Gedankensplitter /Alte Freunde

Facebookpostings. Manchmal auch auf Twitter. Jeden Tag mindestens eines mit dem Inhalt: „Gute Freunde sind…“. Es wird das Hohelied der Freundschaft gesungen, sich gegenseitig annehmen, Freud und Leid teilen, sich jeder(!)zeit anrufen können, sich jederzeit um den anderen kümmern. Oder: wenn du mein wahrer Freund bist, wirst du dieses teilen!

Das sind die Posts, die ich sofort ignoriere, sobald ich sie erkannt habe.

Nicht nur, weil ich dank  meines Berufes weiß, wie vielschichtig das ist und wie wenig es „wahre“ Freundschaft gibt, genauso wenig wie „naturgegebene“ Mutterliebe.

Ich habe solche Freundschaften nicht. Ich hatte solche auch noch nie. Als Mädchen mal eine sogenannte beste Freundin. Die Freundschaft bestand daraus, daß ich sie immer besuchte und mich anpasste. So lange, bis es bei mir nicht mehr ging. 2 Jahre später war sie mir sehr fremd geworden und ich erlebte zum 1.Mal Verwunderung darüber, wie ich etwas so lang habe aushalten können.

Was nicht heißt, daß ich nicht immer wieder mich mit Menschen enger verbunden habe. Im Nachhinein fällt es mir schwer, das als „Freundschaft“ zu benennen. War ich für diese Menschen eine Freundin? Und wo genau ist der Unterschied? Haben wir nur ein Interesse geteilt, einen Lebensabschnitt, oder war ich als Person von Bedeutung? Naja, so gefragt, fällt mir der Irrsinn der Frage auf: wenn nicht ich, welche Person hätte damals dann von Bedeutung sein sollen?

Dazwischen liegt eine intensive Kinderphase. Jetzt sind aus den Kindern Teenies geworden, wir haben wieder viel mehr Spielraum. Aber die alten Freundschaften lassen sich nicht so einfach reaktivieren. Auch bei den anderen hat sich das Leben weiterbewegt. Und irgendwie müsste ein Funke überspringen, damit ich auch wieder regelmäßige Kontake aufnehmen könnte, also mich öfter melden, regelmäßige Treffen etablieren, gemeinsame Interessen wieder aufnehmen. Allein, mir fehlt noch entschieden die Kraft dazu.

Ob das bei anderen meines Alters wesentlich anders ist? Ich glaube, da wird viel idealisiert, und am Ende bleiben ein oder zwei Menschen, die einen als Person und seelisch intim kennen.

Ich habe nicht die sprichwörtlichen, oben zitierten Freunde, wo ich jederzeit anrufen, Unterschlupf finden oder mir Geld leihen könnte. Andererseits, ich habe viele Menschen, an denen ich mich orientieren kann, die mich mögen und im Hintergrund doch da sind. Ich weiß, wo ich es versuchen würde. Ich genieße es, in einem Raum zu sein (der darf auch virtuell sein…), wo mir bestimmte Personen Sicherheit vermitteln, auch wenn sie das gar nicht wissen. Es ist schön, Pläne zu haben, Vorstellungen, wen man mag, wen man ab und zu gern treffen würde. Und es ist schon auch schön, Menschen früherer Zeiten wenigstens sporadisch zu kontaktieren und gegenseitige Wertschätzung zu spüren, sich gegenseitig zu beobachten, wie man durch das Leben geprägt wird.

Alte Freunde.

 

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Gedankensplitter /Nahrungskette

Ich stehe am Herd, Hektik pur, da fliegt schon die Haustür auf, nacheinander stürmt der Nachwuchs in die Küche und guckt als erstes neugierig in die Töpfe … Das Kind kommt später als die Geschwister nach Hause. Er begrüßt mich, setzt sich in das jetzt stille Esszimmer und macht sich in Ruhe und genießerisch über den Teller her, den ich ihm aufgehoben habe … Die Katze weiß besser als ich, wann ich mir ein Wurstbrot machen werde. Jedenfalls sitzt sie schon neben mir und gurrt mich nachdrücklich an … Das Kind kommt spätabends nochmal ins Wohnzimmer, eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank in der Hand … Das Mädchen, das mit dem Pubertier in den Kurs geht, ist regelmäßiger Gast zum Abendessen, und alle Kinder achten darauf, daß ihr Teller mit guten Sachen gefüllt ist …

Nur ein paar alltägliche Szenen. Winzige Szenen. Austauschbare Szenen. Nichts Besonderes, in allen Familien hat doch das Thema Essen eine besondere Wichtigkeit. Glaube ich. Familieneigene Rezepte, eigene Regeln. So kenn ich das auch von früher. Und ich bekam noch als Studentin care-Pakete geschickt mit Spaghetti und Schokolade. Nun gut, meine Großeltern haben die Nachkriegshungerwinter nie vergessen. Aber trotzdem.

Und doch haben diese ganzen kleinen unscheinbaren Momente für mich grossen Wert. Sie sind eine Art Heimatbasis. Ein feines Netz, unsichtbar unter den (dramatischen) Achterbahnereignissen. Wissen, daß alle versorgt sind (mich eingeschlossen). Daß Genuß da ist, Lebensfreude, und Vertrauen. Die obigen Szenen. Jemand, der sich ein Weilchen still zu mir setzt. Kinder, die sich gemeinsam zur Katze kuscheln. Kind2 teilt sich die Zeitung und den Tee mit mir. Kind3 ist selten zu sehen, teilt mir aber stolz seine Gaminghighlights mit. Videos gucken.

Wie gesagt, ein sehr feines, kaum sichtbares Netz. Aber Dutzende Haltepunkte.

Gedankensplitter /Schichten

Stand ich an der Kasse an, hinter einem Mann, der hinter einer Frau. Die beiden kannten sich nicht, flachsten aber laut miteinander herum. War wohl unvermeidbar, denn die Frau war in höchstem Maß das, was hierzulande, auf dem bayerischen Land, „krachert“ heißt. Also: auffällig, laut, extrovertiert, Aufmerksamkeit suchend. Haarschnitt exakt zwischen Ü40-Bob und Punkglatze, übergewichtig mit imaginärem „Nur Hunde mögen Knochen-Shirt“, geschminkt, die Augen zielgerichtet auf der Suche nach Blickkontakt und unfähig, eine Sekunde ohne Gespräch zu überleben. Die zugehörige Stimme burschikos, immer. Es gibt keine Nuancen, kein Innehalten, keine Unsicherheit, und wenn, dann wird auch diese laut kommentierend ausgelebt.

Ich hab halbwegs gelernt, mit solchen Menschen umzugehen, auf Scherze einzugehen, fang auch manchmal selbst so einen „Dialog“ an, der für mich aber nichts anderes ist als Rauchzeichen im Western: irgendwas, was auf Kilometer entfernt immer noch leicht verständlich ist, aber was wirklich ist, liegt hinterm Hügel verborgen.

Ich werde aber nie verstehen: fühlen sich Menschen wirklich wohl mit soviel Oberfläche? Also mit Oberfläche meine ich nicht Dummheit oder mangelnde Tiefe, aber sie scheinen mir so weit weg von sich selbst. Als ob sie sich selbst nicht kennen, nichts von sich selbst wissen. Bei der Frau tat mir der Eindruck schon fast körperlich weh. Es wird viel gelacht, aber die Ebene, auf der gelacht wird, ist streng umgrenzt. Kein Tiefsinn, keine Menschlichkeit, nichts, was den glatten vorhersehbaren Fluß stören könnte. Kommunikation auf dem Mindestlevel, damit sie zu 100% garantiert bleibt.

Naja, die obige Frage war doof, insofern, als ich ja von vielen weiß, daß sie sich und ihre Mitmenschen eben  in dieser Art von Kontakt am wohlsten fühlen. Sie erleben  das als authentisch. Ich kann verstehen, daß der Umgang miteinander so einfacher ist. (Inzwischen glaube ich sogar, dem Geheimnis des smalltalks sehr nahe zu sein…). Aber ich vermisse schmerzlich Ehrlichkeit. Nicht die sog. „brutale, rücksichtslose Offenheit“. Aber ich vermisse es, von meinem Gegenüber etwas zu spüren.

Ich seh mir die Frau an, und denke, au wei, wie lang machst du das, bis du unter deinen Versteckschichten zusammenbrichst?

Ich guck meine Bekannte an, die mit dem lautesten Lachen von allen, und denke: fühlst du dich nicht gefangen, manchmal, in deiner Gute-Laune-Rolle?

Ich guck den netten Mann aus dem Sport an, und denke: schade, du kennst Gott und die Welt, aber ich werde dich so nie kennen. Jetzt nicht und in Zukunft nicht.

Aus den Parallelen sind Tangenten geworden, mehr nicht.

Gedankensplitter /Die Bank

Wir hatten eine Gartenbank gekauft, als wir ins Haus einzogen. So eine Holzbank, wie sie hier oft vor den alten Häusern stehen.

Wir dachten, neue Nachbarschaft, die meisten ziehen hier neu ein. Da sitzen wir dann abends ein bisschen auf dem Bankerl  und die Nachbarn gehen vorbei und wir ratschen ein bisschen und alles wird gut. Vieles im Haus und im Garten war für lange vorgeplant, wie zum Beispiel der Efeu, der malerisch das Holz überwachsen sollte. Oder das Kinderturnen und der Kindermusikkurs, die unsere Kinder zu fitten kleinen Gymnasiasten trimmen sollten.

Aber wie das Leben halt so ist: man kann froh sein, wenn es zur Hälfte so läuft wie geplant.

Angefangen bei der Bank, die sich, schnell gekauft, als unbequem erwies und kaum genutzt wurde. Man lernte die Nachbarn kennen, traf sich ein paar Mal öfter und ging dann wieder auseinander: zu wenig, was einen dauerhaft verbindet. Jeder lebt am Ende doch in seiner eigenen Welt und ist damit ausgelastet. Zumindest ist das mein Eindruck. Die Freunderlgesellschaft, sei sie weiblich oder männlich, die  lautstark bejubelt, wie schön das Ausgehen sei und wie lustig, ist mir immer fremder geworden, und ich glaube, nicht nur mir. Es ist nicht nur das Älter- oder Sesshafterwerden. Vor allem die Verantwortung für die Kinder verändert einen von Grund auf. Wenn man es denn zulässt. Wenn man zulässt, daß man sich mit seinen eigenen früheren Ichs konfrontiert, dem Gewesenen und hätte-sein-Können, wenn man es wagt, sein früheres Leben jetzt aus verschiedenen Distanzen nochmal zu reflektieren. Und auch wenn bis zur Geburt der Kinder (bei uns) alles „glatt“ lief, alles nach Plan und so, wie es sich schön im Lebenslauf und in der Gesellschaft fügt: aber Kinder sorgen meiner Meinung nach unweigerlich dafür, daß man seine Pläne relativieren lernt. Andernfalls muß man mit viel Zwang dafür sorgen, daß sich das Leben einem unterordnet. Mein /unser Leben ist spätestens mit den Kindern unserem Bücherregal ähnlich geworden: immer am Überquellen, immer kommt etwas dazu und will noch  einsortiert werden. Was einst in der Mitte stand, rutscht an den Rand, und manchmal muß das Ordnungssytem ganz reformiert werden. Wir mußten neue Kategorien akzeptieren: daß wir als Eltern viel weniger Einfluss haben als in unserem Idealbild und es trotzdem läuft. Irgendwie. Daß wir an Eigenschaften, die wir bislang ablehnten, Vorteile sehen. Daß wir (ich) von den Kindern lernen können…

Ich habe das Bild oben wegen der Bank ausgesucht. Aber auch wegen Forrest Gump, der ja das Leben mit einer Pralinenschachtel verglichen hatte, bei der man nie weiss, was man abbekommt. So sind auch unsere Jahre verlaufen. Eine dicke fette noch nicht ganz verdaute Praline, die uns „geschenkt“ wurde, hat noch dazu mit Tom Hanks zu tun: es heißt, er sei Aspergerautist. Das Thema Autismus prägt unsere Familie in allen denkbaren Aspekten, in diesem blog war oft davon die Rede und wird es noch oft sein.

So steht sie also vor unserem Haus, unsere Bank, und ist nur noch eine Erinnerung an frühere gutgemeinte Pläne oder auch eine Einladung und Hilfe für den, der sich niedersetzen muß. Aber das Wichtigere passiert im Haus, und es ändert sich notwendigerweise mit jedem Tag, an dem sich einer von uns ändert.

 

 

Gedankensplitter /Halt oder Fessel?

„I like when socialising is easy, when I don’t have to prove anything“

/Quote by @elsaess auf twitter

 

Es ist wahr, ich habe ein whatsapp-Konto, aber das ist für mich schon revolutionär. Ich bin sozial am lebendigsten in meiner Familie, dann in meiner Arbeit, dann auf twitter, und irgendwo danach auf facebook oder in der Nachbarschaft oder Bekanntschaft oder so. Ich nutze Facebook so, wie ich mit Bekannten kommuniziere: ich lasse mich mal blicken, sorge dafür, daß ich irgendetwas beitrage, daß „man“ meine Anwesenheit und mein Interesse wahrnimmt, und das war es dann. Seltenst fragt jemand nach mir. Ich hab auch Geburtstage konsequent ausgeschlichen, nur noch meine Familie gratuliert.

Ich kenne zwei Verdachtsautisten (ich nenn sie so, sie wissen es nicht). Bei beiden hab ich in der Beziehung mitbekommen, was vielleicht überall zwischen Autist und NT  zum Streitfall wird:Eine Zeit lang läuft der Alltag so dahin, dann kommt eine stressigere Phase, und plötzlich wird dem Partner /der Partnerin bewußt, daß so ein/e Autist/in sich so gar nicht um weitere soziale Kontakte kümmert, solange der Alltag klappt. Er hat seine Aufgaben, seine Routinen, alles andere interessiert ihn scheinbar nicht. Das wirkt wohl wirklich desinteressiert oder auch mal arrogant, wenn ich z.B. auf die Do(o/r)ftussen zu schimpfen anfange, mit denen ich eh nichts zu tun haben will. Dabei ist dieses Schimpfen schon eine Art, sich gegen Überforderung oder Anpassungsdruck zu wehren. Denn der Alltag ist für sich schon anstrengend genug, dann noch Leute anrufen oder sich an Leute anpassen, die mit mir so, wie ich im Grunde bin, nichts, aber auch gar nichts anfangen können…

Jedenfalls gibt es dann Streit, Vorwürfe, Frust. Der NT-Partner ist gefrustet, weil er initiativ werden muß. Der A-Partner ist gefrustet, weil er ja gar nicht so anti-sozial sein möchte, allein, die Ressourcen reichen nicht. Bei mir ist es so. Ich bin nicht gegen Kontakte, und ich möchte kein Eigenbrötler sein. Aber ich bin meist richtig dankbar und erleichtert, wenn sich ohne mein Zutun eine Verabredung ergibt. Oft macht mir der Kontakt Spaß, und auch wenn ich zu k.o. dafür bin: es interessert mich immer, wie es den anderen so ergeht.

Jedenfalls hab ich ein whatsapp-Konto, das sonst nur alle paar Wochen aktiviert wird, wenn mein Pseudo-Stammtisch sich treffen will. Die anderen Damen haben ja genug Gelegenheit, sich über den Weg zu laufen und zu tratschen, nur an mir läuft das vorbei.

Aber heute, heute hab ich plötzlich 3 Menschen gleichzeitig online gehabt. Die oben genannten Verdachtsautisten. Und einen früher schon erwähnten Bekannten. Und das war so erholsam und angenehm! Ich wünschte, alle meine privaten Kontakte könnten so sein: Kurz. Schweigen erlaubt. Keine langen Einleitungen, keine tausend Umschreibungen, keine ewig zelebrierte Verabschiedung. Trotzdem einig sein. Trotzdem akzeptiert werden. Eine Erklärung, aber keine Entschuldigung, wenn man sich länger nicht gemeldet hatte. Diese ganzen pflichtschuldigen NT-Rituale vernachlässigen zu können (und nein, das ist KEIN mangelnder Respekt), die NTs insgeheim auch oft als zermürbend empfinden. Ich empfinde sie meist als „naja, muß halt“, manchmal als belustigend, und wenn ich selbst müde bin, empfinde ich sie als schwachsinnig und als Strafe.

Es ist ein zehrendes und einengendes Gefühl, dauernd unter diesem Druck zu sein, etwas Bestimmtes sein zu müssen. Ich kann das mitspielen, sogar nachvollziehen, wozu das gut sein soll – aber ich kann daran bis heute nichts Vergnügliches finden. Es engt mich ein auf wenige Rollen, in die ich schlüpfen kann, um dabei zu sein.

Wie schön und tiefenentspannt, jemand um sich zu wissen, der nur ist. Bei dem man nur ist.

Gedankensplitter /Landleben

Dieser Tage war ich einkaufen, suchte nach Shampoo, und vor dem Regal sprach mich ein stark sehbehinderter Mann an. Ein paar Minuten lang erklärte ich ihm die Unterschiede und Preise der Shampoos, bis sein Zivi auftauchte und mich „ablöste“.

Das wäre nicht weiter bemerkenswert, aber es gehört zur Anekdote dazu, daß ich den Mann vom Sehen her schon lange kenne. Ich kenne auch die beiden geistig behinderten jungen Menschen, die im Sport oft mitmachen. Ich weiß, wo Behinderte hier in der Stadt unterkommen und wer in dem Bereich arbeitet. Der Lehrling, der mal mit den Handwerkern mitkam, mit schwerer Sprachbehinderung. X Mütter mit x Kindern mit x Problemen und Förderbedarf.

Und nicht nur „Kranke“ „Auffällige“ „Behinderte“: ich kenne einfach viele Geschichten von sonstigen  Menschen mit Spleens, Lebenskrisen, oder einfach nur Charakteristika.

Dabei bin ich sozial eher faul. Mich selbst kennen wenige Menschen (schon gar nicht persönlich), und mein whatsapp-account zittert insgeheim, wie lange er sich noch so nennen darf…

Aber so ist das hier auf dem Land: wer nicht direkt an einer Demenz leidet und eben auch einkaufen oder mal in eine Lehrersprechstunde gehen muß, wird im Laufe der Jahre in ein Netz miteingewoben. Und auch wenn ich schon öfter über Einsamkeitskrisen geschrieben habe, oder über das immer wiederkehrende Drama, als Autistin wenig bis keine Kontrolle über Beziehungsverluste zu haben (meist nicht einmal eine Erklärung dafür): ich bin trotzdem Teil eines steten sozialen Prozesses, ich habe einen eigenen Platz darin. Und wenn ich „nur“ den Platz der komischen Unbekannten einnehmen sollte. (Aber so arg ist es insgesamt gar nicht.) Und umgekehrt, je länger ich hier lebe, desto vertrauter werden mir die Menschen, desto mehr Details sehe ich im Netz, desto wärmer oder ruhiger wird mir innerlich, wenn die gewohnte Verkäuferin an ihrem Platz ist und die Tochter des Handwerkers jetzt auch Klavier vorspielt usw usf..

In den letzten Jahren war ich ab und zu tageweise in der Großstadt, auch in unbekannten. Ich war jedesmal „geflasht“, begeistert und ich wollte so viel es geht mitbekommen. Die vielen Eindrücke, Freiheiten und die Anonymität haben mir Auftrieb gegeben: ich lief wie ein Kind im Spielzeugladen mit offenem Mund umher und fand alles toll.

Andererseits verfolgt mich die Sehnsucht nach dem völligen Alleinsein. Nach einer Hütte irgendwo im Nirgendwo, und einmal in der Woche wirft ein Flugzeug Lebensmittel ab, und den Rest der Zeit verbringe ich im Internet oder auf meinem Selbstversorgerhof.

Aber je länger ich jetzt hier auf dem Land lebe, desto öfter denke ich auch: es passt hier richtig gut. Ich möchte hier ein dickes Lob und einen tiefen Seufzer der Erleichterung loswerden: genau in diesem kleinteiligen Umfeld hat ein Mensch wie ich viel mehr Chancen, als in einer größeren, anonymeren Umgebung. Ich verfolge in den anderen blogs und auf twitter wohl mit, welche Schwierigkeiten es alles geben kann mit der Integration und Inklusion. Toi toi toi, ich erlebe in meinem Umfeld nur einen kleinen Teil davon. Das liegt wohl auch daran, daß die Menschen um mich herum relativ entspannt sind, soziale Brennpunkte sind selten. Man kann es sich leisten, großzügiger miteinander umzugehen. Man kennt sich, über meinen Mann hab ich ohne mein Zutun schon Anknüpfungspunkte, über die Kinder auch. Und wer einen Menschen nicht erst als Person, sondern auch über Bekannte, Eltern, Erzählungen kennenlernt, dem ist dieser Mensch schon ein gutes Stück vertrauter und vertrauenswürdiger. Meine grosse Hoffnung ist, daß meine Kinder davon profitieren werden, wenn sie einmal einen Praktikumsplatz und ähnliches suchen.

Ich bin noch am Grübeln, wieviel ein Medium wie twitter dazu beiträgt, daß ich mich langsam besser in die hiesige Gesellschaft einfinde. Ich glaube, es trägt viel dazu bei. Intuitiv würden die meisten Menschen wohl das Gegenteil behaupten und davon ausgehen, daß die tägliche virtuelle Kommunikation der Alltagskommunikation eher schadet, weil sie Zeit kostet und ablenkt.

Das tut sie natürlich, und ein 1:1-Ersatz kann sie nicht sein. Ich muß die virtuelle Kommunikation schon begrenzen.

Aber wenn ich zurückdenke, bin ich die meiste Zeit meines Lebens irgendwie mehr schlecht als recht „mitgeschwommen“. Meine Eltern waren, aus mehreren Gründen, selbst am Rande der Gesellschaft. In der Schule war ich mir selbst überlassen, ich war halt da, weil ich halt da war. Erst in der Arbeit bekam ich allmählich ein Gefühl von „Historie“. Ich finde keinen besseren Begriff für die Tatsache, daß es gemeinsamer Erfahrungen bedarf, um Gemeinsamkeit zu entwickeln. Und erst, seit ich mich auf Facebook und twitter eingerichtet habe, erlebe ich intensiv, wie so ein soziales Netz für mich funktioniert. Ich schreibe bewußt, für mich, denn beobachten und beschreiben kann ich die Mechanismen schon lange, aber erst n den letzten Jahren öffnet sich mein Erleben für meinen eigenen Platz.

Liebes spießiges und ach so langweiliges Landleben, du tust mir im Moment richtig gut!

 

Gedankensplitter /Transit

 

„As lonely as the darkness between the stars.

As fragile as the people we are.“

 

Das hab ich mir von den Manic street preachers geliehen. Der Song heißt „As holy as the soil“, und  das Zitat zählt zu meinen ever Lieblingszitaten.

 

Ich parke vor der Turnhalle. Noch ist es winterlich. Ich steige aus dem Auto, gehe durch die kühle Dunkelheit. Noch ein paar Meter bis zum erleuchteten Eingang.

Bis gerade war ich eine Ehefrau und Mutter, auf dem Weg zum Training, im Familienauto, mit ihrer Musik im Ohr, die sonst keiner freiwillig anhört. Gleich werde ich sie wieder sein, sobald ich in der Umkleide die ersten Frauen sehe. Der Sport macht immer Spass, meist sehe ich bekannte Gesichter, grüssen, manchmal smalltalken.

Noch bin ich auf dem Parkplatz. Ich bin da, und die Dunkelheit ist da, und sonst nichts.

Ich bin Gregor Samsa. Ich bin ein Marsianer. Ich bin The man who fell to earth. Ich bin Major Tom, der den Kontakt zur Erde ausgeschalten hat. Ich bin Rain man. Ich bin ein Gespenst. Ich bin Madeline Usher und ich bin hinter Haushofers Wand. Ich bin die Klavierspielerin und das Löwenmädchen.

Ich bin hier für mich, für die nächsten 50, langsamen Schritte, und alle diese Personen leuchten auf in mir, so wie eine Seifenblase in vielen Farben leuchtet.

Ich gehe geradeaus, nicht zu schnell, aber zielstrebig, meine Flasche fest im Griff. Innerlich pendle ich. Zu einer Seite hin tut sich ein Hindernis auf, ein Magnet, der mich zu Boden ziehen will und mein Herz in schmerzhaftem Griff behält. Zur anderen Seite sehe ich ins All und dort sehe ich Weite und Freiheit. Luft, zu atmen und zu sein. Ich zu sein.

Ich trete durch die Tür, und jetzt ist Licht, die Einschreibeliste, die Umkleide, die Frauen. War irgendwas?

 

„As wasted as the lifetimes we spent apart

I love you so will you please come home.

So come on. Would it be that hard.

Just for once.

We could save the world. Just me and you.

Doing something true.

Even if it only lasts for seconds.“