Quickshot /Ein zerrissener Tag

Heute ist Muttertag. Ich habe von meiner Familie nichts geschenkt bekommen. Es ist dies zum ersten Mal so, aber die Kinder werden älter, und es war heuer absehbar so. Also, ich erwartete auch nichts und bin nicht enttäuscht.

Um ehrlich zu sein, ich bin froh. Denn heute morgen war ich noch schlecht drauf, ich hätte mich nicht von Herzen freuen können. MIr fiel es auch schwer, zu lachen. Wie ich andernorts schrieb, der Grund lag in einem Streit mit meinem Mann, der in mir wieder einmal das Gefühl hochholte, als Mutter zu versagen, meine Kinder nicht genug auf die Welt vorzubereiten, ihnen nicht genug zu bieten.

Dieses Gefühl löst sich nun langsam wieder auf. Ich schau ihm dabei zu und erfreue mich derweil an den hundert Kleinigkeiten, die schön sind oder gut klappen.

Ich bin auch noch nachdenklich wegen gestern. Der Tag gestern war auch einer Mutter gewidmet, nämlich meiner. Gestern haben wir sie ins Heim gebracht.

Das provoziert jetzt sicher altbekannte Bilder, in etwa so: Mutter hin, zack!, Tür zu, schnell weg, nie mehr wiederkommen. Und heute lästern schon die Pflegerinnenbeim Kaffee , daß nicht mal zu Muttertag Besuch kommt, ja ja das schimpft sich Familie.

Aber.

Es sind ein paar Hundert Kilometer dorthin, eine Verwandte vor Ort kann und wird zu Fuß dort vorbeigehen. Sicher fahre ich jetzt auch öfter dort hin, aber nicht heute. Ich bin meiner Fürsorgepflicht anders nachgekommen, ich habe dafür gesorgt, daß sie jetzt dort ist. Denn sie war dabei, zu verwahrlosen. Ich hätte sie auch aufgenommen, aber das wäre unverantwortlich gewesen. Und beruhigend: es hat ihr spontan gefallen, die Pflege ist sehr ruhig und gelassen, sie hat sich spontan gut mit den Damen unterhalten. Ein kleiner Raum, wenig Neues, wenige Mitbewohner. Ein kleines, aber regelmäßiges Programm. Das ist nicht lieblos, das ist auf das Thema Demenz zugeschnitten. Mehr verwirrt nur mehr.

Ich war seit Jahren in keinem Altersheim mehr. Wir haben uns gestern schief gelacht darüber, wie sehr alle dem Klischee entsprachen, auch wir selbst, auch meine Mutter mit ihrer Anmerkung „Da sind ja nur alte Leute!“.

Aber gut, das Lachen und ruhige Beobachten gab mir Zeit, mich wieder zu entspannen. Ich war meiner Mutter eine Mutter und habe sie in gute Betreuung abgegeben.

Der Mann sagt, er habe alles gar nicht so gemeint. Nichts für ungut, mag sein. Etwas Zeit brauche ich aber noch, diese Zerrissenheit von heute wieder zu glätten.

MCS x/30

In unserer Familie sind die Aufgaben hübsch verteilt, meine ist u.a. zu kochen, und immer bietet mir mein Mann an, alles aufzuräumen.

Heute nahm ich sein Angebot an. Etwas später ging ich an ihm vorbei, als er gerade den Tisch säuberte. Und dann rutschte ich in einen Impuls und in einen Moment, in dem mir klar wurde, ich muss besser auf mich aufpassen.

Ich war drauf und dran gewesen, mich dafür zu entschuldigen, daß ich soviel Geschirr angepatzt hatte. Ich konnte den Satz gerade noch zurückhalten. Wohlgemerkt, ich hatte Familienessen gekocht mit zwei Varianten und alles à point und just in time auf den Tisch gebracht.

Verrückt. Aber real. Ich rechne mal so: ich kann mich auf mindestens drei Schuldskalen einordnen, also den Impuls, sich zu entschuldigen und klein zu machen, in drei Dimensionen bewerten. Jeweils von 0-10, auf gut psychologisch. Ich nenne sie Mea culpa Skala oder MCS-X

Skala 1 Ich bin eine Frau. Frauen verhalten sich oft so, ob by nature oder by nurture, egal. Wissen wir alle, haben wir alle eine eigene Ansicht dazu. Meine persönliche Erinnerung dazu: als ich das erste Mal Bella Block sah, war ich fasziniert und begeistert, weil sie schaute und agierte wie ein Mann. Das fand ich cool, Frauen empfindet man ja immer noch lächelnd als „richtig“. Aber gut, die allgemeine Einstellung ändert sich doch.

Also, Faktor Frau: 5/10 auf der MCS-F

 

Skala 2 Ich bin Mutter. Himmelherrgott. Facebook verfolgt mich mit einer Komödiantin von Antenne Bayern, die selbstironisch ihre mütterlichen Unverzeihlichkeiten ausbreitet. Ich gebe zu, ich schaue es an und amüsiere mich darüber. Weil man (bzw. mutter) es so gut versteht. Im persönlichen Umfeld gibt es mehr Toleranz, aber in den Medien findet sich immer etwas, was man als Mutter so richtig verbocken kann, und die Heli-Profi-Opti-Tigermütter sind kein Klischee, ich kenne solche Damen. Viel Arbeit, die man sich Tag für Tag machen kann, und ebensoviele Gelegenheiten für ein schlechtes Gewissen.

Also, Faktor Mutter: 8/10 auf der MCS-M

 

Skala 3 Denn, ich bin ja auch noch Autistin. Und als solche erreiche ich das Maximum auf meiner Skala. Denn ob ich mich anstrenge oder nicht, an die Grenzen gehe oder nicht. Es reicht nicht. Es kommt immer ein Punkt, an dem ich etwas nicht schaffe, mich jemand nicht versteht, jemand von mir irritiert ist. Ich langweile Menschen, stosse sie vor den Kopf, verärgere und frustriere sie. Und immer unverhofft wirke ich auf einmal ellahaft, ich habe zu wenig Kontrolle darüber. Und ich bin es, der sich dann entschuldigen muss. Ich werde ja nicht verstanden, der Rest der Welt versteht sich. Die letzten Tage war es plötzlich wieder so weit, mein Mann frustriert, daß ich sozial so inaktiv sei (… das seh ich mit Familie und meinem Beruf natürlich etwas anders, aber das kann ich nicht gut genug erklären…). Ein Schock, wieder mal. Und auf diese Art Unverständnis könnte man nun gar nicht reagieren oder schroff reagieren, ist halt Mist für die Beziehung. Oder so, wie ich es mir vor langem schon angewöhnt habe. Klein machen, erklären, entschuldigen, anpassen, nachfragen, hektisch versuchen, wieder in die „normale“ Spur zu kommen.

Also, Faktor Autismus: 10/10 auf der MCS-A

 

Macht 23/30 Schuldpunkten.

Quickshot /Je ne suis pas Ella

Eine Woche voll Aufregung, und wahrscheinlich liest das hier niemand mehr. Zu viele Kommentare gibt es schon dazu, zu dieser Serie namens #EllaSchoen, die im ZdF gelaufen ist.

Ich gebe zu, ich habe sie nicht mal ganz gesehen. Auch nicht alle Beiträge dazu gesehen. Ich wollte mir die Zeit dafür nicht nehmen, mir waren andere Dinge wichtiger. Ich gebe auch zu, ich habe keine eindeutige Meinung dazu.

Ich hab Ausschnitte aus den Interviews mit Annette Frier gesehen, der Hauptdarstellerin. Eine scheinbar recht fröhliche und resolute Dame. Gerade im Interview mit Dunya Hayali kommt bei mir an, daß mit dem Film ein positiver Ansatz verbunden war, ein Versuch, optimistisch auf das Thema zuzugehen, etwas Aufmunterndes daraus zu basteln. So kommt es auch in den tweets der Beteiligten rüber. Soweit verstehe ich es, und freue mich über die Absicht.

Aber, ach, gut gemeint ist halt meistens dann doch daneben gegriffen…

Ich hab versucht, Teile anzusehen. Ich hab jedes Mal wieder ausgeschalten.

Nein, ich bin nicht Ella. Ella ist eine Frau, so roboterhaft und schroff, daß es mir gruselt. Ich versuche mein ganzes Leben lang, genau so nicht zu sein. Wäre ich so, wäre mein autistischer Kern früher entdeckt worden. Tatsächlich mußte ich dazu 40 werden. Das ist das erste, was an dem Film wehtut: daß das Bild von Autisten auf dieses festgefroren wird. Eine Frau, die schroff ist und weder anders sein möchte noch es kann. Die über ihre Zwänge und ihre Einstellungen nicht reflektiert und ihrer Umwelt keinen Millimeter entgegen kommt. Jemand, über den man leicht lachen kann, den man sofort mit Verachtung ablehnen kann.

Oder manchmal bin ich auch Ella? Kann auch sein. Kann sogar gut sein, daß ich manchmal auch schroff wirke. „Unnahbar“ ist mein zweiter Vorname von Leuten, die mich – und ich sie – gerade erst kennenlernen. Und das heißt, aufgemerkt: so bin ich IM STRESS. So bin ich, wenn ich keinen Zugang finde, wenn ich mich und die Situation irgendwie im Griff behalten muss. So bin ich nicht privat, in der Arbeit, wenn ich mich wohlfühle, wenn ich vertraut bin.

Das hätte ich mir gewünscht: daß in so einem Film auch meine guten Absichten, meine sozialen Wünsche vorkommen. Daß spürbar wird, was ein Autist braucht, um in Kontakt sein zu können. Daß diese schroffe Oberfläche, diese scheinbare Roboterhaftigkeit und scheinbare Empathielosigkeit als scheinbar erklärt wird. Nur so können doch sog. „normale“ Menschen überhaupt zu mir wollen?

Denn ich habe soziale Bedürfnisse. Ich kann allein sein, no problem. Und die Menschen in der dritten Welt können auch hungern, no problem. Ist Alltag. Aber ein schönes gesundes Menü wäre ihnen lieber. Mir auch. Mir wäre ein Stammtisch auch lieber, Frauen, die mit mir in Sport gehen, Kollegen, mit denen ich mittags spazierengehe. Flirts. Ich kann es nur nicht gut genug, um es herzustellen.

Und ich habe ein Bedürfnis nach so etwas wie „Wahrhaftigkeit“? Es macht traurig, so wenig Chancen für mich und andere Autisten, als die Personen, die wir sind, gesehen und gemocht zu werden. Denn unser Charakter ist still, wie eine unscheinbare Wiese, mit Kleinigkeiten, die man langsam entdecken muß. Was kaum passiert, denn auf dem Weg zur Wiese stehen diese eindrucksvollen Felsformationen namens Empathielos, Unhöflich oder Superschlau (oder Supergedächtnis, Inselbegabung, Routine, Zwang, Spleen…), und alle Welt starrt an den Felsen hoch und kann den Blick nicht davon lösen…

 

Demenz für Anfänger

„Wie heißt die Katze?“

Es ist nicht so, daß ich diese Frage nicht schon beantwortet hätte. In den letzten 9 Tagen habe ich sie pro Tag etwa sieben Mal beantwortet. Das wären dann 63mal (nur meine Antworten). Ich beantworte auch mehrmals pro Tag die Frage, warum wir nicht in ihre Wohnung fahren können, wo ihre Kinder sind, wer auf die „Kleinen“ aufpasst (die über 40 sind, eines davon bin ich), wo wir sind, wie die Fernbedienung geht und wo das WC ist etc etc…

Demenz im Anfangsstadium. Bei meiner Mutter, die gerade in Ferien bei uns ist. Sonst, in ihrem eigenen Zuhause, kommt sie wohl zurecht mit etwas Nachkontrolle, bzw. kann sie nicht viel verkehrt machen. Demenz für Anfänger, für mich. Ich hab früher mit alten Menschen gearbeitet, aber es ist lange her, und viel hab ich nicht gelernt daraus. Jetzt muß ich ganz von vorne lernen, was das ist und wie das ist.

Es heißt immer, alte verwirrte Menschen würden wieder zu kleinen Kindern. Bei meiner Mutter denkt man das jetzt auch schnell. Allerdings war das früher nicht anders.

„Wie heißt die Katze?“

Der Vergleich mit einem Kleinkind wirkt erst mal plausibel, verstehen demente Personen doch nichts mehr, kennen sich nicht aus, finden sich nicht zurecht, und man muss sie beaufsichtigen wie kleine Kinder. Aber der Vergleich hinkt stark. Ich glaube, die Persönlichkeit bleibt, die Summe von Erfahrungen, der Charakter. Wie oft habe ich schon mit verzweifelten Frauen gesprochen, deren demente Männer so dominant wie eh und je sein wollen, ein unlösbares Dilemma.

So ist meine Mutter nicht. So war sie nie. Im Gegenteil, sie hat nie viel verstanden, und sie hat es auch nie versucht. Sie hat auch nie Interesse für mich und die Kinder gezeigt, wußte bis zuletzt meinen Beruf nicht, so daß es da auch jetzt noch keinen Gesprächsstoff gibt. Ich kenne sie so, wie sie auch jetzt neben mir sitzt: sie schaut mit großen Augen in die Welt, macht immer die gleichen Kommentare, und bei jedem Problemchen und jeder Anforderung stöhnt sie „will ich nicht“ oder „kann ich nicht“ oder „nein, lieber nicht“. Nur, daß ihr Gedächtnis jetzt wirklich weg ist. Besser gesagt, es ist so löcherig und verlangsamt, daß man es kaum glauben kann, wenn nach drei Tagen doch ein Fünkchen Wiedererkennen erglimmt.

„Wie heißt die Katze?“

Wie es sich wohl anfühlen mag, sich nur für kurze Momente orientieren zu können? Ich versuche, mir das demente Bewußtsein wie ein Stück Stoff vorzustellen. Kein gleichmäßig gewebter, wärmender Pullover mehr, mit fixen Nähten. Statt dessen halb aufgelöste Nähte, eine fadenscheinige Struktur, und eine zittrige Hand, die nach losen Enden greift, aber in 98 von 100 Versuchen rutscht der Faden wieder weg. Kein Wärmeschutz mehr, kein Schutz vor Blicken. Das muß ein permanenter Zustand von Unruhe und Besorgnis sein, eine Notwendigkeit, sich zu versichern. Was machen?

Na eben. Fragen. In Dauerschleife: immer, wenn etwas Unbekanntes auftaucht, wenn ein Moment Langeweile auftaucht, wenn etwas beunruhigt oder ängstigt. Fragen, und mit den Antworten eine Sekunde lang das Bewußtseinsloch stopfen.

„Wie heißt die Katze?“

Für mich heißt das: keine Pause. Denn die Aufmerksamkeit ist so kurz, daß meine Mutter nicht mehr lesen kann. Sie reicht maximal eine Bildunterschrift in einer Illustrierten lang. Und ihre lebenslange Gewohnheit, nach Arbeit und Putzen nur noch fernzusehen, führt dazu, daß sie auch jetzt keinerlei Interesse an etwas anderem hat. Ihr Alltag besteht jetzt aus: Schlafen, Essen. Wenn es gut geht und ich hartnäckig bin, ein paar Minuten an die frische Luft gehen. In besseren Momenten im Haushalt aushelfen, in halb so guten Momenten Zeitungen durchblättern, den Rest der Zeit fernsehen und dabei auf Nachrichten warten, denn die sind kurz genug, sie zu verstehen.

Und das ist jetzt mein Alltag. So lange sie wach ist. Denn sie hält den Alltag nicht alleine aus, nicht länger als ein paar Minuten. Dann kommt die Angst. Dann kommen die Fragen. Dann braucht sie Sicherheit.

Die Sicherheit, die bin ich. Auch wenn sie nicht benennen kann, wer ich bin.

„Wie heißt die Katze?“

Ich bin froh, daß meine Kinder die Situation problemlos mittragen und die eine oder andere Aufgabe übernehmen. Sie gehen erstaunlich neutral und hilfsbereit damit um und sind freundlich zu ihrer Großmutter, die für sie  immer eine Fremde geblieben ist. Sie gehen routiniert mit den Fragen um, sprechen mich nur diskret darauf an, und lehnen sehr höflich ab, wenn ihre Oma ihnen Essensreste anbietet.

„Wie heißt die Katze?“

Sie haben auch die ersten, fürchterlichen Tage ruhig mitgetragen. Erst wollte die Mutter nicht zu uns, aber es gibt gerade keine andere Betreuung, sie mußte. Es kam schreckliches Heimweh, zwei Tage, an denen sie wegwollte. Der Wahn, ihre kleinen Kinder wären allein auf der Strasse. Die Tür zugesperrt, und ich ließ mir von Kollegen Pillen zustecken. Die ich so niedrig dosiert vergebe, wie möglich. Dann WC-Unfälle aller Art. Dann so etwas wie Beruhigung und Routine. Der Pullover noch löchrig, aber er kratzt wohl auch nicht mehr. Ich hab gelernt, zu lügen, und damit meine ich, eine Frage so zu beantworten, daß die Frage dahinter etwas besänftigt ist. Ich übe kräftig, anzunehmen, was ist. Ich kann jetzt nachvollziehen, wie es ist, wenn man selbst in Panik ist und aus Panik heraus aggressiv und herablassend wird. Ich glaube und hoffe aber, ich habe den Prozess rechtzeitig an mir gestoppt. Ich versuche, die guten Momente zu erwischen und mich darauf zu besinnen. Denn nach der Zeit heißt es wieder Arbeit und Alltag, und dann herumjammern, wie ungerecht und kacke doch alles war: damit schade ich mir nur selbst.

„Wie heißt die Katze?“

Ich bräuchte die Frage gar nicht beantworten. Ich könnte mir einen Spaß machen und jedesmal noch abwegigere Namen nennen. Am Ende ist es aber eine Sache der Würde, den richtigen Namen zu nennen. Ihn ruhig zu nennen. Es ist eine Sache des Respekts, Gedanken wie „Nicht schon wieder!“ oder „Das gibt es doch nicht!“ oder ähnliche bucklige Verwandte im Kopf zu muten. Denn am Ende des Tages geht sie schlafen, mit meiner Hilfe. Am Bettrand sage ich Gute Nacht, versichere, daß ich in der Nähe bin und die Türe etwas offen lasse. Ich höre ein erleichtertes Danke, ich spüre seine Ehrlichkeit, und wenn ich einen Rest Würde und Respekt in diesen Tagen bewahren konnte – jetzt kommt er uns beiden zugute.

Das Glas Wein hinterher, das trinke ich erleichtert und beruhigt, im Beisein der namenlosen Katze…

 

Schulerinnerungen

Jetzt habt ihr die letzten Tage schon viele autistische Schulerlebnisse geteilt.

Trotzdem meine 50ct dazu…

Wenn ich an die Schulzeit zurückdenke, denke ich an Leere zurück. Jedenfalls nicht an das Gefühl, einem Sozialverband angehört zu haben, der sich an schöne Zeiten und lustige Erlebnisse erinnert. Vielleicht hat meine Klasse eine deutliche Erinnerung an ein geteiltes Schulleben. Bei mir ist diese Erinnerung nur sehr schwach, „am Rande“ fällt mir als erste Assoziation ein. Und daneben einzelne Eindrücke.

Was es für mich nicht gab: handfesten Ärger, schlechte Noten, Mobbing (jedenfalls hab ich keines bemerkt). Ich war „typisch“ weiblich autistisch drauf: schüchtern, seltsam, aber sonst unauffällig und brav. Die Noten unauffällig.

Ein Zeitstrahl aus Einsamkeit, damals nannte ich es noch nicht so. Der Zustand des Alleinseins, die Trauer über die Einsamkeit waren verdeckt von meiner Verunsicherung, meiner felsenfesten Überzeugung, es so verdient zu haben. Durch meine Doofheit.

In diesem Zeitstrahl einzelne Bilder.

Ein Foto vom Wandertag, alle auf einem Spiegerät. Ich drei Meter abseits auf der Bank, Blick auf den Boden. Jemand zeigt mir das Foto und reibt mir meine Schmach noch unter die Nase: „du immer, schau dich mal an!“

Der erste Tag meiner Periode. Mangels Anleitung von Mutter oder Freundin hatte ich mir irgendwie eine Einlage aus Watte gebastelt. Die Sportlehrerin hält an dem Tag lachend ein aufmunterndes Statement, daß die Blutung etwas Normales sei. Jahre später begreife ich, jeder hat es damals gesehen. Pardon, jede.

In jedem Zeugnis die Anmerkung, ich sei zu ruhig. Einige mündliche Sechser wegen Nichtmeldens.

Ich, in Deutsch oder Religion, als ich mich doch melde, weil ich etwas aufgeschnappt habe, was mir wichtig scheint. Zu 75% Ablehnung wegen Unbotmäßigkeit oder Verschrobenheit, zu 25% „was du alles weißt“. Manchmal ein überraschtes „du bist doch ganz gescheit, zeig das doch einfach!“

Lehrer, die mir vertraulich anbieten, ich solle mich nicht verstecken, ich könne mich anvertrauen. Andere, die mir verbieten, in der Pause in der Ecke zu stehen. Viele, die mich vor der Klasse hämisch lächerlich machen, denn ich „sei mir wohl zu fein, mich zu beteiligen“, ich „hielte mich wohl für etwas Besseres“. Der ein oder andere Lehrer kennt meinen Namen nicht mal.

Viele Situationen, die mich noch heute schamvoll erstarren lassen. Wie eine Lehrerin hilflos war ob meiner ehrlichen Antwort, ich habe für die Hausaufgabe keine Lust gehabt. Ich, wie ich versuche, Witze zu machen. Die anderen Mädchen drehen sich einfach um. Ich, wie ich nicht weiß, wie ich eine Adresssänderung und die Geburt meiner Schwester melden soll. Und als es rauskommt, gescholten werde, ich hätte das sagen müssen.

Ich, wie ich Wahlfächer, Qualifikationen, sogar den „Medizinertest“, das Tor zum Medizinstudium, aus Angst und Überzeugung, zu versagen, vermeide. Ich, die ich dabei keinen Mentor, kein Vitamin B, keine hilfreichen Eltern oder Freunde habe.

Das Positive? Verschweige ich nicht, um Mitleid zu erhaschen… es fällt mir nicht ein.

 

Detail: Spezialinteresse? Emotionale Bindung?

Nachfolgend nur eine kurze, aber typische Szene in einer nicht-autistisch-autistischen Familie. Um zu zeigen, dass die Kriterien für eine Diagnose, buchstäblich genommen, in die Irre führen können. Man muss manchmal ins Detail gehen, um ein autistisches Verhalten verstehen zu können.

Die Vorgeschichte ist, daß wir seit ein paar Monaten neue Katzen haben. Sicher würden die meisten tierliebenden Teenager an den Tieren mit Liebe hängen. Noch dazu, wenn, wie bei uns, das erste geliebte Tier verstorben ist. Ich zögere aber nicht, die Art und Weise, wie bei uns die Tierliebe ausgelebt wird, mit einem Spezialinteresse zu vergleichen. Nota bene, das Gefühl von Liebe ist das Gleiche wie bei jedem. Das Bestreben, daß es dem Katzerl gut geht, daß es sich wohlfühlt, gut versorgt ist. Rücksicht nehmen, sich anpassen. Mit ihm mitfühlen, mitleiden, ihm Angst, Schmerz und Hunger ersparen wollen. Mit Rührung und Lächeln das Katzerl beobachten oder von ihm sprechen. Sichtbarer, geteilter Rührung. Liebe.

Aber der Umgang insgesamt ist anders, als in „normalen“ Familien zu erwarten. Starrer, ritualisierter. Rigider. Aber auch ausufernder. Die Kinder sind nicht einen Tag mehr, einen weniger damit beschäftigt, etwa weil sie manchmal keine Lust dazu hätten oder andere Pläne (erst recht keine sozialen Verpflichtungen). Sie wiederholen jeden Tag x-mal das gleiche ritualisierte Verhalten, wenn sie nach den Katzen sehen, darüber sprechen, sich mit ihnen beschäftigen. Und jedes Detail ist ihnen wichtig. Sie haben also sowohl eine emotionale Bindung als auch ein ausuferndes Interesse daran.

Für mich heißt das, ein Spezialinteresse kann im Prinzip aus allem entstehen.

Emotionale Bindung zeigt sich auch in der versprochenen Szene.

Kind kommt zu einer Zeit in die Küche, in der die Katze sonst immer da ist, jetzt gerade nicht. Seit einer Stunde ist sie abgängig. Kind macht sich Sorgen. Nicht (oder nicht nur), weil das Ritual unterbrochen ist – Sorgen, weil dem Tier etwas fehlen könnte, Trauer, weil es nicht da ist, Angst vor dem Verlust. Das nenne ich emotional gebunden. Das gleiche Kind, das sonst ewig allein im Zimmer sein kann, ist allein, weil der Realkontakt zu stressig ist zu anderen Teenagerbuben. Verständlicherweise hat es kein Interesse an dem Streß, er bringt mehr Frust als Spaß. Das gleiche Kind freut sich aber, wenigstens online verbunden zu sein, es freut sich, wenn es Anerkennung erfährt durch eine Bemerkung. Und es liebt seine Katze. Und sein Geschwister. All dies trotz der Tatsache, daß soziale Kontaktschwierigkeiten und soziales Desinteresse, auch das Geringschätzen von oberflächlichen Begegnungen, eindeutig da sind.

Katze verschwunden. Kind aggressiv und stoffelig, weil gerade überfordert. NT-Mann aufgeregt, versucht abzuwiegeln. Kind noch stoffeliger. Verzieht sich lieber. Ich gehe im Kopf derweil Handlungsoptionen durch und überlege, wann man suchen gehen muß. Auch, um dem Kind damit Sicherheit zu geben. Meine eher autistische Art, es zu beruhigen. Denn, mir tut jetzt das Kind leid. Ich seh aus dem Augenwinkel eine Bewegung draussen (Detailwahrnehmung…), Mann folgt meinem Blick, sieht die Katze. Ruft laut. Ich verstumme, weil das Gucken und Rufen und Gedrängt-werden für den Moment zu viel sind (und ich nenne das mutistisch, wenn auch im kleinsten Rahmen). Ich muß kurz weghören, denn meine Stärke ist klares rationales Denken und Handeln. Dann rufe ich die Katze, die sofort reinkommt. Auf meinen Mann würde sie nämlich nicht hören, ich glaube, das kann man fast als diagnostische Kriterium werten 😉.

Alles Geschilderte ist banal, für sich genommen, Kleinigkeiten. Aber typische, sehr typische Kleinigkeiten.

Gedankensplitter /#notme

War die letzte Zeit unregelmäßig online, mit längeren Pausen als sonst. Teils hatte ich keine Zeit, teils wollte ich nichts im Netz.

Brauchte auch Pause von diesen ganzen Themen und Menschen, die scheinbar nur aus ihren Emotionen und Interessen heraus agieren. Das macht mich erst ungläubig, dann aggressiv, dann müde und dann lustlos, wenn Menschen und ihre Denksysteme völlig losgelöst kreisen und für Rationalität nicht mehr erreichbar sind.

Geschenkt, daß der Florida 17fache Mörder wohl Autist ist. Und viele nicht raffen, ein Mörder wird zum Mörder nicht dadurch, oder durch Depression, oder Islam oder whatever. Sondern durch weitere Umstände, in Form einer Erkrankung, oder von aussen, die ihn lehrten, das Leben ist nichts wert. Psychopathie, Kränkung, Angst vor Vernichtung. Jeder Mensch könnte so weit kommen.

Ich mag auch nicht mehr meinem Bekannten auf Facebook dabei folgen, wie er paranoid wird. Vielleicht hat er schon sein Reichsbürgerwehr-Gewehr gebunkert? Was er verlangt, verwehrt er anderen. Unser Rechtssystem ist ihm zu korrupt, aber Yücel darf ruhig verrotten ohne Prozess. Nur als Beispiel für eine Haltung, die mich machtlos daneben stehen läßt.

Mir ist auch #MeToo teilweise zu extrem. Ich finde schon, Übergriffe gehören offen gelegt und laut angezeigt. Und Nein ist Nein. Und Systeme, die auf Stillschweigen gebaut sind, müssen weg. Und es muss Einigkeit sein, dass es um Macht geht. Nicht um Sex. Wenn es um Sex ginge, wären krasse Übergriffe schlimmer. Aber auch ein Missbrauch, der nach gar nichts aussieht, weil “nichts passiert ist“, kann zerstörerisch wirken. Weil es um Macht, also Hilflosigkeit, und um Definition geht. Und jeder soll lernen, und dabei unterstützt werden, Nein zu sagen und Bedingungen abzulehnen. Trotzdem will ich weiter Kevin Spacey Filme sehen. Weil ich die Filme und seine Schauspielerei schätze. Und ich will Zugang zu alten Gemälden und Büchern. Natürlich gibt es dort viel verstörendes zu sehen und zu lesen, fast nichts in der Kunst ist politisch korrekt. Eben. Kunst ist nicht dazu da, unkritisch in den Himmel gelobt zu werden. Weil jeder wissen kann, dass andere Zeiten und andere Menschen andere Ansichten hatten. Das macht mich doch zur Person, mich damit auseinanderzusetzen, mich abzugrenzen, um so mein Ich zu finden. Und ich will beim Sport dem Herrn neben mir durchaus weiterhin auf den Bauch oder Po linsen und mich daran erfreuen. Und zwar so lange, wie ich ihn nicht in Verlegenheit bringe, oder er eine Grenze zieht.

Nur Beispiele dafür, wie ich ab und an Abstand brauche von der Kopflosigkeit und Hysterie, die letztendlich genau so eine Art Gruppendruck aufbaut, wie sie vorgeblich ablehnt.

Quickshot /Zeitmaschine, Kurztrip

Erwähnte ich schon, daß (unsere) autistischen Pubertiere – mangels Freunden, und weil verschiedene Vereinsaktivitäten scheiterten –  immer zuhause sind? Ich fürchte, ja. Neulich hieß es, ein Junge käme auf ein Stück Torte vorbei, das ist für uns schon sensationell. War dann aber doch nicht.

Jedenfalls, heute fuhren sie tatsächlich miteinander weg, auf einen Besuch. Ich sah sie weggehen, überlegte kurz, ob man sie dumm anmachen würde, eines der Kinder wirkt sehr verschroben. Dann waren sie um`s Eck, und ich sah ein: jetzt müssen sie selbst ein paar Stunden klarkommen.

Ich hatte Zeit, mit meinem Mann etwas Spazierenzugehen, einen Kaffee zu trinken. Ungelogen, seit die Kinder auf der Welt sind, gab es das nicht mehr: allein und nichts zu tun. Nichts. Einen Nachmittag lang!

Es kamen Kinder, es kamen Probleme, es kam viel viel Arbeit und manchmal heftigster Stress. Es kamen Diagnosen. Es kam meine Diagnose. Und weiter, weiter, es musste weitergehen. Ich outete mich am Arbeitsplatz. Und es ging weiter. Ständig änderte sich etwas, ständig musste ich mich mit ändern und anpassen.

Halt, Stopp, Kommando zurück: bitte nicht falsch verstehen. Ich beklage das alles nicht. Bei allen Ausreissern, die es gab, hätte ich doch in den letzten Jahren nichts wirklich tauschen wollen. Vieles lief optimal. Das Meiste hat Spass gemacht. Wie heisst es neudeutsch: positive Challenge!

Die Sache mit meiner Diagnose lief nebenher. Immer, aber immer nebenher, im Blog oder auf Twitter. Im Alltag ist kein Platz dafür. Ich vermutete aber, daß ich mich nach der Diagnose wohl immer mehr autistischer verhalten habe. Weil mir Kleinigkeiten auffallen, weil ich ständig an das Thema erinnert werde.

Heute konnte ich direkt vergleichen, eben auf jenem Spaziergang. Und ich bin kein Deut autistischer geworden! Ich war genauso wie früher auch. Was bedeutet, mein Mann hat mich so schräg und fremdartig kennengelernt, so verstockt im Gespräch – damals wie heute. Ich erinnerte mich an frühere Begegnungen, mit exakt den gleichen „Aussetzern“. Ich konnte nur heute, weil ich frei war im Kopf,  plötzlich einordnen, was passiert. Ich fühlte mich das erste Mal exakt wie in den Simulationsvideos, wo autistische Wahrnehmung demonstriert werden soll. Ich dachte immer, so arg ist es bei mir gar nicht. Doch, es ist so und war es schon immer. Ich hätte es nur früher nicht beschreiben können, und später hatte ich keine Zeit mehr dazu.

Bis, eben, heute.