Gedankensplitter /Freiheit

Ich sitze … im Netz? In der Falle?

Jedenfalls, ich sitze hier. Es ist einer der engeren Momente in meinem Leben. K1 ist ausgezogen, einiges noch unklar und zu organisieren. Die nächsten Tage habe ich noch Urlaub, theoretisch. Praktisch muss ich ein paar Stunden aushelfen, wegen Krankheitsfällen. Ich sollte auch meine Mutter besuchen. Ich wollte wandern gehen. Im Garten wartet viel Arbeit. Es ist alles durcheinander, ich weiss noch nicht, was ich wann machen muss, ob ich fertig werde. Alles zerrt an mir, nichts läuft richtig. Vorne arbeitet der Mann im Garten, die Nachbarin mit dem immer besserwisserischen gleichschalterischen Ton belagert ihn. Vorhin sprachen wir mit der netten Nachbarin, die aber nicht aufhört zu reden, nicht aufhört, nicht aufhört… Gegenüber das Rentnerehepaar, das sich gegenseitig im Garten nachläuft und an die Sauberkeit von Rasenkanten erinnert.

Ganz nett, ja, würde eine schöne 20:15-ARD-Sommerkomödie ergeben.

Ich sitze also hier, und versuche mir alle paar Minuten zu sagen, dass doch Urlaub ist und ich mich schön entspannen soll und die Zeit nutzen soll, aber in Wahrheit sitze ich im Spinnennetz und schüttele immer mal wieder die Ansprüche der anderen ab.

K1 ist nicht da, das macht was aus, K1 war neben mir der ausgleichende Part. Jetzt bin  nur noch ich da, zwischen den anderen zu vermitteln. Aber die Konflikte sind zu groß…

Es geht nicht nur um autistische versus neurotypische Kommunikation. Auch zwischen Autisten kracht es. In meiner Familie. Oder, da ist der kürzlich diagnostizierte Kollege auf Facebook, der seltsamste Dinge postet. Der ehemalige Chef, der mir das Wort Asperger erst nahebrachte, und der sich abwandte, weil ich ihn geschnitten hätte??? Etc etc… über innerautistischen Stress und seine Gründe auf Twitter hier https://wp.me/p6YQGx-34w ein ausführlicher Text.

Diese Art  kommunikativer Missverständnisse und Eigenheiten sind für mich nur eine zusätzliche Erschwernis im Alltag.

Ich sitze deswegen gefühlt im Netz, weil ich – und das betrifft mich als Autistin verstärkt, könnte aber jederfrau und jedermann passieren – mich irgendwann in die typische konfliktvermeidende Mütterrolle begeben habe. Und eigentlich schon seit Kindheit in die Rolle begeben habe, zu akzeptieren, daß die Welt an mir und meinem Wesen, wie ich bin, vorbeigeht. Ich habe mir angewöhnt, still zu sein, erst mich zu prüfen, zu improvisieren, unauffällig mitzuschwimmen. Der Rest meiner Familie macht das nicht. Er ist, wie er ist, und sucht sich Platz dafür, auch wenn es nicht ohne Reibereien und Schrammen abgeht. Und eigentlich, eigentlich finde ich das gut, und möchte ich so werden. Auf die eigene Identität und den eigenen Grenzen bestehen, denn meine Grenzen werden im Moment von aussen zu fest gezogen. Ich kann den Belagerungszustand nicht gebrauchen.

Und da ist er wieder, der oft zitierte Satz „Kennst du einen Autisten, kennst du einen“. Ich darf nicht mehr den Fehler machen, meine Strategie als Jugendliche, zurechtzukommen, unreflektiert meinen Kindern zuzuschreiben. Sie sind andere Menschen. Wir kommunizieren ähnlich, aber ihre Temperamente und Wertigkeiten sind andere. Ich war pflegeleicht, sie sind es nun mal nicht. Das als gegeben zu akzeptieren, und nicht als mein Versagen zu werten, könnte uns allen mehr Freiheit geben.

2 Gedanken zu “Gedankensplitter /Freiheit

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