Sozialkater, der

Abgeleitet von Kater, der: umgangssprachliche Bezeichnung für gesundheitlich und psychisch belastende Abbauprozesse von Alkohol, wie Kopfschmerz, Schwindel etc.

Auch bei einem Sozialkater handelt es sich um Abbau- und Verarbeitungsprozesse, und ebenso wie der Alkoholkater, kann auch der Sozialkater unterschiedlich schlimm ausfallen.

Ein Sozialkater bezeichnet die Folgen einer oder mehrerer sozialen Interaktionen in einem Individuum. Er tritt in der Regel im Anschluß daran auf und ist unabhängig davon, ob die soziale Interaktion als erfolgreich oder angenehm erlebt wurde. Allein ihre Dauer und Komplexität bestimmen das Ausmaß.

Ein Sozialkater kann direkte Interaktionsfolgen bezeichnen. Das kann beinhalten: Erinnern von Gesprächsabschnitten, Bewerten und Rekapitulieren von Gesprächsabschnitten oder Interaktionssequenzen. Nachdenken über das eigene Verhalten, inneres Wiederholen, ängstliches Erforschen, Versuche, die Reaktionen anderer im Nachhinein zu deuten. Auch möglich sind direkte Auswirkungen einer sensorischen Überreizung, wie Ohrensausen, Augenschmerzen, unscharfes Sehen, Übelkeit, auch schnellerer Pulsschlag, Blutdruckerhöhung, Schwindel, Schweißausbrüche. Selbstverständlich auch soziale Folgen, wie Rückzugswunsch (sehr häufig!) bzw. Bedürfnis nach absoluter Ruhe, im weiteren Sinne auch allgemeiner, prolongierter sozialer Überdruss.

Nicht zu unterschätzen sind die indirekten Interaktionsfolgen. Auf somatischer Ebene möglich sind Migräne (infolge der Reizüberflutung, aber auch infolge muskulärer Anspannung in Nacken-Kiefer-Gesicht), Appetitlosigkeit, Erschöpfung. Selbstverständlich Schlaflosigkeit. Allgemein Zeichen eines verzögerten Stressabbaus, wie Leistungs- und Konzentrationseinbußen, Fehlleistungen, innere Unruhe, auch Derealisationen. Unmittelbare psychische Folgen können in schweren Fällen sog. overloads oder shutdowns sein (s.andernorts), man achte jedch stets auch auf mögliche subtilere, aber langfristig schwerwiegende psychische Folgen: z.B plötzliche Traurigkeit, soziale Mutlosigkeit, Fremdheitserleben, Selbstanklagen, Verwirrung, manchmal auch Aggressionsschübe und Bitterkeit.

Bekannte Hilfsmittel sind die üblichen symptomatischen Behandlungen, dringend empfohlen wird jedoch eine Prophylaxe, indem Sozialkontakte in ihrer Dauer, in ihren Anforderungsebenen und ihren sensorischen Zumutungen begrenzt werden, oder zumindest getaktet und mit geeigneten räumlichen und/oder zeitlichen Pausen versehen.

 

 

Quickshot /A Drum Fotz’n

Vormittag. Jemand aus der älteren Generation war zu Gast. Gartenarbeit war zu tun. K2 wäre an der Reihe gewesen, mitzuhelfen, wollte aber nicht. Wir hatten versäumt, ihn gestern daran zu erinnern, und wir wußten, von jetzt auf gleich würden wir ihn nicht dazu bringen. Natürlich hatten wir an dieser Stelle schon oft einen Kampf angezettelt, aber jetzt sahen wir uns nur an und rollten mit den Augen.

Da fiel er, der beliebte Satz bei Jung und, vor allem, bei Alt: „A Drum Fotz’n kann er hab’n!“ Der Mensch aus der älteren Generation legte los:“Ihr müsst ja selbst wissen, wie ihr eure Kinder erzieht, aber bei mir hätte es das nicht gegeben! Ich hätte ihn gezwungen. Man braucht die Arbeit, also muss er. Sonst kriegt er von euch auch nicht, was er braucht! Basta!“

Ja, an dieser Stelle könnte man einiges einfügen, um den Ärger zu mildern: daß genau dieser Mensch sich selbst schönredet, daß die Arbeit jetzt nicht so ganz dringend und unausweichlich war, daß besagter Mensch das Wort Autist kennt, aber nicht weiß, was das bedeutet: Widerstand, im Garten und unter den Augen der Nachbarn zu arbeiten. Schwierigkeiten, sich innerhalb von Minuten auf eine neue völlig unübliche Beschäftigung einzulassen. Unbeholfenheit mit so einer Arbeit, bei aller sonstigen Intelligenz, und damit Angst, sich zu blamieren.

Aber die autistische Perspektive ist hier gar nicht das Thema, auch aus anderen Gründen hätten wir auf den Zwang verzichten können.

Was mich anwidert, ist die Weigerung oder das Unvermögen dieses und vieler Menschen, anderer Leute Gefühle und Meinungen zu respektieren. Ober sticht Unter, differenzierter wird es nicht.

Sind wir im Krieg hängengeblieben? Kampf jeder gegen jeden? Kinder muß man maßregeln, sonst werden sie Terroristen? Maßregeln im Sinne von: sie haben nichts zu sagen? Alles wird gleich behandelt: selbst inkonsequent sein mit sich, aber dann so tun, als ob das kleinste Entgegenkommen schlimme Katastrophen bewirkt. Menschen, die nur danach als gut oder schlecht beurteilt werden, ob sie gehorchen, arbeiten, nicht aus der Reihe tanzen – davon hatten wir doch schon genug…

Was mich besonders anwidert: dieser hartnäckige Hang, Hilfe, Schutz und Zuwendung nur gegen Wohlgefallen und Gehorsam anzubieten. Nicht aus Menschlichkeit. Ist das typisch deutsch oder gibt es das auch anderswo?

Mach, was ich sag, sei still, oder es gibt Saures!

Halts Maul, werd nicht frech, sonst kannst du sehen, wo du bleibst.

Wenn du meinst, du weißt es besser, brauch ich mit dir nicht mehr reden. Geh mir aus den Augen!

Wer bei uns bleiben will, soll sich gefälligst anpassen.

Der kann froh sein, daß er was zu essen kriegt, wenn er aufmuckt, kann er ja wieder zurück, wo er herkam.

Widerlich.

Wieder einrichten

Twitterte ich neulich, daß ich leider, leider nicht zum hiesigen Faschingszug gehen kann, weil ich Geburtstagsvorbereitungen treffen muß. Stimmte auch. Auch mein Mann ging nur jemand anderem zuliebe hin, ohne wirklich Spaß daran zu haben.

Ich müsste mir also gar keinen Kopf darum machen, ich hab die Zeit zuhause gut ausgenutzt.

Aber zu sagen, alles in Ordnung, alles kein Problem, wäre zuviel gesagt. Denn traurig war ich zuhause trotzdem. Ich bin in letzter Zeit sehr in die Inaktivität gerutscht, auch zuhause. Ich war länger krank (also, für meine Verhältnisse), es gab viel Streit und Stress an mehreren Stellen, mit dem ich mich auseinandersetzen musste. Und immer kamen Dinge dazwischen. Das Resultat: ich hab viel von meiner Struktur außer Haus verloren, war nur noch zuhause, und dort immer ideenloser.

Andersrum bin ich aber auch nicht depressiv. Es mag nach außen hin so aussehen, ja. Aber Depressionen entwickeln sich, wenn ein Sinnlosigkeitsgefühl da ist, dem man immer mehr nachgibt.

Das kann ich nicht von mir sagen. Ich hab mich aus oben genannten Gründen mehr zu Hause aufgehalten, nicht weil es mir sinnlos oder irgendwas erschienen wäre, im Gegenteil. Ich sehne mich nach der Zeit vor ein paar Monaten zurück.

Es fällt mir nur sehr schwer, mich jetzt wieder darin einzurichten, den alten Kurs wieder einzuschlagen. Dabei geht es mir noch gut, ich habe eine Familie um mich, die mich unterstützt und mich motiviert. Aber mir fehlt der Freundeskreis, die beste Freundin, die Sporttruppe, der Stammtisch. Daran hat mein Autismus wieder mal großen Anteil.

Wenn ich mich z.B. in den Sportkurs aufmachen würde, oder auch wenn ich mit Bekannten essen gehen würde, müßte ich mich vorher darauf einstimmen. Ich müßte mir sozusagen eine passende Persona aus dem Schrank holen und aufsetzen. Das geht ganz unwillkürlich. Ganz ungefiltert kann ich dort nicht sein. Nicht, ohne kritisiert zu werden, schief angeschaut zu werden oder ohne daß jemand mir Hilfe aufdrängt. Das braucht Kraft und geht kaum spontan.

Und ich muß allein. Es gibt eben keine Bekannte, die nachfragt, keine Freundin, die mich auffordert, wieder zu kommen. Es gibt nicht einmal das Gefühl, jemand registriert meine Abwesenheit. Das ist grob übertrieben, schon klar. Natürlich registriert es jemand. Natürlich freuen sich Menschen, mich wieder zu sehen.

Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Das weiß ich erst, wenn ich mich wieder allein aufgerafft und wieder in meine alten Bahnen begeben haben werde.

 

 

Autism, Processing Emotions & Alexithymia

Short view on so called Alexithymia

Paul Isaacs' Blog

autism-and-alexithymia-image-2017Note this is from a personal perspective 

Alexithymia is a condition in which person cannot find words to express inner emotional feelings, now this doesn’t mean that the person is devoid or lacking in emotion however it can from a outside perspective look like that despite the inner mechanics being quite different.

FILTERING THROUGH EMOTIONS 

I shall give you a personal account of this and look at other potential factors. I have a processing and recognition delay of emotion feelings in the context of the event that has happened – in other words from the time the event has happened to the time I get a self response is delayed this can come in the form of

  • Words for the the bodily messages that I am feeling 
  • Being able to piece the situation together from a emotional standpoint
  • Talking and having a conversation about a situation that in real-time has…

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Gedankensplitter /Mutter mit Macken

Fast hätte ich jetzt geschrieben, uns wurde ein Kindlein auf twitter geboren…

Natürlich wurde es nicht uns geboren, und auf twitter sind wir nur davon unterrichtet worden. Übrigens ein anscheinend sehr schnuckeliges kleines Mädchen, und nochmals liebe Glückwünsche an Eltern und Geschwister!

Es stellten heute dann mehrere die Frage, wie das denn so ist, als Autistin und Mutter. Ich hab immer mal wieder ein Eltern-Kind-Thema hier im blog aufgegriffen, und ich dachte, ich sammel hier ein paar persönliche Gedanken dazu.

Liebe ich Autistin meine Kinder? Ernstgemeint, manche zweifeln daran. Das fängt an bei der Ärztin der Geburtshilfe, die mir später zufällig am Arbeitsplatz über den Weg lief. Wir schafften es, uns innerhalb von 2 Minuten in einen Dissens hineinzureden darüber, ob Mütter ihre Babies sofort abgöttisch lieben oder nicht. Sie vertrat genau diese Meinung. Ich vertrete die gegenteilige Meinung. Beziehungen müssen sich formen, auch zu kleinen Babies. Daß sie einen zu Liebe und Fürsorge animieren, schließt doch nicht aus, daß man sich aneinander gewöhnen und anpassen muß. Mir ist es gruselig, wie z.B. eine Bekannte von mir sich danach sehnt, wieder ein kleines Kind zu haben, denn „soo schee, a so a Kloans neba sich, a so ebbs siaß, mei, des mechat i so gern!“

Ich bin auch privat für meine Kühle kritisiert worden, aber ich bin überzeugt, daß meine Kinder genau wissen, daß ich ihnen gegenüber nicht kühl bin. Das liegt an dem Umstand, daß meine Kinder auch Autisten sind. Von Beginn an hat sie das beruhigt, was mich beruhigt, und das aufgeregt, was auch mich aufregt. Sachlich an ein Problem rangehen, für Ruhe sorgen, Rückzug lassen und einen Overload nicht noch durch zu viel Emotionalität und Zureden zu pushen – das hilft mir genauso wie ihnen. Im Streß bewegen wir uns in die gleiche Richtung. In der Babyzeit haben wohl irgendwelche Hormone die Effekte des Schlafchaos gemildert,  und Schreien war nicht so schlimm, solange ich wußte, es ist nichts „Ernstes“. Dann konnte ich gelassen (na gut, relativ) darangehen, wieder Stück für Stück Ruhe herzustellen. Ich weiß ehrlicherweise nicht, wie ich mit neurotypischen Kindern zurechtkäme. Für mich ist es unglaublich erleichternd, mich nicht verstellen zu müssen.

Stress fängt für mich meist erst an der Schnittstelle zur neurotypischen Welt an. Wenn ich den Kindern ein „Vorbild“ sein muß, ihnen vorleben, wie das am Besten geht in der sog. normalen Welt. Oder, und das ist weitaus häufiger, wenn diese „normale“ Welt mit meinen Kindern und mit unserem gewohnten Ablauf nichts anfangen kann, und Anpassung verlangt. Das kann einen ganz schön unter Stress setzen, das will gelernt sein, damit cool umzugehen. Wenn man selbst kritikempfindlich ist, selbst unerwartet immer wieder vom Scheitern banalster Dinge frustriert wird, und man trotzdem die Aufgabe hat und haben will, den Frust beiseite zu schieben und die Kinder spüren zu lassen, daß Menschen nun mal verschieden sínd und sie genauso liebenswert sind, wie sie sind. Mögen Oma Nachbarin Lehrerin auch beleidigt oder belustigt sein, zu verstehen geben, diese Kindern seien das Allerletzte, was soll aus denen denn werden? Dann zu den Kindern stehen, OHNE die betreffende Person hochkant rauszuschmeissen, ist sehr schwer. Hab ich nicht immer geschafft, obwohl ich mich eher als friedfertig betrachte…

Damit kommt ein weiteres Problem auf einen zu: die Erlebnisse und die Entwicklung der Kinder erinnern automatisch an selbst Erlebtes, an Unangenehmes, nicht gut Verarbeitetes aus dem eigenen Leben. Aber das ist nicht spezifisch für Autisten – das geht allen Eltern so.

Wenn ich meinen Autismus als schwierig für das Zusammenleben mit den Kindern erlebe, dann in zwei Aspekten:

  • Eltern sollen Kindern ja Dinge zeigen und sie mitmachen und lernen lassen. Es heißt, neurotypische Kinder drängten von selbst darauf, auch mal abzuwaschen oder whatever. Die Bereitschaft, die Kinder miteinzubeziehen, ist natürlich da, natürlich wäre es auch sinnvoll, ihnen praktische Dinge beizubringen. Die Umsetzung ist sehr, sehr schwer. Ich muß nicht nur die Kinder zur rechten Zeit motivieren, ohne daß sie angstvoll gleich aufgeben. Ich muß von meiner Routine ablassen und plötzlich jemand zweiten nicht nur anleiten, sondern auch mitentscheiden lassen und zulassen, daß meine Routine durcheinandergewürfelt wird.
  • Es ist schwer, damit umzugehen, selbst keinen Rückzugsort zu haben. Vielleicht kriegen andere Mütter das besser hin? Oder sind andere Kinder aufmerksamer auf Mutters Ruhebedürfnis? Meine Kinder möchten mich nicht bedrängen, aber ich muß schon laut sagen, wann es mir zuviel wird. Mein eigenes Reich ist mein Handy, oder auch der Blick in ein Buch. Aber schon einen Text wie diesen hier zu schreiben, fordert mich, weil ich immer ansprechbar bin, nie eine Tür hinter mir zuziehen kann, und, entgegen der Klischees, ich auch als Ansprechpartner gebraucht werde. Für die Kinder, die zwar oft im eigenen Reich sind und ihren (ja, Spezial-)Interessen nachgehen, aber mich immer wieder suchen, für ein Geplänkel, einen Rat, um mir etwas zu zeigen, mit mir zu kuscheln. Das will ich ihnen auf keinen Fall nehmen! Ich selbst zahle aber damit, daß ich kein irgendwie geartetes konzentriertes langfristiges Projekt hinbekomme.

Und für alles, was ich jetzt hier geschrieben habe, gilt: ich wollte nur ein paar Worte dazu schreiben, wie sich ein autistisches Mutter-Dasein anfühlen kann. Selbstredend, daß in anderen Familien Probleme genauso auftreten, lediglich in einer anderen Ecke.

 

Quickshot /Nichts gewußt

Es geht rund in den sozialen Medien: täglich kommen dutzendfach Appelle bei mir an, Erinnerungen, Warnungen. Alle beziehen sich auf politische Gefahren. In meiner TL hundertfach Voraussagen, die Situation werde sich in Deutschland, anderswo in Europa, und jetzt auch !!! in den USA, zwangsläufig in Richtung Faschismus bewegen. Parallelen werden gezogen, Dokumente verbreitet, Zeitzeugen herangezogen.

Über  all dem liegt der Appell: „Jetzt hinschauen! Nie wieder soll eine Generation sagen können, sie habe nichts gewußt!„.

Ich habe mir im Schnelldurchlauf überlegt, ob ich irgendwo in meinem Leben schon einmal mit dieser Behauptung konfrontiert war. Ob Verwandte, Bekannte,  auch Patienten mich je bekümmert angesehen haben und mir erklärt haben, sie hätten im 3.Reich leider nichts wirklich mitbekommen.

Das erste, was mir einfällt, sind meine Kinder zu Besuch bei sehr alten Verwandten. Sie haben eben rausgefunden, daß ihr Großvater im Weltkrieg gekämpft hat und interniert war, und sie fragen ihn aufgeregt und ohne Scheu aus. Er antwortet auch ohne Scheu.

Kurze Sequenzen, als das Gespräch mit älteren Verwandten auf die Nazis kommt, weil (damals) die Republikaner durchstarteten oder es (heute) um Flüchtlinge geht.

Dann fallen mir viele einzelne Begegnungen mit den Personen ein, die mir in meinem Arbeitsleben ihre Erinnerungen erzählt haben. Sporadisch und kurz früher, im Altersheim, häufiger und ausführlich in den letzten Jahren, wenn alte Patienten mit mir als Psychotherapeutin ihre Lebensgeschichte Revue passieren ließen.

Was ich nie gehört habe, war eben dieser Satz: „Ich/wir habe(n) von nichts gewußt.“

Was fast immer der Fall war: die Menschen erzählten mehr oder weniger freimütig und offen über ihr eigenes Leben. Sie kamen auch immer auf die Sache „mit den Juden“ zu sprechen. Nur wurden ihre Berichte immer einsilbiger und diffuser, je mehr es um die Vernichtungspolitik ging. Sicher, weil das meist Dinge waren, die sie selbst nur gehört hatten und nicht selbst erlebt. Auch sehr wahrscheinlich: weil diese ganze Gesellschaft noch nicht gelernt hat, über den Rassen- und Vernichtungswahn zu sprechen. Die dazugehörigen Taten direkt zu benennen, und die eigene Beteiligung noch dazu. Sie hat es nicht gelernt, Entnazifizierung und Demokratisierung zum Trotz. Nein: die meisten Menschen wissen hier gar nicht, wie das geht, daß es überhaupt geht, über Dinge zu sprechen, die wehtun, die Horror auslösen, und die einen verletzlich und angreifbar machen. Man versuche, mit einem beliebigen älteren Mann über etwas zu sprechen, was er falsch macht: Hölle! Vorwurf! Gegenschlag! Man versuche, Schmerz und Trauer in ein „normales“ Gespräch zu holen: Flutsch, weg, schnell zum nächstbesten Allgemeinplatz gesprungen.

Was ich daher in Gesprächen über Deutschlands Vergangenheit immer erlebte: einen ganz bestimmten, bedrückten und beschämten Gesichtsausdruck. Ein Gesicht fällt buchstäblich in sich zusammen, in die Ausdruckslosigkeit, die Mundwinkel zittern zaghaft. Die Stimme, die sagt „als sie die Wohnung des Juden geleert haben“, ist vernuschelt, leise, und bedeutet: „Darüber sprechen wir jetzt aber nicht wirklich weiter!“. Die Augen gucken nicht direkt zu Boden, sie gucken gleichzeitig zur Seite. Stille. Schweres Atmen. Entkommen wollen, in ein anderes Thema.

Und eben diesen Gesichtsausdruck und diese Art, zu verstimmen, finde ich oft, wenn Menschen Ungerechtes oder Peinigendes angetan wird. Sei es, jemand erzählt, wie er Zeuge  von einem aktuellen Mobbing wurde, sei es etwas Schlimmeres, sei es „nur“, daß man erzählt bekommt, wie ein Kind geschlagen oder runtergeputzt wurde. Oft dieses Wegsehen wollen, nicht darüber sprechen können. Weg kommen die Menschen dann oft mit der Bemerkung: die Beteiligten werden schon selber wissen, sie müssen sich selbst kümmern. Oder jemand anders muss sich kümmern. Irgendwer, nur nicht der, der gerade erzählt. Privat ist privat.

So erlebe ich es oft.

Aber: nicht immer! Bei weitem nicht. Das gibt mir Hoffnung. Und damit habe ich zwar hier ausführlich erklärt, daß meiner Erfahrung nach das Bekenntnis „Wir haben nichts gewußt!“ eher selten ist. Der Folgerung „Seht hin! Augen auf, Ohren auf, Mund auf, so oft ihr könnt!“ schließe ich mich dagegen voll und ganz an.

Quickshot /Kleines Lob , nur leicht vergiftet

Herzlichen Glückwunsch, Herr Trump! Sie haben Ihr Ziel erreicht! Toll haben Sie das gemacht, fantastisch! GREAT!

Nie sah die Welt einen amerikanischen Präsidenten, der es ernster meinte und seine Aufgabe entschlossener anging als sie.

Nie sah die Welt einen furchtloseren amerikanischen Präsidenten.

Sie haben es wahrlich allen gezeigt! Sie haben gezeigt, daß ein handlungsfähiger Mann jederzeit tun kann, was getan werden muß. Und Sie haben gezeigt, daß dieser Mann nicht auf Bestätigung warten muß. Was richtig ist, ist richtig. Nicht wahr?!?

Jeder auf dieser und auf den künftigen Welten weiß jetzt: Ja! Donald Trump meint es ernst! Er ist kein Schwächling und kein Weichei, er ist der Größte. Der Beste. Der Anbetungswürdigste.

ER KANN ES!!!

Sie brauchen niemandem mehr etwas beweisen, niemals mehr…

Jetzt können Sie zufrieden abtreten. Den restlichen Kleinkram können die erledigen, die dafür geschaffen wurden. Früher oder später wird ein Idiot sowieso ihr wunderbares Werk beschädigen, so ist die Welt. Aber jetzt gerade strahlt es so schön.

Lehnen Sie Sich zufrieden zurück und betrachten Sie es.

Ihnen wird der Nachruhm auf ewig bleiben. Und die Möglichkeit, sich zu Dagobert Trump, dem reichsten Ent…äh Mann der Welt weiterzuentwickeln. Wir sind schon sehr gespannt darauf, ob Sie das wohl auch hinbekommen? Einmal on top der Forbes-Liste? Das wird kein Zuckerschlecken, das wird ein harter, harter Job – aber hey, wer soll das schaffen, wenn nicht SIE?

 

Trennung, unter autistischen Vorzeichen

Als mein Vater seine Frau kennenlernte, war ich ein Teenie. Sie brachte eigene Kinder mit. Ich war durchaus gerne dort, es war immer lustig, immer etwas los. Ich konnte viel durch Beobachten verstehen lernen. Es war gut, oder: ich fand es gut. Bis sie mich eines Mittags zusammenstauchte. Ich sehe mich noch auf dem Stuhl am Küchenfenster sitzen, wo ich ihr meistens beim Kochen zuschaute. Höre draussen die anderen miteinander reden. Der Vorwurf an mich war: ich würde immer nur ein Gesicht ziehen, nie mitmachen, immer nur beleidigt herumsitzen. Wenn ich mich für etwas Besseres hielte, könnte ich genausogut zuhause bleiben.

Das saß. Ich wußte nicht, wie mir geschehen war. Ich war mir keiner Schuld bewußt. Heute könnte ich alles erklären. Damals biss ich die Zähne zusammen, versuchte, etwas normaler zu sein, und alle schoben wir es auf die Pubertät.

Ich versuchte auch, normaler zu sein, als ich bei der Hochzeit vom Hochzeitslader ausgerufen wurde als „die Schüchterne, die sich mal mehr mit Jungs trauen sollte“. Vor 100 Gästen. Ich sehe mich auch da: in meinem roten Outfit, Augen gesenkt, ein Loch im Boden suchend.

Aber ich werde ungerecht. Ich habe von ihr, von diesem Familienzuwachs, viel bekommen, nicht nur das erwähnte rote, selbstgeschneiderte Outfit. Ich bekam einen Zugang zu einer sogenannten normalen Familie und der hiesigen Gesellschaft. Ich konnte ihn nicht nutzen, aber eine Weile gehörte ich dazu.Ich guckte mir viele praktische Dinge ab, ich wurde immer mit beschenkt. Ich lernte, scheinbar unverfänglich zu kommunizieren, mitzuscherzen, mitzulachen.

Aber ich gehörte nie wirklich dazu: Meinen beruflichen und sozialen Weg gestaltete ich für mich. Es kamen auch keine Hilfsangebote. Statt dessen seltene Besuche, dabei immer gegenseitige Freundlichkeit und Gastfreundschaft. Alles wirkte immer normal und funktionierte scheinbar. Nur manchmal plötzlich ein Anruf, oder ein halbverschluckter Satz, wie schwer sie es mit meinem Vater habe. Immer noch habe er sich nicht geändert, immer müsse sie, werde das denn nie anders. Oder ich erfuhr hintenrum, wie sie über meine Kinder schimpfte: die seien komisch! Und nie würden sie sie anrufen!

Wundert mich jetzt nicht so wirklich…

Meinen Vater bezeichne ich jetzt einfach als Autisten. In der Nachkriegszeit, in kleinen Verhältnissen,  wäre natürlich niemand auf die Idee gekommen, irgendwelchen durchaus vorhandenen Seltsamkeiten nachzuforschen. Jeder mußte funktionieren, so gut er konnte. Und das tat er. Er nutzte alle Freiheiten, die es noch gab, sich in der Gesellschaft einzurichten. Ich werde ihm meinen Verdacht  nicht mehr erzählen, dazu sind wir nicht nah genug, und er hätte nichts davon. Ich glaube, es hätte auch in dieser Ehe nichts genutzt. Wenn jemand keine Möglichkeit und keinen Antrieb hat, etwas zu akzeptieren, was fern seiner Erfahrung liegt, dann nutzt ein Name für das „Andere“ auch nichts.

Lieblingsspruch dieser Frau: „Man schließt doch immer von sich auf andere!“.

Nein, tut man nicht. Es ist sogar ein Luxus, wenn man mit so einer einfachen Strategie durch’s Leben kommt. Zu einer ernsthaften Bindung gehört, wie ich finde, ein Bewußtsein dafür, daß jeder seine unbegreiflichen Seiten mitbringt. Bei ihnen ist es letztendlich nicht gelungen. Mein Trost, daß sie sich wohl geräuschlos und im Guten trennen. Wenn mein Vater sagt: es paßt so!, dann kann ich mir auch sicher sein: es paßt so!

Ich merke, ich wollte über die Trennung bloggen, oder über die Möglichkeit einer stabilen Integration neurotypisch-neurodivers in einer Familie. Ich ringe schließlich jeden Tag mit meinem Mann darum. Jeden Tag dolmetsche ich. Und jeden Tag gelingt es uns allen nur insofern, als bestimmte Eigenheiten einfach so hingenommen werden, wie sie sind. Ohne sie in Frage zu stellen oder in Vorwürfe zu verwandeln. Ohne Druck auszuüben.

Im Moment stellt sich für mich aber jetzt eher die Frage, ob ich zu der Frau meines Vaters noch Kontakt halten soll. Wenn ich die Zeilen hier nochmal durchlese: Ich glaube, nein. Ich werde sie nicht vermissen. Umgekehrt auch nicht.

Why I Gave Up Hope As An Autism Mom

Finding Cooper's Voice

I just changed my six year old’s diaper. It was messy. There was poop dripping down his leg. It was on his jeans. His socks. The poop got on my hand and the carpet.

And I almost started to cry.

I thought, ‚why me?‘

And I let myself go down the rabbit hole of feelings that accompany raising a baby with special needs.

I let myself sink right into that shit.

The self pity. The ‚why me’s‘. The ‚this isn’t fairs.‘ The ‚I can’t do this for the rest of my life.‘

I wondered what I did to deserve this.

And for one brief tiny second I let myself picture what this will be like when he is 12. I pictured Cooper as a teenager. Then a man. Only for a second though.

I let the feelings last as long as it took to wrap the diaper in a Target…

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Das kenne ich auch – Autismus verharmlost

Ich bin Autistin - Asperger-Syndrom bei Frauen

„Das geht mir genauso.“
„Ich kann Lärm auch nicht ertragen.“
„Mich stören die vielen Menschen auch.“
„Ich bin auch gerne alleine.“
„Ich mag grelle Farben auch nicht.“
„Ich bin auch geruchsempfindlich.“
„Ich verstehe Ironie auch nicht.“
„Ich telefoniere auch nicht gerne mit fremden Menschen.“
„Ich kann manche Berührungen auch nur schwer ertragen.“

Auchauchauch.

Immer wieder dieses Auch mit dem ich konfrontiert werde, wenn ich Menschen erläutere, was es für mich bedeutet, autistisch zu sein.
Was impliziert dieses Auch im Zusammenhang mit Situationen, in denen ich beschreibe, warum ich anders bin, was mein Anderssein beinhaltet?
Wollen mir die Auch-Sager mitteilen, dass ich gar nicht so anders bin, weil sie selber gleich empfinden?
Heben sie mit ihrem Auch mein Anderssein auf? Und wenn ja, aus welchem Grund? Geschieht das, weil sie mir damit sagen wollen, dass ich genauso bin wie sie beziehungsweise sie genauso sind wie ich…

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