Gedankensplitter/ Erleichterung

Die letzte Woche war sozial richtig intensiv. Soviele Menschen wie an diesen vier Abenden treffe ich im Privaten sonst in einem halben Jahr. Vielleicht. Und das Spannende ist: jedes Treffen war mit anderen Menschen, jeweils ein anderer Kontext, eine andere Zeit, die mich und sie verbindet.

Im ersten Treffen war mir zwischendrin plötzlich traurig zumute. Jemand mir Wichtiges erschien unangenehm, klagend. Jemand anders, den ich immer mochte, redete an mir vorbei, wie immer, seit er weiß, dass ich Autistin bin. Ich fing an, mich unwohl zu fühlen, und ärgerte mich gleichzeitig, weil ich diese Kontakte beibehalten will. Eine nette Runde, und ich wollte nicht schon wieder an den Rand geraten.

Etwas kippte. Erstaunt registrierte ich einen völlig neuen Gedanken: mir wurde klar, dass diese Runde auch wegen mir noch besteht. Ich konnte meinen Beitrag plötzlich erkennen. Es ist auch mein Beitrag, wenn diese Menschen zueinander gefunden haben. Für diese Menschen war ich immer Ruhepol, Ratgeberin. Ich habe viel investiert, um zu helfen, anzuleiten, auszugleichen. Wäre ich nicht beteiligt gewesen am guten zwischenmenschlichen Klima, damals…wir würden nicht bis heute gern an diese Zeit zurückdenken, und die Runde wäre gar nicht eröffnet worden.

Und einmal auf diese Spur gebracht, konnte ich auch bei den weiteren Treffen darauf achten: auf meine Rolle, darauf, dass ohne meinen Beitrag einiges nicht so stabil wäre, und wenn nicht alle respektvoll miteinander umgehen, fühlt sich am Ende wohl keiner wohl. Ich stellte erstaunt fest, wie viel Menschen noch von mir wissen, in deren Leben ich doch scheinbar gar nicht vorkomme.

So viel zum Thema Klischee versus Realität.

Der Erwartung entsprechend, die man Autisten entgegenbringt, fallen mir solche Treffen schwer. Ich werde schnell müde, es strengt sehr an. Nach einer Stunde, in der ich mich noch zusammenreissen und einbringen kann, sacke ich allmählich zusammen und trage fast nichts mehr zur Unterhaltung bei. Oder ich spule die  immer gleichen paar Sätze ab. Oder lache einfach immer mit. Oder werfe zufällig Sätze ein, die zur Hälfte im ratlosen Blick der anderen verpuffen. Sicher langweilig mitzuerleben.

Aber eigentlich macht das nicht so viel aus. Denn  was dem autistischen Klischee fehlt, ist das, was Autist langfristig beitragen kann, und das ist nicht so vordergründig: Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit, Konstanz, ruhiger Umgang mit Problemen, Sachlichkeit, Unbestechlichkeit, Fairness, respektvoller Umgang, Toleranz, Abneigung gegen Vorurteile.

Ich hab das jetzt bewusst so betont und breit getreten. Nicht, um anzugeben oder mich herauszuheben. Sondern um zu betonen, dass auch solche unscheinbaren und manchmal bescheidenen Eigenschaften ihren Wert haben und das Miteinander unmerklich angenehmer machen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s