Das Glück und seine Schmiede

Und es begab sich zu der Zeit, daß sich soziale Events häuften und ich in kurzer Zeit mehr als ein halbes Dutzend Male irgendwo mit mehreren Menschen beim Essen saß, ganz unterschiedliche Runden saßen beieinander. Keine davon war unangenehm! Das letzte Treffen war sogar ausgesprochen schön. Ich komme nochmal darauf zu sprechen.

Einmal war ich allein mit den Kindern beim Essen. Wir sprachen über aktuelle und künftige Pläne, der Schulabschluß eines Kindes nähert sich rasant. Ich beantwortete Fragen, erzählte meine Erfahrungen, gab Ratschläge, akzeptierte Vorschläge, es wurde ernst, aber freundlich gesprochen, gewitzelt, ausgetauscht. Auf der Rückfahrt wurde mir wortwörtlich warm ums Herz, ich war stolz auf diese Kinder (jungen Erwachsenen), ich liebe und schätze sie. Wir saßen vertraut in diesem Auto und teilten Zufriedenheit… Ich dachte, wenn mein Leben irgendeinen Sinn ergeben sollte, dann, weil es gerade so ist, wie es ist. Ich habe offensichtlich mitgeholfen, daß meine Kinder wissen, wer sie sind und was sie können. Anders als ich bei meinen Eltern, vertrauen sie mir auch heikle Dinge an, bitten um etwas, das sie brauchen, und sie sagen mir klar, aber höflich, wenn sie Kritik an mir haben. Vertraulichkeit, Sicherheit, Geborgenheit, ich traue mich, diese drei Begriffe zu gebrauchen. Ich weiss, meine Kinder fühlen und zeigen Liebe, ich bin sehr, sehr dankbar und freue mich für sie.

Das ist mir sehr wichtig. Denn an mir selber merke ich, wie fragil es wird, wenn so ein Vertrauen in sich und die anderen nicht selbstverständlich ist.

Also, bei diesem letzten Treffen saß ich neben einem alten, guten Bekannten. Ich spüre, er hat Achtung vor mir, und er schätzt mich. Er schätzt mich, seit er mich kennt, und er sagt das auch. Bei diesem Treffen war ich froh, ihn zu sehen, fast ein bisschen schwärmerisch. Wir lachten viel, wir lachten uns an, fußelten sogar… Wäre ich keine doofe Autistin, traute ich mich zu schreiben: wir flirteten. Deshalb fand ich es erleichternd, unbefangen und schön, dieses Treffen, einfach nur schön, und wie kann ich Worte finden für dieses warme, freie Gefühl, einfach da sein zu dürfen und jemandem ein wertvolles Gegenüber zu sein?

Übrigens, falls ich den Flirtgedanken weiterspinnen sollte – er endet stets an dem Punkt, wo eine Beziehung beginnen könnte, aber nicht kann, denn ich beende den Beginn mit dem Satz „Mit mir kann keiner glücklich werden“. Ich meine das auch so.

In der folgenden Nacht ging ich im Geiste alle Personen durch, die ich so kenne. Bei wem fühle ich mich denn glücklich, oder wenigstens wohl, oder zumindest nicht von vornherein falsch? Ich kam auf: einige Kollegen, von jetzt und früher. Alte Freunde bzw. Bekannte, siehe oben. Meine autistische Familie, die anderswo wohnt. Meine Kinder, wenn ich mich selbst nicht damit überfordere, NT sein zu wollen (smalltalk halten oder so). Vereinzelt andere Verwandte. Wer nicht dazu zählt: alle hiesigen Nachbarn. Die Schwiegereltern, die hier wohnen. Die Frauen hier, die Frauen von Bekannten und gleichaltrigen Mütter – also diejenigen, die mein täglicher Umgang sein sollten. Hier ist Kleinstadt, es wird erwartet, Freundinnen zu haben, diese Freundinnen. Aber von diesen Frauen gibt es scheinbar genau eine, die mich anerkennt, mit dem Rest bin ich verbunden, wenn in Whatsapp etwas geschrieben wird. Ich habe keine Ahnung, was wie wer sich sonst verbindet und vernetzt. Ich sollte vielleicht bei Gelegenheit öfter mit dem Mann mitgehen, in Männerrunden fühle ich mich viel wohler.

Das ergibt die paradoxe Situation, daß ich mich im sog. Alltag meist ausgeschlossen und falsch fühle. Die Menschen, die mir guttun, treffe ich viel seltener, so daß ich natürlich auf den dummen Gedanken komme, daß sie mich nur mögen, weil sie mich nicht so oft sehen und ertragen müssen. Ich weiss selbst, es ist ein dummer Gedanke, und ich kann Abstand nehmen.

Naja, die Zeit vergeht, und irgendwann habe ich wieder mehr Freiheit, meine Freizeit zu gestalten und mir die Schmiede zu meinem Glück selbst auszusuchen.

 

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