Quickshot /Egoist

In der Timeline entwickelte sich eine kurze Diskussion um die Frage, ob sich Autisten egoistisch verhalten. Am gleichen Nachmittag verbreitete sich die Nachricht eines Todes: Samarie wird vermisst werden, viele fühlten mit ihr, auch ich. Ihre Erlebnisse in der Arbeit, im Krankenhaus… Und das Fuchskind zweifelte plötzlich daran, etwas Sinnvolles zuwege zu bringen.

Und ich, ich kann diese Fragen nicht voneinander trennen. Ich schreibe hier also ein kurzes Statement aus meiner, autistischen, Sicht, aber es könnte jeden betreffen, der, in welcher Form auch immer, Hilfe braucht.

Ich bin schon oft Schmarotzer genannt worden oder für Egoismus getadelt worden. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Ereignisse fallen mir ein. Mir wurde, von verschieden nahen Personen, unterstellt: ich mache es mir leicht, ich zwinge durch meine Passivität und meine Zurückhaltung die anderen dazu, für mich zu arbeiten und meine Aufgaben zu übernehmen. Ich nutze sie aus und manipuliere. Es wurde gesagt, ich liege anderen auf der Tasche, und ich dächte mir gar nichts dabei. Schiefe Blicke, weil ich die Einzige bin, die eine Einladung als solche aufgefasst hat und nicht überfreundlich abgelehnt hat. Die Schwiegermutter, die betont, wie gut ihr Sohn sich doch für die Familie einsetzt, und mir damit reindrückt, daß ich ja ziemlich ansprüchlich bin. Augenrollen, weil der Partner etwas Bestimmtes schon wieder übernehmen soll, was er selbst lästig findet. Oder, einen Schritt weiter: Streit, weil ich den autistischen Kindern Dinge abnehme, von denen ich weiss, daß sie für die Kinder eine besondere Belastung darstellen oder ihre Routine zerstören würden. Was ist dann wichtiger, die Rücksichtnahme auf ihr Wesen? Sie zu zwingen, sich den „Realitäten“ zu stellen, sich an die Anforderungen anzupassen? Erziehe ich die Kinder zu Egoisten?

Das sind ernste Vorwürfe. Solche Konflikte können eine Freundschaft oder Beziehung mit Leichtigkeit sprengen. Wenn einer immer muss, der andere nie tut… Das klingt einfach und eindeutig.

Aber

1. Man muss unbedingt, unbedingt! im Blick haben, daß Autismus schwer sichtbar ist. Also, ich meine, man sieht mir schon an, daß ich irgendwie anders bin, reichlich seltsam. Aber was genau mir Probleme bereitet, sieht man nicht. Und damit kann man nicht verstehen, warum ich bestimmte Hilfen gerne annehme, andere sogar im Moment brauche. Nicht umsonst gibt es Einrichtungen wie den GdB, Inklusion, Pflege, Betreuung. (Nichts davon wird btw von mir und meiner Familie beansprucht.) Aber was man gar nicht versteht, beurteilt man halt gerne aus dem, was man sieht. Was man sieht: eine normal intelligente, arbeitende Mutter, die könnte doch, wenn sie wollte?!

2.Wenn ich etwas nicht tue oder nicht kann oder beides, ist es keine Manipulation, siehe Anfang des Satzes. Ich tue das nicht, um irgendeine Bindung zu festigen oder weil ich Macht genießen will, das wäre eher pathologisch. Egoistisch im engeren Sinne hieße: ich mache das absichtlich so. Ich könnte anders, will aber nicht. Nun ja, ich könnte – meistens – anders. Aber dann kann ich andere, noch wichtigere, Dinge nicht mehr. Ich kann alles lernen, wohl wahr, aber meine Ressourcen reichen nicht für alles. Ich kann den Stress auf mich nehmen, in der Werkstatt oder in der Bank anzurufen und mich durchzufragen. Aber der Einkauf in vier Geschäften samt Smalltalk rundum hat schon gereicht, und den Rest des Tages gibt es Haushalt und Probleme, bei denen ich die Kinder unterstützen muss. Mein Mann hat Zeit, und er hat Vorwissen und er kennt die Leute dort. Ergo, er macht es. Es wäre wohl sinnvoll für mich, das mal zu übernehmen. Aber nicht jederzeit. Oder: die Kinder könnten es schaffen, diesen oder jenen Einkauf zu übernehmen. Ich finde aber nichts dabei, ihre Routinen zu berücksichtigen. Also, ich spreche ab, wann sie es übernehmen, und werfe ihnen keinen Egoismus vor, wenn sie nicht jetzt sofort, spontan, weil ich gerade so will, bereit sind, loszufahren. Mit anderen Menschen würde ich ja auch so umgehen, daß ich beiderseits Interessen und Skills mit berücksichtige…  Was bleibt: ich muss mich mit meinem Partner einigen, wie wir die Dinge aufteilen und wir sollten uns gegenseitig dafür wertschätzen, weil wir wissen, welche Kraft es den anderen kostet. Und danken.

Und 3., ja, das ewige Schuldgefühl, das sich daraus ergibt. In jeder Lebenslage ist man damit konfrontiert, dass einem andere Leute einfache Dinge abnehmen, für die man scheinbar zu faul oder zu blöd ist. Auch nahe Personen werfen es einem immer mal wieder vor.  Dieser Impuls, sich dann kleinzumachen, sich mies zu fühlen, sich für alles mehrfach zu bedanken und sich immer wieder zu entschuldigen, daß man es den anderen so schwer macht. Es steckt tief drin. Dieses Gefühl chronifiziert irgendwann, es begleitet einen immer. Es ruiniert auf Dauer das eigene Selbstwertgefühl. Was man tatsächlich selbst kann und leistet, verschwindet neben den Defiziten. Und auch das bezeugt, daß ich mir die Hilfe nicht einfach egoistisch erschlichen habe. Denn wäre das so, würde ich mich entspannt und selbstzufrieden zurücklehnen und mir ins Fäustchen lachen, wie gewieft ich doch bin. Aber am Ende mit Schuldzetteln beklebt durch den Alltag zu laufen, und selten gut zu schlafen, weil jeder Tag unrichtig ist – das fühlt sich ganz anders an.

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3 Gedanken zu “Quickshot /Egoist

  1. Das hat mir meine Mutter auch gefühlt ständig vorgeworfen. Aber dass ich nach einer anstrengenden Schulwoche vielleicht keinen Nerv mehr für im Haushalt helfen hatte, darauf ist sie nicht gekommen. Außerdem funktioniert bei mir ein unverbindliches „Du könntest doch mal ab und zu … (Sache x tun)“ schlicht nicht. Aber auch das haben mir verschiedene Leute schon genau so gesagt. Wenn man mir aber sagt: „Du bist ab (Tag) jede Woche für (Tätigkeit x) verantwortlich“, funktioniert das sehr gut. Bin ich also ein Egoist, weil ich entweder a) nach einem anstrengenden Tag breit bin oder b) eine verbindliche Routine brauche?

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