Ach Mutter …

 – die Angst nehmen – ein Kuss vor dem Einschlafen – Kuchen sonntags – das Leibgericht bekommen – Parfum – Umarmungen – ihr Gang, Bewegung, Silhouette, wenn sie das Licht löscht – Lachen – mitfühlende Tränen – stille, haltgebende Anwesenheit – ihre Worte, die einen Rahmen für das eigene Leben bilden –

In dem Buch*, das ich jetzt lese, sind alle diese Merkmale auf einer halben Seite Text aneinandergereiht. Es sind Beispiele dafür, wie und wodurch Menschen sich an ihre Mutter erinnern, was sie mit ihr verbinden. Ich verstehe sie als Beispiele für  Fürsorglichkeit oder Mütterlichkeit. Der Autor zählt sie auf, als er seine, geistig schon etwas verwirrte, Mutter besucht. Er kümmert sich um sie, um ihre Versorgung. Er beschließt, seine Familiengeschichte aufzuzeichnen, woraus sich dann der Roman entfaltet. Er betrauert den Verlust, der sich ankündigt, und genießt die Zweisamkeit und Vertrautheit, die jetzt zwischen ihnen existiert.

Als ich wiederum diese halbe Seite las, wurde ich mit einem Schlag ernüchtert, dann traurig, und ich pendele noch zwischen diesen Gefühlen hin und her.

Meine Mutter ist pflegebedürftig, sie ist dement, ich habe hier  beschrieben, wie es war, als ich sie eine Zeit bei mir beherbergt habe. Seither haben wir sie einige Male besucht, und immer ging es ihr gleich gut in ihrem neuen Heim. Erkannt hat sie uns wohl nicht ganz, aber wir konnten uns zusammensetzen und etwas Zeit verbringen. Mein Mann versteht nicht, warum ich sie nicht öfter besuche als alle paar Wochen, meine Schwiegermutter macht Vorwürfe. Meine Mutter habe mich großgezogen und sich gekümmert und hätte den Dank verdient, das gehöre sich schließlich so. Sicher, meine Unwilligkeit hat damit zu tun, daß jedes Mal ein Tag vom Wochenende drauf geht. Wohl auch damit, daß ich mit ihrer Demenz anders umgehe. Ich weiss ja, es geht ihr gut, und ich möchte sie nicht aus ihrem Rhythmus bringen.

Aber es sitzt tiefer. Als ich die Liste oben las, erkannte ich gar nichts wieder. Nichts. Ich kann mich gut an meine Kinderzeit erinnern: ich war in der Wohnung, in meinem Zimmer, gemeinsam vor dem Fernseher, es gab zu essen, meine Wäsche war gerichtet. Irgendwann wurde irgendetwas Oberflächliches gesprochen. Ich erinnere mich aber an nichts Persönliches zwischen uns. Meine Gefühle blieben bei mir. Kein Kuss, keine Aufmunterung, kein Bemühen, mir Sicherheit zu geben, kein Trost. Obwohl sie es sicher anders wollte. Sie war erschöpft, selbst unsicher in ihrem Leben, in einem fremden Land. Ich war ihr Kind, das ihr immer fremd geblieben ist, so fremd, wie ich mich heute noch fast überall fühle.

Gestern erst war ich auf einer Veranstaltung, zu der mein Mann und ich seit über zwanzig Jahren gehen, mit denselben Teilnehmern. Mir wurde erschrocken bewußt, wie wahnwitzig lange das schon ist, und wie unangemessen mein Empfinden, ich wäre in der Runde nur geduldet. Dabei muß ich in dieser Runde nur einen Millimeter aufmachen, dann spüre ich Vertrautheit und Interesse, ich kann in den Dialog gehen.

Mit meiner Mutter gab es keinen Dialog. Sie verstand mich nicht, und sie machte auch nie einen Versuch, näher an mich heranzukommen. Nicht mit Worten, nicht durch Fragen, nicht durch Interesse an meiner Welt, schon gar nicht durch Zärtlichkeit, sei es in der Berührung, sei es durch ein Anlächeln. Das Resultat daraus heute ist: Fremdheit. Eine Frau, die nett ist, die ich gut und schon lebenslang kenne, der ich aber nicht das Adjektiv „mütterlich“ zuordnen kann.

Manchmal blicke ich auf meine Kinder, die mal mehr, mal weniger mitteilsam sind. Ich habe nie eine Frage von ihnen verweigert. Ich frage vielleicht weniger oft bei ihnen nach, als gut wäre. Aber ich bin da, wir lachen viel, wir sprechen über alle möglichen Themen. Heute vormittag haben wir mehr miteinander geredet, als ich mit meiner Mutter in einem Jahr.

Ich habe Angst, dass es trotzdem nicht reicht. Ich möchte nicht, dass meine Kinder sich emotional allein fühlen.

Was bleibt, ist meiner Mutter gegenüber Pflichtbewußtsein und die Freude, ihr ab und zu etwas Gutes tun zu können. Weil irgendein Schicksal uns zusammengebunden hat, und für den Moment muss das als Motivation genügen.

*Christian Berkel, Der Apfelbaum

 

 

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Quickshot /Ein zerrissener Tag

Heute ist Muttertag. Ich habe von meiner Familie nichts geschenkt bekommen. Es ist dies zum ersten Mal so, aber die Kinder werden älter, und es war heuer absehbar so. Also, ich erwartete auch nichts und bin nicht enttäuscht.

Um ehrlich zu sein, ich bin froh. Denn heute morgen war ich noch schlecht drauf, ich hätte mich nicht von Herzen freuen können. MIr fiel es auch schwer, zu lachen. Wie ich andernorts schrieb, der Grund lag in einem Streit mit meinem Mann, der in mir wieder einmal das Gefühl hochholte, als Mutter zu versagen, meine Kinder nicht genug auf die Welt vorzubereiten, ihnen nicht genug zu bieten.

Dieses Gefühl löst sich nun langsam wieder auf. Ich schau ihm dabei zu und erfreue mich derweil an den hundert Kleinigkeiten, die schön sind oder gut klappen.

Ich bin auch noch nachdenklich wegen gestern. Der Tag gestern war auch einer Mutter gewidmet, nämlich meiner. Gestern haben wir sie ins Heim gebracht.

Das provoziert jetzt sicher altbekannte Bilder, in etwa so: Mutter hin, zack!, Tür zu, schnell weg, nie mehr wiederkommen. Und heute lästern schon die Pflegerinnenbeim Kaffee , daß nicht mal zu Muttertag Besuch kommt, ja ja das schimpft sich Familie.

Aber.

Es sind ein paar Hundert Kilometer dorthin, eine Verwandte vor Ort kann und wird zu Fuß dort vorbeigehen. Sicher fahre ich jetzt auch öfter dort hin, aber nicht heute. Ich bin meiner Fürsorgepflicht anders nachgekommen, ich habe dafür gesorgt, daß sie jetzt dort ist. Denn sie war dabei, zu verwahrlosen. Ich hätte sie auch aufgenommen, aber das wäre unverantwortlich gewesen. Und beruhigend: es hat ihr spontan gefallen, die Pflege ist sehr ruhig und gelassen, sie hat sich spontan gut mit den Damen unterhalten. Ein kleiner Raum, wenig Neues, wenige Mitbewohner. Ein kleines, aber regelmäßiges Programm. Das ist nicht lieblos, das ist auf das Thema Demenz zugeschnitten. Mehr verwirrt nur mehr.

Ich war seit Jahren in keinem Altersheim mehr. Wir haben uns gestern schief gelacht darüber, wie sehr alle dem Klischee entsprachen, auch wir selbst, auch meine Mutter mit ihrer Anmerkung „Da sind ja nur alte Leute!“.

Aber gut, das Lachen und ruhige Beobachten gab mir Zeit, mich wieder zu entspannen. Ich war meiner Mutter eine Mutter und habe sie in gute Betreuung abgegeben.

Der Mann sagt, er habe alles gar nicht so gemeint. Nichts für ungut, mag sein. Etwas Zeit brauche ich aber noch, diese Zerrissenheit von heute wieder zu glätten.

MCS x/30

In unserer Familie sind die Aufgaben hübsch verteilt, meine ist u.a. zu kochen, und immer bietet mir mein Mann an, alles aufzuräumen.

Heute nahm ich sein Angebot an. Etwas später ging ich an ihm vorbei, als er gerade den Tisch säuberte. Und dann rutschte ich in einen Impuls und in einen Moment, in dem mir klar wurde, ich muss besser auf mich aufpassen.

Ich war drauf und dran gewesen, mich dafür zu entschuldigen, daß ich soviel Geschirr angepatzt hatte. Ich konnte den Satz gerade noch zurückhalten. Wohlgemerkt, ich hatte Familienessen gekocht mit zwei Varianten und alles à point und just in time auf den Tisch gebracht.

Verrückt. Aber real. Ich rechne mal so: ich kann mich auf mindestens drei Schuldskalen einordnen, also den Impuls, sich zu entschuldigen und klein zu machen, in drei Dimensionen bewerten. Jeweils von 0-10, auf gut psychologisch. Ich nenne sie Mea culpa Skala oder MCS-X

Skala 1 Ich bin eine Frau. Frauen verhalten sich oft so, ob by nature oder by nurture, egal. Wissen wir alle, haben wir alle eine eigene Ansicht dazu. Meine persönliche Erinnerung dazu: als ich das erste Mal Bella Block sah, war ich fasziniert und begeistert, weil sie schaute und agierte wie ein Mann. Das fand ich cool, Frauen empfindet man ja immer noch lächelnd als „richtig“. Aber gut, die allgemeine Einstellung ändert sich doch.

Also, Faktor Frau: 5/10 auf der MCS-F

 

Skala 2 Ich bin Mutter. Himmelherrgott. Facebook verfolgt mich mit einer Komödiantin von Antenne Bayern, die selbstironisch ihre mütterlichen Unverzeihlichkeiten ausbreitet. Ich gebe zu, ich schaue es an und amüsiere mich darüber. Weil man (bzw. mutter) es so gut versteht. Im persönlichen Umfeld gibt es mehr Toleranz, aber in den Medien findet sich immer etwas, was man als Mutter so richtig verbocken kann, und die Heli-Profi-Opti-Tigermütter sind kein Klischee, ich kenne solche Damen. Viel Arbeit, die man sich Tag für Tag machen kann, und ebensoviele Gelegenheiten für ein schlechtes Gewissen.

Also, Faktor Mutter: 8/10 auf der MCS-M

 

Skala 3 Denn, ich bin ja auch noch Autistin. Und als solche erreiche ich das Maximum auf meiner Skala. Denn ob ich mich anstrenge oder nicht, an die Grenzen gehe oder nicht. Es reicht nicht. Es kommt immer ein Punkt, an dem ich etwas nicht schaffe, mich jemand nicht versteht, jemand von mir irritiert ist. Ich langweile Menschen, stosse sie vor den Kopf, verärgere und frustriere sie. Und immer unverhofft wirke ich auf einmal ellahaft, ich habe zu wenig Kontrolle darüber. Und ich bin es, der sich dann entschuldigen muss. Ich werde ja nicht verstanden, der Rest der Welt versteht sich. Die letzten Tage war es plötzlich wieder so weit, mein Mann frustriert, daß ich sozial so inaktiv sei (… das seh ich mit Familie und meinem Beruf natürlich etwas anders, aber das kann ich nicht gut genug erklären…). Ein Schock, wieder mal. Und auf diese Art Unverständnis könnte man nun gar nicht reagieren oder schroff reagieren, ist halt Mist für die Beziehung. Oder so, wie ich es mir vor langem schon angewöhnt habe. Klein machen, erklären, entschuldigen, anpassen, nachfragen, hektisch versuchen, wieder in die „normale“ Spur zu kommen.

Also, Faktor Autismus: 10/10 auf der MCS-A

 

Macht 23/30 Schuldpunkten.

Demenz für Anfänger

„Wie heißt die Katze?“

Es ist nicht so, daß ich diese Frage nicht schon beantwortet hätte. In den letzten 9 Tagen habe ich sie pro Tag etwa sieben Mal beantwortet. Das wären dann 63mal (nur meine Antworten). Ich beantworte auch mehrmals pro Tag die Frage, warum wir nicht in ihre Wohnung fahren können, wo ihre Kinder sind, wer auf die „Kleinen“ aufpasst (die über 40 sind, eines davon bin ich), wo wir sind, wie die Fernbedienung geht und wo das WC ist etc etc…

Demenz im Anfangsstadium. Bei meiner Mutter, die gerade in Ferien bei uns ist. Sonst, in ihrem eigenen Zuhause, kommt sie wohl zurecht mit etwas Nachkontrolle, bzw. kann sie nicht viel verkehrt machen. Demenz für Anfänger, für mich. Ich hab früher mit alten Menschen gearbeitet, aber es ist lange her, und viel hab ich nicht gelernt daraus. Jetzt muß ich ganz von vorne lernen, was das ist und wie das ist.

Es heißt immer, alte verwirrte Menschen würden wieder zu kleinen Kindern. Bei meiner Mutter denkt man das jetzt auch schnell. Allerdings war das früher nicht anders.

„Wie heißt die Katze?“

Der Vergleich mit einem Kleinkind wirkt erst mal plausibel, verstehen demente Personen doch nichts mehr, kennen sich nicht aus, finden sich nicht zurecht, und man muss sie beaufsichtigen wie kleine Kinder. Aber der Vergleich hinkt stark. Ich glaube, die Persönlichkeit bleibt, die Summe von Erfahrungen, der Charakter. Wie oft habe ich schon mit verzweifelten Frauen gesprochen, deren demente Männer so dominant wie eh und je sein wollen, ein unlösbares Dilemma.

So ist meine Mutter nicht. So war sie nie. Im Gegenteil, sie hat nie viel verstanden, und sie hat es auch nie versucht. Sie hat auch nie Interesse für mich und die Kinder gezeigt, wußte bis zuletzt meinen Beruf nicht, so daß es da auch jetzt noch keinen Gesprächsstoff gibt. Ich kenne sie so, wie sie auch jetzt neben mir sitzt: sie schaut mit großen Augen in die Welt, macht immer die gleichen Kommentare, und bei jedem Problemchen und jeder Anforderung stöhnt sie „will ich nicht“ oder „kann ich nicht“ oder „nein, lieber nicht“. Nur, daß ihr Gedächtnis jetzt wirklich weg ist. Besser gesagt, es ist so löcherig und verlangsamt, daß man es kaum glauben kann, wenn nach drei Tagen doch ein Fünkchen Wiedererkennen erglimmt.

„Wie heißt die Katze?“

Wie es sich wohl anfühlen mag, sich nur für kurze Momente orientieren zu können? Ich versuche, mir das demente Bewußtsein wie ein Stück Stoff vorzustellen. Kein gleichmäßig gewebter, wärmender Pullover mehr, mit fixen Nähten. Statt dessen halb aufgelöste Nähte, eine fadenscheinige Struktur, und eine zittrige Hand, die nach losen Enden greift, aber in 98 von 100 Versuchen rutscht der Faden wieder weg. Kein Wärmeschutz mehr, kein Schutz vor Blicken. Das muß ein permanenter Zustand von Unruhe und Besorgnis sein, eine Notwendigkeit, sich zu versichern. Was machen?

Na eben. Fragen. In Dauerschleife: immer, wenn etwas Unbekanntes auftaucht, wenn ein Moment Langeweile auftaucht, wenn etwas beunruhigt oder ängstigt. Fragen, und mit den Antworten eine Sekunde lang das Bewußtseinsloch stopfen.

„Wie heißt die Katze?“

Für mich heißt das: keine Pause. Denn die Aufmerksamkeit ist so kurz, daß meine Mutter nicht mehr lesen kann. Sie reicht maximal eine Bildunterschrift in einer Illustrierten lang. Und ihre lebenslange Gewohnheit, nach Arbeit und Putzen nur noch fernzusehen, führt dazu, daß sie auch jetzt keinerlei Interesse an etwas anderem hat. Ihr Alltag besteht jetzt aus: Schlafen, Essen. Wenn es gut geht und ich hartnäckig bin, ein paar Minuten an die frische Luft gehen. In besseren Momenten im Haushalt aushelfen, in halb so guten Momenten Zeitungen durchblättern, den Rest der Zeit fernsehen und dabei auf Nachrichten warten, denn die sind kurz genug, sie zu verstehen.

Und das ist jetzt mein Alltag. So lange sie wach ist. Denn sie hält den Alltag nicht alleine aus, nicht länger als ein paar Minuten. Dann kommt die Angst. Dann kommen die Fragen. Dann braucht sie Sicherheit.

Die Sicherheit, die bin ich. Auch wenn sie nicht benennen kann, wer ich bin.

„Wie heißt die Katze?“

Ich bin froh, daß meine Kinder die Situation problemlos mittragen und die eine oder andere Aufgabe übernehmen. Sie gehen erstaunlich neutral und hilfsbereit damit um und sind freundlich zu ihrer Großmutter, die für sie  immer eine Fremde geblieben ist. Sie gehen routiniert mit den Fragen um, sprechen mich nur diskret darauf an, und lehnen sehr höflich ab, wenn ihre Oma ihnen Essensreste anbietet.

„Wie heißt die Katze?“

Sie haben auch die ersten, fürchterlichen Tage ruhig mitgetragen. Erst wollte die Mutter nicht zu uns, aber es gibt gerade keine andere Betreuung, sie mußte. Es kam schreckliches Heimweh, zwei Tage, an denen sie wegwollte. Der Wahn, ihre kleinen Kinder wären allein auf der Strasse. Die Tür zugesperrt, und ich ließ mir von Kollegen Pillen zustecken. Die ich so niedrig dosiert vergebe, wie möglich. Dann WC-Unfälle aller Art. Dann so etwas wie Beruhigung und Routine. Der Pullover noch löchrig, aber er kratzt wohl auch nicht mehr. Ich hab gelernt, zu lügen, und damit meine ich, eine Frage so zu beantworten, daß die Frage dahinter etwas besänftigt ist. Ich übe kräftig, anzunehmen, was ist. Ich kann jetzt nachvollziehen, wie es ist, wenn man selbst in Panik ist und aus Panik heraus aggressiv und herablassend wird. Ich glaube und hoffe aber, ich habe den Prozess rechtzeitig an mir gestoppt. Ich versuche, die guten Momente zu erwischen und mich darauf zu besinnen. Denn nach der Zeit heißt es wieder Arbeit und Alltag, und dann herumjammern, wie ungerecht und kacke doch alles war: damit schade ich mir nur selbst.

„Wie heißt die Katze?“

Ich bräuchte die Frage gar nicht beantworten. Ich könnte mir einen Spaß machen und jedesmal noch abwegigere Namen nennen. Am Ende ist es aber eine Sache der Würde, den richtigen Namen zu nennen. Ihn ruhig zu nennen. Es ist eine Sache des Respekts, Gedanken wie „Nicht schon wieder!“ oder „Das gibt es doch nicht!“ oder ähnliche bucklige Verwandte im Kopf zu muten. Denn am Ende des Tages geht sie schlafen, mit meiner Hilfe. Am Bettrand sage ich Gute Nacht, versichere, daß ich in der Nähe bin und die Türe etwas offen lasse. Ich höre ein erleichtertes Danke, ich spüre seine Ehrlichkeit, und wenn ich einen Rest Würde und Respekt in diesen Tagen bewahren konnte – jetzt kommt er uns beiden zugute.

Das Glas Wein hinterher, das trinke ich erleichtert und beruhigt, im Beisein der namenlosen Katze…

 

Quickshot /Zeitmaschine, Kurztrip

Erwähnte ich schon, daß (unsere) autistischen Pubertiere – mangels Freunden, und weil verschiedene Vereinsaktivitäten scheiterten –  immer zuhause sind? Ich fürchte, ja. Neulich hieß es, ein Junge käme auf ein Stück Torte vorbei, das ist für uns schon sensationell. War dann aber doch nicht.

Jedenfalls, heute fuhren sie tatsächlich miteinander weg, auf einen Besuch. Ich sah sie weggehen, überlegte kurz, ob man sie dumm anmachen würde, eines der Kinder wirkt sehr verschroben. Dann waren sie um`s Eck, und ich sah ein: jetzt müssen sie selbst ein paar Stunden klarkommen.

Ich hatte Zeit, mit meinem Mann etwas Spazierenzugehen, einen Kaffee zu trinken. Ungelogen, seit die Kinder auf der Welt sind, gab es das nicht mehr: allein und nichts zu tun. Nichts. Einen Nachmittag lang!

Es kamen Kinder, es kamen Probleme, es kam viel viel Arbeit und manchmal heftigster Stress. Es kamen Diagnosen. Es kam meine Diagnose. Und weiter, weiter, es musste weitergehen. Ich outete mich am Arbeitsplatz. Und es ging weiter. Ständig änderte sich etwas, ständig musste ich mich mit ändern und anpassen.

Halt, Stopp, Kommando zurück: bitte nicht falsch verstehen. Ich beklage das alles nicht. Bei allen Ausreissern, die es gab, hätte ich doch in den letzten Jahren nichts wirklich tauschen wollen. Vieles lief optimal. Das Meiste hat Spass gemacht. Wie heisst es neudeutsch: positive Challenge!

Die Sache mit meiner Diagnose lief nebenher. Immer, aber immer nebenher, im Blog oder auf Twitter. Im Alltag ist kein Platz dafür. Ich vermutete aber, daß ich mich nach der Diagnose wohl immer mehr autistischer verhalten habe. Weil mir Kleinigkeiten auffallen, weil ich ständig an das Thema erinnert werde.

Heute konnte ich direkt vergleichen, eben auf jenem Spaziergang. Und ich bin kein Deut autistischer geworden! Ich war genauso wie früher auch. Was bedeutet, mein Mann hat mich so schräg und fremdartig kennengelernt, so verstockt im Gespräch – damals wie heute. Ich erinnerte mich an frühere Begegnungen, mit exakt den gleichen „Aussetzern“. Ich konnte nur heute, weil ich frei war im Kopf,  plötzlich einordnen, was passiert. Ich fühlte mich das erste Mal exakt wie in den Simulationsvideos, wo autistische Wahrnehmung demonstriert werden soll. Ich dachte immer, so arg ist es bei mir gar nicht. Doch, es ist so und war es schon immer. Ich hätte es nur früher nicht beschreiben können, und später hatte ich keine Zeit mehr dazu.

Bis, eben, heute.

 

Gedankensplitter /Home sweet home

Zur Zeit hänge ich mehr als sonst zwischen den Stühlen, wie es so schön heisst. Oder heisst es zwischen den Stühlen sitzen? Hängen passt besser zu meiner Situation, denn an mir wird schön von allen Seiten gezogen, so dass ich mich anstrengen muss, nicht den Boden zu verlieren.

Da zieht mein Mann an mir, in seiner Sorge, wir könnten in unserer Familie etwas verpassen, nicht gut erziehen, uns zu wenig austauschen, den Kindern zu wenig beistehen. Ich soll dies fragen, jenes besprechen, für etwas anderes sorgen, Dinge sicherstellen. Den Kindern erklären, was sie sich abgewöhnen sollen, für später. Ich denke: es ist jetzt, nicht später… Streit schlichten. Und es gibt oft Streit. Es sind Pubertiere, ich denke: die sollen sich erst mal selber einkriegen, ohne Streit geht es nicht. Alles Dinge, die er, leider, nur selten selber mit den Kindern klären kann. Denn Hunderte Missverständnisse haben die Stimmung zwischen ihnen versaut. Ich gebe dem Zug schon oft nach, aber es gibt Momente, wo ich das nicht mehr kann oder nicht will, dann bleiben Dinge auch ungeklärt. Und ich will auch nicht nur aus schlechtem Gewissen, oder „weil es sich gehört“, eingreifen, wenn ich den Sinn nicht einsehe.

Da ziehen die Kinder an mir, die auf ihre, sehr autistische, Weise mit mir Verbindung halten. Eines der Kinder tut das zur Zeit extrem. Alle paar Minuten kommt er, geht, kommt wieder. Während andere Jugendliche sich allmählich verkrümeln, sind meine Kinder noch in einer Art Zwischenstadium. Sie haben keine Freunde, aber sie wissen und spüren, daß sie sich auf eine Welt außerhalb von zuhause, nach der Schule, vorbereiten müssen. Und selbst ihnen ist ein stupides vor-dem-Kasten-sitzen zu öde. Sie wollen Austausch, mit mir teilen, was sie bewegt, mit mir lachen, und von mir Feedback und Sicherheit. Als ob sie versuchten, das Positive und Schöne, Anerkennung und Lachen, Arten, zu sprechen, Diskussionen, Witze, aus unseren Gesprächen einzutuppern, um es irgendwann auf die Reise mitzunehmen. So kommt es mir vor. Ich nenne das auch An-mir-ziehen, denn das bedeutet für mich: immer ansprechbar sein. Ein Gang durchs Haus ist ein Hindernislauf, jedesmal eine Unterbrechung. Ich kann kaum Luft holen, damit meine ich: ich weiss nie, wie lange ich allein bin. Wie lang kann ich lesen, surfen? Von Malen oder so etwas ist schon keine Rede mehr. Wenn man nie weiss, wann man wieder unterbrochen wird, ist es sehr schwer, irgendetwas neu aufzubauen. Aber meine Kinder sind zugleich isoliert und geistig extrem aktiv – sie brauchen ein Gegenüber. Ich bin gerne das Gegenüber, ich muss es sein, mein Mann wird eher gemieden. Anstrengend, denn ich muss meine eigene Zurückgezogenheit und mein Bedürfnis nach Alleinsein ganz schön mißachten dafür. Ich muss jeden Tag gleiche Fragen beantworten, gleiche kleine Rituale mitmachen, die mich zum Teil richtig anstrengen und auslaugen. Aber das ist nun mal ihre Art, Kontakt zu halten. So entsteht so etwas wie Verbundenheit. Eine andere Art gibt es nicht.

Und da bin ich dann, irgendwo, in der Mitte von allem.

Ich möchte natürlich meine Kinder nicht zu Sonderlingen erziehen. Ich möchte sie genug fordern. Ich möchte zuerst aber auch, dass sie sie selbst bleiben können und dass  sie geliebt werden.

Und ich hänge zwischen verschiedenen Familienbildern. Was ist denn nun eine Familie? Mein Mann hat eine ganz andere Familie als ich erlebt. Fest verbunden, deutsch, ordentlich. Ich war dagegen immer allein, irgendwie musste ich es halt auf die Reihe kriegen. Mein Vater Autist, die Stiefmutter uninteressiert. Und wir? Sind weder das eine noch das andere wirklich. Und doch: so sehr unterscheiden wir uns gar nicht von den Familien meiner Bekannten. Da gibt es natürlich mehr Freunde, Vereine, Vitamin B. Aber was früher Familienleben genannt wurde: Fernsehen, Spazieren am Sonntag, Kaffee am Nachmittag, Braten zu Mittag, gemeinsam abspülen und am Tisch sitzen, wenn Oma kommt… gibt es das noch? Ich glaube, das sind alte Zöpfe, das gibt es nur noch, wenn Kinder kleiner sind. Das hat sich in Familien mit Jugendlichen ziemlich aufgehört.

So gesehen,  gibt es bei uns, auf unsere sehr spezielle Art, sogar viel familiäre Verbundenheit, und ich glaube und beschließe mal: ich finde es schön so.