Quickshot /Wir können streiten

Promi A ist Experte für etwas und medial gut unterwegs. Promi B schreibt und hat sich als Autist geoutet. Er schreibt auch Texte über A und dessen Fachgebiet, urteilt über A und teilt aus. Beide beziehen sich auf Argumente und sachliche Grundlagen. Man merkt den Texten trotzdem das Recht haben wollen an, und den Wunsch, zu “gewinnen“. Das hat eine leicht penetrante Nase, ist holzig am Gaumen und muffig im Abgang.

Trotzdem bleibt es bei einer Art des Streitens, die ich gut aushalten kann. Ich kenne das so auch von meinen Kindern. Die muffeln und intrigieren auch heftig herum, sie sind weder immer neutral, noch sind sie Heilige und sie fühlen sich zu oft im Recht. Werden dann auch aufbrausend und beleidigend. So, dass ich mich dagegen verwahren muss.

Und trotzdem hab ich kein Problem, mit ihnen zu streiten. Ich fühle mich nicht bedroht und nicht herabgesetzt. Im Streit mit NTs, und das betrifft zur Zeit am meisten meinen Mann, ist das nicht so. Da bin ich viel verletzlicher und verwirrter. Ich glaube, es liegt daran, dass ich dort nicht unterscheiden kann, warum jemand ausfällig wird -um mich kleinzuhalten? -weil die Argumente ausgehen? -weil der Zorn überhand nimmt? Bei meinen Kindern habe ich dagegen immer ein sicheres Gefühl, auf den Boden der Tatsachen zurückkommen zu können. Und das habe ich bei ihnen auch schon oft erlebt: egal wie heftig sie sich bekämpfen und streiten und schreien, wenn ein logisch richtiges Faktum genannt wird, wird das als richtig anerkannt. Na gut, heisst es dann… Und es geht weiter mit dem nächsten folgerichtigen Punkt, nicht mit blinder Wut.

Dafür bin ich sehr dankbar. Den Kindern, und Promi B.

Balance

Ich könnte schreien
Jedesmal wenn jemand sagt „Der Mensch ist ein soziales Wesen“. Das ist paradox, denn der Satz ist
definitiv wichtig und richtig. Aber. Meine persönlichen früheren und jetzigen sozialen Mißerfolge
lassen mich wünschen, der Satz würde doch nicht immer und für jeden gelten, und vielleicht muß ich
dann gar nicht sozial sein.
Ich könnte auch jedesmal schreien, wenn es heißt „Ein Autist lebt nun mal in seiner eigenen Welt“.
Das will ich nicht so haben und das ist auch nicht so. Aber. Meine Kollegen, meine Bekannten und
sogar meine Eltern würden das so über mich sagen.
Alles widersprüchlich. Ich und die anderen, das ist mal so, mal so.
Ich habe gestern auf dem Fachtag der SHG in Rosenheim den Vortrag über das Thema „Autistischer
burnout“ gehört, und viele haben dem aus der eigenen Erfahrung heraus zugestimmt. Burnout als
Zustand von Leere, Kraftlosigkeit, Depression, der einer Überforderung und Überbeanspruchung
folgt. Man segelt auf der Welle im Sturm, der Bug richtet sich auf, das Boot steigt, der Blick zum
Himmel. Man sieht nicht kommen, wann die Welle zusammenbricht. Und wenn das Wasser
weg ist, crasht plötzlich alles. Im Vortrag ging es sogar um Leben und Tod.
Heute habe ich frei gehabt, und Zeit „in meiner eigenen Welt“, stundenlang ganz für mich allein. Ich
habe tatsächlich dies und das auf meinem Plan abgehakt, der Tag lief wie er sollte. Und ich habe mir
meine eigenen Gedanken zum Thema Burnout gemacht. Denn ich fühlte mich plötzlich leer. Und
einsam. Und ohne Kraft.
Nein, ich bin nicht depressiv. Ich kann mir die müde Stimmung gut erklären, denn gestern war eine
große Kraftanstrengung für mich, auch wenn es nach außen nur nach Rumsitzen und Zuhören
aussah, und obwohl ich mich sehr, sehr auf ein Treffen mit den Menschen dort gefreut hatte.
Trotzdem gut, heute ausschnaufen zu können.
Was aber mein Ausgepowert-Sein verstärkt, ist der Wechsel. Sich in der Zeit neu einzustellen, ist
aufwendig, wenn es nur für zwei Tage ist. Eine andere Aufgabe. Der grosse Unterschied zwischen
dem komplett sozial ausgerichteten Tag gestern und dem Alleinsein heute. Es geht mir besser, wenn
jeder Tag gleichartig aufgebaut ist. Es geht mir besser, wenn ich meine Kleinscheiß-Routinen nutzen
kann, ohne sie erklären zu müssen. Wenn ich vertrauten Umgang habe. Wenn die Spanne zwischen
Performance und Socializing und Maskieren (die Welle türmt sich) und dem Pause machen müssen
(zack, Kraft weg) nicht zu groß ist. Wenn ich nicht einen Tag Superwoman und am anderen Tag das
einsame Mauerblümchen bin.
Für mich scheint es so, als ob (jenseits davon, wie ausgeprägt mein Leben in den einzelnen Bereichen
ist) Ausgewogenheit und Verläßlichkeit mein bester Schutz gegen einen Zusammenbruch wären.
Immer wieder Pausen, aber kleine, zum Austesten, ob ich noch Bodenhaftung habe, ob ich noch schlafen kann, lachen kann, ob ich noch in
der Balance bin.

Systemspringer. Angst frisst Demokratie.

Ich fuhr mit dem Zug, ich hatte einen Platz reserviert. Mir gegenüber setzte sich ein deutlich älteres, mit Ost-Dialekt sprechendes Ehepaar, eher ruhig, nicht unsympathisch. Trotzdem fuhr mein Innenleben schon mal die Stacheln aus. Iqqqch hoffte sehr, die beiden würden mich nicht die nächsten drei Stunden lang in eine „nette“ Plauderei verwickeln. Das kann ich nicht gut haben, und ich war eh schon unter Stress, umgekehrte Reihung, alles voll, eng und laut hier.
Aber ich hatte auch gleich ein schlechtes Gewissen ob meiner abweisenden Haltung. Ich habe bis jetzt noch keine unnetten Ostdeutschen kennengelernt. Auch dieses Paar schien ganz in Ordnung, nur in Kleinigkeiten irritierten sie mich. Wenn kleine Kinder vorbeiliefen, lächelten sie, aber immer mit einem wachsamen Auge, ob das Kind jetzt schon zu vorlaut ist. Eine bunt gekleidete Familie vor dem Fenster wurde ebenfalls belächelt, bis sich unter einem Handschuh dunkle Haut abzeichnete, dann erstarb das Lächeln. Beide lehnten sich wieder stumm zurück, bissen in ihre Salamistulle und guckten in ihre Pilsdose. Und schwiegen.
Soweit das, in diesem Fall sehr lebendige, Klischee.
Gerade die letzten Tage hatte ich mich viel mit dem Thema DDR befasst. Ich denke, genau so ein Verhalten, wie meine unausgesprochene „Kommunikationsverweigerung“, wird mit dazu führen, daß sich die ExDDR-Bürger weiter enttäuscht ab- und braunen Demagogen zuwenden. Sie verstehen vielleicht, daß mir nicht nach Reden ist, aber nicht, wieso ich mein Bedürfnis nach Ruhe über das nach Gemeinschaft stelle? Habe ich etwas zu verbergen oder halte ich mich für etwas Besseres oder bin ich unerzogen?
Ich habe in Berlin einen kleinen Eindruck von den Ereignissen und Verhältnissen rund um die Maueröffnung bekommen. Und viele neue Informationen über das System der Stasi aufgesammelt. Und im Kino hatte ich zuletzt den Film „Deutschstunde“ gesehen, in dem es um eine Familie geht, in der der Vater die Pflicht, als Polizist den Nazis zuzuarbeiten, über Freundschaft und Familie stellt.
Ich bin in meiner täglichen Umgebung, und mehr noch in meiner Arbeit, so oft damit konfrontiert, wie sich faschistische Haltungen immer noch in den Familien wiederfinden. Haltungen aus einem System, das seit über 70 Jahren nicht mehr existiert, das hier von niemandem offiziell gutgeheissen wird. Obwohl wir seit genauso langer Zeit auf ein demokratisches, fürsorgliches und verläßliches politisches System vertrauen können. Trotzdem gibt die Angst in vielen Familien vor, wo es langgeht. Wird geprügelt und vernachlässigt.
Ich habe erfahren, daß zuletzt 2% (!) der Bürger der DDR für die Stasi arbeiteten. Die Stasi durfte alles, durfte über alle persönlichen Daten verfügen. Sie konnte überall sein, sich in Familien und Freundeskreise einschleichen. Oft waren Polizisten verkleidete Stasi-Mitarbeiter. Die Stasi hatte eine eigene Gerichtsbarkeit, überhaupt war die Judikative in der DDR nicht vom politischen Apparat unabhängig. Sanktioniert wurde jedwede Abweichung vom Kollektiv. Jede. Abweichende Meinungen, Musikgeschmack, Nicht-wählen-gehen, westliche Vorlieben. Alles kam darauf an, sich ins Kollektiv einzufügen. Der Staat galt als gut, als fürsorglich, war präsent, passte auf. So stellte er sich da. Wer „in Ordnung“ war, bei dem blieb alles „in Ordnung“. Aber. Alles war trügerisch. Der Staat konnte sich in ein vernichtendes Monster verwandeln. Jederzeit. Man hatte es selbst nicht vollständig in der Hand. Strafe konnte jeden treffen. Aus heiterem Himmel. Und Strafe hieß: isoliert sein. Geächtet. Ohne Recht, ohne Beistand. Gedemütigt. Keinen Einfluss mehr haben auf sein eigenes Leben.
Klingt pathetisch? So what? Genau diese Geschichten habe ich oft von Patienten gehört.
Manche Menschen wachsen in so einer Familie auf, mit Regeln, die strengstens befolgt werden müssen. In der jede eigene Farbe nicht nur verpönt oder verboten ist, sondern zu schlimmsten Bestrafungen führen kann. In diesen Familien wird Kindern eingeprügelt, daß die Eltern gut sind und die Kinder nur, wenn sie das Abbild der Eltern sind. Ein Individuum zu werden, erwachsen werden, ist unmöglich, denn darin lauern das Grauen und die Angst, vernichtet zu werden. Schon die Möglichkeit, vielleicht bestraft zu werden, dafür aber umso härter, bewirkt einen starken Zwang, sich anzupassen, um jeden Preis.
So kommt mir das vor. Wir im Westen leben nach der Devise, der Staat ist für uns da, und der Staat existiert nur durch seine Bürger. Es ist nicht alles Gold hier, es wird viel gemauschelt, es laufen unrechte Geschichten. Aber offiziell ist das unerwünscht. Recht ist und bleibt Recht.
In der DDR lernten die Menschen wohl, daß sie, oder besser gesagt, ihre kollektiv verwertbare Seite, für den Staat da sind. Alles andere ist bestenfalls nutzlos, und eigentlich gefährlich. Das war bis vor gerade einmal 30 Jahren. Und seither laufen die Menschen hier mit, und ein Gutteil von ihnen hat anscheinend noch dieses DDR-Modell im Kopf. Und der Austausch und das Neulernen, und Vertrauen in die demokratischen Wege zu finden, klappt wohl nicht oder wurde nie richtig gestartet.
Ist das zu kurz gedacht? Aber wie sollte ich mir anders diese braune Woge erklären, die sich gerade zum Tsunami auftürmt?
Die Patienten, die in den Familien aufwachsen, wie ich sie oben skizziert habe, kämpfen ein Leben lang darum, ein Mindestmaß an Vertrauen wiederherzustellen. Sie schaffen es kaum. Dieses Wissen ist das, was mich im Moment daran zweifeln läßt, daß es in unserem Kollektiv namens deutsche Gesellschaft besser laufen könnte.

Quickshot /Nix geholfen

Nennen wir ihn Mark

Auf Twitter hieße er K oder K2, aber K ist zwei Köpfe größer als ich und bald erwachsen, und ein Mensch für sich, also, lieber, Mark.

Also nochmal im Detail, wie das so aussehen kann, ein stinknormaler Kleiderkauf, bei dem schon genau fest steht, was gewünscht ist. Wie das läuft, bei zwei Autisten, davon eine mit der Rolle des Maskierens betraut (beschwert?), also ich.

Es beginnt damit, dass Mark den Bedarf äußert, sich neue Kleider zu kaufen. Er sagt das mir, nicht dem Mann. Denn ich werde selten laut und versuche, sachlich zu diskutieren. Wenn ich etwas akzeptiert habe, bleibt es dabei, ich verwirre ihn dann nicht mehr mit weiteren (gut gemeinten) Vorschlägen. Sorry, lieber Mann, du meinst es gut, aber… Wir machen einen Termin aus. Tag und Uhrzeit. In 95% der Fälle wird er eingehalten.

Bis dahin kann ich Mark (und ehrlicherweise auch mir) schon die Anstrengung anmerken. Sich aufraffen, ansprechen, festlegen und dann ins Auto, paar Löffel sind schon weg.

Und dann los. Wohin? Aha. Was? Schon geklärt. Wer zahlt? Ok.

Wir sind im Geschäft. Ich bin daran gewöhnt, dass Mark ein paar Schritte vorausläuft. Ich lasse ihn gucken, deute sachte hierhin und dahin. Immer ruhig, leise und ausser Hörweite anderer Personen. Zwei Posten angeschaut, nichts dabei von den Wünschen, wegen denen wir hier sind. Immer noch ruhig. Vorwürfe, jedes “ach guck, das ginge doch auch“ wären kontraproduktiv. Wir steuern die nächste Ecke im Laden an, wir müssen an der Verkäuferin vorbei. Diese berät gerade einen Kunden und begrüßt uns nebenbei. In der nächsten Ecke finden wir auf Anhieb auch nicht das Richtige. Aber Mark reicht es jetzt. Die Möglichkeit, dass jetzt die Verkäuferin uns anspricht, er argumentieren oder anprobieren muss, Nein, geht nicht. Ich versuche, ihm den Rücken zu stärken “komm, ich halte uns die Dame vom Leib“.

Aber, es hat nix geholfen. Wir fahren wieder, ergebnislos. Nicht komplett frustriert.

Entgegen unserer Überzeugung werden wir es also doch online versuchen. Das wird auch wieder ein paar Tage dauern, denn jetzt gilt es erst Löffel polieren…

Hallo Trainer!

Smile grinsegrins

Eigentlich müsste ich ja sagen “Servus Manää!“

Da geht’s aber leider schon an. Trotz Aufwachsen in Bayern unter Bayern mit bayerischer Verwandtschaft könnte ich deinen Namen, Manää, (hochdeutsch Manni wie Manfred) schlicht nicht aussprechen. Spätestens dann wäre ich bis auf die Knochen blamiert.

Ich habe es versucht. So gut ich kann. Bein ersten Mal bin ich rein, hab mich offen umgesehen in deinem Kurs. Ich wusste nicht, dass dort eine engere Gemeinschaft ist als in den anderen Kursen. Als du mich im Training angesprochen hast, hab ich dich wohl völlig brüskiert und abgestossen. Zu wenig geredet, zu wenig geschaut, zu ernst, zu unbewegt. Zwei Minuten, und ich war in deiner Schublade.

Ich hab versucht, wieder rauszukommen. Smalltalk mit den anderen. Geht zwei Minuten, dann bin ich wieder langweilig. Suche deine Augen. Du schaust immer an mir vorbei. Sage laut Tschüß. Keine Antwort, bei den anderen schon. Ich hab jemanden mitgebracht. Die Person wurde freundlich begrüßt. Nix, nix zu machen.

Ich stelle mir vor, wie du die Augen rollst, wenn ich schon wieder durch die Tür komme.

Und trotzdem komme ich gerne. Mit Angst, aber gerne. Verwandle den Frust in Ehrgeiz. Auspowern gegen die Resignation. Ich mag dich auch. Ich seh dir gern zu, deinem Body, der gleichzeitig sportlich ist und sich doch elegant bewegt.

Und trotzdem, weisst du, wie weh das tut? Weiss das irgendjemand?

Nein.

Ich kann es nicht zeigen. Ihr könnt es nicht sehen.

Egal.

Alles wie immer.

Wir sehen uns.

Gedankensplitter /Freiheit

Ich sitze … im Netz? In der Falle?

Jedenfalls, ich sitze hier. Es ist einer der engeren Momente in meinem Leben. K1 ist ausgezogen, einiges noch unklar und zu organisieren. Die nächsten Tage habe ich noch Urlaub, theoretisch. Praktisch muss ich ein paar Stunden aushelfen, wegen Krankheitsfällen. Ich sollte auch meine Mutter besuchen. Ich wollte wandern gehen. Im Garten wartet viel Arbeit. Es ist alles durcheinander, ich weiss noch nicht, was ich wann machen muss, ob ich fertig werde. Alles zerrt an mir, nichts läuft richtig. Vorne arbeitet der Mann im Garten, die Nachbarin mit dem immer besserwisserischen gleichschalterischen Ton belagert ihn. Vorhin sprachen wir mit der netten Nachbarin, die aber nicht aufhört zu reden, nicht aufhört, nicht aufhört… Gegenüber das Rentnerehepaar, das sich gegenseitig im Garten nachläuft und an die Sauberkeit von Rasenkanten erinnert.

Ganz nett, ja, würde eine schöne 20:15-ARD-Sommerkomödie ergeben.

Ich sitze also hier, und versuche mir alle paar Minuten zu sagen, dass doch Urlaub ist und ich mich schön entspannen soll und die Zeit nutzen soll, aber in Wahrheit sitze ich im Spinnennetz und schüttele immer mal wieder die Ansprüche der anderen ab.

K1 ist nicht da, das macht was aus, K1 war neben mir der ausgleichende Part. Jetzt bin  nur noch ich da, zwischen den anderen zu vermitteln. Aber die Konflikte sind zu groß…

Es geht nicht nur um autistische versus neurotypische Kommunikation. Auch zwischen Autisten kracht es. In meiner Familie. Oder, da ist der kürzlich diagnostizierte Kollege auf Facebook, der seltsamste Dinge postet. Der ehemalige Chef, der mir das Wort Asperger erst nahebrachte, und der sich abwandte, weil ich ihn geschnitten hätte??? Etc etc… über innerautistischen Stress und seine Gründe auf Twitter hier https://wp.me/p6YQGx-34w ein ausführlicher Text.

Diese Art  kommunikativer Missverständnisse und Eigenheiten sind für mich nur eine zusätzliche Erschwernis im Alltag.

Ich sitze deswegen gefühlt im Netz, weil ich – und das betrifft mich als Autistin verstärkt, könnte aber jederfrau und jedermann passieren – mich irgendwann in die typische konfliktvermeidende Mütterrolle begeben habe. Und eigentlich schon seit Kindheit in die Rolle begeben habe, zu akzeptieren, daß die Welt an mir und meinem Wesen, wie ich bin, vorbeigeht. Ich habe mir angewöhnt, still zu sein, erst mich zu prüfen, zu improvisieren, unauffällig mitzuschwimmen. Der Rest meiner Familie macht das nicht. Er ist, wie er ist, und sucht sich Platz dafür, auch wenn es nicht ohne Reibereien und Schrammen abgeht. Und eigentlich, eigentlich finde ich das gut, und möchte ich so werden. Auf die eigene Identität und den eigenen Grenzen bestehen, denn meine Grenzen werden im Moment von aussen zu fest gezogen. Ich kann den Belagerungszustand nicht gebrauchen.

Und da ist er wieder, der oft zitierte Satz „Kennst du einen Autisten, kennst du einen“. Ich darf nicht mehr den Fehler machen, meine Strategie als Jugendliche, zurechtzukommen, unreflektiert meinen Kindern zuzuschreiben. Sie sind andere Menschen. Wir kommunizieren ähnlich, aber ihre Temperamente und Wertigkeiten sind andere. Ich war pflegeleicht, sie sind es nun mal nicht. Das als gegeben zu akzeptieren, und nicht als mein Versagen zu werten, könnte uns allen mehr Freiheit geben.

Loslassen! LOSe lassen!! Los, Lassen!!!

Bitte den Sicherungsbügel vorsichtig lösen, bitte die Achterbahn erst verlassen, wenn sie zum Stand gekommen ist!

Puuh

Ferienbeginn, Schule beendet für eines der Kinder, Kinder unterwegs, bei Abschlußfeiern, sogar mit Freunden unterwegs, miteinander Essen gegangen, Besuch aus meiner Familie und etwas größer aufgekocht, dazwischen Streit, Missverständnisse, nicht miteinander reden können, dann umso länger miteinander reden, immer wieder nicht mehr wollen. Speziell gestern saß ich irgendwann da, Kraft weg, und wollte einfach nicht mehr aufstehen.

Nein, nicht mißverstehen, bitte. Ich weiß und wußte sehr wohl, das ist vorübergehend. Wie soll ich sagen, ich habe mir den Zustand zwischendrin „gegönnt“. Um mir klar zu werden, was mir jetzt eigentlich wichtig ist. So viele Kräfte zerren an mir, eine jede stelle ich mir vor wie ein Seil, das an mir festgebunden ist, und mein Auftrag, „loszulassen“, verlangt von mir, die Knoten nacheinander zu lösen. Das sagt sich so leicht, das höre ich in meiner Arbeit dauernd. Aber umgesetzt ist es schwer.

Jetzt ist die Achterbahn erst mal zum Ende gekommen, und ich hab auf der Fahrt nicht nur den Schrecken wahrgenommen, sondern auch noch einen Blick für die Überraschungen und den Spaß gehabt. Und ich hab mir den Blick für das Ziel bewahrt. So konnte ich die Scheißirrsinnsabfahrten zwischendrin mit offenen Augen an mir einfach vorbeigleiten lassen. Ohne mich daran absichern zu wollen, ob jemand anderes mich ok findet, oder ob wieder Frieden herrscht. Das war mein Loslassen. Danke an mich.

Und danke an meine Familie, dank euch sind wir alle einen ganzen Nachmittag zusammengesessen. Wir haben gelacht, Dinge mit Humor genommen, nervigere Dinge gelassen genommen, Tiergeschichten ausgetauscht, Erinnerungen ausgetauscht. Und am Ende war alles gut.

Und jetzt freue ich mich auf einen ruhigen Abend, nur noch machen, was ich will, und noch ein paar Arbeitstage , bevor es auch für mich in den Urlaub geht.

Quickshot /Nicht ansprechen, bitte!

Die Frage kam auf, warum ein Autist freiwillig lieber alleine wohnen möchte, obwohl er in einer harmonischen Beziehung ist.

Ich kann das mittlerweile gut nachfühlen. Ganz früher, als Kind, und als Alleinstehende, war da nie ein Problem. Meine Eltern waren irgendwo, ich lebte einfach mein eigenes Ding. Und früher, vor meiner Autismusdiagnose, war da immer nur ein konstantes, ungutes Gefühl, das sich schon bei der Aussicht, längere nicht vorgeplante, also mit spontanen Inhalten zu füllende, Zeit mit jemandem verbringen zu müssen, in Panik verwandelte. Anlass, zu grübeln und fieberhaft zu sammeln, wie das gehen könnte, was man alles reden kann etc etc.. Panik, in einem ungünstigen Moment (heute weiss ich, in einem „unmaskierten“ Moment) blöd rüberzukommen, einen schlechten Eindruck zu machen und wieder mal jemanden zu enttäuschen.

In diesem früheren Beitrag hab ich versucht, mit Humor die Tücken zwischen NT und ND zu skizzieren. In einem späteren Beitrag hab ich dann nochmal ausgeführt, wie beengt ich meine momentane Lage empfinde. Autistisches Rückzugsbedürfnis, Mütterfalle und Berufstätigkeit koalieren miteinander und gegen mich. Sicher könnte man da noch ganz viele bunte Beispiele anführen, um diese Probleme plastisch zu machen.

Aber je älter ich werde, desto mehr habe ich das Bedürfnis, einfache Lösungen zu finden, statt komplizierte psychologische Theorien zu wälzen. Ich habe ein, zwei Tage beobachtet. Zur Zeit bin ich im Urlaub, es ist viel zu tun, viel zu erledigen, jeder Tag neu zu planen, und ich bin gestresster als in der Arbeit. Nichts Neues für Autisten. Ich bin aber auch viel dünnhäutiger als sonst, so daß mein (NT-)Mann schon irritiert ist. Ich fühle mich kritisiert, er möchte das gar nicht. Deswegen, und weil meine Kinder ähnlich empfindlich reagieren, denke ich mir folgende Gründe:

  • der Tagesablauf spielt für uns beide eine völlig andere Rolle. Ich folge fixen Plänen, weil es mir so leichter und sicherer fällt. (Ich bin nicht zwanghaft!). Mein Mann handelt nach Stimmung. Ich muss mir klarmachen, daß er seine Wahlfreiheit genießt, er muss sich klarmachen, dass ich spontane Angebote meide, weil mich die Umstellung Kraft kostet und nicht, weil ich die Angebote an sich doof finde.
  • manche Probleme löse ich unkonventionell, weil ich nach logischen Lösungen suche, und nicht danach, was man so macht. Und wenn diese Lösungen funktionieren, mag ich sie mir auch nicht ausreden lassen.
  • viel, das Meiste eigentlich läuft schief einfach aufgrund der unterschiedlichen Funktion, die Sprache für uns hat. Ich brauche Sprache kaum, um Kontakt aufrechtzuerhalten. Gesagt ist gesagt, reicht, basta. Mein Mann fragt oft nach, wiederholt, übertreibt oft, ohne das wirklich so krass zu meinen. Ich (und die Kinder) bin von seiner Sprache irritiert, fühle mich unterbrochen, gegängelt, kritisiert, statt das Interesse zu registrieren. Er fühlt sich von mir (uns) abgelehnt oder ignoriert, weil er nicht weiß, daß wir uns gegenseitig spüren und schätzen, auch ohne ein Wort zu wechseln.

Ich glaube, damit ist das meiste schon gesagt. Ich bin aufgrund meiner sehr späten Diagnose in mein jetziges Leben reingewachsen. Wären mir diese Dinge früher so bewußt gewesen, ich weiß nicht, ob es genauso gekommen wäre, oder ob ich jetzt allein wäre. Ich denke nicht, aber die Entscheidung wäre eine ganz andere gewesen, definitiv.

Gedankensplitter /Grün beruhigt

„Hörst du das? Das ist ein Amselkind, das ruft.“

„Die Spatzen schimpfen schon wieder.“

„Guck, da, vor dem Fenster, da ist der Salbei, hol mal bitte 5 Blätter!“

Ganz normal, nicht? Garten in der Kleinstadt halt. Hat man hier so mit ein paar Euro mehr.

Für mich ist es immer noch nicht normal. Deshalb hier, ganz offiziell, und hoffentlich hört er es auch: „Mein innigst geliebter Garten, ich liebe liebe liebe dich und brauche dich und schätze dich!“

So gar viele Euro hatten wir gar nicht, deswegen ist es ein kleinerer Garten, rundum von Nachbarn belagert. Wirklich allein oder unbeobachtet bin ich hier nie. Er reicht für Blumen, ein paar Kräuter, Salat und Tomaten. Er reicht für einen Stammplatz, an dem ich sitzen kann mit meinem Kaffee und einen nahen Blick auf die Bienen im Thymian habe. Er reicht auch für Überraschungen jedes Frühjahr, wenn die Pflanzen mir ihre über den Winter gefällten Entscheidungen mitteilen, wer neu hergezogen ist und wer umgezogen ist, und ich daraufhin meine Pläne ändere. Was ich gerne tue.

Mein Garten ist mein Luxus, ich bekomme von ihm seltene Düfte, Bioobst und Biogemüse. Er ist mein Entschleuniger, nirgendwo sonst genieße ich es, „achtsam“ rumzustehen und nur zu schauen. Erst in der Ruhe kann man sehen, was sich wirklich an unzähligen spannenden Kleinigkeiten zeigt. Es gibt jeden Tag Neues zu entdecken, wenn der Blick nur konzentriert genug ist. Oder die Nase, oder die Ohren. Für mich ist der Garten auch eine Art Kumpel, ich führe eine Art Dialog mit ihm. Wie zwei Handwerker an einer Baustelle, die debattieren, welches Werkzeug jetzt angebracht ist. Im Zweifelsfall setzt er sich durch…

Und er ist, und das fällt mir zur Zeit auf, ein Spiegel für Entwicklungen, die in flachen langsamen Wellen durch mein Leben ziehen. Als Kind und Jugendlicher war so ein Garten für mich fremd, das gehörte den bürgerlichen Eltern meiner „Freundinnen“. Nicht für mich. Symbol derer, die via ihrem Stückchen Grün und ihrer Bürgerlichkeit auch dazugehören. Sorry, wenn ich hier prekär wirke, aber es fällt mir jetzt im Nachhinein auf, wie ich tatsächlich in mehreren Ebenen „abgehängt“ war. Später hatte ich ein kleines gemietetes Stückchen und tat, mit einem geschenkten guten Standardwerk („Der Biogarten“), meine ersten Versuche. Glücklicherweise klappte alles recht schnell. Die Phase der Gestaltung mit Strukturpflanzen war kurz, der Flirt mit Kiesflächen blieb Imagination, und der Trend hin zu Bio und diversitätsfreundlich nimmt zu. Ich habe wirklich keine große Geduld und keinen grünen Daumen, aber was hilft, ist, daß ich das meiste an Gestaltung selbst entscheide und daß ich in Ruhe abwarten kann, was überhaupt funktioniert. Ich pflanze einfach nichts, was kompliziert zu pflegen ist, und nichts Exotisches. Dafür werde ich mit Reichtum belohnt, ja, ich nenne es so, ich empfinde es so. Der Erdrauch, der von alleine kommt, die Veilchen, die es sich im Rasen gemütlich machen, die Dutzenden Insekten darauf, für mich ist das kein ideeller, sondern reeller Reichtum. Natürlich habe ich jetzt auch jederzeit ein Gesprächsthema,  mit dem ich meine bürgerliche Zugehörigkeit demonstrieren kann und mich selbst mit meinen Erfolgen dekorieren.

Und nicht zuletzt, siehe oben – mein Garten und mein Leben mit ihm ist Teil dessen, was ich meinen Kindern weitergeben darf. Manchmal rollen sie die Augen, manchmal lächeln sie etwas über mich, manchmal kann ich sie beeindrucken. Aber immer wissen sie, ich möchte meinen Schatz mit ihnen teilen und ich möchte gerne, daß sie etwas „fürs Leben“ lernen.

Genau so kitschig und hochtrabend, wie es klingt.

Genau so meine ich es.

Quickshot /Kleiderwechsel

Seid ihr noch dabei, bei meiner soap opera namens Sportkurs? Den ich auf Twitter immer wieder mal erwähne? Was ihn auszeichnet, ist – er ist sportlich meine erste Wahl – aber er ist so aufgebaut, dass immer zwei Menschen sich eine Übungsstation teilen. Ich habe immer wieder erwähnt, dass ich mal wieder allein war, die Einzige, die alleine dort hingeht. Ich hab schlichtweg keine Freundin, die mich begleiten würde.

Und ich verrate euch noch was. Ich bin dort nie im Sportdress, so, wie es sich gehören würde. Ich bin dort die meiste Zeit im Tarnkleid. Jedes Militär würde mich darum beneiden. Könnte ich es meistbietend versteigern, wäre ich reich. Das sind die erträglichen Stunden. Der Rest der Zeit sind Stunden wie heute, an denen ich ein tiefschwarzes stinkendes Kleid trage. Stinkend, weil alle Menschen einen Bogen um mich machen. Ich kann im Augenwinkel sehen, wie sie nur so knapp an mir vorbeisehen, dass sie mit jemandem anderen einen wissenden Blick über mich teilen können. Tiefschwarz, weil das meiner Seele entspricht.

Das war zu meiner Schulzeit schon so. Aber jetzt bin ich erwachsen, ich bin in so vielen Situationen wirklich sozial kompetent. Aber dieses Stinkerbüßergewand, es wächst mir immer wieder von neuem.

Ich kann nur einen Scheinwerfer leuchten lassen, weil ich die Situation trotzdem auf mich nehme. Das hilft mir, wenigstens die kleinen Farbabweichungen zu erkennen, jemand, der mich wiedererkennt etc.. Und der Scheinwerfer kann auch darunter leuchten, dahin, wo mein Mut zu dem Ganzen sichtbar werden soll.

Ihr kriegt mich nicht los!!!