Quickshot /Ich hab dich vermisst

Zurück.

Ein Treffen mit alten Klassenkameraden. Es gab vorher schon Treffen, ich war erst jetzt eingeladen. Ich bin nach der Schule nie mehr an den Heimatort zurückgekehrt, und ich hatte nur sporadischen Kontakt zu wenigen, der sich bald aufhörte. Erst durch die sozialen Medien war ich wieder auffindbar.

Du warst nicht da. Niemand wußte, wo du abgeblieben bist. Seit der Schule nicht mehr. Nicht einmal Gerüchte gab es. Auf alten Klassenfotos warst du abgebildet, und manche lachten über dein Verhalten  so, wie sie dich damals wohl auch ausgelacht haben. Den meisten auf diesem Treffen warst du egal, und zwei oder drei wunderten sich mit mir und bedauerten deine Abwesenheit. Das Gespräch ging darüber, daß es doch angenehm gewesen sei, daß wir so unterschiedlich sein durften. Heute sei der Konformitätsdruck viel größer.

Ich hoffe nicht, daß das stimmt. Denn ich brauche für mch die Toleranz anderer Menschen für mein Anderssein. Ich selbst fühle mich auch viel wohler, wenn ich von unterschiedlichen Menschen umgeben bin. Ich habe herausgefunden, daß ich deshalb so gern in Großstädten bin: ich liebe die Vielfalt, und das man-selbst-sein-dürfen.

Bis ich zu diesem Treffen fuhr, habe ich auch kaum je über dich nachgedacht, du warst aus meinem Kosmos so  verschwunden wie alle anderen. Ich weiß nicht, ob du Autist bist. Ich denke aber doch, es spricht sehr viel dafür. Als ich losfuhr, fiel mir auf, wie sehr du meinem Sohn gleichst. So wie ich dich in Erinnerung habe, so still und unaufdringlich und doch sah man dir deinen inneren Reichtum an. Überall bist du im Hintergrund, du willst dabei sein – aber mehr Gemeinschaft gibt es nicht. Niemand interessiert sich für das, was du beizutragen hast. Und so konsequent, wie die anderen über dich hinweggesehen haben, so konsequent bist du dann deinen eigenen Weg gegangen, irgendwo, fernab. Ich wünschte, ich wäre nicht so mit meinen Problemen befasst gewesen, ich htte dich gerne besser gekannt. Denn sympathisiert habe ich mit dir, ich mochte dich.

Du hast einen Allerweltsnamen, leider. Ich würde dich sonst googlen, aber so habe ich keine Chance.

Schade.

Mögest du deinen Weg gefunden haben!

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2 Gedanken zu “Quickshot /Ich hab dich vermisst

  1. Das ist wirklich eine rührende Erzählung. Ich musste erst weinen, als ich das gelesen habe.

    Der Angesprochene geht vermutlich nicht zu Klassentreffen, weil er denkt, daß er ohnehin nicht erwünscht ist, daß ich schon damals niemand gemocht hat. Dabei würde sich doch – mit so vielen Jahren Abstand – offenbaren, daß da durchaus noch mehr Personen sind, die ihm zugewandt waren, die aber nicht wussten, wie sie mit ihm umgehen sollen. Es waren ja alles noch Kinder. Und jetzt im Nachhinein wäre es sicherlich für alle Seiten hilfreich, die Erinnerungen zu reflektieren.

    Mir ist es bei meiner Zeit bei der Bundeswehr bewusst geworden, daß es überhaupt nicht stimmen muß, wenn man denkt, daß einen bestimmte Menschen nicht mögen. Ich habe nach dem Abitur (damals stand die innerdeutsche Mauer noch) meinen Wehrdienst bei der Bundeswehr abgeleistet, das waren damals 15 Monate. Ich kam da frisch von der Schule, hatte so recht noch keine Ahnung vom Leben, und kam da zusammen mit Menschen aus unterschiedlichsten Schichten und mit völlig unterschiedlichem Charakter, die ich sonst niemals getroffen hätte. Da waren so einige mit etwas derberem Naturell, die haben sich mit mir nicht abgegeben. Aber wenn die abends einige Bier getrunken hatten, dann kamen die plötzlich auf mich zu und erzählten mir, was sie alles an mir schätzen und daß ich mich bloß nicht verbiegen lassen soll. Am nächsten Tag, wenn die wieder nüchtern waren, dann waren wir quasi wieder weit entfernt. Aber wenn ein Halbstarker ankam und Streit mit mir suchte, dann war prompt jemand da und sagte „Ey, pack den Daniel nicht an!“. Die wussten mit mir also so recht nichts anzufangen, aber ich war ihnen wohl irgendwie sympathisch.

    Ich frage mich so manches Mal, was aus Menschen geworden ist, die mir in meinem Leben begegnet sind. An der Uni hatte ich fast in jedem Semester wieder andere Leute um mich herum, bei den Diplomstudiengängen hat sich ja jeder seine Kurse selbst zusammengesucht. Ich habe oft mit anderen in der Mensa, im Fachschaftsräumen oder in Cafeterien zusammengesessen, aber wir kannte voneinander alle nur Vornamen. Bei den meisten erinnere ich mich an den Namen nicht mehr, aber ich habe noch Gespräche im Gedächtnis, die wir miteinander geführt haben. Bei vielen Dingen würde ich heute gerne noch mal an ein altes Gespräch anknüpfen, aber ich sehe keine Chance dazu.

    Dagegen ist das Wiedersehen alter Schulkameraden ja vergleichsweise einfach: Von unserem Abitur-Jahrgang gibt es eine Namensliste mit den damaligen Nachnamen und Adressen. Es gibt ein paar Leute, die Kontakt zu allen halten (die sich nicht aktiv dagegen wehren) und die alle fünf Jahre zu einem Treffen einladen. Es ist echt schade, wenn man das nicht nutzt, um die Menschen wiederzusehen und zu schauen, was aus ihnen geworden ist, wie sie jetzt denken, und welche Meinung sie heute zu den Erlebnissen von damals haben.

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