MCS x/30

In unserer Familie sind die Aufgaben hübsch verteilt, meine ist u.a. zu kochen, und immer bietet mir mein Mann an, alles aufzuräumen.

Heute nahm ich sein Angebot an. Etwas später ging ich an ihm vorbei, als er gerade den Tisch säuberte. Und dann rutschte ich in einen Impuls und in einen Moment, in dem mir klar wurde, ich muss besser auf mich aufpassen.

Ich war drauf und dran gewesen, mich dafür zu entschuldigen, daß ich soviel Geschirr angepatzt hatte. Ich konnte den Satz gerade noch zurückhalten. Wohlgemerkt, ich hatte Familienessen gekocht mit zwei Varianten und alles à point und just in time auf den Tisch gebracht.

Verrückt. Aber real. Ich rechne mal so: ich kann mich auf mindestens drei Schuldskalen einordnen, also den Impuls, sich zu entschuldigen und klein zu machen, in drei Dimensionen bewerten. Jeweils von 0-10, auf gut psychologisch. Ich nenne sie Mea culpa Skala oder MCS-X

Skala 1 Ich bin eine Frau. Frauen verhalten sich oft so, ob by nature oder by nurture, egal. Wissen wir alle, haben wir alle eine eigene Ansicht dazu. Meine persönliche Erinnerung dazu: als ich das erste Mal Bella Block sah, war ich fasziniert und begeistert, weil sie schaute und agierte wie ein Mann. Das fand ich cool, Frauen empfindet man ja immer noch lächelnd als „richtig“. Aber gut, die allgemeine Einstellung ändert sich doch.

Also, Faktor Frau: 5/10 auf der MCS-F

 

Skala 2 Ich bin Mutter. Himmelherrgott. Facebook verfolgt mich mit einer Komödiantin von Antenne Bayern, die selbstironisch ihre mütterlichen Unverzeihlichkeiten ausbreitet. Ich gebe zu, ich schaue es an und amüsiere mich darüber. Weil man (bzw. mutter) es so gut versteht. Im persönlichen Umfeld gibt es mehr Toleranz, aber in den Medien findet sich immer etwas, was man als Mutter so richtig verbocken kann, und die Heli-Profi-Opti-Tigermütter sind kein Klischee, ich kenne solche Damen. Viel Arbeit, die man sich Tag für Tag machen kann, und ebensoviele Gelegenheiten für ein schlechtes Gewissen.

Also, Faktor Mutter: 8/10 auf der MCS-M

 

Skala 3 Denn, ich bin ja auch noch Autistin. Und als solche erreiche ich das Maximum auf meiner Skala. Denn ob ich mich anstrenge oder nicht, an die Grenzen gehe oder nicht. Es reicht nicht. Es kommt immer ein Punkt, an dem ich etwas nicht schaffe, mich jemand nicht versteht, jemand von mir irritiert ist. Ich langweile Menschen, stosse sie vor den Kopf, verärgere und frustriere sie. Und immer unverhofft wirke ich auf einmal ellahaft, ich habe zu wenig Kontrolle darüber. Und ich bin es, der sich dann entschuldigen muss. Ich werde ja nicht verstanden, der Rest der Welt versteht sich. Die letzten Tage war es plötzlich wieder so weit, mein Mann frustriert, daß ich sozial so inaktiv sei (… das seh ich mit Familie und meinem Beruf natürlich etwas anders, aber das kann ich nicht gut genug erklären…). Ein Schock, wieder mal. Und auf diese Art Unverständnis könnte man nun gar nicht reagieren oder schroff reagieren, ist halt Mist für die Beziehung. Oder so, wie ich es mir vor langem schon angewöhnt habe. Klein machen, erklären, entschuldigen, anpassen, nachfragen, hektisch versuchen, wieder in die „normale“ Spur zu kommen.

Also, Faktor Autismus: 10/10 auf der MCS-A

 

Macht 23/30 Schuldpunkten.

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4 Gedanken zu “MCS x/30

  1. Als weicher XXY-Mann mit eindeutigem Surplus an weiblichen Genen, der auch noch Autist und hypersensibel ist, geht es mir oft wie Dir. Auch ohne Sozialberuf.
    „Und ich bin es, der sich dann entschuldigen muss. Ich werde ja nicht verstanden, der Rest der Welt versteht sich“

    Was dann auch noch hinzukommt – ich entschuldige mich wirklich, kann mich aber an zahlreiche Situationen quer durch Alltag, Beruf, Schulzeit erinnern,
    wo sich Menschen, die sich mir gegenüber unfair oder richtig gemein verhalten haben, nie entschuldigen. Leider vergesse ich das auch nach 10 oder 20 Jahren nicht. Ich bezweifle, dass sich diejenigen noch daran erinnern können, MCS wohl -5 oder so.

    Gefällt 1 Person

    • Ja
      Wir waren heute spazieren, mit Mann waren wir halt spazieren. Ohne hätte ich fotografiert, viel mehr auf alle Dinge geschaut, die ich so wahrnehme und interessant finde. Und wie du schreibst: diese Dysbalance ist nicht schlimm, aber trotzdem selbstverständlich zu meinem Nachteil da. Immer ein bisschen…

      Liken

  2. Vielleicht liegt – zumindest bei Skala 3 – die Messlatte zu hoch.
    Vielleicht legst Du sie so (und damit zu) hoch an, nicht weil Du es selbst so siehst, sondern Dir eingeredet wird, was Du alles zu erreichen und zu schaffen hast.
    Vielleicht stimmt die ganze Skalierung nicht richtig.

    Ich kann das sehr gut nachvollziehen, gerade die Diskrepanz zwischen dem, was man schaffen kann und meint schaffen zu müssen…

    Relax – take it easy.

    Gefällt 2 Personen

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