Gedankensplitter /Elli hatte Geburtstag

Runden Geburtstag. Und alle, alle waren eingeladen, zum vollen Programm. Alles das, was die Menschen hierzulande dazu notwendig finden: viel essen, trinken, Musik, lustige Einlagen, Diashows auf dem Beamer.

Ich hatte auf Twitter schon rumgenörgelt wegen dieser Veranstaltung. Weil ich schon vorher keine Lust hatte, nein, halt, stimmt gar nicht.

Ich freute mich schon auf das Fest, natürlich, warum auch nicht? So ein Misanthrop bin ich jetzt auch wieder nicht! Freute mich über die Einladung. Aber ich hatte aus Erfahrung auch Angst und Bedenken, wegen dem Lärm , dem gezwungenen Beisammensein, dem steifen Rumsitzen. Auch darüber hab ich mich auf Twitter ausgelassen: jeder, den ich fragte, war nicht erbaut von der Aussicht, aber alle sind sich einig, daß es sein muß.

Nur ist die Anstrengung für mich ungleich größer. Im Nachhinein habe ich die Feier ganz gut überstanden, ohne Kopfschmerzen oder ähnliches. Ich konnte mich weniger unterhalten als gewollt, weil die Geräuschkulisse zu laut und unstrukturiert war, aber ich hab mich im Verhalten wohl ganz gut angepasst. Dem üblichen Kindervergleich („Was machen deine so in der Freizeit, meine wasserskifahren ja in Hongkong!!!“) bin ich smart ausgewichen. Nur einmal die übliche Frage, ob ich wohl sehr müde sei, mit dem Unterton, ich solle doch lockerer sein: wo ich doch nicht müde war, nur eben weniger Mimik zur Schau stelle… geschenkt.

Und doch wird die Erinnerung mich ins nächste Jahr begleiten. Dann werde ich einen runden Geburtstag feiern. Gestern habe ich mich unwillkürlich an Ellis Stelle versetzt, und nichts passte daran. Elli ist zu 100% mein Gegenteil. Und sie ist extrem beliebt. Ich darf die letzten beiden Tatsachen nur nicht logisch verknüpfen… Ich bin weder sehr beliebt noch bekannt. Eine Feier, wo die halbe Stadt Elogen auf mich hält und witzige Anekdoten zum Besten gibt, kann ich vergessen.

Ich könnte den Spiess umdrehen, eine tief nachdenkliche Feier machen und alle mit meiner Autismus-Betroffenheit heimsuchen. Nein, will ich nicht.

Ich könnte ganz verzichten. Ich bin nahe dran.

Nein, ich möchte eine Feier, und ich möchte sie an mich anpassen. Vielleicht auch als Outing-Gelegenheit nutzen, aber auf eine leichte Art und Weise, die das Thema beiläufig und undramatisch anpackt und die mir erst noch einfallen muss. Was ich brauche? Ein Buffet, so daß niemand gezwungen ist, am Platz sitzen zu bleiben. Einen festen zeitlichen Rahmen, ein festes Ende. Weniger Gäste, aber darunter auch Gäste aus meiner Arbeitswelt- die Kollegen achten sich untereinander, und der Kontakt zu ihnen tut mir sehr gut. Meine Feier soll ein Abbild meines Lebens sein, da gehört die Arbeit dazu. Programm? Sicher, ein Film oder Musik soll sein, und ich halte irgendeine Art von Ansprache. Was darüberhinaus passiert, bleibt den anderen überlassen.

Ich war gestern von den Eindrücken angestrengt, und am Ende fast mutlos geworden, aber jetzt begreife ich das Ganze als Ansporn, für mich die richtige Form zu finden.

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Gedankensplitter /Vergleiche

Ja ja ja

Man hört und es liest es so oft. Jedenfalls in meiner Altersklasse (40+ mit Kindern) vergeht kein Tag auf Facebook, an dem nicht in einem Meme daran erinnert wird, wie einzigartig jeder ist. Wie individuell unsere Geschichten sind. Wie lang man in anderer Leute Schuhe wandern muss, und wie sehr man sich in jemandem täuschen kann. Und jeder ist wertvoll, und keiner darf verloren gehen.

Alles wahr, alles.

Nur möge sich die Gesellschaft, also die Gesellschaft der mit mir und meinen Kindern irgendwie befassten Personen doch bitte mal einen Tag auch daran halten!

Aber ich bin selbst schon so gewöhnt an das permanente Verglichenwerden, daß ich nur noch sporadisch oder oft nur noch mit einem Augenrollen reagiere.

Mir selbst passiert das nicht so oft, aber die Kinder müssen dauernd damit klarkommen, daß jemand sie damit konfrontiert, daß sie anders sind. Und weil aus ihnen ja „noch etwas werden soll“, steckt meistens der gute Wille dahinter, sie damit auf die „richtige“ Spur zu bringen.

Das hat viele Variationen. Angefangen beim direkten „x und y sind aber im Sportverein /gehen schwimmen etc“ . Oder „ihr müsst doch auch einmal so und so, das ist ja nicht normal“. Oder „warum ist das bei euch so, was ist los mit euch?“. Oder „jetzt stellt euch nicht an!“.

Etwas sanfter „macht doch mal xy, das ist doch toll /schön /super /ganz normal /wie kann man das ablehnen /ist doch ganz leicht?“.

Mit leichtem Augenrollen oder mit traurigem Schulterzucken „Naja, muß ja nicht, ich meinte doch nur“.

Oder, hintenrum werde ich gefragt „Und, was machen deine Kinder so?“. „Sind sie eh… was, nicht???“.

Oder ich werde von Familie auf die Schulter geklopft: „sag mal, was kann man denn tun, damit deine Kinder xy?“ „Sollen wir dies probieren“ „Meinst du nicht, sie würden?“ „Wär doch schön, komm, wir versuchens, ist doch schade, sie versäumen doch ihre ganze Kindheit!“.

Etc etc. Jeden Tag aufs Neue.

Liebe jeder Einzelne aus dieser Gesellschaft: autistisch heißt, man ist sich dieser Lücken sehr bewußt. Man hätte es sogar gerne anders. Aber es gibt einen Grund, warum es nun mal nicht geht.

Und wenn ihr nicht in der Lage seid, das zu verstehen, wenigstens rational nachzuvollziehen, dann, bitte, haltet irgendwann den Mund, wenn keine Resonanz kommt. Keine Resonanz heißt, es ist nicht möglich, auch nicht mit gutem Willen.

Haltet den Mund und denkt an eure wundervollen weisen Memes und macht euch bewußt, ihr helft uns (und nicht nur uns) viel besser, wenn ihr uns zeigt, daß ihr uns als Mitmenschen mitsamt unserer Fremdartigkeit akzeptiert.

Bitte.

Euch ginge es ja auch nicht anders.

Gedankensplitter /home castle heart

Jemand hatte einen Film gedreht, eine Dokumentation über meinen Heimatort, und Heimat sollte auch das Thema der Dokumentation sein. Eine Begriffsklärung war angestrebt.

Mit war schon mulmig, bevor ich vor dem Schirm saß. Hatte ich in einem Blogtext nicht schon mal geschrieben, dass ich nicht mal den Dialekt hier beherrsche? Weil ich Sprache wenig aus dem gesprochenen Wort lernte. Ich hasse hiesige Facebook Seiten, in denen hiesige Menschen nur im Dialekt schreiben und verkünden, ein echter *** sagt dies denkt das tut jenes. Auch wenn ich schon beruhigt wurde, das wäre doch nur spassig: viele meinen es so.

Heimat heisst insofern für mich: ich bin schon mal aussen vor. My home is my castle, Tore zu, Zugbrücke hoch, sicher sein.

Insofern fühle ich mich hier nicht beheimatet, aber mich heimisch fühlen geht paradoxerweise schnell. Wo immer ich für mich sein kann, in mein Smartphone gucken kann, eine Tasse Kaffee oder nur einen Stift in der Hand habe. Oder sitzen kann und warten, dass die Zeit vergeht… Überall dort kann ich mich einrichten. 

Die Dokumentation also ging genau so los, wie ich befürchtet hatte. Menschen in meinem Alter betonten, wie sie an ihre Heimat gebunden sind. Wie wichtig ihnen die Menschen sind, das sich Verstehen, das sich Treffen, die Vereine und Feste. Speziell ohne Vereine und Feste gäbe es keine Heimat. Wie schön das alles sei. Die Frauen mit einem einnehmenden Lächeln und schicken Frisuren, was ich im Leben nie hinbekommen werde. Die Männer von der Sorte, die mich im realen Leben ignoriert oder ruppig auffordert, locker zu sein.

Ja. Ich war schon stolz, den Dialekt zu verstehen und stolz, an bestimmten gezeigten Orten schon mal gewesen zu sein.

Ansonsten das vorhergesagte doofe Gefühl: wozu auch eine Doku gucken, die meine Unzugehörigkeit bestätigt.

Aber vielleicht ist es gar nicht so einseitig und entmutigend. Mal abgesehen davon, dass die meisten Menschen im Stillen anders denken, als sie öffentlich und sozial erwünscht bekennen.

Ich überlegte, dass mein Gefühl für Heimat sich nur in bestimmten Punkten unterscheidet:

  • Es gibt eine Zugehörigkeit, die von der Heimat ausgeht und einen aufnimmt, einen Grad, in dem andere einen als zugehörig akzeptieren. Die ist bei mir gewiss kleiner als “normal“, ich gelte als fremd.
  • Es gibt eine Zugehörigkeit, die vom Individuum ausgeht, einen Grad, in dem ein Mensch sich irgendwo vertraut fühlt. Da kann ich keinen Unterschied finden.
  • Es gibt ein Ausmaß, in dem Heimat “gelebt“ wird. Also, tatsächlich in einen Freundeskreis, lokale Gegebenheiten eingebunden ist, Kenntnisse über den Ort hat, mitreden kann über die Geschichte von Menschen und Plätzen, mit tut in Vereinen und Festen. Ich dachte zuerst, das wäre ein absolutes Defizit bei mir, kann ich nicht, will ich nicht. Aber das stimmt nicht! Ich will Dabeisein. Ich schaffe es sogar mit der Zeit. 

Allein, der Prozess der “Heimatisierung“ ist für mich extrem verlangsamt und extrem störungsanfällig. Ich muss ihn bewusst erarbeiten. Und wenn ich mittlerweile, nach Jahrzehnten, dann doch punktuell spüren kann, ich hab hier einen (meinen) Platz, dann ist das sehr schön! Besser spät als gar nicht.

Gedankensplitter /Eintauchen

Ja, manchmal kann entschließe ich mich auch, eine Anstrengung freiwillig auf mich zu nehmen, von der ich zuerst nicht weiß, wie ich sie überstehen soll.

So war ich kürzlich in einem Vortragsabend. Dem Kind zuliebe, das daran beteiligt war. Es war sehr heiß gewesen, keine Lüftung,  ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir und leichte Migräne. Aber es war ausgemacht, also ging ich hin.

Ich fand mich wieder in einem Bad aus Seelenfrieden, so es denn so etwas gibt.

Ich kam an, und ich fand viel Vertrautes vor, und nichts davon war ärgerlich oder ängstigte mich, nichts davon strengte mich an. Ich tauchte einfach ein.

Ich trat ein und ließ mich am Beckenrand nieder, neben vertrauten Gesichtern. Andere sah ich hier und da und grüßte. Der Veranstaltungsleiter erkannte mich wieder und lächelte mir sehr freundlich zu. Das Kind konnte ich loslassen. Ich war da, das reichte, alles andere machte es selbst. Das Wasser bewegte sich sachte, eine schon vorher dutzendfach erlebte Abfolge von Ansagen und Darbietungen, wie sachte Wellen.

Musik, und das banale Wort kann nicht wiedergeben, wie ich mich getragen fühlte. Als ob ich toter Mann spielte. Ich saß und hörte, erkannte wieder, erinnerte mich, wie schön Musik ist und wie schön es wäre, wieder selbst mehr zu musizieren. Und natürlich betrachtete ich die Unterwasserwelt, sah ruhige gleichmütige Wale, vielfarbige Barsche, einen Hai, der sich zu meiner Überraschung in einen Delphin verwandelt hatte, viele wuselige Kleinfische, und einige prachtvolle Oktopusse, die souverän ihre intensiven Farben und Bewegungen demonstrierten.

Ich stieg aus, schüttelte das Wasser ab und machte mich erfrischt auf den Heimweg.

Gedankensplitter/ Erleichterung

Die letzte Woche war sozial richtig intensiv. Soviele Menschen wie an diesen vier Abenden treffe ich im Privaten sonst in einem halben Jahr. Vielleicht. Und das Spannende ist: jedes Treffen war mit anderen Menschen, jeweils ein anderer Kontext, eine andere Zeit, die mich und sie verbindet.

Im ersten Treffen war mir zwischendrin plötzlich traurig zumute. Jemand mir Wichtiges erschien unangenehm, klagend. Jemand anders, den ich immer mochte, redete an mir vorbei, wie immer, seit er weiß, dass ich Autistin bin. Ich fing an, mich unwohl zu fühlen, und ärgerte mich gleichzeitig, weil ich diese Kontakte beibehalten will. Eine nette Runde, und ich wollte nicht schon wieder an den Rand geraten.

Etwas kippte. Erstaunt registrierte ich einen völlig neuen Gedanken: mir wurde klar, dass diese Runde auch wegen mir noch besteht. Ich konnte meinen Beitrag plötzlich erkennen. Es ist auch mein Beitrag, wenn diese Menschen zueinander gefunden haben. Für diese Menschen war ich immer Ruhepol, Ratgeberin. Ich habe viel investiert, um zu helfen, anzuleiten, auszugleichen. Wäre ich nicht beteiligt gewesen am guten zwischenmenschlichen Klima, damals…wir würden nicht bis heute gern an diese Zeit zurückdenken, und die Runde wäre gar nicht eröffnet worden.

Und einmal auf diese Spur gebracht, konnte ich auch bei den weiteren Treffen darauf achten: auf meine Rolle, darauf, dass ohne meinen Beitrag einiges nicht so stabil wäre, und wenn nicht alle respektvoll miteinander umgehen, fühlt sich am Ende wohl keiner wohl. Ich stellte erstaunt fest, wie viel Menschen noch von mir wissen, in deren Leben ich doch scheinbar gar nicht vorkomme.

So viel zum Thema Klischee versus Realität.

Der Erwartung entsprechend, die man Autisten entgegenbringt, fallen mir solche Treffen schwer. Ich werde schnell müde, es strengt sehr an. Nach einer Stunde, in der ich mich noch zusammenreissen und einbringen kann, sacke ich allmählich zusammen und trage fast nichts mehr zur Unterhaltung bei. Oder ich spule die  immer gleichen paar Sätze ab. Oder lache einfach immer mit. Oder werfe zufällig Sätze ein, die zur Hälfte im ratlosen Blick der anderen verpuffen. Sicher langweilig mitzuerleben.

Aber eigentlich macht das nicht so viel aus. Denn  was dem autistischen Klischee fehlt, ist das, was Autist langfristig beitragen kann, und das ist nicht so vordergründig: Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit, Konstanz, ruhiger Umgang mit Problemen, Sachlichkeit, Unbestechlichkeit, Fairness, respektvoller Umgang, Toleranz, Abneigung gegen Vorurteile.

Ich hab das jetzt bewusst so betont und breit getreten. Nicht, um anzugeben oder mich herauszuheben. Sondern um zu betonen, dass auch solche unscheinbaren und manchmal bescheidenen Eigenschaften ihren Wert haben und das Miteinander unmerklich angenehmer machen.

Gedankensplitter /Mutter mit Macken

Fast hätte ich jetzt geschrieben, uns wurde ein Kindlein auf twitter geboren…

Natürlich wurde es nicht uns geboren, und auf twitter sind wir nur davon unterrichtet worden. Übrigens ein anscheinend sehr schnuckeliges kleines Mädchen, und nochmals liebe Glückwünsche an Eltern und Geschwister!

Es stellten heute dann mehrere die Frage, wie das denn so ist, als Autistin und Mutter. Ich hab immer mal wieder ein Eltern-Kind-Thema hier im blog aufgegriffen, und ich dachte, ich sammel hier ein paar persönliche Gedanken dazu.

Liebe ich Autistin meine Kinder? Ernstgemeint, manche zweifeln daran. Das fängt an bei der Ärztin der Geburtshilfe, die mir später zufällig am Arbeitsplatz über den Weg lief. Wir schafften es, uns innerhalb von 2 Minuten in einen Dissens hineinzureden darüber, ob Mütter ihre Babies sofort abgöttisch lieben oder nicht. Sie vertrat genau diese Meinung. Ich vertrete die gegenteilige Meinung. Beziehungen müssen sich formen, auch zu kleinen Babies. Daß sie einen zu Liebe und Fürsorge animieren, schließt doch nicht aus, daß man sich aneinander gewöhnen und anpassen muß. Mir ist es gruselig, wie z.B. eine Bekannte von mir sich danach sehnt, wieder ein kleines Kind zu haben, denn „soo schee, a so a Kloans neba sich, a so ebbs siaß, mei, des mechat i so gern!“

Ich bin auch privat für meine Kühle kritisiert worden, aber ich bin überzeugt, daß meine Kinder genau wissen, daß ich ihnen gegenüber nicht kühl bin. Das liegt an dem Umstand, daß meine Kinder auch Autisten sind. Von Beginn an hat sie das beruhigt, was mich beruhigt, und das aufgeregt, was auch mich aufregt. Sachlich an ein Problem rangehen, für Ruhe sorgen, Rückzug lassen und einen Overload nicht noch durch zu viel Emotionalität und Zureden zu pushen – das hilft mir genauso wie ihnen. Im Streß bewegen wir uns in die gleiche Richtung. In der Babyzeit haben wohl irgendwelche Hormone die Effekte des Schlafchaos gemildert,  und Schreien war nicht so schlimm, solange ich wußte, es ist nichts „Ernstes“. Dann konnte ich gelassen (na gut, relativ) darangehen, wieder Stück für Stück Ruhe herzustellen. Ich weiß ehrlicherweise nicht, wie ich mit neurotypischen Kindern zurechtkäme. Für mich ist es unglaublich erleichternd, mich nicht verstellen zu müssen.

Stress fängt für mich meist erst an der Schnittstelle zur neurotypischen Welt an. Wenn ich den Kindern ein „Vorbild“ sein muß, ihnen vorleben, wie das am Besten geht in der sog. normalen Welt. Oder, und das ist weitaus häufiger, wenn diese „normale“ Welt mit meinen Kindern und mit unserem gewohnten Ablauf nichts anfangen kann, und Anpassung verlangt. Das kann einen ganz schön unter Stress setzen, das will gelernt sein, damit cool umzugehen. Wenn man selbst kritikempfindlich ist, selbst unerwartet immer wieder vom Scheitern banalster Dinge frustriert wird, und man trotzdem die Aufgabe hat und haben will, den Frust beiseite zu schieben und die Kinder spüren zu lassen, daß Menschen nun mal verschieden sínd und sie genauso liebenswert sind, wie sie sind. Mögen Oma Nachbarin Lehrerin auch beleidigt oder belustigt sein, zu verstehen geben, diese Kindern seien das Allerletzte, was soll aus denen denn werden? Dann zu den Kindern stehen, OHNE die betreffende Person hochkant rauszuschmeissen, ist sehr schwer. Hab ich nicht immer geschafft, obwohl ich mich eher als friedfertig betrachte…

Damit kommt ein weiteres Problem auf einen zu: die Erlebnisse und die Entwicklung der Kinder erinnern automatisch an selbst Erlebtes, an Unangenehmes, nicht gut Verarbeitetes aus dem eigenen Leben. Aber das ist nicht spezifisch für Autisten – das geht allen Eltern so.

Wenn ich meinen Autismus als schwierig für das Zusammenleben mit den Kindern erlebe, dann in zwei Aspekten:

  • Eltern sollen Kindern ja Dinge zeigen und sie mitmachen und lernen lassen. Es heißt, neurotypische Kinder drängten von selbst darauf, auch mal abzuwaschen oder whatever. Die Bereitschaft, die Kinder miteinzubeziehen, ist natürlich da, natürlich wäre es auch sinnvoll, ihnen praktische Dinge beizubringen. Die Umsetzung ist sehr, sehr schwer. Ich muß nicht nur die Kinder zur rechten Zeit motivieren, ohne daß sie angstvoll gleich aufgeben. Ich muß von meiner Routine ablassen und plötzlich jemand zweiten nicht nur anleiten, sondern auch mitentscheiden lassen und zulassen, daß meine Routine durcheinandergewürfelt wird.
  • Es ist schwer, damit umzugehen, selbst keinen Rückzugsort zu haben. Vielleicht kriegen andere Mütter das besser hin? Oder sind andere Kinder aufmerksamer auf Mutters Ruhebedürfnis? Meine Kinder möchten mich nicht bedrängen, aber ich muß schon laut sagen, wann es mir zuviel wird. Mein eigenes Reich ist mein Handy, oder auch der Blick in ein Buch. Aber schon einen Text wie diesen hier zu schreiben, fordert mich, weil ich immer ansprechbar bin, nie eine Tür hinter mir zuziehen kann, und, entgegen der Klischees, ich auch als Ansprechpartner gebraucht werde. Für die Kinder, die zwar oft im eigenen Reich sind und ihren (ja, Spezial-)Interessen nachgehen, aber mich immer wieder suchen, für ein Geplänkel, einen Rat, um mir etwas zu zeigen, mit mir zu kuscheln. Das will ich ihnen auf keinen Fall nehmen! Ich selbst zahle aber damit, daß ich kein irgendwie geartetes konzentriertes langfristiges Projekt hinbekomme.

Und für alles, was ich jetzt hier geschrieben habe, gilt: ich wollte nur ein paar Worte dazu schreiben, wie sich ein autistisches Mutter-Dasein anfühlen kann. Selbstredend, daß in anderen Familien Probleme genauso auftreten, lediglich in einer anderen Ecke.

 

Gedankensplitter /Schwere erleben. Leichtigkeit weitergeben.

Briefkasten auf. Spendenpost raus. Briefkasten zu.

Weihnachten naht, Zeit der Geschenke. Zeit der Familientreffen. In manchen Familien, so man hört, gibt es jetzt große Treffen. Eltern, alle Geschwister , Kinder und Kindeskinder und Kindeskindeskinder an einem Ort. Womöglich mit Übernachtung.

Wir haben jetzt schon unsere Vorweihnachtsbesuche hinter uns gebracht. Nur ein paar kurze Besuche bei den nächsten Verwandten. Sonst ist man auch nur ab und an telefonisch in Kontakt.

Braucht man mehr?

Ich nicht.

Für uns waren die Familiengeschichten eine Zeitlang ein heikler Balanceakt. Das hat mit mancherlei zu tun, Scheidungen, Antipathien, auch mit dem hilflosen Umgang mit dem Thema Autismus. Aber allmählich klären sich Dinge. Man zwingt sich nicht mehr in ein bestimmtes Muster hinein. Das zählt für mich unbedingt zum Erwachsenwerden dazu: aussuchen, mit wem man es zu tun haben will. Unsere Kinder sind groß genug, daß wir auch ihnen das zugestehen können. Gleichzeitig werden andere Probleme dringlicher. Es geht um Krankheit, Demenz, Tod, um das Leben an sich. Paradoxerweise trägt auch Letzteres dazu bei, daß in diesem Jahr alles entspannter abläuft.

Also, kurz gesagt: unser Familienkreis wird vom Leben samt seinen Herausforderungen nicht verschont. Manches Gewicht wiegt schon spürbar schwer. Trotzdem und deswegen war ich bei den letzten Besuchen sehr dankbar, und aufmerksam für diese ganzen unscheinbaren Kleinigkeiten. Die Kleinigkeiten, die in anderen Familien gar nicht registriert worden wären oder als Nebensächlichkeiten betrachtet würden.

Ich atme leichter, wenn ich nicht alle Kinder in einen Besuch oder an einen Tisch zwingen muß. Die Verwandten haben sich an dieses „komisch“ schon gewöhnt. Ich bin dankbar, daß ich nicht abhängig bin, von keinem. Ich freu mich, wenn Humor da ist, wenn auch über schwierige und tragische Dinge gelacht werden kann. Wenn K2 für seine Jacke, die er sich einbildete, Komplimente erhält und ich ihm den Stolz ansehe. Und wenn noch so viele „ordentliche“ Familien davon abgeraten hätten, denn: was sollen sich denn die Leute denken! Na was? Ich denk mir auch meinen Teil über andere. Mein Vater fragt nichts über meinen Beruf oder Status oder sonst etwas, aber wir tauschen uns über mein neues Smartphone aus, und das reicht mir. Mit der Stiefmutter war es nicht immer leicht, jetzt fachsimpeln wir so an der Oberfläche über den Garten, was will ich mehr.

Und was will ich mehr weitergeben als diese stille Kunst, die ich beobachten durfte, schwere Dinge leichtzunehmen.

 

 

 

 

Gedankensplitter /Alte Freunde

Facebookpostings. Manchmal auch auf Twitter. Jeden Tag mindestens eines mit dem Inhalt: „Gute Freunde sind…“. Es wird das Hohelied der Freundschaft gesungen, sich gegenseitig annehmen, Freud und Leid teilen, sich jeder(!)zeit anrufen können, sich jederzeit um den anderen kümmern. Oder: wenn du mein wahrer Freund bist, wirst du dieses teilen!

Das sind die Posts, die ich sofort ignoriere, sobald ich sie erkannt habe.

Nicht nur, weil ich dank  meines Berufes weiß, wie vielschichtig das ist und wie wenig es „wahre“ Freundschaft gibt, genauso wenig wie „naturgegebene“ Mutterliebe.

Ich habe solche Freundschaften nicht. Ich hatte solche auch noch nie. Als Mädchen mal eine sogenannte beste Freundin. Die Freundschaft bestand daraus, daß ich sie immer besuchte und mich anpasste. So lange, bis es bei mir nicht mehr ging. 2 Jahre später war sie mir sehr fremd geworden und ich erlebte zum 1.Mal Verwunderung darüber, wie ich etwas so lang habe aushalten können.

Was nicht heißt, daß ich nicht immer wieder mich mit Menschen enger verbunden habe. Im Nachhinein fällt es mir schwer, das als „Freundschaft“ zu benennen. War ich für diese Menschen eine Freundin? Und wo genau ist der Unterschied? Haben wir nur ein Interesse geteilt, einen Lebensabschnitt, oder war ich als Person von Bedeutung? Naja, so gefragt, fällt mir der Irrsinn der Frage auf: wenn nicht ich, welche Person hätte damals dann von Bedeutung sein sollen?

Dazwischen liegt eine intensive Kinderphase. Jetzt sind aus den Kindern Teenies geworden, wir haben wieder viel mehr Spielraum. Aber die alten Freundschaften lassen sich nicht so einfach reaktivieren. Auch bei den anderen hat sich das Leben weiterbewegt. Und irgendwie müsste ein Funke überspringen, damit ich auch wieder regelmäßige Kontake aufnehmen könnte, also mich öfter melden, regelmäßige Treffen etablieren, gemeinsame Interessen wieder aufnehmen. Allein, mir fehlt noch entschieden die Kraft dazu.

Ob das bei anderen meines Alters wesentlich anders ist? Ich glaube, da wird viel idealisiert, und am Ende bleiben ein oder zwei Menschen, die einen als Person und seelisch intim kennen.

Ich habe nicht die sprichwörtlichen, oben zitierten Freunde, wo ich jederzeit anrufen, Unterschlupf finden oder mir Geld leihen könnte. Andererseits, ich habe viele Menschen, an denen ich mich orientieren kann, die mich mögen und im Hintergrund doch da sind. Ich weiß, wo ich es versuchen würde. Ich genieße es, in einem Raum zu sein (der darf auch virtuell sein…), wo mir bestimmte Personen Sicherheit vermitteln, auch wenn sie das gar nicht wissen. Es ist schön, Pläne zu haben, Vorstellungen, wen man mag, wen man ab und zu gern treffen würde. Und es ist schon auch schön, Menschen früherer Zeiten wenigstens sporadisch zu kontaktieren und gegenseitige Wertschätzung zu spüren, sich gegenseitig zu beobachten, wie man durch das Leben geprägt wird.

Alte Freunde.

 

Gedankensplitter /Nahrungskette

Ich stehe am Herd, Hektik pur, da fliegt schon die Haustür auf, nacheinander stürmt der Nachwuchs in die Küche und guckt als erstes neugierig in die Töpfe … Das Kind kommt später als die Geschwister nach Hause. Er begrüßt mich, setzt sich in das jetzt stille Esszimmer und macht sich in Ruhe und genießerisch über den Teller her, den ich ihm aufgehoben habe … Die Katze weiß besser als ich, wann ich mir ein Wurstbrot machen werde. Jedenfalls sitzt sie schon neben mir und gurrt mich nachdrücklich an … Das Kind kommt spätabends nochmal ins Wohnzimmer, eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank in der Hand … Das Mädchen, das mit dem Pubertier in den Kurs geht, ist regelmäßiger Gast zum Abendessen, und alle Kinder achten darauf, daß ihr Teller mit guten Sachen gefüllt ist …

Nur ein paar alltägliche Szenen. Winzige Szenen. Austauschbare Szenen. Nichts Besonderes, in allen Familien hat doch das Thema Essen eine besondere Wichtigkeit. Glaube ich. Familieneigene Rezepte, eigene Regeln. So kenn ich das auch von früher. Und ich bekam noch als Studentin care-Pakete geschickt mit Spaghetti und Schokolade. Nun gut, meine Großeltern haben die Nachkriegshungerwinter nie vergessen. Aber trotzdem.

Und doch haben diese ganzen kleinen unscheinbaren Momente für mich grossen Wert. Sie sind eine Art Heimatbasis. Ein feines Netz, unsichtbar unter den (dramatischen) Achterbahnereignissen. Wissen, daß alle versorgt sind (mich eingeschlossen). Daß Genuß da ist, Lebensfreude, und Vertrauen. Die obigen Szenen. Jemand, der sich ein Weilchen still zu mir setzt. Kinder, die sich gemeinsam zur Katze kuscheln. Kind2 teilt sich die Zeitung und den Tee mit mir. Kind3 ist selten zu sehen, teilt mir aber stolz seine Gaminghighlights mit. Videos gucken.

Wie gesagt, ein sehr feines, kaum sichtbares Netz. Aber Dutzende Haltepunkte.

Gedankensplitter /Schichten

Stand ich an der Kasse an, hinter einem Mann, der hinter einer Frau. Die beiden kannten sich nicht, flachsten aber laut miteinander herum. War wohl unvermeidbar, denn die Frau war in höchstem Maß das, was hierzulande, auf dem bayerischen Land, „krachert“ heißt. Also: auffällig, laut, extrovertiert, Aufmerksamkeit suchend. Haarschnitt exakt zwischen Ü40-Bob und Punkglatze, übergewichtig mit imaginärem „Nur Hunde mögen Knochen-Shirt“, geschminkt, die Augen zielgerichtet auf der Suche nach Blickkontakt und unfähig, eine Sekunde ohne Gespräch zu überleben. Die zugehörige Stimme burschikos, immer. Es gibt keine Nuancen, kein Innehalten, keine Unsicherheit, und wenn, dann wird auch diese laut kommentierend ausgelebt.

Ich hab halbwegs gelernt, mit solchen Menschen umzugehen, auf Scherze einzugehen, fang auch manchmal selbst so einen „Dialog“ an, der für mich aber nichts anderes ist als Rauchzeichen im Western: irgendwas, was auf Kilometer entfernt immer noch leicht verständlich ist, aber was wirklich ist, liegt hinterm Hügel verborgen.

Ich werde aber nie verstehen: fühlen sich Menschen wirklich wohl mit soviel Oberfläche? Also mit Oberfläche meine ich nicht Dummheit oder mangelnde Tiefe, aber sie scheinen mir so weit weg von sich selbst. Als ob sie sich selbst nicht kennen, nichts von sich selbst wissen. Bei der Frau tat mir der Eindruck schon fast körperlich weh. Es wird viel gelacht, aber die Ebene, auf der gelacht wird, ist streng umgrenzt. Kein Tiefsinn, keine Menschlichkeit, nichts, was den glatten vorhersehbaren Fluß stören könnte. Kommunikation auf dem Mindestlevel, damit sie zu 100% garantiert bleibt.

Naja, die obige Frage war doof, insofern, als ich ja von vielen weiß, daß sie sich und ihre Mitmenschen eben  in dieser Art von Kontakt am wohlsten fühlen. Sie erleben  das als authentisch. Ich kann verstehen, daß der Umgang miteinander so einfacher ist. (Inzwischen glaube ich sogar, dem Geheimnis des smalltalks sehr nahe zu sein…). Aber ich vermisse schmerzlich Ehrlichkeit. Nicht die sog. „brutale, rücksichtslose Offenheit“. Aber ich vermisse es, von meinem Gegenüber etwas zu spüren.

Ich seh mir die Frau an, und denke, au wei, wie lang machst du das, bis du unter deinen Versteckschichten zusammenbrichst?

Ich guck meine Bekannte an, die mit dem lautesten Lachen von allen, und denke: fühlst du dich nicht gefangen, manchmal, in deiner Gute-Laune-Rolle?

Ich guck den netten Mann aus dem Sport an, und denke: schade, du kennst Gott und die Welt, aber ich werde dich so nie kennen. Jetzt nicht und in Zukunft nicht.

Aus den Parallelen sind Tangenten geworden, mehr nicht.