Präventives Auskotzen…

… bevor die Draussen-Saison richtig losgeht… Vielleicht hilft es ja, wenn ich mich jetzt schon über alles ärgere, dann bin ich schon mal darauf eingestellt und kann nur noch positiv überrascht werden?

Eine Nachbarin arbeitet dieser Tage oft im Vorgarten. Wenn ich vor die Haustür gehe, kann ich sie fast nicht ignorieren. (Ich versuche es doch, muß ich zugeben…). Zufällig hatten wir einen Prospekt, den sie gerade brauchen konnte. Also dachte ich, sei nicht unsozial, bring den schnell rüber.

Um dann eine Viertelstunde am Gartenzaun festgetackert zu sein, und keinen höflichen Weg zu finden, wieder wegzukommen. In dieser Zeit habe ich mich von Minute zu Minute mehr aufgeregt, und als mein Mann mich später lobte für meine spontane Kontaktpflege, habe ich mich noch mehr aufgeregt.

Wie das sein kann, wegen so einer Lappalie? Ihr müsst wissen, die Nachbarin ist eine nette Frau mit sympathischen Ansichten, die Wert auf ein gutes Auskommen legt. Ich mag sie auch. Nur jetzt stand ich da und wälzte einen Gedanken: Warum gilt ihr Verhalten als normal, als „eigen“, aber nett, warum muß ich ihr Verhalten so akzeptieren, wie es ist – andersrum muß ich aber mein eigenes Verhalten ständig hinterfragen, und darauf achten, daß ich nicht zu seltsam wirke?

Die Frau redete nämlich ohne Punkt und Komma, immer in einem lehrerhaften, besserwisserischen Ton auf mich ein. Fing immer wieder von neuen Themen an, ließ mich keine Sekunde aus den Augen, und reagierte nicht auf meine eingestreuten „Gut, dann“s und mein halbes Wegdrehen, mit denen ich klarmachen wollte, daß in der Küche Arbeit auf mich wartet.

Ich empfand die hohe, etwas quietschige Stimmfrequenz und den dauernden Blickkontakt als sehr unangenehm. Aber wäre ich etwas abrupt gegangen, gälte ich wieder mal als unhöflich. (Gelte ich wahrscheinlich eh schon, denn sehr sinnvolle oder interessierte Gesprächsbeiträge sind mir nicht eingefallen.)

Aber so geht hierzulande „höflich“ und „umgänglich“:  in Kauf nehmen, als normal betrachten, aushalten, höchstens hintenrum schimpfen. Nachbarn, die so laut reden, daß ich drei Gärten weiter die Unterhaltung verstehe. Laute, nörgelige, penetrante Stimmen. Der Nachbar, der hundert Mal an einem Nachmittag hin und her läuft, röchelnd und räuspernd, und umständlich sein Fahrrad repariert. Nachbarn, die hinter der Hecke drei Meter von mir entfernt still und ausdauernd Rasenkanten trimmen und dabei alles von mir mitbekommen, was ich wie rede, um mich dann beim nächsten Treffen wie zufällig darauf anzusprechen. Nachbarn, die einem im Gespräch dauernd ihre Begeisterung für was auch immer antragen und kein Verständnis und keine Toleranz für den eigenen way of life entgegenbringen. Die mir ungefragt Erziehungsziele mit auf den Weg geben. Die sich scheinbar einig sind, was „man“ alles wie handhaben muß, anders „kann“ es ja „gar nicht sein“, denn „wie soll es denn anders gehen?“.

Ich liebe meinen Garten, und ich würde liebend gerne mehr persönlichen Umgang mit den Nachbarn pflegen, würde es mir nicht jetzt schon, zu Beginn des Frühlings, wieder gegen den Strich gehen, daß ich dafür meine eigenen Wertmaßstäbe und Vorlieben hintanstellen muß. Ich weiß, ich muß ein Gutteil meiner selbst verstecken oder damit klarkommen, abgelehnt zu werden.

Ist so, bleibt so. Etwas anderes erhoffen, schadet mir.

Gestern war Welt-Autismus-Tag (der heißt doch so?!),  auf Twitter wogte eine Debatte hin und her, wie wir Autisten uns zu diesem Tag verhalten sollen: uns ganz laut und präsent einklinken, oder aus Protest gegen diverse Organisationen „laut und hörbar“ schweigen. Ich weiß nicht, welchen Unterschied es wirklich macht? Daß der professionelle Umgang mit Autisten von Lehrern, Erziehern, Therapeuten etc. besser wird, ist natürlich extrem wichtig und da glaube ich an einen Einfluß der Aktivisten, unbedingt. Aber privat glaube ich, wird die oben beschriebene Schieflage bleiben. Da muß jeder als Einzelkämpfer seinen Weg finden.

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8 Gedanken zu “Präventives Auskotzen…

  1. Zum letzten Punkt: Ich glaube „hörbar schweigen“ geht nicht, weil schweigen fast immer als impliziertes Einverständnis ausgelegt wird.
    Unter alles vorher würde ich direkt noch meine Unterschrift setzen. Nur bin ich im Sommer auch nicht gerne draußen, weil ich die Sonne nicht mag. Ich wäre froh, keinen Garten zu haben, auch wenn das bisschen, das ich habe, das nicht offiziell Wildfläche ist, größtenteils als Haustierauslauf (…ausflug… Außenvoliere) verwendet wird, ist es mir eigentlich schon zu viel. Den unerwünschten, unvermeidlichen Kontakt bekomme ich in erster Linie im Stall ab. Das wird auch wieder schlimmer, wenn die Abende länger und wärmer werden, und wir eben nicht mehr die letzten sind, die kommen und gehen, sondern nur *bei* den letzten.
    Vielleicht sollte ich einfach deinem Beispiel folgen und mich schon mal ein bisschen vorbeugend ärgern!

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    • Stimmt. Schweigen bedeutet unter Kaufleuten Zustimmung, was sich sogar bis hin zu Verträgen ausweiten lässt (was ich aber heutzutage doch reichlich fahrlässig finde und rechtlich inzwischen auch nicht mehr soooo safe ist. Ist eben eine ziemlich alte Sache, aus Zeiten, wo Verträge per Handschlag abgeschlossen und besiegelt wurden) = fatal und ziemlich dumm zu schweigen, gerade wenn es um die eigenen Belange geht! Außer eben, man empfindet Zustimmung, was ich für viele Bereiche gerade im autistischem Themenkreis nicht wirklich sagen kann!

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      • Ja… wir praktizieren das ja auch in der Abstimmung und bei Wahlen mehr oder weniger so: Die Enthaltung wird einfach komplett rausgerechnet und tritt im Ergebnis in der Regel nicht in Erscheinung.
        Und dann gibt es ja auch noch genug Leute, die meinen, eines Lobs würde es nicht bedürfen, da die Nicht-Beschwerde impliziert, dass alles OK ist. Oder eben selbst in Situationen wie „Wenn du nichts von uns hörst, ist alles gut.“ Das Prinzip „Nichtssagen=In Ordnung“ ist einfach unangenehm weit verbreitet.

        Gefällt 2 Personen

  2. Ich kotz dann mal mit *zwinker*. Früher, vor meiner 2. Ehe, hatte ich auch so ein Häuschen. Ich habe damals gesagt ‚es ist furchbar, dass alle Nachbarn meinen in meine Pötte gucken zu dürfen und mitkochen wollen‘ = alle haben sich in alles eingemischt, es gab sogar Nachbarn, die gingen nicht zur Vordertür und haben geklingelt, nein, sie gingen direkt in den Garten um durch die offene Terassentür mitten im Haus zu stehen. Reichlich übergriffig und distanzlos, für mich nicht auszuhalten.

    Heute wohnen wir in einem 6 Parteienhaus, ganz oben, aber: das Leben im Sommer findet bei der einen oder anderen Familie hier definitiv fast ausschließlich draußen auf dem Balkon statt, was für mich bedeutet: ich meide meinen Balkon, weil ich es hasse, Gespräche mit anhören zu müssen, die an Dummheit kaum zu überbieten sind, oder gar von Balkon zu Balkon, mehr oder minder brüllender Weise, Gespräche führen zu müssen, mit Leuten, die einen IQ haben, dass ein Feldweg noch eine größere Intelligenz besitzt. Sorry, aber das muss auch mal erlaubt sein zu sagen.

    Ich habe meinen Garten geliebt, ich liebe meinen Balkon, aber so eine 3 Meter hohe Sicht und Lärm Barriere hätte was. Ach ja, eine generelle Tarnkappe, für Gespräche und Kontakte im Treppenhaus, wäre überaus genial, kann das bitte mal einer erfinden??!! *Zwinker+grins* (Ja, ich habe es aufgegeben die Kontakte hier im Haus zu pflegen, da ohnehin niemand auf den anderen Rücksicht nimmt, was bei mir, die ich Rücksicht nehme, mich zwingend u.a. die Ruhezeiten halte, einen ständigen ‚Overkill‘ (Overload mit Tendenz zum massiven Brüllen und um mich schlagen bei Kontakt) zur Folge hat.)

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