Gedankensplitter /Schwere erleben. Leichtigkeit weitergeben.

Briefkasten auf. Spendenpost raus. Briefkasten zu.

Weihnachten naht, Zeit der Geschenke. Zeit der Familientreffen. In manchen Familien, so man hört, gibt es jetzt große Treffen. Eltern, alle Geschwister , Kinder und Kindeskinder und Kindeskindeskinder an einem Ort. Womöglich mit Übernachtung.

Wir haben jetzt schon unsere Vorweihnachtsbesuche hinter uns gebracht. Nur ein paar kurze Besuche bei den nächsten Verwandten. Sonst ist man auch nur ab und an telefonisch in Kontakt.

Braucht man mehr?

Ich nicht.

Für uns waren die Familiengeschichten eine Zeitlang ein heikler Balanceakt. Das hat mit mancherlei zu tun, Scheidungen, Antipathien, auch mit dem hilflosen Umgang mit dem Thema Autismus. Aber allmählich klären sich Dinge. Man zwingt sich nicht mehr in ein bestimmtes Muster hinein. Das zählt für mich unbedingt zum Erwachsenwerden dazu: aussuchen, mit wem man es zu tun haben will. Unsere Kinder sind groß genug, daß wir auch ihnen das zugestehen können. Gleichzeitig werden andere Probleme dringlicher. Es geht um Krankheit, Demenz, Tod, um das Leben an sich. Paradoxerweise trägt auch Letzteres dazu bei, daß in diesem Jahr alles entspannter abläuft.

Also, kurz gesagt: unser Familienkreis wird vom Leben samt seinen Herausforderungen nicht verschont. Manches Gewicht wiegt schon spürbar schwer. Trotzdem und deswegen war ich bei den letzten Besuchen sehr dankbar, und aufmerksam für diese ganzen unscheinbaren Kleinigkeiten. Die Kleinigkeiten, die in anderen Familien gar nicht registriert worden wären oder als Nebensächlichkeiten betrachtet würden.

Ich atme leichter, wenn ich nicht alle Kinder in einen Besuch oder an einen Tisch zwingen muß. Die Verwandten haben sich an dieses „komisch“ schon gewöhnt. Ich bin dankbar, daß ich nicht abhängig bin, von keinem. Ich freu mich, wenn Humor da ist, wenn auch über schwierige und tragische Dinge gelacht werden kann. Wenn K2 für seine Jacke, die er sich einbildete, Komplimente erhält und ich ihm den Stolz ansehe. Und wenn noch so viele „ordentliche“ Familien davon abgeraten hätten, denn: was sollen sich denn die Leute denken! Na was? Ich denk mir auch meinen Teil über andere. Mein Vater fragt nichts über meinen Beruf oder Status oder sonst etwas, aber wir tauschen uns über mein neues Smartphone aus, und das reicht mir. Mit der Stiefmutter war es nicht immer leicht, jetzt fachsimpeln wir so an der Oberfläche über den Garten, was will ich mehr.

Und was will ich mehr weitergeben als diese stille Kunst, die ich beobachten durfte, schwere Dinge leichtzunehmen.

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Gedankensplitter /Schwere erleben. Leichtigkeit weitergeben.

  1. Es ist Leichtigkeit, aber gleichzeitig machen diese Formulierungen „und das reicht mir“ oder „was will ich mehr“ mich auch traurig. Es wirkt wie die Resignation gegenüber einer Welt, in die man nicht eintauchen kann, die vielleicht gar nicht real ist.

    Es gibt ja von dem französischen Philosophen René Descartes die berühmte Erkenntnis „Ich denke, also bin ich“. Es kann sein, daß alle unsere Sinne getäuscht sind, daß die Welt gar nicht existiert, aber die eigene Existenz ist sicher, denn man selbst ist es, der denkt. Meine eigene Existenz weiß ich sicher, aber ich kann weder sicher sein darüber, was ich bin, noch darüber, wie die Außenwelt beschaffen ist.

    Und manchmal denke ich mir: Vielleicht ist es tatsächlich so, daß außer mir gar nichts existiert? Dieser ganze Planet, die Menschen um mich herum, die Straßen und Häuser, vielleicht ist das alles nur meine Einbildung? Vielleicht gaukelt mein Verstand mir vor, daß da eine Welt um mich herum existieren würde, aber es stimmt gar nicht? Vielleicht gibt es nichts, nur mich ganz alleine?

    Natürlich kann ich mich bei solchen Überlegungen auch fragen: Warum? Wieso sollte ich das einzig Existierende sein? Welchen Grund sollte es dann dafür geben, daß ich überhaupt existiere? Aber das ist nicht wirklich ein Gegenargument. Wenn ich davon ausgehe, daß die Welt, die ich wahrnehme, tatsächlich existiert, dann kann ich mich genauso fragen: Warum? Wieso hat es aus dem Nichts heraus einen Urknall gegeben? Wieso existiert ausgerechnet dieses Universum und kein anders? Wieso bin ich dieses Lebewesen und lebe in dieser Zeit, und nicht ein anderes zu einer ganz anderen Zeit?

    Es gibt keine Antworten. Es gibt keine Argumente dafür, daß die von mir wahrgenommene Welt (einschließlich der Tastatur, auf der ich gerade zu tippen glaube) wirklich existiert. Es gibt genausowenig Argumente dafür, daß ich das einzig Existierende bin. Und es gibt keine Möglichkeit, das herauszufinden. Weder das eine noch das andere. Ich arrangiere mich irgendwie mit der von mir wahrgenommenen Welt. Ich tue so, als wüsste ich, daß das alles wirklich existiert. Und irgendwie lebe ich ganz gut mit dieser Strategie. Aber trotzdem fühlt es sich manchmal komisch an.

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  2. Ja, den Gedanken kenne ich auch. Manchmal fang ich auch an, so zu überlegen, aber nie lange. Denn es gibt, wie du schreibst, ja keine Antworten. Nicht mal mein jetziger Gedanke läßt sich als mein jetziger Gedanke festhalten, denn wieviele fastgedachte Gedanken sind gleichzeitig nur nicht bewußt geworden….
    Aber zu den Bemerkungen: sie waren von mir eher als Ermutigung gedacht. Ich finde es befreiend, nicht alles haben und erreichen zu müssen.

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