Demenz für Anfänger

„Wie heißt die Katze?“

Es ist nicht so, daß ich diese Frage nicht schon beantwortet hätte. In den letzten 9 Tagen habe ich sie pro Tag etwa sieben Mal beantwortet. Das wären dann 63mal (nur meine Antworten). Ich beantworte auch mehrmals pro Tag die Frage, warum wir nicht in ihre Wohnung fahren können, wo ihre Kinder sind, wer auf die „Kleinen“ aufpasst (die über 40 sind, eines davon bin ich), wo wir sind, wie die Fernbedienung geht und wo das WC ist etc etc…

Demenz im Anfangsstadium. Bei meiner Mutter, die gerade in Ferien bei uns ist. Sonst, in ihrem eigenen Zuhause, kommt sie wohl zurecht mit etwas Nachkontrolle, bzw. kann sie nicht viel verkehrt machen. Demenz für Anfänger, für mich. Ich hab früher mit alten Menschen gearbeitet, aber es ist lange her, und viel hab ich nicht gelernt daraus. Jetzt muß ich ganz von vorne lernen, was das ist und wie das ist.

Es heißt immer, alte verwirrte Menschen würden wieder zu kleinen Kindern. Bei meiner Mutter denkt man das jetzt auch schnell. Allerdings war das früher nicht anders.

„Wie heißt die Katze?“

Der Vergleich mit einem Kleinkind wirkt erst mal plausibel, verstehen demente Personen doch nichts mehr, kennen sich nicht aus, finden sich nicht zurecht, und man muss sie beaufsichtigen wie kleine Kinder. Aber der Vergleich hinkt stark. Ich glaube, die Persönlichkeit bleibt, die Summe von Erfahrungen, der Charakter. Wie oft habe ich schon mit verzweifelten Frauen gesprochen, deren demente Männer so dominant wie eh und je sein wollen, ein unlösbares Dilemma.

So ist meine Mutter nicht. So war sie nie. Im Gegenteil, sie hat nie viel verstanden, und sie hat es auch nie versucht. Sie hat auch nie Interesse für mich und die Kinder gezeigt, wußte bis zuletzt meinen Beruf nicht, so daß es da auch jetzt noch keinen Gesprächsstoff gibt. Ich kenne sie so, wie sie auch jetzt neben mir sitzt: sie schaut mit großen Augen in die Welt, macht immer die gleichen Kommentare, und bei jedem Problemchen und jeder Anforderung stöhnt sie „will ich nicht“ oder „kann ich nicht“ oder „nein, lieber nicht“. Nur, daß ihr Gedächtnis jetzt wirklich weg ist. Besser gesagt, es ist so löcherig und verlangsamt, daß man es kaum glauben kann, wenn nach drei Tagen doch ein Fünkchen Wiedererkennen erglimmt.

„Wie heißt die Katze?“

Wie es sich wohl anfühlen mag, sich nur für kurze Momente orientieren zu können? Ich versuche, mir das demente Bewußtsein wie ein Stück Stoff vorzustellen. Kein gleichmäßig gewebter, wärmender Pullover mehr, mit fixen Nähten. Statt dessen halb aufgelöste Nähte, eine fadenscheinige Struktur, und eine zittrige Hand, die nach losen Enden greift, aber in 98 von 100 Versuchen rutscht der Faden wieder weg. Kein Wärmeschutz mehr, kein Schutz vor Blicken. Das muß ein permanenter Zustand von Unruhe und Besorgnis sein, eine Notwendigkeit, sich zu versichern. Was machen?

Na eben. Fragen. In Dauerschleife: immer, wenn etwas Unbekanntes auftaucht, wenn ein Moment Langeweile auftaucht, wenn etwas beunruhigt oder ängstigt. Fragen, und mit den Antworten eine Sekunde lang das Bewußtseinsloch stopfen.

„Wie heißt die Katze?“

Für mich heißt das: keine Pause. Denn die Aufmerksamkeit ist so kurz, daß meine Mutter nicht mehr lesen kann. Sie reicht maximal eine Bildunterschrift in einer Illustrierten lang. Und ihre lebenslange Gewohnheit, nach Arbeit und Putzen nur noch fernzusehen, führt dazu, daß sie auch jetzt keinerlei Interesse an etwas anderem hat. Ihr Alltag besteht jetzt aus: Schlafen, Essen. Wenn es gut geht und ich hartnäckig bin, ein paar Minuten an die frische Luft gehen. In besseren Momenten im Haushalt aushelfen, in halb so guten Momenten Zeitungen durchblättern, den Rest der Zeit fernsehen und dabei auf Nachrichten warten, denn die sind kurz genug, sie zu verstehen.

Und das ist jetzt mein Alltag. So lange sie wach ist. Denn sie hält den Alltag nicht alleine aus, nicht länger als ein paar Minuten. Dann kommt die Angst. Dann kommen die Fragen. Dann braucht sie Sicherheit.

Die Sicherheit, die bin ich. Auch wenn sie nicht benennen kann, wer ich bin.

„Wie heißt die Katze?“

Ich bin froh, daß meine Kinder die Situation problemlos mittragen und die eine oder andere Aufgabe übernehmen. Sie gehen erstaunlich neutral und hilfsbereit damit um und sind freundlich zu ihrer Großmutter, die für sie  immer eine Fremde geblieben ist. Sie gehen routiniert mit den Fragen um, sprechen mich nur diskret darauf an, und lehnen sehr höflich ab, wenn ihre Oma ihnen Essensreste anbietet.

„Wie heißt die Katze?“

Sie haben auch die ersten, fürchterlichen Tage ruhig mitgetragen. Erst wollte die Mutter nicht zu uns, aber es gibt gerade keine andere Betreuung, sie mußte. Es kam schreckliches Heimweh, zwei Tage, an denen sie wegwollte. Der Wahn, ihre kleinen Kinder wären allein auf der Strasse. Die Tür zugesperrt, und ich ließ mir von Kollegen Pillen zustecken. Die ich so niedrig dosiert vergebe, wie möglich. Dann WC-Unfälle aller Art. Dann so etwas wie Beruhigung und Routine. Der Pullover noch löchrig, aber er kratzt wohl auch nicht mehr. Ich hab gelernt, zu lügen, und damit meine ich, eine Frage so zu beantworten, daß die Frage dahinter etwas besänftigt ist. Ich übe kräftig, anzunehmen, was ist. Ich kann jetzt nachvollziehen, wie es ist, wenn man selbst in Panik ist und aus Panik heraus aggressiv und herablassend wird. Ich glaube und hoffe aber, ich habe den Prozess rechtzeitig an mir gestoppt. Ich versuche, die guten Momente zu erwischen und mich darauf zu besinnen. Denn nach der Zeit heißt es wieder Arbeit und Alltag, und dann herumjammern, wie ungerecht und kacke doch alles war: damit schade ich mir nur selbst.

„Wie heißt die Katze?“

Ich bräuchte die Frage gar nicht beantworten. Ich könnte mir einen Spaß machen und jedesmal noch abwegigere Namen nennen. Am Ende ist es aber eine Sache der Würde, den richtigen Namen zu nennen. Ihn ruhig zu nennen. Es ist eine Sache des Respekts, Gedanken wie „Nicht schon wieder!“ oder „Das gibt es doch nicht!“ oder ähnliche bucklige Verwandte im Kopf zu muten. Denn am Ende des Tages geht sie schlafen, mit meiner Hilfe. Am Bettrand sage ich Gute Nacht, versichere, daß ich in der Nähe bin und die Türe etwas offen lasse. Ich höre ein erleichtertes Danke, ich spüre seine Ehrlichkeit, und wenn ich einen Rest Würde und Respekt in diesen Tagen bewahren konnte – jetzt kommt er uns beiden zugute.

Das Glas Wein hinterher, das trinke ich erleichtert und beruhigt, im Beisein der namenlosen Katze…

 

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