“. Lachen, Grimassieren. „Auch so früh?“ Frau H. achtete stets darauf, ihren in eine tadellos gebügelte Streifenbluse gehüllten Rücken abzustützen. „Haach, ich müßt gar nicht so früh, die haben mir noch gar nichts hingelegt, aber ich kann eh nicht schlafen, morgen wieder Ortho, aber ich will dich nicht so früh schon nerven, schaust ja noch richtig verschlafen…“. „Ach, Frau H., besser gleich `ne Spritze, ne? Warum denn umsonst leiden? Aber schön, daß die Oberen mal langsamer tun!“ Mit einem gelächelten Seufzer zur Kaffeemaschine und langsam zu ihrem Tisch geschlurft. Während sie ihre Unterlagen ordnete, versuchte sie, ihre Normalität wiederzufinden.

Sie setzte sich jetzt nieder, vor ihren PC. Stellte die Kaffeetasse rechts ab, in Greifweite und trotzdem weit genug von der Tastatur entfernt, und drückte den Einschaltknopf. Während sie den boot-Prozeß abwartete, ungeduldig und in Bewegung, schaltete sie gleichzeitig ihr Handy ein. Während sie in der einen Maske ihr Kennwort eintippte, schielte sie, wann sie ihren PIN eingeben könnte. Rief dann die erste Datei auf und saß für einen Moment still. Sie war mit ihrer Aufmerksamkeit, mit ihrem Blick vollkommen am PC, und völlig ungestört im Büro. Frau H. saß draußen an ihren Skripten. Sie konnte sie nicht sehen, nur ihr leises Aufseufzen von Zeit zu Zeit mehr ahnen als hören. Trotzdem meinte sie, Frau H.`s vom Schmerz gebremste Bewegungen zu sehen, wie ein Hologramm in der Luft hinter sich. Schmerzhafte Wärme. Und gleichzeitig wieder Kälte im Herzen, die sie daran erinnerte, daß ein Teil von ihr bewegungslos auf dem fernen Mond schlief. Mit großer Anstrengung gelang es ihr, die Erinnerung wieder wegzuschieben.

Nacheinander kamen die übrigen Kollegen an, das lenkte sie von der Erinnerung ab. Nur diese konstante Verwirrung hielt an. Alles war verschoben. Die Kollegen verteilten sich, tauschten die üblichen Floskeln aus, wie immer. Nur, daß sie ihre Bewegungen jetzt spüren konnte. Nicht auf der Haut, nicht als Wind. Sie spürte einfach die Bewegung im Raum, nahm wahr, wie mit jedem Schritt unsichtbare Fäden ihre Spannung änderten. Ein Spinnennetz in Schwingung. Nahm Geruch auf, Körperwärme, produziert, damit diese Körper leben konnten.

Wenn ihre Kollegen so in ihrem Bewußtsein sein konnten – war sie dann im Bewußtsein ihrer Kollegen? War sie überhaupt sichtbar? Mit ihr wurde geredet, das hatte sie bis jetzt selbstverständlich hingenommen. Ein unruhiges, schönes Gefühl, unsichtbare Wellen zu schlagen, und andere Menschen fingen ihre Wellen auf, wie Haie ihre Beute orten. Was bedeutete das nur?

Ihr fiel der Schriftsteller ein, mit dem sie sich auf facebook ausgetauscht hatte. Spaßig und aufregend war das gewesen. Einmal war in seiner Heimat ein Erdbeben gewesen, und sie hatte es in den Nachrichten gehört und gleich nachgefragt, ob es ihm gut ginge. Er hatte geantwortet. Live. Sie fand es lustig und verblüffend. Sie versuchte auch manchmal, sich vorzustellen, was in seinem berühmten Schriftstellergehirn alles passierte.

Aber, wenn auch er ihre Präsenz spüren konnte, was hatte sie dann in seinem Kopf schon alles angerichtet? Das konnte sie ja jetzt – konnte sie sogar seine Karriere zerstören? Weil sie ihn verärgerte, verwirrte, was zum Teufel sollte sie mit diesem Wirrwarr anfangen?

Jetzt, ja, jetzt – wenn sie so existierte, real, so wie der Mond plötzlich existierte – dann könnte sie auch wieder aufhören? Alles wieder verlieren?

Die Kälte schwappte direkt vom Mond, direkt aus dem Traum in sie hinein und drohte, sie mit sich zu ziehen. Sie mußte aufspringen, alles für eingebildet erklären, um nicht irre zu werden. Alles gut. Hey, alles wie immer. Jedenfalls war die sogenannte Realität wie immer.

Eine ganze Weile arbeitete sie noch alleine vor sich hin, versenkte sich in einige Probleme und freute sich, gut voranzukommen. Alle 20, 30 Minuten war wieder ein Block geschafft, dann lehnte sie sich kurz zurück, griff in eine Schale Gummibärchen und schaute aufs Handy. Bestimmt hatte der Mann sich in die Badewanne gesetzt. In ihrem Kopf liess sie einen Film laufen, der zeigte ihren Mann, alles, alles, was er gerade tat, alles, was sie sonst mitansehen konnte. Wie konnte sie darüber nachdenken, wie konnte das zeitgleich passieren? Warum löschten die Ereignisse sich nicht gegenseitig? Warum implodierte sie nicht. So viele Lebensfäden, die sie sich vorstellen konnte, die genau jetzt passierten, während sie mechanisch ihre Zahlen tippte. Der Mann badete. Frau H. tippte. Der Chef surfte. Obwohl, es gab ja Freiheit… der Mann rauchte vielleicht jetzt heimlich, oder telefonierte mit einer Geliebten. Alles dies war in ihrem Kopf, was davon würde real sein…

Sie machte sich auf den Heimweg, ausgelaugt und still. Über ihr der Mond, immer noch voll, immer noch streckte er ihr seinen dicken weißen Bauch entgegen. Er wirkte warm und freundlich, jetzt. Er mochte ein Freund sein. Sie würde ihn als Freund betrachten.

Sie erwachte aus einem Traum, so ruhig und klar. Spiegelnder klarer See, absolut ruhig und friedlich.

 

Kleiner herbstlicher Seufzer

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Also, das ist ein Blick in einen herbstlichen Apfelbaum. Genauer gesagt ist das mein herbstlicher Apfelbaum, heute fotografiert.

Und könnte mich jetzt bitte jemand davon abhalten, bei jedem Gang in den Garten davor stehenzubleiben?

Könnte mir vielleicht jemand nahebringen, daß eine Frau, die wie hypnotisiert in einen Apfelbaum starrt, dämlich aussieht?

Eine Verwandte erinnerte mich neulich unsanft an mein Alter. Ich bin bald 50, aber daß ein Baum, den ich eigenhändig mal gepflanzt habe, Früchte hervorbringt und mich und allerlei Getier ernährt – das finde ich immer noch, im wahrsten Sinne des Wortes, wunder-bar!

Und während ich …

… noch mehr als satt bin, weil ich mittags im Gasthaus eingeladen war

… es mir zum Problem mache, ob ich noch etwas zu abend essen soll

… es mir zum Problem mache, ob ich gleich oder später oder gar kein Glas Wein mehr trinken will

… während ich staune über meinen Apfelbaum, der nach 10 Jahren zum ersten Mal reich trägt, und mich an dem Wunder nicht sattsehen kann

… marschieren anderswo Menschen um ihr Leben

… versuchen anderswo Menschen, ihre Lieben auf Strassen und in Lagern zu beschützen

… sind Menschen froh um jedes Stück Identität, das sie mit auf die Reise nehmen können

… sind Menschen froh um Wasser und Brot

… scheitern zuständige Menschen daran, so miteinander zu kommunizieren, daß es wieder Hoffnung und Regeln für alle gibt

… weigern sich zuständige Menschen, Kriege zu beenden, weil Macht und Gewinnen ihnen wichtiger als Menschlichkeit ist

altersmilde

Jetzt ist er vorbei, der Besuch, den ich fürchtete. Ich stelle fest, es war mehr eine Gewohnheit, ihn zu fürchten, als tatsächliche Furcht.

Besuch von der Generation 70+, denen braucht man mit „Asperger“-Definitionen nicht zu kommen. Die sind noch in Zeiten aufgewachsen, in denen „Behinderte“ „fürsorglich“ um die Ecke gebracht wurden:

Anfangs, also vor 20 Jahren, waren die Beiden entsetzt von mir. Und ich versuchte eine Verständigung, fand aber keinen Weg, gab irgendwann frustriert auf und erduldete Besuche. Ich erinnere mich an gemeinsame Essen, bei denen ich wörtlich den Mund nicht aufbrachte, mein Kopf leer war.

Als die Kinder klein waren, und schwierig, gab es Ratschläge, wie kurz und schmerzlos (und fies und hinterhältig) dem beizukommen wäre. Da brachte ich den Mund auf, es endete in Streit. Danach nur noch gezwungenes Miteinander, immer seltener.

Ich war sauer und verweigerte eine Zeit den Kontakt.

Was mir selber aber zu doof ist.

Also, neue Ankündigung, sie wollten kommen. Vor diesem Besuch beschloß ich, mein guter Wille reicht, ich muß niemandem ein „ordentliches“ „deutsches“ Leben vorspielen.

Und siehe da, es wurde. Das Flüchtlingsthema beendeten wir jeweils kurz angeschnitten: sie jammerten, daß es mit Deutschland bergab ginge, ich betonte meine guten Erfahrungen in diversen Kliniken mit Einwanderern, und gut wars. Mein „Schattenspringer“-Kind #3, sonst ein Rabauke, hatte sich wohl vorgenommen, Höflichkeit zu üben. Der Kuchen war gelungen, das Wetter gut. Und die Beiden? Werden mit jedem Jahr großzügiger, altersmilder, interessierter an dem, wie es ihren Mitmenschen wirklich geht. Im Alter, scheint es, merken sie, daß man nicht wirklich belohnt wird, wenn man es allen recht macht und alles „richtig“ macht.

Ich wünschte mir, sie hätten dies früher gemerkt. Wir alle hätten es leichter und schöner gehabt. Aber besser spät als nie.

Gedankensplitter /Hund und Katz

Unsere Katze ist auch nur ein Mensch.

Ich stehe ein paar Sekunden zu lange in der Küche herum, weil ich noch kurz nachdenke, da rührt sie sich schon. Sie sieht mich alarmiert an, nach dem Motto: „Hey, bist du wach? Was ist los?“ und fängt an, mit mir zu reden, pardon, mich anzumaunzen. Wenn ich in ihrer Gegenwart etwas zu langsam in Richtung Wohnzimmer gehe, ist sie neben mir und schaut sich alle 3 Schritte um, ob ich jetzt auch mit ihr aufs Sofa geh, zum Kuscheln. Gleiches im Garten. Irgendwie ist an ihr ein Hund verlorengegangen. Ich weiß nicht, wo das Vorurteil herkommt, Katzen wären eigenbrötlerisch, rücksichtslos und egoistisch und der Mensch nur ihr Dosenöffner. Von meinem Haustier kommt es nicht. Das begleitet mich oft auf Schritt und Tritt, hat ein Auge auf mich. Es zeigt mir oft, daß jetzt Streicheln angesagt ist und gibt mir Nähe zurück. So, wie ich die Katze zum Futter rufe, hat sie mich auch schon gerufen, wenn sie mit einer Maus nach Hause kam.

Meine Katze begleitet mich jetzt schon über 15 Jahre. Einmal hab ich viel Geld in eine OP gesteckt, weil sie auf dem Feld in irgendeine Maschine geraten war. Ich weiß ehrlicherweise nicht, ob ich das Geld nochmal ausgeben würde. Irgendwann stirbt sie halt mal. Wir machen keinen Hype um sie, aber sie gehört zu unserem Leben und hat ihren Platz. Die Kinder lieben sie und nehmen Rücksicht auf sie.

Ich bin mit Haustieren aufgewachsen, mein Mann dagegen nicht, meine Schwiegereltern können so gar nicht mit irgendwelchem Getier und fürchten sich vor Tollwut und was weiß ich. Sie ekeln sich vor Katzenspeichel und Hundehaaren, ganz irrational, als ob man sich gleich anstecken könnte, wenn die Katze einem den Finger abschleckt.

Wie fremd mir das ist! Wenn ich mir ein schnelles (Vor)Urteil über Menschen bilden will, achte ich drauf, wie sie über Hunde und Katzen sprechen. Denn die meisten Menschen rechnen sich entweder der Katzen- oder der Hundefraktion zu. Wenn ich dann z.B. diese junge Dame, mit der ich öfter zu tun habe, sprechen höre, wie anti sie gegen Katzen ist, weil sie mit diesen blöden Viechern gar nix anfangen kann: dann, gebe ich zu, bin ich nicht mehr bereit, mich mehr als notwendig mit ihr abzugeben. Eine andere Bekannte bezeichnet sich auch als Hundemensch, hat aber beides bei sich zuhause und sorgt für alle gleich, damit kann ich besser.

Mir sind auch Menschen fremd, die betonen müssen, es seien schließlich nur Tiere, und diese nach dem Motto „Friß oder stirb“ behandeln. Ich habe so gar keinen Sinn für Menschen, die Bedürfnisse anderer ignorieren oder negieren, seien es Tiere oder Menschen.

Ich möchte nicht ohne Haustier sein. MIr geht es nicht um die Ansprache, oder ums Streicheln, oder nicht nur. Ich bilde mir auch nicht ein, daß meine Katze mich „ganz genau“ versteht. Es ist einfach schön, ein lebendes Wesen um sich zu haben, für jemanden oder ein Tier zu sorgen, sein Leben zu teilen.

Die Kinder wollen einen Hund haben. Ich hab damit keine Erfahrung, kann es mir aber vorstellen, wenn die Katze nicht mehr ist. Denn irgendwann wird sie mich verlassen, meine alte Katzendame.

Gedankensplitter /Retro

Am Strand jeden Tag am gleichen Platz eine junge Familie, ein Pärchen 2 Kinder und der Opa, augenscheinlich ihr Vater.

Ich nenne den jungen Mann den Hipster, da er sich so bemüht, in dieses Bild zu passen. Unruhig steht er, breitbeinig und mit verschränkten Armen und blickt auf das Meer hinaus. Sie sitzt hinter ihm auf der Decke und stillt das kleinere Kind, das aber auch schon läuft und zu groß aussieht, um noch gestillt zu werden.Es wirkt so, als ob die schmale junge Frau kaum ihr Kind auf dem Schoß halten könnte und so, als ob sie ausgesaugt würde. Trotzdem legt sie es bei jedem Piep an, weil sie es so gelesen hat oder weil sie davon überzeugt ist, wer weiß. Die Babyausstattung, die Art, mit den Kindern zu reden, die Verpflegung: alles sehr modern, gewählt, bewußt. Nichts ist einfach so, vieles ist Statement. Wir sind 2015, wird zwischen den Zeilen gesagt, wir machen den alten Quatsch nicht mehr mit, wir machen, was heute vernünftig ist. Gesund essen, mit den Kindern vernünftig sprechen, immer auf Augenhöhe. Die Frau macht es vor.

Der Hipster möchte das auch. Und trotzdem steht er immer wieder da, breitbeinig, trippelt unsichtbar hin und her, schaut aufs Meer. Sobald die Frau oder seine Kinder etwas brauchen, tut er es, so, wie es ein soll. Aber ihm ist seine Ungeduld anzusehen. Er birst vor Kraft, die nirgends hin kann. Vielleicht auch sexuell, vielleicht hat er sogar Nebenbeziehungen, man ist ja modern. Aber er kann hier nicht wirklich etwas tragen. Oder gestalten. Er spielt nur mit. Was immer er als Mann und Vater noch zu geben hätte, es wird ignoriert. Er reibt sich auf innerlich, aber seine ganze Breitbeinigkeit kann seine Verletztheit nicht zudecken.

Die Frau, sie hat augenscheinlich mehr, als es je bräuchte. Optimale Bedingungen für sie und ihre Familie. Nie würde sie etwas nicht Gewaltfreies kommunizieren. Nie ihre Kinder mit Zucker oder Zusatzstoffen vergiften. Nie ein Kind schreien lassen. Seitenblicke der Älteren quittiert sie souverän und selbstbewußt. Wie schafft sie es trotzdem, ihren vollkommen gleichberechtigten Mann wie einen Trottel stehen zu lassen? Wo hat sie dieses halbsekündliche Augenrollen gelernt? Wo diesen halbsekündlichen eindrücklichen Blick, mit dem sie demonstriert, daß ihre Kinder nun mal untadelig sind? Und an wem das nur liegen kann? Und wo ist sie eigentlich wirklich? Von ihr selbst ist nichts zu sehen.

Die Kinder, sie sind hier doch das Ein und Alles und werden mit allem Respekt behandelt, und trotzdem sind sie Spielball, und in 20 Jahren werden sie auf die Suche nach dem gehen, was sie damals irgendwie vermisst haben und nicht benennen können.

Das könnten meine Großeltern sein, vor 40 Jahren tief in Bayern. Vater arbeitet, tut und macht, nach außen steht er als tragende Säule da, nach innen hat er wenig zu melden. Mutter schiebt die Kinder und den Haushalt vor als Ausweis ihres Könnens, verschwindet aber selbst als Person. Kinder werden als Grund für spätere Krisen erkennen, daß sie nie wirklich umarmt wurden.

Ich identifiziere mich mit dem Opa. Er ist vielleicht Mitte, Ende 50, er ist seinerzeit mit den ersten emanzipierten Frauen konfrontiert gewesen und hat sich die Freiheit genommen, sich scheiden zu lassen. Er spricht gelassen mal mit ihr, mal mit ihm. Er wundert sich bestimmt, und ich mich mit ihm: wie konnten seine großen Kinder wie seine eigenen Eltern werden? Bei all den Möglichkeiten, die sie haben?

Gedankensplitter /Zugfahren #2

Ein schwäbisches Rentnerpaar steigt zu und setzt sich auf die andere Seite. An die 70, beide beige Hose, Polo-Shirts und Trekkingsandalen. Eine dreiviertel Stunde lang bleiben wir nebeneinander. Meine Kopfhörer sind kaputt, und wegen Bauarbeiten und Verspätung möchte ich keine Durchsage verpassen, also höre ich notgedrungen ihr Gespräch.

Es geht mir wie beim Lesen: sehe ich Buchstaben, lese ich den Sinn – höre ich Menschen reden, verstehe ich sie auch. Es kostet mich richtig Anstrengung, „vorbei“zuhören.

Es geht 10 Minuten lang im empörten Stakkato um junge Leute, die scheinbar im Weg gestanden hatten, und die jetzt heftigst, ebenso wie die heutige Jugend, als rücksichtslos beschimpft werden. Dann geht es um die Fahrt, um Zeiten, Gleise und Stationen. Die Frau schaut oft auf den Fahrplan in ihrer Hand, schaut mit angestrengtem suchenden Blick aus dem Fenster, oft auch zu mir, die ich aber absolut ruhig und nichtssagend dasitze und ihre Bewegungen nur aus dem Augenwinkel registriere. Sie ist deutlich fitter als er, dem nach einer halben Stunde das Kinn auf die Brust sinkt. Eines Tages wird er zum Pflegefall werden, dann wird sie aufleben, sich wieder was Farbiges anziehen und seine Betreuung komplett allein organisieren.

Die beiden wahrzunehmen, macht mir richtig Pein. Pein im Sinne von quälender Zustand und sich windend entkommen wollen.

Nur warum?

Früher, im Altenheim, da war Frau K., die immer bibbernd und klagend mit ihrem Rollator vor dem Aufzug wartete, in Panik, sie könnte den Einstieg nicht schaffen. Hab ich vollkommen verstanden, was blieb der alten Frau, als ihre Sorge zu kommunizieren, damit jemand sie unterstützt? Kein Problem. Vor ein paar Jahren, am Bodensee, wir mit meinen auffälligen autistischen Jungs an einer Haltestelle: die Rentner drumherum erschienen mir einerseits wie die Vampirhorde in „Tanz der Vampire“: bleich und mit starren glasigen Augen hielten sie sich krampfhaft irgendwo fest und fixierten uns mit ihrem Blick. Andererseits, sie konnten uns nicht einschätzen und versuchten, die Abfahrt nicht zu verpassen. Das war schon unangenehm, aber nicht so peinigend wie das hier.

Meine Pein erklärt sich nur zum Teil aus dem, was die Beiden sich zu sagen haben. Denn ihren Ärger über Rücksichtslosigkeit kann ich ihnen nachsehen; und als alter Mensch, der nicht mehr so fix reagiert, auf Papierinfo angewiesen ist, nicht mehr gut hört und sieht, muß man wohl besser aufpassen, um seine Anschlüsse nicht zu verpassen. Ich bin jetzt überzeugt, daß es überwiegend ihr Dialekt ist. Also, diese schwäbische Sprachmelodie. Kölsch hört sich in meinen Ohren freundlich bis gemütlich-bräsig an, bayerisch vertraut-locker, norddeutsch äußerst beruhigend. Schwäbisch hat für mich dank seiner Intonation immer etwas Klagendes, Jammerndes, Anklagendes, Forderndes. Das Rentnerpaar könnte also auch nette Anekdoten verbreiten, ich würde trotzdem zusammenzucken und mich dauernd dagegen wappnen, angeklagt zu werden. Ich hätte trotzdem den Eindruck, jemand verbreitet beleidigte Selbstgerechtigkeit, und würde einen Grund dafür suchen wollen.

Mein Mann muß unter dieser Überempfindlichkeit von mir und meinen Kindern leiden: jede kleine Änderung in seiner Stimme oder seiner Mimik scheucht mich auf und läßt mich anfangen, nach Gründen zu scannen, und wenn keiner erkennbar ist, fang ich in mir zu suchen an. Er muß oft die Nachfrage beantworten, ob irgendetwas nicht stimmt… Wer immer behauptet hat, Autisten seien im Sozialen unempfindlich oder unsensibel, hat solche Phänomene nicht kennengelernt. Ich bin eher zu empfindlich.

Diese beiden haben Angst um ihre Anschlüsse, und sie reden dagegen an und halten sich an ihrem Papierplan fest.

Zuvor war ein junger blinder Mann mitgefahren. Beim Hinsetzen setzte er sich fast auf eine junge Frau und entschuldigte sich sofort. Ich dachte erst, sie gehören zusammen und wunderte mich, wie er im fast leeren Zug so zielgerichtet auf ihren Platz gestossen war. Dann bekam ich mit, daß er sich aus purem Zufall auf ihren Platz setzen wollte. Der junge Mann verhielt sich sehr zuvorkommend und adäquat, erklärte, begann einen kleinen Plausch mit ihr, auf den sie auch einging. Sie setzte sich zwei Sitze weiter und sprach weiter mit ihm, erzählte ihm, wo sie herkam und was sie in der Stadt gemacht hatte. Es wurde lauter, der Zug fuhr an, ich löste Rätsel, und die junge Dame stand irgendwann auf, ging aus dem Waggon und sah mich im Vorbeigehen ganz kurz an. Ich dachte mir nichts dabei. Der junge Mann blieb unverändert sitzen, gestikulierte und grimassierte andauernd. Ich weiß nichts über Blinde, vielleicht ist das so, wenn man von Geburt an blind ist und die bewegungsarme Mimik und Gestik anderer Menschen nicht wahrnehmen kann. Er redete auch vor sich hin, ich verstand ihn bei der Lautstärke nicht.

Beim Ausstieg dann war er vor der Zugtür, wandte sich ein paar Mal um und fragte irritiert nach „Yvonne?“. Erklärte den Menschen neben sich, sie sei doch noch dagewesen, wo sei sie jetzt? „Yvonne“ sah ich einige Schritte hinter ihm den Kopf einziehen … Sie hatte ihm wohl nicht mal gesagt, daß sie sich jetzt woanders hinsetzt …

Angst gemeinsam bewältigen oder allein im Regen stehen gelassen werden. Sich aufeinander verlassen können oder gezwungen sein, mit der eigenen Not und noch der Einsamkeit zurechtzukommen. Was für ein Unterschied.