Vorsatz: Fairness

Ausnahmsweise, ein Vorsatz, für 2019 und darüberhinaus. Normalerweise wachsen meine Vorsätze langsam, bis sie reif sind, dieser fällt zufällig mit dem Jahreswechsel zusammen.

Fairness, von mir, für mich. x

Von meiner ausufernden Selbstkritik und dauernden Entschuldigerei, der „dunklen Seite“ auf die „helle Seite“ überwechseln. Weil es jetzt mal reicht.

Es gab Zeiten, da war ich erstaunt, wenn ich es mit irgendeinem Menschen den ganzen Tag lang ausgehalten habe. Es gab Zeiten, da versagte ich in den Praktika als Psychologin, wenn ich spontan einen Patienten etwas fragen sollte. Aber das ist jetzt mein Alltag. x

Beruflich rede ich mit Menschen. Dauernd, und verantwortlich, und ich muss spontan reagieren können, auf die verschiedensten Menschen, Patienten, Kollegen, Krankenkassen etc.. Offensichtlich kann ich das mittlerweile ganz gut. Das Bibelwort „Wer hat, dem wird gegeben“ trifft nicht nur die Begünstigten, die auch noch bevorteilt werden. Es trifft auch Menschen wie mich, die ihre Arbeit pflichtgemäß x und ohne weiteres Aufheben abliefern. Auch ihnen (mir) wird gegeben, nämlich noch mehr Arbeit.

Privat bin ich nie allein. Bevor wir unser Haus bauten, kam ich mit einer Arzthelferin darüber ins Gespräch. Ich merkte mir, was sie sagte: „Ja, bei euch wird es also wie überall, jeder hat sein Zimmer, nur die Mutter nicht!“. Ich kümmerte mich nicht weiter darum, aber erfasste wohl die Bedeutung trotzdem, denn ich merkte mir den Satz. Die Kinder waren da noch sehr klein, und selbstverständlich war ich immer mit ihnen befasst. Aber jetzt merke ich, was dieser Satz bedeutet. Mein Versuch, mir im Haus einen Rückzugsort zu schaffen, hielt keine zwei Wochen lang. Denn, s.o., kein Zimmer nur für mich. Ich bin immer ansprechbar. Ich bin immer unter Beobachtung, was ich mache, kann jederzeit jemand kommentieren. Meine autistischen Kinder sind 98% ihrer Zeit zuhause. Mein NT-Mann versteht sich nicht gut mit ihnen. Gespräche laufen meist über mich. Alle Streitgespräche zwischen Mann und Kindern landen hinterher bei mir, ich darf mir dann beide Seiten klagend anhören. x Ich hör mir ihre Spezialthemen an, ihre sich wiederholenden Fragen, die Sorgen des Mannes, und x toleriere, daß Kind1, wenn es im Zimmer ist, oft hin und her läuft, natürlich auch immer hinter meinem Rücken auftaucht. Ich halte aus, daß Kind2 alle fünfzehn Minuten in der Tür steht, reinguckt, zwei Sätze sagt und dann wieder geht.

Natürlich prägt mich das. Automatisch passe ich mich an; ich stückele meine Zeit, und ich muß mich für „größere“ Projekte, wie diesen Text, dazu zwingen, nicht im Vorhinein schon aufzugeben. Btw, die „x“ sind Störungen beim Schreiben.

Und jetzt ist es also höchste Zeit für mich, das auch als Arbeit anzuerkennen. Als eine Art von Höchstleistung. Für meine Sinne, die keine Stille bekommen. Für meine Konzentration, die immer wieder unterbochen wird. Tatsächlich, jetzt auch wieder x. Für meinen Selbstwert, der sich mit mir kleiner macht, wenn ich meine Bedürfnisse zurückschraube. Für meine psychische Ausgeglichenheit, wenn ich automatisch alle Schwingungen auffange und ausbalanciere.

Zeit also, mir das selbst richtig bewußt zu machen: mein Leben sieht ruhig und auch relativ ereignislos aus, aber was ich tatsächlich aushalte und dann auch noch immer wieder zu einer guten Lösung hinbiege, ist jede Menge. x

Was ich mache, braucht viel Kraft, x aber ich mache es gut. Hut ab vor mir selbst!

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Quickshot /Bin ich einsam?

Auf den ersten Blick nicht, eigentlich…

Aber mein innerer Besserwisser steht schon stramm und weigert sich, nur ja oder nein zu sagen und spannt schon mal dreidrölfzig Dimensionen von Einsamkeit auf.

Luft holen. Es soll hier nur um das Real Life gehen, Menschen, mit denen ich persönlich zu tun habe.

Also, wenn ich einsam bin, dann ist das gut verdeckt. Ich bin ständig mit Menschen zusammen. Ich bin nicht isoliert, ich habe Menschen zum Reden, zum Chatten, wenigstens ab und zu. Meine Kinder zeigen mir ihre Zuneigung, wir reden viel, und sie unterstützen mich gerne. Kein Vergleich zu meiner Familie, damals. Ich mag sie, aber je weiter ich von damals entfernt bin, desto schmerzhafter wird mir klar, da war wenig Verbindung. Meine Mutter, Stiefmutter, Großmutter: sie standen neben mir seltsamem Mädchen, konnten mit mir nichts anfangen und ließen mich halt einfach so stehen. Sie wussten nichts, gar nichts von mir. So ist es bei meinen Kindern nicht. Da bin ich mir schon sicher.

Es mangelt mir auch nicht an sogenannter Anerkennung. Ich bekomme viel Anerkennung, ich weiss, was ich gut mache und wieviel ich leiste. Ich bin gut vernetzt am Arbeitsplatz, es menschelt dort auf eine angenehme Art und Weise. Und wenn ich von privaten Verabredungen unter Kollegen nichts erfahre, ist es nicht schlimm. Ich brauche Pausen, und ich weiss ja, sie mögen mich. Würde ich mich offensiver kümmern, wäre ich besser eingebunden, aber in meinem Leben hat das keinen Platz mehr.

Im Gegenteil, ich bräuchte mehr Zeiten, in denen ich allein bin, oder wenigstens Zeiten, in denen ich verlässlich allein bin. Denn ich weiss zur Zeit nie, wann ich meine Beschäftigungen unterbrechen muss für die Familie. Inktober läßt grüßen, im Schnitt 2 Minuten pro Bild… Sage mir keiner, ich muss mir die Zeit „einfach nehmen“. Meine Kinder haben keine Freunde. Sie haben mich, und die Katzen. Wenn ich da bin, bin ich ansprechbar.

Einsamkeit fokussiert sich für mich auf folgende Punkte:

  • der Gedanke, was wäre, wenn die tägliche Ablenkung fort wäre. Urlaub, Kinder aus dem Haus, Mann unterwegs. Dann ist da allerdings nichts mehr, dann muss ich mir etwas Neues aufbauen.
  • ab und zu fange ich an, zu vergleichen. Wenn in meinen 2½ Whats App Gruppen lange Pause ist, und ich daran denke, na klar, die brauchen das jetzt nicht, die sehen sich oft genug. Wenn ich ein schlechtes Gewissen bekomme – ich müßte viel öfter initiativ sein. Wenn ich merke, daß bestimmte Kontakte nur funktionieren, weil ich mich anpasse und maskiere. Das fühlt sich einsam an. Dann tröstet mich, daß es auch Gegenbeispiele gibt.
  • und schlußendlich ist es meine Überzeugung, daß am Ende jeder einsam ist. Am Ende heißt nicht nur ganz am Ende des Lebens. Ende ist für mich an jedem Übergang, an jeder wichtigen Entscheidung, die ich treffe. Dort bin ich, wie jeder, allein, mit mir und mit den Konsequenzen meiner Entscheidung. Ich möchte Entscheidungen treffen, sie öffnen mir neue Türen und geben mir Kraft. Aber manchmal bin ich dort auch verdammt einsam.

 

Quickshot /Egoist

In der Timeline entwickelte sich eine kurze Diskussion um die Frage, ob sich Autisten egoistisch verhalten. Am gleichen Nachmittag verbreitete sich die Nachricht eines Todes: Samarie wird vermisst werden, viele fühlten mit ihr, auch ich. Ihre Erlebnisse in der Arbeit, im Krankenhaus… Und das Fuchskind zweifelte plötzlich daran, etwas Sinnvolles zuwege zu bringen.

Und ich, ich kann diese Fragen nicht voneinander trennen. Ich schreibe hier also ein kurzes Statement aus meiner, autistischen, Sicht, aber es könnte jeden betreffen, der, in welcher Form auch immer, Hilfe braucht.

Ich bin schon oft Schmarotzer genannt worden oder für Egoismus getadelt worden. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Ereignisse fallen mir ein. Mir wurde, von verschieden nahen Personen, unterstellt: ich mache es mir leicht, ich zwinge durch meine Passivität und meine Zurückhaltung die anderen dazu, für mich zu arbeiten und meine Aufgaben zu übernehmen. Ich nutze sie aus und manipuliere. Es wurde gesagt, ich liege anderen auf der Tasche, und ich dächte mir gar nichts dabei. Schiefe Blicke, weil ich die Einzige bin, die eine Einladung als solche aufgefasst hat und nicht überfreundlich abgelehnt hat. Die Schwiegermutter, die betont, wie gut ihr Sohn sich doch für die Familie einsetzt, und mir damit reindrückt, daß ich ja ziemlich ansprüchlich bin. Augenrollen, weil der Partner etwas Bestimmtes schon wieder übernehmen soll, was er selbst lästig findet. Oder, einen Schritt weiter: Streit, weil ich den autistischen Kindern Dinge abnehme, von denen ich weiss, daß sie für die Kinder eine besondere Belastung darstellen oder ihre Routine zerstören würden. Was ist dann wichtiger, die Rücksichtnahme auf ihr Wesen? Sie zu zwingen, sich den „Realitäten“ zu stellen, sich an die Anforderungen anzupassen? Erziehe ich die Kinder zu Egoisten?

Das sind ernste Vorwürfe. Solche Konflikte können eine Freundschaft oder Beziehung mit Leichtigkeit sprengen. Wenn einer immer muss, der andere nie tut… Das klingt einfach und eindeutig.

Aber

1. Man muss unbedingt, unbedingt! im Blick haben, daß Autismus schwer sichtbar ist. Also, ich meine, man sieht mir schon an, daß ich irgendwie anders bin, reichlich seltsam. Aber was genau mir Probleme bereitet, sieht man nicht. Und damit kann man nicht verstehen, warum ich bestimmte Hilfen gerne annehme, andere sogar im Moment brauche. Nicht umsonst gibt es Einrichtungen wie den GdB, Inklusion, Pflege, Betreuung. (Nichts davon wird btw von mir und meiner Familie beansprucht.) Aber was man gar nicht versteht, beurteilt man halt gerne aus dem, was man sieht. Was man sieht: eine normal intelligente, arbeitende Mutter, die könnte doch, wenn sie wollte?!

2.Wenn ich etwas nicht tue oder nicht kann oder beides, ist es keine Manipulation, siehe Anfang des Satzes. Ich tue das nicht, um irgendeine Bindung zu festigen oder weil ich Macht genießen will, das wäre eher pathologisch. Egoistisch im engeren Sinne hieße: ich mache das absichtlich so. Ich könnte anders, will aber nicht. Nun ja, ich könnte – meistens – anders. Aber dann kann ich andere, noch wichtigere, Dinge nicht mehr. Ich kann alles lernen, wohl wahr, aber meine Ressourcen reichen nicht für alles. Ich kann den Stress auf mich nehmen, in der Werkstatt oder in der Bank anzurufen und mich durchzufragen. Aber der Einkauf in vier Geschäften samt Smalltalk rundum hat schon gereicht, und den Rest des Tages gibt es Haushalt und Probleme, bei denen ich die Kinder unterstützen muss. Mein Mann hat Zeit, und er hat Vorwissen und er kennt die Leute dort. Ergo, er macht es. Es wäre wohl sinnvoll für mich, das mal zu übernehmen. Aber nicht jederzeit. Oder: die Kinder könnten es schaffen, diesen oder jenen Einkauf zu übernehmen. Ich finde aber nichts dabei, ihre Routinen zu berücksichtigen. Also, ich spreche ab, wann sie es übernehmen, und werfe ihnen keinen Egoismus vor, wenn sie nicht jetzt sofort, spontan, weil ich gerade so will, bereit sind, loszufahren. Mit anderen Menschen würde ich ja auch so umgehen, daß ich beiderseits Interessen und Skills mit berücksichtige…  Was bleibt: ich muss mich mit meinem Partner einigen, wie wir die Dinge aufteilen und wir sollten uns gegenseitig dafür wertschätzen, weil wir wissen, welche Kraft es den anderen kostet. Und danken.

Und 3., ja, das ewige Schuldgefühl, das sich daraus ergibt. In jeder Lebenslage ist man damit konfrontiert, dass einem andere Leute einfache Dinge abnehmen, für die man scheinbar zu faul oder zu blöd ist. Auch nahe Personen werfen es einem immer mal wieder vor.  Dieser Impuls, sich dann kleinzumachen, sich mies zu fühlen, sich für alles mehrfach zu bedanken und sich immer wieder zu entschuldigen, daß man es den anderen so schwer macht. Es steckt tief drin. Dieses Gefühl chronifiziert irgendwann, es begleitet einen immer. Es ruiniert auf Dauer das eigene Selbstwertgefühl. Was man tatsächlich selbst kann und leistet, verschwindet neben den Defiziten. Und auch das bezeugt, daß ich mir die Hilfe nicht einfach egoistisch erschlichen habe. Denn wäre das so, würde ich mich entspannt und selbstzufrieden zurücklehnen und mir ins Fäustchen lachen, wie gewieft ich doch bin. Aber am Ende mit Schuldzetteln beklebt durch den Alltag zu laufen, und selten gut zu schlafen, weil jeder Tag unrichtig ist – das fühlt sich ganz anders an.

Erdung

Wenn von Autisten gesprochen wird, ist gern die Rede von „unnahbar“. So zu sein, ist mir jedenfalls mehr als einmal vorgehalten worden. Oder Autisten beschreiben, sich wie von einem fremden Planeten zu fühlen, wie Aliens, und werden auch so wahrgenommen, als nerdig, seltsam, aussenstehend.

Die Metapher vom Alien hört sich ja ganz putzig an: guckstu hier, ein Wesen vom fremden Stern, ob es Katzen frißt oder nach Hause telefonieren will? Naja wird sich hier schon einfinden, sonst bekämpfen wir es, und wie in jedem Film und immer und überall gibt es irgendwann ein gutes Ende. Klappe, die Schlußszene bitte, alles easy.

Aber sich wie ein Alien zu fühlen, ist nur selten putzig und auch nicht so frei, wie es sein könnte. Oft ist es einfach nur brutal, denn da ist kein Raumschiff, nirgends.

Irgendwann träumte ich, in einem vollen Hotel zu sein. Alle Tische im Speisesaal belegt, für mich ein Platz reserviert an einem besetzten Tisch. Ich gucke hin, möchte aber nicht stören. Und bevor der da sitzende Mann mich lächelnd einladen kann, meinen Platz einzunehmen, gucke ich schon wieder weg und ziehe mich resigniert, aber bestimmt, zurück, um auszuchecken und an der U-Bahn einen coffee-to-go zu kaufen. Der Mann ist verwirrt, oder auch verärgert, oder auch traurig. Und ich bin auch traurig, aber ich hab keine Zeit dafür.

So fühlt sich das an: nicht mehr dran glauben, daß da ein Platz ist, und die Traurigkeit sammelt sich so lange irgendwo still an, bis plötzlich die Depression da ist oder Schlimmeres.

Als Autist nehme ich mehr Detail als Kontext wahr, ich kann es, muss aber mehr Details aufnehmen und integrieren als NichtAutisten. Auf jeder Ebene: in der sensorischen Verarbeitung des Aussen, was dann meine soziale Wahrnehmung formt, die eben auch gesplittet ist und oft keinen ruhigen Fluss ergibt. Angefangen bei Gesichtsblindheit, weiter gehend damit, dass ich schlecht einschätzen kann, wie mich der andere sieht und welchen Gesamteindruck ich mache, ob ich geschätzt werde,  und endend dabei, daß mir nicht immer klar wird, welchen Status eine Bekanntschaft gerade hat oder ob gerade eine Freundschaft existiert. Ich nehme vermutlich auch meinen Körper mehr in Einzelteilen wahr, das ist nicht so deutlich im Alltag, wirkt sich aber in der Motorik aus. Und ich bilde mir ein, dass diese wenig ganzheitlichen Feedbacks dazu führen, dass ich mich selbst wenig als „runde“ Person in einem „abgrundeten“ Umfeld erlebe, und ich bilde mir ein, das ergibt dieses schwebende Gefühl, immer neben den anderen, „in meiner eigenen Welt“, wie es so dämlich heißt…

Ich erlebe jeden Tag bei meinen Patienten, wie Depression entsteht, und bei mir ist es nicht anders: dann, wenn man aufgibt, genau dann. Wenn man sich zurücknimmt, seinen Platz und seine Ansprüche nicht mehr wichtig nimmt, sich isoliert oder sich nur noch mit dem beschäftigt oder nur noch das kultiviert, was gelobt und gebraucht wird. Dann geht das Selbst zwar nicht verloren, aber es wird auf Eis gelegt.

Bitte, TUT DAS NICHT. Erdet euch: tut jeden Tag etwas, um euch zu spüren, um ihr selbst zu sein. Sorgt für Freude, für Schönheit, und macht jeden Tag etwas Unangepasstes. Und so, wie ihr andere als „einfach da“ und „einfach ok“ anseht, so versucht, euch selbst zu sehen.

Ihr seid von der Erde und das ist euer Platz.

Quickshot /Hunter

Neulich hätte ich mir eine schöne Jobidee gefunden.

Ich war im Zoo, alleine. Es war nicht so viel los, kurz nach der Öffnung morgens. Nach ungefähr einer halben Stunde beschloss ich, Zooführer zu werden, und dafür bezahlt zu werden, den anderen Besuchern zu erklären und zu zeigen, wo im Gehege der Papagei sitzt, die Schlange, der Leguan etc.. Während die meisten Menschen nämlich laut plappernd sich gegenseitig fragten „Ja wo ist er denn“, beobachtete ich das Tier schon lange ganz still.

Meine Eltern sind nie in den Zoo, nie spazieren oder wandern gegangen. Es kam die Ehe, dann kamen die Kinder, wir waren oft miteinander unterwegs. Tatsächlich war ich selbst aber ganz selten mal alleine spazieren, und jetzt war ich das erste Mal ganz alleine und mit viel Zeit im Zoo.

Wie gesagt, es war noch relativ ruhig dort. Ich hatte Zeit, mich auch selbst zu beobachten und war völlig perplex.

Ich wußte schon, daß ich mein Auge auf viel mehr „Nebensächlichkeiten“ richte, als zum Beispiel mein Mann. Ich wandere auf ein Ziel hin, ich freu mich auf das Ziel, aber ich sammel auch Eindrücke von Blumen und Tieren. Auch auf Fotos, wenn man mir nicht (wie normalerweise) mit Ungeduld begegnet. Aber mir war nicht klar, wie sehr meine Wahrnehmung auf Details eingestellt ist.

Das Insekt im Augenwinkel, der Geruch, der alle paar Meter wechselt, die eine Pflanze, die ich liebe und die sich plötzlich hervorduckt. Die Strukturen von Blüten, die Abweichung im Farbton, die mir verrät, wo ich im Gehege suchen muß. Der Bewegungsablauf im Detail, der dafür sorgt, daß ich von stetigen Chamäeleons, leisen Tigerpranken, sogar vom Muskelspiel einer Python hypnotisiert bin. Mit den Menschen hab ich nichts zu tun, und trotzdem schwappen mir Eindrücke ins Gesicht wie eine kalte Dusche. Stimmungen, Blicke, alles landet hoch intensiv bei mir.

Es ist ein Unterschied, davon zu lesen, daß das bei Autisten so ist. Oder das zu erleben.

Ich bin nicht mehr die Jüngste, also sind mein Gehör und mein Sehvermögen eh schon vermindert, im Vergleich zu früher. Trotzdem war ich gestern von den Eindrücken voll in Beschlag genommen. Ich fragte mich, wie ich auch nur eine Schulpause im Hof, bei Gekreische und Durcheinander, überlebt habe. Wahrscheinlich durch automatisches Abschalten und in die Ecke schauen. Ich weiss es nicht.

Ich hab versucht, mich bei diesem Zoobesuch von den ganzen Infotafeln fernzuhalten und mich  auf die Tiere zu konzentrieren, und weil ich nicht agelenkt war, konnte ich ganz in den Eindrücken versinken. In der Fledermaushöhle still stehen und die Flugbahnen verfolgen. Oder dem Luchs ins Auge sehen, minutenlang haben wir uns fixiert. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Jäger, wie jemand, der seine Sinne geschult hat, um Fährten zu lesen und Zeichen zu deuten.

Ja, das ist jetzt übertrieben. Aber ich hatte eine Ahnung bekommen, wie das sein könnte, allein, auf Jagd, mit allen Sinnen auf Empfang, und es war ein sehr, sehr schönes Empfinden.

Quickshot /Was ich wirklich brauche

Ein kurzer Text, es geht nur um das vergangene Wochenende. 1,5 Tage davon, um genau zu sein.

In dieser Zeit war zwar Anstrengung dabei, da ich gestern Hunderte Kilometer gefahren bin, Terminunklarheit, neuer Ort etc etc. Aber die Anstrengung daran bedeutet im Nachhinein fast nichts. Denn ich bekam so viel von dem, was ich im Alltag so leicht vergesse und doch brauche. Mehr als die #3gutenDingedesTages…

Ich besuchte einen Ort, für mich, der mit meiner Jugend verknüpft ist. Eingedenk des Klaasentreffens, auf dem ich letztens war, mit einem positiven Gefühl, ein kleines Stück Identität neu einzuordnen.

Ich machte einen langen Spaziergang mit meinen autistischen Söhnen, eine absolute Seltenheit, die nur des Ziels wegen funktionierte, denn wir besichtigten etwas. Und weil wir nur zu dritt waren, wurde er wunderschön in dem Sinne, daß wir uns – da auch niemand in der Nähe war – 2 Stunden lang richtig austauschen konnten. Nein, keine Psychogespräche. Aber die Jungs konnten ihre Themen, ihre Gedanken, mal ausbreiten, ohne von Ungeduld und Augenrollen gestoppt zu werden. Wir konnten unseren eigenen, ruhigen, sachlichen Ton pflegen. Man kann sich auch ruhig widersprechen oder ein Thema begrenzen. Das tat richtig gut, bestimmt auch den beiden.

Wir kochten abends spontan „schwedisch“, und auch das liebe ich: das Gefühl, wenn die Kinder sich gerne dazusetzen, weil sie sich freuen und es ihnen schmeckt. Da bin ich ganz Mama…

Mein Sohn haßt Fußball, aber wir kennen uns, und wir machten gestern Späße darüber, statt uns gegenseitig überzeugen zu wollen, auf die andere Seite zu wechseln.

Ich habe wieder gemerkt, wie seit ein paar Wochen, daß ich Spaß habe, lange zu lesen und mir einen ganzen Nachmittag dafür Zeit zu nehmen. Ich könnte mich zu Besuchen zwingen, aber Kontakt habe ich weiß Gott genug ohne mein Zutun, genug nach meinen Kräften gemessen. Kann das jemand verstehen, wie schön es ist, die Ruhe zum Lesen wieder zu entdecken? Das war seit der Geburt der Kinder nicht mehr da.

Und heute Mittag saß ich im Garten, und es war ruhig, und ich hörte nur und schaute nur. Plötzlich eine Bachstelze, da eine Drossel, beide lange nicht gesehen. Und ein Gefühl von Entspanntheit, nein, von Ruhe und Tiefe. Ich genoß das pure Sitzen und Wahrnehmen, das Versinken in Details, die aus den Gartenecken kamen.

Und das ist, was ich wirklich brauche: Zeit. Zeit, zu mir zu kommen, mein Selbst wieder zu spüren. An meinem Selbst auch Freude zu haben, statt wie im Alltagstrott dem Nachzuhetzen, was alle Welt von mir verlangt. Und mich dann mit neuer Kraft und mit Überlegung auf den Sturm der Woche vorzubereiten.

 

MCS x/30

In unserer Familie sind die Aufgaben hübsch verteilt, meine ist u.a. zu kochen, und immer bietet mir mein Mann an, alles aufzuräumen.

Heute nahm ich sein Angebot an. Etwas später ging ich an ihm vorbei, als er gerade den Tisch säuberte. Und dann rutschte ich in einen Impuls und in einen Moment, in dem mir klar wurde, ich muss besser auf mich aufpassen.

Ich war drauf und dran gewesen, mich dafür zu entschuldigen, daß ich soviel Geschirr angepatzt hatte. Ich konnte den Satz gerade noch zurückhalten. Wohlgemerkt, ich hatte Familienessen gekocht mit zwei Varianten und alles à point und just in time auf den Tisch gebracht.

Verrückt. Aber real. Ich rechne mal so: ich kann mich auf mindestens drei Schuldskalen einordnen, also den Impuls, sich zu entschuldigen und klein zu machen, in drei Dimensionen bewerten. Jeweils von 0-10, auf gut psychologisch. Ich nenne sie Mea culpa Skala oder MCS-X

Skala 1 Ich bin eine Frau. Frauen verhalten sich oft so, ob by nature oder by nurture, egal. Wissen wir alle, haben wir alle eine eigene Ansicht dazu. Meine persönliche Erinnerung dazu: als ich das erste Mal Bella Block sah, war ich fasziniert und begeistert, weil sie schaute und agierte wie ein Mann. Das fand ich cool, Frauen empfindet man ja immer noch lächelnd als „richtig“. Aber gut, die allgemeine Einstellung ändert sich doch.

Also, Faktor Frau: 5/10 auf der MCS-F

 

Skala 2 Ich bin Mutter. Himmelherrgott. Facebook verfolgt mich mit einer Komödiantin von Antenne Bayern, die selbstironisch ihre mütterlichen Unverzeihlichkeiten ausbreitet. Ich gebe zu, ich schaue es an und amüsiere mich darüber. Weil man (bzw. mutter) es so gut versteht. Im persönlichen Umfeld gibt es mehr Toleranz, aber in den Medien findet sich immer etwas, was man als Mutter so richtig verbocken kann, und die Heli-Profi-Opti-Tigermütter sind kein Klischee, ich kenne solche Damen. Viel Arbeit, die man sich Tag für Tag machen kann, und ebensoviele Gelegenheiten für ein schlechtes Gewissen.

Also, Faktor Mutter: 8/10 auf der MCS-M

 

Skala 3 Denn, ich bin ja auch noch Autistin. Und als solche erreiche ich das Maximum auf meiner Skala. Denn ob ich mich anstrenge oder nicht, an die Grenzen gehe oder nicht. Es reicht nicht. Es kommt immer ein Punkt, an dem ich etwas nicht schaffe, mich jemand nicht versteht, jemand von mir irritiert ist. Ich langweile Menschen, stosse sie vor den Kopf, verärgere und frustriere sie. Und immer unverhofft wirke ich auf einmal ellahaft, ich habe zu wenig Kontrolle darüber. Und ich bin es, der sich dann entschuldigen muss. Ich werde ja nicht verstanden, der Rest der Welt versteht sich. Die letzten Tage war es plötzlich wieder so weit, mein Mann frustriert, daß ich sozial so inaktiv sei (… das seh ich mit Familie und meinem Beruf natürlich etwas anders, aber das kann ich nicht gut genug erklären…). Ein Schock, wieder mal. Und auf diese Art Unverständnis könnte man nun gar nicht reagieren oder schroff reagieren, ist halt Mist für die Beziehung. Oder so, wie ich es mir vor langem schon angewöhnt habe. Klein machen, erklären, entschuldigen, anpassen, nachfragen, hektisch versuchen, wieder in die „normale“ Spur zu kommen.

Also, Faktor Autismus: 10/10 auf der MCS-A

 

Macht 23/30 Schuldpunkten.

Quickshot /Je ne suis pas Ella

Eine Woche voll Aufregung, und wahrscheinlich liest das hier niemand mehr. Zu viele Kommentare gibt es schon dazu, zu dieser Serie namens #EllaSchoen, die im ZdF gelaufen ist.

Ich gebe zu, ich habe sie nicht mal ganz gesehen. Auch nicht alle Beiträge dazu gesehen. Ich wollte mir die Zeit dafür nicht nehmen, mir waren andere Dinge wichtiger. Ich gebe auch zu, ich habe keine eindeutige Meinung dazu.

Ich hab Ausschnitte aus den Interviews mit Annette Frier gesehen, der Hauptdarstellerin. Eine scheinbar recht fröhliche und resolute Dame. Gerade im Interview mit Dunya Hayali kommt bei mir an, daß mit dem Film ein positiver Ansatz verbunden war, ein Versuch, optimistisch auf das Thema zuzugehen, etwas Aufmunterndes daraus zu basteln. So kommt es auch in den tweets der Beteiligten rüber. Soweit verstehe ich es, und freue mich über die Absicht.

Aber, ach, gut gemeint ist halt meistens dann doch daneben gegriffen…

Ich hab versucht, Teile anzusehen. Ich hab jedes Mal wieder ausgeschalten.

Nein, ich bin nicht Ella. Ella ist eine Frau, so roboterhaft und schroff, daß es mir gruselt. Ich versuche mein ganzes Leben lang, genau so nicht zu sein. Wäre ich so, wäre mein autistischer Kern früher entdeckt worden. Tatsächlich mußte ich dazu 40 werden. Das ist das erste, was an dem Film wehtut: daß das Bild von Autisten auf dieses festgefroren wird. Eine Frau, die schroff ist und weder anders sein möchte noch es kann. Die über ihre Zwänge und ihre Einstellungen nicht reflektiert und ihrer Umwelt keinen Millimeter entgegen kommt. Jemand, über den man leicht lachen kann, den man sofort mit Verachtung ablehnen kann.

Oder manchmal bin ich auch Ella? Kann auch sein. Kann sogar gut sein, daß ich manchmal auch schroff wirke. „Unnahbar“ ist mein zweiter Vorname von Leuten, die mich – und ich sie – gerade erst kennenlernen. Und das heißt, aufgemerkt: so bin ich IM STRESS. So bin ich, wenn ich keinen Zugang finde, wenn ich mich und die Situation irgendwie im Griff behalten muss. So bin ich nicht privat, in der Arbeit, wenn ich mich wohlfühle, wenn ich vertraut bin.

Das hätte ich mir gewünscht: daß in so einem Film auch meine guten Absichten, meine sozialen Wünsche vorkommen. Daß spürbar wird, was ein Autist braucht, um in Kontakt sein zu können. Daß diese schroffe Oberfläche, diese scheinbare Roboterhaftigkeit und scheinbare Empathielosigkeit als scheinbar erklärt wird. Nur so können doch sog. „normale“ Menschen überhaupt zu mir wollen?

Denn ich habe soziale Bedürfnisse. Ich kann allein sein, no problem. Und die Menschen in der dritten Welt können auch hungern, no problem. Ist Alltag. Aber ein schönes gesundes Menü wäre ihnen lieber. Mir auch. Mir wäre ein Stammtisch auch lieber, Frauen, die mit mir in Sport gehen, Kollegen, mit denen ich mittags spazierengehe. Flirts. Ich kann es nur nicht gut genug, um es herzustellen.

Und ich habe ein Bedürfnis nach so etwas wie „Wahrhaftigkeit“? Es macht traurig, so wenig Chancen für mich und andere Autisten, als die Personen, die wir sind, gesehen und gemocht zu werden. Denn unser Charakter ist still, wie eine unscheinbare Wiese, mit Kleinigkeiten, die man langsam entdecken muß. Was kaum passiert, denn auf dem Weg zur Wiese stehen diese eindrucksvollen Felsformationen namens Empathielos, Unhöflich oder Superschlau (oder Supergedächtnis, Inselbegabung, Routine, Zwang, Spleen…), und alle Welt starrt an den Felsen hoch und kann den Blick nicht davon lösen…

 

Schulerinnerungen

Jetzt habt ihr die letzten Tage schon viele autistische Schulerlebnisse geteilt.

Trotzdem meine 50ct dazu…

Wenn ich an die Schulzeit zurückdenke, denke ich an Leere zurück. Jedenfalls nicht an das Gefühl, einem Sozialverband angehört zu haben, der sich an schöne Zeiten und lustige Erlebnisse erinnert. Vielleicht hat meine Klasse eine deutliche Erinnerung an ein geteiltes Schulleben. Bei mir ist diese Erinnerung nur sehr schwach, „am Rande“ fällt mir als erste Assoziation ein. Und daneben einzelne Eindrücke.

Was es für mich nicht gab: handfesten Ärger, schlechte Noten, Mobbing (jedenfalls hab ich keines bemerkt). Ich war „typisch“ weiblich autistisch drauf: schüchtern, seltsam, aber sonst unauffällig und brav. Die Noten unauffällig.

Ein Zeitstrahl aus Einsamkeit, damals nannte ich es noch nicht so. Der Zustand des Alleinseins, die Trauer über die Einsamkeit waren verdeckt von meiner Verunsicherung, meiner felsenfesten Überzeugung, es so verdient zu haben. Durch meine Doofheit.

In diesem Zeitstrahl einzelne Bilder.

Ein Foto vom Wandertag, alle auf einem Spiegerät. Ich drei Meter abseits auf der Bank, Blick auf den Boden. Jemand zeigt mir das Foto und reibt mir meine Schmach noch unter die Nase: „du immer, schau dich mal an!“

Der erste Tag meiner Periode. Mangels Anleitung von Mutter oder Freundin hatte ich mir irgendwie eine Einlage aus Watte gebastelt. Die Sportlehrerin hält an dem Tag lachend ein aufmunterndes Statement, daß die Blutung etwas Normales sei. Jahre später begreife ich, jeder hat es damals gesehen. Pardon, jede.

In jedem Zeugnis die Anmerkung, ich sei zu ruhig. Einige mündliche Sechser wegen Nichtmeldens.

Ich, in Deutsch oder Religion, als ich mich doch melde, weil ich etwas aufgeschnappt habe, was mir wichtig scheint. Zu 75% Ablehnung wegen Unbotmäßigkeit oder Verschrobenheit, zu 25% „was du alles weißt“. Manchmal ein überraschtes „du bist doch ganz gescheit, zeig das doch einfach!“

Lehrer, die mir vertraulich anbieten, ich solle mich nicht verstecken, ich könne mich anvertrauen. Andere, die mir verbieten, in der Pause in der Ecke zu stehen. Viele, die mich vor der Klasse hämisch lächerlich machen, denn ich „sei mir wohl zu fein, mich zu beteiligen“, ich „hielte mich wohl für etwas Besseres“. Der ein oder andere Lehrer kennt meinen Namen nicht mal.

Viele Situationen, die mich noch heute schamvoll erstarren lassen. Wie eine Lehrerin hilflos war ob meiner ehrlichen Antwort, ich habe für die Hausaufgabe keine Lust gehabt. Ich, wie ich versuche, Witze zu machen. Die anderen Mädchen drehen sich einfach um. Ich, wie ich nicht weiß, wie ich eine Adresssänderung und die Geburt meiner Schwester melden soll. Und als es rauskommt, gescholten werde, ich hätte das sagen müssen.

Ich, wie ich Wahlfächer, Qualifikationen, sogar den „Medizinertest“, das Tor zum Medizinstudium, aus Angst und Überzeugung, zu versagen, vermeide. Ich, die ich dabei keinen Mentor, kein Vitamin B, keine hilfreichen Eltern oder Freunde habe.

Das Positive? Verschweige ich nicht, um Mitleid zu erhaschen… es fällt mir nicht ein.

 

Detail: Spezialinteresse? Emotionale Bindung?

Nachfolgend nur eine kurze, aber typische Szene in einer nicht-autistisch-autistischen Familie. Um zu zeigen, dass die Kriterien für eine Diagnose, buchstäblich genommen, in die Irre führen können. Man muss manchmal ins Detail gehen, um ein autistisches Verhalten verstehen zu können.

Die Vorgeschichte ist, daß wir seit ein paar Monaten neue Katzen haben. Sicher würden die meisten tierliebenden Teenager an den Tieren mit Liebe hängen. Noch dazu, wenn, wie bei uns, das erste geliebte Tier verstorben ist. Ich zögere aber nicht, die Art und Weise, wie bei uns die Tierliebe ausgelebt wird, mit einem Spezialinteresse zu vergleichen. Nota bene, das Gefühl von Liebe ist das Gleiche wie bei jedem. Das Bestreben, daß es dem Katzerl gut geht, daß es sich wohlfühlt, gut versorgt ist. Rücksicht nehmen, sich anpassen. Mit ihm mitfühlen, mitleiden, ihm Angst, Schmerz und Hunger ersparen wollen. Mit Rührung und Lächeln das Katzerl beobachten oder von ihm sprechen. Sichtbarer, geteilter Rührung. Liebe.

Aber der Umgang insgesamt ist anders, als in „normalen“ Familien zu erwarten. Starrer, ritualisierter. Rigider. Aber auch ausufernder. Die Kinder sind nicht einen Tag mehr, einen weniger damit beschäftigt, etwa weil sie manchmal keine Lust dazu hätten oder andere Pläne (erst recht keine sozialen Verpflichtungen). Sie wiederholen jeden Tag x-mal das gleiche ritualisierte Verhalten, wenn sie nach den Katzen sehen, darüber sprechen, sich mit ihnen beschäftigen. Und jedes Detail ist ihnen wichtig. Sie haben also sowohl eine emotionale Bindung als auch ein ausuferndes Interesse daran.

Für mich heißt das, ein Spezialinteresse kann im Prinzip aus allem entstehen.

Emotionale Bindung zeigt sich auch in der versprochenen Szene.

Kind kommt zu einer Zeit in die Küche, in der die Katze sonst immer da ist, jetzt gerade nicht. Seit einer Stunde ist sie abgängig. Kind macht sich Sorgen. Nicht (oder nicht nur), weil das Ritual unterbrochen ist – Sorgen, weil dem Tier etwas fehlen könnte, Trauer, weil es nicht da ist, Angst vor dem Verlust. Das nenne ich emotional gebunden. Das gleiche Kind, das sonst ewig allein im Zimmer sein kann, ist allein, weil der Realkontakt zu stressig ist zu anderen Teenagerbuben. Verständlicherweise hat es kein Interesse an dem Streß, er bringt mehr Frust als Spaß. Das gleiche Kind freut sich aber, wenigstens online verbunden zu sein, es freut sich, wenn es Anerkennung erfährt durch eine Bemerkung. Und es liebt seine Katze. Und sein Geschwister. All dies trotz der Tatsache, daß soziale Kontaktschwierigkeiten und soziales Desinteresse, auch das Geringschätzen von oberflächlichen Begegnungen, eindeutig da sind.

Katze verschwunden. Kind aggressiv und stoffelig, weil gerade überfordert. NT-Mann aufgeregt, versucht abzuwiegeln. Kind noch stoffeliger. Verzieht sich lieber. Ich gehe im Kopf derweil Handlungsoptionen durch und überlege, wann man suchen gehen muß. Auch, um dem Kind damit Sicherheit zu geben. Meine eher autistische Art, es zu beruhigen. Denn, mir tut jetzt das Kind leid. Ich seh aus dem Augenwinkel eine Bewegung draussen (Detailwahrnehmung…), Mann folgt meinem Blick, sieht die Katze. Ruft laut. Ich verstumme, weil das Gucken und Rufen und Gedrängt-werden für den Moment zu viel sind (und ich nenne das mutistisch, wenn auch im kleinsten Rahmen). Ich muß kurz weghören, denn meine Stärke ist klares rationales Denken und Handeln. Dann rufe ich die Katze, die sofort reinkommt. Auf meinen Mann würde sie nämlich nicht hören, ich glaube, das kann man fast als diagnostische Kriterium werten 😉.

Alles Geschilderte ist banal, für sich genommen, Kleinigkeiten. Aber typische, sehr typische Kleinigkeiten.