Gedankensplitter /home castle heart

Jemand hatte einen Film gedreht, eine Dokumentation über meinen Heimatort, und Heimat sollte auch das Thema der Dokumentation sein. Eine Begriffsklärung war angestrebt.

Mit war schon mulmig, bevor ich vor dem Schirm saß. Hatte ich in einem Blogtext nicht schon mal geschrieben, dass ich nicht mal den Dialekt hier beherrsche? Weil ich Sprache wenig aus dem gesprochenen Wort lernte. Ich hasse hiesige Facebook Seiten, in denen hiesige Menschen nur im Dialekt schreiben und verkünden, ein echter *** sagt dies denkt das tut jenes. Auch wenn ich schon beruhigt wurde, das wäre doch nur spassig: viele meinen es so.

Heimat heisst insofern für mich: ich bin schon mal aussen vor. My home is my castle, Tore zu, Zugbrücke hoch, sicher sein.

Insofern fühle ich mich hier nicht beheimatet, aber mich heimisch fühlen geht paradoxerweise schnell. Wo immer ich für mich sein kann, in mein Smartphone gucken kann, eine Tasse Kaffee oder nur einen Stift in der Hand habe. Oder sitzen kann und warten, dass die Zeit vergeht… Überall dort kann ich mich einrichten. 

Die Dokumentation also ging genau so los, wie ich befürchtet hatte. Menschen in meinem Alter betonten, wie sie an ihre Heimat gebunden sind. Wie wichtig ihnen die Menschen sind, das sich Verstehen, das sich Treffen, die Vereine und Feste. Speziell ohne Vereine und Feste gäbe es keine Heimat. Wie schön das alles sei. Die Frauen mit einem einnehmenden Lächeln und schicken Frisuren, was ich im Leben nie hinbekommen werde. Die Männer von der Sorte, die mich im realen Leben ignoriert oder ruppig auffordert, locker zu sein.

Ja. Ich war schon stolz, den Dialekt zu verstehen und stolz, an bestimmten gezeigten Orten schon mal gewesen zu sein.

Ansonsten das vorhergesagte doofe Gefühl: wozu auch eine Doku gucken, die meine Unzugehörigkeit bestätigt.

Aber vielleicht ist es gar nicht so einseitig und entmutigend. Mal abgesehen davon, dass die meisten Menschen im Stillen anders denken, als sie öffentlich und sozial erwünscht bekennen.

Ich überlegte, dass mein Gefühl für Heimat sich nur in bestimmten Punkten unterscheidet:

  • Es gibt eine Zugehörigkeit, die von der Heimat ausgeht und einen aufnimmt, einen Grad, in dem andere einen als zugehörig akzeptieren. Die ist bei mir gewiss kleiner als “normal“, ich gelte als fremd.
  • Es gibt eine Zugehörigkeit, die vom Individuum ausgeht, einen Grad, in dem ein Mensch sich irgendwo vertraut fühlt. Da kann ich keinen Unterschied finden.
  • Es gibt ein Ausmaß, in dem Heimat “gelebt“ wird. Also, tatsächlich in einen Freundeskreis, lokale Gegebenheiten eingebunden ist, Kenntnisse über den Ort hat, mitreden kann über die Geschichte von Menschen und Plätzen, mit tut in Vereinen und Festen. Ich dachte zuerst, das wäre ein absolutes Defizit bei mir, kann ich nicht, will ich nicht. Aber das stimmt nicht! Ich will Dabeisein. Ich schaffe es sogar mit der Zeit. 

Allein, der Prozess der “Heimatisierung“ ist für mich extrem verlangsamt und extrem störungsanfällig. Ich muss ihn bewusst erarbeiten. Und wenn ich mittlerweile, nach Jahrzehnten, dann doch punktuell spüren kann, ich hab hier einen (meinen) Platz, dann ist das sehr schön! Besser spät als gar nicht.

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