Was Kompensation bedeutet

butterblumenland beschreibt im verlinkten Beitrag die Fähigkeit ihres Sohnes, seinen Autismus in der Schule zu kompensieren, also ihn auszugleichen oder zu überspielen. Sie setzt sich damit auseinander, was das konkret bedeutet, und welche Folgen das hat, und ob sie diese Fähigkeit positiv oder negativ werten will.

Ich möchte ergänzen.

Die Pros und Contras gelten für Erwachsene Gut-Kompensierer auch. Zumal kaum ein Autist seine Gefühle für andere sichtbar zum Ausdruck bringen kann, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, in dem er sie fühlt. Es bleibt seine alleinige Aufgabe, sich rechtzeitig abzugrenzen, sich selbst zu schützen. Aber selbst wenn er sagt, es ist ihm genug von etwas (und das ist die beste Option, die er hat), wird es oft genug jemanden geben, der ihm ins Gesicht sieht und meint: „Das stimmt ja gar nicht, bist doch die Ruhe selbst!“

Die meisten, zumal „unsichtbaren“ erwachsenen Autisten haben wohl gelernt, sich so zu steuern, daß sie ohne dramatische overloads, meltdowns etc auskommen, also ohne Selbstverletzungen, Wutausbrüche o.ä.. Erschöpfungszustände sind gleichwohl häufig, stillerer Natur: Migräne, Erschöpfung, Energielosigkeit, Deprimiertheit, Schlaflosigkeit, Grübeln und Schwirren im Kopf, Rückzug. Das Brauchen von sensorischer und sozialer Ruhe, von Ausgleich im Lesen, Musikhören, an die Wand starren.

Soviel zum aktuellen Überflutungszustand, z.B. nach zuviel „socializing“.

Ich möchte noch anfügen, daß eine sehr gute Kompensation auch einen langfristigen, stillen Preis nach sich zieht. Die psychischen Kräfte und die Konzentration sind nämlich hauptsächlich auf den Alltag konzentriert, Tag für Tag. Schnelle Wechsel snd schwer, mit der fehlenden Flexibilität geht auch viel Schönes verloren, spontane Besuche z.B., ein ungeplanter Spaziergang, neue Sportarten ausprobieren. Und weil die Kräfte im täglichen Kampf verbraucht werden, können sie nicht für langfrstige Ziele eingesetzt werden. Obwohl man also die Fäühigkeiten hätte, z.B. umzuziehen, sich zu bewerben, ein größeres Projekt anzugehen, tut man es nicht. Es passt nicht mehr in den Kopf. Das kann alles betreffen, was außerhalb des direkten Alltags liegt: Urlaubspläne, Autokauf, finanzielle Vorplanung, Steuererklärung usw. usf.. Mancher mag hier in eine Art Abhängigkeit von äußerer Unterstützung geraten, nicht, weil er faul wäre oder etwas im Notfall nicht könnte, sondern weil schlicht die Kraft nicht mehr da ist.

Diese Art, in ein mögliches burnout (und bei schlechtem self-esteem auch Depression) zu rutschen, gibt es bei NTs natürlich sehr oft. Aber auch bei den scheinbar so mühelos funktionierenden Autisten, die sich dann leider oft noch zusätzlich Unverständnis gegenübersehen.

Weiter im Text, mit dem Beitrag von butterblumenland:

Kurz zur Begriffserklärung: Wenn ich im Zusammenhang mit Autismus von Kompensation schreibe, dann meine ich damit die Fähigkeit, die behinderungsbedingten Defizite im Alltag durch enorme Kraftanstrengung und Energie bis zu einem gewissen Grad zu verstecken oder zu überdecken, um dadurch teilhaben zu können. Bei Paul kann man diesen Mechanismus gut beobachten, er ist jemand, der […]

über Hohe Kompensationsfähigkeit – Fluch oder Segen? — butterblumenland

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4 Gedanken zu “Was Kompensation bedeutet

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