Fremdeln

Ob auf Twitter oder auf Facebook, manchmal fange ich mittendrin an, mir irgendwelche Profilbilder anzuschauen. Ich lass es gleich wieder, denn es tut mir selten gut. Das hört sich erst mal nach Masochismus an, ist aber eher eine Art von Suche.

Ich schau dann oft die Bilder schicker Damen an. Ich selbst seh nicht wirklich gut aus, und zuerst dachte ich, es ginge darum. Mir klarzumachen, dass die Damen besser aussehen als ich. Selbstmitleid zu erzeugen. Nein, passt nicht. Das bin ich nicht. Dann dachte ich, nicht nur das Aussehen, die wirken so fröhlich und selbstbewusst, zieht mich das an?

War auch knapp daneben, wie ich jetzt begriffen habe. Denn ich las über mehrere neuere Studien, zusammengefasst ergaben sie folgendes: Autisten werden von Nichtautisten in kürzester Zeit als seltsam wahrgenommen und als Interaktionspartner in die zweite Reihe geschoben. Bei Autisten wiederum variiert die soziale Angst und mit ihr die soziale Kompetenz. Nimmt man ihnen einen Teil der Angst, verhalten sie sich auch weniger schräg. Einfühlen und erfolgreich kommunizieren wiederum hängen davon ab, ob man sich als zusammengehörig empfindet und sich im Kontakt aufeinander “einschwingen“ kann.

(Alles im Detail in den Tweets von @leoschilbach nachzulesen, danke dafür!)

In der Summe ergibt dies meine wohlbekannte Erfahrung in wohlbekannter Reihenfolge. Irgendwo neu hinkommen. Sofort Befremden auslösen und ignoriert werden bzw. gelernt haben. Sich zurückhalten, weil man dann wenigstens nicht noch mehr kaputtmacht. Das Ganze in einer sich stabilisierenden Dauerschleife. Der Eindruck, einfach falsch zu sein, wächst und festigt sich unmerklich zur Überzeugung. Manchmal schraubt sich die Spirale schnell hoch, in ein paar Minuten.  Unter dieser Anspannung geht Blickkontakt manchmal kaum noch, er sticht richtig, und damit kann man sich auch schwer mit jemandem synchronisieren, sich auf ihn einstellen oder sich “blind verstehen“. Auf jeden Fall aber wird es Jahr für Jahr schwerer, an das Gegenteil zu glauben. Am Arbeitsplatz, an meinem Heimatort, entsteht langsam, sehr langsam so etwas wie Verbundenheit, aber mit der Fremdheitserfahrung braucht es wirklich lange, sich einfach mal richtig zu fühlen. Oder nur nicht-falsch…

Ich begreife jetzt: was ich versuche, aus den Profilbildern herauszufiltern, ist das Geheimnis, wie mensch es schafft, auf den ersten Blick sympathisch und annehmbar zu wirken. Wo liegt es? In der Schönheit, Ebenmäßigkeit, dem Augenaufschlag, der Ironie, der Distanz??? Ich kann es nicht verstehen. Ich bin einfach anders, und ich werde als anders behandelt. Aber ich versuche immer wieder, doch noch eine Spur zu finden.

Und umgekehrt ist es auch so, dass die Fähigkeit, unbefangen oder wenigstens angstfrei auf Nichtautisten zuzugehen, stetig abnimmt. Bei meinen Kindern ist es inzwischen so:

Der Mann ist ein Verwandter, mit dem wir neulich, alle in trauter und friedlicher Runde, Stunden verbracht haben. Und gelacht haben und uns ausgetauscht haben. So etwas habe ich mit meinen Kindern leider, leider schon lange nicht mehr erlebt. So entspannt habe ich diese Situation noch nie mit ihnen erlebt. Alle anderen Verwandten werden gemieden, denn keiner von diesen kann sich damit zurückhalten, die Kinder auf irgendeine Ungewöhnlichkeit anzusprechen. Oder verwundert zu sein. Oder nach Zeichen von sogenannter Normalität zu forschen. Oder uns rüberzuschieben, wir sollten doch mal strenger sein. Das hat leider zur Folge, daß auch Freunde von uns weitgehend gemieden werden. (Es kommen sowieso sehr selten Freunde zu Besuch).

Keine Lösung in Sicht, außer die wenigen Ausnahmen zu genießen, und sich alle Vorwürfe zu sparen.

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7 Gedanken zu “Fremdeln

  1. Du schreibst über die Gegensätze zwischen Autisten und Nichtautisten, und Du setzt diese in Beziehung zu der Sympathie oder Nichtsympathie für Profilbilder. „Aus den Profilbildern herauszufiltern […]: Das Geheimnis, wie mensch es schafft, auf den ersten Blick sympathisch und annehmbar zu wirken“. Siehst Du einen Zusammenhang dazwischen, ob ein Mensch ein Autist ist und wie sympathisch er auf seinem Profilbild erscheint? Wenn es da tatsächlich einen objektiven Zusammenhang gäbe, dann würde das ja bedeuten, daß man alleine aufgrund eines Profilbildes Autismus diagnostizieren könnte.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die meisten Menschen sich selbst auf Photos nicht gefallen (so wie viele auch nicht gerne eine Aufzeichnung ihrer eigenen Stimme hören). Viele Menschen sagen offen, daß sie sich selbst nicht auf Bildern sehen mögen, andere Menschen schweigen dazu, aber wirkliche Begeisterung für das eigene Photo habe ich bisher noch nicht vernommen.

    Wenn bei Veranstaltungen Photos gemacht werden, fordere ich die Menschen meistens auf, ganz viele Photos von mir aufzunehmen. Dann steigt die Chance, daß wenigstens eines dabei ist, auf dem ich mit zumindest halbwegs gefalle. Interessant ist allerdings, daß meine Auswahl eines Photos in der Regel nicht übereinstimmt mit der Auswahl durch andere Menschen. Wenn ich jemand anders auffordere, aus den Bildern eines Abends das herauszusuchen, wo ich am Besten getroffen bin, dann kommt da meist eine Aufnahme heraus, auf der ich meiner Ansicht nach völlig unvorteilhaft wiedergegeben bin. Manchmal frage ich dann ungläubig „Sehe ich wirklich so schlimm aus?“. Als Antwort kommt dann ein hilfloses „Daniel, das bist doch Du!“. Und dann weiß ich nicht, ob ich das als gute oder als schlechte Nachricht ansehen soll.

    Das Profilbild hier habe ich mir selbst herausgesucht, nicht von jemand anders heraussuchen lassen:
    https://twitter.com/bilderbein

    Ist das nun gut oder schlecht, daß ich das Bild selbst ausgesucht habe? Was sehen andere Menschen, die mich kennen, in dem Bild? Was sehen andere Menschen, die mich nicht kennen, in dem Bild? Kann man auf mich „unbefangen oder wenigstens angstfrei“ zugehen? Aber ich glaube, ich bin mit solchen Fragen nicht alleine, es geht vielen Menschen bzgl. des eigenen Photos so. Nur grübeln viele Menschen nicht so darüber nach, sondern haken es einfach ab. Das ist wohl auch besser so. Denn der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung lässt sich ohnehin nicht auflösen. Ich werde es nicht schaffen, mein Bild durch die Augen eines (fiktiven) Menschen zu sehen, der mich noch gar nicht kennt, der noch gar nichts über mich weiß.

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    • Ich bin mit Fotos von mir meist unzufrieden, ich entspreche einfach nicht dem Schönheitsideal. Und ich kann mich schlecht in Pose setzen. Aber das halte ich, wie du, für ein allgemeines Phänomen.
      Ich hätte präziser formulieren sollen, dass ich speziell die Bilder ansehe, die eben als “einnehmend“ gelten können, oder die ich so einschätze. Und natürlich bilde ich mir nur ein, das wären Nichtautisten, die kein Problem haben, sich darzustellen. Ich übertrage schlicht meine Lebenserfahrung auf die Bildchen.

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      • Ich habe die Erfahrungen gemacht, daß man aus dem Photo eines Gesichts überhaupt nichts über die Gefühle und die Persönlichkeit des Menschen schließen kann. Was auf Photos als besondere Fröhlichkeit und Offenheit herüberkommt, kann eine Maske sein, hinter der sich beispielsweise Depressionen verbergen. Ich bin auch immer wieder erstaunt, wenn mir Menschen nach näherem Kennenlernen ihre Unsicherheiten und Ängste offenbaren, die ich ihnen aufgrund ihres Auftretens (also nicht nur auf Photos) überhaupt nicht zugetraut hätte. Das Äußere eines Menschen sagt also gar nichts.

        Weit wichtiger ist das Verhalten eines Menschen, allerdings darf man auch da nicht voreilig urteilen. Manch mürrisch und unfreundlich erscheinender Mensch entpuppt sich plötzlich als total hilfsbereiter Zeitgenosse, wenn man mit ihm kommuniziert und ihm Dinge erklärt. Und manch zunächst fröhlich und freundlich erscheinende Menschen entpuppen sich als unglaublich von sich selbst überzeugt, stur und besserwisserisch – so wie das im letzten Absatz dieses Blogpost beschriebene Verhalten der Verwandten.

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  2. Jetzt habe ich mich aber richtig erschrocken, daß meine letzten Tweets so riesig in dem Kommentar drinstehen. Ich wollte doch bloß den Link zu meinem Twitterkanal nennen als Beispiel für eine Stelle, wo ein Profilfoto von mir steht. Um die Photos, die da aktuell stehen, geht es doch gar nicht.

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