Ach Mutter …

 – die Angst nehmen – ein Kuss vor dem Einschlafen – Kuchen sonntags – das Leibgericht bekommen – Parfum – Umarmungen – ihr Gang, Bewegung, Silhouette, wenn sie das Licht löscht – Lachen – mitfühlende Tränen – stille, haltgebende Anwesenheit – ihre Worte, die einen Rahmen für das eigene Leben bilden –

In dem Buch*, das ich jetzt lese, sind alle diese Merkmale auf einer halben Seite Text aneinandergereiht. Es sind Beispiele dafür, wie und wodurch Menschen sich an ihre Mutter erinnern, was sie mit ihr verbinden. Ich verstehe sie als Beispiele für  Fürsorglichkeit oder Mütterlichkeit. Der Autor zählt sie auf, als er seine, geistig schon etwas verwirrte, Mutter besucht. Er kümmert sich um sie, um ihre Versorgung. Er beschließt, seine Familiengeschichte aufzuzeichnen, woraus sich dann der Roman entfaltet. Er betrauert den Verlust, der sich ankündigt, und genießt die Zweisamkeit und Vertrautheit, die jetzt zwischen ihnen existiert.

Als ich wiederum diese halbe Seite las, wurde ich mit einem Schlag ernüchtert, dann traurig, und ich pendele noch zwischen diesen Gefühlen hin und her.

Meine Mutter ist pflegebedürftig, sie ist dement, ich habe hier  beschrieben, wie es war, als ich sie eine Zeit bei mir beherbergt habe. Seither haben wir sie einige Male besucht, und immer ging es ihr gleich gut in ihrem neuen Heim. Erkannt hat sie uns wohl nicht ganz, aber wir konnten uns zusammensetzen und etwas Zeit verbringen. Mein Mann versteht nicht, warum ich sie nicht öfter besuche als alle paar Wochen, meine Schwiegermutter macht Vorwürfe. Meine Mutter habe mich großgezogen und sich gekümmert und hätte den Dank verdient, das gehöre sich schließlich so. Sicher, meine Unwilligkeit hat damit zu tun, daß jedes Mal ein Tag vom Wochenende drauf geht. Wohl auch damit, daß ich mit ihrer Demenz anders umgehe. Ich weiss ja, es geht ihr gut, und ich möchte sie nicht aus ihrem Rhythmus bringen.

Aber es sitzt tiefer. Als ich die Liste oben las, erkannte ich gar nichts wieder. Nichts. Ich kann mich gut an meine Kinderzeit erinnern: ich war in der Wohnung, in meinem Zimmer, gemeinsam vor dem Fernseher, es gab zu essen, meine Wäsche war gerichtet. Irgendwann wurde irgendetwas Oberflächliches gesprochen. Ich erinnere mich aber an nichts Persönliches zwischen uns. Meine Gefühle blieben bei mir. Kein Kuss, keine Aufmunterung, kein Bemühen, mir Sicherheit zu geben, kein Trost. Obwohl sie es sicher anders wollte. Sie war erschöpft, selbst unsicher in ihrem Leben, in einem fremden Land. Ich war ihr Kind, das ihr immer fremd geblieben ist, so fremd, wie ich mich heute noch fast überall fühle.

Gestern erst war ich auf einer Veranstaltung, zu der mein Mann und ich seit über zwanzig Jahren gehen, mit denselben Teilnehmern. Mir wurde erschrocken bewußt, wie wahnwitzig lange das schon ist, und wie unangemessen mein Empfinden, ich wäre in der Runde nur geduldet. Dabei muß ich in dieser Runde nur einen Millimeter aufmachen, dann spüre ich Vertrautheit und Interesse, ich kann in den Dialog gehen.

Mit meiner Mutter gab es keinen Dialog. Sie verstand mich nicht, und sie machte auch nie einen Versuch, näher an mich heranzukommen. Nicht mit Worten, nicht durch Fragen, nicht durch Interesse an meiner Welt, schon gar nicht durch Zärtlichkeit, sei es in der Berührung, sei es durch ein Anlächeln. Das Resultat daraus heute ist: Fremdheit. Eine Frau, die nett ist, die ich gut und schon lebenslang kenne, der ich aber nicht das Adjektiv „mütterlich“ zuordnen kann.

Manchmal blicke ich auf meine Kinder, die mal mehr, mal weniger mitteilsam sind. Ich habe nie eine Frage von ihnen verweigert. Ich frage vielleicht weniger oft bei ihnen nach, als gut wäre. Aber ich bin da, wir lachen viel, wir sprechen über alle möglichen Themen. Heute vormittag haben wir mehr miteinander geredet, als ich mit meiner Mutter in einem Jahr.

Ich habe Angst, dass es trotzdem nicht reicht. Ich möchte nicht, dass meine Kinder sich emotional allein fühlen.

Was bleibt, ist meiner Mutter gegenüber Pflichtbewußtsein und die Freude, ihr ab und zu etwas Gutes tun zu können. Weil irgendein Schicksal uns zusammengebunden hat, und für den Moment muss das als Motivation genügen.

*Christian Berkel, Der Apfelbaum

 

 

Ein Gedanke zu “Ach Mutter …

  1. Mir ginge es mit meiner Mutter ähnlich. Die Beziehung zu ihr ist praktisch seit dem Ende der Schulzeit nicht existent und davor nicht wirklich eng. In der Klasse musste ich mich immer rechtfertigen, warum ich meiner Mutter nichts zum Geburtstag oder zum Muttertag geschenkt habe. Meine Rückfrage: Warum sollte ich? Da schenke eher der lieben Nachbarin etwas. Die ist eher für mich eine Mutter. Könnte vom Alter her tatsächlich ihre Tochter sein. Dafür ist das Verhältnis zu meinem Opa umso enger. Ihn zu verlieren wäre wirklich schlimm. Liebenswerter Schwarzmaler.

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