Reizend

So eine Ehe zwischen Autist(in) und NT, noch dazu, wenn es autistische Kinder darin gibt, muß sich täglich mit dem Thema Gestaltung von Kontakten herumschlagen. Ich bin jedenfalls überzeugt, daß das nicht nur bei uns so ist.

In unserer Ehe bin naturgemäß immer wieder (aber glücklicherweise schon viel weniger als früher) ich diejenige, die zu mehr Kontakt aufgefordert wird. Mein Mann versteht bestimmte Belastungen nicht gut, aber er akzeptiert meine Entscheidungen.

Ich habe inzwischen ja selbst schon viel mehr verstanden, was mich belastet. Inhaltlich langweilen mich bestimmte Gespräche, ich habe Abneigungen gegen bestimmte Themen und Argumentationen und nicht gar so viel Durchhaltevermögen im Vortäuschen von Interesse. Augenkontakt und Stimmfrequenzen, die mich anstrengen und meine soziale Interpretation erschweren, ein Durcheinander von Geräuschen und optischen Reizen, das mich verwirrt und mir die Konzentration schwermacht. Die soziale Interpunktion fällt mir sehr schwer: wenn ich wenig Ressourcen habe, weil ich mit mehreren Personen zusammensitze oder einfach müde bin, spreche ich irgendwann gar nichts mehr, weil mir erstens nichts mehr einfällt, ich es zweitens nicht mehr schaffe, im richtigen Moment in die richtige Richtung zu sprechen. Neulich waren Bekannte da, sie konnten sich über eine Stunde nicht zum Aufbruch entschließen, weil ich als Gastgeberin verstummt war. Ich hätte ein Signal geben müssen, saß aber nur erschöpft da und hoffte, jemand würde sich endlich erbarmen, aufzustehen. Irgendwann passierte das auch.

Heute ist mir noch etwas anderes aufgefallen: ich sah aus dem Fenster und eine der Nachbarinnen arbeitete in Hot Pants und Top im Garten. Eine von zwei Frauen, die mir im Kontakt unangenehm sind, die ich vermeide. Mein Mann versteht das nicht, sie sind beide nett, ich versteh mich selbst nicht. Eifersucht ist es nicht. Aber heute beim Beobachten hatte ich sofort den Geruch von Sonnencreme und Schweiß in der Nase. Nicht nur das, ich verstand, daß meine komplette sinnliche Wahrnehmung sich verhält, als ob ich auf Tuchfühlung mit der Frau wäre. Dabei war sie 15 Meter entfernt und wandte mir den Rücken zu. Aber ich meinte, warme nasse Haut zu spüren, und hatte den Klang ihrer Stimme in meinem Ohr. Ihrer Stimme, die mich tatsächlich schmerzt, weil ich sie mit einem blenden hellen, scharf geschliffenen Stück Metall assoziiere.

Jetzt fiel mir ein, wie ich vor Jahren verwirrt war, weil ich in Umkleiden die Nähe unbekleideter Frauen unangenehm fand. Ich verstehe jetzt, daß das nichts mit Nachbarinnen oder Nacktsein zu tun hat, sondern schlicht mit meiner Reizwahrnehmung bzw. meinem Übermaß davon.

Spannend, das zu entdecken. Ich hatte das oft gelesen, aber merke erst jetzt bewußt, wie das bei mir läuft. Vorher hatte ich es wohl einfach durch Rückzug ausgeschalten.

Quickshot /Deutsch ist?

Essen in dem Gasthaus, das uns schon viele empfohlen haben. 

Deutsch ist wohl, wenn man reinkommt und erstmal etwas zurückschreckt vor der zwar modernisierten, aber immer noch erkennbar bauernstübelnden holzlastigen Einrichtung. Wenn die Blicke prüfend hochgehen und sozusagen per Voreinstellung eher auf Naserümpfen denn auf neutrales Begrüssen eingestellt sind, Begrüßungslächeln hin oder her. 

In der Familie am Tisch gegenüber haben sich eine stiernackige Mutter und ihre stiernackige Tochter samt Ehemann und Kindern im Vorschulalter versammelt. Keiner sieht zufrieden aus, aber man ist im Gasthaus, also gibt es Fleisch mit Fleisch (auf der Karte genau ein vegetarisches und kein veganes Gericht). Und man hat bezahlt, also wird aufgegessen. Wenn der Magen drückt, gibt es halt einen Schnaps hinterher. Die Kleinste lässt ein paar Löffel Eis stehen, das kommt nicht gut an. Der Vater bemüht sich, er möchte die Kleine steuern, vom Nebentisch fernhalten. Man erkennt, er will ruhig bleiben, fair, das Kind nicht beschämen. Der Rest der Familie wirkt lieblos. Nicht ruhig oder unbeteiligt. Sondern lieblos, und wiederum sieht man untereinander eher warnende und strafende, als liebevolle oder auch nur aufmunternde Blicke.

Später werden sie den Nachbarn erzählen, es wäre schön gewesen im Gasthaus, ordentlich, gute und preiswerte Küche. Wirklich ein nettes Lokal.

Ich frage mich aber, ob nur ich immer diesen Eindruck habe: deutsch sein heisst, nicht vor dem (eigenen) Teller zu sitzen, mit Blick rundum. Sondern im Teller, in der eigenen Angst, umkreist von Konventionen und von “was alle machen, war noch nie falsch“, mit Blick nur bis zum sprichwörtlichen Tellerrand…

Grenzgänger

Ich bin ein Grenzgänger.

Lange Zeit hatte ich wilde psychologische Theorien, warum das so ist: meine Verwandschaft aus dem Ausland,  eine zerrissene Familie etc. etc.. Das kulminierte in einem älteren Kollegen, der zu mir sagte „So so, die Mutter ist ganz allein hier, und die Tochter studiert Psychologie“, mir bedeutend, daß ich irgendeine Traurigkeit meiner Mutter verarbeite. Heute weiß ich, das ist Unsinn.

Mein Leben verläuft, als ob ich stetig an einem Fluss entlangmarschiere, der die Grenze zweier Staaten bildet. Mittlerweile ist der Fluß so flach und ruhig, daß ich in seiner Mitte gehen kann.

Das war nicht immer so.

Das bleibt nicht immer so. Manchmal steige ich in Löcher, in Strömungen, verbreitert sich der Fluss, und ich kann den Weg zum Ufer nicht mehr abschätzen.

Grenzgänger heißt, in Bewegung zu bleiben. Aufrecht bleiben, konzentriert. Ich muß umherschauen, nach beiden Richtungen.

Es gibt vielleicht ein Lager, ein Dorf, aber keines, in dem ich bleiben kann. Ich habe gelernt, im Halbschlaf und im Blindflug weiterzugehen, denn ich kann mich immer nur kurz an einen Ort zum Ruhen beamen. Ich mache mal eine Strecke auf der einen Seite, dann ein paar Schritte auf der anderen. Ich kann auf keine Seite verzichten.

Ich gehe immer weiter, und was ich zufällig finde, nutze ich so gut es geht; und was ich brauche, muß ich in irgendeiner Form finden. Ich muß es sehen lernen, denn es findet sich selten so, wie ich es mir vorstelle.

Das nimmt mir oft meine Toleranz für Menschen und Situationen, für die und in denen scheinbar alles mühelos passt, alles sich fügt, nur eine Alternative notwendig ist. Ich versuche, tolerant zu sein, denn die wenigsten Menschen sind wie ich. Aber mein Kopf denkt weiter, er sucht immer Muster, Chancen, er versucht, alle Ressourcen zu nutzen. Vom erwünschten Querdenker zum nervigen Querkopf sind es leider nur Nuancen…

Das fängt damit an, daß ich kaum je ein Lebensmittel wegwerfe, ich koche den Rest nochmal, und dann den Rest vom Rest. Das geht weiter damit, daß ich in politischen Diskussionen immer beim Gutmenschenpart hängenbleibe, manchmal nur, weil mich Einseitigkeit stört, auch wenn ich kein Naivling bin. Es endet (vielleicht) damit, daß ich nur kurz ärgerlich bin, wenn etwas schiefläuft oder auch mir weggenommen wird. Denn in einem Fluss schwimmen einem oft plötzlich Dinge davon, zu oft schon habe ich mich schnell anpassen und umorientieren müssen. Dann muss es anders weitergehen.

Ich kann ja schlecht stehenbleiben, so, mitten auf der Grenze.

Gedankensplitter /Eintauchen

Ja, manchmal kann entschließe ich mich auch, eine Anstrengung freiwillig auf mich zu nehmen, von der ich zuerst nicht weiß, wie ich sie überstehen soll.

So war ich kürzlich in einem Vortragsabend. Dem Kind zuliebe, das daran beteiligt war. Es war sehr heiß gewesen, keine Lüftung,  ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir und leichte Migräne. Aber es war ausgemacht, also ging ich hin.

Ich fand mich wieder in einem Bad aus Seelenfrieden, so es denn so etwas gibt.

Ich kam an, und ich fand viel Vertrautes vor, und nichts davon war ärgerlich oder ängstigte mich, nichts davon strengte mich an. Ich tauchte einfach ein.

Ich trat ein und ließ mich am Beckenrand nieder, neben vertrauten Gesichtern. Andere sah ich hier und da und grüßte. Der Veranstaltungsleiter erkannte mich wieder und lächelte mir sehr freundlich zu. Das Kind konnte ich loslassen. Ich war da, das reichte, alles andere machte es selbst. Das Wasser bewegte sich sachte, eine schon vorher dutzendfach erlebte Abfolge von Ansagen und Darbietungen, wie sachte Wellen.

Musik, und das banale Wort kann nicht wiedergeben, wie ich mich getragen fühlte. Als ob ich toter Mann spielte. Ich saß und hörte, erkannte wieder, erinnerte mich, wie schön Musik ist und wie schön es wäre, wieder selbst mehr zu musizieren. Und natürlich betrachtete ich die Unterwasserwelt, sah ruhige gleichmütige Wale, vielfarbige Barsche, einen Hai, der sich zu meiner Überraschung in einen Delphin verwandelt hatte, viele wuselige Kleinfische, und einige prachtvolle Oktopusse, die souverän ihre intensiven Farben und Bewegungen demonstrierten.

Ich stieg aus, schüttelte das Wasser ab und machte mich erfrischt auf den Heimweg.

Alles ganz normal

Eine der kurzen, nur minutenlangen Sequenzen, die trotzdem für mich alles aussagen können.

Sonntag vormittag, alle im Haus verteilt. Ich höre Stimmen im Garten, eine Sekunde später kommt mein Mann mit einem älteren Bekannten herein, der etwas zurückbringt. Mein Sohn, der mich gerade ansprechen wollte, ringt sich noch ein „Hallo“ ab, ehe er elegant und als ob er es eh vorgehabt hätte, um die Kurve biegt und die Treppe hoch verschwindet. Der ältere Bekannte, der kurz stutzt und sich etwas darüber lustig macht. Immerhin, er ruft keine Bemerkung der Art „als ich so alt war wie du, konnten wir uns noch benehmen“ hinterher. Ich, die ich froh bin, daß er mich bei der Hausarbeit antrifft und so einen erwünschten Eindruck hinterlasse. Mein Mann, der ihn gleich etwas Technisches fragt, denn er ist ein „Machler“. Einer der handwerklich Versierten, die hierzulande jede Familie in der Hinterhand hat, um sich in allen Lebenslagen zu behelfen. Die Kinder in den Zimmern, so lange sie seine laute Stimme hören, bleiben sie dort auch, mit Sicherheit. Drei Minuten später ist alles erledigt, er verabschiedet sich.

Alles normal, so weit? Wir die Aliens, die ihm mit Müh und Not eine für ihn kompatible Fassade anbieten können? Denn obgleich er mit unserer Familie gut bekannt ist, habe ich weder ihn noch seine Frau jemals irgendwie andeuten hören, etwas sei nicht in Ordnung. Nein, alles ganz normal. So wie es sein soll.

Doof nur, daß ich weiß, daß auch andere sich über seine ruppige Art aufregen, über seine manchmal distanzlosen Kommentare. Daß seine Frau ein TV-Junkie ist, die ihr Leben scheinbar in der Öffentlichkeit verbringt, aber mit großer Erleichterung die Tür hinter sich und ihrer Küche zumacht, um zu sein, wer sie ist. Daß ich weiß, daß er sich darum sorgt, aber nichts daran ändern kann, er also mit seiner Sorge neben ihr her lebt. Und selbst aufblüht, wenn er einmal im Jahr mit Kumpels in Urlaub fährt.

Kommt das so an, als fände ich ihn unsympathisch? Das wäre schade, denn im Gegenteil, seit ich ihn mit leuchtenden Augen über seine Urlaube habe sprechen hören, ist er mir sehr sympathisch. Und dankbar für seine technische Hilfe bin ich sowieso.

Aber es ist einer der scheinbar unausweichlichen Momente, wo ich mir wünschen würde, die „normale“ Fassade hätte nicht so eine große Bedeutung. Mir würde das das Leben erleichtern, ich müsste nicht so oft einen Schlingerkurs hart an der Verleugnung vorbei fahren. Offenheit ist so viel leichter, energiesparender. Offenheit ist ja etwas anderes als Schroffheit. Und auch ihm und seiner Frau, wäre es für sie nicht auch leichter, sich selbst unangenehme oder „peinliche“ Dinge zuzugestehen?

Ich kann nachvollziehen, warum sie lieber die „Alles ganz normal“Tour wählen, gerade in ihrer Generation. Es ist trotzdem einer der kurzen, aber intensiven Momente, wo ich gern ein kleines autistisches Stückchen von mir verschenken würde…

Quickshot /Unwahrscheinlich

Tja. Da war dann also die Kollegin, die sich neulich aus dem Team verabschiedete.

Ich erinnere mich an Tag, an dem sie anfing. Ich wusste, es würde jemand kommen, mehr nicht. Aber ich erinnere mich, wie ich im Betrieb an ihr vorbeilief, sie mich vielleicht vom Foto erkannte, ich sie noch nicht zuordnen konnte. Aber ich spürte, wie sie mich interessiert beobachtete, schon bereit, mich anzulächeln und ins Gespräch zu ziehen. Und ich alter Aspie erschrak spontan und dachte: ach je, jemand ganz extrovertierter. Das kann ja heiter werden, da mach ich mich gleich wieder unbeliebt… 

So grundverschieden, wie ich es im ersten Moment einschätzte, sind wir beide wirklich. Das war auch beim Abschiedsfest spürbar, das mich doppelt traurig zurückgelassen hat: wegen dem Abschied. Und weil es so voller liebevoller Emotionen war, dass mir dadurch überdeutlich unter die Nase gerieben wurde: das wird für mich nie so sein. Ich werde mit meiner vorgeblich kühlen sachlichen Art nie so im Herzen von Kollegen oder Freunden sein. Respekt und fachliche Anerkennung, das war es dann.

Sei’s drum.

Trotz unserer Verschiedenheit haben meine Kollegin und ich Etliches miteinander geschultert und auf den Weg gebracht. Und wir mussten uns nicht mal zusammenraufen: irgendwie konnten wir von Beginn an Hand in Hand arbeiten, klar, ehrlich und eindeutig kommunizieren und unsere Verschiedenheit als Plus annehmen. Was wir an Persönlichem, auch an traurigen Dingen, austauschten, war von Respekt und Schulterklopfen begleitet. Wir sind keine dicken Freundinnen geworden, aber richtig gute Kolleginnen. 

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit.

Die alte Leier

Die gute Nachricht: ich hab mir Zeit und Geld freigeschaufelt, mich in einem VHS-Kurs zu einem Hobby angemeldet und bin auch hingegangen. Ich hab auch fest vor, dabei zu bleiben.

Ich hab ich mir auch alles schön ausgemalt: endlich zugesagt, was ich schon lang mal ausprobieren wollte. Mit dabei hauptsächlich andere Damen meines Alters, die ich zumindest vom Sehen ein bisschen kenne und die nicht unsympathisch sind.

Die schlechte Nachricht: meine F*ing sch*blöde autistische Art bremst mich schon wieder aus.

Vielleicht nicht mal so offensichtlich. Obwohl. Doch. Etwas irritiert sind die anderen dort schon von mir, jedenfalls sprechen sie mich betont vorsichtig an. Die Glaswand baut sich schon auf…

Und wiewohl ich mich natürlich bemühe, mich anzupassen, reinzupassen, nicht anzuecken und die Kommunikation nicht auszubremsen durch mein Talent, zu verstören: es gelingt nur halb, und sieht auch nur so aus.

Innerlich muß ich mich durchkämpfen und mir Geduld einreden.

Wenn ich nicht erkennen kann, wer zu wem wie steht. Warum in diesem Kreis so viel andächtig kulturelle Aspekte bestaunt werden und so wenig spontan geredet wird oder warum ich als Einzige mal einen Scherz mache. Passiert mir sonst nie.

Wenn ich keinen Hinweis bekomme, was ich tun muss, um in die WA Gruppe zu kommen, und mir direktes Nachfragen noch zu früh scheint.

Wenn ich wieder mal mein Zuhören erzwingen muss, weil andere Leute es scheinbar geniessen, dasselbe Detail wieder und wieder hin und her zu wenden. Ich nicht einsehen mag, dass ein Gespräch nur den Zweck gar, sich gegenseitig zu bestätigen, und inhaltlich wertlos oder banal ist.

Wenn ich mich auf die Zunge beissen muss, nicht ellenlange Sätze von jemandem selbst vorschnell zu Ende zu sprechen oder eine Information einzuwerfen, die seit gefühlt 100Minuten überfällig ist – weil ich damit die Pointe töte.

Wenn ich mich schnell und zielgerichtet an meine Aufgabe mache, und ich es nicht schaffe, die gleiche abgeklärte Arbeitshaltung wie der Rest zu zeigen.

Wenn ich mich über eher skurrile Einfälle meinerseits freue (brainstorming ist doch spannend?), und im Hintergrund ratlose Blicke spüre.

Ich fuhrwerke wie ein übereifriges Kleinkind unter Erwachsenen…