Ich bin Autistin – und stolz darauf!

The way it should be ❤❤❤

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Struggling (Fiktion)

Jemand mußte eine Tür zugeschlagen haben.

Er wartete nicht, bis die Matratze aufgehört hatte, zu zittern, er setzte sich sofort auf. Sein Herz klopfte energisch. Er konzentrierte sich darauf, aufzuwachen, und oft geübt, war er innerhalb der nächsten Sekunden wach. Er ignorierte den Herzschlag. Er wollte gar nicht wissen, was seine Atmung machte, er schien zu leben, also atmete er wohl auch. Die Luft war angenehm kühl, leichter Regen zu hören, wie er es liebte.

Er hörte eine grummelige Stimme, in Bewegung, Richtung Küche. Er versuchte, sie nicht zu hören. Sie würde losbrüllen, noch ehe die Tür ein zweites Mal zufiel. Noch ehe die zweite Stimme ihr Schluchzen unterdrücken und mit ins große Badezimmer nehmen würde. Das war alles weg von ihm, sechs Meter und mehr, hinter soliden Holztüren. Alles dieses war nicht für ihn gedacht.

Leider, nur, dieses Haus war zu alt für Geheimnisse.

Er hatte zu tun, Gott sei Dank.

Wo ist er?

Wo IST er?

Er wird halt noch schlafen. Er war doch noch lang beschäftigt gestern, hast ihn nicht gehört?

Und? Sieht man heute irgendwas? Ist irgendwas dabei rausgekommen? Nix, zu nix zu gebrauchen. Ich hab auch gearbeitet, den ganzen Scheißzaun entlang, und, schlaf ICH noch? Ich kenn’s nicht anders, von Kind an, sowas kriegt er da nie im Leben mehr geregelt. Schlafen.

Jetzt geh, bei uns waren die jungen Leut‘ doch auch so. Er hat doch keine Sorgen auf der Arbeit.

Ach was jung. Faul. STINKFAUL.

Aufstehen, Toilette, Anziehen. Nein, Toilette bedeutete, über den Flur gehen müssen. Er drehte den Wasserhahn etwas auf und pinkelte in das Waschbecken. Schnell, schnell war wichtig. Nein, nicht schnell. Zügig. So, wie man über eine befahrene Strasse geht, so, wie er es irgendwann im ersten Verkehrsunterricht gelernt hatte. Überlegt, aber zügig und bestimmt. Angezogen, fischte er einen Post-it aus der Hosentasche. Er las laut noch einmal alle Punkte darauf vor. Hinter allen, bis auf einen, hatte er schon einen Haken gesetzt. Die Ergebnisse standen hier im Zimmer, nebeneinander aufgereiht. Gut so.

Ein paar Minuten wollte er sich noch Zeit lassen. Eine Mineralwasserflasche, deren Fehlen nicht auffiel, mit Kaffee von gestern gefüllt. Zwei Müsliriegel. Ein schnelles, aber zufriedenes Frühstück, auf der Bettkante sitzend.

Muss er sich wieder verstecken? Wenn er sich einmal im Leben gescheit benehmen würde, bräuchte er das nicht. Er muß sich gar nicht verstecken, ich tu ihm ja nichts!

Ich deck den Tisch dann mal ab, das übrige Brot hält sich ja. Er muß doch selbst wissen, ob es ihn hungert.

Was Hunger? Er ist undankbar. Verteidig ihn nicht dauernd, dir geht’s nur darum, mich zu beschuldigen. Wer, wenn nicht wir, muß ihn denn auf den richtigen Weg bringen?

Ja, JA! Entschuldige. Er ist aber nicht da.

Sag du ihm das. Sag deinem feinen Herrn Sohn, er soll sich ab jetzt anständig benehmen, sonst werde ich noch richtig sauer. Dann setzt es was! Los!

Noch eine Tür, die knallte. Er drehte die leere Flasche zu, und langsam verpackte er alle Sachen ineinander. Er kannte sich: er hatte einen Plan, er befolgte den Plan, und fast war er schon weg. Jedes Dokument, jeder Brief, jeder Kleiderstapel, den er methodisch klug einpackte, beruhigte ihn etwas mehr.  Am Ende hatte er nurmehr eine grosse Tasche. Er war zufrieden. Er setzte sich nochmal, um seinen Atem zu beruhigen.

Er könnte nochmal das Zimmer betrachten. Wie hiess es immer in den Büchern: alle Details in sich aufnehmen. Ob das notwendig war? Er entschied sich für Nein. Er wollte nichts mitnehmen, was sowieso schon in ihm lebte. Er war zufrieden, in ihm lächelte es. Bilder im Kopf, Zukunftsbilder, die zeigten, wie er bei Tom ankommen würde. Und die Zukunft war fast schon Gegenwart. Noch eine Sache, nur noch seine Imkerausrüstung holen. Er hatte lange über das Risiko nachgedacht, aber da hinten, im hintersten Garten, bekam niemand etwas mit. Toms Auto stand schon dort, hinter der Hecke. Hatte er ihnen überhaupt von seinem Führerschein erzählt? Während er noch Schuhe und Jacke anzog, verzog er genüßlich lächelnd den Mund und konzentrierte sich auf die Gewißheit, daß es ihm in einer Stunde vollkommen egal wäre, bis ans Ende seines Lebens, ob er ihnen das erzählt hatte oder nicht.

Die Imkerausrüstung einpacken. Eine Leichtigkeit. Und trotzdem.

Er fühlte sich wie auf einer Eisbahn. Rutschig, glitschig, als ob er sich festschnallen müßte. Als ob er nur vorsichtig gleiten könnte. Grübelnd blieb er sitzen. Es mußte etwas… ja richtig, so fühlte es sich an: sie waren im Ski-Urlaub gewesen. Seine Schwester war abgängig gewesen, irgendwo auf der schwarzen Abfahrt. Und er war geschickt worden, sie zu holen, er, mit seinem Haß aufs Skifahren… Aufstehen, jetzt. Er stand auf. Er spürte Angst hochsteigen, spürte seine Organe nacheinander gefrieren, und jeden Moment könnten sie zerspringen.

Keine Zeit für Angst, schnell, weiter.

Na, müssen wir wieder rumheulen? Du bist auch nur so ein Stück Scheisse an der Schuhsohle, alle hängt ihr an mir und schmarotzt, warum ich das noch mitmach, weiss ich schon lang nicht mehr. Tu lieber was, räum hier auf, wenn er Frühstück will, soll er sich selbst darum kümmern.

Im Schleichgang zum Schuppen. Versuch, die Imkersachen in das Auto hinter dem Zaun zu schaffen. Im Hintergrund, im Haus, hörte er immer wieder das Hochjaulen der Stimmen, ohne noch verstehen zu können, was gesprochen wurde. Wollte er es noch verstehen? Warum? Er war draussen, endgültig. Verwirrt wartete er auf das Gefühl von Freiheit. Unwillkürlich begann sein Kopf, weiterzudenken, was sein würde, wären sie hier. Wäre er hier. Aber gut, er hat gelernt, er muss es denken lassen. Es gehört dazu. So. Er wurde kribbelig. Jetzt endlich weg hier. Noch einmal den warmen Holzgeruch einatmen, süßlich, würzig, so zimtig, wie es die rötliche Farbe verhieß. Er bückte sich für eine Sekunde hinunter, näher mit der Nase an das Kästchen. Drehte den Kopf nach oben, Hand auf dem Holz, um sich wieder aufzurichten. Da war das Gesicht schon da, vor ihm, rot, schwitzend. Laut. Wenn ein Gesicht laut sein kann: dieses war es. Für einen Moment blieb ihm die Luft weg, der bierige Atem aus dem Gesicht drang zu schnell in seine Nase. Er versuchte, einen Fixpunkt zu finden, er hatte nur eine Sekunde, er wusste es, bevor er Panik bekam. Eine Sekunde. Er pustete gegen den Schweiss auf dem Gesicht, nahm rote fleckige Farbe wahr, Poren in speckiger Haut, Mitesser, dicke, dicke Nasenflügel. Härchen, auf der Nase, auf den nassen Wangen. Und endlich, endlich, blieb sein Blick zwischen den Augenbrauen hängen, auf einem halb abgekratzten Muttermal, auf feinsten Blutkrusten. Dort konnte er sich ausruhen.

Wach auf! Wach endlich auf! Was denkst du, wie lang sollen wir noch auf dich warten? Für was hältst du dich!

Bitte… bitte… hör auf, bitte hör auf. Hör einfach auf. Bitte.

Ich geh jetzt da rein, das geht so nicht, HÖRST DU!

 

Sein Blick konnte ruhen, sein Körper versteifte sich. Er blieb in der Drehung, jede Bewegung war unmöglich geworden. Er würde sich nie mehr bewegen. Und jetzt wieder wusste er es. Er war ein Nichts. Ein Nichts, gerettet nur von einem blutigen Muttermal in einer vom Bier ruinierten Fratze. Er blieb so. Starrte auf das Muttermal. Auf Blut und Haare. Starrte, weil das die einzige Aktion war, die möglich war. In seinem Körper war alles flüssig. Kein Boden. Nur diese Stimme, die ihm entgegenpeitschte, er hörte nur das Pfeifen darin. Das tat weh. Die Bewegungen taten weh. Das Gesicht, Arme, ständig schlugen sie ihm entgegen, aber er konnte nicht ausweichen, in seiner Starre.

Er war ein Nichts, was konnte ein Nichts machen? Er blieb stehen, verdreht, auf das Muttermal starrend, nichts denkend. Zeit verging. Nicht denken. Blutkruste. Starrte.

Erst verebbte die Angst. Dann hatte er wieder einen Körper. Sein Atem materialisierte sich. Dann verschwand das Muttermal, wie Rauch sich verflüchtigt, und mit ihm die Fratze. Er sah wieder den Schuppen, Regale und Werkzeug. Erschöpft krachte er auf den Boden, der aus dem Nichts zurückgekommen war. Sein Rücken schmerzte und wollte ihn dazu treiben, zu schreien. Wäre denn der Schmerz wichtig gewesen. Er war es nicht. Er versuchte eine Weile, aus dem Schmerz herauszulesen, wie lange er starr da gestanden war. Dann liess er es bleiben. Vorbei.

Wieder stützte er sich auf, diesmal war es ihm erlaubt. Er drehte sich, zweimal, dreimal, berührte alles, stapfte auf. Er war da. Sein Gefühl nicht. Egal. Die Erschöpfung war anstrengend genug. Aber er musste es zu Ende bringen. Jetzt. Nur noch ein paar Kilometer fahren. Tom würde warten.

Was ist los? Wo ist er?

Was weiss denn ich. Weg. Nichts mehr da. Schau nach dem Auto!

Nein, steht nicht da. Ist nichts mehr im Zimmer?

Nein. Scheisskerl. Was für eine undankbare Missgeburt von Sohn.

Quickshot /Die Damen sind allein zuhause.

Und es ergab sich, dass zwei Damen auf Twitter übereinkamen, dass sie beide heute allein, ohne Mann und Kinder, ihre Zeit für und mit sich allein verbringen können.

Witzigerweise kenne ich genau diese beiden Frauen persönlich, und ich gönne ihnen die Pause von Herzen.

Ich selbst habe an dieser Stelle hoffentlich schon öfter verdeutlicht, dass ich meine Kinder sehr liebe und schätze, trotz und auch wegen all der Menschen, die sie nicht verstehen und deshalb auch ablehnen. So viele sind das allerdings gar nicht.

Genau heute ging auch eine Meldung durch das Internet, von einer Mutter, die im erweiterten Suizid den autistischen Sohn und den Ehemann tötete. Horror. Es erzähle mir niemand, das habe ursächlich mit dem Autismus zu tun. Das hat mit der Persönlichkeit der Frau zu  tun und hätte sonst einen anderen Grund für die Tat haben können.

Ich selbst bin  zur Zeit einfach nur kindermüde. Ich muss auf meine Löffel achten. In der Arbeit ist Krankheitszeit, Urlaub dauert noch länger, es sind noch einige Wochen, die ich bei erhöhtem Tempo durchhalten muss. Und zuhause habe ich keinen Raum, mich wirklich auszuklinken. Ich hab es versucht, mit verschiedenen Manövern. Aber wie soll ich es sagen, ich bin gefordert, einfach nur da zu sein. Ansprechbar.

Eine Art menschlicher Leuchtturm.

Es geht selten darum, mit den Kindern Probleme zu lösen oder Hausaufgaben zu klären. Die spezielle Anstrengung, die direkt mit ihrem Autismus zusammenhängt, beginnt damit, dass sie immer zuhause sind. Immer. Und sehr selten kommt ein Freund, das bedeutet dann für mich eher noch etwas mehr Arbeit. Die Kinder haben sich gegenseitig als Kontaktpersonen, oder eben: mich. Und es ist eben nicht so, dass Autisten in ihrer eigenen Welt gefangen und an Kontakt uninteressiert sind. Sie suchen oft Kontakt, sie wollen Verbundenheit spüren. Jetzt, in den Ferien, kommt Langeweile dazu. Ich spüre bei den Kindern Alleinsein, das Bedürfnis nach Sicherheit. Wir unterhalten uns, oder besser, kommunizieren miteinander, auf unsere Weise. Für andere mag diese hölzern oder roboterhaft wirken, mir liegt diese Art des Umgangs. Aber er ist gleichwohl anstrengend. 20, 30mal am Tag der gleiche kurze verbale Austausch. Die gleichen Themen, ähnliche Scherze. Mit Kindern, die nicht immer von selbst sehen, wann ich gesprächsbereit bin oder wann ich von einem Thema genug habe. Die nicht merken, wenn es mich nervt, dass sie in mein Display reinlinsen. So wie jetzt, in dieser Sekunde… Die mir helfen wollen, aber mehr und geduldigere Anleitung dazu brauchen als andere Kinder, das verlangt sehr viel Geduld. Und Selbstkontrolle, wenn ich ärgerlich werde ob ihrer Umständlichkeit, denn das haben sie nicht verdient und damit können sie auch schlecht umgehen. Aber dabei sind es eben doch meine Kinder mit ihrer sozialen Unbeholfenheit, die meine Unterstützung brauchen.

Und die Anstrengung wird durch meinen Autismus noch grösser, denn ich muss vermitteln in die normale Welt, Vorbild sein, zeigen, wie es gehen könnte, und bin doch selbst angestrengt vom Tag und bräuchte Rückzug.

Was soll ich sagen, ich zähle die Tage und hoffe.

 

 

 

 

Fremdeln

Ob auf Twitter oder auf Facebook, manchmal fange ich mittendrin an, mir irgendwelche Profilbilder anzuschauen. Ich lass es gleich wieder, denn es tut mir selten gut. Das hört sich erst mal nach Masochismus an, ist aber eher eine Art von Suche.

Ich schau dann oft die Bilder schicker Damen an. Ich selbst seh nicht wirklich gut aus, und zuerst dachte ich, es ginge darum. Mir klarzumachen, dass die Damen besser aussehen als ich. Selbstmitleid zu erzeugen. Nein, passt nicht. Das bin ich nicht. Dann dachte ich, nicht nur das Aussehen, die wirken so fröhlich und selbstbewusst, zieht mich das an?

War auch knapp daneben, wie ich jetzt begriffen habe. Denn ich las über mehrere neuere Studien, zusammengefasst ergaben sie folgendes: Autisten werden von Nichtautisten in kürzester Zeit als seltsam wahrgenommen und als Interaktionspartner in die zweite Reihe geschoben. Bei Autisten wiederum variiert die soziale Angst und mit ihr die soziale Kompetenz. Nimmt man ihnen einen Teil der Angst, verhalten sie sich auch weniger schräg. Einfühlen und erfolgreich kommunizieren wiederum hängen davon ab, ob man sich als zusammengehörig empfindet und sich im Kontakt aufeinander “einschwingen“ kann.

(Alles im Detail in den Tweets von @leoschilbach nachzulesen, danke dafür!)

In der Summe ergibt dies meine wohlbekannte Erfahrung in wohlbekannter Reihenfolge. Irgendwo neu hinkommen. Sofort Befremden auslösen und ignoriert werden bzw. gelernt haben. Sich zurückhalten, weil man dann wenigstens nicht noch mehr kaputtmacht. Das Ganze in einer sich stabilisierenden Dauerschleife. Der Eindruck, einfach falsch zu sein, wächst und festigt sich unmerklich zur Überzeugung. Manchmal schraubt sich die Spirale schnell hoch, in ein paar Minuten.  Unter dieser Anspannung geht Blickkontakt manchmal kaum noch, er sticht richtig, und damit kann man sich auch schwer mit jemandem synchronisieren, sich auf ihn einstellen oder sich “blind verstehen“. Auf jeden Fall aber wird es Jahr für Jahr schwerer, an das Gegenteil zu glauben. Am Arbeitsplatz, an meinem Heimatort, entsteht langsam, sehr langsam so etwas wie Verbundenheit, aber mit der Fremdheitserfahrung braucht es wirklich lange, sich einfach mal richtig zu fühlen. Oder nur nicht-falsch…

Ich begreife jetzt: was ich versuche, aus den Profilbildern herauszufiltern, ist das Geheimnis, wie mensch es schafft, auf den ersten Blick sympathisch und annehmbar zu wirken. Wo liegt es? In der Schönheit, Ebenmäßigkeit, dem Augenaufschlag, der Ironie, der Distanz??? Ich kann es nicht verstehen. Ich bin einfach anders, und ich werde als anders behandelt. Aber ich versuche immer wieder, doch noch eine Spur zu finden.

Und umgekehrt ist es auch so, dass die Fähigkeit, unbefangen oder wenigstens angstfrei auf Nichtautisten zuzugehen, stetig abnimmt. Bei meinen Kindern ist es inzwischen so:

Der Mann ist ein Verwandter, mit dem wir neulich, alle in trauter und friedlicher Runde, Stunden verbracht haben. Und gelacht haben und uns ausgetauscht haben. So etwas habe ich mit meinen Kindern leider, leider schon lange nicht mehr erlebt. So entspannt habe ich diese Situation noch nie mit ihnen erlebt. Alle anderen Verwandten werden gemieden, denn keiner von diesen kann sich damit zurückhalten, die Kinder auf irgendeine Ungewöhnlichkeit anzusprechen. Oder verwundert zu sein. Oder nach Zeichen von sogenannter Normalität zu forschen. Oder uns rüberzuschieben, wir sollten doch mal strenger sein. Das hat leider zur Folge, daß auch Freunde von uns weitgehend gemieden werden. (Es kommen sowieso sehr selten Freunde zu Besuch).

Keine Lösung in Sicht, außer die wenigen Ausnahmen zu genießen, und sich alle Vorwürfe zu sparen.

Quickshot /Plötzlicher Schub

„So what“, sagte mein Leben. „So what, du willst doch nicht ernsthaft jetzt zum Plätzchenbacken übergehen oder anderweitig besinnlich werden. Hier, eine neue Challenge!“

Sprach, schnippte mit dem Finger und sandte mir übers Wochenende drei Nüsse zu Knacken.

Die erste Aufgabe hatte ich am meisten gescheut, und sie wurde schön und einfach. Ich ging in die Sprechstunde und traf die Lehrerin, die zufällig alle meine Kinder unterrichtet. Und mit deren Autismus gar kein Problem hat. Im Gegenteil, sie war voll des Lobes und lächelte nur über kommunikative Hürden, weil sie den guten Willen und das Wissen dahinter wahrnimmt. Die Klasse sei lieb, die Kinder eine Bereicherung, und Kinder dürften sich entwickeln. Puuh… Ich: happy.

Nummer zwei war auch besser als erwartet. Ich war zur Autismusfachtagung, hörte Vorträge, traf bisher unbekannte Twitterer. (Als Zusammenfassung bitte https://autistenbloggen.wordpress.com/2017/11/13/2-autismus-fachtagung-in-rosenheim-12-11-17/ lesen, danke dafür). Am anstrengendsten daran erwies sich die lange Fahrt bei Regen. Nicht das lange Sitzen, nicht die vielen Menschen, nicht die sonst gefürchteten Pausen. Ich hatte schwer verdauliche Inhalte, eine steife Atmosphäre gefürchtet und komplizierte Interaktionen. Dass der persönliche Kontakt zu den mit-tweeties enttäuschend wäre. Ich fand: eine positive und konstruktive Stimmung. Experten, die ich am liebsten mit nach Hause genommen hätte. Differenzierende, Ressourcen betonende, wohlwollende Ansätze. Und Menschen, mit denen ich mich gleich wohlfühlte. Sowie das kostbare Gefühl, einfach ok zu sein.

Dafür wird die dritte Aufgabe unlösbar, jedenfalls kann ich nichts mehr beitragen. In Gegenwart meines Mannes übersah ich etwas, eine Einfachheit in seinen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich ihm nicht nur erzähle, dass ich anders ticke und das erste Mal, dass mein Verhalten nicht einfach mit zu wenig Anstrengung  erklärt wäre. Nein, es ist das erste Mal, dass ihm voll bewusst ist, dass ich anders bin, und fremd. Was daraus wird? Niemand weiss es, nur die Zeit. Ich kann nicht mehr erklären. Ich kann nur zusehen, wie meine bisherigen Erklärungen jetzt zu wirken beginnen. Und warten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedankensplitter /Elli hatte Geburtstag

Runden Geburtstag. Und alle, alle waren eingeladen, zum vollen Programm. Alles das, was die Menschen hierzulande dazu notwendig finden: viel essen, trinken, Musik, lustige Einlagen, Diashows auf dem Beamer.

Ich hatte auf Twitter schon rumgenörgelt wegen dieser Veranstaltung. Weil ich schon vorher keine Lust hatte, nein, halt, stimmt gar nicht.

Ich freute mich schon auf das Fest, natürlich, warum auch nicht? So ein Misanthrop bin ich jetzt auch wieder nicht! Freute mich über die Einladung. Aber ich hatte aus Erfahrung auch Angst und Bedenken, wegen dem Lärm , dem gezwungenen Beisammensein, dem steifen Rumsitzen. Auch darüber hab ich mich auf Twitter ausgelassen: jeder, den ich fragte, war nicht erbaut von der Aussicht, aber alle sind sich einig, daß es sein muß.

Nur ist die Anstrengung für mich ungleich größer. Im Nachhinein habe ich die Feier ganz gut überstanden, ohne Kopfschmerzen oder ähnliches. Ich konnte mich weniger unterhalten als gewollt, weil die Geräuschkulisse zu laut und unstrukturiert war, aber ich hab mich im Verhalten wohl ganz gut angepasst. Dem üblichen Kindervergleich („Was machen deine so in der Freizeit, meine wasserskifahren ja in Hongkong!!!“) bin ich smart ausgewichen. Nur einmal die übliche Frage, ob ich wohl sehr müde sei, mit dem Unterton, ich solle doch lockerer sein: wo ich doch nicht müde war, nur eben weniger Mimik zur Schau stelle… geschenkt.

Und doch wird die Erinnerung mich ins nächste Jahr begleiten. Dann werde ich einen runden Geburtstag feiern. Gestern habe ich mich unwillkürlich an Ellis Stelle versetzt, und nichts passte daran. Elli ist zu 100% mein Gegenteil. Und sie ist extrem beliebt. Ich darf die letzten beiden Tatsachen nur nicht logisch verknüpfen… Ich bin weder sehr beliebt noch bekannt. Eine Feier, wo die halbe Stadt Elogen auf mich hält und witzige Anekdoten zum Besten gibt, kann ich vergessen.

Ich könnte den Spiess umdrehen, eine tief nachdenkliche Feier machen und alle mit meiner Autismus-Betroffenheit heimsuchen. Nein, will ich nicht.

Ich könnte ganz verzichten. Ich bin nahe dran.

Nein, ich möchte eine Feier, und ich möchte sie an mich anpassen. Vielleicht auch als Outing-Gelegenheit nutzen, aber auf eine leichte Art und Weise, die das Thema beiläufig und undramatisch anpackt und die mir erst noch einfallen muss. Was ich brauche? Ein Buffet, so daß niemand gezwungen ist, am Platz sitzen zu bleiben. Einen festen zeitlichen Rahmen, ein festes Ende. Weniger Gäste, aber darunter auch Gäste aus meiner Arbeitswelt- die Kollegen achten sich untereinander, und der Kontakt zu ihnen tut mir sehr gut. Meine Feier soll ein Abbild meines Lebens sein, da gehört die Arbeit dazu. Programm? Sicher, ein Film oder Musik soll sein, und ich halte irgendeine Art von Ansprache. Was darüberhinaus passiert, bleibt den anderen überlassen.

Ich war gestern von den Eindrücken angestrengt, und am Ende fast mutlos geworden, aber jetzt begreife ich das Ganze als Ansporn, für mich die richtige Form zu finden.

Quickshot /Ich hab dich vermisst

Zurück.

Ein Treffen mit alten Klassenkameraden. Es gab vorher schon Treffen, ich war erst jetzt eingeladen. Ich bin nach der Schule nie mehr an den Heimatort zurückgekehrt, und ich hatte nur sporadischen Kontakt zu wenigen, der sich bald aufhörte. Erst durch die sozialen Medien war ich wieder auffindbar.

Du warst nicht da. Niemand wußte, wo du abgeblieben bist. Seit der Schule nicht mehr. Nicht einmal Gerüchte gab es. Auf alten Klassenfotos warst du abgebildet, und manche lachten über dein Verhalten  so, wie sie dich damals wohl auch ausgelacht haben. Den meisten auf diesem Treffen warst du egal, und zwei oder drei wunderten sich mit mir und bedauerten deine Abwesenheit. Das Gespräch ging darüber, daß es doch angenehm gewesen sei, daß wir so unterschiedlich sein durften. Heute sei der Konformitätsdruck viel größer.

Ich hoffe nicht, daß das stimmt. Denn ich brauche für mch die Toleranz anderer Menschen für mein Anderssein. Ich selbst fühle mich auch viel wohler, wenn ich von unterschiedlichen Menschen umgeben bin. Ich habe herausgefunden, daß ich deshalb so gern in Großstädten bin: ich liebe die Vielfalt, und das man-selbst-sein-dürfen.

Bis ich zu diesem Treffen fuhr, habe ich auch kaum je über dich nachgedacht, du warst aus meinem Kosmos so  verschwunden wie alle anderen. Ich weiß nicht, ob du Autist bist. Ich denke aber doch, es spricht sehr viel dafür. Als ich losfuhr, fiel mir auf, wie sehr du meinem Sohn gleichst. So wie ich dich in Erinnerung habe, so still und unaufdringlich und doch sah man dir deinen inneren Reichtum an. Überall bist du im Hintergrund, du willst dabei sein – aber mehr Gemeinschaft gibt es nicht. Niemand interessiert sich für das, was du beizutragen hast. Und so konsequent, wie die anderen über dich hinweggesehen haben, so konsequent bist du dann deinen eigenen Weg gegangen, irgendwo, fernab. Ich wünschte, ich wäre nicht so mit meinen Problemen befasst gewesen, ich htte dich gerne besser gekannt. Denn sympathisiert habe ich mit dir, ich mochte dich.

Du hast einen Allerweltsnamen, leider. Ich würde dich sonst googlen, aber so habe ich keine Chance.

Schade.

Mögest du deinen Weg gefunden haben!

Quickshot /Dustin, nein Dust in the wind

Ok, das könnte jetzt kompliziert werden…

Neulich lief „Die Reifeprüfung“ im TV. Ich hatte den Film noch nie gesehen, das Thema sprach mich nicht an. Diesmal dachte ich, warum nicht, er wird so oft gelobt, ist doch vielleicht nett, den Soundtrack von Simon & Garfunkel im Original zu hören.

Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich schaltete nach 15 Minuten ab.

Ich hatte Dustin Hoffman früher als Rain Man gesehen, und die Art, wie der junge Ben in sein Zuhause weniger zurückkehrt, als -irrt, konnte ich nicht ertragen, weil sich in mir mein autistisches Gefühl vordrängte. Es erinnerte mich zu sehr an mich selbst, ich war vollkommen in diesem Gefühl. Das Gefühl, in einer Gesellschaft orientierungslos herumzuirren. Es funktioniert irgendwie, ich komme dahin, wo ich hin will und mache das, was nötig ist – Ben findet sich ja auch irgendwie zurecht – aber es ist alles so verwirrend.

Es schob sich ein anderer Film in meine Erinnerung, den ich neulich zufällig gesehen hatte: Lost in translation. Auch da identifizierte ich mich sofort mit dem Hauptdarsteller, Bill Murray. Auch er hat einen Ort, eine Aufgabe, er tut, was er zu tun hat und redet, mit wem er reden muss. Aber er findet keinen Bezug zu diesen Menschen, auch nicht zu seiner Frau, mit der er telefoniert. Die Kollegin, die Prostituierte, die Werbeleute – er steht daneben, beobachtet alles und findet keinen Sinn. Und wenn es einen Sinn haben sollte, ist er davon ausgeschlossen. So wie Ben zwischen den künstlichen Masken und seltsamen Spielchen der Haute volée um ihn herumläuft und nur weg will. Bill, immerhin, findet eine verwandte Seele, unverbindlich, auf Zeit.

Etwa so, wie ich vielleicht von Zeit zu Zeit froh bin, verwandte Seelen im Netz zu finden, wissend, das ist nicht wirklich ein Anker, und nicht mein Alltag.

Den Rest der Zeit (na gut, 95%) betrachte ich die Menschen (na gut, 95%) und ihre Rituale und rätsele: geht es ihnen gut mit ihren Masken? Den Anzügen, den Makeups, der Aufgedrehtheit, den Interaktionen, die nur bestimmten Zwecken dienen, den demonstrativen Gefühlen, die nicht von innen kommen, sondern etwas bezwecken sollen.

Geht es den Menschen gut so, in der völligen Anpassung?

Die Menschen würden antworten: aber ja doch, das ist doch gerade schön, etwas miteinander erleben. Genau das ist doch Gemeinschaft.

Und ich verstehe euch ja: ihr bietet mir eure Gemeinschaft an, und immer wieder verlasse ich euch. Scheinbar ohne Grund. Ich gelte als gutmütig und freundlich, und ihr könnt euch nicht erklären, woher mein Missmut und meine Ungeduld kommen.

Für euch scheinbar aus dem Nichts. Für mich daher, dass ich versuche, einen festen Platz zu finden, wo ich mich ansiedeln kann. In Wirklichkeit bin ich irgendwo und nirgendwo, wie Staub im Wind. Das seht ihr aber nicht und ich verstehe, warum ihr euer Interesse verliert an mir.

Man müßte einen Begriff finden für diese spezielle Melancholie und Verlorenheit. Mit Depression oder sozialer Phobie hat sie wenig zu tun.

Saat der Gewalt

Noch ein Attentat.

Wieder Menschen, die am Tisch sitzen, den Kopf schütteln und mich fragen, wie krank ein Mensch sein muß, der auf wildfremde Mitmenschen losgeht. Wieder die Diskussion, inwiefern der Islam schuld ist, inwiefern und wie man Fremde aufnehmen kann, und was alles schiefgelaufen ist.

Natürlich, in allen Gesellschaften, überall, wo Menschen miteinander leben, ist körperliche Aggression sanktioniert. Mord steht außerhalb jeder Norm, ob mit dem Präfix „Selbst“ kombiniert oder nicht.

Jemand, der den Schritt zur Tat macht, der sich entschließt, zu morden, muß in aller Augen also „krank“ sein. Er ist es auch. Krank heißt ja nun mal, außerhalb der sozialen Übereinkunft.

Wenn es nur so einfach wäre.

Wenn „krank“ nur nicht suggerieren würde, es gäbe entweder krank oder gesund, und es gäbe keinen Weg hin und zurück. Der Begriff „krank“ wird nicht nur zur differenzierenden Beschreibung genutzt, er soll dem gesunden Benutzer des Wortes auch versichern, daß er richtig ist und auf der guten Seite, und dort auch sicher verweilen kann. Keine Gefahr. Strafe und Ächtung drohen nur den anderen, den „Kranken“. Wie beruhigend. Und wie falsch.

Denn die Saat der Gewalt liegt in uns allen. In jedem, der über andere sich erhebt, der verächtlich mit anderen umgeht. Der Verletzungen verursacht und dies für richtig befindet. Der Ungerechtigkeiten akzeptiert, weil er einige Menschen für wertvoller und verdienter als andere hält. Aggression und die Fähigkeit, sich zu schaden, liegen in jedem von uns.

Ich selbst gelte als extrem ruhig und besonnen, als friedfertig. „Magic“ wird mir hinterhergeraunt. Aber ich habe auch schlechte Tage. Dann ertrage ich z.B. die Stimmen der Nachbarn nicht. Die lachen nur, die haben Besuch und freuen sich. Sie mißachten keine Regeln,  sie schaden niemanden. Würde ich am Zaun winken, würde ich vielleicht sogar eingeladen. Aber manchmal macht mich ihr Lachen aggressiv. Dann, wenn ich mich unsicher fühle, ausgeschlossen, von vornherein außen vor. Dann kommt es vor, daß ich Profilbilder auschaue, solche von normalen und hübschen Frauen. Weil ich einen Weg suche, mir zu bestätigen, daß ich auch dazugehöre, weil ich meinen Platz suchen und spüren will. Manchmal bin ich auch versucht, in die oben genannten Pauschalisierungen mit einzustimmen, weil ich nicht ausgegrenzt und für verrückt erklärt werden will. Die Gesellschaft rückt, nein, springt herzhaft nach rechts, und ich ertappe mich, bestimmte Gedanken als akzeptabel zu betrachten, damit ich dazugehöre.

Sicher ist das Gefühl der Ausgrenzung, der Chancenlosigkeit nur ein schwacher Widerschein der Dynamik, die manchen Amokläufer und Attentäter umtreiben mag. Sicher, um zur Tat zu schreiten, muß man sich auf eine Eskalation eingelassen haben, und Alkohol, Drogen, (religiöser) Wahn oder alles miteinander geben den letzten Impuls, sie öffnen erst das Tor zur Tat.

Alle die oben genannten Menschen an meinem (virtuellen) Tisch: sie sind erleichtert, gesund und ohne Schuld zu sein, richtig im Kopf, untadelig. Könnten sie sich nur zu ihrer inneren Widersprüchlichkeit bekennen, zu ihrer Verletzlichkeit.

Wieviel menschlicher könnte plötzlich alles sein.