Quickshot /Dustin, nein Dust in the wind

Ok, das könnte jetzt kompliziert werden…

Neulich lief „Die Reifeprüfung“ im TV. Ich hatte den Film noch nie gesehen, das Thema sprach mich nicht an. Diesmal dachte ich, warum nicht, er wird so oft gelobt, ist doch vielleicht nett, den Soundtrack von Simon & Garfunkel im Original zu hören.

Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich schaltete nach 15 Minuten ab.

Ich hatte Dustin Hoffman früher als Rain Man gesehen, und die Art, wie der junge Ben in sein Zuhause weniger zurückkehrt, als -irrt, konnte ich nicht ertragen, weil sich in mir mein autistisches Gefühl vordrängte. Es erinnerte mich zu sehr an mich selbst, ich war vollkommen in diesem Gefühl. Das Gefühl, in einer Gesellschaft orientierungslos herumzuirren. Es funktioniert irgendwie, ich komme dahin, wo ich hin will und mache das, was nötig ist – Ben findet sich ja auch irgendwie zurecht – aber es ist alles so verwirrend.

Es schob sich ein anderer Film in meine Erinnerung, den ich neulich zufällig gesehen hatte: Lost in translation. Auch da identifizierte ich mich sofort mit dem Hauptdarsteller, Bill Murray. Auch er hat einen Ort, eine Aufgabe, er tut, was er zu tun hat und redet, mit wem er reden muss. Aber er findet keinen Bezug zu diesen Menschen, auch nicht zu seiner Frau, mit der er telefoniert. Die Kollegin, die Prostituierte, die Werbeleute – er steht daneben, beobachtet alles und findet keinen Sinn. Und wenn es einen Sinn haben sollte, ist er davon ausgeschlossen. So wie Ben zwischen den künstlichen Masken und seltsamen Spielchen der Haute volée um ihn herumläuft und nur weg will. Bill, immerhin, findet eine verwandte Seele, unverbindlich, auf Zeit.

Etwa so, wie ich vielleicht von Zeit zu Zeit froh bin, verwandte Seelen im Netz zu finden, wissend, das ist nicht wirklich ein Anker, und nicht mein Alltag.

Den Rest der Zeit (na gut, 95%) betrachte ich die Menschen (na gut, 95%) und ihre Rituale und rätsele: geht es ihnen gut mit ihren Masken? Den Anzügen, den Makeups, der Aufgedrehtheit, den Interaktionen, die nur bestimmten Zwecken dienen, den demonstrativen Gefühlen, die nicht von innen kommen, sondern etwas bezwecken sollen.

Geht es den Menschen gut so, in der völligen Anpassung?

Die Menschen würden antworten: aber ja doch, das ist doch gerade schön, etwas miteinander erleben. Genau das ist doch Gemeinschaft.

Und ich verstehe euch ja: ihr bietet mir eure Gemeinschaft an, und immer wieder verlasse ich euch. Scheinbar ohne Grund. Ich gelte als gutmütig und freundlich, und ihr könnt euch nicht erklären, woher mein Missmut und meine Ungeduld kommen.

Für euch scheinbar aus dem Nichts. Für mich daher, dass ich versuche, einen festen Platz zu finden, wo ich mich ansiedeln kann. In Wirklichkeit bin ich irgendwo und nirgendwo, wie Staub im Wind. Das seht ihr aber nicht und ich verstehe, warum ihr euer Interesse verliert an mir.

Man müßte einen Begriff finden für diese spezielle Melancholie und Verlorenheit. Mit Depression oder sozialer Phobie hat sie wenig zu tun.

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3 Gedanken zu “Quickshot /Dustin, nein Dust in the wind

  1. Ich habe versucht zu erklären: Es ist echt nett mit euch. Ich bin gern mit euch zusammen. Aber es saugt einen aus. Ich kann nicht ewig die Maske aufrechterhalten. So gehen 2 Tage rum – mit Leuten, die ich nur teils kenne. Ich habe es im Vorfeld zu erklären versucht, wo meine Grenzen sind. Beruhigend, dass bei so manch organisatorischer Katastrophe ich nicht als einzige etwas orientierungslos war – irgendwo mitten in Berlin. Nur: Das bin ich nicht nur in Berlin, sondern oft genug auch im Alltag. Ich bin immer noch etwas kaputt. Immerhin einte etwas die Gruppe: die politische Ausrichtung und der Wahlkampf – und die meisten ungefähr meine Altersgruppe (Parteijugend). Und doch: jenseits davon gibt es nicht so viele Gemeinsamkeiten. Immerhin die Hoffnung, dass ich das irgendwie gehändelt bekomme. Nein, ein Anker ist es nicht, jedenfalls nicht automatisch. Aber vielleicht entwickelt sich so etwas wie Freundschaft. Immerhin: eine Kontaktmöglichkeit mit Leuten aus dem Umkreis, die ich sonst nie kennenlernen würde. Aber erst einmal aber auch nicht mehr. Ich frage mich auch oft, wie es den andern geht mit dem zwischen verschiedenen Rollen umschalten (Student, Referendar, Arbeitnehmer, Kind, Lehrer, Nachbar, Parteiaktivitäten, Kirchgemeinde, Verein …).

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  2. Interessant, was du schreibst! Das dachte ich auch, als ich den Film sah: er verhält sich wie ein Asperger! Ich konnte mich sofort mit ihm identifizieren, weil ich wusste, wie schlimm es für ihn sein musste in dieser oberflächlichen Familie und deren Umfeld.

    Genau darum hat mir Dustin Hofman so gut in der Rolle gefallen, weil er hier den „wirklichen“ Autisten dargestellt hat (im Gegensatz zu „Rainman“, der viel zu extreme Klischees vereint). Ich fand es auch geradezu erleichternd zuzusehen, wie er die Geschichte (sein Leben) in den Griff bekommt. Er erkennt, dass er von Mrs. Robinson benutzt wurde, er erkennt die Liebe zu deren Tochter, und er gibt nicht auf und entführt am Ende die Braut – völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass sie schon mit dem anderen Typen verheiratet ist, weil er zu spät gekommen ist und die Trauung bereits vollzogen worden ist.

    Aber was juckt ihn das konventionelle Denken der anderen? Es hat für ihn keine Bedeutung und das ist toll. Er macht, was er will. Ich finde den Film klasse – und zwar genau aus dem Grund, weil man die Wandlung des jungen Mannes erkennt. Er macht sein Ding, egal, was die anderen meinen. Und so mache ich es auch.

    Liebe Grüße Anna Lühse

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