Quickshot /Hunter

Neulich hätte ich mir eine schöne Jobidee gefunden.

Ich war im Zoo, alleine. Es war nicht so viel los, kurz nach der Öffnung morgens. Nach ungefähr einer halben Stunde beschloss ich, Zooführer zu werden, und dafür bezahlt zu werden, den anderen Besuchern zu erklären und zu zeigen, wo im Gehege der Papagei sitzt, die Schlange, der Leguan etc.. Während die meisten Menschen nämlich laut plappernd sich gegenseitig fragten „Ja wo ist er denn“, beobachtete ich das Tier schon lange ganz still.

Meine Eltern sind nie in den Zoo, nie spazieren oder wandern gegangen. Es kam die Ehe, dann kamen die Kinder, wir waren oft miteinander unterwegs. Tatsächlich war ich selbst aber ganz selten mal alleine spazieren, und jetzt war ich das erste Mal ganz alleine und mit viel Zeit im Zoo.

Wie gesagt, es war noch relativ ruhig dort. Ich hatte Zeit, mich auch selbst zu beobachten und war völlig perplex.

Ich wußte schon, daß ich mein Auge auf viel mehr „Nebensächlichkeiten“ richte, als zum Beispiel mein Mann. Ich wandere auf ein Ziel hin, ich freu mich auf das Ziel, aber ich sammel auch Eindrücke von Blumen und Tieren. Auch auf Fotos, wenn man mir nicht (wie normalerweise) mit Ungeduld begegnet. Aber mir war nicht klar, wie sehr meine Wahrnehmung auf Details eingestellt ist.

Das Insekt im Augenwinkel, der Geruch, der alle paar Meter wechselt, die eine Pflanze, die ich liebe und die sich plötzlich hervorduckt. Die Strukturen von Blüten, die Abweichung im Farbton, die mir verrät, wo ich im Gehege suchen muß. Der Bewegungsablauf im Detail, der dafür sorgt, daß ich von stetigen Chamäeleons, leisen Tigerpranken, sogar vom Muskelspiel einer Python hypnotisiert bin. Mit den Menschen hab ich nichts zu tun, und trotzdem schwappen mir Eindrücke ins Gesicht wie eine kalte Dusche. Stimmungen, Blicke, alles landet hoch intensiv bei mir.

Es ist ein Unterschied, davon zu lesen, daß das bei Autisten so ist. Oder das zu erleben.

Ich bin nicht mehr die Jüngste, also sind mein Gehör und mein Sehvermögen eh schon vermindert, im Vergleich zu früher. Trotzdem war ich gestern von den Eindrücken voll in Beschlag genommen. Ich fragte mich, wie ich auch nur eine Schulpause im Hof, bei Gekreische und Durcheinander, überlebt habe. Wahrscheinlich durch automatisches Abschalten und in die Ecke schauen. Ich weiss es nicht.

Ich hab versucht, mich bei diesem Zoobesuch von den ganzen Infotafeln fernzuhalten und mich  auf die Tiere zu konzentrieren, und weil ich nicht agelenkt war, konnte ich ganz in den Eindrücken versinken. In der Fledermaushöhle still stehen und die Flugbahnen verfolgen. Oder dem Luchs ins Auge sehen, minutenlang haben wir uns fixiert. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Jäger, wie jemand, der seine Sinne geschult hat, um Fährten zu lesen und Zeichen zu deuten.

Ja, das ist jetzt übertrieben. Aber ich hatte eine Ahnung bekommen, wie das sein könnte, allein, auf Jagd, mit allen Sinnen auf Empfang, und es war ein sehr, sehr schönes Empfinden.

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