„Du schaust immer so ernst!“

Originalzitat meine Schwiegermutter.

Löst bei mir aus: Wut und Augenrollen, und zwar sofort. Ja, denke ich, ja, Schwiegermutter. Ist doch nichts Neues. Ich schau immer so. Ich hab es noch geschafft, das scheinbar humorig aufzunehmen und am Tisch darüber abstimmen zu lassen, ob das eh so stimmt. Ich denke mir aber auch, liebe Schwiegermutter, bis zu unserer goldenen Hochzeit weißt du es dann, viellicht, obwohl, dann bist du ja nicht mehr, also BEEIL DICH mit dem Kapieren!!!

Löst bei mir auch aus: ich versteh sie ja. Anscheinend verunsichert sie mein Gesichtsausdruck wirklich, so daß sie sich jedesmal bei uns entschuldigt, da zu sein, und sich unerwünscht fühlt.

Und dahinter steckt aber so viel, was mir zu denken gibt. Ich bin jetzt locker in meiner zweiten Lebenshälfte angelangt. Ich hab, gestreckt mit Arbeit Kinderkriegen Arbeit Diagnose Arbeit, bis in die heutige Zeit gebraucht, Selbstbewußtsein zu bekommen und mich in meiner Haut wohl zu fühlen. Ich merke es daran, daß ich ganz allmählich lockerer werde. Ich singe manchmal spontan vor mich hin, fange an, rumzutänzeln, wenn ich auf etwas warten muss. In der Arbeit habe ich meinen festen Stand, in der Stadt habe ich langjährige, freundliche Kontakte. Das hilft mir, locker zu werden. Ich rede mehr und freier. Ich wirke nicht auf andere locker, siehe oben. Aber ich fühle mich selbst so, und das gibt mir Energie und auch den Spass daran, mich auszuprobieren. Oder Spass daran, mich zu bewegen, was mir bis vor zehn Jahren völlig absurd erschien.

Kurz gesagt, ich hab mich immer selbst für die todernste, steife, verknöcherte Person gehalten, als die ich angeschaut worden bin. Und komme jetzt dahinter, dass das nur meine angepasste, eher ängstliche Seite ist. In mir ist viel mehr Energie und Freude. Irgendwann ziemlich früh muss ein unseliger Kreislauf entstanden sein. Ich hab scheinbar auf niemanden reagiert, zumindest nicht für die anderen sichtbar, und die anderen haben dann auch nicht mehr auf mich reagiert. Was von mir sichtbar war, wurde achselzuckend zur Kenntnis genommen. Gelobt wurde es nicht, eingeladen wurde ich selten. Also blieb ich in meiner Sicherheitszone. „Wie bestellt und nicht abgeholt“, so lautet das Sprichwort bei uns, wenn jemand sinnfrei einfach irgendwo rundumsteht.

Ich hab so viel Zeit vertan, so viele Möglichkeiten dadurch verloren.

Aber mei, „was is, des is, was sei muaß, muaß sei!“

5 Gedanken zu “„Du schaust immer so ernst!“

  1. Das kenne ich sehr, sehr gut. Nur, dass ich den Satz meist in veränderter Form zu hören bekomme: „Lach doch mal!“ In mir löst es meist auch Wut aus, denn ich finde schon, dass ich in vielen Situationen lache. Okay, manchmal lache ich eher innerlich, aber manchmal lache ich auch so, dass andere Menschen es sehr deutlich sehen können. Und wenn mir nicht zum Lachen ist, dann lache ich nicht.

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  2. Danke
    Das ist alles richtig so
    Ich wäre schon froh, wenn sie mir glauben würde, aber was sie nicht kennt aus ihrem bisherigen Leben, nimmt sie nicht zur Kenntnis
    Wenn das gefangen ist, ja, dann ist sie das wohl

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    • Es gibt von Sarinijha diesen schönen Text über die Wahrnehmung von Menschen:

      https://creautism.wordpress.com/2019/01/15/introversion/

      Da gibt es die Menschen, die eher introvertiert sind. Sie sind still und machen sich ihre Gedanken. Sie werden von anderen unterschätzt, sie werden als dumm oder uninteressiert gesehen. Tatsächlich haben sie so viel zu denken und zu sagen. Das Gehirn denkt viel mehr und viel strukturierter als der Mund mit linearem Sprechen herausbringen könnte. Es ist auch meine Lebenserfahrung: Wenn ich mich mit einem eher stillen Menschen unterhalte, kommt plötzlich ein bunter Blumenstrauß an Gedanken und Ideen hervor, der mich ehrfürchtig erstaunen lässt.

      Dann gibt es die Menschen, die eher extrovertiert sind. Sie sind laut, manchmal auch ungehobelt, sozusagen polternd. Sie werden wahrgenommen, ihren Äußerungen schenkt man Aufmerksamkeit und damit Gewicht. Meine Lebenserfahrung sagt mir: Da ist meistens nicht viel dahinter. Das, was da laut geäußert wird, sind bereits alle Gedanken. Mehr ist da nicht.

      Nun stellt sich die Frage: Wie verhalte ich mich? Ich möchte wahrgenommen werden. Ich möchte, daß man meinen Äußerungen Gewicht schenkt. Also muß ich offensiv auftreten, muß mich eher extrovertiert präsentieren. Aber ich möchte auch nicht wahrgenommen werden als jemand, der bloß eine große Klappe hat und über nichts nachdenkt. Also müsste ich ja eher still und introvertiert auftreten. Dann würde ich zumindest von den Menschen, die sich auch Gedanken machen, erkannt. Was also soll ich tun? Wie ich es auch mache, es ist immer verkehrt.

      Und nun zu der wörtlichen Rede und den dazu passenden oder unpassenden Gesichtsausdrücken:

      Da gibt es die Menschen, die wörtlich das sagen, was sie denken. Sie sind geradeheraus und ehrlich, sie erwarten auch eine genauso ehrliche Reaktion. Der Gesichtsausdruck spielt keine Rolle, es zählt das genaue Wort. Es ist eine sehr angenehme Kommunikation, es gibt keine versteckten Botschaften, man kann offen über alles reden. Menschen sagen „Nein, es ist nichts. Laß mich jetzt in Ruhe!“ und sie meinen damit, daß sie eine kurze Aus-Zeit brauchen, um in Ruhe nachzudenken und ihre Gedanken zu sortieren.

      Dann gibt es die Menschen, die auf Gestik und Mimik achten, die die Zwischentöne der Sprache heraushören. Diese Menschen gelten als sehr empathisch, weil sie aus Gesichtsausdrücken herauslesen, wenn sich jemand unwohl fühlt. Ob das im Einzelfall wirklich stimmt, zählt nicht. Diese Menschen gelten als überaus höflich, weil sie immer nur positiv formulieren, denn sie erwarten, daß ihr Gegenüber die eigentliche Botschaft aus Sprachmelodie und Mimik herausliest. Menschen sagen „Nein, es ist nichts. Laß mich jetzt in Ruhe!“ uns sie meinen damit eigentlich „Ich bin stinksauer! Wage es bloß nicht, mir ohne eine dicke Entschuldigung noch mal unter die Augen zu kommen!“.

      Nun stellt sich die Frage: Wie verhalte ich mich? Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, daß man auf Zwischentöne achten sollte, daß Gestik und Mimik wichtig sind, um zu erkennen, was ein Menschen wirklich meint. Ich habe gelernt, daß das gesprochene Wort nicht gilt, sondern daß die Sprachmelodie und der Gesichtsausdruck viel wichtiger sind. Und dann begegne ich Menschen, wo es doch um die wörtliche Rede geht, wo genau das ausgesprochen wird, was auch gedacht wird. Das ist eigentlich ganz toll. Das ist doch das, was ich mir immer gewünscht habe. Aber ich merke, daß ich damit Probleme habe. Ich bin in jahrelanger Lebenserfahrung darauf konditioniert worden, auf Zwischentöne zu achten, Stimmlage und Mimik zu interpretieren. Selbst, wenn ich diese Erfahrungen so einfach abstreifen könnte, wäre das ja kontraproduktiv. Für die meisten Menschen sind diese Dinge viel wichtiger als das gesprochene Wort. Mit diesen Menschen will ich es mir ja auch nicht verscherzen. Was also soll ich tun? Wie ich es auch mache, es ist immer verkehrt.

      Was soll die Schwiegermutter tun? Was kann sie überhaupt tun? Sie ist aufgewachsen in einer Welt, in der es als höflich gilt, nicht direkt das zu sagen, was man denkt. Sie ist aufgewachsen in einer Welt, in der es als empathisch gilt, den Gesichtsausdruck seines Gegenübers zu deuten und sich besorgt über die darin gelesene Traurigkeit zu äußern. Kann sie überhaupt heraus aus dieser Welt? Ist das wirklich nur eine Frage des Kapierens? Ist sie sich überhaupt darüber bewusst, daß sie in ihrer Welt gefangen ist?

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